Wo vielleicht das Leben wartet - Gusel Jachina - E-Book
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Wo vielleicht das Leben wartet E-Book

Gusel Jachina

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Beschreibung

»Gusel Jachina ist eine der bedeutendsten Autorinnen der russischen Gegenwartsliteratur.« Ljudmila Ulitzkaja.

Kasan 1923: Im Wolgagebiet herrscht große Hungersnot. Dejew, ein ehemaliger Soldat, soll fünfhundert elternlose Kinder mit dem Zug nach Samarkand bringen, um sie vor dem sicheren Tod zu retten. Aber es fehlt an allem für den Transport: Proviant, Kleidung, Heizmaterial für die Lokomotive. Ein Roadmovie durch ein zerrüttetes Land beginnt. Dejew, der selbst ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt, scheut kein Wagnis und keine Gefahr, um die Kinder ins Land des Brotes und der Wunderbeere Weintraube zu bringen. Ein Sieg der Menschlichkeit in aussichtsloser Lage. 

»Was ihren Büchern unschätzbaren Wert verleiht: Sie helfen uns, diese bedrückende Gegenwart zumindest etwas besser zu verstehen, indem sie unsern Blick auf den Umgang mit der Vergangenheit lenken.« Dresdner Neueste Nachrichten.

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Seitenzahl: 777

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

Kasan 1923: Nach Erstem Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg wütet der Hunger im Wolgagebiet. Am schlimmsten leiden die Kinder, deren Eltern gestorben sind oder sie ihrem Schicksal überlassen mussten, weil sie sie nicht mehr ernähren konnten. Dejew, ehemaliger Soldat auf der Seite der Roten, soll fünfhundert solcher Kinder per Zug nach Samarkand schaffen, wo es mehr Brot gibt. Es mangelt an allem: Kleidung, Proviant, Heizmaterial für die Lokomotive, Seife, Medikamente. Doch immer wieder helfen glückliche Zufälle und die Kinderliebe von Menschen, von denen man das nie erwartet hätte.

Über Gusel Jachina

Gusel Jachina, geboren 1977 in Kasan (Tatarstan), russische Autorin  tatarischer Abstammung, studierte an der Kasaner Staatlichen Pädagogischen Hochschule Germanistik und Anglistik und absolvierte die Moskauer Filmhochschule. Ihr Roman “Suleika öffnet die Augen“ wurde in 31 Sprachen übersetzt, ihr zweiter Roman „Wolgakinder“ in 14 Sprachen. Ihr dritter Roman „Wo vielleicht das Leben wartet“ wird in 19 Sprache erscheinen und ist wie alle ihre Bücher in Russland ein Bestseller. Gusel Jachina lebt mit ihrer Familie in Moskau. 

Helmut Ettinger, Dolmetscher und Übersetzer für Russisch, Englisch und Chinesisch. Übersetzte Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, Polina Daschkowa, Darja Donzowa und Sinaida Hippius, Gusel Jachina, Michail Gorbatschow, Henry Kissinger und viele andere ins Deutsche.

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Gusel Jachina

Wo vielleicht das Leben wartet

Roman

Aus dem Russischen von Helmut Ettinger

Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

I. Fünf-hundert — Kasan

II. Zu zweit — Swijaschsk – Urmary

III. Des Teufels Dutzend — Sergatsch – Arsamas – Busuluk

IV. Allein

V. Subtraktion und Addition — Orenburg – Aralsk

VI. Wieder fünfhundert — Kasalinsk – Arys

VII. Drei — Samarkand

Anmerkungen der Autorin

Dank

Erläuterungen

Impressum

Für meinen Papa Schamil Sagrejewitsch Jachin

I. Fünf-hundert

Kasan

4000 Werst1 – diese Strecke hatte der Sanitätszug der Kasaner Eisenbahn bis nach Turkestan zurückzulegen. Doch den Zug gab es noch nicht. Der Befehl, ihn zusammenzustellen, war gerade erst am Vortag, dem 9. Oktober 1923, unterschrieben worden. Fahrgäste waren auch noch nicht da. Die vom Hunger bis auf die Knochen abgemagerten und extrem geschwächten Mädchen und Jungen von zwei bis zwölf Jahren mussten erst von Kinderheimen und Sammelstellen abgeholt werden. Nur den Zugführer gab es schon: jung, hatte im Bürgerkrieg gekämpft. Name: Dejew. Soeben ernannt.

»Es geht um Kinder«, warf ihm der Leiter der Transportabteilung Tschajanow anstelle einer Begrüßung hin. »500 Seelen. Die müssen von Kasan nach Samarkand gebracht werden. Auftrag und Instruktionen kriegst du bei der Sekretärin.«

Während der Jahre, die Dejew nun schon bei dieser Abteilung angestellt war, hatte er alles begleitet, was man auf Schienen befördern konnte – von beschlagnahmtem Getreide und Vieh bis zu Waltran in Kesselwagen, eine Spende des befreundeten Norwegens für das hungernde Wolgagebiet. Kinder waren bisher nicht dabei gewesen.

»Wann soll’s losgehen?«

»Am besten schon morgen. Wenn du Wagen und Kinder beisammenhast, Dejew, dann nichts wie weg! Kinder mögen keine langen Fahrten, das wirst du bald merken.«

Das war alles, ein Wortwechsel von ein paar Minuten, nicht mehr. Was er »bald merken« sollte, war ihm nicht klar. Doch darüber nachdenken konnte er jetzt nicht. Lange Grübeleien waren etwas für alte Leute, die Zeit im Überfluss hatten.

Als Erstes suchte er den Bahnhofsvorsteher auf. In dessen Büro versprach man ihm, alle Reserven zusammenzukratzen. Das Ergebnis war ein einziger Wagen, aber erster Klasse. Die Sitze, einst von edlem Blau, waren zu einem trüben Grau verblichen, die Gobelintapeten an manchen Stellen heruntergerissen, doch die Spiegel an der Innenseite der Abteiltüren fast alle noch ganz. Der Wagen hatte einen großen Gemeinschaftsraum, in dem man Walzer tanzen konnte. Einst hatte sich dort die Reisebibliothek befunden – sogar mit einem Konzertflügel. Jetzt stand da eine schartige gusseiserne Wanne, die man wahrscheinlich aus dem Bad hergeschleppt und dann vergessen hatte. Inmitten von leeren Bücherregalen und verstaubten Kronleuchtern gab sie ein komisches Bild ab. Dejew runzelte die Stirn, doch den Wagen behielt er. Er befahl, die Tapeten abzureißen und die Kronleuchter hinauszuwerfen. In die Abteile sollten anstelle der Gepäcknetze eine zweite und dritte Pritsche übereinander eingebaut werden. Die Wanne wollte er behalten. Als er versuchte, ein Kanonenöfchen dazuzubekommen, um für die Kinder Wasser wärmen zu können, musste er sich einen Bourgeois nennen lassen und verschob die Sache auf später.

Auf den zweiten Wagen wartete er bis zum nächsten Tag. Er wurde in Krassnaja Gorka entdeckt, wo er zwei Jahre lang in einer Ecke des Depots gestanden hatte. Als Dejew dieses Beutestück zu sehen bekam, zuckte er zusammen: Das war kein Personenwagen, sondern eine Reisekapelle! Offenbar stand sie so lange im Depot, weil man in der neuen Sowjetzeit keine Verwendung für sie gefunden hatte. Die mit nachgedunkelter Bronzefarbe gestrichene Kuppel konnte man entfernen und den Altar herausreißen. Aber was sollte er mit den rot umrandeten Bogenfenstern anfangen? Und mit dem Schmuck an der Decke? Dejew nahm auch diesen Wagen. Weil er so geräumig war. »Wie viele Pritschen übereinander sollen hier rein?«, fragte der Vorarbeiter der Zimmerleute mit einem ehrfurchtsvollen Blick zur Decke. »Meinetwegen, drei!«, ließ Dejew fallen. Sicher hätten auch vier Platz gehabt, doch vor solcher Höhe kriegten die Kinder vielleicht Angst.

Auf einen Küchenwagen musste Dejew weitere zwei Tage warten. Aus Simbirsk schickte man ihm ein etwas kurz geratenes Gehäuse auf Rädern, aus gehobelten Brettern zusammengenagelt und später mit Sperrholzplatten geflickt. Aus der Dachluke guckte etwas heraus, das ein Ofenrohr sein sollte. Wie er hörte, wären in den Gassen von Simbirsk viele solche Kästen aus dem 19. Jahrhundert zu finden, die er schon gebraucht hätte. Aber das nachzuprüfen war keine Zeit.

Schließlich koppelte man einen aus Moskau eingetroffenen Personenzug auseinander und hängte fünf Wagen an Dejews Zug an. Dieses Sammelsurium aus Personenwagen erster und dritter Klasse, Kirche auf Rädern und Bretterbude als Küche hatten die Eisenbahner bereits »Girlande« getauft. Für die letzten fünf Neuzugänge, die nach Zigarettenrauch stanken und mit der Spucke zahlloser Fahrgäste verziert waren, brauchte Dejew keine Zimmerleute, sondern Reinigungskräfte. Doch inzwischen hatte er den Bahnhofsvorsteher mit seinen Forderungen so genervt und immerzu sofortigen Vollzug verlangt, dass der ihm eine Putzkolonne rundweg ablehnte. Da spuckte Dejew in die Hände, holte zwei Eimer Wasser und machte sich selbst an die Arbeit.

Hier tauchte sie zum ersten Mal auf. Dejew lag gerade lang ausgestreckt auf dem klatschnassen Fußboden und angelte mit einem Lappen die Schalen von Sonnenblumenkernen unter einer Pritsche hervor, als vor seiner Nase zwei Infanterie-Schnürstiefel auftauchten. Er schaute auf und sah schlanke Waden, die nicht in Fußlappen, sondern in zarten Wollstrümpfen steckten.

»Sie Mörder!«, tönte es von oben. »Was trödeln Sie hier herum?«

Verblüfft ließ Dejew seinen Blick weiterwandern bis zu einem schwarzen Rock, unter dem sich spitze Knie abzeichneten.

»Während Sie Ihren Bauch über den Fußboden schieben, sterben Kinder!«

Als er unter der Pritsche hervorkriechen wollte, um sich draufzusetzen, stieß er sich den Kopf an einer scharfen Kante.

»Was bist du denn für eine?« Dejew war schüchtern gegenüber Frauen. Deshalb duzte er sie, gab sich betont forsch und unnahbar.

»Kinderkommissarin. Wir fahren zusammen nach Samarkand, wenn Sie geruhen, sich aus der Pfütze zu erheben und an die Erfüllung Ihres Auftrags zu gehen.«

»Hast du auch einen Namen, Kommissarin?«

»Belaja.«2

Dejew sann darüber nach, ob dies ein Vor- oder Familienname sein sollte. Nachzufragen traute er sich nicht.

Sie war älter als er, aber nicht so viel, dass sie seine Mutter hätte sein können. Vielleicht eine ältere Schwester. Schönes, strenges Gesicht wie von einem Plakat. Kurz geschnittenes blondes Haar. Nach allen Seiten abstehende Löckchen. Sie hatte den Vorgesetztenblick, der einem Armeeoffizier alle Ehre gemacht hätte. Beinahe wäre Dejew aufgesprungen und hätte sich in Ordnung gebracht. Aber das tat er nicht. Ohne Eile fuhr er sich durchs Haar, entfernte ein paar Schalen, die darin hängengeblieben waren, ließ den Lappen in den Eimer klatschen, dass das Wasser überschwappte und die Schuhe der Kommissarin bespritzte, und blieb in lässiger Haltung auf dem Boden sitzen.

»Vielleicht hilfst du mir erst mal beim Scheuern, Genossin Belaja? Oder willst du die Kinder in diesem Saustall unterbringen?«

»Mach ich«, antwortete sie ernst. »Aber nachts, wenn die Kinder schlafen.«

»Wir beide etwa nicht?«, gab Dejew zurück. Er wollte ihr gar nicht frech kommen; das war ihm einfach so rausgerutscht.

Sofort war es ihm peinlich. Er quälte sich hoch, schüttelte den Dreck von der aufgekrempelten Hose und den nackten Knien. Als er schließlich aufrecht vor ihr stand, musste er immer noch zu ihr aufschauen. Kommissarin Belaja war einen halben Kopf größer als er.

»Ich fürchte, zum Schlafen werden wir nicht viel kommen, Dejew«, sagte sie und schaute ihn unverwandt an. Jetzt konnte er endlich ihre Augen sehen. Grau, kalt und von geraden Wimpern umgeben. »Bis wir in Samarkand sind«, fügte sie hinzu.

Nur wenige Minuten später schritt er bereits an ihrer Seite dahin. Eigentlich schritt er nicht, sondern trappelte neben ihr her über die regennassen Gleise, sehr bemüht, nicht auszurutschen oder gar in den Laufschritt zu verfallen.

Sie nahm gleich zwei Schwellen auf einmal; schließlich hatte sie mädchenhaft dünne Beine und eine schlanke Figur, von der allerdings unter den dicken Falten der von einem Koppel zusammengehaltenen Feldbluse kaum etwas zu sehen war. Während Dejews Blick dem schnellen Takt ihrer breiten Schuhe folgte, ging ihm durch den Kopf, dass darin kleine, schmale Füßchen stecken mussten. Dabei kam er ins Stolpern und fluchte leise vor sich hin, um den blödsinnigen Gedanken zu verscheuchen.

»Wenn die versuchen sollten, die Zahl zu erhöhen, dann lassen Sie sich darauf nicht ein!« Belaja dachte gar nicht daran, ihren Kopf dem Begleiter zuzuwenden. Wie Maschinengewehrsalven ratterte es aus ihr heraus. Dejew musste noch schneller gehen, um etwas mitzubekommen. »Und wenn sie Ihnen Kranke als Genesende andrehen wollen, dann spielen Sie erst recht nicht mit!«

Dejew hatte keine Ahnung, worauf er sich nicht einlassen sollte. Und wen meinte die Kommissarin?

»Wenn die anfangen, auf die Tränendrüse zu drücken, dann wälzen Sie alles auf mich ab. Sagen Sie einfach: Diese Belaja ist so prinzipienfest und hartherzig, dass man sich mit ihr über gar nichts einigen kann. Kein Mensch ist die, sondern ein Stein …«

»Der Zugführer bin immer noch ich«, warf Dejew für alle Fälle ein.

»Der Zugführer sind Sie«, pflichtete Belaja ihm bei. »Aber schieben Sie ruhig alles auf mich. Am besten, Sie sagen gar nichts und lassen mich reden.«

Inzwischen lag das Bahngelände hinter ihnen. Sie gingen durch die Straßen der Stadt und erreichten bald darauf das Zentrum, an dessen zentralem Platz ein Palast aus Granit und Marmor mit mannshohen Fenstern stand. Die Säulen an der Fassade konnten drei Mann kaum umfassen. Es war der frühere Sitz der Adelsversammlung, wo man jetzt die Kasaner Sammelstelle Nr. 1 für Evakuierungen eingerichtet hatte. Hierher brachte man aus allen Gegenden des Roten Tatariens Kinder, die ihre Eltern nicht mehr ernähren konnten oder wollten. Der Löwenanteil der Fahrgäste für Dejews Transport sollte von hier kommen.

Aus der Nähe betrachtet, nahm sich das Gebäude gar nicht wie ein Palast aus, sondern eher wie eine belagerte Festung. Die Kellerfenster waren mit einer oder zwei Schichten von Brettern vernagelt, die Spitzbogenfenster im Erdgeschoss mit Blechen und Sperrholzplatten geschützt. Die Säulen aus einst schneeweißem Marmor überzog ein dichtes Netz von Sprüngen und Rissen. An den Mauern des Gebäudes fanden sich so viele Spuren von Einschlägen, dass sie aus mürbem, porösem Stein zu bestehen schienen. Dejew erkannte die Scharten sofort: Die kleinen stammten von Gewehrkugeln, die größeren von Artilleriegeschossen. Der ganze Bau wirkte so finster und uneinnehmbar, als sei ringsum immer noch Bürgerkrieg. Gegen wen verteidigte sich seine Besatzung? Etwa gegen die Kinder, die es belagerten?

Die waren überall. Auf der Freitreppe aus Granit und längs der Mauern des Gebäudes hatten sie Zeitungen ausgebreitet, auf denen sie träge im Regen herumlagen – kleine, schmutzige Leiber, von Kopf bis Fuß in Lumpen gehüllt. Ein solches Bild sah Dejew nicht zum ersten Mal, aber noch nie hatte er sich gefragt, warum diese Kinder vor einer Sammelstelle und nicht drinnen waren.

Belaja schritt die flache Auffahrt für Pferdefuhrwerke zum Haupteingang hinauf und klopfte. Drinnen rührte sich nichts. Sie klopfte noch einmal, lauter, rüttelte an der verschlossenen Tür – ohne Erfolg. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schlug mit der flachen Hand gegen eine hölzerne Fensterverkleidung. Beinahe hätte sie sich an einem Nagel verletzt.

Die Festung schwieg. Die sie belagernden Kinder ebenfalls.

Niemand rührte sich. Nur wenige Augenpaare verfolgten mit müdem Blick, was die Frau da trieb. Ein Bürschchen mit sonnenverbranntem Gesicht, das einer schmutzigen Kartoffel ähnelte, setzte sich auf, um von dem Schauspiel nichts zu verpassen. Den Jungen sprach Belaja an.

»Warum machen die nicht auf?«, fragte sie ihn, als seien er und sie dicke Freunde.

Wo waren der herrische Ton und der Kommandeursblick geblieben?, wunderte sich Dejew. Die konnte ja reden wie ein normaler Mensch!

Das Bürschchen schwieg, wich ihrem Blick aus und schaute zum grauen Himmel, aus dem es nieselte.

»Ihr seid spät dran«, murmelte es schließlich leise vor sich hin. »Kommt morgen früh wieder, da sind sie besser drauf.«

»Wir müssen aber jetzt da rein«, gab Belaja mit einem Seufzer zurück. »Das muss doch irgendwie gehen … Komm schon, hilf uns.«

Der Kleine antwortete wieder nicht gleich, als kämen ihre Worte aus weiter Ferne.

»Und was hab ich davon?«

»Ich sag dir, wie du hier aufgenommen wirst. Und nicht mehr vor der Tür betteln oder dir den Hosenarsch durchwetzen musst. Wie freundliche Schwestern dir unter die Arme greifen, dich hineinführen, dich waschen, und dir jeden Tag zu essen geben.«

»Red nicht so’n Scheiß«, gab das Bürschchen zurück und zeigte die schwarzen Zähne.

»Heut Nacht gibt’s an der Flussmündung eine Razzia. Kinderkommission und Miliz kämmen das Ufer durch. Die sie schnappen, werden zu den Sammelstellen gebracht. Wer also irgendwo unterkriechen und was zu futtern kriegen will, muss dort sein, bevor es dunkel wird. Wer nicht, soll sich zum Teufel scheren und nicht hier rumliegen. Verstanden? Das kannst du weitererzählen.«

In das Kartoffelgesicht kam Bewegung; der Kerl runzelte die Brauen, und seine Nasenflügel begannen zu flattern.

»Messer in mein Herz oder Auge raus, wenn’s nicht stimmt!« Belaja schlug sich mit der Faust an die Brust, als halte sie den Dolch schon in der Hand. Dann schaute sie wieder freundlich drein und grinste verschwörerisch.

»Jetzt du.«

Der Junge schraubte sich träge in die Höhe und bewegte sich langsam, als gehe er durch Wasser und nicht auf festem Boden, zur großen Eingangstür. Dann war seine Trägheit auf einmal wie weggeblasen. Mit dem Rücken zur Tür begann er mit Fäusten und Fersen dagegen zu schlagen, so heftig er konnte. Trommelte so wild, dass die hölzernen Flügel zitterten und die Angeln quietschten.

»Musst stärker draufhauen«, rief er und war von der schweren Arbeit ganz außer Atem. »So kriegst du die!«

»Kein Platz für euch!«, ertönte es nach einer Minute aus einem der oberen Fenster.

Aber als das Kerlchen weiter hämmerte, ohne Schwäche zu zeigen, klickte plötzlich das Türschloss. Sofort sprang der Junge beiseite, und der Besen, der aus dem Türspalt kam, fuhr ins Leere.

»Verschwinde, Schmarotzer!« Aus der Tür trat ein riesiges Weibsbild, das den Besen schwang wie ein scharfes Schwert. »Scher dich zum Teufel!«

»Ist das hier eine Festung?«, fragte Belaja leise, aber mit so drohendem Unterton, dass sich Dejew der Magen zusammenkrampfte. »Der Krieg ist vorbei.«

»Für manche mag er vorbei sein, für andere ist er noch in vollem Gange!« Die Türsteherin ließ sich nicht beirren. »Die nehmen uns das Haus auseinander! Was kann ich dafür, wenn jeden Tag eine ganze Armee von denen hier anmarschiert! Und wohin mit ihnen?«

Ohne ein weiteres Wort ging Belaja auf sie zu, das Riesenweib senkte den Besen und trat zur Seite. Hinter der Kommissarin schlüpfte Dejew in das stockdunkle Haus mit den vernagelten Fenstern.

»Zu wem wollt ihr, Genossen?« Die Pförtnerin hantierte mit mehreren Schlüsseln, um die Tür zu sichern, konnte aber bei dem trüben Licht die Schlüssellöcher nicht gleich finden. »Wohin wollt ihr, Genossen? He!«

Doch Belaja stapfte bereits die riesige Freitreppe zur zweiten Etage hinauf, von wo ein Lichtschein herabfiel. Dejew wollte ihr nach, stolperte über etwas Weiches und wäre beinahe gefallen. Ein zweites Mal strauchelte er. Aus dem Dunkel kam ein unterdrückter Schrei, und dann piepste jemand höhnisch: »Genossen!«

In der Finsternis war nichts zu erkennen. Dejew blieb stehen, tastete um sich herum und bekam ein paar kahlgeschorene Köpfchen zu fassen.

»Genossen!«, piepste es von der anderen Seite.

»Wohin wollt ihr?«

»Na, nicht vor die Tür!«

»Süßen Tee schlürfen!«

»Und uns sattfressen dürfen!«

Die Dunkelheit füllte sich mit Stimmen, Seufzern und Gelächter.

»Einen Zuhälter vermöbeln!«

»Den Richter anpöbeln!«

»Ein Bulle wär auch nicht schlecht!«

»Und das alles in echt!«

»Ruhe da oben!«, keifte die Pförtnerin vom unteren Ende der Treppe.

Mit weit aufgerissenen Augen und ausgestreckten Händen nach Hindernissen tastend, versuchte Dejew, sich durch die auf den Stufen liegenden Kinder zu drängen und der Kommissarin zu folgen, so schnell er konnte. Seine Hände berührten kahlgeschorene Köpfchen, Beine, Schultern und Rücken. Am meisten fürchtete er, auf ein Kind zu treten, doch die waren schneller als er, glitten zur Seite und gaben ihm den Weg frei, so wie ein Schwarm flinker Fischchen vor einem großen Räuber nach allen Seiten auseinanderflitzt.

Je weiter Dejew die Treppe hinaufstieg, desto heller wurde es und desto dichter die Menge der Kinder. Bald teilte sich die Treppe in einen linken und einen rechten Flügel, die in die zweite Etage führten. Hier konnte man schon Augenpaare – graue, grüne, schwarze und blaue – unterscheiden, die sie von allen Seiten neugierig anstarrten. Die Jungen waren klein, und mit den geschorenen Köpfen sahen sie alle irgendwie gleich aus. Einem fehlte ein Ohr, aber vielleicht schien das Dejew bei dem schlechten Licht auch nur so.

Über die ganze zweite Etage lief nach links und rechts ein breiter Korridor. In die Räume führten große Türen, die einst schneeweiß gewesen waren und bestimmt goldene Namensschilder getragen hatten. Die Farbe war abgeblättert, und überall schaute dunkles Holz hervor. Aus der Tiefe des Korridors eilte bereits eine winzige Dame mit Brille den Gästen entgegen, offenbar eine Mitarbeiterin der Sammelstelle. Doch ohne auf sie zu warten oder vielleicht, um ihr zuvorzukommen, riss Belaja die mittlere Tür auf und trat mit entschlossenem Schritt ein. Dejew, dem das ausgesprochen peinlich war, tat es ihr nach. Warum sollte er sich allein für ihr freches Eindringen rechtfertigen?

Als er über die Schwelle trat, blieb er stehen, starr vor Staunen. Das war der Ballsaal gewesen. Durch die riesigen Fenster, die Scheiben, fast überall noch ganz und nur an einigen Stellen mit Lappen verhängt, strömte Tageslicht herein. Der Saal wirkte ungeheuer hoch, man musste sich den Hals verrenken, um den Kronleuchter, groß wie eine Lokomotive, betrachten zu können. Die vielen Lämpchen waren zerschlagen, doch das bronzene Gestell war unversehrt geblieben. Von dem Kronleuchter liefen Blumengirlanden aus Gips und schwarze Risse nach allen Seiten über die Decke. Über dem Saal schwebte die Orchesterempore, von einer weißen Balustrade umgeben und von schlanken Säulen getragen, die trotz aller Sprünge und Scharten immer noch elegant wirkten.

Der riesige Raum war voller Kinder wie der Wartesaal eines Bahnhofs. Auf den Fensterbänken hatte man mit Lumpen und Fetzen Lagerstätten hergerichtet, wo sich drei, vier Jungen neben- und übereinander drängten. Jede Kiste, jeder Koffer und jedes Bündel wurde zum Schlafen genutzt. Bücherstapel hatte man in langen Reihen auf dem Parkett zusammengeschoben und Heu darübergeworfen. Die in Leder oder Leinen gebundenen Bände sahen teuer aus, bestimmt waren das ganze Werkausgaben. Wer keinen Platz zum Schlafen oder Sitzen gefunden hatte, lag auf dem blanken Fußboden, der aussah wie von einer wogenden Masse blasser, knochiger Glieder und abgemagerter Gesichter bedeckt.

Die Neuankömmlinge beachtete niemand. Die Bewohner dieses Ortes schauten zum Fenster hinaus, spielten Karten, schwatzten miteinander, schlummerten, knackten Läuse zwischen den Zähnen oder starrten stumpfsinnig zur Decke. Ob die auf etwas warteten? Was konnte das sein? Noch nie hatte Dejew so eine Masse Kinder gesehen. Von der Menge nackter Fersen und kahlgeschorener Köpfe flimmerte es ihm vor den Augen. Das Stimmengewirr dröhnte ihm in den Ohren: »Ich fress doch nicht zum ersten Mal kleine Hunde – da ist nix dabei! Man stopft sich den Bauch voll und kratzt nicht gleich ab.«

»Meine Mutter tat damals ihre letzten Schnaufer, die Erde hatte ihr schon ihre schwarzen Krallen gezeigt …«

»Deine Moralpredigt kannste dir sonstwohin stecken, Großfresse! Wenn ich was will, dann werd ich dich grad fragen. Die Bullen haben uns schon auf dem Kieker. Doch wir können jederzeit die Fliege machen, das merkt keine Sau.«

»O heilige Jungfrau, Muttergottes, Herrscherin des Himmels und der Erde! Erhöre mein Fleh’n und meine Seufzer …«

»Das Futter ist auch hier obermies:

Wasser zum Fressen, Wasser zum Saufen …

da scheißt du nie ’n richtgen Haufen …«

»Dein Moschuchin und mein Douglas Fairbanks sind wie Maus und Elefant!«

»Haut mir einer eine rein,

werd ich nach der Mama schrei’n …«

»He, Schwester, sag ich zu ihr, Sie essen aber vornehm, genau wie Lenin.«

»Genossen! Kommen Sie vom Volkskommissariat für Bildung?«

Die Frau mit Brille war von dem kurzen Lauf ganz außer Atem. Jetzt aus der Nähe sah Dejew, dass ihr zu einem Dutt aufgestecktes, fettiges Haar schon ganz grau war und sie keine schlanke junge, sondern eine dürre ältere Frau vor sich hatten. Doch Belaja dachte nicht daran stehenzubleiben, sondern schob sich zwischen den zur Seite rückenden Jungen forsch durch und drehte den Kopf in alle Richtungen.

»Schapiro, Leiterin der Sammelstelle«, schnaufte die Frau, überholte Dejew, um sich Belajas langem Schritt anzupassen, lief neben der seltsamen Person her und versuchte ihr ins Gesicht zu schauen.

»Wie viele Kinder sind insgesamt hier?« Belaja sprach bewusst in strengem Ton, als wolle sie jede Antwort schon im Voraus rügen.

»Vierhundertfünfzig.« Die Leiterin riss sich im schnellen Lauf die Brille von der Nase und wischte sie an ihrer Strickjacke ab, als wolle sie die Eindringlinge genauer betrachten. »Doch heute Nachmittag erwarten wir eine Kolonne aus Jelabuga.«

»Wie viele davon sind gesund?«

»Das hängt davon ab, was Sie unter gesund verstehen. Auf der Krankenstation und in Quarantäne haben wir siebenundvierzig Kinder.« Das Gesicht der Leiterin wurde immer ängstlicher, und von dem raschen Lauf ging ihr Atem noch schneller. »Oder kommen Sie etwa vom Volkskommissariat für Gesundheitswesen?«

Die alte Frau so zu jagen war nicht in Ordnung. Verstand das diese Belaja? Wohl kaum. Oder verstand sie es nur zu gut?

»Wie viele der Gesunden sind älter als fünf Jahre?«

»Etwa zwei Drittel … Aber erlauben Sie …, ich möchte jetzt doch wissen …«

Leiterin Schapiro rang nach Luft. »Sie sind Genossin …?«

Dejew hielt es nicht mehr aus.

»Belaja«, stellte er seine Begleiterin vor. »Kommissarin Belaja von der Kinderkommission.«

»Von der Kinderkommission!« Die Leiterin strahlte und hatte ihre Atemnot sofort vergessen. »Endlich denken Sie an uns! Wir gehen hier zugrunde ohne Sie, wir gehen zugrunde …! Warum hat man uns das nicht mitgeteilt? Ich hätte Ihnen alle Zahlen aufgeschrieben und ein paar Fragen dazu, damit wir hier nicht so in Eile …«

»Lassen Sie sich Zeit.« Belaja musterte die Fenster und die Wand zwischen ihnen. Draußen war der Regen stärker geworden, und über den bröckelnden Putz liefen dünne Rinnsale aufs Parkett.

Belaja schaute sich nicht einfach um. Sie gab zu verstehen, dass sie alles sah und nichts ihr passte. Eine komische Art, nicht nur mit Worten, sondern durch Gesten und sogar schweigende Blicke Missfallen auszudrücken! Das war keine Frau, sondern eine Giftnatter.

»Nun, als Erstes haben wir da die Räume«, hub Schapiro besorgt an. »Sie sehen ja selbst, in welchem Zustand sie sind! Beim Volkskommissariat für Bildung meint man, sie hätten uns einen Palast geschenkt, und damit gut! Aber wie soll man in einem Palast leben? Haben die daran gedacht? Wie soll man hier lernen, schlafen oder gar gesund werden? In diesem Zustand ist das kein Platz für Kinder.«

»Recht hat sie«, stimmte Dejew ihr zu, denn er wollte der armen Leiterin unbedingt helfen. »Wo sind die Betten?«, fragte er.

»In der Adelsversammlung wurde nicht geschlafen, Genosse«, erklärte Schapiro in belehrendem Ton. »Dort wurde getanzt und gefeiert. Unser bequemstes Bett ist das hier.«

Sie klatschte mit der flachen Hand auf eine Bank, die man wahrscheinlich aus einem Park hergeschleppt hatte. Darauf drängten sich mehrere Jungen unter einer mit Troddeln gesäumten seidenen Tischdecke, die ganz ausgebleicht und von Flecken übersät war.

»Tagein, tagaus eine neue Kolonne! Wo soll ich die alle unterbringen?« In tragischer Pose riss die Leiterin die dürren Ärmchen in die Höhe und wirkte jetzt wie eine aufgeschreckte Spinne. »Dazu jeden Tag Findelkinder! Wir haben schon ein Schild an die Tür gehängt: ›Alle Babys bitte zum Haus des Säuglings bringen!‹ Dazu die Adresse. Doch die Mütter können entweder nicht lesen oder sind einfach nur stur. Jeden Morgen liegen auf der Treppe ein, zwei ausgesetzte Kinder, manchmal auch drei.«

Plötzlich spürte Dejew, dass ihn jemand beobachtete. Er schaute sich um. Durch die Scheiben der Tür, die auf einen Balkon führte, blickten ihn mehrere Gipsfiguren an. Der einen oder anderen fehlte die Nase. Über ihre starren Gesichter lief Regenwasser.

»Dazu jeden Tag zehn, fünfzehn Leute, die auf eigene Faust hier auftauchen. Nicht nur aus Tatarien, auch aus Tschuwaschien, aus Mordwinien, von den Deutschen bei Saratow und neulich sogar aus Kalmückien. Einen Halbwüchsigen lasse ich nicht rein. Aber einen dreijährigen Knirps fortschicken? Das bringe ich nicht übers Herz.«

»Und die Fenster haben Sie auch wegen Ihres weichen Herzens vergittert?« Belaja schritt durch den Saal und wandte sich dem Ausgang zu, als sei sie hier die Hausherrin und führe die anderen herum.

Dejew knirschte mit den Zähnen, so ärgerten ihn der scharfe Ton und das grobe Auftreten seiner Begleiterin. Das war keine Kinderkommissarin. Ein Feldwebel auf dem Exerzierplatz war das!

»Wo wollen Sie denn hin?« Die Leiterin konnte Belaja kaum folgen. »Erdgeschoss und Keller sind unbewohnbar. Dort kann man nicht mal Vieh halten. Im Winter haben wir fingerdickes Eis an den Wänden, im Frühjahr und Herbst steht das Wasser kniehoch. Die Fenster sind schon seit dem Krieg ohne Scheiben. Die Kamine funktionieren nicht und die Abflussrohre sind verstopft. Tja, wenn uns die Kinderkommission da helfen könnte …!«

Ein seltsamer, langgezogener Ton unterbrach ihr Gespräch. Er kam irgendwoher von oben. Zuerst glaubte Dejew, es sei eine Sirene. Aber nein, da heulte ein Kind, es weinte nicht, sondern ließ ein Brüllen hören und hielt nur inne, um Luft zu holen. Selbst Belaja blieb stehen und wandte sich um. Die Leiterin winkte nur müde ab.

»Achten Sie nicht darauf, das ist Senja, ein kleiner Tschuwasche. Der beruhigt sich bald wieder.«

Doch das Heulen hörte nicht auf. Es begleitete die Gäste, als sie den Ballsaal verließen, den Korridor entlanggingen und den nächsten Raum betraten. Schapiro schloss die Tür, damit es nicht störte, aber die Stimme drang durch alle Mauern.

Dejew hatte Senja schon vergessen, so sehr überraschte ihn, was er jetzt sah. Wahrscheinlich war das einmal der Bankettsaal gewesen. Nun bewohnten ihn die Mädchen. Auch hier waren die Lagerstätten Bücher, Möbelteile und Kartons, das gleiche Gedränge knochiger Körper und nackter Füße, nur gehörten sie nicht Jungen, sondern Mädchen. Und über allem schwebte – Essen.

Die Decke war in strahlenden Farben ausgemalt; alles wirkte wie echt. An den Rändern rankten sich Weinreben entlang, von denen riesige, im Sonnenlicht glänzende Trauben herabhingen. Daneben rosafarbene Äpfel und durchscheinende honiggelbe Birnen. Über Bergen von Aprikosen und Pfirsichen tanzten Schmetterlinge. Aus angeschnittenen Zitronen konnte man den Saft tropfen sehen.

Auch an den Wänden riesige Bilder von Wildbraten, frisch aufgeschnittenem rosa Schinken, Austern, angebissenem Brot und halb ausgetrunkenen Weingläsern. Alles in unvorstellbaren Ausmaßen und bestem Zustand. Kein Riss, kein Schimmelfleck störte diesen Überfluss. Die Fresken strahlten wie frisch gemalt.

Es war still. Von dem riesigen Raum erdrückt, lagen die Mädchen reglos da oder redeten kaum hörbar miteinander. Selbst der Tschuwasche Senja heulte nicht mehr. Dejew sah, wie eine der Kleinen ein Stückchen Fleisch von der Wand abpulen wollte. Es gelang ihr nicht, die Farbschicht war zu dick und ihr Finger zu schwach.

Zu der Wolke von Früchten über ihren Köpfen wollte Dejew eine Frage stellen, aber dann knurrte er nur ärgerlich.

»Ich sag doch, wir haben keinen Platz«, wiederholte die Leiterin mit einem Seufzer.

»Kann man das nicht überstreichen …?« Dejew runzelte die Stirn und suchte nach dem passenden Wort, »… diese Kunst?«

»Womit denn? Mit Kohle? Nicht einmal die habe ich.«

»Die Raumfrage ist klar«, unterbrach sie Belaja. »Was für Sorgen haben Sie noch?«

Auf ihrem glatten, schönen Gesicht sah Dejew keine Spur von Bewegung. Die Fressorgien an den Wänden und die zusammengekauerten Kinder schienen bei der Kommissarin keinerlei Empfindung zu wecken. In einer merkwürdigen Gefühlswelt lebte die: Ging ohne Anlass in die Luft und blieb dann wieder völlig kalt, als hätte sie kein Herz, sondern einen gefrorenen Fisch in der Brust. Die undichten Wände und die vernagelten Fenster bereiteten ihr Sorgen. Doch was hungrige Kinder mitten in gemalten Speisen litten, das ließ sie kalt?

»Als zweites natürlich die Verpflegung«, antwortete Schapiro und wies mit ihrer dürren Hand auf die herrlichen Malereien. »Ich kann alles verstehen: Wir haben wirtschaftlichen Verfall, Hungersnot, eben eine schwere Zeit. Aber warum holen wir die Kinder zu uns, wenn wir ihnen nichts zu essen geben können? Mit einem Rubel die Woche pro Kind – wie soll das gehen? Was kann ich ihnen dafür vorsetzen? Mühlenstaub? Oder Haferspreu? Doch ich soll sie nicht nur ernähren, sondern auch noch wärmen und für ihre Gesundheit sorgen. Das wäre mein dritter Punkt.«

Mit einer Kopfbewegung wies sie auf den gewaltigen Kamin aus Marmor und Gusseisen in einer Ecke. Davor lagen etwas Reisig und zerknülltes Zeitungspapier. In seinem Inneren stand ein Blecheimer, in den es aus dem Rauchabzug tropfte, denn draußen regnete es jetzt in Strömen.

»Und dann dieser Palast …« Schapiros faltige Wangen liefen vor Empörung rot an. Das Thema brachte offenbar ihr Blut in Wallung. Die Strickjacke war aufgesprungen, und sie gestikulierte heftig. »Hat einer im Volkskommissariat für Bildung darüber nachgedacht, wie viel Brennholz man braucht, um diesen Bau nur ein einziges Mal richtig warm zu kriegen? Im Ballsaal tanzen im Winter die Schneeflocken!«

Plötzlich wurde Dejew bewusst, dass es ihn nach der halben Stunde in dem Haus fröstelte. Offenbar war es hier kein bisschen wärmer als draußen. Da halfen auch die an die Decke gemalten Sonnenstrahlen nicht.

»Brennholz kann man doch eher verlangen als Geld oder Räumlichkeiten«, erklärte Belaja und hatte wieder diesen anklagenden Ton.

»Wie oft habe ich darum gebeten! Mein ganzes Papier ist dafür draufgegangen!«

»Schreiben Sie nicht so viel! Gehen Sie direkt zum Leiter der Behörde und lassen Sie ihn nicht eher aus dem Büro raus, bis er Ihnen ein paar Fuhren Brennholz genehmigt hat. So einem Kerl müssen Sie einen angespitzten Bleistift hierhin stoßen« – Belaja tippte mit dem Finger an die Stelle, wo Männer den Adamsapfel haben – »und einen zweiten in die Hand drücken, damit er unterschreibt! Wenn er sich weigert, dann drohen Sie, dass Sie sich bei der Tscheka über ihn beschweren – wegen Schlamperei und feindseliger Haltung zu Kindern!«

Ihr Tonfall ließ ahnen, dass die Kommissarin das selber schon gemacht hatte, und wahrscheinlich nicht nur einmal. Den frechen Vorschlag kommentierte die Leiterin nicht, schaute mit ihren kurzsichtigen Augen nur hilflos drein und redete nach ein paar Sekunden weiter, als hoffte sie immer noch auf etwas Mitgefühl.

»Kommen wir zur Hygiene: Die gibt’s bei uns einfach nicht. Wir haben weder ein richtiges Bad noch einen Desinfektionsraum. Bei der Aufnahme müssen wir die Kinder waschen – in einer Wannenfüllung und mit einem Stück Seife für zehn. Und wenn hier nun plötzlich die Krätze oder Schlimmeres ausbricht? Daran mag ich gar nicht denken …«

»Ach, hören Sie doch endlich auf, sich zu fürchten und zu jammern!« Belaja wurde jetzt so laut, dass die Leiterin zusammenfuhr und die Mädchen die streitenden Erwachsenen erschrocken anstarrten. »Gehen Sie ins Volkskommissariat für Gesundheit und hauen Sie dort mit der Faust auf den Tisch! Kippen Sie ihnen einen Haufen Läuse drauf als Geschenk von den ungewaschenen Kindern. Was glauben Sie, wie schnell Sie eine Desinfektionskabine, Seife und Zahnpulver haben!« Belaja wandte sich abrupt um und marschierte zur Tür.

So macht die das, dachte Dejew bei sich. Schlägt mit der Faust auf den Tisch und kippt Läuse drauf. Und bestimmt nicht nur auf den Tisch, sondern dem armen Chef gleich in den Kragen. Mit der sollte man sich nicht anlegen. Das ist keine Frau, sondern ein Drache im Rock. Und er Esel hatte auf ihre Wimpern und hübschen Beine geschielt. Ausgerechnet mit der sollte er einen Zug führen!

»Das raten Sie mir als Mitglied der Kinderkommission?«, fragte die Leiterin, jetzt völlig verdattert.

»Und zwar mit Nachdruck!« Als die Kommissarin den Bankettsaal verließ, dachte sie gar nicht daran, die schwere Tür festzuhalten, so dass sie der ihr nacheilenden Leiterin beinahe an den Kopf geknallt wäre. Davor konnte Dejew die alte Frau mit einem kühnen Sprung gerade noch bewahren. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte er sie Belaja mit Vergnügen in den Rücken oder gar in die hochmütige, schöne Visage gedonnert.

Aber die Kommissarin eilte inzwischen zur dritten Etage hinauf und hätte beinahe einen kleinen Jungen umgerannt.

»Teilt euch, ihr Wellen, da kommt ein Stück Scheiße geschwommen!«, zischte der ihr hinterher.

»Ein Stück ist nicht dem anderen gleich!«, parierte Belaja schlagfertig.

»Da oben gibt’s nichts zu sehen!«, rief Schapiro ihr erschrocken nach. »Da sind nur noch die Kranken- und die Quarantänestation!«

Aber es war zu spät. Die Kommissarin hatte die Treppe schon hinter sich gelassen, und man hörte nur noch ihre Absätze klappern.

Ein Junge in himbeerfarbener Weste mit goldgestickten Blumen und Glasknöpfen stand auf dem Korridor und pinkelte in einen Eimer. Die Weste war so lang, dass die Schöße bis auf das Parkett reichten und dort Falten schlugen. Das Hälschen des Kleinen ragte aus dem Kragen wie ein Stock aus einem Fass. Unter dem roten Samt ein splitternackter Körper – Hose oder Unterzeug hatte der Junge nicht. Als er fertig war, raffte er die Schöße des Gewands, damit sie ihn beim Gehen nicht störten, und schlurfte an seinen Platz zurück. Die nackten Beine unter der Weste erinnerten an die eines Elefanten. Die hässlich angeschwollenen Glieder, die jede Form verloren hatten, konnte er kaum heben und nur langsam, mit Mühe bewegen.

»Solche Kostbarkeiten haben wir auf der Orchesterempore gefunden, dazu Perücken und Puder«, erklärte die Leiterin, die vom raschen Treppensteigen nach Luft schnappte. Überhaupt glaubte Dejew, dass sie die Anstrengungen und Aufregungen der letzten Minuten nicht mehr lange ertragen konnte. »Die Musiker haben uns ein Dutzend Maskenball-Kostüme, aber nicht ein einziges Paar Schuhe hinterlassen. Wäre es doch nur umgekehrt gewesen! Aber wir wollten die Sachen nicht wegwerfen. Da haben wir sie halt an die Kinder verteilt. Sehen Sie seine Beine? Wie ich schon sagte – hier oben ist unsere Krankenstation.«

Die Räume der dritten Etage waren wesentlich niedriger und enger. Mit ausgestrecktem Arm konnte Dejew fast die Decke erreichen. Früher hatten sich hier wahrscheinlich Wirtschaftsräume befunden. Entsprechend niedrig waren die Türen.

Die Leiterin und Dejew schauten in mehrere Zimmer (auf der Schwelle musste er den Kopf einziehen, um sich ihn nicht am Türrahmen zu stoßen), bis sie in einem die Kommissarin entdeckten. Hier schritt sie nicht umher, sondern war nahe der Tür stehen geblieben und betrachtete die Bewohner genauer. Ohnehin hätte sie keinen Schritt tun können, so eng war der Raum, in dem dicht an dicht Kinderkörper lagen.

Die boten einen grotesken Anblick. Arme, Schultern, Rippen, Schlüsselbeine und Hälse waren klapperdürr und ragten spitz unter der Haut hervor. Füße, Unterschenkel, Hüften und Bäuche waren geschwollen und ungewöhnlich dick wie Federkissen. Das Gleiche war mit den Gesichtern passiert: Einige wirkten wie knöcherne Masken, bei anderen konnte man kaum noch Gesichtszüge erkennen und nur in engen Schlitzen ein Augenpaar entdecken. Dejew hatte im Wolgagebiet natürlich schon solche Hungergestalten gesehen, aber nie so viele und nur Kinder. Einige waren nackt, andere trugen Samtwesten wie der Junge auf dem Korridor. Auf den Köpfen waren goldbestickte Dreispitze mit Federn oder Lockenperücken zu sehen. Die Kinder lagen auf niedrigen Pritschen oder direkt auf dem Fußboden, unterhielten sich träge miteinander, viele schliefen.

»Nach der Vorschrift darf ich Aufgedunsene und Krüppel gar nicht aufnehmen«, murmelte Schapiro schuldbewusst. Jetzt verstand Dejew, weshalb die Leiterin so betreten wirkte. »Aber die Evakuierungsbeauftragten sind doch auch nur Menschen. Die irren sich schon mal und bringen mir einen Säugling angeschleppt, oder, wie neulich, ein schwangeres Mädchen aus der Gegend von Mamadysch. Kaum dreizehn Jahre alt, und schon schwanger …«

»Lassen Sie den Evakuierungsbeauftragten die Kosten für den Unterhalt dieser ›Irrtümer‹ vom Gehalt abziehen«, erklärte Belaja. »Die irren sich nie wieder.«

Die Leiterin wurde noch kleiner, erwiderte aber nichts.

»Hör jetzt endlich auf damit«, sagte Dejew hasserfüllt. Er hielt es einfach nicht mehr aus.

Dabei kehrten ihm beide Frauen den Rücken zu und hatten seine Worte wohl kaum gehört. Er wollte sie laut wiederholen, ein paar ermutigende Sätze für die Leiterin der Einrichtung hinzufügen, dann Belaja beim Ellenbogen nehmen, so, dass es wehtat und sie kein Wort mehr zu sagen wagte. Doch da spürte er eine Berührung an seinem Bein, so zart, als streiche eine Katze um ihn herum.

Als er sich umsah, erblickte er ein Mädchen zwischen vier und acht Jahren. Sie war so dünn, dass er ihr Alter nicht schätzen konnte. Sie saß in einem Winkel auf einem Häufchen Stroh und streckte den Erwachsenen ihre Hand entgegen. Die weit geöffneten Augen, weiß wie zwei frisch geschälte gekochte Eier, waren auf Dejew gerichtet. Ihre hohle Hand schwang in der Luft hin und her. Dejew begriff, dass sie blind war und ihre Hand nach Gehör bewegte.

»Das brauchst du nicht mehr«, sagte Dejew, hockte sich neben sie, streichelte ihr die Schulter und drückte die ausgestreckte Hand sanft herunter. »Hier bekommst du auch ohne das etwas zu essen.«

»Geben Sie sich keine Mühe«, sagte Schapiro. »Marchum versteht weder Russisch noch Tatarisch. Sie glaubt, dass sie damit ihr Essen abarbeitet.«

»Das war unser ganzer Palast«, sagte Schapiro auf dem Flur und wies zur Treppe. »Nun haben Sie alles gesehen. Gehen wir nach unten, Genossen, ich möchte Ihnen noch einen Tee vorsetzen.« Aber dazu kamen sie nicht, denn wieder ertönte das gequälte, langanhaltende Heulen, das sie bereits kannten. Es kam aus nächster Nähe. Es hätte auch ein Tier sein können, wäre das Schluchzen und Murmeln in den kurzen Pausen nicht gewesen.

»Ist das wieder Senja, der Tschuwasche?«, fragte Dejew.

Die Leiterin, blass und mit erstarrter Miene, nickte kurz und wandte den Blick ab.

»Ein Heer von Läusen verfolgt ihn«, erklärte sie. »Im Traum. Er will vor ihnen fliehen, aber es gelingt ihm nicht. Er hat sich die Füße erfroren, daher sind die Bisse der Insekten besonders schmerzhaft. Wenn er wach ist, sucht er ständig am ganzen Körper nach ihnen … Doch wenn er einschläft, dann sind sie wieder hinter ihm her … Lassen Sie uns gehen, Genossen!«

In ihrer Stimme war Resignation zu hören.

»Mein Tee ist hervorragend – aus Mohrrüben.«

Belaja schaute in die traurigen Augen der Leiterin.

»Tee ist nicht nötig«, sagte sie.

Wieder ging sie horchend von einer Tür zur anderen, um den Raum zu finden, wo Senja heulte.

Als sie ihn endlich fand, stellte sich heraus, dass es die Orchesterempore war.

Hier lagen keine Kinder, sondern Skelette, war Dejews erster Eindruck. Auf Stühlen hatte man aus Lumpen Lagerstätten gebaut. Darauf dünne, in welke graue Haut gehüllte Knochen. Davon überzogen waren auch die Schädel und Gesichter, die nur aus riesigen Mündern und Augenhöhlen zu bestehen schienen. Von Zeit zu Zeit rührten sich die Knochen ein wenig, öffneten mechanisch die Augen und schaukelten auf ihren Lagern hin und her, oder sie lagen mit halbgeschlossenen Lidern bewegungslos da. Einige Kinder hatte man in große, flache Kästen gelegt, die Dejew an den Griffen als Kommodenschubladen erkannte. Ein Kind lag im hölzernen Futteral eines Kontrabasses.

Das waren die Bettlägerigen. Sie litten seit Monaten und Jahren an Ohnmachten, Fieber und Wassersucht, die der Hunger verursachte. Ihr Organismus ging nicht an fehlender Nahrung zugrunde, sondern war von deren Dürftigkeit und Kargheit nach und nach geschwächt und ausgezehrt worden. Diese Kinder waren kaum noch zu retten. Von der Decke schauten Amorputten aus Gips lächelnd auf sie herab.

Hier lag auch Senja. Er heulte nicht, sondern starrte mit Eulenaugen ins Leere und hechelte wie ein Hund mit aufgerissenem Mund. Er hatte einen höckerigen Schädel mit dünnem rötlichem Haarwuchs und viel zu großen Ohren. Aus seinem fast zahnlosen Mund ragten nur noch die zwei Eckzähne beiderseits der Zunge hervor.

»Die Evakuierungsbeauftragten bringen Ihnen auch Bettlägerige?« Belaja sprach mit einem Mal leise und zog die Nase hoch, die ganz blass geworden war. »Und die nehmen Sie auf? Gibt es denn hier nur Engel der Barmherzigkeit?!«

Darauf antwortete Schapiro nichts. Sie nahm die angelaufene Brille ab und zupfte Senjas Decke zurecht. Es war ein Stück Gobelin, auf dem man noch eine Szene mit Rebhühnern und Jagdhunden erkennen konnte.

Von unten, aus dem Ballsaal voller gesunder Kinder, waren jetzt Schreie und Gelächter zu hören.

»Warum liegen die hier an einem so merkwürdigen Ort?«, fragte Belaja. Dejew schaute in den Saal und sah, dass einige Jungen Bocksprünge machten.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, wir haben keinen Platz«, antwortete die Leiterin und strich Senja über den geschorenen Kopf. Ohne Brille wirkte ihr rosiges Gesichtchen trotz der Falten fast kindlich.

»Na ja, den Bettlägerigen kann es egal sein«, fasste Belaja sarkastisch zusammen.

»Hören Sie auf damit!« Dejew spürte, wie ihm plötzlich übel wurde – von der Höhe der Empore oder von dem, was er hier gesehen hatte.

»Mir ist klar, dass ich alle Bestimmungen verletze.« Bei diesen Worten nahm die Leiterin eine aufrechte Haltung an und setzte die Brille wieder auf. »Soll man mich dafür bestrafen. Aber verstehen Sie doch – schließlich sind Sie von der Kinderkommission und nicht von der Tscheka –, was soll ich denn machen? Ich kann sie doch nicht wieder nach Jelabuga oder Laischewo zurückschicken! Schreiben Sie ruhig in ihrem Inspektionsbericht: Für all das übernehme nur ich die Verantwortung.«

»Das ist keine Inspektion«, unterbrach sie Belaja und schaute der Frau direkt ins Gesicht. »Wir sammeln Kinder für einen Transport nach Turkestan.«

»Ach ja, da war so ein Brief …«, murmelte die Leiterin verlegen, bis sie plötzlich begriff. Wie ein junges Mädchen legte sie ihre faltige Hand auf die Brust und stieß einen kleinen, spitzen Schrei aus. »Aber wozu dann das ganze Theater? Dieses Verhör und der Rundgang durch alle Räume? Man fühlt sich ja wie bei einer Hinrichtung …! Warum haben Sie nicht gleich gesagt, was Sie vorhaben?« Hinter den dicken Brillengläsern waren ihre Augen riesengroß. Wahrscheinlich vor Empörung, aber wie Dejew schien, von den dicken Tränen, die aus ihnen hervorquollen.

»Ich musste mir einen Eindruck von allen Kindern in dieser Einrichtung verschaffen.«

»Das heißt, meine Erklärungen hätten Ihnen nicht genügt?« Jetzt presste die Leiterin auch ihre zweite Hand auf die Brust, ließ die Schultern sinken und wurde mit jeder Sekunde kleiner.

»Nein«, erwiderte Belaja nun ruhig und sachlich, ohne den bisherigen anklagenden Ton. »Haben Sie eine Liste der für den Transport bestimmten Kinder?«

»Ja, mit einem kleinen Zuschlag. Ich wollte gerade das Volkskommissariat für Bildung darum bitten …«

»Den Zuschlag können Sie vergessen, eine Erhöhung der Zahl kommt nicht in Frage.« Belaja schaute zur Empore hinauf. »Ich bitte Sie, alle Kinder der dritten Etage zu streichen, ebenso alle unter zwei Jahren und alle schwangeren Mädchen. Wir nehmen nur Gesunde. Die Älteren zuerst.«

»Und wenn ich das nicht mitmache? Wenn ich nicht, wie angewiesen, vierhundert Kinder zum Bahnhof bringe, sondern vierhundertzehn? Lassen Sie die wirklich auf dem Bahnsteig stehen?«

Die Kommissarin antwortete nicht, aber ihr strenger Blick sagte alles.

»Ich bitte Sie sehr! Auf der Liste stehen nur jene, die eine Chance haben, lebend anzukommen …, wie mir scheint …«

Dazu sagte die Kommissarin nichts.

»Wie soll ich das fertigbringen, Kinder mit eigener Hand zu streichen?« Jetzt presste die Frau beide Fäuste so an ihre Kehle, als wolle sie sich erwürgen. »Eine undenkbare Entscheidung …«

»Sie brauchen kein Kind zu streichen«, warf Dejew ein. »Wir nehmen sie alle. Auch den Jungen mit der Weste, die blinde Marchum und den Tschuwaschen Senja. Auch das schwangere Mädchen. Und die hier ebenso.« Er wies mit dem Kopf auf die Bettlägerigen.

»Auf keinen Fall!« Belaja fuhr so heftig zu ihm herum, als wollte sie ihm einen Schlag versetzen.

»Doch!«, gab Dejew zurück. »Der Zugführer bin ich.« Und zu der Leiterin: »Bereiten Sie alle Unterlagen vor. Ich unterschreibe.«

Die klappte nur mit den Lidern und blickte erschrocken von einem zum anderen.

»Die Kinder haben keine Schuhe, kein einziges Paar«, flüsterte sie mit fast versagender Stimme und ließ erschöpft die Arme sinken. »Sie müssen nur irgendwie zum Bahnhof kommen. Im Zug wird es dann schon gehen …«

»Schuhe finden sich«, erklärte Dejew. »Wir finden sie!«

»Sie wollen den Wohltäter spielen?«, zischte Belaja durch die Zähne, als sie wieder draußen waren. »In jeder Hinsicht einfühlsam und verständnisvoll sein?«

»Das will ich«, antwortete Dejew. »Du nicht?«

»Nein!« Sie war vor der Tür stehengeblieben, als wolle sie sofort noch einmal hineingehen und das Problem anders lösen. »Ich möchte so viele Kinder wie nur möglich nach Turkestan bringen – lebend! Die Bettlägerigen schaffen das nicht, sie nehmen im Zug nur Platz weg.«

»Dann sollen sie besser hier sterben, heißt das?«

Dejew ging bereits die Treppe hinunter, doch die Kommissarin rührte sich nicht vom Fleck. Er zögerte und wusste nicht, ob er wieder zu ihr hinaufgehen oder seinen Weg fortsetzen sollte. Weglaufen wie ein Angsthase wollte er nicht.

»Das ist das Gesetz des Überlebens, Dejew! Es ist grausam, aber notwendig, zuerst jene zu retten, die noch zu retten sind.«

»Man kann alle retten!« Dejew kehrte um und trat ganz dicht an die Kommissarin heran. Doch Augenhöhe zu erreichen gelang ihm nicht, ständig musste er zu ihr aufschauen. »Wir müssen sie retten, oder es wenigstens versuchen.«

»Um den Preis des Lebens anderer, gesunder Kinder?«

So einen kalten und zugleich wilden Blick sah Dejew bei einem Menschen zum ersten Mal. Bei Wölfen hatte er so etwas bereits gesehen, wenn die bei der Treibjagd einen Verfolger angriffen. Bei einem menschlichen Wesen noch nie.

»Wie hat die Partei dich nur als Kinderkommissarin einsetzen können?!« Dejew winkte ärgerlich ab, rannte die Stufen hinunter und lief davon. Noch einmal wandte er sich um und rief ihr zu: »Du bist keine herzlose Prinzipienreiterin! Nein! Du bist auch nicht aus Stein! Ein Feind bist du, Belaja!«

Die Kommissarin stand immer noch wie angewurzelt vor der Tür.

»Bis Samarkand werde ich Ihr einziger treuer Freund sein, Dejew«, erwiderte sie leise. Doch er hörte es.

Woher Schuhe nehmen? Fünfhundert Paar – warum nicht gleich fünf Millionen? Ein solcher Schatz war nirgendwo zu finden – weder in den Lagern des Handels noch bei den Altwarenhändlern oder auf dem Basar. Die ganze Stadt lief in Halbschuhen mit löchrigen Sohlen, geflickten Filzstiefeln, Fußlappen und Bastschuhen herum. Bei Regenwetter band man sich Holzbrettchen darunter, um durch die Pfützen zu kommen. Feste Schuhe trug kaum einer. So etwas war nur bei Spekulanten auf dem Schwarzmarkt zu kriegen oder wurde an Soldaten ausgegeben. Nicht wenige pfiffige Kerlchen meldeten sich zum Militärdienst, um ein Paar feste Stiefel zu ergattern. Auch Dejew ging nur deshalb in ledernen Schnürschuhen, weil er beim Versorgungsdienst gewesen war. Als er sie erhielt – wenig getragen, eine Nummer zu groß und ohne Schnürsenkel –, war er sich wie ein Märchenprinz vorgekommen. Aber auch beim Militär lagen keine Ersatzschuhe für ein ganzes Regiment herum. Fünfhundert Paar feste Schuhe konnte man nur leihen, und das ausschließlich bei der Armee.

Bis zum Kreml brauchte Dejew nicht lange. Er schritt nicht vorsichtig durch den herbstlichen Matsch, sondern rannte, so schnell er konnte. Der Streit mit der Kommissarin gab ihm Kraft. Hinter den weißen Mauern der alten Festung befand sich die Militärakademie. Dort stampften fünfhundert Paar Stiefel, die Dejew so dringend brauchte, über den Boden oder gaben Pferden die Sporen.

Aber in den Kreml kam man nicht einfach so hinein. Der Wachposten am Tor, ein Hohlkopf mit Bajonett, stellte sich stur: Ohne Passierschein kein Zutritt.

»Ein Mörder bist du!«, erregte sich Dejew. »Während wir leeres Stroh dreschen, sterben Kinder!« Als ihm klar wurde, dass er schon redete wie die Kommissarin, wurde er noch wütender. »Melde mich wenigstens deinem Kommandeur!«

Doch der: »Ich darf meinen Posten nicht verlassen.«

»Dann schlag ich Krach!«, drohte Dejew. »Ich quieke wie ein Schwein, das gerade abgestochen wird, bis dein Vorgesetzter selber zu mir herauskommt.«

Doch der Soldat: »Dann rufe ich die Miliz.«

Dejew spuckte aus und verlegte sich aufs Warten. Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen, stand er im Nieselregen und durchbohrte den Posten, der es sich in seinem Wachhäuschen gemütlich gemacht hatte, mit Blicken, um ihn aus der Fassung zu bringen. Dabei musste er immer wieder auf die peinlich sauberen, mit Liebe und Eifer gewienerten Stiefel des Diensthabenden schauen.

Die Kinder fielen ihm ein. Wenn sie ihm nun tatsächlich unterwegs wegstarben?

Das durfte einfach nicht passieren. Er musste für sie nur Schuhe besorgen, in denen sie von dem Palast aus kaltem Stein zu den warmen Eisenbahnwagen laufen konnten. Dejew wollte sie in diesen Wagen einschließen wie eine kostbare Fracht, die Heizung zum Glühen bringen, dass sie sich fühlten wie im Sommer, und mit ihnen wie der Blitz nach Samarkand eilen. Ein paar Wochen später würden sie schon in Turkestan sein.

Dort herrschte ewiger Sommer. Die Sonne war heiß, der Regen warm. Dort gab es Brot und Reis. Dazu die Weintraube, diese Wunderbeere, die das Blut schneller kreisen lässt und rote Wangen macht. Selbst hatte er sie noch nicht gekostet, aber davon gehört. Dort gab es Berge von Nüssen und Backpflaumen, groß wie eine Kinderfaust. Und Hammelfleisch für alle. Er musste nur noch Schuhe auftreiben …

Da hielt er nun zusammen mit dem Posten Wache vor dem Tor, bis es dunkel wurde. Leute kamen und gingen. An Eile und Geschäftigkeit sah er: Keine Vorgesetzten. Ein Auto rollte heran. Der eilig herausgehaltene Passierschein sagte ihm: Auch nicht der Mann, den er brauchte.

Der Chef tauchte erst am Abend auf. Als im Kreml Pferdegetrappel zu hören war, stand der Wachposten stramm und riss die Augen auf. Das war der, auf den Dejew wartete.

Ein Pferd sprengte aus dem Tor. Darauf eine hochgewachsene, kräftige Gestalt in Uniform. Ohne bei dem trüben Licht Rangabzeichen erkennen zu können, sprang Dejew dem Pferd in den Weg und rief: »Genosse Kommandeur!«

Der Posten wollte den Unverschämten wegzerren, doch der Reiter zügelte das Pferd, das sich aufbäumte, mit den Vorderbeinen um sich schlug und drohte, jedem in seiner Nähe den Schädel zu zertrümmern.

»Genosse Kommandeur!« Dejew musste dem Pferd ausweichen, mit dem Reiter reden und zugleich dem Posten entkommen, der ihn, das störende Gewehr mit Bajonett auf dem Rücken, zu ergreifen versuchte. »Fünfhundert Kinder sterben, wenn keine Hilfe kommt!«

Jetzt hatte der Wachmann Dejew gepackt. Da er nicht wusste, wie er ihn aus dem Weg räumen sollte, umarmte er ihn von hinten, als ob er ein Weib betatschen wollte, der Blödmann! Der kräftige Kerl hielt Dejew so fest, dass er sich nicht mehr rühren konnte.

»Fünfhundert Kinder!«, brüllte Dejew, um das Hufgetrappel zu übertönen, und versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien. »Sie brauchen ganz dringend Schuhe!«

»Was habe ich damit zu tun?« Der Reiter sprach ruhig, ohne die Stimme zu heben. Er war sicher, dass man ihn verstand. »Woher soll ich Schuhe nehmen?«

»Von Ihren Soldaten! Sie sollen sie uns ausleihen, nicht für lange, nur damit die Kinder darin zum Bahnhof gehen können! Sonst werden sie bei dieser Kälte krank! Sind alle barfuß …!«

»Und Sie verlangen, dass die ganze Akademie mit bloßen Füßen dasteht?« Der Reiter saß kerzengerade auf dem tänzelnden Pferd, hielt mit einer Hand die Zügel und ließ den freien Arm lässig herabhängen. Die Pose kannte Dejew – von ehemaligen Offizieren der Zarenarmee.

»Doch nur für eine Stunde!«

»Sie sind nicht ganz bei Trost.« Der Reiter brüllte nicht, sondern teilte ihm nur eine Beobachtung mit. »Und wenn das Korps in dieser Stunde den Befehl zum Ausrücken erhält?«

»Und wenn fünfhundert Kinder an Erkältung sterben? Drei Hungerjahre haben sie durchgehalten, und jetzt sollen sie eingehen?« Das brüllte Dejew und erschrak über seine eigenen Worte. »Sie sollen nach Samarkand gebracht werden, wo es Wärme und Brot gibt. Ich muss sie mit Volldampf dorthin fahren! Aber während ich hier mit Ihnen rede, verliere ich kostbare Zeit …!« Dejew warf dem Wachmann einen bösen Blick zu, der ihn nach wie vor fest gepackt hielt. »Der Auftrag ist in meiner Brusttasche. Ich könnte ihn vorzeigen, aber das geht ja nicht.«

Der Reiter bewegte nur kurz das Kinn, und sofort ließ der Posten ihn los, nicht, ohne wütend zu schnaufen.

»Ihre Soldaten sind satt und stark!«, entschlüpfte es Dejew, während er die Schultern lockerte. »Können die wirklich nicht ein Stündchen in der warmen Kaserne hocken?«

Dejew griff in die Tasche seiner Feldbluse, zog das Papier hervor, entfaltete es und reichte es dem Reiter hinauf.

Es war kaum möglich, dass der in der Dunkelheit etwas erkennen konnte, denn er beugte sich keinen Zentimeter vor und nahm es auch nicht in die Hand. Während das Pferd immer noch nervös tänzelte, besah er den Bittsteller von allen Seiten und ordnete dann halblaut an: »Seien Sie am Sonntagmorgen Punkt sechs mit einem Fuhrwerk hier. Sie warten vor dem Tor. Gegen Unterschrift erhalten Sie fünfhundert Paar Stiefel. Rückgabe nach zwei Stunden. Ein Zug Kavalleristen begleitet die Fuhre und überwacht alle Vorgänge. Beim geringsten Verdacht, dass Staatsvermögen entwendet werden soll, wird blankgezogen.«

Zu einer Antwort kam Dejew nicht mehr. Der Reiter zupfte kurz am Zügel, und das ungeduldige Pferd sprengte die gepflasterte Kremlausfahrt hinab.

Bis Sonntag blieben Dejew noch zwei Tage. Damit war auch die Abfahrt des Zuges bestimmt.

Schnurstracks lief Dejew nun zum Wohnheim, um seine Sachen zu holen. Im Zug einrichten wollte er sich noch in dieser Nacht, um am nächsten Tag damit keine Zeit zu verlieren. Er musste unbedingt noch einmal zu Tschajanow gehen. Im Büro wollte er dem Chef von Mann zu Mann in die Augen sehen und erklären: Diese Belaja passt nicht zu uns. Mit ihr kann ich nicht fahren. Mit einem Weib im Zug käme ich schon zurecht, doch die saugt einem das Blut aus wie ein Vampir. Nicht nur meins, sondern das der Kinder. An die kann ich sie nicht heranlassen. Diese Frau als Kommissarin ist ein Fehlgriff. Das betone ich auf das Entschiedenste, Genosse Tschajanow. Das ist keine Klage, sondern eine Erklärung.

Aber wie man es auch drehte und wendete, es blieb eine Beschwerde.

Und sich über ein Weib zu beschweren empfand Dejew als Schande.

Also lief er nicht zu Tschajanow. Als das erleuchtete Fenster von dessen Büro im Bahnhofsgebäude auftauchte, ging er daran vorbei und weiter über knirschenden Schotter die vom Mondlicht beschienenen Gleise entlang bis zum Ende des Abstellgleises, wo der zur Abfahrt bereite leere Zug ihn erwartete.

War der wirklich leer? Aus dem Fenster eines Wagens fiel der blassgelbe Schein einer Petroleumlampe.

Arbeiteten die Zimmerleute noch so spät am Abend? Doch die hatten ihren Auftrag bereits am Vormittag erfüllt. Dejew war selbst überall durchgegangen, hatte die Festigkeit der Pritschen geprüft und schließlich dem Vorarbeiter das Papier unterschrieben. Hatten Bettler hier ihr Nachtlager aufgeschlagen? Oder Eisenbahndiebe, die auf den nächsten Zug warteten?

In einer Tasche seiner Jacke tastete Dejew nach dem Revolver. Uniform und Pistolenfutteral hatten die Kasaner Transportbegleiter noch nicht bekommen; also musste er die Waffe nackt in der Tasche tragen. Vorsichtig, damit der Schotter unter seinen Füßen nicht knirschte, schlich er sich an den Zug heran.

In den Wagen hineinschauen konnte er nicht. Die Fenster waren zu hoch, und Dejew sah nur ein Stück Decke. Jemandes Schatten schwang wie ein Pendel hin und her.

Dejew zog den Revolver aus der Tasche. Langsam, mit angehaltenem Atem stieg er die eisernen Stufen hinauf. Er packte den Türgriff und drückte ihn ebenso vorsichtig herunter. Die Waffe im Anschlag, schlüpfte er durch den Türspalt in den Wagen.

Beim Schein der Petroleumlampe schwangen weibliche Hüften hin und her. Es war Kommissarin Belaja, die – nur in Unterwäsche – mit leicht gebeugten Knien, das kräftige Hinterteil hochgestreckt, den Fußboden scheuerte. Sie trug eine lange Männerunterhose, die so weit abgeschnitten war, dass man ihre Beine fast ganz sehen konnte. Die schlanken Waden hätten auch einem Jungen gehören können.

»Wo treiben Sie sich herum, Dejew?« Belaja, die bemerkte, dass sie nicht mehr allein war, richtete sich auf und fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht. »Wir beiden wollten doch in der Nacht hier Ordnung schaffen.«

Die Lampe stand auf dem Fußboden, wo gearbeitet wurde, was die Gestalt der Frau von unten her in ein phantastisches Bühnenlicht tauchte. Golden erstrahlten die nackten Beine und gaben alle Einzelheiten preis: Die Knie mit Grübchen und Höckerchen wirkten wie zwei Kindergesichter, und die glatten, schlanken Fesseln konnte man sicher mit einer Hand umfassen. Die Füße waren schmal, wie Dejew erwartet hatte, aber nicht klein, sondern langgestreckt. Ihm schien sogar, er könne an der Außenseite ihrer Unterschenkel winzige Härchen schimmern sehen. Der Oberkörper der Frau lag im Schatten, und ihr Kopf war bei dem schwachen Licht kaum zu erkennen.

»Ich habe Schuhe gesucht«, antwortete Dejew und wusste vor Verlegenheit nicht, wo er hinschauen sollte. »Und gefunden! Übermorgen fahren wir los.«

»Das ging aber schnell«, gab sie zurück, nickte beifällig und trat dicht an ihn heran.

»Haben meine Ratschläge genützt? Haben Sie den Versorgungschef der Stadt in die Enge getrieben und gedroht, sich bei der Tscheka zu beschweren?«

Von der anstrengenden Arbeit noch etwas außer Atem, beruhigte sie sich langsam wieder. Sie roch nach Salz. Von dem nassen Lappen, den sie in der Hand hielt, tropfte Wasser auf den Boden.

»Warum schauen Sie mich nicht an? Habe ich recht mit meiner Vermutung?«

»Zieh dir erst mal was über!«, gab Dejew wütend zurück. »Dann sehe ich dich auch an.«

Trotzig zwang er sich, ihr direkt auf die Brust zu glotzen. Frech und ohne zu blinzeln starrte er in den offenstehenden Ausschnitt des Unterhemds und riss auch noch die Augen auf. Zugleich spürte er, wie er vor Scham puterrot wurde und seine Wangen glühten. Er musterte alles genau – den Hals, die scharf hervorstehenden Schlüsselbeine und den Schweißtropfen in dem Grübchen dazwischen. Fast ohne Licht glaubte er alles genau erkennen zu können.

»Für Sie bin ich die Kommissarin und keine Frau, Dejew.« Belaja trat ganz dicht an ihn heran. Unwillkürlich streckte er sich, als zöge man ihn an den Haaren hoch, um wenigstens ein paar Millimeter größer zu erscheinen. »Da spielt es keine Rolle, was ich anhabe! Und was Sie anhaben! Oder?«

Doch größer konnte er nun einmal nicht werden.

Belaja riss den Lappen in zwei Teile und klatschte Dejew die eine Hälfte vor die Füße. Dann trat sie dorthin, wo sie soeben noch gescheuert hatte, und nahm die Arbeit wieder auf.

Die ging ihr leicht und flott von der Hand. Die Arme flogen raumgreifend hin und her, der Rücken schwang elastisch mit, und die Löckchen wippten im Takt der Bewegungen. Es war, als schwebe über dem trüben Schein der Lampe eine goldene Wolke … Dejew musste sich zusammenreißen, um sich abwenden zu können.

Da wurde ihm bewusst, dass er immer noch den Revolver in der Hand hielt. Er wollte ihn wieder in die Jackentasche stecken, fand diese aber nicht gleich. Endlich gelang es ihm. Dabei hätte er beinahe mit dem Fuß den Wassereimer umgestoßen. Er hätte sich ohrfeigen können.

Er warf seinen Kleidersack ins nächste Gepäcknetz, zerrte sich die Jacke herunter und schlüpfte aus den Schuhen. Am liebsten wäre er in den Nachbarwagen gegangen und hätte dort gescheuert, aber sie hatten nur die eine Lampe. Auch am anderen Ende dieses Wagens konnte er nicht anfangen, dafür war der Lichtschein zu klein. Also mussten sie sich an der beleuchteten Stelle drängen. Das traute er sich schon zu. So schwierig konnte es doch nicht sein, zusammen mit der frechen Schnepfe ein paar Stunden Fußböden zu wischen. Er krempelte die Reithose bis zu den Knien und die Ärmel der Feldbluse bis zu den Ellenbogen hoch. Endlich war er fertig.

»Ich habe kein Glück gehabt«, sagte jetzt Belaja. »Ihr Chef Tschajanow hat sich geweigert, Sie von diesem Zug abzuziehen. Wir sind uns tüchtig in die Haare geraten. Ich habe zu ihm gesagt: ›Ihr Dejew ist ein Schwächling, hat ein Nervenkostüm wie ein Fräulein. Der schafft es nicht bis zum Ziel …‹«

Dejew, der gerade seinen Lappen im Eimer spülte, erstarrte mitten in der Bewegung, den nassen Fetzen in der Hand.

Vor ihm blitzten die nackten Waden der Kommissarin auf, die sich ihm rückwärts immer mehr näherte und saubere Dielen hinterließ.

»… Doch Tschajanow hat geantwortet: ›Wenn einer es schafft, dann Dejew.‹«