Wohin Zeit fällt - Thomas A. Sandmann - E-Book

Wohin Zeit fällt E-Book

Thomas A. Sandmann

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Beschreibung

Eine Geschichte aus Wahrheit, Fiktion und Spiritualität, die uns lehren soll, nicht den größten Fehler unseres Lebens zu begehen, indem wir alles richtig machen wollen und am Ende genau aus diesem Grund scheitern. Teil zwei der Wohin-Serie Antonia, erfolgreiche Unternehmerin, gerät in einen Strudel aus Familienzwist, beruflichen Herausforderungen und gefährlichen Verwicklungen. Genervt von den Kapriolen ihres Bruders und von den Frechheiten eines Journalisten der Zeitschrift „Unternehmen im Fokus“, platzt ihr der Kragen. In einem Feldzug gegen den skrupellosen Verleger Lando Sensenmann lässt sie sich undercover als Reinigungskraft in seinen Haushalt einschleusen. Bald gerät Toni in Versuchung, dem unwiderstehlichen Charme des Sensenmanns zu erliegen. Sie muss jedoch stark bleiben, da sie ihn für Steuerberater Tom Sandmann ausspioniert. Im Wirrwarr ihrer Gefühle, gepaart mit einer offenbaren Fabelwesenunverträglichkeit, ahnt sie nichts von den perfiden Plänen, die ihr Bruder und ihr bester Freund verfolgen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Thomas A. Sandmann

 

Wohin

Zeit

fällt

Tonis verrückte Reise durchs Schicksal

Liebesdramödie

 

Teil zwei der Wohin-Serie

 

Aus einem Bauchgefühl heraus und dem Impuls, dass alles im Leben auch mal genug ist, entstand Teil eins dieser Reihe.

Eine Geschichte aus Wahrheit, Fiktion und Spiritualität, die uns lehren soll, nicht den größten Fehler unseres Lebens zu begehen, indem wir alles richtig machen wollen und am Ende genau aus diesem Grund scheitern.

Nach Teil eins blieben viele Fragen und das Schicksal der Figuren war ungewiss.

Das soll sich mit Teil zwei nun ändern …

 

 

In liebevoller Erinnerung an Lando.

 

Für alle, die zu Helden werden, weil sie Unliebsames lieben und bereit sind, ihr Herz noch vor ihrem Verstand zu verlieren.

 

Thomas

 

Inhalt

1 Schluss mit lustig!

2 Hoppla, da bin ich!

3 Startklar

4 Boah, ey!

5 Leibhaftige Klebezettel und Mailverkehr

6 Allein unter Irren

7 Unbeobachtet

8 Nur ich gegen mich

9 Sandmann vs. Sensenmann

10 Flucht aus der Hölle

11 Böses Erwachen am Sonntag

12 Böses Erwachen am Montag

13 Der Plan

14 Theorie und Praxis

15 Der Sog der Finsternis

16 Na endlich und die ungeschönte Wahrheit

17 Schlimmer geht immer

18 Verstecken

19 Auf dem Rücken des Drachen

20 Lippenbekenntnisse

21 Rebellion der Küchengeräte

22 Bittere Wahrheit

23 Süße Träume – Böses Erwachen

24 Das Erwachen des Dämmerungsdrachen

25 Noch mal von vorn

26 Der letzte Traum

Impressum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Schluss mit lustig!

 

 

Montag, April, Sensenbach im Westerwald

 

»Günther Strunk, vom Magazin Unternehmen im Fokus. Laut Lesermeinungen ist das Unternehmen Bergen Metalle derzeit eines der beliebtesten Unternehmen im Westerwald. Wir würden gern darüber berichten«, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.

»Guten Morgen, Herr Strunk. Antonia Bergen. Das sind tolle Neuigkeiten. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?« Antonia griff sich einen Stift und sah sich auf ihrem Schreibtisch nach einem Notizzettel um. Sie konnte sich nicht an eine Umfrage der Zeitschrift erinnern. Ihr Ellbogen streifte die Maus, die linke Taste klickte und eine Internetseite öffnete sich.

»Wir würden gern den Firmenstandort Sensenbach näher beleuchten und dann Bergen Metalle. Könnten wir samt Kamerateam einen Termin vor Ort vereinbaren, um ein Interview aufzuzeichnen?«, fragte Herr Strunk.

»Gern. Wann hätten Sie denn Zeit?« In Gedanken ging Antonia die Termine der nächsten Woche durch. Einen Interviewtermin einzuschieben, würde schwer werden, aber sicher war es das wert. Sie sah auf den Bildschirm, um ihren Terminkalender einzusehen, und las dort: Spirituelle Gratisberatung.

»Wir richten uns ganz nach dem Terminplan Ihres Chefs«, sagte Herr Strunk, noch bevor sie ihren Kalender geöffnet hatte.

Antonia hielt inne. »Entschuldigen Sie das Missverständnis, Herr Strunk. Ich bin hier die Chefin.« Genervt kritzelte sie Kreise auf ihre Schreibtischunterlage und malte ein Blümchen um das B von Bergen Metalle, während sie erneut auf den Bildschirm schielte. Online-Kartenlegen, was für ein Unfug!

»Was ist mit Herrn Harro Bergen?«, fragte Herr Strunk.

»Was soll mit ihm sein?« Antonia unterbrach ihre Kritzeleien und konzentrierte sich auf den Anrufer.

»Den hätte ich gern interviewt«, erklärte Herr Strunk.

»Wollten Sie nicht die Geschäftsleitung interviewen?« Antonia war bemüht, nicht zickig zu klingen.

»Ja. Genau. Den Chef, Herrn Bergen.« Das sagte Herr Strunk voller Überzeugung.

Antonia begann erneut mit Kritzeleien. Dieses Mal zeichnete sie Kreuze hinter das Firmenlogo BMS.

»Harro Bergen ist nicht die Geschäftsleitung. Er ist Juniorpartner und …«

»Frau Bergen. Sie kennen unser Magazin? Eine Frau ist da unpassend. Letztlich wissen wir beide, dass Sie den väterlichen Betrieb nur für die Zeit übernommen haben, bis Ihr Bruder alt genug ist, um voll einzusteigen.«

Verflucht noch mal, warum hörte sich dieser Typ so arrogant und selbstsicher an?

»Und dann?«, fauchte Antonia in den Hörer.

»Dann werden Sie doch sicher an die Familienplanung denken? Das steht jeder Frau in Ihrem Alter zu und ist keine Schande. Einen Betrieb dieser Größenordnung kann keine Frau führen, die sich auch um die Familie kümmern muss.«

Der Anrufer war offenbar ein Mann mit Weitblick – vor allem aber mit Einblick in die Welt der Frauen von heute! »Wie war Ihr Name?«, trällerte Antonia zuckersüß.

»Günther Strunk.«

»Aha. Herr Strunk. Wagen Sie es ja nie wieder, hier anzurufen! Haben Sie mich verstanden?« Antonia notierte den Namen auf der Unterlage und begann, ihn einzukreisen.

»Wie bitte?«, stammelte Herr Strunk.

»Sie chauvinistisches Arschloch sollen hier nie wieder anrufen!«, brüllte Antonia.

»Ach, Sie sind eine von diesen Feministinnen, stimmt’s?« Er war hörbar amüsiert über ihren Wutausbruch.

Antonia knallte den Hörer auf die Gabel des Festnetztelefons. Kaum lag das graue Plastik an seinem Platz, klingelte die Zentrale erneut durch.

»Wenn da wieder dieses Arschloch dran ist …«, brüllte sie und schlug auf die Tischplatte.

»Ist er nicht«, sagte Vicki vom Empfang kleinlaut.

»Mh.«

»Bist du okay, Toni?«, fragte Vicki voller Sorge.

»Frag nicht. Sollte dieser Günther Strunk noch einmal anrufen, ordern wir ein Killerkommando«, murrte Antonia.

»Ich werde den Typ nie wieder durchstellen. Versprochen.«

»Gut. Noch etwas?«

»Öhm. Nö«, stammelte Vicki.

Toni legte den Hörer zurück und blickte übel gelaunt auf den Bildschirm. Ja! Sie würde es wagen und diese schwachsinnigen Tarotkarten befragen. Weshalb sollte sie immer rational sein und alles ernst nehmen? Offenbar nahm sie ja auch keiner ernst.

Toni kicherte hysterisch bei dem Gedanken, dass sie sich für verwegen hielt, weil sie auf diesen Karten herumklickte. Sogleich würden sie ihr das Geheimnis der Schamanin offenbaren. Allein das war schon Käse. Was hatten diese Karten mit Schamanismus zu tun? Augenscheinlich entwickelte sich auch die Welt der Esoteriker, Sonnenanbeter und … Toni neigte den Kopf, als sich die Spielkarten auf dem Bildschirm herumdrehten.

»Der Narr, die Liebenden, der Teufel und der Tod. War ja klar. Volle Breitseite. Wennschon, dennschon«, murrte sie. Dennoch stellte sie fest, dass sie sich allmählich beruhigte. Somit war diese Ablenkung effizient. Sie bewegte den Cursor auf den Narren und kniff ein Auge zu. »Sie treten Angelegenheiten mit solcher Unbekümmertheit entgegen, dass sich Ihre kindliche Naivität als Dummheit herausstellt. Danke auch!« Antonia schluckte die erneut aufsteigende Wut hinunter.

Dann las sie weiter bei den Liebenden: »Sie drücken sich bereits endlos davor, lange notwendige Entscheidungen zu treffen. Erteilen Sie eine Absage an den alten Lebensrahmen und machen Sie ein Bekenntnis zur einen Liebe.« Antonia stöhnte auf. Was für ein Klamauk. Aber sie würde es zu Ende lesen. Sie hatte noch nie in ihrem Leben aufgegeben oder Dinge abgebrochen. Daran würden auch die Liebenden nichts ändern.

»Der Teufel symbolisiert die bevorstehenden Ereignisse im Leben des Fragestellers. Alles, was der Teufel berührt, zieht er in seinen Bann. Dabei ist er kaum zu enttarnen, trägt er doch für jeden eine andere Maske. Sein Auftauchen beschwört die dunkle Seite der folgenden Karte herauf.«

Antonia stand mit einem Mal erneut unter Anspannung. Wie frech es war, solch negative Gedanken zu transportieren. Immerhin könnte jemand so etwas lesen, der nicht so gefasst war wie sie. Doch war sie gefasst? Ihre Hände zitterten vor Wut, und Tränen stiegen in ihr auf. Beinah verzweifelt las sie den letzten Text: »Der Tod – hier steht er für das Ergebnis Ihres Handelns. Unumgänglich ist er, der Tod. Allgegenwärtig. Der Teufel als Beikarte zeigt, dass Sie in selbst heraufbeschworenes Unheil steuern, an dessen Ende der Tod steht. Was Sie auch tun, um das Böse abzuwenden, er wird Ihnen begegnen.«

Antonia starrte auf die Karte. Die Figur darauf trug eine dunkle Kapuze, die weit in sein aus nichts als Finsternis bestehendes Gesicht ragte. In seiner Rechten trug er eine Sense, und in seiner Linken hielt er eine Sanduhr.

Erneut klingelte das Telefon. Antonia fühlte sich ertappt und nahm ab.

»Ja?«, murrte sie.

»Öhm. Also …«, druckste ihre Sekretärin.

»Raus damit!«, befahl Antonia.

»Dein Bruder ist in der Leitung.«

»Warum ruft er nicht auf meinem Handy an?« Automatisch griff Antonia nach ihrem Mobiltelefon, doch es war weder eine Nachricht noch ein Anruf darauf zu sehen.

»Das Telefon zeigt eine Durchwahl vom Hotel Glockenspitze. Keine Ahnung?«, stammelte Vicki.

»Stell ihn durch«, murrte Toni. Sie wollte nicht wissen, was Harro zu sagen hatte, doch das half nicht.

»Hey Toni! Guten Morgen!«, trällerte ihr jüngerer Bruder.

»Guten Morgen, Harro. Gleich ist es elf Uhr. Wo bist du?« Warum fragte sie das überhaupt? War es nicht immer dieselbe Leier? Harro trieb sich in Bars herum, schleppte Mädchen ab und besoff sich. Letztlich blieb Toni nur die Hoffnung, dass es bei den Besäufnissen blieb und nicht irgendwann Drogen ins Spiel kamen.

»Ich hatte eine Höllennacht. Glaub mir«, sagte Harro.

Sie kannte den wehleidigen Tonfall schon, doch bei ihr hatte er seine Wirkung verloren. »Mh.«

»Könntest du mich vielleicht abholen?«

»Wo zur Hölle bist du?«, zischte Toni.

Jeden Montag spielte er dieses Spiel. Jeden Montag fuhr sie in eines der umliegenden Hotels und löste ihn nach einem durchfeierten Wochenende dort aus. Sie verstand nicht, wie ein Mensch so bescheuert sein konnte, jedes Mal seine Geldbörse zu vergessen – oder war das eine Masche und sie begriff den Sinn nicht? Harro hatte genug Geld zur Verfügung, um nicht auf Antonia angewiesen zu sein.

Es klopfte an der Tür, dann trat Vicky ein und legte die Posteingangsmappe vor Toni auf den Schreibtisch.

»Hotel Glockenspitze. Könntest du Geld mitbringen? Ich habe …«

Antonia starrte auf das erste Blatt in der Mappe. Dort wurde dem Fahrer des firmeneigenen Audi Q7 vorgeworfen, eine Tempo-30-Zone mit einhundertfünfzig Kilometern pro Stunde durchfahren zu haben. Harro grinste sie vom Schwarz-Weiß-Foto an. War das ein blonder Haarschopf in seinem Schoß?

»Toni? Du schnaufst so in den Hörer. Ist dir nicht gut?«

»Wie alt bist du letzten Monat geworden?«

»Siebenundzwanzig. Kommst du nun?«

»Nein.« Antonia ertrug den Anblick ihres Bruders nicht länger und schlug die Postmappe zu.

»Wie bitte? Ach, du willst mich mal wieder auf den Arm nehmen!« Harro kicherte.

»Hör gut zu, Harro: Ich werde meinen Anwalt anrufen, damit er dir ein Angebot unterbreitet. Kauf meine Firmenanteile und lass mich in Ruhe!«

»Wovon sprichst du?«, stammelte Harro.

»Ich kündige!«, brüllte Antonia.

»Das geht doch gar nicht, Dummerchen. Du bist meine Schwester. Komm schon her und lös mich aus, ja?«

»Lass dich doch von einer deiner Nutten auslösen und bring sie mit, dann kann sie meinen Job gleich übernehmen! Adieu!«

Toni hörte, dass Harro noch etwas ins Telefon plärrte. Sie knallte den Hörer auf, packte das Telefon und schmiss es gegen die Wand. Plastikteile stoben in alle Richtungen davon.

Versucht, nicht völlig die Beherrschung zu verlieren, atmete sie tief ein. Wie gern wollte sie alles hinschmeißen. Ihr ätzendes Pflichtbewusstsein fand sie selbst zum Kotzen! Den Tränen nah, blickte sie in das leere Gesicht des Todes auf ihrem Bildschirm. »Das wird nicht eintreten! Und weißt du auch warum, Sensenmann? Weil ich nun handle, wie es keiner von mir erwartet hat. Nicht mal die Karten haben das vorhersehen können.«

Antonia sprang auf. In gewohnter Weise strich sie sich den schwarzen Rock glatt. Den Saum des Blazers zog sie nach unten, dabei fiel ihr Blick auf ihre Pumps: kaum Absatz, schwarz. Oh, wie bieder und lächerlich kam sie sich vor! Seit mehr als zehn Jahren schmiss sie diesen Laden. Ihr Vater hatte sie eingearbeitet, noch während sie studiert hatte. Jetzt war Toni fünfunddreißig, ledig und ungebunden, hatte einen Berg voll Geld und bewohnte gemeinsam mit ihrem nichtsnutzigen Bruder die Villa, die ihnen ihr Vater vererbt hatte.

Vicki lugte zur Tür herein. »Alles okay? Da war so ein Lärm.«

»Was soll schon sein?«, fauchte Toni und kramte ihre Handtasche aus der Schreibtischschublade.

Vicky schlich, in ihrem grauen Hosenanzug nahezu unsichtbar, durch den Raum und hob das Telefon auf. »Oje. Ich lass das ersetzen.«

»Wenn du meinst.« Endlich ertastete Toni den Schlüssel in ihrer Tasche.

Vicki sammelte die umherliegenden Tasten ein. »Weißt du zufällig, wann Harro da ist?«

»Nein. Verflucht. Und es ist mir scheißegal!«

»Weil, da ist dieser Steuerberater Tom Sandmann von der Kanzlei Sandmann & Wagenbach, zu der wir mit der Firma gewechselt sind. Der rief an und hat gesagt, dass noch Unterlagen fehlen.«

»Warum spricht er nicht mit mir?«

Vicki stellte sich auf und zuckte mit den Schultern, während sie sich auf die Lippe biss. »Keine Ahnung. Die fragen immer nach dem Chef.«

Toni umklammerte den Schlüssel. Das war genug! Sogar Vicki checkte das nicht. Was war das für eine ätzende Welt, in der sie die Kohlen aus dem Feuer holte und alle ihren unfähigen Bruder dafür bewunderten, wie gut die Firma lief.

»Und dann rief noch ein Herr Sensenmann an. Er hat darum gebeten, sich formlos mit der Geschäftsleitung zu treffen. Heute gegen einundzwanzig Uhr im Time Collapse.«

Toni horchte auf und dachte dummerweise sofort an die Tarotkarte mit dem Tod. »Bitte wer?«, stammelte sie.

»Das ist der Chef von ›Unternehmen in Fokus‹ und da dachte ich, ich stelle ihn lieber nicht durch. Als ich gefragt habe, mit wem genau, hat er gesagt, mit Harro Bergen wolle er sich treffen.«

Das war endgültig genug und bestärkte Antonia in ihrem Vorhaben. »Vicki, ich kündige!«

»Hey, Toni. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen, oder?«, stammelte Vicki.

»Nicht du bist gekündigt, sondern ich.« Toni zog die Fernbedienung des Firmenwagens heraus und legte sie auf den Tisch, bevor sie mit rotem Filzstift quer über die Schreibtischunterlage schrieb: Mach deinen Scheiß allein!

»Toni?«

Sie ignorierte Vicki, die sie mit aufgerissenen Augen anstarrte. Hastig drehte Toni sich um, stolzierte aus dem Büro und ohne Umwege zum Ausgang des Gebäudes. Dort angekommen, warf sie einen letzten Blick auf die Werkhalle, bevor sie in Richtung Hauptstraße aufbrach. Die Märzsonne wärmte sie durch den Wollmantel leicht, dennoch fröstelte sie in Rock und Pumps, als sie die Straße entlangging. Der Sog der vorbeirauschenden Autos verwirbelte ihr die Frisur. In der Handtasche klingelte das Mobiltelefon vor sich hin.

Sicher war das Vicki oder Harro, aber Antonia hatte ihre Entscheidung getroffen. Und mit jedem Schritt, den sie sich weiter vom Gebäude entfernte, fühlte sie sich befreiter.

Ein weißer Geländewagen fuhr an ihr vorüber, ehe er wenige Meter weiter anhielt. Antonia drohte am Dieselruß des betagten Modells zu ersticken, als sich die Beifahrertür des Toyota Land Cruiser vor ihr auftat. Ein Kerl lehnte sich über die Mittelkonsole und grinste sie an, die Augen von einer dunklen Pilotenbrille bedeckt.

»Hey. Darf ich Sie ein Stück mitnehmen?«

Antonia betrachtete den schlanken Mann, der in Hemd und Jeans gekleidet in diesem Dinosaurier von Auto wirkte, als sei er selbst ein Relikt aus einer anderen Zeit. Allerdings ließ ihn das coole Auto dabei verdammt attraktiv aussehen.

»Warum eigentlich nicht?«

Er streckte ihr die Hand entgegen und half ihr beim Einsteigen. »Tom Sandmann«, stellte er sich sogleich vor.

Antonia musterte ihn erneut von oben bis unten. Das war also der neue Steuerberater, mit dem Richard Wagenbach, der Sohn eines alten Freundes ihres verstorbenen Vaters, eine Kanzlei führte. Richard kümmerte sich seit einigen Jahren als Anwalt um die familiären Angelegenheiten der Bergens. Deshalb hatte Antonia auf Richards Angebot hin zugestimmt, auch mit der Firma dorthin zu wechseln, und, weil die letzte Steuerprüfung bei Bergen Metalle eine Nachzahlung in sechsstelliger Summe beschert hatte. Der Ruf der Arbeitsqualität der Kanzlei Sandmann & Wagenbach war ausgezeichnet, der des Privatlebens des Steuerberaters Tom Sandmann, war eine ganz andere Sache.

»Freut mich, Sie persönlich zu treffen, Herr Sandmann. Ich bin Antonia Bergen.«

Der Sandmann – wie ihn alle in der Stadt nannten – warf Antonia einen fast mitleidvollen Blick zu. Was zur Hölle hatte das zu bedeuten? Antonia begann innerlich zu kochen.

»Sie wissen doch, wer ich bin!«, keifte sie, vom Dröhnen des Motors angeregt, lauter als beabsichtigt.

»Weiß ich, Schätzchen. Haben Sie einen schlechten Tag?«

Toni fand seine Ausdrucksweise samt der blöden Frage frech, aber sein freundliches Lächeln besänftige sie.

»Kann man so sagen.« Völlig überdreht lehnte sie sich im Sitz zurück und starrte auf die Straße. »Sagen Sie Richard bitte, er soll meine Firmenanteile an meinen Bruder veräußern. Ich bin ein paar Tage weg. Ich benötige einen freien Kopf.« Sie wartete darauf, dass Tom Sandmann das sagte, was alle Berater immer zu ihr gesagt hatten. Nämlich, dass sie auf keinen Fall aus der Firma aussteigen solle, da sie es doch so weit gebracht hatte.

Der Sandmann jedoch grinste. »Das ist eine weise Entscheidung.«

»Geht es Ihnen eigentlich besser? Richard hat erzählt, Sie seien auf Kur gewesen.«

»Ich war in einer Hütte in Finnland, um zu mir zu finden«, antwortete der Sandmann.

»Und?«, bohrte Antonia.

»Meine Selbstfindung hat sehr, sehr lange gedauert, aber ich denke, es hat funktioniert.« Der Sandmann wippte im Rhythmus der Musik mit dem Kopf und beobachtete die Straße.

Antonia erinnerte sich an die Gerüchte, dass Tom Sandmann aus seinem Kurlaub eine dreißig Jahre jüngere Frau mitgebracht hätte, mit der er nun liiert war. Fraglich, ob so ein Typ der richtige Ansprechpartner für sie war.

»Wie? Oder besser: Was hat funktioniert?«, fragte sie.

»Ich bin einfach …« Tom lächelte verschmitzt und hielt den Wagen vor einem Bekleidungsgeschäft an. »Ich bin glücklich. Versuchen Sie das. Hören Sie auf die Stimme tief in ihrem Innern, und zwar, bevor es zu spät ist. Sie werden sehen, es klappt. Und besuchen Sie mich doch mal in der Kanzlei.«

»Was …« Antonia deutete auf den Klamottenladen.

Tom zwinkerte. »Gehen Sie hinein und kleiden Sie sich neu ein. Ziehen Sie das an, was Ihnen gefällt und zu Ihnen passt.« Er schüttelte den Kopf und zupfte zaghaft am Kragen ihres Wollmantels. »Das hier sind nicht Sie.«

Antonia öffnete die Tür. Hastig sprang sie aus dem Wagen, damit er nicht sah, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.

Sie schlug die Autotür zu.

Tom hob die Hand zum Gruß und fuhr davon.

»Danke, Sandmann«, murmelte sie.

Neugierig betrachtete sie die Sachen im Schaufenster des Bad Boy by Banana Shops, vor dem er sie rausgelassen hatte. Enge Jeans und knappe Tops mit dem markanten Logo von 3B auf schrillen Farben grinsten sie mit dem cyanfarbenden Schriftzug der neusten Errungenschaft des Labels darauf an: Bad Bitch by Banana.

Antonia erschrak vor ihrem Spiegelbild im Schaufenster. Die dunklen Haare standen ihr dank ihrer Naturlocken zu Berge und die Wimperntusche war verschmiert, als habe sie geheult. Zusammen mit dem zerknitterten Kostüm gab sie ein Bild ab, als sei sie von einer Horde wilder Banker aus einem fahrenden Zug geworfen worden.

Ihr wurde bewusst, dass sie nichts besaß, außer den Kleidern am Leib, wenn sie nicht zurück in das Zuhause von Harro und sich wollte.

Aber sie hatte eine Kreditkarte in ihrer Handtasche und eine Idee, wem sie auf die Nerven gehen konnte. Eine einsame Hütte, wie Tom Sandmann sie bevorzugt hatte, kam für sie nicht infrage. Toni wollte das Leben spüren.

Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und lächelte beim Anblick der silbernen Chucks von 3B. Gleich waren die schrecklich biederen Pumps Geschichte.

 

2 Hoppla, da bin ich!

 

 

Der Taxifahrer stellte die sieben Papiertüten ab und bedankte sich für das üppige Trinkgeld. Toni drückte ein weiteres Mal auf die Klingel. Sie hatte keinen Plan B, falls Niko nicht zu Hause war und bereute, ihn nicht erst angerufen zu haben.

Genervt spähte sie an der Fassade des Backsteinhauses hinauf. Doch es war erst vier Uhr am Nachmittag, da sah sie nicht, ob Licht brannte. Außerdem leitete Niko eine gutgehende Personalvermittlungsfirma. Es war töricht gewesen, zu glauben, er sei zu Hause. Von ihrer Dummheit frustriert, drückte sie noch einmal auf den Knopf, bevor sie in der Handtasche nach dem Mobiltelefon suchte. Sie hatte es im 3Bee–Shop irgendwann stummgeschaltet. Nun zeigte es siebenunddreißig Anrufe von Harro und fünfzehn von Niko, was auch immer der so dringend von ihr wollte.

Das Gerät wählte Nikos Nummer, als die Haustür geöffnet wurde. »Gott sei Dank! Da bist du ja. Scheiße, Toni! Was denkst du dir nur?«

Niko umarmte sie so stürmisch, dass ihr Handy in eine der Tüten plumpste. Antonia erwiderte die innige Umarmung, vergrub ihr Gesicht an Nikos Hals und genoss das Kratzen seines Dreitagebarts auf ihrer Haut.

»Wir haben uns Sorgen gemacht«, hauchte Niko ihr ins Ohr.

»Wir?« Antonia löste sich aus der Umarmung und blinzelte ihren Freund an.

»Harro und Vicki haben mich angerufen. Sie meinten, dir sei eine Sicherung durchgebrannt und ich soll dich besser suchen.«

»Und?«, fragte Antonia. Offenbar hatte Niko das mit der Suche nicht als dringend eingeordnet, denn er war zu Hause.

»Ich war sicher, du kommst zu mir. Wohin sonst könntest du gehen?«

»Ja, wohin auch«, murrte Toni. Diese Anmerkung hätte er sich sparen können. Sie war wie ein Schlag in die Magengrube. Seit Jahren war Toni so mit der Leitung der Firma beschäftigt, dass sie außer Niko tatsächlich keine Freunde hatte. Verstimmt griff sie sich drei der Tüten, um sich damit an ihm vorbeizudrücken. Er folgte ihr mit dem Rest ihrer Einkäufe ins Gästezimmer.

»Hast du ein Verhältnis mit dem Chef von 3B, oder hast du Aktien von denen gekauft?« Grinsend deutete Niko auf das Logo.

Toni warf die Papiertüten auf die Baumwolltagesdecke, dann setzte sie sich auf die Bettkante. »Coole Idee.«

Niko schmiss die Sachen ebenfalls aufs Bett und setzte sich neben sie. »Welche Variante?«

»Beide?« Sie musterte ihren besten Freund, den sie schon aus Kindertagen kannte. Sein halblanges blondes Haar fiel ihm in Strähnen in die Stirn. Mit seinen blauen Augen musterte er sie sorgenvoll, während seine grazilen Finger auf seinem Oberschenkel trommelten. Im Grunde war Niko nie der Typ Mann gewesen, den sie bevorzugte. Dennoch träumte sie oft davon, wie es hätte sein können, wären sie ein Paar geworden.

Niko biss sich auf die Unterlippe und legte den Arm um Toni. »Hey, Süße. Was ist passiert?«

Da war er, der Augenblick, den sie hatte vermeiden wollen. Die Nähe zu Niko, die menschliche Wärme, trieb ihr Tränen in die Augen. Versucht, nicht laut zu schluchzen, schluckte sie den Ärger bestmöglich hinunter, doch der aufgestaute Frust der letzten Jahre wollte nicht erneut abgeschoben werden.

»Glaubst du, der Chef von 3B würde mich überhaupt wahrnehmen? Sieh mich doch an.«

Niko kicherte, als er seinen Kopf gegen ihren lehnte. »In dem pinken Shirt, zusammen mit den Silberschuhen und dazu dein petrolfarbenes Haar – keiner würde dich so übersehen.«

»Dann ist mir Punkt eins auf meiner Liste gelungen.« Zufrieden nickte Antonia, dabei zog sie eine Strähne ihres schulterlangen Haares in ihr Blickfeld und bewunderte den wunderschönen Farbton. Cyan hatte der Friseur ihn genannt.

»Was für eine Liste meinst du denn?« Niko musterte sie verwundert.

»Die Liste, mit der ich mein Leben ändere.« Entschlossen ballte Antonia die Hände zu Fäusten.

»Was stimmt nicht mit deinem Leben?« Er schaute sie interessiert an.

Toni wunderte sich über die Frage. Ihr bester Freund sollte doch bemerken, dass sie unter Einsamkeit litt.

»Alles«, flüsterte Toni.

»Du leitest erfolgreich eine Firma und …«

»Genau. Die Firma. Alle sehen sie, denken an meinen Vater und fragen nach meinem Bruder. Kein Mensch weiß, dass der Laden, als ich ihn geerbt habe, kurz vor der Insolvenz stand, weil mein Alter genauso in den Tag gelebt hat, wie sein Sohn es tut. Wäre Mama früher gestorben, wären wir unter der Brücke geendet.«

»So dramatisch war es nicht.« Niko schüttelte den Kopf und wirkte dabei so empört, als habe sie ihn mit ihrer Bemerkung persönlich angegriffen. Allmählich beschlich sie das Gefühl, als stünde etwas zwischen ihnen. Toni ertrug die Nähe nicht länger und sprang auf.

»Glaubst du das? Bist du genauso ein Blödmann?«

»Hey. Du weißt, wie sehr ich dich schätze. Ich stelle dich sofort ein, wenn du das willst.«

»Nein. Will ich nicht!« Toni wollte in gewohnter Manier ihren Blazer in Position zupfen, doch ihr blieb nur der Rand des knappen 3B-Shirts. Irritiert nestelte sie daran herum.

Niko räusperte sich. »Okay. Wie sieht dein Plan aus?«

»Ich suche mir einen Job, eine kleine Wohnung und kaufe mir ein Auto. Danach angle ich mir einen normalen Freund.«

»Danke, das kam an.« Nikos Miene verfinsterte sich, während er aufstand.

»Ach, Niko! Das war doch nicht gegen dich gerichtet.« Was konnte er für eine Diva sein! Nur, weil er auf Männer stand, musste er sich diesen Schuh nicht anziehen. Und nur, weil er offenbar nicht auf feste Beziehungen stand, hieß das doch nicht, dass Antonia sich nicht danach sehnte.

»Du solltest durchatmen. Ich lass dir ein Bad ein, darin kannst du entspannen.« Er ging zur Tür und nickte in Richtung Flur. »Ich muss noch ein bisschen am Laptop arbeiten. Nachher reden wir in Ruhe.«

Toni ließ sich zurück aufs Bett plumpsen. Nachdem sie die Reißverschlüsse der Chucks geöffnet hatte, kickte sie die silbernen Schuhe auf den lila Teppich. So klischeehaft es auch war, Nikos komplettes Haus zeigte seine feminine Seite und posaunte zugleich heraus, dass Frauen nicht seine Leidenschaft waren. Was für eine Schande. Allerdings war das allein Tonis Problem. Sie hing schon Jahre dem Gedanken hinterher, ihren Traummann nicht haben zu können. Tatsächlich war sie es doch, die immer alle Männer mit Niko verglich, obwohl sie genau wusste, dass das völliger Unsinn war. Tom Sandmann war seit langer Zeit der erste Mann, der ihr auf Anhieb gefallen – und den sie nicht umgehend gedanklich gegen Niko in ein Rennen geschickt hatte. Interessanterweise hatte der Sandmann so tiefe Spuren in ihren Empfindungen hinterlassen, dass er ihr erneut in den Sinn kam. Vielleicht sollte sie ein Treffen mit Tom fokussieren und sei es nur, um im Rahmen ihrer Selbstfindung einen Freundeskreis aufzubauen.

Ihr Handy vibrierte. In der Ahnung, dass es Harro war, sah sie darauf.

»Sehr geehrte Frau Bergen, Sie sind hoffentlich nicht unter die Räder gekommen? Ich kenne Ihren Zustand nur zu gut. Sollten Sie jemanden zum Reden benötigen, scheuen Sie sich bitte nicht, mich anzurufen. Herzliche Grüße, Tom Sandmann.«

Toni starrte auf die Nachricht. Beinah unheimlich war ihr zumute. Offenbar konnte Tom Gedanken lesen. Er musste sich ihre private Handynummer bei seinem Kanzleipartner besorgt haben.

Zwar war Tom als Macho stadtbekannt, doch sicher war sein Angebot rein geschäftlich. Das schloss sie schon aus der förmlichen Anrede. Einerseits hasste Toni die Sorte Frauen, die dachten, jegliches Interesse eines Mannes an ihrer Person sei eine Anmache. Diese Damen reagierten, dank ihrer verschobenen Wahrnehmung, häufig zickig auf jede freundliche Geste des anderen Geschlechts. So war Antonia nicht. Andererseits gestand sie sich ein, dass ihr Herz schneller schlug, als sie nach einer Antwort suchte. In ihrer derzeitigen Verfassung stärkte Toms Aufmerksamkeit ihr Selbstbewusstsein. Antonia war es völlig egal, warum er sich für sie interessierte. Allein zu wissen, dass er an sie dachte, entlockte ihr ein Lächeln.

»Lieber Herr Sandmann, vielen Dank der Nachfrage. Alles okay. Bei Gelegenheit komme ich gern auf Ihr Angebot zurück«, schrieb sie ihm.

Toni schlich über den Flur ins Badezimmer und sog den Duft von Wildrosenblüten ein, den der Badeschaum verströmte. Die Wanne war nahezu voll, und sie drehte das Wasser ab, bevor sie hineinstieg. Niko, dieser Mistkerl, war so vollkommen, dass es ihm sogar gelang, das Wasser perfekt zu temperieren, ohne im Raum zu sein.

Toni rutschte tiefer in die Wanne und wünschte Niko zum Ausgleich seiner beschissenen Perfektion ein graues Haar am Sack. Dann fiel ihr ein, dass er sicherlich überall glattrasiert war und diese Variante ihn nicht treffen würde. Sollte er doch einen dicken Pickel an seinem Allerwertesten bekommen! Umgehend plagte sie ein schlechtes Gewissen. Niko verdiente keine Bestrafung. Er hatte nichts getan und versuchte zu helfen.

Sie legte sich so ins Wasser, dass nur noch ihr Kopf herausragte. Die sie einschließende Wärme führte ihr vor Augen, wie schlecht sie sich seit Wochen fühlte. Zuneigung, Wärme und Mitgefühl waren für sie zu Worten mutiert, deren Bedeutung sie kaum noch verstand. Als habe sich in der Nacht ihres Autounfalls im Dezember ein Eispanzer um sie herum gebildet, an dem alles abprallte. Antonia schloss die Augen und rutschte so tief in die Wanne, dass nur noch ihre Nase über der Wasseroberfläche war. Die dumpfe Stille war eine Wohltat. Doch die Zeilen, die sie am Abend des Unfalls in einer E-Mail ihres verstorbenen Vaters gelesen hatte, pochten in ihren Ohren und zerstörten jedwede Aussicht auf Entspannung.

Der starrsinnige alte Edgar Bergen hatte in der E-Mail an seinen Freund Richard Bedenken bezüglich Antonias Fähigkeiten, die Firma zu leiten, geäußert. Richard Wagenbach war ein Gentleman, hatte sie zu jeder Zeit unterstützt und auch nach dem Tod ihres Vaters niemals ihre Entscheidungen angezweifelt. Für Antonia jedoch war an jenem Abend die Welt untergegangen. Sie hatte seit dem Abitur jede freie Minute für die Firma geopfert und alles getan, was Vater verlangt hatte. Zwei Jahre nach seinem Tod hatte sie das Ruder gänzlich herumgerissen und die Firma glänzte mit soliden Zahlen. Bis sie an jenem Tag im Dezember mit den horrenden Ergebnissen des Finanzamtsprüfers konfrontiert worden war. Auch wenn ihr privates Vermögen ihr Auskommen absicherte, der Betrieb war ihr Lebensinhalt und viele Personen waren von dieser Firma abhängig.

Verzweifelt war sie in ihr Auto gestiegen und durch den Schneesturm gefahren. Ihre Fahrt hatte an einem Baum geendet. Erst nach Stunden war ihr jemand zu Hilfe gekommen, da sie abseits einer abgelegenen Straße ohne ihr Mobiltelefon erst am Morgen von jemandem entdeckt worden war.

Seither fühlte sie sich emotional wie betäubt, als habe sie die Fähigkeit verloren, so etwas wie Leidenschaft zu empfinden. Antonia tauchte auf, denn auch die Wärme des Wassers half nicht gegen ihr mieses Gefühl, vielmehr schien es sich noch zu verstärken.

Sie entdeckte auf dem Wäschekorb eine Zeitschrift. Toni trocknete sich die Finger am Handtuch, das ihr Mister Perfekt bereits auf einem Stuhl neben der Wanne zurechtgelegt hatte. Erfreut nahm sie sich das Bonbon, das Niko auf den Lesestoff gelegt hatte. Sie faltete das goldene Papier auseinander, steckte sich das Karamell in den Mund und genoss den Geschmack des gerösteten Zuckers. Die Süßigkeit verbreitete ein Gefühl in ihr, als löse sie einen Teil der Taubheit auf. Neugierig sah sie nach, wer der Hersteller der Köstlichkeit war. Drei Buchstaben prangten schwarz auf der Verpackung: SOL. Mehr entdeckte sie nicht.

Das Bonbon im Mund, griff sie nach der Zeitschrift. Damit würde sie sich sicher entspannen können.

Dieser Plan hielt genauso lange an, bis sie den Namen der Zeitschrift las: Unternehmen im Fokus. Der miese Reporter kam ihr in den Sinn. Vielleicht sollte sie sich beim Herausgeber über diesen frechen Kerl beschweren – aber nein! Vicki hatte gesagt, der habe ebenfalls angerufen und nach Harro gefragt. Vielleicht sollte sie am Abend ins Time Collapse gehen und … Eine Szene machen? Nein. Das war doch, was diese Typen wollten. Das kam gar nicht infrage.

Toni wurde bewusst, dass der Anruf von Herrn Strunk seit geraumer Zeit das erste gewesen war, das sie aus ihrer Lethargie geholt hatte. Die Wut, die sie innerlich erstickte, war durch sein Zutun an die Oberfläche gelangt. So befreiend sich das auch anfühlte – dennoch wollte sie ihre Emotionen in den Griff bekommen und nicht zur rasenden Furie werden.

Der Mann auf dem Titelblatt verursachte bei ihr jedoch Hitzewallungen, gefolgt von einer Gänsehaut am ganzen Körper. Die eisblauen Augen, umrahmt von nahezu schwarzem Haar, das klassisch geschnitten und zurückgekämmt war, die markanten Wangenknochen und der Dreitagebart, entsprachen allem, was Toni an einem Mann gefiel. Dieses Exemplar hatte allerdings eine gehörige Portion Arroganz im Blick, ebenso in seinem Lächeln, das selbstgefällig wirkte. Durch den Stoff seines schwarzen 3B Shirts zeichneten sich die Muskeln eines trainierten Oberkörpers ab.

Für eine Sekunde hatte sie den Eindruck, ihn zu kennen, doch dann schlug sie diesen Gedanken nieder. Ein solches Exemplar von einem Mann wäre ihr nach dem ersten Anblick nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Unmöglich, dass sie ihm schon einmal begegnet war.

Auf dem Titelblatt stand: Der Sensenmann erklärt den Unterschied zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz.

Sein sonderbarer Name erinnerte sie an die Tarotkarten. Womöglich war sein Auftauchen kein Zufall? Immerhin reagierte sie auf seinen Anblick, als habe sie einen Drogenrausch. Dann verdrängte sie jeden Gedanken daran, dass in diesem Unfug ein wahrer Kern liegen könnte. Immerhin hatte dieser Sensenmann ein Gesicht.

Toni starrte das Bild an und verspürte erneut das Gefühl, ihn nicht zum ersten Mal zu sehen. Sicher hatte er irgendwo dreist von einem Magazin an einem Kiosk gegrinst, und ihr Unterbewusstsein erkannte ihn.

Sich noch einmal im Blau seiner Augen verlierend, knirschte Toni mit den Zähnen, dabei zersplitterte das letzte Stück Karamell in ihrem Mund. Den bittersüßen Geschmack auf der Zunge ahnte sie bereits, welche Meinung dieses arrogante Sahnetoffee von einem Mann vertrat. Hastig blätterte sie im Magazin herum, um den Beitrag zu finden.

Direkt auf Seite drei stand sein Machoartikel: Lando Sensenmann war tatsächlich niemand geringerer als der Herausgeber dieses käsigen Magazins für Berufs-Chauvis! Kein Wunder, dass dieser Journalist auch so tickte! Toni ermahnte sich, nicht vorschnell zu urteilen. Vielleicht hatten die Ereignisse dieses Tages dazu geführt, dass sie die Zeilen auf dem Titelblatt falsch interpretierte.

Sie las die Artikelüberschrift: Weil’s Männer eben besser können. Jetzt war ihr klar, dass sie ihn sehr wohl korrekt einschätzte. Angesäuert las sie weiter:

 

Frauen sind impulsiv und nachtragend. Das kollidiert zwangsläufig mit einer Welt, die aus Logik und Zahlen besteht. Die Kreativität ihrer Rache formt weibliche Wesen zu gefährlichen Gespielinnen in einer vernünftigen und männlichen Geschäftswelt. Entscheiden Sie sich ein einziges Mal aus rationalen Gründen gegen eine Frau – schon wird sie versuchen, Sie zu beißen und zu treten, wo immer sie es kann. Sie wird niemals vergessen. Das Gedächtnis der Frau ist in diesem Fall noch legendärer als das eines Elefanten.

 

»O Sensenmann, du kleines Arschtörtchen. Wie recht du hast«, knurrte Antonia. Sie blätterte weiter und fand etliche Artikel, die sich mit der Unfähigkeit weiblicher Führungskräfte auseinandersetzten. Erbost warf sie die Zeitschrift von sich und tauchte tief in den Badeschaum ein. Landos Anblick und das Wissen um seine feindliche Gesinnung brachten ihr Blut in Wallung. Antonia genoss das Gefühl, als sei sie gerade aufgewacht. Sie würde einen Weg finden, diesen Machos langsam und qualvoll beizubringen, was es hieß, sich mit einer Frau von Welt anzulegen. Insbesondere diesem Sensenmann, der gerade in ihr Fadenkreuz gerückt war. Das Schicksal gab Antonia bereits die Gelegenheit zu wissen, dass er sich an diesem Abend im Time Collapse aufhalten würde.

Nach dem Bad bewunderte sie ihr petrolfarbenes schulterlanges Haar und schlüpfte erneut in die Jeans und das pinke Shirt von 3B. Essensduft lockte sie in die Küche. Da hatte ihr Traummann tatsächlich einen Auflauf gezaubert, während er am Küchentisch noch hatte arbeiten müssen.

Im Augenblick war Niko nicht im Raum. Antonia tigerte an der weißen Küchenzeile entlang, wagte einen Blick auf den köstlichen Gemüseauflauf im Backofen und öffnete den Kühlschrank, um sich eine Flasche Limo herauszuholen. Dabei fiel ihr Blick auf den Laptopbildschirm. Nikos Mailprogramm war geöffnet. Toni sah nicht genauer hin. Indiskretes Verhalten war ihr fremd.

Stattdessen setzte sie sich auf den Stuhl gegenüber und trank einen Schluck, als sie Nikos Stimme hörte. Er stand auf dem kleinen Balkon, der vom Flur hinausführte, und neben dem angekippten Küchenfenster endete.

»Klar bringe ich sie dazu, vorerst zurück in die Firma zu gehen. Wer sollte sonst dafür sorgen, dass der Laden läuft, damit der Preis stabil bleibt.« Ein Auto fuhr vorüber und zerhackte die Worte. »Bis der Verkauf … bis du und ich …«

Toni stand auf und trat näher an das Fenster.

»Nicht auszudenken, wenn sie dahinterkäme. Ich liebe dich auch, Harro.«

Sicher war das leise Summen des Ofens schuld, oder sie hatte beim Baden Wasser in die Ohren bekommen. Niko redete mit einem anderen Harro. Beinah hatte sie geglaubt, er spreche über sie. Zufälle gab es! Doch die Welt drehte sich nicht nur um sie.

Antonia taumelte und ließ sich verunsichert auf Nikos Stuhl gleiten. Ein Blick auf den geöffneten Laptop genügte, um den Absendernamen Harro Bergen im Posteingang zu entdecken. Ohne zu zögern, öffnete Antonia die Nachricht:

 

Mein geliebter Niko, wann machen wir unsere Liebe endlich öffentlich? Ich mag nicht länger den Macho spielen.

 

Antonia atmete tief durch. Sie hatte sich doch nicht verhört. Ihre Hände zitterten über der Tastatur. Tausend verwirrende Gedanken schossen ihr durch den Kopf, begleitet von Bildern, in denen Harro und Niko sich sonderbar verhalten hatten und sie es als kindisches Getue abgetan hatte. Nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, wie sie auf ihre neue Erkenntnis reagieren sollte, starrte sie auf den Bildschirm, als eine weitere Mail einging. Absender: Lando Sensenmann.

Der Chef von Unternehmen im Fokus stand mit Niko in Kontakt! Alle Männer um sie herum hatten sich offenbar gegen sie verschworen.

 

Hey Niko, schick mir dringend Ersatz für die Putzwutz. Die letzte war leider ein Reinfall. In der Kiste der Hit. Dafür hast du ein Auge, aber schließlich sollte sie ja auch hin und wieder ein wenig sauber machen. Grüß Harro von mir.

 

Lando

 

Antonia schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Auf dem Balkon säuselte Niko noch immer leise Liebesbotschaften in den Hörer. Ihr war danach, sich in Luft aufzulösen oder in ihren eigenen Tränen zu ertrinken, doch dann fühlte sie sich, als wolle ihr Geist explodieren. Sie schäumte vor Wut. Was zur Hölle hatte sie falsch gemacht? Sie öffnete eine weitere Mail von Lando. Kurz und knapp stand da:

 

Hallo Niko, ich werde mich mit Harro treffen und deiner Bitte nachkommen. Dieses eine Mal. Das ist nicht mein Stil.

 

Gruß Lando

 

Sie verstand nicht, auf was diese Nachricht anspielte. Erneut las sie die Mail, in der er eine Putzfrau anforderte. Hatte sie sich nicht vom Schicksal so eine Gelegenheit gewünscht? In diesem Augenblick gewann ihre Kreativität die Oberhand. Antonia hatte eine Idee, wie sie zwei Fliegen mit einer Klappe würde erschlagen können. Sie klickte auf Antworten.

 

Lieber Lando,

ich schicke dir übermorgen, …

 

Toni sah sich in der Küche um. Sie benötigte irgendeinen Frauennamen, egal wie einfallslos er war. Da lehnte ein kleines Jutesäckchen an der Mikrowelle. Warum stand da Jasmin drauf? Toni lächelte, als sie den Reissack erkannte und tippte weiter.

 

… Jasmin Reis. Ich denke, sie wird dich vollumfänglich zufriedenstellen. Gruß Niko. PS: Ich fahre in den Urlaub und bei der Gelegenheit stellen wir die Server um. Ich bin in den nächsten Tagen leider nicht zu erreichen.

 

In Windeseile klickte sie auf Senden, um dann im Programm zukünftig von Lando Sensenmann eingehende Mails zu blockieren. Das Risiko, dass die beiden über das Mobiltelefon in Kontakt traten, musste sie vorerst in Kauf nehmen.

Der Ofen piepste. Sie sprang auf und suchte die Handschuhe, um den Auflauf herauszuholen. Wie gern hätte sie ihrem Lügnerfreund Niko Rizinusöl unter sein Essen gemischt. Rache musste allerdings sorgsam geplant werden, wenn Frau sie wirklich genießen wollte. Wie hatte ihr zukünftiger Arbeitgeber, Herr Sensenmann, es noch gleich formuliert: ›Sie wird versuchen, sie zu beißen und zu treten, wo immer sie es kann. Sie wird niemals vergessen. Das Gedächtnis der Frau ist in diesem Fall noch legendärer als das eines Elefanten.‹ Wie recht dieser Mistkerl hatte. Das würde sie ihn am eigenen Leib spüren lassen.

Niko kam herein, als Toni die Teller mit Essen auf den Küchentisch stellte. Hastig klappte er den Laptop zu und musterte sie.

»Wahnsinn. Wenn ich dich so auf der Straße gesehen hätte – ich hätte dich nicht erkannt. Fehlen nur noch Kontaktlinsen.«

Durch diese Bemerkung gelang es Antonia, ihn ehrlich anzugrinsen. Er bestärkte damit unwissentlich ihr Vorhaben, bei Lando Sensenmann unerkannt als neue Putzfrau vorstellig zu werden. Sie würde diesem Mistkerl das Leben zur Hölle machen, während Harro die Firma Bergen Metalle zugrunde richtete und der gute Niko am Ende mächtig Ärger mit dem Sensenmann bekam.

Irritiert stellte sie im Verlauf des Gespräches fest, wie oberflächlich Niko auf sie wirkte. Womöglich war er schon immer so gewesen, und ihr war das im Alltag nur nie aufgefallen. Ein Freund musste doch realisieren, unter welcher Anspannung sie stand. Ihr fiel ein, wie zielsicher Tom nach einem Blick bemerkt hatte, wie elend ihr zumute war. Sie wünschte sich einen Kumpel und am besten auch gleich einen Partner mit diesen Qualitäten. Ihr verwegener Plan gab ihr Grund, sich an Tom Sandmann zu wenden. So konnte sie austesten, ob er als Freund – in welcher Art auch immer – infrage kam.

Gegen halb sieben ging sie zurück ins Gästezimmer. Je öfter sie ihren Plan im Geiste durchspielte, desto mehr Zweifel kamen ihr. Für eine Anstellung bei Lando Sensenmann benötigte sie Unterlagen: Zeugnisse, eine Bewerbung, Steueridentifikationsnummer. Verfluchter Mist. Ihr Spiel konnte erst gar nicht beginnen, wenn sie dafür keine Lösung fand. Antonia starrte auf ihr Mobiltelefon. Tom kannte sich mit den von ihr benötigten Daten bestens aus, und er hatte ihr seine Hilfe angeboten. Die Frage war, ob sie die Courage hatte, einen Wildfremden um Hilfe beim Fälschen ihrer Identität zu bitten.

Sie zog Bilanz: Ihr bester Freund vögelte ihren Bruder. Sie hatte weder eine Wohnung noch ein Auto oder einen Job vorzuweisen. Jeden Strohhalm würde sie ergreifen, um ihr Ziel zu erreichen. Entschlossen wählte sie die Nummer von Tom Sandmann.

»Hey. Ich komme auf Ihr Angebot zurück«, sagte sie ohne Umschweife.

»Das ging schnell. Was kann ich für Sie tun?«

»Mh«, druckste Antonia herum und überlegte, wie sie ihr Anliegen am geschicktesten formulierten könnte. Angespannt rieb sie sich mit der freien Hand über die Schläfe. Sie war im Begriff, einen Steuerberater um Hilfe bei einem Betrug zu bitten. Offenbar verlor sie den Verstand. Auf dem Nachttisch entdeckte sie ein weiteres SOL-Bonbon. Sie befreite das Karamell aus der Verpackung und stopfte es sich in den Mund. Bittersüß zerging es auf der Zunge.

»Raus damit«, sagte Tom freundlich.

Der Geschmack ließ sie an Landos Ausstrahlung denken und wirkte wie ein Initiator. »Könnten wir das gegen einundzwanzig Uhr im Time Collapse besprechen?« Antonia gefiel die Idee, mit jemandem wie Tom in einem verruchten Lokal wie dem Time Collapse ein Treffen zu haben. Außerdem konnte sie womöglich einen Blick auf den Sensenmann werfen und ihr Vorhaben überdenken.

»Prima. Das wird meiner Freundin gefallen. Oder sollte ich sie zu Hause lassen?«, fragte der Sandmann frei heraus.

Toni grübelte. Sie wollte ihn nach ein paar delikaten Dingen fragen, doch wenn sie ihn bat, allein zu kommen, wirkte es womöglich wie ein Date. Auch wenn sie ihn attraktiv fand, wollte sie keinesfalls einen Keil zwischen ihn und seine Freundin treiben, indem sie ihn anbaggerte. Das war für Antonia ein No-Go.

»Sollte es um geschäftliche Dinge gehen, haben Sie keine Scheu. Meine Freundin Violetta arbeitet ebenfalls für die Kanzlei und ist absolut vertrauenswürdig«, kam der Sandmann ihren Überlegungen entgegen.

»Dann im Time Collapse«, sagte Toni. So oft, wie der Sandmann seine Violetta im Telefonat erwähnt hatte, schien er sie auf Händen zu tragen. Umso gespannter war Antonia, die junge Frau zu treffen, die den angeblichen Macho offenbar zum Schmusetiger gezähmt hatte.

»Bis gleich«, verabschiedete sich Tom und unterbrach die Verbindung.

Antonia huschte ins Badezimmer und stellte fest, dass sie keine der Kosmetikprodukte besaß, nach denen ihr gerade der Sinn stand. Sie speiste Niko, der es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte, mit einem: »Ich bin noch mal kurz weg«, ab und huschte zur Tür. Vor dem Hinausgehen vernahm sie noch sein Rufen, er sei gleich im Fitnessstudio. Umso besser. So konnte sie sicher sein, ihm nicht zu begegnen.

In einer Drogerie ergatterte Toni die Kosmetik, die sie dringend benötigte und ließ sich in einer nahegelegenen Tankstelle den Schlüssel für die Toilette geben. Der Raum war schäbig, aber sauber. In aller Ruhe kämmte sie ihr cyanfarbenes Haar, legte Make-up auf, setzte sich dunkle Kontaktlinsen ein, tuschte die Wimpern schwarz und zog sich einen großzügigen schwarzen Lidstrich. Zuletzt legte sie einen schwarzen Lippenstift auf und begutachtete sich im Spiegel. Vermutlich würde niemand auch nur einen Verdacht haben, wer sie war. Toni gefiel sich unglaublich gut und hatte den Eindruck, als sei sie zum ersten Mal sie selbst. Das violette Bad Bitch by Banana Shirt klebte wie eine zweite Haut an ihr, und sie fühlte sich auf einen Schlag um Jahre jünger.

Der verdutzt starrenden Tankstellenkassiererin gab sie wenig später den Schlüssel zurück, zog sich ihre 3B Lederjacke über und schlenderte in Richtung Time Collapse. Obwohl es gerade mal zwanzig Uhr war und das an einem Montag, tummelten sich mehrere Dutzend Jugendliche vor dem Eingang. Antonia hoffte, dass sie dennoch ein ruhiges Fleckchen fand, um sich mit Tom Sandmann unterhalten zu können.

Sie ließ sich an der Kasse erklären, wie sie ihre Getränke bezahlen musste, als ein Raunen durch die jungen Menschen ging. Antonia erhaschte einen Blick auf einen schwarzen Dodge Ram. Offenbar erregte der Fahrer jede Menge Aufmerksamkeit. Einige Zeit verging, bis er durch die Menschentraube den Eingang erreichte. Toni trat instinktiv ein paar Schritte zurück und stellte sich neben die Glaswand des Eingangs. Der Kerl, der für diesen Aufruhr sorgte, hatte einen Kurzhaarschnitt und trug einen teuren Smoking. Er wurde von einem Mann mit schwarz glänzenden kurzen Locken und einem sonnengebräunten Teint in einem maßgeschneiderten Anzug eskortiert. Die Männer passierten den Eingangsbereich. Aus unerfindlichen Gründen hatte Toni das Gefühl, die Raumtemperatur sinke augenblicklich um einige Grad. Sie fröstelte und erhaschte einen Blick ins Antlitz des Besuchers. Antonia fiel die Kinnlade herunter: Dieser Typ war niemand geringerer als der Herausgeber von Unternehmen im Fokus: Lando Sensenmann.

Sie folgte ihm, umgeben von seinen Groupies, ins Time Collapse und beobachtete, wie ihn die Frauen und Mädchen anhimmelten. Er schien sie jedoch keines Blickes zu würdigen, während er zur Bar hinter der Tanzfläche ging. Antonia entdeckte Harro. Ihren Bruder mit Lando dort zu sehen und die Erkenntnis, dass Niko und Harro sie seit Monaten hintergingen, versetzte ihr einen Stich. Motiviert, ihren Racheplan in die Tat umzusetzen, bahnte sie sich einen Weg in den Nebenraum, in dem es ebenfalls eine Bar und einige Sitzecken gab. Die roten Kunstlederbezüge erinnerten an ein amerikanisches Diner. Durch die Glaswände konnte sie Lando und Harro beobachten. Toni holte sich einen Sex with a Bitch und setzte sich so, dass sie die beiden Männer im Blick hatte, wohlwissend, dass die Scheiben auf der anderen Seite eine Verspiegelung besaßen.

Die aufsteigenden Tränen ertränkte sie mit dem Cocktail und bestellte einen weiteren. Sie würde mit allen Mitteln versuchen, Jasmin Reis zu werden und diesem Arsch von Sensenmann eins auswischen, um damit Niko zu schaden. Ja! Die Rache einer Frau war verworren und kreativ, hatte Lando in seinem Artikel geschrieben, und keinesfalls wollte sie den Sensenmann Lügen strafen! Nach einer Weile wechselte Toni an den Tresen. Harro und Lando schienen sich angeregt zu unterhalten. Plötzlich sah Lando auf, genau in ihre Richtung. Toni stockte der Atem, so attraktiv fand sie diesen fiesen Typen. Sein Blick schien leer, was ihm Arroganz verlieh. Zugleich wirkte er jedoch so einsam und verloren, als benötige er etwas, an das er sich klammern konnte, um sich aus seinem eigenen Gefängnis zu befreien. Ihr war, als könne sie um ihn herum einen dunklen Schatten sehen, der ihn für eine Sekunde völlig vereinnahmte. Wie eine finstere Gestalt ohne Gesicht sah er aus – wie der Tod auf der Tarotkarte. Dabei entwickelte der Sensenmann einen Sog, den sie förmlich spüren konnte, während in ihr eine fremdartige Sehnsucht erwachte: Sie wollte in seiner Nähe sein. Zugleich litt sie offenbar allein durch seine Anwesenheit mit ihm und fühlte sich, als habe sie einen Teil von sich verloren. Sie erinnerte sich an diesen Eindruck. Kurz nach dem Unfall hatte sie so empfunden, dann war die Leere dem Taubheitsgefühl gewichen.

Antonia seufzte und rieb sich die Augen. Sie hatte eindeutig zu viele Cocktails intus. Würde der Kerl neben ihr stehen, hätte sie sich ihm in ihrem Zustand hemmungslos an den Hals geworfen. Gefrustet drehte sie sich zum Tresen und starrte ihr Glas an.

»Da ist er wieder. Das ist gruselig. Was führt er nur im Schilde?«, hörte sie eine Frau sagen.

»Der Kerl ist Sex pur. Ich benötige einen Drink«, antwortete ein Mann.

Jemand trat neben Antonia und die Bardame schob kurz darauf einen weiteren Sex with a Bitch über den Tresen. Aus den Augenwinkeln erkannte Antonia, dass der Kerl neben ihr der Sandmann war. An seiner Seite stand eine junge Frau, schätzungsweise zwanzig Jahre, die Haare leuchtend Violett, ebenso stark geschminkt wie Antonia.

Kaum dass Toni sich nach dem Sandmann umgesehen hatte, musterte die junge Frau sie neugierig von oben bis unten. Tom, der Antonia so nah war, dass sie seine Körperwärme spürte, sah allerdings über Toni hinweg und schien jemanden zu suchen.

»Sie ist nicht hier«, sagte er.

Seine Begleiterin lächelte Toni an und zwinkerte ihr zu. »Sieh genauer hin. Manchmal lassen wir uns von Äußerlichkeiten täuschen und werden blind«, sagte die junge Frau.

»Keiner weiß das besser als ich«, murmelte der Sandmann, zog seine Begleiterin an sich und küsste sie so innig, dass Antonia sich deplatziert fühlte.

Als der Kuss endete, sah Tom sich erneut um und starrte Antonia schließlich fassungslos an. Er hob seine Hand und berührte kurz ihr Haar. Über Antonias Körper lief ein kalter Schauer, so sehr genoss sie die Berührung dieses charismatischen Mannes.

»Sind Sie auf der Flucht, Frau Bergen? Ich hätte Sie ohne den Hinweis von Violetta nicht erkannt. Darf ich vorstellen: Violetta, meine Verlobte.«

»Jasmin, bitte. Das gehört zur Tarnung.« Antonia schüttelte Violetta die Hand.

Der Sandmann hatte tatsächlich Verlobte gesagt. Durch den Altersunterschied und Violettas flippiges Aussehen muteten sie als Pärchen eigenartig an. Ihre Gegensätzlichkeit ließ Antonia kurz an eine arrangierte Zwangsehe denken, der Glanz des Verliebtseins in den Augen der beiden widerlegte das jedoch umgehend.

»Wie kann ich helfen, Jasmin?«, fragte der Sandmann.

»Ich benötige ein paar Unterlagen«, druckste Antonia herum.

»Welche?«, fragte Tom.

Im Gegensatz zu vielen anderen Männern, mit denen sie bisher Kontakt gehabt hatte, schien er von ihrem Zögern nicht genervt zu sein. Er trank genüsslich an seinem Cocktail, während Violetta wie gebannt in Richtung Sensenmann sah.

»Arbeitszeugnisse, Sozialversicherungsnummer Steueridentifikationsnummer und … einen Personalausweis. Kurzum alles, um unter fremdem Namen eine Arbeitsstelle anzutreten«, sagte Toni. Sie genehmigte sich einen großen Schluck.

Der Sandmann beobachtete schweigend seine Verlobte, die noch immer zu Lando sah. Sicherlich dachte Tom darüber nach, wie er Antonia am elegantesten abservieren könnte.

»Auf welchen Namen?«, fragte er jedoch nach einem Augenblick, wobei er ihr wieder seine Aufmerksamkeit schenkte.

»Jasmin Reis«, murmelte Antonia.

»Jasminreis?«, wiederholte der Sandmann nachdenklich. Er begann herzergreifend zu lachen.

Violetta riss sich vom Anblick des Sensenmanns los und trat neben Antonia. »Darf ich mitlachen?«, fragte sie neugierig.

»Ich habe vergessen, euch mit vollständigem Namen bekanntzumachen. Violetta Ernst, darf ich vorstellen: Jasminreis.« Tom lachte weiter und schüttelte den Kopf.

Violetta sah erbost von Tom zu Antonia. Mitfühlend legte sie Toni eine Hand auf die Schulter. »Sorry. Eigentlich ist er ganz nett, aber bei so etwas kann er ein Arsch sein.

---ENDE DER LESEPROBE---