Wolfssteig - David Bröderbauer - E-Book

Wolfssteig E-Book

David Bröderbauer

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Beschreibung

Als der Truppenübungsplatz in Wolfssteig aufgelassen wird, werden die vielfältigen Hoffnungen der Bewohner zum Leben erweckt. Die Verhandlungen und Streitereien beginnen – wird das Land privatisiert, kommt ein Asylheim oder wird aus dem riesigen Grundstück ein Nationalpark? In diesem tragikomischen Provinzdrama treffen moderne Themen des dörflichen Lebens auf wunderbar intensive und fachkundige Naturschilderungen. Ein Biologe, Ulrich, streift durch das Gelände und zählt die seltenen Birkhühner, er trägt den Plan für einen wunderbaren Nationalpark im Kopf. Ein ehemaliger Wehrdiener, Christian, versucht den Neustart als Hausmeister in der Kaserne, die bald Flüchtlinge beherbergt. Und die Nachfahren der Enteigneten fordern ihre alte Heimat zurück, die 1939 zum Sperrgebiet wurde, als viele Dörfer geräumt und Menschen vertrieben wurden, um Hitlers Truppenübungsplatz Platz zu machen. Blind verfolgen die Widersacher ihre Ziele, und rasch geraten die Fronten durcheinander. Zuletzt fliegen auf dem Truppenübungsplatz Wolfssteig die Funken. David Bröderbauer erzählt davon, wie auf der Suche nach einem festen Bezugspunkt die Orientierung verloren geht. Dieser Gegenwartsroman überzeugt durch seine intelligente Handlung und die wunderbaren Naturschilderungen in der Tradition von Henry David Thoreau.

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Seitenzahl: 388

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DAVIDBRÖDERBAUER

WOLFSSTEIG

ROMAN

Inhalt

Kapitel 1

APRIL

Kapitel 2

SOMMER

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

HERBST

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

FRÜHLING

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

SONNENWENDE

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

IM FELD

Kapitel 37

1

AN DEN ÜBUNGSFREIEN TAGEN durchstreiften die Tiere das Sperrgebiet ohne Scheu. Dermaßen viele Arten aus den unterschiedlichsten Gattungen und Familien lebten hier, dass man das Militärgelände den heimlichen Nationalpark des Landes nannte. Mit seinen weiten, von bewaldeten Hügeln gesäumten Grasflächen erinnerte das Areal an eine Landschaft aus der Eiszeit. Rehe ästen im hohen Gras, Mufflons bevölkerten die Wälder, Wildschweinrotten zogen durch das Territorium, tauchten immer dort auf, wo kein Gefecht zu erwarten war, als würden sie den Schießplan der Heeresleitung kennen.

Zahlreiche Vogelarten nutzten das Areal als Rückzugsgebiet. Acht verschiedene Specht-Arten brüteten hier und trommelten gegen den Lärm des Maschinengewehrfeuers an. Gleich zwei Seeadlerhorste fanden sich auf dem Sperrgebiet, die einzigen im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Sogar Birkhühner gab es. Sie besaßen hier eines ihrer letzten Vorkommen außerhalb der Alpen, wenn auch nur ein bescheidenes. Wurde für längere Zeit nicht geschossen, sah man sie auf den Zweigspitzen der Fichten sitzen, wo sie nach Gefahren Ausschau hielten.

Manche Tiere lebten geradezu von den Kampfhandlungen, insbesondere vom Einsatz schwerer Artillerie. Wenn sich im Frühjahr das Wasser in den Granattrichtern sammelte, legten Frösche und Schwanzlurche ihren Laich darin ab, gingen Ringelnattern auf die Jagd nach Kaulquappen, vermehrten sich Insekten und Krebstiere in Massen.

Selbst die Panzer schufen wertvolle Lebensräume. Seltene Pflanzen, so klein und unscheinbar, dass nur erfahrene Botaniker ihre Namen kannten, keimten in ihren Spuren. Sobald es nur ein wenig regnete, blühten und fruchteten sie in solcher Hast, dass sie schon verwittert waren, wenn der nächste Panzer auffuhr. Ihren ausdauernden Samen konnten die Radketten nichts mehr anhaben.

Ein besonderes Schauspiel boten die Sommernächte, wenn abertausende Glühwurmmännchen auf der Suche nach den Blinksignalen der Weibchen ihre grünen Bahnen zogen. Diejenigen Rekruten, die ihren Präsenzdienst auf dem Truppenübungsplatz Wolfssteig im Sommerhalbjahr absolvierten, vergaßen den Anblick ihr Leben lang nicht.

Ohne Übertreibung durfte das Sperrgebiet ein Naturjuwel genannt werden, ein Nationalpark. Kein richtiger, aber ein heimlicher. Dabei hätte es nach Ansicht vieler auch bleiben sollen.

APRIL

2

Der Leopard jagte mit Vollgas durch den Kiefernwald. Als er den Waldrand erreichte, sprang er in das freie Feld und stürmte auf die Häuser von Felsbach los. Im Fahren nahm er ein feindliches Objekt ins Visier. Über Funk erteilte Brigadier Nowotny den Schießbefehl. Der Panzer feuerte. Volltreffer. Im Geschützturm war Jubel zu hören. In der Panzerwanne blieb es still. Christian hatte alle Hände voll zu tun, die Spur zu halten.

Über den Bordfunk wies ihn Kommandant Gattringer an, dem Kurs des Schützenpanzers vor ihnen zu folgen. Christian schwenkte leicht nach rechts. Durch die schmalen Sehschlitze in der Wanne versuchte er, die Geländeunebenheiten so gut wie möglich zu erahnen. Die Besatzung oben im Turm, vor allem der Gattringer, reagierte auf Erschütterungen allergisch. Der Schützenpanzer, ein Marder, setzte am Ortsrand von Felsbach seine Mannschaft ab. Die Männer kletterten aus dem Heck und sprinteten mit Gewehr im Anschlag in den Ort. Der Truppführer manövrierte sie zu einer niedrigen Gartenmauer und wies sie an, in Deckung zu gehen. Ein Rekrut schien sein Handzeichen übersehen zu haben, denn er sprang über die Mauer und rannte weiter. Als er seinen Irrtum bemerkte, erstarrte er. Im selben Augenblick begann an seiner Schulter ein rotes Licht zu blinken. Er drehte sich zu seinem Truppführer um, dann glitt er schlaff wie eine abgezogene Kuhhaut ins Gras.

Seine Kameraden eröffneten aus der Deckung das Feuer. Zwei Mann hatten eilig ein MG auf der Gartenmauer aufgebaut und nahmen den Gegner unter Beschuss. Christians Leopard wurde ins Ortszentrum beordert. Westlich vom Dorfplatz war das Gefecht besonders heftig. Die feindlichen Einheiten versuchten sich neu zu formieren. Männer rannten durch die Schusslinie, manche blieben auf der Straße liegen, andere fielen hinter den Häuserecken schwer atmend auf die Knie. Sie waren chancenlos. Nach halbstündigem Kampf waren die Truppen von Redland ausgeschaltet.

»Gratuliere, meine Herren«, rauschte die Stimme des Brigadiers in Christians Kopfhörer. »Sie haben die Übung erfolgreich absolviert. Kehren Sie zum Stützpunkt zurück.«

Im Hintergrund waren die anschwellenden Bläser der Militärmusikkapelle zu hören. Der Verteidigungsminister ergriff das Wort, lobte den Brigadier für den gelungenen Abschluss und dankte ihm »für die ausgezeichnete Führung des Truppenübungsplatzes bis zum heutigen Tag, an dem wir von diesem Standort aufgrund der nationalen Erfordernisse wenn auch mit schwerem Herzen leider unvermeidbarerweise Abschied nehmen müssen. Aber ich sage …« – harte Gitarrenriffs setzten der Ansprache des Verteidigungsministers ein Ende.

Roots bloody roots, kreischte es in den Kopfhörern. Der Aigner hatte am Bordcomputer Sepultura aufgelegt – zur Feier des Tages.

Christian kippte den Lukendeckel hoch, schob den Sitz nach vorne und schlüpfte mit Kopf und Schultern durch die Luke. So hatte er beim Fahren freie Sicht auf die Straße und konnte beim Einzug in die Kaserne dem Brigadier und dem Verteidigungsminister soldatisch angemessen winken. Als der nächste Song mit einem dröhnenden Bass einsetzte, fuhr er los.

Im Turm zischten die Bierdosen, die Gattringer vor der Übung unter dem Kommandantensitz verstaut hatte. »Auf ex!«, befahl er den beiden Schützen. »Jawohl!«, antworteten Aigner und Katzenschlager im Chor. Gattringer rülpste. Christians Kameraden lachten. »Auf die Zukunft«, sagte einer, »nie mehr Uniform«, der andere. »Nur noch im Fasching«, sagte Gattringer.

Christian sagte nichts. Nach Monaten des Überlegens wusste er immer noch nicht, was er nach der heutigen Abschlussübung mit seiner Zukunft anfangen sollte. Zurück in die Autowerkstatt? Das wollte er nicht. Eine andere Kaserne kam auf keinen Fall in Frage. Entweder Wolfssteig oder Zivil, das war fix. Vielleicht noch einmal ordentlich Geld scheffeln beim Auslandsdienst? Fahrzeuge überprüfen, die keiner fährt, stundenlang Wüstensand mit dem Hochdruckreiniger ausblasen, und in der freien Zeit Anabolikajause und Krafttraining? Keine Lust. Die Musik brachte ihn auf andere Gedanken. I see the world, OLD, I see the world, DEAD, I’ve no LAND, I’m from NOWHERE, grölte es in seinen Kopfhörern, und er grölte mit. Jetzt war wirklich das Ende gekommen, aus und vorbei. Was wohl aus dem Truppenübungsplatz wurde, wenn hier keine Panzer mehr rollten? Alles würde zuwachsen. Als wäre er nie hier gewesen. Zumindest ein paar Spuren wollte er hinterlassen. Da pflichteten ihm der Gattringer und die Schützen sicher bei. Er drückte das Gaspedal tiefer, schwenkte vom Feldweg ins offene Gelände und mähte einen Busch nach dem anderen nieder. Der Gattringer schrie noch: »Mein Bier!«, und: »Du depperter Sautrottel!«, bevor der Panzer mit vollem Karacho in ein grasbewachsenes Schlammloch preschte. Die Kanone bohrte sich in den Boden, als wollte sie den Leopard wie einen Stabhochspringer über das Hindernis katapultieren, der Panzer wich dem Druck mit einer halben Pirouette aus, stand für einen Sekundenbruchteil in der Luft und fiel dann auf die Seite. Später war nicht mehr zu klären, ob der Aigner auf den Auslöser gefallen war oder ob die Elektronik – wie so oft bei starken Erschütterungen – eine Fehlfunktion gehabt hatte. Jedenfalls wurde die Nebelwurfanlage ausgelöst, Granaten schossen in alle Richtungen und der Leopard verschwand hinter Rauchschwaden.

Als Christian wieder zu Bewusstsein kam, hatte sich der Rauch noch nicht verzogen. Er lag im Gras. Neben ihm kniete der Gefreite Binder vom Schützenpanzer und wiederholte mehrmals, dass die Rettung sicher gleich da sei. Aber es gab auf dem Truppenübungsplatz ja gar keine richtige Rettung! Christian hob den Kopf. Sein rechtes Bein stand unterhalb des Knies merkwürdig weg. Schwer fühlte es sich an. Es zog an ihm wie ein übergewichtiger Dackel an einer zu kurzen Leine. Er schüttelte probeweise seinen Oberschenkel. Vielleicht konnte er den Dackel ja verscheuchen. »Ruhig, die Rettung kommt sicher gleich«, stotterte der Binder und nestelte mit seinen Streichwurstfingern an Christians Hose herum. Anscheinend versuchte er das Blut zu stoppen, das von Christians Bein zu einer Pfütze mäanderte. Die Pfütze färbte sich rot und es kam ihm so vor, als würde das Wasser brodeln. Das mussten diese Urzeitkrebse sein, die es nur hier gab. Denen hatte es wahrscheinlich die Sicht getrübt. Sein Nacken schmerzte. Er legte den Kopf zurück. Über dem Granatennebel zog der Aprilhimmel Schlieren. Warum hatte der Binder noch mal gesagt, dass er nicht aufstehen durfte? Und wo war überhaupt der Gatti-Dings? Gattinger. Nein, Gattringer. So war’s, ja, Gattlinger. Der erstattete dem Brigadier vermutlich Bericht. Melde gehorsamst: Panzerunfall. Ein depperter Sautrottel, Herr Brigadier!

Besser wäre gewesen, der Gattringer hätte ihm jetzt auch ein Bier gegeben. Außer ihm hatten alle eines bekommen.

Das Warten auf die Binder-Rettung machte ihn müde. Merkwürdig, normalerweise war er immer voll da. Vielleicht sollte er ein kleines Nickerchen machen, nur ganz kurz, damit er wieder fit würde. Als er die Lider schloss, hörte er Schreie, zufallende Autotüren, Hubschrauberrotoren. Störende Geräusche. Irgendetwas stimmte nicht, da war er sich jetzt sicher. Die Rauchschwaden, der Binder, der Lärm – das alles war verdächtig. Da ging ihm ein Licht auf, und er musste grinsen. Es war ja keine Überraschung, er hatte es ja sowieso schon vorher gewusst, und bei den ganzen uniformierten Vollpfosten, die hier herumliefen, war es auch nicht anders zu erwarten gewesen: Der Truppenübungsplatz verfiel ins Chaos, noch bevor seine Tore geschlossen hatten. Das war am letzten Tag seines Bestehens natürlich anders geplant gewesen. Jetzt werden sie alle blöd schauen.

SOMMER

3

Dem Wetterbericht zufolge stand heute erneut ein Hitzetag bevor. Mit anschließender Tropennacht. Meteorologisch betrachtet war das zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Die Erde stand im richtigen Winkel zur Sonne, der Himmel war wolkenlos, die Lichtstrahlen konnten die Atmosphäre ungehindert passieren. Die Strahlungsenergie wurde von den Dächern und Straßen der Stadt absorbiert und als Wärme wieder freigesetzt. So war das im Sommer.

In Ulrichs kleinem Zimmer blieb es trotzdem kühl, der Lichtschacht kappte zwei Stockwerke höher die Strahlen. Selbst an hellen Tagen lag der Raum im Halbdunkel, schimmerte das Weiß der Wände nur schwach. Ulrich besaß nur wenige Möbel – einen Kasten, ein Regal, einen Schreibtisch. Trotzdem wirkte das Zimmer nicht steril, dafür war der Raum zu abgewohnt, und an den Wänden klebten kolorierte Vogelzeichnungen.

Ein paar gedämpfte Geräusche drangen von draußen an Ulrichs Ohr. Die Stadt lag still, viele Bewohner hatten vor der Hitze die Flucht auf das Land ergriffen. Das Ausbleiben des Lärms rief in Ulrich das Gefühl wach, der einzige Überlebende einer Katastrophe zu sein. Das gefiel ihm.

Noch einmal las er die E-Mail. Seit er die Universität verlassen hatte, durchkämmte er regelmäßig die Jobportale. Anfangs hatte er noch gewissenhaft jedes Inserat studiert, mittlerweile klickte er sich nur noch gleichgültig durch die Anzeigen. Immerhin hatte er das Ritual beibehalten, einmal die Woche, auch wenn nie eine passende Stelle dabei war. Dass ihm einmal jemand von sich aus einen Job anbieten würde, damit hatte er nicht gerechnet. Aber der Geschäftsführer vom Naturverbund schrieb in der E-Mail, er habe Ulrichs Diplomarbeit gelesen und wolle ihn zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Ulrich glaubte zwar nicht, dass der Geschäftsführer seine Diplomarbeit wirklich gelesen hatte, aber das Angebot wirkte seriös. Gut, die Anstellung wäre nur für zwölf Monate, und als Freier Dienstnehmer hätte er keinen Anspruch auf Krankengeld oder Urlaub, aber trotzdem würden sich Perspektiven auftun. Die Jobs im Feriencamp und im Museum aufzugeben, barg zwar ein Risiko – immerhin konnte er sich damit über Wasser halten –, aber nach so vielen Jahren als Aushilfsbiologe war es an der Zeit für einen Schritt. Und Birkhühner waren absolut faszinierende Tiere. Im Grunde genommen genau sein Thema. Jetzt machte es sich doch bezahlt, dass er seine Diplomarbeit hier geschrieben hatte, anstatt irgendwelchen Kolibris in Südamerika nachzujagen. Über die Populationsgenetik des Auerwilds hatte sonst niemand geforscht. Die monatelange Feldarbeit in den Kalkalpen war vielleicht etwas einsam gewesen, aber im Prinzip hatte ihm das nicht viel ausgemacht. Objektiv betrachtet war das die beste Zeit seines Lebens gewesen.

Zugegeben, Birkhühner waren nicht ganz dasselbe wie Auerhühner, das durfte man nicht außer Acht lassen. Aber doch nah verwandt. Und soweit er das aus jetziger Sicht beurteilen konnte, im Verhalten durchaus vergleichbar. Darüber hinaus gab es nicht viele Raufußhühner-Experten. Auch wenn er noch ein wenig daran zweifelte, er war vielleicht wirklich der Richtige für den Auftrag. Und wenn dich der Geschäftsführer vom Naturverbund anschreibt, dann sagst du nicht Nein. Außer du kannst es dir leisten. Das konnte er nicht. Ulrich wählte die Nummer aus der E-Mail und räusperte sich noch einmal, während es läutete. Für den Nachmittag hatte er dann schon einen Termin.

Langsam trat er in die Pedale. Er hatte Angst, zu spät zu kommen, also war er früh gestartet. Jetzt bremste er sich ein, damit er nicht zu früh erschien. Der Geschäftsführer hatte ihm am Telefon erklärt, dass ihnen das Umweltministerium eine Förderung und zwölf Monate Zeit gab, um ein Konzept zu erarbeiten. Ab sofort. Diese Chance dürften sie auf keinen Fall vertun, hatte der Geschäftsführer betont. Zwölf Monate waren nicht viel Zeit, sie müssten Prioritäten setzen, hatte er gesagt. Zuerst einmal einen Fuß in das Gebiet bekommen. Deshalb das Birkhuhn. Es war die auffälligste Art und ließ sich gut vermarkten.

Die Ampel vor der großen Durchfahrtsstraße stand auf Rot. Fast jeden Tag nahm Ulrich diesen Weg, und immer musste er warten, zwei Minuten hier und zwei Minuten auf der Verkehrsinsel zwischen den Spuren. Er nutzte die Zeit, um nachzudenken, oder er zählte die Personen in den Fahrzeugen – viel zu viele Leute fuhren allein und verpesteten die Luft für fünf. Im Prinzip war es absurd, dass der Umweltminister persönlich grünes Licht für die Planung des Naturschutzgebiets gegeben hatte. Grundsätzlich stand das Ministerium ja der Bauernlobby viel näher, die mit Sicherheit gegen ein Schutzgebiet eintrat. Aber vom Verteidigungsministerium war ein Veto gekommen, hatte der Geschäftsführer gesagt. Aufgrund der ungeklärten Besitzverhältnisse. Man sollte meinen, der Zweite Weltkrieg sei mittlerweile Geschichte, aber anscheinend befürchteten die Militärs tatsächlich, dass die Bauern das enteignete Land ihrer Vorfahren wiederhaben wollten. So gesehen war es nur logisch, dass der Verteidigungsminister auf dem Truppenübungsplatz lieber Naturschützer herumlaufen ließ. Die würde er leichter loswerden als die Bauern, falls das Heer den Übungsbetrieb wieder aufzunehmen gedachte. Etwas heikel schien die Geschichte mit dem Innenministerium. Was da genau lief, hatte Ulrich noch nicht durchschaut. Aber vermutlich waren die Bewohner von Wolfssteig immer noch wütend, weil man die Kaserne in ein Asylheim umgewandelt hatte. Die Leute wollten einfach nicht akzeptieren, dass Österreich ein Zuwanderungsland war. Der Homo sapiens war zwar anpassungsfähig, aber nur soweit es die Umweltbedingungen betraf, Unbekannten der eigenen Spezies gegenüber verhielt er sich weit weniger flexibel.

Gleich würde die Ampel auf Grün schalten. Auf der Verkehrsinsel hatte die Stadt vor einer Weile eine Grünoase mit Bänken eingerichtet. Jetzt saßen dort Männer, tranken Tetrapakwein und starrten auf die verdreckten Häuserfassaden. Im Moment war es nur einer. Betrunken lag er auf der Radspur. Aber er stand schon wieder auf. Ulrich hatte dem Geschäftsführer gleich gesagt, dass er selbst aus dem Waldviertel komme und sich dort gut auskenne. Eigentlich war er nicht besonders stolz darauf, aber der Eingeborenenbonus könnte helfen, falls es noch andere Bewerber gab. Der Geschäftsführer hatte erwidert, er wisse das natürlich. Das sei – neben Ulrichs Fachexpertise – ein Grund, warum sie ihm den Job anböten, denn für diese Stelle musste man auch mit den Leuten vor Ort reden können. Da ging es nicht nur um die Datenerhebung. Entscheidend war, ob sie einen auch akzeptierten. Dass er die letzten fünfzehn Jahre nur dann ins Waldviertel gefahren war, wenn es sich nicht hatte vermeiden lassen, hatte er dem Geschäftsführer verschwiegen.

Jetzt war die Ampel grün. Der Betrunkene versuchte noch immer, sich aufzurichten. Das Gesäß steil nach oben gerichtet, stützte er sich mit durchgestreckten Armen und Beinen auf dem Boden ab. Anscheinend fehlte ihm die Kraft zum Aufstehen. Jetzt steckte er in dieser Pose fest. Man hätte darüber lachen können, aber Ulrich hatte in letzter Zeit zu viele dieser traurigen Figuren gesehen, um es noch lustig zu finden. Er widerstand dem Impuls auszuweichen. Der Radweg war einfach zu schmal, und auf die Straße konnte er bei dem Verkehr unmöglich fahren. Also stieg er vom Rad und schob es knapp an dem Mann vorbei. Präziser gesagt an dem Männchen – es war eine magere Gestalt mit einem schmalen Schnurrbart und dünnen Armen. Solche Exemplare kannte er aus dem Waldviertel. Der Großteil der unverheirateten Männer dort endete so. Im Gegensatz zu den Verheirateten wurden sie nicht dick. Nicht einmal ein Bierbauch, obwohl sie ununterbrochen tranken. Ob das schon einmal jemand untersucht hatte? Jedenfalls konnte man davon ausgehen, dass es seit der Krise noch mehr von ihnen gab, jetzt wo die Region vollkommen bankrott war.

Ulrich querte die Kreuzung. Auf der Straße ins Zentrum hinunter nahm er Fahrt auf. Hatte der Geschäftsführer nicht auch von Überlebenskampf gesprochen? Oder war es Ideen-Kampf gewesen? Egal. Hauptsache Raufußhühner.

4

Obwohl es bereits die vierte Informationsveranstaltung zum Schicksal des Truppenübungsplatzes war, füllten die Wolfssteiger den Burgsaal auch an diesem Samstag wieder bis zum letzten Platz. Die Zuspätgekommenen drängten sich an die Rückwand und in die Fensternischen. Auf dem Podest hantierte jemand nervös mit dem Mikrofon, aber es kam kein Ton heraus. Die Zuhörer unterhielten sich laut. Die meisten schienen sich zu kennen. Ein paar Reihen vor Ulrich, der in der vorletzten Platz genommen hatte, rief jemand: »Hans, jetzt gib doch den Hut runter, wir sehen ja nichts. Wieso hast denn überhaupt den Gamsbart auf, heute gibt’s nichts zum Schießen!«, worauf die Sitznachbarn des Witzboldes lachten und der Hans seinen Hut wie zum Gruß lüftete und auf den Schoß legte. Die Leute beschwerten sich, dass die Luft wieder so stickig sei. Jemand riss ein Fenster auf. Vom Burgberg aus hatte man einen prächtigen Blick über den Truppenübungsplatz, wo in diesem Moment die Sonne unterging.

Neben Ulrich nahm ein Mann mit dunkler Hautfarbe Platz, der einzige Schwarze im Saal. Er trug ein ziemlich altmodisch geschnittenes Sakko und ein weißes Hemd mit steifem Kragen. Ulrich wunderte sich nicht so sehr über die Aufmachung als über den Mut des Mannes, hierherzukommen. Die Leute im Saal machten allerdings nicht viel Aufhebens um ihn, ein paar Umstehende hoben sogar ihre Augenbrauen zum Gruß. Der Mann bemerkte, dass Ulrich ihn musterte, und sprach ihn an. »Guten Tag, ich bin Stephen Obasi, der Pfarrer von Wolfssteig«, sagte er mit einem englischen Akzent. »Sie leben auch hier?«

Ulrich fühlte sich überrumpelt. »Nein, das heißt, ja, ein paar Kilometer außerhalb, in Apfelscheid.«

»Apfelscheid. Sie haben dort ein Haus?«

»Nein, ich habe eine Wohnung gemietet, bei Adam Kramer, falls Sie den kennen.«

»Aber natürlich, Kramer, alter Musiker. Ist noch nie bei mir in der Messe gewesen. Nur die alten Marienstatuen hat er sich angeschaut. Aber irgendwann muss er auch zu mir kommen«, sagte er mit einem tiefen Lachen. Plötzlich wieder ganz ernst, fragte er: »Und Sie? Wie ist Ihr Name? Woher kommen Sie?«

Ulrich war verunsichert. Der Pfarrer registrierte es mit einem schelmischen Lächeln. War er vertrauenswürdig?

»Mein Name ist Ulrich Bruckner. Ich habe bis vor Kurzem in Wien gelebt, aber ursprünglich komme ich aus …«

In diesem Moment brachte ein rundlicher Mann mit Schnurrbart und ordentlich über die Glatze gekämmten Haaren das Mikrofon zum Laufen. »Grüß euch, liebe Wolfssteiger. Das heute ist die letzte Versammlung zum Thema Asylantenheim. Ich sage euch gleich, ich habe mich sehr bemüht, den stellvertretenden Landesrat zu bekommen, aber aus terminlichen Gründen musste er leider …« Die Anwesenden unterbrachen den Bürgermeister mit wütenden Rufen. Der Hans ohne Hut hob die Faust und zeterte: »Das ist wieder typisch, wenn wir was brauchen, lassen uns die Politiker im Stich.« Ein anderer drohte: »Bei den nächsten Wahlen werdets schon sehen, was ihr davon habts.« Die kleinen Augen des Bürgermeisters wuselten wie verschreckte Mäuse zwischen den Gesichtern der Zuhörer hin und her. Bei jeder Unmutsäußerung zuckten die pelzigen Brauen. Schließlich unterbrach er die Zwischenrufer. »Bitte, Herrschaften. Ihr müsst doch verstehen: Das Gelände gehört dem Bund. Mir sind doch da die Hände gebunden. Nicht einmal der Landeshauptmann hat ein Zugriffsrecht. Das Heim steht, das können wir jetzt nicht mehr ändern. Aber ich versichere euch, die Partei hat mir ihren vollen Rückhalt versichert, und wir werden dafür Sorge tragen, dass wir das Beste aus der Situation machen.«

»So ein Blödsinn«, sagte ein Zuhörer in einem groben Karohemd. »Ihr Politiker lügt doch, dass sich die Balken biegen. Die Innenministerin hat dem allen zugestimmt, und die ist von deiner Partei. Die ist froh, dass sie die Asylanten nach Wolfssteig abschieben kann. Bei uns kostet sie das weniger Stimmen, wie wenn sie irgendwo in der Stadt ein Heim hinstellt. Und kosten tut es sie auch nichts, weil die Gebäude vom Bundesheer schon alle da sind. Also erzähl uns keine G’schichten, Toni.« Der Mann hob bestimmt den Zeigefinger. »Uns hauts den Milchpreis zsamm, und den Negern steckts des Geld hinten rein. Da stimmt doch was nicht.«

Einige Zuhörer klatschten so heftig, dass ihre Hände rot anliefen. Der Pfarrer blickte regungslos geradeaus. Eine rothaarige Frau, Brille mit grünem Rahmen, erhob sich entschlossen. Die Arme verschränkte sie beim Sprechen vor der Brust. »Also jetzt möchte ich bitte auch was sagen. Wolfgang, ich verstehe deine Sorgen. Aber diese Menschen haben noch viel größere Probleme als du. Die brauchen wirklich Hilfe. Wir dürfen jetzt nicht wegschauen.« Sie wurde vom spitzen Lachen eines älteren Herren unterbrochen, der tief in seinen Sessel gesunken war und sich beim Reden nicht aufrichtete: »So viel Zeug, wie ihr denen schon geschenkt habts, haben wir ja selber nicht. Und ihr sammelts noch weiter, und dann gebts ihr denen auch noch Deutschkurse, statt dass ihr euch auf den Schulbeginn vorbereitets.« Seine Nachbarin sekundierte eilig, dass sogar der Bäcker schon mehr Brot für die Ausländer als für die Einheimischen backe. Die roten Hände klatschten wieder.

Da mischte sich ein junger Mann ein. Er hatte es sich auf einem Fensterbrett bequem gemacht. Mit verschränkten Armen saß er da. Die Unterarme waren ziemlich muskulös. »Jetzt seids doch einmal ehrlich. In dem Bauernnest ist seit dreihundert Jahren nichts Spannendes mehr passiert. Ihr solltet froh sein, dass sich wieder einmal was tut, dann habt ihr wenigstens was zum Reden.« Die Zuhörer starrten ihn ungläubig an. »Neunzig Prozent von euch stehen schon mit einem Fuß im Grab. Was kann dem Ort Besseres passieren, wie wenn da neue Leute herkommen? Ein Haufen neue Arbeitsplätze entstehen durch das Heim auch. Wenn es die nicht gibt, ziehen die letzten Jungen auch noch weg.«

Für einen Moment blieb es still im Saal, dann rief jemand: »Das ist doch der Moser!«, und der Redner erntete ein paar deftige Beleidigungen. Als er trotzig nachschickte, dass bei der weit verbreiteten Inzucht frisches Blut sowieso dringend nötig sei, brach ein kleiner Tumult aus. Der Pfarrer hatte sich nach vorne gebeugt und hielt sich ein kariertes Stofftaschentuch vor den Mund. Sein Husten klang verdächtig nach einem Kichern. Dem Gerede der Leute um ihn herum entnahm Ulrich, dass der aufmüpfige Blondschopf der Hausmeister des Asylheims war, und davor für das Bundesheer auf dem Truppenübungsplatz gearbeitet hatte. Einige bezeichneten ihn als Schmarotzer und Invaliden. Ulrich betrachtete den jungen Mann. Groß war er nicht gerade, aber kräftig, die klassische Waldviertler Statur. Ein wenig wie ein Cowboy wirkte er, wie er breitbeinig und unbeeindruckt auf dem Fensterbrett saß. Es war bemerkenswert, dass er sich trotz der feindseligen Stimmung kein Blatt vor den Mund nahm. Ulrich gab ihm natürlich recht. Aber in der Praxis hielt man sich im Waldviertel mit seiner Meinung zurück, wenn sie nicht massenkonform war. Ob der beim Heer auch so aufsässig gewesen war? Auf dem Truppenübungsplatz kannte sich dieser Moser vermutlich aus. Er könnte ihm bei der Suche nach den Birkhühnern nützlich sein.

In der ersten Reihe erhob sich ein Mann in grauem Anzug und grüner Krawatte und rief die Versammlung zur Ruhe. Er strahlte eine kühle Autorität aus, die auf die Leute Eindruck zu machen schien und die auch nicht darunter litt, dass er leise sprach. Wenn Ulrich ihn richtig verstanden hatte, hieß er Fellner. Er kam von der Landwirtschaftskammer. Als sich die Stimmung wieder halbwegs beruhigt hatte, erklärte dieser Fellner trocken, dass man unnötig Energie verschwende, wenn man etwas verhindern wolle, das schon längst umgesetzt sei. Das Asylantenheim sei auch nur ein kleiner Teil des Truppenübungsplatzes. Man müsse jetzt höllisch aufpassen, was mit dem Rest des Geländes passiere. Er wolle noch einmal mit Nachdruck daran erinnern, dass das Unrecht der Enteignung durch die Hitlerarmee von der Republik niemals abgegolten worden war. Die Nachkommen der Vertriebenen hätten aber immer noch ein Anrecht auf die Rückgabe ihres Besitzes. Und den wenigen noch lebenden Zeitzeugen dürfe man nicht versagen, auf heimatlicher Erde ihren Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Auch die wirtschaftliche Misere des Ortes würde sich bessern, wenn man endlich Straßen durch den Truppenübungsplatz bauen dürfte, und Anschluss an die Nachbarorte fände.

Ulrich zog den Kopf ein. Der Naturverbund musste um jeden Preis verhindern, dass das Birkhuhnhabitat filetiert wurde.

Der Mann senkte seine Stimme. »Wie mir aus vertraulichen Quellen in der Landwirtschaftskammer mitgeteilt wurde, wollen die Naturschützer den Truppenübungsplatz in einen Nationalpark umwidmen. Wenn das geschieht, dann bleibt das Land für uns Wolfssteiger für die nächsten hundert Jahre ein Sperrgebiet. Ich sage euch, wir müssen jetzt zusammenhalten und gemeinsam für die Wiederbesiedelung des Truppenübungsplatzes kämpfen.« Als er seine Ansprache beendet hatte, war es still im Saal. Da rief der Hans ohne Hut: »Ich freu mich, wenn die Naturschützer kommen – dann haben wir was zum Schießen!«, wofür er wieder lautes Gelächter und Applaus erntete.

Nun ging es erneut hin und her. Der Moser am Fensterbrett meinte, dass ein Nationalpark ja super wäre. Gut für die Wirtschaft und die Belebung der Gegend. Auf jeden Fall besser, wie wenn die Bauern sich noch mehr Land unter den Nagel rissen. Die täten eh nur Gift spritzen und würden davon impotent. Ulrich verkniff sich ein Lachen. Den sollte er wirklich um Hilfe bei der Birkhuhnsuche bitten.

Der Pfarrer neben ihm war aufgestanden, nicht ohne sich mit einem zweideutigen Blick von Ulrich zu verabschieden. Ulrich sah ihm kurz nach. Dass es das heute überhaupt noch gab, Leute, die Pfarrer wurden. Das war einer dieser Berufe, die die Globalisierung schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte. Mit Yoga, Meditation und den ganzen Indianerkulten konnte die Kirche nicht mithalten. Ihr Geschäftsmodell ließ sich nur noch durch Priester-Importe aus Billiglohnländern am Leben erhalten.

Vorne auf dem Podest versuchte der Bürgermeister mit ausgebreiteten Armen und verzweifeltem Gesichtsausdruck die Streitparteien zu besänftigen, eine füllige Kopie des gekreuzigten Verkünders hinter ihm an der Wand. Ulrich stand auf und steuerte den Ausgang an, um draußen den rebellischen Blondschopf abzupassen.

5

Christian mochte die Farbe seiner Prothese nicht. Edelstahl. Sah wirklich Scheiße aus, wie der Stoßdämpfer von einer Suzuki. Gleich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus hatte er sich von einem Sprayer aus dem Dorf eine geile Farbe besorgt. Dark Magenta. Aber er hatte gezögert, das Ding, so ganz neu, umzufärben. Jetzt, wo es schon ein paar Monate alt war, gab er sich einen Ruck. Das Bein gehörte schließlich ihm. Und die Versicherung würde schon nichts davon erfahren.

Er hockte sich vor die Tür seiner Hausmeisterwohnung, nahm die Prothese ab, und spritzte sie mit dem Hochdruckreiniger sauber. Dann blies er sie mit einem Föhn trocken und inspizierte sie noch einmal genau. Die kleinen Fliegen, die es auf dem Truppenübungsplatz in Massen gab, entwickelten sich zu einer echten Plage. Anscheinend mochten sie den Duft des Hydrauliköls. Mit einem Tapezierband versiegelte er sorgfältig das einzige Kabel. Dasselbe machte er mit dem Kontakt, der die elektrischen Impulse von der Prothese auf den Nerv in seinem Beinstumpf übertrug. Der durfte nichts abbekommen. Er hätte nicht gedacht, dass es wirklich funktionieren würde, aber nachdem er die letzten Wochen viel geübt hatte, konnte er mittlerweile sogar die Zehen – kleine eiförmige Metallteile – bewegen. Die moderne Technik war schon ein Wahnsinn.

Das Klackern beim Schütteln der Spraydose erinnerte ihn daran, wie er als Dreizehnjähriger das Gestell seines neuen BMX-Rads mit Sprühfarbe verschönert hatte – er war extrem stolz auf sein Werk gewesen, obwohl seine Eltern irrsinnig sauer waren und schworen, dass er nie wieder ein Rad bekommen würde. Auch der Geruch der Farbe war eins zu eins derselbe wie damals. Er sprühte zuerst ins Leere, um sicherzugehen, dass die Düse nicht verstopft war. Eine makellose Purpurwolke zerstob in der Luft. Dann besprühte er die Prothese von allen Seiten. Nur die Fußsohle ließ er frei, damit die Sensoren nicht verstopften. Danach hängte er das Bein auf die Wäscheleine und legte sich ins Gras. Er hätte jetzt Lust gehabt, wieder einmal Guns’n’Roses zu hören. Das hatte er mit dreizehn gehört, als einer der ersten in der Hauptschule. Seine Lehrerin hatte Augen gemacht, als er Appetite for destruction mit dem Totenkopf-Cover für die Hitparade in die Musikstunde mitgebracht hatte. Die kratzige Stimme von Axl Rose und Slash mit seiner abgefahrenen Schlangensammlung – die waren schon cool gewesen. In Gedanken kreischte Christian sein Lieblingslied, Knock, knock, knocking on heaven’s doo-ooor.

Christian Moser, Hausmeister in einem Asylheim auf dem Truppenübungsplatz Wolfssteig. Wie schräg das war. Das Beste, was ihm passieren konnte. Er war noch da, das Sperrgebiet war noch da, nur die Stabswachtmeister, Unteroffiziere und Oberstleutnants waren weg – alle, die ihm auf die Eier gegangen waren. Nur um den Brigadier war es schade. Der hatte seine Beziehungen spielen lassen, damit er die Prothese und dann auch noch die Stelle bekam. Sonst stünde er eventuell als einbeiniger Krüppel auf der Straße. Der Brigadier hatte ihn gedeckt, weil außer ihm niemand ernsthaft verletzt worden war. Der Gattringer und die beiden Schützen hatten wie durch ein Wunder nur blaue Flecken abbekommen. Ein unvermeidbares Unglück wäre es gewesen, ein zugewachsenes, quasi unsichtbares Schlammloch. Die letzte gute Tat des Alten, bevor er in Pension geschickt wurde.

Der Brigadier hatte ihn gern gehabt. Weil er sich nie ein Blatt vor den Mund genommen und nie vor den minderbemittelten Unteroffizieren gebuckelt hatte. Das hatte dem Nowotny imponiert.

Das Verteidigungsministerium wollte die Sache sowieso schnell unter den Teppich kehren, damit die Medien das Thema nicht noch mehr ausschlachteten. Natürlich hatte es geheißen, das sei der Beleg dafür, dass der Truppenübungsplatz geschlossen werden müsse. Dass das Bundesheer veraltetes Gerät habe, mit dem es nicht einmal einen Aufstand der Gartenzwerge niederkämpfen könne. Dass man so einen Männerspielplatz im 21. Jahrhundert nicht mehr brauche. Christian konnte dem nur zustimmen. Aber nichts gegen den Truppenübungsplatz. Das war mehr als ein Männerspielplatz – ein Abenteuerspielplatz. Mit so wenigen Menschen und fast keinen Regeln. Seine Freunde hatten immer Witze gemacht, er hätte einen Vogel, weil er behauptete, auf einem militärischen Sperrgebiet gäbe es mehr Freiheiten als draußen. Natürlich war das Leben im Bundesheer voll von Vorschriften, aber die waren zumindest klar, und wenn man es sich geschickt richtete, hatte man viel Freiraum. Gerade auf dem Truppenübungsplatz, wo man auf Streife im Nirgendwo einen Ofen rauchen oder ein Wildschwein schießen konnte, ohne dass es irgendeine Sau mitbekam. Als Lehrling in der Autowerkstatt war das ganz anders gewesen. Der Meister ließ sich immer irgendwelche grundlosen Schikanen einfallen. Und die Gesellen quälten ihn einfach nur, weil er der Jüngste war. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie ihn in eine Tonne sperrten, durch einen schmalen Spalt hineinbrunzten und mit dem Hammer auf den Deckel schlugen. Er hielt sich die Ohren zu, aber trotzdem sausten ihm zwei Wochen lang die Ohren und er verstand nicht einmal die gebrüllten Anweisungen seines Meisters. Dem Gruber schlug er später einmal zwei Schneidezähne aus, weil der nicht aufhörte, ihn zu provozieren. Dafür prügelten ihn die anderen Gesellen so durch, dass er Blut spuckte. Gegen die Regeln in der Werkstatt lehnst du dich nicht auf. Du haltest schön dein Maul. Und seine Eltern sagten nichts. Für die war es normal, dass ein Lehrbub kein einfaches Leben hat. Da musst du durch.

Wenn er so zurückdachte, war es eine Befreiung, als er mit achtzehn zum Wehrdienst einrückte. Verglichen mit seinem Mechanikergehalt war die Kohle auch nicht viel schlechter. Bei den beiden Auslandseinsätzen zur Friedenssicherung in der Wüste hatte er sogar ordentlich was dazuverdient. Also ließ er sich verpflichten. Seitdem stand er auf eigenen Beinen. Die Arbeit als Hausmeister im Asylheim war sein Lottogewinn. Er konnte weiter hier arbeiten, aber mit noch mehr Freiheiten. Auf Auslandsdienst in die Wüste brauchte er nicht mehr zu fahren, die Leute von dort kamen jetzt zu ihm ins Heim. Und das waren lauter Menschen, die ihm nichts vorzuschreiben hatten. Die freuten sich sogar, wenn er sich mit ihnen unterhielt. Die Hausleiterin schien auch ganz in Ordnung zu sein. Sie hatte zwar einen kleinen Kontrollwahn, aber das war bei dem Durcheinander verständlich. Den Mitarbeitern gegenüber benahm sie sich sehr freundlich. Sie brauchte ja auch Verbündete, nachdem sie schon von ganz Wolfssteig gehasst wurde. Dass das Innenministerium für den Betrieb eine ausländische Firma engagiert hatte, die auf Gewinn orientiert war, fand Christian schon auch ein wenig daneben. Was er so mitbekommen hatte, waren die heimischen Hilfsorganisationen um den Auftrag Schlange gestanden. Aber ihm konnte das ja egal sein. Seine Aufgabe war es, Sachen im Haus zu reparieren und ab und zu den Portier zu spielen. Alles ganz locker. Und die Firma war auf ihn angewiesen. Er war der einzige Angestellte, der sich auf dem Gelände wirklich auskannte.

Nachdem die Farbe getrocknet war, legte er die Prothese wieder an. Bevor er sich auf den Weg machte, pinkelte er noch schnell in einen Busch hinter seinem Häuschen. Bei den ersten Schritten barfuß auf dem Gras durchfuhr ihn ein Schauer. Die Sensoren auf der Fußsohle reagierten extrem sensibel. Sogar mit Schuhen spürte er, auf welchem Untergrund er ging.

Auf dem Weg zum Hauptgebäude passierte er als Erstes die Unterkunft der minderjährigen Burschen. Hinter dem Gebäude öffnete sich die weite Ebene des Truppengeländes, wo jetzt zwei Fußballtore standen. Christian hatte schon ein paar Mal mitgespielt. Im Tor. Wegen seiner langen Hosen hatten sie es zuerst nicht bemerkt. Bis er das Hosenbein beim Schuhebinden hochgezogen hatte. Da hatten sie dann große Augen gemacht. Voll cool, Mann. Die Tatsache, dass er das Bein bei einem Panzerunfall verloren hatte, beeindruckte sie schwer.

Aus dem Fenster im zweiten Stock rief ihm Muhamad zu: »Gute Farbe, Chris! Blutrot wie der Löwe auf Gazellenjagd!« Der immer mit seinen Sprüchen. Christian schüttelte seine blonde Mähne und brüllte, dann hob er die Faust, Daumen und kleiner Finger abgespreizt. Hang loose. Alles easy. Mit den Jugendlichen hatte er sich auf Anhieb gut verstanden. Die waren genau auf seiner Wellenlänge.

Nach dem Minderjährigen-Quartier ging Christian an den beiden Häusern der alleinstehenden Männer vorüber, die links vom Hauptgebäude standen. Für sechs Personen waren die Zimmer eigentlich zu klein. Er wusste, wie es war, in Stockbetten zu schlafen. Er würde das nicht aushalten, nicht mehr. Vermutlich wollte das Innenministerium auch nicht, dass sich die Asylwerber besonders wohlfühlten. In den vergangenen Jahren wurden nur noch solche Massenquartiere auf dem Land errichtet, mitten in der Pampa, so wie in Wolfssteig.

Der Abteilungsleiter vom Innenministerium war ihnen bei der Einrichtung ziemlich auf die Nerven gegangen. Im kleineren Haus durften nur Schiiten wohnen, das größere war für die Sunniten vorgesehen. Im ersten Stock die tschetschenischen Männer, im zweiten die Syrer, Iraker und Afghanen. Die Somali, die Westafrikaner, die Nigerianer und die übrigen Staaten wurden auf den dritten und vierten Stock verteilt.

Die Männer respektierten Christian. Sie erzählten ihm von Freunden und Verwandten, die im Krieg ebenso einen Körperteil verloren hatten. Einige zeigten ihm ihre Narben. Er verzichtete lieber darauf, ihnen die ganze Geschichte über seinen Unfall zu erzählen. Brauchte ja niemand zu wissen, dass er nur ein Kriegsspielversehrter war. Er trug jetzt manchmal kurze Hosen.

Sein Arbeitsplatz befand sich im sechsstöckigen Palace, dem Haupthaus und der ehemaligen Dienststelle des Truppenübungsplatzes. Hier waren auch die Familien untergebracht. Die Kinder belagerten vom ersten Tag an die Portiersloge, wo er sein Werkzeug lagerte. Christian, was können wir spielen? Regelmäßig schauten Bewohner vorbei, weil sie ihre Betreuer nicht fanden oder in ihrem Zimmer etwas repariert werden musste. Er erklärte ihnen mit Händen, Füßen und seinem Hauptschulenglisch, warum der Aufzug gerade nicht ging oder kratzte auf ihren Wunsch verblichene Sticker großbusiger Frauen von den Spinden. Hinter dem Hauptgebäude wohnten die syrischen Christen. Die hatten ein eigenes Haus bekommen. Die Kreuze hatte man dort gleich hängen lassen. Rechts vom Hauptgebäude, im alten Verwaltungstrakt, waren die alleinstehenden Frauen untergebracht. Von denen gab es in letzter Zeit immer mehr.

Christian setzte sich auf die Stufen des Palace und ließ seinen Blick über den großen Exerzierplatz vor dem Hauptgebäude schweifen. Um diese Uhrzeit war nicht viel los. Nach dem Abendessen spazierten viele Bewohner in Gruppen über die freie Fläche. Die Bänke wurden dann von den jungen Männern in Beschlag genommen, ihre Gesichter beleuchtet vom Licht der Smartphones.

Zwei Frauen mit Kopftuch und Rock, die gerade über den Platz schlenderten, sahen verstohlen zu ihm herüber und kicherten. Er war sich nicht sicher, ob es an der neuen Farbe seines Beins lag, oder an den blonden Haaren. Bald würden sie so lang sein, dass er sie zu einem Zopf binden konnte.

Die Frauen bereiteten ihm ein wenig Kopfzerbrechen. Beim Auslandsdienst war ihm eingebläut worden, dass man sie nicht direkt anschauen und ihnen nicht die Hand geben sollte. Damals war das kein Problem gewesen, da waren er und seine Kameraden hinter einem Zaun weggesperrt und konnten nicht viel Schaden anrichten. Aber hier waren sie so nah. Seit er beim Bundesheer angefangen hatte, und eigentlich auch schon vorher, waren Frauen für ihn immer leicht verfügbar gewesen. Das Notwendigste hatte sich ohne großen Aufwand besorgen lassen, mit einem verschmitzten Lächeln in der Disco. Unter seiner Kollegenschaft war es auch keine Schande gewesen, hin und wieder dafür zu bezahlen. Er war kein großer Fan davon, aber es hatte irgendwie zum Berufsbild dazugehört. Mit diesen Frauen hier war das komplizierter. Sie passten nicht in sein Schema. Am wenigsten diese Aisha, mit der er manchmal Deutsch übte.

Christian sah den beiden Frauen nach. Sie schritten durch das große Tor am Ende des Exerzierplatzes auf die lange Straße, die in den Ort führte. Der Anblick der Straße versetzte Christian jedes Mal in Trance. Die Asphaltbahn verlief nicht nur gerade wie mit einem Lineal gezogen, sie war auch über die gesamte Länge vollkommen eben, wodurch sich die Perspektive merkwürdig verkürzte. Es war unmöglich, die Entfernung der auf der Straße wandernden Menschen zu bestimmen, oder die Richtung, in die sie gingen. In der Mittagssonne gerannen sie zu unscharfen Silhouetten, die sich auf dem flimmernden Teer wie Korken im Wasser hoben und senkten. Es schien, als ob sie keinen Schritt vorwärtskamen, obwohl sie ständig in Bewegung waren.

6

Zumindest dieser Moser war ein Lichtblick. Ansonsten hatte die Versammlung seinen Erwartungen entsprochen: Eine deprimierende Ansammlung von Vorurteilen und Unwissenheit. Das Waldviertel hatte sich seit seinem Weggang nicht verändert. Hoffentlich gestaltete sich der Besuch bei seinem Vater nicht ebenso schwierig. Früher oder später musste ihm Ulrich von seiner Rückkehr erzählen. Dann besser früher.

Er mache einen Familienbesuch, hatte er seinem Vermieter erzählt, der im Innenhof beschäftigt war, als er zum Wagen ging. Aber Familienbesuch war eine unpräzise Bezeichnung. Diese Familie existierte nicht mehr. Erzeugerbesuch traf es besser. Im Prinzip ein archaisches Ritual. Wie vor Urzeiten erweist der Nachkomme seinem Erzeuger mit dem Besuch die Ehre – eine symbolische Unterwerfung. In alter Zeit zog der Junge dem Alten allerdings früher oder später die Keule über den Kopf und nahm seinen Platz ein. Heutzutage mangelte es dieser Praxis an gesellschaftlicher Akzeptanz. Jetzt gab es andere Strategien, um sich von der väterlichen Dominanz zu befreien – die Söhne verließen den Clan und suchten sich ihren eigenen Platz. Sein Bruder war schon weggezogen, als Ulrich noch zur Schule gegangen war. Eine Zeit lang hatten sie noch miteinander telefoniert, aber es war merkwürdig gewesen, mit seinem älteren Bruder am Telefon über Dinge zu sprechen, für die man als Jugendlicher keine passenden Worte hatte. Zudem hatte sein Bruder nie gern geredet. Er hatte lieber Pläne gezeichnet und leitete mittlerweile sein eigenes Ingenieursbüro. Zum Glück für Ulrich. Ohne seinen Vorschuss hätte er Schwierigkeiten gehabt, den rostzerfressenen Mazda zu kaufen, der ihn für die nächsten zwölf Monate über die kurvigen Waldviertler Straßen tragen sollte. Sein erstes eigenes Auto – was für ein Aufstieg.

Hundert Meter vor ihm verschwand die Fahrbahn im Wald, trotzdem beschleunigte er. Er wusste, dass hinter den Bäumen eine Gerade begann und die Kurve davor mit hoher Geschwindigkeit zu schaffen war. Sein Gehirn hatte diese Information über die Jahre gespeichert. Sein Körper schien sich ohne Mühe daran zu erinnern, dass ihn die Fliehkraft gleich etwas in den Sitz drücken würde und sein Magen ahnte schon das flaue Gefühl voraus. Als ob er nie versucht hätte, möglichst viel davon zu vergessen. Für einen Augenblick schloss er auf der Geraden die Augen, wie er es früher in Mamas altem Skoda getan hatte. Es war noch alles da. Es war wie in dem Computerspiel, das er als Jugendlicher oft gespielt hatte. Jeder Sprung, jeder Schlag, alle Geheimverstecke und Abkürzungen waren in seinem Kopf abgespeichert gewesen. Mit der Zeit beherrschte er das Spiel beinahe blind. Mama beklagte sich darüber, dass er zu viel Zeit vor dem Computer verbringe, anstatt etwas Sinnvolles zu machen. Selbst im Krankenhaus, als sie beide wussten, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, sprach sie über kaum etwas anderes. Gehst du auch manchmal an die frische Luft?, sagte sie immer.

Der Roggen stand gelb auf den Feldern, die in Bändern über die terrassierten Hänge liefen, eine Liliputversion der chinesischen Reisterrassen. Rund um Wolfssteig waren die Bauern schon fast mit dem Dreschen fertig. Hier mähten sie gerade. Auf einem abgemähten Streifen standen sich zwei Rehböcke gegenüber und scharrten mit den Beinen. Die Brunftzeit hatte begonnen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sein Vater wieder zu missionieren beginnen. Sollte er ihm die Meinung sagen, oder ruhig bleiben? Besser ruhig bleiben. Nachdem er länger hier sein würde, sollte er es zumindest versuchen. Das Esoterik-Gerede war gerade noch auszuhalten. Aber wenn Vater mit Mamas Krankheit anfing, konnte er sich nicht zurückhalten. Immer noch fiel es ihm schwer, zu akzeptieren, dass sich seine Eltern damals dermaßen leichtgläubig in ihrer Eso-Welt verrannt hatten. Er erinnerte sich noch daran, wie sie ihn und seinen Bruder auf ein Wochenendseminar zur Geistheilung mitgenommen hatten. Damals war er noch das Kind, das kein Teenager werden wollte und seinen Körper ängstlich auf Anzeichen der Pubertät untersuchte, auf krause Haare etwa, wie sie auf dem Körper seines Bruders sprossen. Beide wären sie lieber zuhause geblieben, als mit ihren Eltern und einer Handvoll Spinner das Wochenende zu verbringen. Im Buch irgendeines selbsternannten Experten hatte sein Vater gelesen, dass alle Krankheiten eine seelische Ursache hätten. Die musste man finden, um sich mit der Krankheit zu versöhnen. Nur so konnte man wieder heil werden. Wenn man die Krankheit bekämpfte, machte man es dagegen – laut Seelendoktor – nur noch schlimmer. Anstatt den Ärzten zu vertrauen und sich mit der Tatsache abzufinden, dass der Brustkrebs seiner Mutter die Folge einer vererbten Genmutation war, hatten sich seine Eltern auf die Suche nach einem Heiler gemacht. Das hatte er ihnen nie verziehen.

Im Waldviertel schossen die Wunderheiler damals wie Pilze aus dem Boden. Ulrich erinnerte sich, dass an dem Wochenendseminar unglaublich viele Leute teilnahmen. Eine Frau wollte sich von dem Guru namens Thorwald ihren Scheidenpilz wegzaubern lassen. Ulrich bekam heiße Ohren, als sie in der Mitte des großen Sitzkreises stehend vor allen Leuten ihr Problem beschrieb. Verschämt schaute er zu seinem Bruder neben ihm, dessen Gesicht ganz blass war. Sie hatten nie ein Wort über dieses Wochenende verloren. Irgendwann stellten sich auch seine Eltern in den Kreis, ließen ihn und seinen Bruder zurück. Sie sprachen fast ausschließlich über ihre Kindheit und ihre Eltern, nicht über den Krebs. Was das mit der Krankheit zu tun haben sollte, verstand er nicht. Drei Tage lang zog sich die Prozedur hin, die Leidenden klagten ihr Leid und die Leute im Sitzkreis riefen Beschwörungsformeln. Ulrich hörte bald nicht mehr zu, sondern beobachtete stattdessen die Fenster. Ununterbrochen flogen Hornissen gegen die Scheibe, prasselten auf das Glas wie große Hagelkörner. Ihr Nest befand sich unter dem Dach der Scheune, Ulrich hatte es gleich am ersten Tag entdeckt. Die Erwachsenen wussten schon davon, aber es schien niemanden zu stören. Der Guru betonte, alle Lebewesen hätten eine Seele, man dürfe keines töten. Außerdem, wer friedlicher Gesinnung sei, würde auch nicht gestochen. Ulrich glaubte damals noch, dass drei Hornissenstiche ein Pferd töten konnten und rechnete damit, dass jeden Moment einer der Seminarteilnehmer starb. Während die Teilnehmer im Zentrum des Kreises vor allen Anwesenden ihre Probleme ausbreiteten und irgendwelche Götter um Hilfe anflehten, betete er, dass niemand in einem unbedachten Moment das Fenster öffnete.

Die Straße wurde schmaler. Die Haselsträucher am Rand waren schon länger nicht mehr zurückgeschnitten worden und die langen Äste fuhren grob über die Windschutzscheibe. Da war er also.

Ulrich läutete und wartete. Er klopfte, wartete, aber niemand öffnete die Tür. Er ging ums Haus. Auf der Wiese dahinter lagen zwei alte Hippies in Sonnenstühlen. Sie nahmen keine Notiz von ihm. An einer Feuerstelle mit einem hohen Aschehaufen saß mit dem Rücken zu ihm ein schlanker, großer Mann mit langen, grauen Haaren. Er schien zu meditieren. »Willkommen, Ulrich«, sagte er, als Ulrich neben ihn trat.

»Hallo Friedrich, bist du am Meditieren?«

»Was führt dich zu uns ins Waldviertel?«, sagte sein Vater ruhig. »Kehrst du zurück an die Quelle?«

»Ich arbeite jetzt für den Naturverbund. Ich untersuche die Birkhühner im Waldviertel.«

»Immer noch Biologe?« Sein Vater kniff die Augen zusammen. »Und wo arbeitest du? Etwa am Truppenübungsplatz?«

Wie zum Teufel hatte er das so schnell erraten? »Das ist noch nicht offiziell. Die Leute hier sind ja ein wenig skeptisch, wenn es um Naturschutz geht. Deshalb will ich das nicht an die große Glocke hängen. Also wenn du –«

»Keine Sorge. Uns glaubt hier sowieso keiner, was wir sagen. Da sind sich die skeptischen Leute und du ganz ähnlich.«

»Bitte lass uns jetzt nicht –«

»Lass mich dir einen Rat geben, mein Sohn.«

Einen Rat? Ulrich verzog das Gesicht.

»Ich weiß, du hältst nicht viel von dem, was ich denke, aber trotzdem. Ich bitte dich darum.«

Ulrich dachte an seinen Vorsatz. »Also gut. Welchen Rat hast du für mich?«

Sein Vater wies ihm den Platz zu seiner Rechten zu. »Ich nehme an, du hast in deinem Studium nichts über die Werdezeiten gelernt?«

Ulrich nahm Platz, verzichtete aber auf eine Antwort.

»In der schamanischen Lehre gibt es fünf Lebensphasen. Jede dauert siebenundzwanzig Jahre.«

Ulrich rechnete schnell nach. »Dann müsste man ja hundertfünfunddreißig Jahre alt werden.«

»Richtig«, sagte sein Vater, »aber nur wenige Auserwählte erreichen die letzte Werdezeit. Das sind die Heiligen und die großen Meister. Die gibt es auch heute noch, aber sie führen ein zurückgezogenes Leben und sind nur Eingeweihten bekannt.«

Ulrich sagte jetzt lieber nichts.