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Durch eine einfache Scheune im Zoo der Stadt gelangen die Freunde Wolke und Elias mithilfe eines Zauberseils unbeabsichtigt in eine Parallelwelt. Um wieder heraus zu gelangen, müssen sie das andere Ende des Zauberseils finden. Auf ihrer Suche begegnen sie sprechenden Tieren und der guten Fee Priya, die ihnen helfen wollen. Aber da ist auch der Schurke Wanzor Schimmelgurk, der im Zauberland sein Unwesen treibt. Schließlich müssen sie sich einer fast unmöglichen Herausforderung stellen – der Riesenschlange Gran Gaya Snaka. Nur mit vereinten Kräften wird es ihnen möglich sein, sie zu bewältigen, um endlich wieder nach Hause zurückkehren zu können. Allmählich finden sie heraus, was genau es mit Wanzor Schimmelgurk auf sich hat …
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Widmung
Kapitel 1
Der tiefe Fall 5
Kapitel 2
Gefährliche Hürden 10
Kapitel 3
Eine unerwartete Begegnung 14
Kapitel 4
Ein böser Geselle 19
Kapitel 5
Die andere Welt 23
Kapitel 6
Das Tor zum Zauberland 28
Kapitel 7
Jadoo 33
Kapitel 8
Im Erdpalast 38
Kapitel 9
Der Außenseiter 41
Kapitel 10
Der Plan 44
Kapitel 11
Der Zoodirektor 48
Kapitel 12
Von Zufällen und möglichen Ideen 53
Kapitel 13
Priyas Traumreich 57
Kapitel 14
Zwei Welten, zwei Menschen 61
Kapitel 15
Retos Träume und ein guter Freund 65
Kapitel 16
Drohungen und Warnungen 70
Kapitel 17
Der Aufbruch zum Bösen 75
Kapitel 18
Der Kampf um den Weg 80
Kapitel 19
Gran Gaya Snaka und der Freund 85
Kapitel 20
Alle gegen einen 90
Kapitel 21
Angst und Freiheit 95
Kapitel 22
Die Fundstücke 99
Kapitel 23
Lebendige Energie 104
Kapitel 24
Am Fuße des schwarzen Felsen 108
Kapitel 25
Reue und Vergebung 113
Kapitel 26
Zusammenhalten und Gehen 118
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-607-7
ISBN e-book: 978-3-99131-608-4
Lektorat: Sandra Pichler
Umschlagfoto: Manuela Uebelhart
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Für meine geliebten Söhne Joel und Marc
Kapitel 1
Der tiefe Fall
Der Junge saß auf dem Rücken der großen Giraffe, ritt langsamen Trab und hielt den langen Hals des Tieres eng umschlungen. Auf keinen Fall wollte er fallen, denn zu tief ging es hier in den dunklen, nebligen Schlund, ins Nichts. „Eeeellliiiiiaaas!“, rief eine Mädchenstimme so schrill, dass man hätte meinen können, sie überschlüge sich demnächst. Glücklicherweise war das deren Stimme und nicht das Mädchen selbst. Das blonde, lockige Haar hing ihm struppig über die rote, verschwitzte Stirn. Wolke schniefte und überlegte sich kurz, nochmals den Namen zu rufen – diesmal aber noch lauter. Doch bevor ein Laut über ihre Lippen kam, drehte der Junge auf der Giraffe seinen Kopf und sah „seine Wolke“ dicht hinter ihm her reiten. Sie saß auf einer gefährlich aussehenden Echse, deren Zähne unnatürlich und wuchtig aus dem Kiefer gewachsen waren. Griesgrämig und schaurig verzog ein gemeines Lächeln das gewaltige Gebiss des Reptils. Das Untier starrte auf das Hinterteil der Giraffe. Der Schaum triefte unübersehbar aus seinem Maul. Die wachen, schwarzen Pupillen blitzten erst nach rechts und dann nach links. Elias wusste nicht, wen die Echse im Visier hatte. Da er sich der Sache nicht ganz sicher war, gab er der Giraffe die Sporen und trieb sie an, etwas schneller über das dämliche Seil zu laufen. Das war schwierig für die schlaksige Gestalt, weil sich das fleckige Tier mit den Hufen einhaken musste. Elias war schwindelig. Aber er verließ sich auf Wolkes Worte, die ihm versichert hatte, dass Echsi eine echt liebe Echse sei. Na, das musste ihm das Vieh erst einmal beweisen! So wie das dreinschaute! Mit Sicherheit musste es doch Wolke nicht entgangen sein, dass man bei Echsi den weißen, nassen Schleim aus dem Maul tropfen sah.
Der Junge gab sich einen erneuten Ruck, ließ das Seil, das als Zügel diente, einen Finger breitaus seinen Händen gleiten. Aluna, die verspielte Giraffe, spürte für einen Moment einen Hauch von Freiheit, besann sich aber noch rechtzeitig darauf, wo sie sich gerade befand. Ja, eben, auf einem gespannten Seil, welches sich gegen den Horizont hinzog und keinen Blick auf ein Ende freigab. Ach, du meine Güte! Unendlich! Wohin das wohl schlussendlich führt? Jetzt hatte Echsi mit seiner Fracht, der kleinen blonden Wolke, etwas aufgeholt. Dieses gescheckte Tier da vorn reizte die grüne Schlange mit den kräftigen, beschuppten Beinen ganz schön. „Da muss eine Menge Fleisch drin sein, in diesem Fell“, dachte Echsi und malte sich in seiner blumigen Fantasie aus, wie das wohl schmeckte.
Wolke musste gespürte haben, dass ihr Reittier etwas aus der Fassung geraten war und mahnte: „Denk nicht einmal im Traum darüber nach. Echsi, du darfst Elias’ Reittier nicht fressen! Hörst du, das ist verboten!“ „Aus der Traum vom Festschmaus! Das war’s!“, dachte die Echse enttäuscht. „Na ja, meistens kriege ich ja von Wolke noch ein Häppchen“, tröstete sie sich leise. Die hoffnungsvollen Vorstellungen wurden jetzt von Wolke bestätigt: „Du kriegst dann was, wenn wir wissen, wo wir sind.“ Zu Elias rief sie: „Elias, wo sind wir denn eigentlich?“ „Ich weiß das doch nicht, mein Gott!“, rief dieser verzweifelt und verrenkte sich gefährlich auf dem steilen Rücken der Giraffe. Gewaltige Angst hatte ihn ergriffen!
Um den Jungen auf die Gefahren aufmerksam zu machen, gab nun Aluna auch noch undefinierbare Laute von sich. „Du meine Güte, du dummes Kind! Ich kann dich doch nicht retten! Bin viel zu ungelenkig“,dachte sie und runzelte sorgenvoll die Stirn. „Pass auf, Elias, Aluna kann dich nicht retten!“, schrie Wolke den Jungen jetzt an. „Sie muss sich auf das Seil konzentrieren!“
Echsi grinste und verzog sein Maul, was ihn noch ekelerregender wirken ließ. Elias musste sich fast erbrechen. „So ein hässliches Tier!“, dachte er, während es in seinem Magen bedenklich rumorte. Die Echse hatte offensichtlich keine Mühe, sich auf dem Seil zu halten. Vielleicht ahnte sie instinktiv, dass sich tief unter ihnen Wasser befinden musste. Das war ihr Element! Mit Sicherheit roch sie es. Wolke blickte unauffällig nach unten und erhaschte dabei einen Blick in die unfassbare Tiefe. „Uiiiiiii! Wie schrecklich, dieses Nichts!“, dachte sie für sich, rang nach Luft und kippte in einer unkonzentrierten Sekunde plötzlich kopfüber ins Leere. Während sie fiel, riss sie ihre Augen und ihren Mund auf, war aber unfähig, auch nur einen einzigen Laut von sich zu geben.
„Wooooolkeeee, pass auf!“, kreischte Elias, beugte sich nach vorn, kippte – und fiel dabei geradewegs in Wolkes Arme. Diese hatte ihre Fassung noch nicht zurückerlangt und klammerte sich nun ebenfalls fest an den Jungen. „Lass mich nicht los, Elias!“, schrie sie nun endlich lauthals ins Nichts.
Eng umschlungen fielen die beiden Kinder in die Tiefe; vorbei an grauen Wolken, singenden Vögeln, steigenden Drachen mit bunten Mustern und den höchsten Bäumen der Welt. Alles drehte sich um sie herum und sie fielen weiter und weiter ins Nichts. Wolke und Elias purzelten wie zwei farbige Punkte durch die Luft und wirbelten wie in einem Taifun auf und ab und wieder nach oben. Ein riesiger Tornadowirbel nahm die beiden mit und ließ das Menschenpärchen wie Ballons durch die Luft tanzen!
Da! – Plötzlich flog ein riesiges Tier an ihnen vorbei. Ausgestreckte lange, dürre Beine, ein ellenlanger Hals und ein Fell wie ein Teppich segelten zu Boden. Dann kam da noch etwas Grünes, Langes und platschte geradewegs auf die gelb gefleckte Fläche. Den Rachen weit offen; ein unglaubliches Staunen über das Geschehene breitete sich auf Echsis hässlichem Gesicht aus. Aluna wieherte, weil sie Angst hatte, die Zähne des Schuppentiers würden sich beim Aufprall geradewegs in ihre Flanken bohren. Aber Echsi wollte das nicht – nicht in das Reittier von Elias beißen! Auf keinen Fall! Die Echse ruderte wie wild mit den kurzen Beinen und konnte so das Schlimmste abwenden. Mit einem Knall landete das lange Tier direkt neben Aluna, die ausgestreckt auf dem Boden lag. „Verletzt?“, fragte Echsi. „Nö, nur etwas benommen“, antwortete Aluna sichtlich erleichtert. „Wo sind Wolke und Elias?“, nestelte sie dann nervös und zog ihre langen Stelzen an den Körper. Das würde wohl etwas dauern, bis sie wieder aufrecht stand.
Nachdem sie sich etwas von dem seltsamen Sturz erholt hatten, machten sich Echsi und Aluna auf die Suche nach den beiden Verschollenen. „Meinst du, dass die weit abgetrieben wurden?“, erkundigte sich Echsi sabbernd. Jetzt hatte sie echt Hunger und musste sich zurückhalten, um nicht ein Stück aus Aluna herauszubeißen. „Ich weiß nicht“, meinte diese und wich erschrocken ein wenig zurück. Es war Zeit, sich einmal ein bisschen in dieser Wildnis umzuschauen. Überall um sie herum wucherten Pflanzen und Moose. Keine Wege und Pfade waren auszumachen. Sie riefen die Namen der Kinder und suchten alles ab. Sie liefen bis zum nah gelegenen Wald. „Hier werden wir sie niemals finden, Echsi.“ Aluna war traurig. Sie vermisste die kleine, kräftige Gestalt, die auf ihrem Rücken gesessen hatte. Sie fühlte sich allein und missmutig. Echsi war in dieser Hinsicht etwas abgehärteter und nicht gerade feinfühlig, denn im Moment hatte er ganz andere Sorgen. Sein leerer Magen tobte wie wild!
„Wir ruhen hier und verhalten uns still. Wer weiß, was hier noch alles herumlungert“, kommandierte Echsi, während er sich umschaute. „Ja, gut, du hast ja recht, Echsi.“ Aluna schloss die Augen und versuchte, im Stehen zu schlafen. Sie hatte keine Lust, das ganze Prozedere mit dem Aufstehen nochmals durchzumachen. Breitbeinig stand sie da und hoffte, dass ihre Müdigkeit sie ins Reich der Träume befördern würde. Nach einigen Minuten übermannten sie dann doch die Ereignisse des ganzen Tages und sie fiel in einen tiefen Schlaf. Echsi hingegen öffnete seinen Kiefer und gähnte, indem er eine grausige Reihe gelber, spitzer Zähne und einen gewaltigen Rachen zeigte. Dann klappte er ihn zu und schlief binnen Sekunden ein.
Grillen zirpten, Nachteulen und Wölfe heulten und dazwischen war ein gotterbärmliches Schnarchen und ein tiefes Wiehern zu vernehmen. Das Rascheln des trockenen Grases hörte wohl niemand mehr …
Kapitel 2
Gefährliche Hürden
Das nasse Stupsnäschen schnüffelte an diesem komischen Stück, das da auf dem Boden lag. Das Ding wand sich wie eine Schlange durch das Gras. Es sah aus wie der wundervolle, helle Zopf seiner Freundin, nur etwas dicker und fester. Grummel hatte hier noch nie zuvor einen solchen Geruch wahrgenommen. Es roch nach, na ja, nach was denn? Er überlegte, hob seine Nase nochmals hoch und versuchte, es zu definieren: Es roch nach, nach Meer! Das Stacheltier war sich jetzt ganz sicher. Bei einem Ausflug mit Resa hatte er das Salzige und den Algengeruch schon in seiner Nase gespürt. Und der Sand roch irgendwie auch wie Stein. Was er einmal mit seinem ausgeprägten Geruchsinn wahrgenommen hatte, konnte er in einer Million Jahre nicht mehr vergessen! Soviel war sicher. Grummel wollte sichergehen und verfolgte neugierig die Spur des sich schlängelnden Wesens. Sie führte direkt in den Wald. Nun, Resa musste halt etwas Geduld mit dem Essen haben, denn Grummel hatte jetzt Wichtigeres zu tun. Schließlich war er eine Art Wald- und Wiesen-Polizist. Die Mission hatte jetzt Vorrang! Außerdem hörte er komische Geräusche in der nahen Umgebung. Das war sehr verdächtig! Vorsichtig und so leise wie möglich schlich der kleine Igel dem Ding nach und schlüpfte leichten Fußes in den dichten Wald. Schwupps! Verschwunden war er!
Inzwischen brach der neue Tag an und die Vögel hatten begonnen zu zwitschern. Im hohen Gras wurden gerade ganze Büschel Halme geteilt und Aluna streckte ihre lange, wendige Zunge danach aus. Genüsslich kaute sie und schien sich an den Köstlichkeiten sehr zu erfreuen. Hinter ihr stand Echsi und musterte die Giraffe mit sabberndem Maul. Seine kleinen Augen kullerten fast aus den Höhlen, denn Echsis Magen knurrte jetzt so laut, dass dieser sogar seinem nächtlichen Schnarchen Konkurrenz machte. „Mir scheint, hier gibt’s nur für Grasfresser Frühstück“, maulte er und fletschte die Echsenzähne. „Ach komm, Echsi, nimm dir doch ein paar Würmer, die schmecken echt gut!“, wollte Aluna den grünen, gruseligen Kerl beruhigen. „Du musst nur mit deinen festen, großen Krallen etwas Erde aufgraben und dann dein Maul aufreißen und … na ja, etwas Erde wird dann halt auch drin sein. Aber da sind bestimmt viele Mineralien drin.“ Aluna kaute zwischendurch und spukte einen pieksenden Halm aus. Ihre Ausführungen hatte sie hiermit beendet. Echsi befolgte den Rat der Langhalsigen und bohrte seine spitzen Krallen in die Erde. Es „wurmte“ ihn ein wenig! Tatsächlich hatte er zum Schluss ein paar fette Würmer im Rachen. Aber eben auch braune, stinkige Erde. Tja, man konnte eben nicht alles haben!
Die beiden vom Himmel gefallenen Tiere waren einigermaßen satt, ausgeschlafen und voller Tatendrang. „Wir schauen uns hier mal um, was meinst du, Aluna?“ Echsi zeigte mit seinem rechten Vorderbein in Richtung Wald. Aluna nickte und schickte sich an, ihre hohen Stelzen in Position zu bringen. „Okay, wir gehen da lang, Echsi“, bestimmte sie die Route. „Wer zuerst am Waldrand ist, hat gewonnen! Und den Preis kriegt derjenige dann, wenn wir wieder zu Hause sind“, rief sie voller Elan. „Ja, wenn wir Wolke und Elias gefunden haben“, fügte Echsi kaum hörbar hinzu.
Jetzt rannten eine ausgewachsene, gefleckte Giraffe und eine überlebensgroße Echse um die Wette über die trockene Graslandschaft bis zum dichten Wald. Im Übereifer hatte aber keiner der beiden das lange, dick geflochtene Seil, das sich auch bis zum Wald schlängelte, bemerkt. Sie rannten wie um ihr Leben; denn jeder wollte gewinnen und den unsichtbaren Preis abräumen. Die Landschaft um sie herum war nur noch schemenhaft zu sehen und der Boden bebte, als sie wie Gejagte über das vom Himmel gefallene Seil donnerten. Ja, eine Giraffe und eine Riesenechse konnten sehr schnell rennen und einen ziemlichen Lärm verursachen!
Grummel drehte sich erschrocken um. Was war das für ein Donnern da draußen vor dem Wald?! Vielleicht ein Erdbeben? Grummel grummelte vor sich hin und malte sich schon aus, wie die Erde sich spalten würde und er auf der einen und Resa auf der anderen Seite für immer getrennt werden würden. Nicht auszudenken! Resa, sein geliebtes kleines, blondes Wildschweinchen. Im Gedanken seiner Panik sah Grummel nur den langen Zopf des quirligen Tierchens herumwirbeln und ein kleines Schnäuzchen angstvoll quietschen. Das war das Ende! Du meine Güte! Nichts nützte jetzt noch was, weder, dass er, Grummel, eine gute Nase hatte, noch, dass er ein Polizeispezialist war! Schrecklich war das!
Zuerst dieses lange Ding vor dem Wald, das so gewaltig stank und jetzt das! Unglaublich! Wer wagte es, seine Idylle zu stören?! „Na warte!“, drohte Grummel und stellte seine Stacheln aufVollmast. Aus seinen Nasenlöchern dampfte es, während seine kleinen Vorderbeine wild in der Erde scharrten. Aufmerksam verharrte er so und war bereit, dem Feind die Zähne und Stacheln zu zeigen und, wenn nötig, auch fühlen zu lassen!
Aluna flog geradezu über die Breschen und ließ die Echse weit zurück. Echsi hingegen aber war sowas von wütend! Das fehlte gerade noch! Zuerst „nur“ Würmer zum Frühstück und jetzt auch noch eine klägliche Niederlage. Das ging zu weit! Er verlangsamte nun seinen Sprint und starrte derweil beschämt zu Boden. „Soll sie doch gewinnen, diese langbeinige und -halsige Stelze!“, grämte er schnaubend. Als er so gesenkten Hauptes vor sich hin trampelte, bemerkte er plötzlich das Seil. „Haaaaalt, Alunaaaa!“, schrie er in Richtung Wald.
Grummel vernahm ein schrilles „Haaaaalt, Alunaaaa!“ und grunzte im selben Moment. Uiuiuiui, was war da denn los? Er zog seine Stacheln ein, machte in Richtung Feld kehrt. Er gab immer noch Acht und rannte, so schnell er konnte, zur Lichtung. Er musste nur schön seiner empfindlichen Nase nach.
Aluna bremste sich aus, weil sie doch Echsi nach ihr rufen gehört hatte. „Was ist denn? Geht es dir gut, Echsi?“, Aluna klang echt besorgt. „Ja, du kannst langsam gehen, sabberst ja mit deinem ganzen Schweiß alles voll“, meinte Echsi grinsend und sah mit diesen spitzen Zähnen furchterregend aus. Aluna beruhigte sich und ging langsam auf die Echse zu. Für Fremde war diese gar nicht so einfach zu entdecken, so grün wie der Boden war sie. Erst als Aluna neben Echsi stand, erblickte die Giraffe nun ebenfalls das Seil, auf dem sie beide balanciert waren und das ebenfalls vom Himmel gefallen war. „O Echsi, da ist ja ein Stück von dem Seil, auf dem wir gelaufen sind!“, rief sie voller Freude. „Vielleicht finden wir endlich Wolke und Elias!“ Während sie Aluna ansah, erkannte Echsi erst jetzt, dass auch Aluna riesengroße Zähne hatte. Diese hatte ihr Maul mit den samtenen Lippen zu einem Zahnpasta-Lachen geformt. Die beiden unterbrochenen Rennläufer vergaßen binnen Sekunden, dass sie sich ja mitten in einer Wette befunden hatten. Sie rätselten nun über den Verbleib der beiden verschollenen Kinder.
Während der hitzigen Diskussion der beiden Tiere rannte mit einem Mal ein Wesen quer über das Feld auf diese zu. Wutentbrannt, voller Stacheln und mindestens 60 Kilometer pro Stunde auf dem Tachometer …
Kapitel 3
Eine unerwartete Begegnung
„Haaalt, stopp!“, rief die Echse ganz aufgebracht und legte sich quer über die Rennbahn, noch bevor der rasende Igel sie und Aluna erreicht hatte. Abrupt unterbrach der Stachelknäuel seinen Lauf, wobei er fast auf seine kleine Schnüffelnase fiel. Grummel war höchst ungehalten über diese freche Unterbrechung. „Was fällt dir ein!“, brüllte er das grüne Ungeheuer empört an. Doch als er sich bewusst wurde, wie gefährlich dieses Vieh tatsächlich aussah – geschweige ihm werden könnte – riss er sich zusammen und wich ein paar Sätze zurück. Sich in Sicherheit zu bringen, war jetzt wohl das Beste. Grummel begann zu zittern und seine Stacheln richteten sich automatisch auf – als Vorbeugung zum Selbstschutz –; er war ja offensichtlich doch etwas von kleinerer Gestalt. Dieses schuppenartige Reptil mit den grauslichen Zähnen hätte ihn leicht als Vorspeise verschlingen können. Was die Echse aber eben nicht tat.
Echsi starrte erstaunt auf die feixende Person, die wie wild um sich schlug. „Jetzt gib doch Ruhe, du Rotztier!“, grunzte er zwischen seinen Zähnen durch. „Was machst du hier denn überhaupt?“, wollte er wissen und musterte Grummel argwöhnisch. Doch bevor dieser etwas von sich geben konnte, kam ein riesiges, geflecktes Etwas auf vier stelzigen Beinen auf ihn und seinen vermeintlichen Peiniger zu. Grummels Herz pochte wie wild. Auch dieser Geselle hier hätte ihn mit einem Hufschlag niedermachen können. Aluna bückte sich, legte fast zärtlich ihren mächtigen Kopf auf den Boden, schlug ihre braunen Kulleraugen auf und zu und schnüffelte neugierig an dem stacheligen Gesellen. „Ich bin Aluna, wer bist du?“, fragte sie ganz leise, um den offensichtlich verängstigten Kerl nicht noch mehr aufzuregen. „M–m–m–mein Name ist Grummel und ich bin hier, weil ich hier der Polizeispezialist bin. Ich habe dieses Stück, das Ding da, gefunden und mir gedacht, ich will dem mal nachgehen und herausfinden, was es damit auf sich hat. Wie es hier hingekommen ist und …“, stammelte der Igel und zeigte auf das Seil. „Stopp und halt!“, unterbrach ihn die Echse erneut. „Nun mal langsam! Also ich bin Echsi und die lange Stelze da, die mit den Flecken auf dem Fell, ist Aluna“, erklärte Echsi. „Ja, ich bin Aluna“, nickte die Giraffe und vergrub ihre Nase im Gras.
„Also warum seid ihr denn hier?“, wollte Grummel wissen; denn schließlich war er ja so etwas wie ein Detektiv und es war seine tägliche Arbeit, zu schnüffeln. Echsi mochte das eigentlich nicht so, wenn er so ausgefragt und ausgequetscht wurde. Doch der Kleine hatte etwas Rührendes an sich und so überlegte er, wie er ihm die Situation erklären konnte. Aluna aber war schneller: „Wir sind hier gelandet. Das ist ein Stück Seil, auf dem wir balanciert sind. Aber wir hatten noch zwei Reiter auf unseren Rücken. Doch die beiden sind zuerst runtergefallen und jetzt suchen wir sie. Sie sind verschollen.“ Kurz und bündig. Und es war äußerst seltsam, dass die beiden Kinder nicht auch hier gelandet waren. „Wir suchen sie bereits eine Weile“, vervollständigte Echsi die Geschichte. Grummel verstand nicht ganz und konnte sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen: „Sagt mal, ihr beiden, warum seid ihr denn abgestürzt? Warum seid ihr überhaupt balanciert und dann noch auf so einem stinkenden Seil?“ Tja, das konnten weder die Giraffe noch das grüne Ledertier so richtig erklären und schauten sich fragend an. Beide hoben wie auf Kommando gleichzeitig ihre Schultern hoch und senkten ihre Blicke. „Wir sind doch nur die Lasttiere und wir kommen aus dem Zoo“, meinte Aluna leise, während ihr die grüne Echse verlegen zustimmte. „Ja, so ist das“, seufzte Echsi.
„Wir müssen unbedingt etwas unternehmen; lange ist es hier nicht mehr hell. Es ist Herbst und die Tage werden kürzer. Wenn wir die beiden finden wollen, müssen wir jetzt handeln.“ Grummel grunzte und trat wichtigtuerisch ein Trippelschrittchen hervor. „Kannst du uns denn helfen?“, wollte Aluna wissen. Wieder grunzte Grummel und sagte mit klarer Stimme und geschwelltem Igelbrüstchen: „Sicher! Es ist meine Pflicht, denn ich bin Wald- und Wiesenpolizist. Punkt und aus die Maus!“ Augenblicklich stand Aluna stramm auf ihren dünnen Beinen und Echsi versuchte, seinen langen Körper in Position zu bringen. Stramm und startbereit stand er da.
