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Die Montagswerkstatt hat mittlerweile schon einen langen Weg zurückgelegt – seit über 30 Jahren treffen sich Schreibende in dieser Runde, stellen sich gegenseitig ihre Texte vor, warten auf ehrliche und konstruktive Kritik, auf Anregungen zur Überarbeitung, Weiterentwicklung und Verbesserung. Gelegentlich werden die Ergebnisse interessierten Lesern in einer Anthologie vorgestellt – diesmal ist es die ELFTE!!! Der Titel WORTWEGE / LEBENSWEGE will andeuten, dass sich in den Texten LEBENSWEGE eingeschrieben haben, die sich über das WORT den WEG in die Öffentlichkeit suchen. Vielleicht erkennt mancher Leser Ähnlichkeiten mit eigenen oder bekannten Lebensentwürfen, Lebensstationen, Lebenswegen und Lebensbilanzen. Bei den Lebenswegen können, wie in den Kapitelüberschriften angedeutet, LEBENSLIEDER anklingen – in Moll und in Dur.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die Mitglieder des Montagswerkstatt e.V. haben nicht nur durch ihre Textbeiträge und Honorarverzicht zur Realisierung von „Wort-Wege Lebens-Wege“ beigetragen, sondern auch intensiv bei der Textauswahl und -erfassung, den Redigier- und Korrekturarbeiten mitgewirkt.
Die Montagswerkstatt e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und finanziert sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.
Ein Buch des
Montagswerkstatt e. V.
Alle Rechte bei dem Montagswerkstatt e.V. und den Autoren
1. Auflage, Dezember 2015
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die Montagswerkstatt hat mittlerweile schon einen langen Weg zurückgelegt – seit über 30 Jahren treffen sich Schreibende in dieser Runde, stellen sich gegenseitig ihre Texte vor, warten auf ehrliche und konstruktive Kritik, auf Anregungen zur Überarbeitung, Weiterentwicklung und Verbesserung. Gelegentlich werden die Ergebnisse interessierten Lesern in einer Anthologie vorgestellt – diesmal ist es die ELFTE!!!
Der Titel WORTWEGE / LEBENSWEGE will andeuten, dass sich in den Texten LEBENSWEGE eingeschrieben haben, die sich über das WORT den WEG in die Öffentlichkeit suchen.
Vielleicht erkennt mancher Leser Ähnlichkeiten mit eigenen oder bekannten Lebensentwürfen, Lebensstationen, Lebenswegen und Lebensbilanzen.
Bei den Lebenswegen können, wie in den Kapitelüberschriften angedeutet, LEBENSLIEDER anklingen – in Moll und in Dur.
Die Texte können in die TÄLER DER VERGANGENHEIT führen, in die HINTERHÖFE EINER KINDHEIT; sie zeigen ZERFRANSTE LEBENSFÄDEN, aber auch – wie in AUFBRICHT DAS BLAU – Hoffnungen, Glücksmomente, heitere Begebenheiten, Sehnsüchte, neue Wege, andere Wege.
Die Mitglieder des Montagswerkstatt e.V. haben der neuen Anthologie den Weg bereitet und hoffen, dass die Inhalte ihren Weg zu den Lesern finden. Vielleicht erreichen uns auch einige Rückmeldungen – wir würden uns freuen!
Marie-Luise Grünig-Martin
(Erste Vorsitzende des Montagswerkstatt e.V.)
Irmgard Osterrieder: Elfchen
Lebenslieder
Irmgard Osterrieder: Tagessymphonie
Peter Inzen: Wer Schmetterlingen zuhören kann, erfährt, wie Wolken schmecken
Anna Maria Nagl-Lerch: Tränendes Herz (Dicentra spectabilis)
Irmgard Osterrieder: Kreischer
Anna Maria Nagl-Lerch: Die Lieder eines Sommers
Brigitta-Lea Scherleitner: Warten ins Blech
Suse Schneider-Kleinheinz: Die solistischen Darbietungen der Familie Schneider
Suse Schneider-Kleinheinz: Orgelpunkt
Brigitta-Lea Scherleitner: Bajuschki baju
Anna Maria Nagl-Lerch: Über silberne Meere
Yan Yan Ping: Ihre Augen glänzen
Weit in den Tälern der Vergangenheit
Anna Maria Nagl-Lerch: Weit in den Tälern
Heidi Mergener: Diese Augen
Anna Maria Nagl-Lerch: Wiederbegegnet
Brigitta-Lea Scherleitner: Lauft was ihr könnt
Peter Inzen: Ich weiß genau, wie man Sie nennt
Yan Yan Ping: Für M
Suse Schneider-Kleinheinz: Zeitbogen
Suse Schneider-Kleinheinz: Ist’s Magie?
Suse Schneider-Kleinheinz: Ein pädagogischer Zeigefinger
Suse Schneider-Kleinheinz: Eine Kerze angezündet
Yan Yan Ping: Wài pó – Oma
Brigitta-Lea Scherleitner: Die Stimme
Yan Yan Ping: Die Traurigkeit
In den Hinterhöfen einer Kindheit
Anna Maria Nagl-Lerch: Zu Taglicht schwanden die Giebel
Peter Inzen: Worum geht es?
Irmgard Osterrieder: Erinnerung
Peter Inzen: Ein Wunder?
Heidi Mergener: Geruch meiner Kindheit
Irmgard Osterrieder: Ibidum
Irmgard Osterrieder: Willkommen
Heidi Mergener: Folgen
Brigitte Berger: So ist es gewesen
Heidi Mergener: Schuldgeschmack
Zerfranste Lebensfäden
Brigitta-Lea Scherleitner: Zerfranste Lebensfäden
Brigitte Berger: Brauchbar
Irmgard Osterrieder: Alles gegeben
Peter Inzen: Midlifecrisis
Brigitte Berger: „Habe ich schlecht geputzt?“
Irmgard Osterrieder: Abschied vom Grün
Irmgard Osterrieder: Davonlaufen
Brigitta-Lea Scherleitner: Von außen
Brigitte Berger: Fremd
Heidi Mergener: Herbst
Suse Schneider-Kleinheinz: Allerliebrauh
Brigitta-Lea Scherleitner: Vergeudete Zeit
Brigitte Berger: Das Testament
Irmgard Osterrieder: Vergänglich
Aufbricht das Blau
Anna Maria Nagl-Lerch: Aufbricht das Blau
Peter Inzen: Pan!
Peter Inzen: Rummelplatzriesenrad
Anna Maria Nagl-Lerch: Es tost die Nacht ins Wüstenland
Suse Schneider-Kleinheinz: Unter dem Rotbirnenbaum
Irmgard Osterrieder: Zwischen Sternen
Heidi Mergener: Raureif
Anna Maria Nagl-Lerch: Tief ins nachtblaue Märchen
Peter Inzen: Das Bergstädtchen Berlin
Anna Maria Nagl-Lerch: Zeitlos
Suse Schneider-Kleinheinz: Pferdelenker
Peter Inzen: Bouquet meiner Lieben
Yan Yan Ping: Zu leben bedeutet
Anna Maria Nagl-Lerch: Fernher rufen die Krähen
Irmgard Osterrieder: Etwas besseres als den Tod…
Yan Yan Ping: Es gibt eine Art von Verabschieden
Anmerkungen zu den Autoren
Elfchen –
elf Wörter
zeilenweise eines mehr…
ich liebe diese knappe
Ausdrucksweise.
Gegen sechs Uhr dämmert der Tag. Ich lausche dem Konzert der Vögel und friere.
Der sandig-steinige Weg führt stet bergauf. Das Gewicht meines Rucksacks wirkt wie eine eingebaute Handbremse. Ganz allmählich wird mir warm.
Vergeblich halte ich Ausschau nach Hinweisschildern.
Ein kleiner Indio-Junge, höchstens fünf Jahre alt, überholt mich elegant auf seinem Esel.
Nach fast drei Stunden entdecke ich erste Vorboten des Habitat*: Schmetterlingsleichen auf dem Pfad und im Gebüsch. Dann eine handgemalte Tafel: EL ROSARIO. SANCTUARIO DE LAS MARIPOSAS MONARCAS. Ich gehe vorbei an einem kleinen Info-Häuschen und an leeren Verkaufsständen. Kein Mensch da!
Es dauert, bis ich an den Zweigen einiger Bäume riesige ‚Trauben’ hängender Schmetterlinge wahrnehme: Graubraun, als hätten die Fichten welke Blätter.
Wo erste Sonnenstrahlen hinreichen, regt sich träge etwas Leben. Eine Stunde später sind schon Tausende der Insekten aufgewärmt und fliegen umher.
Erinnerungen werden wach an den ‚Indian Summer’ im Süden Kanadas und im Norden der USA: Unzählige dieser orange-schwarz gemusterten Monarche belebten dort die sich buntfärbenden Wälder und Heiden. Auf ihrer herbstlichen Wanderung hatten sie damals die gleiche Richtung wie ich: Südwestwärts, raus aus winterlichen Frostzonen. Nun begegnen wir uns 8.000km weiter hier im abgelegenen mexikanischen Hochland. Bis zu 120km täglich haben sie dafür zurückgelegt.
Ich bewege mich jetzt vorsichtig vorwärts, taste zentimeterweise mit neugierigen Blicken den Wald ab. Vor mir, am Boden, rühren sich schwerfällig die heruntergefallenen Falter. Wir sind auf über 3.000m Höhe, da sind die Nächte frostig.
Ich beobachte gefesselt die orange-schillerden Falter, wie sie mit den Flügeln pumpen und dabei scheinbar mit jeder Bewegung ein wenig größer werden.
Gegen Mittag erreichen die Sonnenstrahlen die meisten Äste und Zweige, und die dunkelgrüne Farbe der Fichten geht über in ein leuchtendes Orange.
Orange ist die Warnfarbe giftiger Tiere. Monarche ernähren sich als Raupen von Wolfsmilchgewächsen, speichern deren giftige Substanzen in ihrem Körper als Selbstschutz.
Überall sitzen jetzt Falter und sammeln Sonnenstrahlen. Die Luft ist voller Schmetterlinge. Einige paaren sich, heben miteinander ab; fallen in Spiralbewegung sanft zu Boden, setzen dort die Paarung fort.
Sie gehören zur fünften Generation der Monarchen, die zehn- bis zwölfmal so alt werden wie Artgenossen anderer Generationen. Diese lange Lebenszeit ermöglicht ihnen einen kompletten Migrationszyklus. Ein Rätsel, warum sie alljährlich wieder an genau dieselben Bäume wie ihre Vor-, Vor-, Vor-, Vor-, Vorfahren kommen. Warum nicht ein paar Kilometer entfernt von hier auf gleiche Bäume in gleicher Höhe?
Wissenschaftler vermuten eine Art ‚Magnetismus’ im Körper der Falter. Deshalb verbietet man auch die Entfernung von Leichen erfrorener oder durch Hagelstürme vernichteter Monarche. An manchen Stellen des Waldes liegen abertausende von ihnen, wie ein dichter Laubteppich.
Es ist früher Nachmittag, alles flirrt und schwirrt wie aufgewirbeltes Laub. Gerne würde ich mit abheben.
Fasziniert bewege ich mich fast schwebend inmitten dieses sanften Tumults. Dutzende der bis zu handtellergroßen Tiere landen auf meinem Rucksack, auf meinem Hemd, auf meinem Kopf, in meinem Gesicht. Um mich herum flattern und segeln zig Millionen Monarche – und doch so leise und beschaulich! Nur ein leichtes Rauschen ist vernehmbar: Akustische Summe zahlloser Flügelschläge.
Ein Vergleich drängt sich auf zur 25 Millionen-Stadt Mexico-City: Auch Anziehungspunkt für ungezählte Migranten und Besucher, aber so laut und hektisch, stinkend, rücksichtslos, aggressiv.
Aus dem Wald weit unten naht empfindlich störend eine Klangwolke aus Lachen, Jaulen, Schimpfen und Kreischen. Viel später erst kann ich die Verursacher dieser Waldbeschallung auch sehen: Eine Ausflüglergruppe, der Zusammensetzung nach eine Großfamilie, ich nehme an: Städter.
Es ist vermutlich die Mutter, die meinen irritierten Blick wahrnimmt und nun versucht, die Kinder zum Leisesein zu bewegen, indem sie deren Lautstärke überbrüllt. Vergeblich.
Auch ich versuche mein Glück und habe damit beinahe eine Minute lang Erfolg: „Kinder, wenn ihr den Schmetterlingen zuhört, könnt ihr erfahren, wie Wolken schmecken!“
Verdutzt starren sie mich an und – lauschen. Dann wenden sie sich an ihre Mutter: „Der Señor hat gesagt, man kann Schmetterlingen zuhören!“
„Hat er gesagt!“ gibt sie zurück.
Und das Toben geht weiter.
* Wohn- bzw. Lebensgebiet
Deiner Stille
wieder fern
der junge Laut des Frühlings
sein schmeichelnder Klang
errötet noch immer dein Herz
lautlos deine Träne
Hochsommer war es für ein paar Tage. Die Mauersegler, so reglos. Paradox! Denkt man an Mauersegler, in manchen Gegenden auch Kreischer genannt, fällt einem doch nicht das Wort „reglos“ ein. Aber genau das ist es. Reglos am hohen Himmel. Kaum ein Flügelschlag. Doch ständig unterwegs.
