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Neue Prosatexte und Essays von Otto A. Böhmer, Iso Camartin, Beatrice Eichmann-Leutenegger, Hermann Kinder, Gianni Kuhn, Peter Salomon, Brigitte Tobler und anderen.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Schreiben ist Kunst. – Ja.
Schreiben ist aber auch Gewerbe. Broterwerb. Zur Finanzierung eines Lebens. Eines Überlebens. Davon handelt der eine oder andere Text der vierten Ausgabe der »Wort_Zone«. Dieses Thema war nicht gewollt oder gesucht, es hat sich einfach eingestellt, hat sich sein Verbreitungsmedium gesucht …
Und damit das noch besser klappt, erscheint die »Wort_Zone« ab sofort als Online-Zeitschrift. Gratis als Download (wegen der quasi sekundenschnellen Verbreitung …).
Für Liebhaber von Papier, Druckfarbe und bunten Buchrücken in Wohnzimmerregalen wird es die »Wort_Zone« weiterhin aber auch als Printausgabe geben. Und als ebook. Die Leserinnen und Leser haben fortan die nahezu unbegrenzte freie Wahl. Und die Autorinnen und Autoren werden um ein Vielfaches mehr gelesen. Wohlan denn…
Klaus Isele
P
ROSA
Gianni Kuhn
.
Die Herrin der Quadrate
Beatrice Eichmann-Leutenegger
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Der Stationsvorstand
Brigitte Tobler
.
Winterstaub
Ruedi Bind
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Jürg Schubiger – Begegnung und Erinnerung
Hermann Kinder
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Blick durch den (mittlerweile etwas abgebauten) Grenzzaun
Daniel Bürgin
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Aquatinta
Barbara Fatzer
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Mit Frankyboy nach Hagar Qim
Ana Lang
.
Da und weg
E
SSAY
Iso Camartin
.
Ein Künstler, wie er im Buche steht. Über Martin Walser anlässlich einer Preisverleihung
Peter Salomon
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Der Bodensee ist keine Nische mehr. Dankrede zur Verleihung des Bodensee-Literaturpreises 2016
Jochen Kelter
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Dankrede für einen Preis, den ich nie bekommen habe. Ein kleines Kultur- und Sittenbild
Otto A. Böhmer
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Die ganze Wahrheit. Der Dichter zur See Joseph Conrad
Peter Salomon
.
Das Phantom des Freien Schriftstellers. Eine polemische Adnote zum Literaturbtrieb
25 Fragen (Folge 4): beantwortet von
Walter Neumann
Lieblingssätze aus empfehlenswerten Büchern
Rezensionen
Über die Autoren
1. Was geschah
Michael und Anna sind im Sommer 2017 mit ihren beiden Töchtern Isabelle und Chloé von Zürich nach Paris umgezogen, wo sie in einem alten Atelier im Quartier Montparnasse wohnen. Anna arbeitet intensiv an ihrer Karriere als Fotografin. Im Herbst hat sie eine Ausstellung in einer Galerie in New York. Die Stadt scheint sie immer wieder anzuziehen, nicht nur damals, als sie auf der Flucht war. Die in diesem Buch abgedruckten Fotos sind so etwas wie ein Einblick in die Ausstellung. Dabei hat sie eine ganz eigene Sicht der Dinge, vor allem der Menschen. Sie hat ein grosses Herz, scheut sich aber auch nicht, mit der Kamera an die Beute ranzugehen, gerade in New York. Diese Stadt ist nun wirklich nichts für scheue Rehe. Ich denke an den Schweizer Fotografen Robert Frank, dem 1955 ein Guggenheim-Stipendium zugesprochen wurde. Das ermöglichte es ihm, mit seiner Familie durch die Vereinigten Staaten zu fahren. Dabei machte er rund 20.000 Fotos, aus denen er 83 zu seinem Buch The Americans zusammenstellte. Reichtum, Armut, Diskriminierung, Melancholie, Depression. Er zeigt alles in Schwarz und Weiss. Er schoss schnell, spontan, mit geübtem Blick, ohne dabei gross beachtet zu werden. Damit schaffte er diesen unglaublichen Zeitschnitt, der vor allem den Amerikanern zeigte, wie ihr Land, wie sie selbst wirklich waren. Er porträtierte gewissermassen eine ganze Zivilisation.
»Da wiehert wieder mal der Kunstgeschichte-Gaul.« Mit diesen Worten hätte mich mein Freund in meiner Rede über die Fotografie schon längst unterbrochen. Doch der ist nicht mehr da, tingelt mit seiner Jazzformation um den Globus, sucht sein Glück bei anderen Frauen. Soll er doch! Ich verliere kein Wort über ihn.
Wie das bei meiner Schwester Anna funktioniert? Ich war immer wieder mal dabei, wenn sie auf Beutezug ging. Ich erinnere mich noch genau an ein Gespräch mit ihr nach einem solchen Fototag: »Wenn du eine grossartige, eine einmalige Szene siehst, darfst du keinen Augenblick zögern, fokussiere und drück ab. Wenn es dazu nicht mehr reicht, halt die Kamera wenigstens in die Zielrichtung und drück ab«, sagte sie damals.
»Aus der Hüfte heraus?«, fragte ich sie.
»Je nach Situation, meistens schiesse ich auf Brusthöhe. Im Baseball wäre das nur noch knapp in der strike zone.«
»Der strike zone?«
»Das ist das unsichtbare Zielfeld, durch das der Pitcher den Ball werfen muss, ein Rechteck, dessen Untergrenze das Grübchen unter dem Knie bildet, die Obergrenze befindet sich zwischen Gürtel und Schulter, also etwa auf Brusthöhe des Schlagmanns, des Batters.«
»Aber was hat Fotografie mit Baseball zu tun? Bist du bei deinem Aufenthalt in New York in der Bronx zum Yankee-Fan geworden, oder zieht es dich nach Queens rüber, hältst du es mit den Mets?«
»Ach, was! Das war nur ein Vergleich. Wir sagen ja auch ein Foto schiessen, obschon ich kein Gewehr in Händen halte.«
»Zum Glück.«
»Aber auf der Jagd bin ich allemal. Du gehst einfach mit der Kamera im Anschlag durch die Menge, nicht zu schnell, bleibst manchmal stehen, schaust dich andauernd um, als hättest du ein Radargerät für Bilder in dir, und plötzlich siehst du die entscheidende Szene, oder du siehst, dass sie am Entstehen ist. Wie gesagt, nicht zögern, sofort abdrücken.
Einmal fragte ich einen Mann, ob ich ihn fotografieren könne, doch er winkte ab, er sei menschenscheu, er wolle das keinesfalls. So wurde natürlich nichts aus dem gelungenen Foto. Noch schlimmer: Als ich ihn später zufälligerweise im Kino sah, musste ich während der ganzen Vorführung – es war ein Film mit Juliette Binoche in der Hauptrolle – an die peinliche Situation denken. Seither frage ich niemanden mehr, drücke einfach ab, als ob nichts wäre, als ob nicht die Abgebildeten gemeint seien.«
»Du handelst nur nach deinem Instinkt, deinem Bauchgefühl?«
»Ja, du hast es erfasst. Dahinter steht natürlich meine ganze Erfahrung. Vor allem musst du unsichtbar bleiben.«
»Und du hattest nie Probleme?«
»Doch, das kann schon mal vorkommen. Einmal fotografierte ich einen Mann im Overall vor einer Autowerkstatt, da kam der erzürnt auf mich zu und sagte, er wolle das nicht, niemand dürfe ihn hier sehen, ich solle die Fotos vernichten.«
»Vernichten, wie das?«
»Das fragte ich ihn auch. Das war ja nicht digital, ich konnte ihm die Fotos nicht zeigen und sie dann mit einem Knopfdruck löschen.«
»Und dann, hat er dich bedroht?«
»Nicht wirklich. Ich öffnete die Kamera, holte die Filmrolle heraus, hiess ihn, am einen Ende zu halten, und ich zog daran. Ich kann dir sagen, wir waren plötzlich wie zwei Kinder, die eine Luftschlange entrollten. Mit einem Mal musste der andere lächeln, weil er merkte, dass ich es nicht darauf angelegt hatte, ihn als illegal hier Arbeitenden abzubilden. It’s just art, sagte ich abschliessend.«
»Aber wenn es geklappt hat, du deine Filme belichtet hast, gehst du dann sofort in die Dunkelkammer, um dir deine Beute anzuschauen?«
»Nein, überhaupt nicht. Natürlich muss ich den Film in der schwarzen Dose entwickeln. Wenn ich allzu lange warte, könnte er einen Schleier bekommen. Aber zum Herstellen der Kontaktbögen, auf denen ich alle Fotos im Kleinformat sehe, lasse ich mir Zeit. Da können schon mal ein oder zwei Monate verstreichen, bevor ich mich an die Arbeit mache.«
»Du willst nicht wissen, ob dir die Fotos gelungen sind?«
»Natürlich will ich das wissen, doch es schadet nicht, vorerst zuzuwarten, bis die Emotionen, bis die Aufnahmesituation verflogen ist.«
»Was?«
»Ja, die fotografische Wirklichkeit ist nicht mit dem zu verwechseln, was wir jeden Tag an unserem eigenen Leib erfahren. Es ist für mich einfacher, die Fotos vorerst ruhen zu lassen, dann fällt es mir leichter, sie zu beurteilen, sie zusammenzustellen.«
So war das mit Anna. Das meiste, was ich über Fotografie sagen kann, habe ich nicht in meinem Kunstgeschichte-Studium gelernt, sondern von meiner Schwester Anna, vor allem auch in Fotoausstellungen, die wir zusammen besuchten.
Was ihr Mann Michael so macht? Der wohnt ja jetzt auch in Paris. Soviel ich weiss, hat er gelegentlich juristische Aufträge und ist deswegen ab und zu in Bern. Das sind ja nur ein paar Stunden Zugfahrt von Paris. Doch er arbeitet vor allem mit mehreren französischen Musikern an seiner zweiten CD unter dem Bandnamen The Great Southern Sound Lab. Er nennt sie Promenades oder so ähnlich. Oder ist die CD bereits auf dem Markt? Als er wieder mal hier in Zürich war, erzählte er mir etwas von einer dritten, die hat den Arbeitstitel Zürich Ost, wohl weil er sich darin in einigen Stükken auf Frauenfeld bezieht, wo er seine Jugend verbrachte. Es soll sogar einige Dialektstücke drauf haben. Aber was plaudere ich da aus dem Nähkästchen; ich will ja nicht zu viel verraten. Daneben schreibt er schon das ganze Jahr über an einem Langgedicht mit dem Titel Montparnasse. Sonst hat er ja nie Gedichte geschrieben. Ich glaube, er ist durch die wahnwitzigen Gedichte von Anselm Kahn darauf gekommen, es selbst auch mal auszuprobieren.
Wer Anselm Kahn ist? Nun, im Roman Die Norwegische Reise fährt der Ich-Erzähler – ein Architekt aus Basel namens Anselm Kahn – in die norwegische Hafenstadt Bergen, wo er eine Erbschaft antreten soll. Diese besteht hauptsächlich aus einem vollgestopften Trödlerladen in der Altstadt und dem Mobiliar einer Mietwohnung auf der Halbinsel Nordnes, kaum eine halbe Stunde vom Laden entfernt. Unter all dem Trödlerkram findet Kahn beim Versuch, all die Sachen zu ordnen, das Manuskript eines Dichters, ohne dass aber ein Name drauf stünde. Weil der Leiter des Architekturbüros in Basel es nie geschafft hat, eine Reise durch Skandinavien zu machen, bittet er Kahn, ihm einen kurzen Reisebericht zu schreiben. Er könne dafür auch etwas länger dort bleiben als geplant. Als Kahn die gefundenen Gedichte in seinen Bericht über den Aufenthalt in Bergen integriert hat, drängt ihn seine norwegische Freundin, die er sozusagen von seinem verstorbenen Onkel übernommen hat, ein richtiges Buch daraus zu machen. Sie habe schon immer einen Romanschriftsteller als Freund haben wollen. Er sei doch nur Architekt, entgegnet Kahn, und ein Reisebericht sei noch lange kein Roman. Ach, was, Architekten und Romanciers hätten doch viele Gemeinsamkeiten, müssten sie doch beide bei grösseren Projekten den Überblick behalten und sich gleichzeitig um all die Einzelheiten kümmern. Auf ihren Wunsch hin baut Kahn den Bericht noch etwas aus. Als er ihn in einem deutschen Verlag drucken lassen will, sieht der in St. Gallen wohnhafte Autor der gefundenen Gedichte die Vorankündigung im Internet und verbietet Kahn per Telefon augenblicklich, die Gedichte zu veröffentlichen. Bei einem Besuch in Bergen, zu dem ihn Kahn eingeladen hat, lässt er sich dann allerdings umstimmen, weil ihm Kahn zusichert, die Gedichte nur mit der Namensangabe des Autors zu veröffentlichen. Zudem erwartet der Dichter eine ganz bestimmte Gegenleistung. Mehr will ich dazu nicht sagen. Nur soviel: Die so lange verschollenen Gedichte sind wirklich das Irrwitzigste, was ich je gelesen habe. Kein Wunder, dass Michael sich davon inspirieren liess und ihm den Mut gab, es ebenfalls mit der Poesie zu versuchen. Musik und Lyrik passen doch gut zusammen, nicht wahr?
Und ich? Ich arbeite immer noch in einer Galerie in Zürich, schreibe Texte für Kunstkataloge, auch wenn ich wegen meiner Krankheit – ich leide unter MS, multipler Sklerose – nicht lange stillsitzen kann, immer wieder aufstehen, umhergehen, mich strecken muss und mir dabei wie eine Raubkatze im Zoo vorkomme. Nur sind die Gitterstäbe, die mich einschränken, nicht ausserhalb, sondern in mir selbst, in meinem Körper. Ich wohne immer noch in der Wohnung von Anna und Michael in Zürich. Im Niederdorf beim Hirschenplatz. Genaugenommen bin ich nur Untermieterin. Die beiden wohnen ja mittlerweile in Paris. Ist auch kein Wunder, nachdem Anna mit ihrem Fotoband Bye-Bye, Paris sozusagen eine Liebeserklärung an diese Stadt publiziert hat. Katharina, die junge Frau mit dem langen pechschwarzen Haar und den Tätowierungen, die eines Tages auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Freund hier auftauchte und nur mal eine Nacht bleiben wollte, wohnt immer noch bei uns. Und sie zahlt pünktlich ihre Miete. Erst kürzlich ist ein junger Mann mit dem wohlklingenden Namen Juan Ramón Silva de Cervantes bei uns eingezogen. Nein, kein Dichter. Er möchte Maler werden, hat deshalb ein Kunststudium an der Zürcher Hochschule der Künste begonnen.
Aber auch ich habe meine Projekte: Auf meinem Schreibtisch liegen die Abbildungen für das Buchprojekt von Gregor Martin mit dem Arbeitstitel Nicht alle Tassen im Schrank, für das ich einige besonders schöne Kaffeetassenringe des Künstlers ausgewählt habe. Mittlerweile hat sich Gregor aber weiterentwickelt. Er interessiert sich nun auch für andere Flüssigkeiten, die sich zum Stempeln eignen. Er arbeitet nun vor allem mit Wein. Das gibt wirklich schöne Kreise. Vor allem handelt er nun nicht mehr aus einem inneren Zwang heraus, sondern aus freien Stücken. Für den Textteil des Kunstbuches bin ich ebenfalls zuständig.
Wer hier schreibt? Ich bin es, Lucia, Annas Schwester. Doch wie komme ich dazu, Die Herrin der Quadrate, den letzten Band von Gianni Kuhns Romantrilogie zu eröffnen, sozusagen ein Vorwort, eine Einführung zu schreiben? Das kam so: Als mich der Verleger Klaus Isele vor einigen Monaten anschrieb, um sich nach Gianni Kuhns Aufenthaltsort zu erkundigen, weil er ihm, dem Verleger, das versprochene Manuskript für den dritten Teil immer noch nicht zugesandt hatte, konnte ich ihm nur sagen, dass ich nicht wisse, wo er sein könnte, versprach aber, der Sache nachzugehen.
2. Wo ist der Autor?
Mit dem Zug benötigte ich von Zürich nicht einmal eine Stunde, um nach Frauenfeld zu kommen. Mein Herz trommelte, mein Magen fühlte sich flau an, als ich Kuhn Anfang September in seiner Wohnung in der Stadt an der Murg aufsuchte, die für mich schon immer die Stadt mit den hundert Brücken war, so wie in einem Märchen. Kuhn wohnte in einer stillgelegten Gerberei, ganz oben, wohl weil ihn die gurrenden Tauben inspirierten. Für den Weg vom Bahnhof bis zu seiner Bleibe hätte ich früher kaum fünf Minuten gebraucht. Jetzt kam ich nicht mehr so schnell voran. Immerhin war ich schon beim Dreiegg angelangt, der Bar, in der Kuhn in den letzten Jahren seine neuen Bücher vorstellte. Dann ging’s vorbei an Peggy O’Neills’s Irish Bar, wo Kuhn zur Zeit, als er an seinen irischen Gedichten und Balladen feilte, ab und zu spät nachts mit Freunden gesichtet wurde. Und nun stand ich auf dem Murgsteg. Ich musste mich am Geländer festhalten, um mich etwas auszuruhren. Ich schaute hinunter. Vielleicht einen Meter hoch, lag der kleine, weiss schäumende Wasserfall direkt unter mir. Als hätte sich der Fluss an dieser Stelle einen seidenen Schal übergeworfen. Ich schaute in die Strudel, die Kringel, die sich im weiterfliessenden Wasser verloren. Unweigerlich erinnerte ich mich an die Aare, an das Schwimmen im kalten Wasser, meine Zeit in Bern. Damals konnte ich noch problemlos gehen, rennen, schwimmen. Noch ein paar Schritte, und ich stand vor der einstigen Gerberei, einem alten Backsteinbau. Ganz oben prangte das blaue Logo mit der Ente, noch höher als die Schwarzerle gleich daneben, an deren Fuss sich ein Hahn mitten am Tag die Seele aus dem Leib krähte. Ist halt ein Stadthahn, dachte ich. Verschiedene Geschäfte hatten sich ebenerdig eingemietet, bildeten eine Ladenstrasse. Langsam ging ich an einer Weinhandlung und einem Feinkostladen vorbei, deren Schaufenster sinnigerweise von einer Rebe umrankt wurden, kam zum flot hus, wo »textiles design und living products« angeboten wurden. Gerne wäre ich in eines der Geschäfte reingegangen, doch ich war zu nervös, hatte ich doch eine Aufgabe, eine Mission.
Der unten an der rötlichgelben Backsteinfassade befestigte Briefkasten war überfüllt. Der Lift war ausser Betrieb, so musste ich die Treppen hochsteigen, was für mich gar nicht so einfach war. Meine Beweglichkeit und Ausdauer hatten in letzter Zeit merklich nachgelassen. Als ob ich einen Berg erklommen hätte, stand ich schliesslich vor Kuhns Wohnungstür, klingelte, doch niemand öffnete. Ich klingelte nochmals und wartete. Mein Bein schmerzte. Ungeduldig klingelte ich drei Mal hintereinander. Wieder nichts. Der Vogel war ausgeflogen. Ich musste wieder runter. Vollkommen entkräftet kam ich unten an, wo ich den Hauswart, der den Vorplatz kehrte, nach Kuhns Verbleib fragte. Dieser zuckte nur die Schultern. »Ich bin seine Schwester und muss bei ihm dringend etwas abholen«, insistierte ich.
Das war ein bisschen geschummelt, doch es klappte. Der Hauswart brachte mich mit dem Lift – was für eine Wohltat – hinauf und öffnete mir die Tür, nachdem er mich nochmals wie ein Untersuchungsrichter gemustert hatte.
Mitten auf dem Schreibtisch lag ein Packen, wohl das Manuskript. Auf dem Papierstoss klebte ein Zettel, doch das darauf Geschriebene war verschmiert, weil Kuhn wahrscheinlich aus Unachtsamkeit eine Tasse Tee darauf ausgeschüttet hatte, so dass es mir im ersten Moment schwer fiel, die Wörter zu entziffern. Als ich das Licht anknipste, konnte ich es plötzlich lesen, als hätte ich mir eine Brille aufgesetzt. Der Trilogie dritter Teil stand da von Hand geschrieben. Hoffnungsvoll öffnete ich den verschnürten Packen und hatte einen Stapel von Hand geschriebener Seiten vor mir, der mit Farben frühmorgens fern überschrieben war. Ich machte mir nun meinerseits einen Tee, setzte mich hin und las. Farben frühmorgens fern. Mit dem Roman hatte dieser Text zu meiner Enttäuschung rein gar nichts zu tun, handelte er doch von ganz anderen Dingen. Eigentlich hätte Kuhn doch weiter von Michael und Anna, von mir und Gregor erzählen müssen, er hätte auch eine neue Person, die mit uns im Zusammenhang stand, möglicherweise auch einen Fremden, ins Spiel bringen können. Eine Trilogie ist doch so etwas wie ein Akkord in der Musik, da muss am Ende alles einen Sinn ergeben, zusammenklingen. Aber nein, das Ganze schien vielmehr aus dem Ruder zu laufen. Das hier war eher eine Art Tage- oder Skizzenbuch. Es erinnerte mich sogar an das Feldbuch eines Biologen oder Geografen. Hatte sich Gianni Kuhn wieder auf das Essentielle beschränkt, das Alltägliche, die kleinen Dinge, das Beobachten, Beschreiben? Aber doch nicht in diesem Roman! Auf was konnte das abzielen? War er mit seiner Trilogie in eine Sackgasse geraten, war der Druck, die Erwartung der Leser zu gross, konnte er nicht weiter, musste er weg?
Solange er den Kontakt zu Anna und mir, zu Gregor und Michael aufrecht erhielt, war noch alles in Ordnung. Doch dann trat schleichend eine Wende ein. Wir waren ihm – ich weiss nicht, wie das hatte geschehen können – offensichtlich entglitten, vielleicht weil wir ein eigenes Leben führten, das stets im Wandel begriffen war und auch heute noch ist; ein Leben aus Fleisch und Blut. Und mit einem Male war es nicht mehr deckungsgleich mit dem von ihm beschriebenen. Kuhn war nicht der Autor, der Papier mit Wörtern und Sätzen füllen wollte, nur um wieder ein Buch geschrieben zu haben, daraus vorzulesen, es zu verkaufen, nein, er wollte offensichtlich vordringen ins Innerste seiner eigenen Eislandschaften. So hat er es mir gegenüber einmal beschrieben. Er müsse Wärme, er müsse Leben in sich hineinbringen.
Neben dem Manuskript lagen ein paar von Annas früheren Fotos, vom intensiven Sonnenlicht ziemlich ausgebleicht, gelblich, bräunlich, als stammten sie aus alten Zeiten. Den Gebrauchsspuren nach hatte sie Kuhn offensichtlich immer wieder in die Hand genommen, angeschaut. Auf der Rückseite hatte meine Schwester handschriftliche Notizen angebracht, die teilweise kaum zu entziffern waren.
Ich schaute mir den Stapel Bücher daneben an: Francis Ponge, Patrick Modiano, Jean-Philippe Toussaint, Peter Handke, Gerhard Meier las ich auf den Buchrücken. Auf einem zweiten Stapel fand ich den zerlesenen Roman Mister Aufziehvogel von Haruki Murakami, der eigenartigerweise nach Kiefernharz roch, dazu eine Kurzgeschichtensammlung desselben Autors und darunter Herr Nakano und die Frauen von Hiromi Kawakami. Hinter einer Langspielplatte von Steve Reich, die wie ein Paravent aufgestellt war, entdeckte ich Exit Ghost von Philip Roth und Der Grössere Teil der Welt von Jennifer Egan sowie die New York-Trilogie von Paul Auster, aber auch Bücher von Naturforschern wie Alexander von Humboldt und Carl von Linné. Und irgendwo dazwischen eingeklemmt war eine CD, die von Hand mit The New York Recordings / Material überschrieben war. Ich steckte sie in den verstaubten Player und erkannte sogleich Michaels Stil, die schleifende Gitarre, die hüpfenden Pianolinien. Dazu kamen all die Geräusche von New York: Sirenen, Gesprächsfetzen, Lachen. Und dann war da vor allem dieses unglaubliche Knistern. Ich hatte Gänsehaut. Das alles hatte er oder vielleicht auch der Musiker, den er in einer Bar kennengelernt hatte, zusammengemixt. Michael ging nicht von der Melodie aus, sondern vom Alltag, dem sound of life
