Wort_Zone 5.0 -  - E-Book

Wort_Zone 5.0 E-Book

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Beschreibung

Neue Prosa und Essays von Ruedi Bind, Peter Blickle, Daniel Bürgin, Beatrice Eichmann-Leutenegger, Peter Frömmig, Katja Fusek, Ingeborg Kaiser, Jochen Kelter, Brigitta Klaas Meilier, Jochen Kelter, Maren Kopper, Verena Lang, Peter Mathys, Konrad Pauli, Dominik Riedo, Brigitta Römer, Peter Salomon, Brigitte Tobler, Matthias Ulrich, Katrin Züger.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Editorial

eigentlich sah der Plan folgendermaßen aus: »Ab der fünften Ausgabe der ›Wort_Zone‹ können die Leserinnen und Leser die Genese einer Literaturzeitschrift live miterleben, ein work in progress: vom Eintreffen der ersten Beiträge bis zur endgültigen Form des Magazins. Wenn die Zeitschrift komplett ist, kann sie auch in Printform erworben werden. Bis es jedoch so weit ist, wird in regelmäßigen Abständen immer die neueste Fassung der ›Wort_Zone‹ ins Netz gestellt.«

Zwischenzeitlich sind ernstzunehmende Fragen aufgetaucht: Ist das Zeitalter der Literaturzeitschriften nicht vielleicht längst vorbei? Sind Literaturzeitschriften ein Auslaufmodell, das durch Internet-Blogs abgelöst wurde? Machen Literaturzeitschriften, die sich einer bestimmten Region, einem spezifischen literarischen Lebensraum widmen, noch Sinn? Braucht es heute noch herausgebende, die Literaturlandschaft sondierende Instanzen, oder ist inzwischen jeder Leser sein eigener Zusammenträger von literarischen Kurztexten, die frei zugänglich im Netz kursieren? Jeder Literaturinteressierte mag diese Fragen für sich selbst beantworten …

Ziemlich sicher ist, daß Literaturzeitschriften nicht aussterben werden. Ziemlich wahrscheinlich ist jedoch auch, daß die »Wort_ Zone« nicht fortgeführt wird, weil der zeitliche Aufwand für einen Einzelnen sehr hoch ist. Hinzu kommt, daß dieser Einzelne noch eine zweite Literatur- bzw. Kulturzeitschrift namens »Last Exit: Poetry« herausgibt, die seiner Zuwendung bedarf, und sich verstärkt seiner Arbeit als Lektor widmen möchte.

Es kann deshalb nicht wirklich verwundern, daß der Titel dieser Ausgabe »Über das Verschwinden« lautet.

Klaus Isele

Inhalt

P

ROSA

Katja Fusek

.

Anonym

Brigitta Römer

.

Eva vergessen / Mama umarmen

Peter Blickle

.

Der Andershimmel

Dominik Riedo

.

Ich wurde gelebt

Katrin Züger

.

Sommersonnensonntag

Ingeborg Kaiser

.

Die Dinge und Lea / Der Baum

Daniel Bürgin

.

Men an Tol

Ruedi Bind

.

Dichter haben es schwer und Dichter sein noch mehr

Peter Salomon

.

Erfindungen

Beatrice Eichmann-Leutenegger

.

Im Bergwerk

Brigitte Tobler

.

nicht bei uns … / kling springt / in der mittleren reihe sass sie

Brigitta Klaas Meilier

.

wochen enden

Matthias Ulrich

.

Die Begegnung

Konrad Pauli

.

Passo per passo

Peter Mathys

.

Francescos verlorene Erinnerungen

Verena Lang

.

Die Weissen, die Roten, die Gelben, die Grünen

Peter Frömmig

.

Vom Sondieren des Blickwinkels

Maren Kopper

.

Die (An)Klageschrift des Todes

E

SSAY

Dominik Riedo

.

Der Karl Kraus der Schweiz Über Carl Albert Loosli

Jochen Kelter

.

Tod der Literatur. Vom »Kursbuch« 15 zur Alleinherrschaft des Ökonomischen

25 Fragen (Folge 5): beantwortet von Peter Frömmig

Lieblingssätze aus empfehlenswerten Büchern

Rezensionen

Über die Autoren

Katja Fusek

Anonym

Der Fensterputzer mit dem unaussprechlichen Namen Ballakrishnapillai sieht durch die Scheibe im dritten Stock des gläsernen Wohnblocks einen Mann, und er zweifelt keinen Moment daran, dass der Mann tot ist. Wie sein Oberkörper auf dem Schreibtisch liegt … Und das Dunkle neben seinem Kopf … Im Schein der Lampe schimmert die Glatze des Toten. Der Fensterputzer lässt die Scheibe halb eingeschäumt und schwebt auf der Plattform der Hebebühne auf die Erde hinunter. In der Tiefe unter ihm werfen die Strassenlampen orange Kreise auf den Asphaltbelag. Es fängt an zu regnen. Die ersten Tropfen sehen wie Kratzer aus auf den grossflächigen Scheiben. Daran hat sich der Fensterputzer gewöhnt. In der Schweiz regnet es. Ein Nachteil für die Fenster. Dafür gibt es weniger Staub. Ein Vorteil für die Fenster. Alles hält sich im Gleichgewicht in der Schweiz. So empfindet es der Fensterputzer, der nicht in der Schweiz geboren ist. Die Scheiben des Hauses sind grossflächig wie die Wände eines Aquariums. Keine geborsten wegen Explosionen oder Einschüssen. Das fasziniert ihn, dass manche Fenster in der Schweiz älter sind als seine Urgrosseltern. Der Fensterputzer hat schon Tote gesehen. Aber noch nicht in der Schweiz. Er würde von dem Mann im dritten Stock der Polizei berichten und spät nach Hause kommen. Das ist gut. In einem Jahr oder zwei würden seine Frau und seine Kinder nachkommen. Dann wird er sich nach Hause freuen. Dann käme ihn jemand begrüssen, der ohne Stolpern seinen Namen – Ballakrishnapillai – aussprechen könnte, ganz leicht und selbstverständlich, dass es fast zärtlich klänge.

Der Fensterputzer schwebt nach unten. Jetzt kommt die Wohnung der Pfirsichfrau. Ihr Körper sieht weich aus, ihr Gesicht ist rund und ihr Lächeln hell. Das konnte er sehen, als er ihr vorher beim Hinaufschweben zuwinkte – obwohl das eigentlich nicht seine Art ist. Ein lauter Fetzen Musik dröhnte heraus. Jetzt sitzt die Pfirsichfrau reglos am Computer, das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt, den Blick ins Leere gerichtet, eine grosse Tasse neben sich.

Einen Stock unter ihr bearbeitet ein alter Mann am Tisch ein Stück Holz mit einem Messer, und die hagere Frau neben ihm packt Lebensmittel aus drei prallgefüllten Taschen aus. Das Fenster im Erdgeschoss ist dunkel. Den letzten Meter springt der Fensterputzer von der Hebebühne auf den Boden.

Als er später mit den Polizeibeamten die Treppe hochsteigt, steht im ersten Stock die Wohnungstür offen, im Rahmen die hagere Frau, die Lippen leuchtend rot angemalt. Beinahe zupft sie die Polizisten am Ärmel und verschluckt sich an ihren Worten. Sie läuft hinter den Beamten und dem Fensterputzer die Treppe hinauf.

Hat sie es doch immer gesagt, bei der Russin da oben ist etwas faul. Die Schreie heute Nacht, der wuchtige Aufprall auf dem Boden, das Scherbenklirren, das war nicht auszuhalten, sie wollte ja sofort die Polizei rufen, aber Paul war wie immer dagegen. Der will sich halt in nichts einmischen. Und jetzt ist es zu spät. Jetzt ist die Russin sicher tot und ihre Tochter auch. Dieses blasse Ding. Entweder hören die beiden so laut Musik, dass man unten kein Wort versteht oder lassen sich totprügeln.

Ans Schlafen war gestern nicht zu denken. Paul hörte nichts, kein Wunder bei seinem Schnarchen. Dann kamen die Schreie. Solches Schreien hatte die Frau noch nie gehört – es schmerzte bis in die Knochen. Als würde ein Mensch oder ein Tier gequält in der Wohnung der Nachbarin. Endlich hatte sie Paul wachgerüttelt. Da oben bei den Russinnen stimmte doch etwas nicht! Aber natürlich wollte er nur weiterschlafen und sich ihren wöchentlichen Ausflugstag nicht verderben lassen. Zum Teufel damit! Beim nächsten Schrei würde sie die Polizei rufen. Würde lieber jetzt schon den neuen Morgenrock über das verwaschene Nachthemd anziehen. Sie würde die Polizisten zur Wohnung im zweiten Stock führen und dürfte zusehen, wie sie die Tür aufbrechen, die Russin und ihre Tochter finden … Und Paul schnarchte und schwitzte. Sein fleischiger Nacken glänzte feucht. Er hatte nur den Ausflug im Kopf: am Morgen ausgiebig frühstücken, dann mit dem Auto über die Grenze in ein grosses Einkaufszentrum fahren, dort die Ware anschauen, die Preise vergleichen, Nahrungsmittel im Wagen aufeinanderschichten, dann das Auto beladen, mit dem Lift ins Warenhausrestaurant hochfahren, sich dort mit Freunden treffen – immer denselben – und mit ihnen zu Mittag essen. Am Nachmittag sich wieder über die Grenze durch den beginnenden Feierabendverkehr ans andere Ende der Stadt quälen und zu Hause den Einkauf auspacken. Und beim Sonntagsessen den spöttischen Blick der Schwiegertochter und ihre mitleidige Frage ertragen, ob sie denn nie einen richtigen Ausflug unternähmen. Na und? Hat die blasierte Gans je ihre Schwiegereltern zu einem Ausflug eingeladen? Aber vom Kalbsbraten, der im Nachbarland nur die Hälfte kostet, nimmt sie gleich zweimal.

Sie würde die Polizei rufen, gleich jetzt. Nur kämmen musste sie sich noch. Und Lippenstift auftragen. Dann kam dieser hohe Laut aus der oberen Wohnung. Ein Klagen, ein Wimmern, als drehe sich der Wind im Kamin: ein Frauenweinen. Banal und alltäglich. Wegen dem bisschen Heulen wird sich die Polizei nicht bemühen. Und die Frau würde beim Sonntagsessen wieder nichts zu erzählen haben. Sollen die Weiber doch endlich still sein da oben! Morgen ist schliesslich ihr und Pauls Ausflugstag.

Doch jetzt nach dem Einkauf Blaulicht und Sirenengeheul. Die Polizeibeamten gehen an der Tür der Russinnen vorbei, steigen einen Stock höher, läuten vergeblich an der Wohnungstür und brechen sie dann auf. Sie ist von innen verschlossen. Und der Mann am Schreibtisch tot.

Natalia hatte den Schuss über ihrem Kopf deutlich gehört, hatte ihn aber für ein fröhliches Korkenknallen gehalten. Damenbesuch bei Manfred. Champagner oder nur Prosecco – je nachdem, wie viel Manfred bereit war, in die neue Bekanntschaft zu investieren. Der Knall tönte lustig, weil Natalia ihn mit einer lebensprallen Stunde verband. Wie hätte sie ahnen können, dass er den Tod brachte?

Manfreds Schlafzimmer liegt über Natalias Arbeitszimmer, und Manfreds Bett steht über Natalias Schreibtisch. Wenn er Frauenbesuch hatte und das Fenster offen liess, hörte Natalia ihren Nachbarn so seltsame Grunzlaute von sich geben, dass sie die Musik noch lauter aufdrehte. Sie fürchtete sonst, dass ihr Kichern bis in Manfreds Schlafzimmer dringen würde.

Manfred war nicht mehr jung und noch nicht alt. Begegneten sie sich im Lift, wünschte er Natalia einen schönen Tag, fragte, wie es denn gehe, gut, danke, ja. Im ersten Stock seufzte Natalia über das Wetter, und wenn die Zeit dazu reichte, erkundigte sie sich im zweiten Stock nach Manfreds Ergehen. Ja, ja, es gehe, so halt wie immer, und schon hatte sich die Lifttür hinter Natalia geschlossen. Sie redeten, wie Menschen im Lift reden. Oberflächlich und verschämt, weil sie die Intimität einer engen Liftkabine nur schlecht ertrugen. Man blieb freundlich und beklagte sich weder über den Lärm aus der Wohnung des anderen noch über das eigene Leben.

Hätte Natalia fragen können: Sind Sie so verzweifelt wegen der Kinder?

Vor ein paar Wochen hatte Natalia Probleme mit ihrem Computer gehabt und hatte bei Manfred geklingelt. Er kam sofort zu ihr herunter, setzte sich auf den Boden vor ihren Desktop, wühlte in den Kabeln und fluchte die Festplatte an, als wäre sie ein Lebewesen. Natalia bereitete einen Tee, und beide beschäftigten sich mit ihrer Arbeit. Ab und zu fielen Sätze wie:

Wunderbar einmalig die Farbe Ihres Assam.

Sie trinken auch gern Tee?

Wenn ich Zeit habe.

Seit einem Jahr bin ich Gastdozentin hier an der Uni.

Meine Ex-Frau ist mit den Kindern in Buenos Aires. Nicht für die Ferien – für immer. Sie sind für immer in Argentinien.

Meine Familie lebt in Russland.

Jetzt sehe ich die Kinder nur noch einmal im Jahr.

Meine Tochter ist sehr schwierig geworden.

So, das müsste hinhauen. Komm, mein Dicker, zeig, was du kannst.

Jetzt funktioniert mein PC wirklich wieder?

Wie ein gut dressiertes Hündchen.

Hätte Natalia Manfred nach seinen Kindern fragen sollen? Ob er sie sehr vermisse? Ob er todunglücklich sei? Will jemand je von Natalia wissen, wie sie sich fühlt? Und wenn Gefahr droht, dass sie sich selbst die Frage stellen könnte, dreht sie die Musik einfach lauter. Für ihren Musikgeschmack schämt sie sich vor ihrer Tochter, die über alles die Nase rümpft. Irina hat der Wegzug aus Russland in die Schweiz unglücklich gemacht. Darüber darf Natalia nicht zu lange nachdenken, sonst tut ihr das Magengeschwür weh. Die Enge der winzigen Moskauer Wohnung hatte Mutter und Tochter zusammengedrängt und Nestwärme simuliert. Und gleichzeitig hatten all die Familienmenschen und Freunde, die ein und aus gingen, eine wohltuende Pufferzone zwischen Natalia und Irina gebildet. In Moskau hatten sie geglaubt, gut miteinander auszukommen. Jetzt stehen sie sich in der zu grossen und zu leeren Wohnung ratlos und ablehnend gegenüber. Der Mutter gefällt es im neuen Land – die Tochter zieht es zurück.

Als Natalia am Donnerstagabend um elf den Schuss hörte, den sie für ein Korkenknallen hielt, wartete sie auf Irina, die schon längst von einer Schüleraufführung hätte zurück sein sollen. Auf Irinas Handy war nur die Combox zu hören und auf SMS antwortete sie nicht. Nach Mitternacht kippte die Sorge in Panik. Natalia hielt es nicht mehr aus, rannte den Weg bis zu Irinas Schule und wieder zurück und hoffte, die Tochter sei inzwischen zurückgekehrt. Aber die Wohnung blieb leer. Natalia entschied, sich Tee zu kochen. Wenn Irina bis dann nicht käme, würde sie bei der Polizei anrufen. Der Wasserkocher rutschte ihr aus den zitternden Fingern und krachte auf den Boden. Natalia stand reglos in der Wasserlache, dann nahm sie einen Teller aus dem Abtropfgestell und schmetterte ihn gegen den Boden, und einen zweiten und einen dritten. Sie fing an zu schreien. Hat sie gehofft, dass jemand sie hörte? Manfred? Dass er käme trotz seines Damenbesuchs, sie zusammen einen Assam trinken würden? Wie hätte sie ahnen können, dass ihre Schreie Manfred nicht mehr erreichen? In dem Moment ging die Wohnungstür auf, und Irina kam herein. Sie ging ohne ein Wort an ihrer Mutter vorbei und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Natalia hämmerte eine Weile gegen die Tür, und als keine Antwort kam, setzte sie sich auf ihr Bett und fing zu weinen an. Und konnte nicht aufhören zu weinen.

Als die Polizei gegangen ist, bleiben Natalia, die hagere Frau und ihr Mann im Treppenhaus stehen.

Natalia sagt: Ich habe nicht gewusst, dass Manfred seine Kinder so sehr vermisste.

Die Frau sagt: Ich habe gar nicht gewusst, dass der Nachbar Kinder hatte.

Der Mann fragt: Er hiess Manfred? War er Deutscher?

Bevor Natalia den Nachbarn einen Tee anbieten kann, sind sie in der Wohnung unter ihr verschwunden.

Die Frau nimmt den Kalbsbraten aus dem Kühlschrank und fängt an, ihn mit einer Marinade zu bestreichen. Sie würde der Schwiegertochter vom Selbstmord im Haus erzählen, in ihre ungläubig geöffneten Augen hinein. Der Mann setzt sich an den Tisch, nimmt das Stück Lindenholz in die Hand und schnitzt am Segelschiff für seine Enkeltochter.

Der Fensterputzer steht noch vor dem Haus. Er hat Zeit, es drängt ihn nicht in sein kleines möbliertes Zimmer. Er überquert die Strasse und schaut zum erleuchteten Fenster im zweiten Stock, das gross ist wie eine Aquariumswand. Dahinter deckt ein dünnes Mädchen den Tisch, die Pfirsichfrau bringt einen Topf. Die beiden setzen sich. Die Pfirsichfrau berührt kurz die Schulter des Mädchens. Hinter dem Regenvorhang wirken ihre Silhouetten wunderschön, findet der Fensterputzer.

Brigitta Römer

Eva vergessen

Eine Liebesgeschichte

Sonnenwende Dem Esel auf die Schliche gekommen. In der Hand: eine Taube als Trost.

Im milden Licht ihres alten Sterns hat Eva neue Hoffnung geschöpft. Am kürzesten Tag.

Heiligabend Eine Frau kommt auf sie zu. In der Hand ein Wort: Karsumpel. Da, sagt die Frau, hier, es ist deins, es gehört dir. Nimm, Eva, sagt sie. Es ist ein Geschenk!

Weihnachtstraum Ihren weissen Hasen an die schmale Brust gedrückt, im goldenen Haar eine rosarote Schmetterlingsschleife, blühend der süsse Rosenmund, hüllt die Kleine sich, nach ihrem Namen gefragt, nur in blauäugiges Schweigen.

So zartbesaitet? Mein lieber, lieber Schwan, du schönes Kind!, murmelt Eva schlaftrunken und reibt sich die Augen. Mein Gott, ich bin ein rohes Ei. Und das in meinem Alter!

Geschenke Ein Esel als Trost, eine Taube in der Hand, ein weisser Hase im Herzen und lauter Karsumpel überall. Das alles, denkt Eva traurig, macht aus mir noch lange keine würdige Königin.

a-Moll Jetzt singt die Amsel mitten im Winter plötzlich ein Frühlinglied!

Ein Liebesgeständnis?

Wo bist du Adam?, flüstert Eva. Warum schweigst du denn?

Alter Adam Leben bedeutet auch, über sich hinauswachsen, sagt er sich und stolpert ins dunkle, fremde Nass hinein.

Ein leichter, feiner Regen tropft vom grauen Himmel auf seine silbernen Locken.

Gib’s zu! Gib’s zu! Du willst den Boden küssen, nach ihrer Tritte Spur! Gib’s zu, lockt der Häher hämisch von einer Wettertanne und fliegt dann laut lachend davon.

Ich muss den Sturm in meinem wehen Herzen beenden!, stammelt Adam mit erstickter Stimme in seinen tränennassen Bart hinein. Es darf nicht sein! Ich will der Sach’ ein Ende machen … Aber wenn die Liebe trotz allem sein muss? Herrgott nochmal!, es ist ja im Wald heute so still, als könnte die Welt kein Wässerchen trüben, als stünde ich schon an ihrem Ende, als … vergessen will ich, denkt er und ist doch voller Sehnsucht blind. Eva vergessen!, murmelt er und stapft mit der ganzen Kraft seiner Verzweiflung weiter und immer weiter ins Finstere hinein.

Dämmerung Winterlicher Morgentau im grauen Haar und in ihrem Herzen ein banges, unentwegtes Pochen. Ein Sturm.

Liebt er mich? Nein, er … er liebt mich nicht? Doch, er liebt mich! Nein, er … es muss ein Irrtum sein!

Ach, und weit und breit kein Gänseblümchen, das Eva aus ihrer Not erlöste.

Verlassenheit Solange mein Geliebter nichts von sich hören lässt, denkt sie, geht mir nichts mehr leicht von der Hand. Ist das Leben jetzt nur noch Wäsche waschen? Und ich komme und komme nicht vom Fleck?

Rauhnächte Nun klagt auch noch der Kauz im nahen Wald von unerfüllter Liebe.

Sag, Bächlein, kauzt er nächtelang, sag, liebt er mich?

Ich bitte dich, sei still, sei endlich, endlich still! Halte deinen Schnabel!, fleht Eva mit grossem Weh im Herzen.

Neujahr Nichts Neues als nur lauter Katzenjammer auf leisen Pfötchen. Und heisse Tränen. Und alter, grauer Schnee, wohin das Auge reicht.

Vernunft Am besten, ich hänge den Stern zurück an den Himmel. Da, wo er herkommt! Soll er dort leuchten, so lange er mag, murmelt sie trotzig und feuert den Ofen ein.

Drei Könige Ich bin wohl etwas spät dran, entschuldigt sich Kaspar. Ein trauriges Lächeln rutscht aus seinem alten, müden Gesicht. Im Korb, den Kaspar vor Eva auf den Boden stellt, scharrt sehr ungeduldig ein bunter Gockel mit gelbem Schafsgesicht und rotem Kamm.

Nach ihm wird keiner mehr krähen, sagt Kaspar mit vielsagendem Blick. Trotzdem … da nimm! Der Hahn im Korb ist dein.

Winterreise Jetzt flattert doch mein weisses Laken bunt im Wind, denkt sie erstaunt und schnürt nun ihre besten Schuhe.

Siebenmeilenstiefel! Damit werde ich wandern; wenn’s sein muss, bis ans Ende der Welt.

Denn die Liebe liebt das Wandern, von einem zu dem andern, flüstert sie. Gott hat sie so gemacht. Fein Liebster, gute Nacht! Und gegen die alte Kälte hüll ich mich wie er in mein junges Schweigen, nimmt sie sich vor und stürzt dann voller Sehnsucht los in den dunklen Wald.

Plötzliche Zuversicht Ausserdem hab’ ich einen Gockel mit rotem Kamm, ein Wort – Karsumpel – , einen alten Esel, im Herzen einen jungen Hasen und in der Hand für alle Fälle eine Taube als Trost, redet sie sich zu. Damit sie im Finstern nicht wieder den Mut verliert.

Mama umarmen

Ein Nachtstück

Im Huflattich Aber so ein Abschied ist doch ein merkwürdiges Gefühl!, denkt sie und tröstet sich damit, dass das Beste am Keller das Einhorn gewesen ist. Ich werde mich nun wie damals als Kind einfach unter ein Huflattichblatt legen und warten, bis das Einhorn mich erlöst, beschliesst sie. Wie damals, wenn in Mamas Kopf der Sturm wütete … Huflattich ist doch gut gegen die Angst. Das weiss ja jeder … jetzt, wo Mama … da unter dem Blatt wird mich ausser dem Einhorn keiner finden. Weil keiner mich mehr irgendwo sucht. Weil man mich vergessen hat. Weil die ganze Welt ein grosses Huflattichblatt ist. Weil wir alle im Huflattich sitzen und auf Mama warten und dabei sterben … Mama umarmen, denkt Laura dann, streicht mit ihren zittrigen Fingern die Falten aus dem rauhen Stoff ihres Deckbetts und vergisst das Einhorn und den Huflattich, wie sie in letzter Zeit oft alles schnell wieder vergisst, was sie sich, wenn der Tag lang und die Nächte noch länger sind, zusammenreimt. Nur ihre Mama, die vergisst Laura nicht. Aber jetzt wünscht sie sich ein Sandkorn ins Auge. Das sich meiner erbarmt, flüstert sie. Damit ich endlich einschlafen kann.

Und die hässliche Nacht kriecht weiter voran.

Nicht Weiss, nicht Schwarz, nicht Rot Laura? Wie noch?, bellte die Lehrerin an Lauras erstem Schultag. Und Laura verstand nicht, was die Frau mit der schrillen Stimme von ihr wollte.

Na, wird’s bald, kläffte die Lehrerin mit harten, bösen Augen. Weiss oder Schwarz?, bellte sie, und Laura hielt sich beide Ohren zu. Müller, Meier, Huber oder Keller? Du meine Güte! Wo lebst du denn, Mädchen? Etwa hinter dem Mond?

Müller, flüsterte die Mutter für Laura. Und Laura versteckte sich. Nicht hinter dem Mond, aber hinter ihrer Mama. Da versteckte sie sich immer.

Das ist vor langer, langer Zeit gewesen.

Laura dreht sich vom Rücken auf die linke Seite. Auf der rechten, da kann sie nicht liegen. Da ist das Herz, und das ist futsch. Zerbrochen, denkt sie und versucht zu ergründen, wie alt sie überhaupt ist. Sechzig … achtzig … neunundneunzig? Etwas dazwischen? Oder fünf? Noch immer weiss Laura nicht, ob sie erwachsen oder noch ein Kind ist … Ich bin eine alte Jungfer, beschliesst sie.

Mittlerweile weiss Laura natürlich, dass sie ausser Laura noch Müller heisst.

Laura Müller, denkt sie jetzt, wo ihr die kläffende Lehrerin mit den lauten Augen wieder eingefallen ist. Nicht Weiss, nicht Schwarz, nicht Rot. Einfach nur Müller.

An schlechten Tagen Das Kind, das Frau Müller jeweils mit dem Bade ausgeschüttet hat, war stets Laura gewesen. Frau Müller hatte nur dieses gehabt.

Mama, denkt Laura heute, hatte ja zuweilen ihren Verstand verloren. Mir ist so Sturm im Kopf, sagte sie, und dann begann ein Weinen und Schreien, ein Händeringen und Heulen.

An schlechten Tagen, wenn der Sturm Frau Müller beim Wikkel hatte, riss sie Laura, die von früh bis spät an ihrer Mutter klebte, von sich, stiess das Kind in den Keller, machte das Licht aus, schlug die Tür zu und schrie: Ich will dich nicht mehr sehen!

Nicht, Mama, fleht Laura jetzt in ihrem fremden Bett, bitte nicht! Nicht weinen!

An guten Tagen Gewöhnlich aber pflegte Frau Müller ihrem Kind tausenderlei Koseworte ins Ohr zu flüstern.

Du bist mein Frühlingskind!, sagte sie. Mein Sonnenschein! Mein Engel! Kieselchen, du! Mein süsses, süsses Kätzchen!

An guten Tagen, wenn Frau Müller nicht Sturm war im Kopf, herzte und vergötterte sie ihr Kind. Sie hatte nur dieses. Es war doch ihr Ein und Alles.

Im alten Loch Noch immer versucht Laura, den hartnäckigen Falten im Leintuch beizukommen.

Die wollen und wollen sich nicht glätten lassen, denkt sie erbittert und flüstert: Mama umarmen. Immer wieder: Mama umarmen.

Denn wie damals kauert Laura nun plötzlich im alten Loch, im dunklen Keller, zieht den Kopf ein und hat Angst. Weil Frau Müllers Stürme und der Keller für Laura bis heute nicht aufgehört haben.

Auch wenn Mama längst tot ist, schreit sie mich weiter an, verwirft ihre Hände, schaut dann durch mich hindurch, reisst mich von sich und sperrt mich in den Keller. Darum hocke ich noch heute in diesem finsteren Loch. Wie ein Vogel, der den Käfig nicht verlässt, obwohl die Gittertür längst offensteht. Doch manchmal, denkt Laura heute, nur manchmal, nicht immer, kam dann das Einhorn zu mir in den Keller, das Tier schwang sich mit mir in die Lüfte, und wir flogen weit, weit übers Land in den blauen Himmel hinein. Vielleicht kommt es auch jetzt, das Tier und …

Hinter Mamas Rücken Wenn Frau Müller das Kind wieder aus dem Keller holte, weil ihr nicht mehr Sturm war im Kopf, beteuerte sie, sie wisse nicht, was in sie gefahren sei.

Es muss der Wetterumschlag sein oder der Vollmond oder … Es tut mir so leid, so furchtbar leid, mein Schatz! Es wird nie wieder vorkommen, versprach sie jeweils weinend.

Jedes Mal, denkt Laura, hat es Mama leid getan, und ich fiel ihr jedes Mal, wenn sie mich aus dem Keller holte, um den Hals.

Das tut Laura auch jetzt wieder. Ihrer Mutter um den Hals fallen. Den einen Augenblick lang glaubt sie, nicht mehr in dem fremden Bett zu sein, wo alles nach Krankenhaus riecht. Sie hält sich am Kissen fest und denkt: Hier, das ist doch der schönste Ort auf Erden! Hinter Mamas Rücken im Paradies. Und das Bettzeug ist jetzt plötzlich faltenlos und riecht nach Frau Müllers Haaren. Doch mitten in dieser Glückseligkeit bricht wie früher plötzlich der Sturm los, Laura fährt auf und denkt: Es ist, als ob das Wetter umschlüge und der Mond vom Himmel stürzte.

Und schliesslich dreht Laura sich nun doch auf die rechte Seite, wo ihr Herz futsch ist, und sie denkt: Sogar hier in diesem fremden Bett muss ich mit dem Keller alleine fertig werden. Denn auf Gott und meinen Vater ist noch immer kein Verlass. Schon damals habe ich stets vergebens auf die beiden gewartet. Die haben mit langen, schnellen Schritten das Haus verlassen, wenn Mama aus der Haut fuhr. Das taten sie immer, wenn’s draufan kam: Wegrennen! Die hatten Besseres zu tun. Und jetzt, denkt Laura, ist auch das Laken wieder voller Falten.

Nicht richtig im Kopf Ich hab’s ja gesagt, und jetzt hast du den Dreck! Wenn du das Balg so verhätschelst, dann brauchst du dich nicht wundern, wenn der Fratz dir ständig am Rockzipfel hängt und in der Schule nichts taugt! Die ist doch wie du, nicht richtig im Kopf, hört das Gras wachsen und die Flöhe husten. Hat den Verstand verloren! Aber aus mir, nein, aus mir, da kannst du Gift drauf nehmen, machst du nicht auch noch einen Narren!, beschwor Herr Müller eines Tages sein Schicksal, schlug die Tür hinter sich zu und verschwand.

Das mit dem Gras und den Flöhen hab ich nie so richtig verstanden, denkt Laura, glättet die Falten und fragt sich mit laut pochendem Herzen: Hört denn nicht jeder, wenn das Gras wächst und die Flöhe husten?

Bis es weh tut Du bringst mich noch um!, schrie die Mutter eines Tages.

Wenn sie jetzt stirbt … dann … dann bin ich daran schuld, glaubte Laura damals.

Das glaubt sie noch heute.

Einige Stunden später war Mama tot … und ich sass im Keller und … Wie immer, wenn Laura daran denkt, ist ihr auch jetzt wieder übel. Sie beisst sich auf die Oberlippe, bis es weh tut. Ich darf mich hier nicht übergeben, denkt sie. Die Krankenschwestern würden mir die Augen auskratzen, wenn …

Laura zieht ihre Knie an und macht sich ganz klein. Wie eine Kerzenflamme, die am Erlöschen ist.

Damit mich unter dem Huflattich keiner sieht. Auf der rechten Seite, da ist … das Herz. Da kann ich nicht … aber das ist jetzt eh zu spät. Auch den uneinsichtigen Falten im Linnen, gesteht sie sich ein, werde ich nicht beikommen, die lassen sich nicht glätten, die … niemals!

Wie ein Ross Doch plötzlich ist das Einhorn da. Und Laura fällt sofort auf, dass sich auch das Einhorn verändert hat.

Es hat Menschenaugen, denkt sie, und es zwinkert mir zu. Das hat es vorher nie getan.

Das Tier hat ein grosses Maul, riesige Füsse und einen schweren, schwarz glänzenden Körper.

Wie ein Ross, seufzt Laura. Und sie denkt: Das ist mein Trost! Weil das Leben so schwer war.

Bei mir, flüstert das Einhorn ihr ins Ohr – sie spürt und riecht seinen warmen, feuchten Pferdeatem – , bei mir bist du sicher vor Gott und Vater, dem dunklen Keller und allen Stürmen der Welt. Bei mir bist du bei dir. Halt dich an mir fest!

Und Laura hält sich am Einhorn fest.

Peter Blickle

Der Andershimmel

1

Hätte er nicht in dem Augenblick, als das Telefon klingelte, den Rasierapparat ausgeschaltet, hätte er das Telefon nicht gehört. Dann hätte Matthias ihn nicht mehr erreicht. Dann wäre Johannes zur Universität gefahren und die nächsten acht Stunden außer Reichweite gewesen. Acht Stunden später wäre es in Deutschland schon spät in der Nacht, schon fast der nächste Tag gewesen. Matthias wäre im Bett gewesen und hätte nicht noch einmal angerufen. Und am nächsten Tag wäre Johannes vielleicht als Möglichkeit schon nicht mehr in den Gedanken seines Schwagers gewesen. Dann wäre Miriam ihren Weg weitergegangen, und er, Johannes, wäre ebenfalls seinen Weg weitergegangen. So wie sie es dreißig Jahre lang getan hatten – er auf seinem Kontinent, sie auf ihrem, er in seiner Sprache, sie in ihrer, er in seinem Dorf, das eine Universität war, sie in ihrem Dorf, das eine Sekte war. Verschiedene Kontinente, verschiedene Sprachen, verschiedene Welten – sie waren auseinandergewachsen, seit Johannes seinen Koffer gepackt und das Haus verlassen hatte, seit er mit dem Bus, dann mit dem Zug, danach mit dem Flugzeug geflüchtet war – weg von den Eltern, weg von den Ältesten, weg von den Gesetzen.

Er hatte den Rasierapparat ausgeschaltet und das Klingeln in der Küche gehört. Er legte den Apparat auf den Waschbeckenrand und lief ans Telefon. »Hello?«