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Teil 1. „Alifbeet oder Die Fantasie der Biogra-Fische“: Erinnerungen aus der Kindheit und erste Begegnungen mit anderen Sprachen. Dann das „Alifbeet“: Es erzählt entlang von Wörtern mit Anfangsbuchstaben des Alphabets die dramatische Geschichte der Libanon-Zeit der Autorin als Kind. Nach früheren Besuchen war sie von ihrem Vater dorthin entführt worden. Ein mitreißender Miniaturroman. Teil 2. „Wörter, Wörter, Himmelörter oder Erfundene Sprachen“: eine Reihe von Poetikvorlesungen über das Schreiben von Kinderbüchern verwoben mit Biografischem und mit vielen Ausschnitten aus Geschichten. Andrea Karimé schildert in diesem Kapitel die Verbindung von Fantasie und Biografie beim Schreiben. Teil 3. „#writerslife #kidsbookswriterslife“: Und hier erzählt über ihr Leben heute und die Arbeit als Schriftstellerin.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2023
Andrea Karimé
Wörter Wörter Himmelörter
Sprachen erfinden. Erzählung und Essays
Konkursbuch
Verlag Claudia Gehrke
Teil 1: „Alifbeet oder Die Fantasie der Biogra-Fische“: Erinnerungen aus der Kindheit und erste Begegnungen mit anderen Sprachen. Dann das „Alifbeet“: Es erzählt entlang von Wörtern mit Anfangsbuchstaben des Alphabets die dramatische Geschichte der Libanon-Zeit der Autorin als Kind. Nach früheren Besuchen war sie von ihrem Vater dorthin entführt worden. Ein mitreißender Miniaturroman.
Teil 2: „Wörter, Wörter, Himmelörter oder Erfundene Sprachen“: eine Reihe von Poetikvorlesungen über das Schreiben von Kinderbüchern verwoben mit Biografischem und mit vielen Ausschnitten aus Geschichten. Andrea Karimé schildert in diesem Kapitel die Verbindung von Fantasie und Biografie beim Schreiben.
Teil 3: „#writerslife #kidsbookswriterslife“:
In diesem Teil erzählt Andrea Karimé über ihr Leben heute und die Arbeit als Schriftstellerin.
Illustriert mit Collagen der Autorin, in die sie Kinder und Jugendfotos von sich eingebaut hat.
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Sehnsucht ist / die Schwester / der Fantasie
Nasrin Siege
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Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Zum Buch
Teil1: Alifbeet oder die Fantasie der Biogra-Fische
1 vatersprache (für Mithu Sanyal)
2 Alifbeet – Alphabet eines Freisprungs.
Teil 2: Wörter Wörter Himmelörter oder Erfundene Sprachen
Wörter und Himmelörter – Sprachen erfinden, poetische und fantastische Räume öffnen.
1 Biogra-Fisch und Puddingblumen – Falsche richtige Wörter
3 Schoppschopp oder Kopfgeschäft – Der Akzent als Ort der Fantasie
Schuhkremkalb? – Zwei Sprachen begegnen sich
4. Der Wörterhimmel des Fräulein Dill – Wörter aus fremden Sprachen als Schlüssel zu mehrdeutigen poetologischen Geschichten
Zumutungen, Zitterfische, Zauberdinge – Kinderlitera-Türen
1. Kinderlitera-Tür – Das Wunder Schreiben
Exkurs: Zitterfische oder Braucht es eine Avantgarde im Kinderbuch?
Ara-Bärin, Ara-Bisch und die Meersprachigkeit – Von der Vielstimmigkeit, der Wörtergoldwaage und dem Schreiben für Kinder
Teil 1: Kinderbuchautorin of Colour und Schreibschatztruhe
1. Kinderbuchautorin of Colour
Exkurs: Rassismus, Vielfalt, Vielstimmigkeit – deutschsprachige Kinderliteratur
Teil 2: Eine Facette meiner Arbeit: Das Poetische Experiment und seine Auswirkungen auf meine Kinderbuchsprachen
1. Sprachliche Potenziale von Autor*innen auf Color
2. Die Wörtergoldwaage oder der Zauber, einem Wort auf den Grund zu gehen. Neue Poetisiertiere erblicken die Welt
Exkurs/Schachtel 1: Araberin auf die Goldwaage – Eine Arabärin taucht auf
Exkurs Schachtel 2: Arabisch auf die Goldwaage
3. Goldwaage 2: Meersprachigkeit oder My nation is imagination
4. Ausblick
Birdy words from the dill-box – Multilingualism and poetical writing for children
Teil 3 #writerslife #kidsbooks-writerslife
1. A R B E I T
2. A R B E I T #queerkidsbookswriterofcolor
3. #writerslife aus/züge (n) und dazwischen/s
Dr. Jana Mikota: Nachwort
Zur Autorin
Impressum
Das Biest dreht sich hin und her./Ich krümme und umarme mich,/auf Zehenspitzen flüstere ich ihm ein Lied./Wort für Wort./ Eindeutig zweideutig
Lina Atfah
Ich weiß mehr über die Geschichte von Nelson Mandela als über die Geschichte meines Vaters.
Samira El-Maawi
du hast mir deine sprache verschwiegen
hast geheimnis gesprochen tag für tag
ins telefon mit besuch und auf der straße
bil lübnän tscharaffna killschi mnihah
(warum durfte ich dich nicht wissen?)
waynak, waynak wie die der vögel
nah ist deine sprache mir
im libanonspiegel kommen meine
wörter gefiedert zurück kalligrafieren
hinter mein ohr arabesker schmuck
magische fremde fische an der wortangel
bala bidoun bala bidoun
später habe ich lingua paterna
versatzstücke enthüllt gesammelt
in die zungentasche
der schatz al banat jou3aneh
mundvorrat vatersprache
Mit mir spricht er selten in seiner Sprache, nur manchmal einzelne Sätze. Aber sonst behält mein Vater seine Sprache lieber für sich, und hütet sie, als wäre sie ein Geheimnis. Wenn ich ihn mehr als nur einen Satz sprechen höre, zum Beispiel, wenn er mit einem Freund telefoniert, dann ist es so, als reise er von einer Sekunde auf die andere, als reise er auf eine einsame Insel. Samira El-Maawi
du hast mir deine sprache verschwiegen /hast geheimnis gesprochen tag für tag
Immer schon waren Geheimnisse für mich interessant. Etwas, was ich nicht wissen durfte, wollte ich wissen. Die Neugier einer Autorin bereits in frühen Jahren? Weiß nicht. Aber in unserer kleinen engen Sozialwohnung gab es viel, das ich nicht wissen durfte. Einige Schränke, die verschlossen waren. Schubladen mit interessantem Inhalt. Aber es gab auch Verschwiegenes, Nichtgesagtes hing in der Luft wie Parfüm, mal Rose mal Stinkbombe, mal Orange mal Gift. Ich versuchte das Nichtgesagte zu entschlüsseln. Da entdeckte ich die Sprachen meines Vaters. Die Restaurantsprache. Die Telefonsprache. Die Libanonsprache. Die Besuchssprache. Es waren andere Laute als die der Mutter. Aber wie anderes, was ich nicht wissen durfte, blieb es Geheimnis. Leuchtendes Geheimnis. Ich lauschte dem Telefonat und machte mir buchstäblich meinen eigenen Reim. Lasmuschkilla, Tintenkiller.
ins telefon mit besuch und auf der straße/ bil lübnän tscharaffna killschi mnihah /
Ich saß am Fenster. Auf der Straße hing mein Vater mit Freunden herum. Sie standen ums Auto herum, mein Vater saß drin mit offener Tür. Gesprochen wurde mit Zigarette zwischen den Lippen. Zigarettensprache, die Hände wurden für die Gestik benötigt. Die Punkte, die Haken, doch was bedeutet das alles. Killschi Mniha. Noch ein Killer? Und was bedeutet mniha? Würde es besser werden, wenn ich die Treppen runtersprang, durch die Haustür und dann ins Auto, auf den Schoß meines Vaters?
(warum durfte ich dich nicht wissen?)
»Sprache ist das Interface, durch das wir mit der Welt kommunizieren. Sie ist das Medium, durch das wir unsere Gedanken und Gefühle mit anderen teilen!«, sagt Mithu Sanyal im Podcast »Voiceversa« 1und »Sprache ist mehr als Information. Sprache ist Liebe.« Sprache ist Kontakt. Sprache ist ein Band. Mein Vater hat dieses Band nicht geknüpft.
In meinem Körper
wartet eine Lücke
immer noch auf die Vertäuung.
Aber Lücken kann man nicht vertäuen.
Mein Vater ist ein Geheimnis.
Eine Mauer aus Wörtern und Sätzen
wächst zwischen mir und meinem Vater.
»Mein Vater hat seine Sprache zwar nie bewusst als Grenze eingesetzt, trotzdem empfand ich sie als Abgrund zwischen ihm und mir.« Mithu Sanyal
Aus der Mauer wachsen Blumen.
waynak, waynak wie die der vögel/ nah ist deine sprache mir
Ich schaue auf die Mauersegler und versuche ein Band zu knüpfen. Waynak. Wo bist du. Männliche Form. »Ein Vogel, der eine menschliche Sprache nachahmend spricht, versteht weder den Inhalt, noch die sogenannte Grammatik der Sprache. Auch werden die Menschen nie die Vogelsprache verstehen können. Aber eine konzentrierte Nachahmung kann – wie Träume- klare Abbildungen der fremden Sprache darstellen«2, schreibt Yoko Tawada in ihrem Essaybuch »Verwandlungen«.
Meine Vatersprache ist eine Vogelsprache. Später bin ich dann zur Forscherin geworden. »Wer mit einer fremden Zunge spricht, ist ein Ornithologe und ein Vogel in einer Person!«3 2007 bin ich nach Kairo aufgebrochen um Arabisch zu lernen. Ich schrieb mich in zwei Kurse ein. Hocharabisch al ’arabie foussha und ägyptischen Dialekt al‘ arabie armeya. Morgens Schrift und Kayf al halukki und mittags izayik. Ich war überrascht, wie viele Wörter meines Vaters sich doch im Netz meiner Aufmerksamkeit verfangen hatten. Ich war überrascht das ganze Zahlensystem zu beherrschen. Der ägyptische Lehrer sagte: No lebanese dialect please.
im libanonspiegel kommen meine/ wörter gefiedert zurück kalligrafieren
Die Sprache meines Vaters wurde zum Vogel. Zum Ara-Bisch. Federvieh. Mit meiner Fantasie habe ich Wörter übersetzt. Eine weitere Sprache entstand. Die der sogenannten »Falschen Freunde«. Für mich sind es aber richtige Freund*innen. Am Klang entlang öffnen sie Türen zu Poesie.
hinter mein ohr arabesker schmuck/ magische fremde fische an der wortangel
Schaumschmuck. Schönes. Mein Vater sagt Schönes. Doch was heißt charmuta? Ist doch klar Charme-Mutter. Oder Schaummutter. Eine schöne Mutter mit einem schönen Lächeln. Flüsternd wie (Bade-) Schaum. Aber warum ist Papa meistens wütend, wenn er das Wort sagt? Auf meine Mutter ist er oft wütend. Ist es eigentlich Zufall, dass Nutte und Mutter klanglich verwandt sind? Wer hat sich die Sprache ausgedacht. (Später erfahre ich, dass charmuta auf Arabisch Nutte bedeutet. )
bala bidoun bala bidoun/ später habe ich lingua paterna
Mein Vater malt die deutsche Sprache an, dachte ich. Er webt Sprichwörter aus seiner Muttersprache ins Deutsche und stellt um, spricht farbig und voller Honig. »Ein Schluck Wasser in der Heimat ist tausendmal besser als Honig in der Fremde!« oder »Die Heimat sehnt sich nach den Leuten«. In Kinderohren ist das rätselhaft. Jeder Satz eine Geschichte im schönsten Zimmer in meinem Kopf.
versatzstücke enthüllt gesammelt/ in die zungentasche
Immer noch sammle ich. Und ich mische. Verbinde Salaam mit Magie zu Salaamagie. Zauberkraft des Friedens. Und Kalimagie Zauberkraft des Worts. Die Verwandtschaft ist offensichtlich. Niemals aber wird meine Vatersprache zu einem Mantel, den ich nach Belieben an- und Abstreifen kann. Immer wird es bleiben
Traurigkeit Geheimnis kühle Perle
der schatz al banat jou3aneh/ mundvorrat vatersprache
1 Endnoten
Voice versa, Podcast des DLF Folge 11
2 Yoko Tawada: Verwandlungen Konkursbuchverlag 2018
3 ebenda
»Der Faden meiner Poesie gleicht einer Girlande aus Buchstaben.«
Stefanie-Lahya Aukongo
Vorwörter1.
Das Alfabet ist eine Zeichenfolge. Und fungiert als Wegzeichenfolge. Alfa ist A. A wie Alamat. Auf Arabisch Wegzeichen im Plural. A wie Andrea und A wie Arabisch. Das Bet enthält Gebet und Beet. Es verweist auf Wachstum. Säen. Aber Beet heißt auf Arabisch auch Haus. Heim. Ich betrete das Haus der Erinnerung. Und gehen und Säen sind Anliegen dieses Texts. Ich gehe Pflasterstein für Pflasterstein meiner Erinnerungen ab. Auf der Zeichenfolge. Sie dient mir den Weg abzuschreiten von einer Freiheitsberaubung zu einem Freisprung. Als Zeichen dienen mir die Buchstaben, die zu Wörtern führen.
Auf dem Beet wächst ein A wie Andrea.
Auf dem Beet wächst ein A wie Arabisch.
Der vorliegende Text reiht sich ein in meine Essays, die sich mit meinem Schreiben im Zusammenhang mit biografischer Diversität auseinandersetzen. Ich spüre die Ressourcen auf, die meine libanesisch-deutsche Kindheit für mein Leben bereithielt. Als ich 1975 von meinem Vater in den Libanon entführt wurde und dort für drei Monate bei meiner libanesischen Familie »abgestellt« wurde, stellte das eine Zäsur in meinem bisherigen Leben dar. Ich entwickelte Kräfte mit dem Trauma des Betrugs, Verrats und der Freiheitsberaubung umzugehen, die ich bisher nicht kannte. Zentral sind dabei Kühnheit und Fantasie, die ich im Libanon entdeckt habe, und die sich in der Zeit danach voll entfalteten und lebenslange Kräfte geworden sind.
Das Alfabet ist die Wegzeichenfolge durch den Text, und nicht die Chronologie. Durch eine neue Abfolge der Erinnerungen, ist eine neue Perspektive auf die Ereignisse möglich und der Schrecken kann durch entstandene Zwischenräume entweichen.
2.
Ich pflanze ein Alifbeet. Eine Buchstabenbeet aus Alif und Zettel und Dschinn und Renn. Einen Geheimnisgarten, der Poesie heißt. Ich pflanze eine Girlande, die Geschichte eines Mädchens, das ein Buchstabe werden wollte, der treibt und blüht. Sich verwandelt und fortschreitet. Ich zupfe ein paar Blättchen von der Alifblüte. Und lege diese zwischen zwei Seiten eines leeren Buchs.
Das Mädchen macht sich mit dem Wind davon. Man sagt, sie sei auf einem Sprungturm gelandet, wo der Wind ihr das Wesen der Freiheit erklärte. Die Buchstabenblume war ein Mädchen geworden, dass das Auftauchen begriff, und dass es dafür den Sprung braucht.
Als ich das Buch nach drei Tagen wieder aufschlage, steht ein Text darin, ein Vademecum, ein Kalimlarium:
Vielleicht
ein Auftauchen in Sprache
nach dem Sprung.
Auftauchen. Das Mädchen ist mit A verwandt. Ihr Name beginnt mit einem großen A. Das große A bedeutet A und Alif. Das große A wie Arabisch. Das Kind sieht so arabisch aus, sagte die deutsche Großmutter. Arabisch wie ihr Vater. Und das ist nichts Gutes, weiß sie. Der Ton der deutschen Großmutter ist sorgenvoll und seufzend. Liegt‘s am großen A? Alif wie Kalif. Aber Kalif ist kein Buchstabe. Kalif ist ein Herrscher. Der Vater ist ein Kalif und das Mädchen Alif, so musste es sein. Dass Alif ein Teil des Kalifen ist, über den er voll und ganz herrscht, erfasste Alif in den ersten 12 Jahren ihres Lebens. Beim ersten Besuch im Libanon legt Papa arabische Wörter auf einen Zedernteller. Schukran klingt wie Schuhkrem und heißt Danke. Mai klingt nach Geburtstag und glöckchengrün und heißt Wasser. Wörter sind Spielzeuge, denkt sie - damals und immerfort. Doch eines Tages wurde Arabisch ein Feind. Das war als sie zum Besuch im Libanon gezwungen wurde. Ich spreche nie wieder Arabisch, dachte sie und verschloss den Mund. Als sie in dem weißwandigen Zimmer auf dem weißleinigen Laken saß und erkannte, dass sie gefangen war. Der Kalif hatte sie in dieses Land gebracht, in dem sie vorher arglos mit Wörtern, Kusinen und jüngsten Tanten gespielt hatte. Verschleppt! Jetzt musste es vermieden werden, zu sprechen. Denn Sprechen bedeutet Gehirnwäsche. Das weiß sie genau. Sie hat es gesehen, Jahre zuvor bei der kleinen Kusine Faiza. Der Onkel, der dem Vater nach Deutschland gefolgt war, hatte seine kleine Tochter ein Jahr später von dort zu den libanesischen Großeltern gebracht. Für immer. Keine Zeit für Kind, sagte er, und keine Geld. Die deutsche Tante hatte Ja gesagt und Amen. Und so kam Kusine Faiza nach Libanon für immer. Und als die Tochter des Kalifen ihre Kusine nach zwei Jahren wiedersah, -es waren die ersten Sommerferien im Libanon der Heimat des Kalifen- damals war der Besuch ein Besuch-, der ihr Vater war, sah Alif die Kusine das erste Mal wieder. Kusine Faiza sagte zu Opa Papa, sprach Arabisch, hatte Deutsch vergessen. Kusine Faiza war eine andere geworden. Fatme nämlich und Fatume. Wie Opa, der Vater des Kalifen sie nannte.Daran erinnerte sich Alif, als sie im weißen Zimmer angekommen war und schloss: Jedes arabische Wort, dass sie lernte, konnte eine Waffe gegen sie selbst sein. Ein Pfeil auf ihr Innerstes. Bereit es zu zerstören. Die Namen der 4 Tanten beginnen alle mit A wie Alif. Ayla, Amira, Aya, Asya. Ayla ist nicht viel älter als sie und bringt ihr zählen bei. Und Zahlen lesen, damit sie Karten spielen kann. (Sie hält es geheim. Niemand soll merken, dass sie arabische Wörter kennt.) Nachts wird Arabisch manchmal zu einem freundlichen schwarzen Vogel mit Arafedern. Er steht auf der Brüstung nach draußen und will ihr fliegen beibringen. Der Ara-Bisch spricht Deutsch, wird ihr Freund und flüstert von Spinat und Ei und Heimat. Und das ist das Auftauchen. Ein Auftauchen in den Glitzer der Sprache vielleicht. In die tröstlichen Funde der Fantasie.
BlauBeirut war das Tor zur Freiheit. Hier gab es einen Flughafen, nur nicht wenn Krieg ist, dann wurde er gesperrt. Und da der Kalif nicht wollte, dass Alif nach Deutschland fliegt, nützte der Flughafen nichts. Die Straße zum Flughafen ist Blau, erklärt der Ara-Bisch in der Nacht.Vom Fenster aus war ein langes dünnes Rechteckt zu sehen. Hinter den Oliven war das Meer. Alif überlegte zu fliehen, sich allein durch den Hain zu schlagen und dann am Meer bis zum Flughafen zu laufen. Denn der Kalif war nun fort. Zurück in Deutschland erpresste er die Mutter. Nimm die Scheidung zurück, sonst siehst du die Kinder nie wieder. Alif und ihre kleine Schwester Melek hielten jeden Tag nach ihm Ausschau. Und da war der Moment, in dem sie doch ein arabisches Wort lernen musste. Bukra. Bukra heißt morgen. Jeden Tag. »Und morgen kommt der Kalif zurück«, behauptete der kleine Onkel Hamid, der Alif den Anorak gestohlen hatte. Onkel Hamid widersprach und sagte: »Geliehen«. Für immer geliehen, dachte Alif. Papa kommt morgen. Bukra. Bukra. Das Wort war ein Magnet mit gigantischer Kraft. Es konnte Väter anziehen, Hoffnung malen, jeden Tag. Die Behauptung des kleinen Onkels war teuer. Onkel Anorak gab Alif jeden Tag, an dem der Kalif nicht kam, einen Liroschein. Alif, die gern verloren hätte, sie wettete trotz allem darauf, dass Papa nicht kommen wird, sammelte die Scheinchen und pflanzte sie in ein unsichtbares Beet. Dort vermehrten sie sich und wurden traurige Geldblumen. Der Vater kommt nicht zurück, sagten sie. Aber du bist reich. Und dann brach Im Libanon Krieg aus. Nachts rollten Panzer am Haus vorbei. Es knallte. Tagsüber saß die Familie vorm Fernseher. Das blaue dünne Rechteck verblasste unter Qualm. Verschwand aber niemals ganz. Der Ara-Bisch nimmt sie mit über den Olivenhain. Dann taucht sie unter. Und spielt Froschkönigin. Später, nach der Zeit, die nicht enden wollte, liegt unter ihr, auf dem Sprungturm das blaue Viereck wieder, sie denkt was sie immer dachte: Freiheit ist ein blaues Viereck. Und man muss immer springen. Mit Angst und ohne. Tante Ayla schenkt ihr ein glitzerndes Minigeschirr. Winzige Tassen und Teller, nur der Daumen passt rein. Alif spielt. Sie kocht blauen Tee für den Ara-Bisch. Am Abend legt sie das Geschirr auf das Beet, auf dem Wörter wachsen. Und die Geldblumen.
CharaUnbemerkt nahmen weitere arabische Wörter in Alifs Kopf Platz. Wie eigentlich, wo sie sich doch so gewehrt hat? Wo war die Tür zu diesem kleinen Abstellraum? Chara zum Beispiel. Ein Fluch der mit Fluch-Ch beginnt. Flüche waren Waffen. Kül lübnän chara, sagte Alif. Ganz Libanon ist Scheiße. Damit beherrschte Alif den Onkel Hamid und die jüngste Tante. Das darfst du nicht sagen, flehten sie. Aber Alif sagte es doch, und alle waren entsetzt. Mit lateinischen Buchstaben malte A den Satz an ihre Gefängniswand. Niemand wusste, was sie damit sagen wollte. Die Großmutter mit den Geldscheinen im Brustversteck konnte es nicht lesen, die Tanten verstanden es nicht und die Onkel kamen nicht in ihr Gefängnis. Einzig der Vater, der beinahe zu spät zurückgekommen wäre, um sie zu holen, las und lachte. Das war die gütige Stunde eines grausamen Kalifen. Ein weiterer Fluch sorgte für Geschenke, damit sie nichts mehr sagte. Alif weiß, dass Wörter Schlüssel sindSie öffnen Türen zur MachtSchon früh hat sie bemerkt, dass sie Lachen und Staunen und Anerkennung auslösenEin Wort allein lässt Tanten seufzenDer angesammelte Schatz macht sie reich
DeutschlandAlif lehnte es ab Arabisch zu sprechen. Alif lehnte es ab zu essen. Alif lehnte es ab, aus dem Zimmer zu kommen. Das waren Schutzmaßnahmen, nicht einverleibt zu werden wie Kusine Faiza, die ein Schatten aus arabischen Buchstaben geworden war. Deutschland hieß ihr Zauberwort. Ich will nach Deutschland, sagte sie der Wand und schrieb Deutschland drauf. Almonia. Damit alle es verstehen. Ihr Zimmer wurde ein Deutsch-Land und der Ara-Bisch brachte Nachricht von der Mutter und dem Freund Robert mit den schiefen Zähnen. In Deutschland ging Alif zur Schule, hatte Englisch und Volkstanz. Das waren Minuten der Rettung. Manchmal verließ sie das Zimmer doch. Tappte über die Stufen in die Etage der Großmutter und aller anderen. Das waren 2 von 4 Tanten, 1 Opa und 4 von 7 Onkeln. Verteilt auf 3 Zimmer. Tagsüber war es leise. Nur die Großmutter und die Tanten waren zuhause und lasen Bohnen. Sie tappte an ihnen vorbei, alle Essensangebote ausschlagend. Wer will schon Oliven, Knoblauchjoghurt und Fladenbrot zum Frühstück? Sie wollte nur deutsches Frühstück essen. Weitere Stufen hinauf war das Dach. Über ihr war eine Decke aus blaudurchlöcherten Wolken. Unter ihr? Sie suchte den Müll, weil ihre Mutter sagte, dass die Libanesen den Müll aus dem Fenster schmeißen. Aber da waren nur Katzen. Die taperten über die Straße und nahmen Alifs Gedanken an die Mutter mit. Hinter dem blauen Streifen war Deutschland. So musste es sein. Alif erhob ihre Stimme. Niemand kann mir was, ruft sie
