Wörterbuch der Soziologie -  - E-Book

Wörterbuch der Soziologie E-Book

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Beschreibung

Das maßgebliche Nachschlagewerk der Soziologie erscheint komplett überarbeitet in 3. Auflage: Es umfasst knapp 300 Stichwörter, die sich aufgrund ihres deutlich über lexalische Kürze hinausgehenden Umfangs auch zur Einführung in zentrale soziologische Fragestellungen eignen. Die vielen neu gewonnenen Autorinnen und Autoren haben das Wörterbuch auf den gegenwärtigen Stand der Forschung gebracht, es mit aktuellen Literaturhinweisen versehen und um zahlreiche Begriffe erweitert. Gerade im Zeitalter schneller Informationsbeschaffung sollte die fachlich fundierte Einordnung des vielfaltigen sozialen Wandels in gesicherter Weise durch Expertinnen und Experten erfolgen, die aktuell in den verschiedenen Themengebieten der Soziologie forschen. Im Fokus der Aufmerksamkeit steht dabei der explizit soziologische Blick. Es kann in diesem Nachschlagewerk sowohl nach Stichworten gesucht werden, denen ein eigener Beitrag gewidmet ist, als auch nach Begriffen im Register, sodass Querbezüge leicht herzustellen und Sachverhalte auch ohne eigenen Beitrag gut auffindbar sind.

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Seitenzahl: 1834

Veröffentlichungsjahr: 2014

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[1]Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage

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UVK Verlagsgesellschaft · Konstanz, mit UVK / Lucius · München

Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen · Bristol

vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich

[2][3]Günter Endruweit, Gisela Trommsdorff, Nicole Burzan (Hg.)

Wörterbuch der Soziologie

3., völlig überarbeitete Auflage

UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz mit UVK/Lucius · München

[4]Dr. Günter Endruweit war Professor für Soziologie an der Universität des Saarlandes, der Technischen Universität Berlin, der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Stuttgart und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Kiel sowie als Gast an der Istanbul Üniversitesi und der Northwestern University in den USA. Er hatte zudem zahlreiche Ämter in der Selbstverwaltung in Bochum, Stuttgart (Dekan), Saarbrücken (Vizepräsident der Universität) und Kiel (Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät) inne.

Gisela Trommsdorff ist Forschungsprofessorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Soziooekonomisches Panel (SOEP), Berlin sowie Leiterin der Arbeitsgruppe für Entwicklungspsychologie und Kulturvergleich an der Universität Konstanz. Sie bekam 2008 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen und ist Mitglied der Akademie Gemeinnütziger Wissenschaften in Erfurt.

Nicole Burzan ist Professorin für Soziologie an der Universität Dortmund. Sie wurde 2013 in den Vorstand der DGS (Deutsche Gesellschaft für Soziologie) gewählt und ist dort stellvertretende Vorsitzende und Schatzmeisterin. 2003–2007 war sie Junior-Professorin für »Sozialstrukturanalyse und empirische Methoden« an der FernUniversität in Hagen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Soziale Ungleichheit, Inklusion, Zeitsoziologie, Methoden der Sozialforschung.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unterwww.utb-shop.de.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Dieses eBook ist zitierfähig. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass die Seitenangaben der Druckausgabe des Titels in den Text integriert wurden. Sie finden diese in eckigen Klammern dort, wo die jeweilige Druckseite beginnt. Die Position kann in Einzelfällen inmitten eines Wortes liegen, wenn der Seitenumbruch in der gedruckten Ausgabe ebenfalls genau an dieser Stelle liegt. Es handelt sich dabei nicht um einen Fehler.

2. Auflage: © Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 2002 (ISBN 3-8252-0172-5)

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Lektorat: Claudia Hangen, Hamburg

Satz und Layout: Claudia Wild, Konstanz

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 · D-78462 Konstanz

Tel.: 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98

www.uvk.de

UTB-Band Nr. 8566

ISBN(ebook) 978-3-8463-8566-1

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

[5]Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abhängigkeit

Abhängigkeitstheorien

Aggregat, soziales

Aggression

Aktionsforschung

Akzeptanz und Sozialverträglichkeit

Alltagswissen

Alterssoziologie

Anomie

Anspruchsniveau

Arbeiterbewegung

Arbeitsbeziehungen

Arbeitssoziologie

Arbeitsteilung

Arbeitswissenschaft

Architektursoziologie

Aristokratie

Armut und Reichtum

Ausbeutung

Auswahlverfahren

Autorität

Bedürfnis

Befragung

Beobachtung

Berufssoziologie

Bevölkerungssoziologie und Demographie

Bewegung, soziale

Beziehungen, soziale

Bias

Bildungssoziologie

Biographieforschung

Boykott

Bürgertum

Bürokratie

Charisma

Clique

Datenanalyse

Definition der Situation

Differenzierung

Diskriminierung

Dunkelziffer

Ehe

Ehre

Ehrenamt

Eigentum

Einstellung

Einzelfallstudie

Elite

Emanzipation

Emergenz

Emotionen

Empirie

Entscheidung

Entwicklung

Entwicklungssoziologie

Erbe-Umwelt-Theorie

Erklärung

Ernährungssoziologie (Soziologie des Essens)

Erwünschtheit, soziale

Ethnomethodologie

Ethnologie

Ethnozentrismus

Evaluation

Evolutionstheorie

Experiment

Explorationsstudie

Familiensoziologie

Feldforschung

Feldtheorie

Forschung

Freizeit

Fremdenfeindlichkeit

Führung

Funktion

Gemeinschaft

Generationen

Gerechtigkeit

Geschichte der Soziologie

Geschlechterforschung

Gesellschaft

Gewalt

Gewohnheit

Globalisierung

Grounded Theory

Gruppe

Gütekriterien

Habitus

Handeln, soziales

Handlungstheorien

Herrschaft

Hypothese

Identität

Ideologie

Image

Indikator

[6]Indikatoren, soziale

Individualisierung

Individualismus, methodologischer

Individuum

Industriesoziologie

Inferenz, statistische

Inhaltsanalyse

Initiation

Inklusion/Exklusion

Innovation

Institution

Integration

Intellektuelle/Intelligenz

Interdisziplinarität

Interesse

Jugendsoziologie

Kapital

Kapital, soziales

Kapitalismus

Kaste

Katalysator, sozialer

Kindheit

Klasse

Kodierung

Kohäsion

Kollektiv

Kolonialismus

Kommunikations- und Mediensoziologie

Konflikttheorie

Konsens

Konservativismus

Konsistenz

Konstruktivismus

Konsumsoziologie

Kontrolle, soziale

Konvergenztheorie(n)/Konvergenztheorem(e)

Körpersoziologie

Korrelation

Kultursoziologie

Kunstsoziologie

Kybernetik

Land- und Agrarsoziologie

Längsschnittuntersuchung

Lebenslaufforschung

Lebensstil

Leistungsgesellschaft

Lernen

Liberalismus

Literatursoziologie

Macht

Makro- und Mikrosoziologie

Marginalität

Markt

Marktforschung

Masse

Materialismus, dialektischer und historischer

Matriarchat

Medizin- und Gesundheitssoziologie

Mensch-Tier-Sozialität

Messung

Methoden, qualitative

Methoden, quantitative

Methodologie

Migration

Milieu

Militärsoziologie

Minderheit

Mobilität

Mode

Modernisierung

Musiksoziologie

Nachahmung

Nachbarschaft

Nationalcharakter

Netzwerk

Norm und Sanktion

Operationalisierung

Organisationssoziologie

Organismustheorie

Persönlichkeit(sentwicklung)

Phänomenologie

Politiksoziologie

Position

Positivismus

Praxis

Prestige

Pretest

Probleme, soziale

Professionalisierung

Prognose

Proletariat

Prozess, sozialer

Qualifikation

Rasse

Rational Choice Theorie / Theorie der rationalen Wahl

Rationalisierung

Rationalismus, Kritischer

Rationalität

Raum, sozialer

Raumforschung und Raumplanung

Rechtssoziologie

[7]Reduktionismus

Regressionsanalyse

Reiz

Religionssoziologie

Revolution

Risiko

Ritual

Rolle

Rückkopplung

Schicht, soziale

Segregation

Sekundäranalyse

Sexualität

Sippe

Skalierung

Sozialarbeit

Sozialdarwinismus

Sozialethik

Sozialgeographie

Sozialgeschichte

Sozialisation

Sozialkunde

Sozialökologie

Sozialpädagogik

Sozialphilosophie

Sozialpolitik

Sozialpsychologie

Sozialstruktur

Sozialwissenschaften

Soziologie

Soziologie, Allgemeine und Spezielle

Soziologie, marxistische

Soziologie, mathematische

Soziologie, strukturell-individualistische

Soziologie, verstehende

Soziologie, visuelle

Soziometrie

Soziotechnik

Sportsoziologie

Sprachsoziologie

Stadtsoziologie/Gemeindesoziologie

Stand

Ständegesellschaft

Statistik

Status

Struktur

Strukturalismus

Studie, komparative

Subjekt, soziales

Subkultur

Sukzession

Symbol

Symbolischer Interaktionismus

Systemtheorie

Tabellenanalyse

Tabu

Tausch

Taylorismus

Techniksoziologie

Thanatosoziologie

Theorie

Theorie des Handelns

Theorie des kommunikativen Handelns

Theorie, kritische

Theorie, strukturell-funktionale

Tradition

Umweltsoziologie

Ungleichheit, soziale

Utopie

Verband

Verfahren, multivariate

Verfahren, nichtreaktive

Vergleich, interkultureller, intersozietärer

Vergleich, sozialer

Verhalten, abweichendes

Verhalten, konformes

Verhalten, prosoziales

Verhaltensmuster

Verhaltenstheorie

Verstädterung

Vorurteile

Wahrnehmung, soziale

Wahrscheinlichkeit

Wandel, sozialer

Werbung

Wert/Wertewandel

Wertfreiheit/Werturteilsproblem

Wirtschaftssoziologie

Wissenschaft

Wissenschaftssoziologie

Wissenschaftstheorie

Wissenssoziologie

Zeit

Zensus

Zivilgesellschaft

Zivilisation

Zukunftsforschung

Register

Autorenverzeichnis

[8][9]Vorwort

Sozialer Wandel ist eines der großen Themen der Soziologie. Sozialen Wandel hat auch dieses Wörterbuch der Soziologie erlebt. Die erste Auflage erschien 1989 im Ferdinand-Enke-Verlag, der später die Veröffentlichung von Soziologie-Büchern einstellte (nicht etwa wegen dieses Wörterbuchs!). Deshalb kam die zweite Auflage 2002 im Verlag Lucius & Lucius heraus, dessen Verleger sein UTB-Programm 2010 aus Altersgründen der UVK Verlagsgesellschaft übertrug, die nun diese dritte Auflage betreut hat und zudem digitale Fassungen des Wörterbuchs plant. Wir danken hier insbesondere Sonja Rothländer für ihre wertvolle Unterstützung.

Wozu braucht man, ob in gedruckter oder digitaler Variante, im Zeitalter schneller Informationsbeschaffung im Internet noch ein Wörterbuch der Soziologie? Für die Herausgeber, für die Autorinnen und Autoren, für Soziologinnen und Soziologen liegt auf der Hand, dass die fachlich fundierte Einordnung des vielfältigen sozialen Wandels in gesicherter Weise von Expertinnen und Experten erfolgen sollte, die aktuell in den verschiedenen Themengebieten der Soziologie forschen, und dass dabei insbesondere der soziologische Blick auf Phänomene wie Emotionen, Markt oder Recht, die ja auch von anderen Disziplinen thematisiert werden, im Fokus der Aufmerksamkeit steht.

Sozialer Wandel zeigt sich entsprechend auch im Inhalt des Wörterbuchs. So wurden als neue Stichworte z. B. aufgenommen: Ehrenamt, Exklusion/Inklusion, Innovation, Interdisziplinarität, Kommunikationssoziologie, Körpersoziologie, Lebenslaufforschung, Risiko, Thanatosoziologie und Wissenschaftssoziologie. Im Übrigen wurde das frühere Konzept beibehalten. Neben der bewährten Mischung aus längeren und kürzeren Beiträgen ist unter anderem kennzeichnend, dass Sie als Leserinnen und Leser sowohl nach Stichworten suchen können, denen ein eigener Beitrag gewidmet ist, als auch nach Begriffen im Register, sodass Querbezüge leicht herzustellen und Sachverhalte ohne eigenen Beitrag gut auffindbar sind.

Außerdem ist eine Veränderung in der Herausgeberschaft eingetreten. Die ursprünglichen Herausgeber danken Nicole Burzan dafür, dass sie bereit war, sich der zeit- und nervenaufreibenden Arbeit zu unterziehen und zur Kontinuität bereit zu sein. Auch im Kreis der Autorinnen und Autoren ergaben sich aus unterschiedlichsten Gründen große Veränderungen. Wir danken allen, die zu dieser Auflage Beiträge geliefert haben, für ihre Mühe.

Wir hoffen, mit dieser neuen Auflage allen an der Soziologie Interessierten eine nützliche Hilfe leisten zu können.

Kiel/Konstanz/Dortmund, im Januar 2014

Günter Endruweit/Gisela Trommsdorff/

[10][11]A

Abhängigkeit

Abhängigkeit (engl. dependence, dependency) bezeichnet einen für eine längere Zeit anhaltenden zwischenmenschlichen Zustand in Dyaden oder Gruppen als Ergebnis wiederholt abgelaufener Prozesse sozialer Bindung meist mit asymmetrischen und komplementären Tendenzen in Interaktion und Kommunikation: etwa als Gehorsam gegenüber Herrschaft oder Macht in hierarchisch gegliederten sozialen Gebilden (hierarchische Abhängigkeit) oder paradigmatisch im Rahmen der primären Sozialisation als überwiegend gefühlsmäßige Beziehung zwischen Kleinkind und Dauerpflegeperson (emotionale Abhängigkeit). Dabei sind generell und über die Bedingungen der Primärsozialisation hinaus Verhaltensdispositionen wie die Suche nach körperlicher Nähe, Fürsorge, Beachtung und Anerkennung oder die Angst vor Trennung, sozialer Isolation und Einsamkeit charakteristisch (Abhängigkeitsbedürfnis). Es können sich daraus wechselseitige Abhängigkeitsverhältnisse ergeben, die unter dem Aspekt abweichenden Verhaltens zu untersuchen sind, insofern sie nicht für eine Übergangsphase soziokulturell gebilligt werden (z. B. bei Liebespaaren) oder sich auf soziale Phänomene des Tausches beziehen, die Gegenstand von kulturanthropologischen Tauschtheorien und verhaltenstheoretischen Austauschtheorien sind.

Daneben wird der Begriff Abhängigkeit verwendet, um eine Beziehung von Personen zu Sachen zu kennzeichnen: etwa in der Arbeitsorganisation, wo sich die Rolleninhaber einer Steuerung und Kontrolle durch technische und nicht-technische Technologien unterwerfen (funktionelle Abhängigkeit), oder im Bereich des nicht mehr kontrollierbaren, süchtigen Konsums von psychotropen Substanzen, z. B. Alkohol (Abhängigkeitssyndrom), der Gegenstand der Soziologie sozialer Probleme ist.

Siegfried Tasseit

Abhängigkeitstheorien

Die Abhängigkeitstheorien (Dependenztheorien, engl. dependency theories) entstanden Ende der 1960er Jahre in Lateinamerika als Reaktion auf ausbleibende Entwicklungserfolge. Bei den Abhängigkeitstheorien handelt es sich nicht um ein geschlossenes Theoriegebäude, sondern um eine beträchtliche Zahl konkurrierender bzw. aufeinander aufbauender Ansätze (zusammenfassend Menzel 2010: 97–124, Boeckh 1982). Allen gemein ist, dass sie sich von den bis dahin in der Entwicklungstheorie dominierenden ökonomischen Aushandelstheorien und den sozialwissenschaftlichen Modernisierungstheorien absetzen und Entwicklungsprozesse im Rahmen internationaler ökonomischer und politischer Herrschaftsprozesse analysieren. Kurz gefasst sehen sie die fehlende Entwicklung der Dritten Welt als eine Folge der Entwicklung der Ersten Welt an.

Während die Aushandelstheorien auf der Basis der Theorie komparativer Kostenvorteile (Ricardo) einen Wohlstandsgewinn durch die Eingliederung in den Welthandel unterstellen, blieb dieser Effekt in Lateinamerika aus. Singer und Prebisch (Prebisch 1968, Kapitel 1) verweisen zur Erklärung auf die im Vergleich zu Industrieprodukten langfristig fallenden Preise für Rohstoffe und sprechen von der Verschlechterung der Tauschverhältnisse (Terms of Trade). Marxistische Autoren, die wesentlich die weitere Debatte in den Abhängigkeitstheorien bestimmten, sehen in dieser Ungleichheit eine Grundstruktur des kapitalistischen Weltsystems, wobei zur Begründung auf frühere Imperialismustheorien (Lenin) bzw. auf Argumente im Rahmen neomarxistischer Überlegungen zurückgegriffen wurde (u. a. marxistische Arbeitswertlehre). Frank (1968) brachte das Kernargument auf die Formel »Entwicklung der Unterentwicklung«. Auf diesen Überlegungen aufbauend entwickelte Wallerstein (1982) seinen Weltsystemansatz.

Die Abhängigkeitstheorien stehen auch im radikalen Gegensatz zu zentralen Annahmen »klassischer« Modernisierungstheorien (Rostow 1960, Lerner 1971), welche Entwicklung als vornehmlich endogenen Prozess bestimmen, der, sobald traditionelle Widerstände überwunden sind, gleichsam automatisch vonstattengehe. Aus Sicht der Abhängigkeitstheorien sind die sozioökonomischen Verhältnisse in der Dritten Welt durchaus dynamisch, allerdings[12] führe die strukturelle Ungleichheit zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern sowie zwischen den kleinen entwickelten Bereichen der unterentwickelten Länder und dem überwiegenden unterentwickelten Teil (strukturelle Heterogenität) zu einem peripheren Kapitalismus (Galtung 1972). Dieser sei nur durch strukturelle Änderungen des ökonomischen Weltsystems unter sozialistischem Vorzeichen oder durch eine zeitweise Abkopplung (Dissoziation) vom kapitalistischen Weltsystem zu überwinden (Amin 1975). Diese theorielastige Argumentation konnte jedoch weder steigende Rohstoffpreise in den 1970er Jahren noch die wirtschaftliche Entwicklung einiger weltmarktorientierter Schwellenländer (u. a. Brasilien, Mexiko, Süd-Korea, Taiwan) erklären.

Cardoso und Faletto (1976) argumentierten weniger ideologisch und betrachteten unterschiedliche Verläufe ausbleibender Entwicklung in Lateinamerika, wobei endogene und exogene Faktoren berücksichtigt wurden. Diese stärker empirisch begründeten Ansätze waren eher in der Lage, die veränderten Bedingungen in der Weltwirtschaft der 1970er Jahre zu erfassen. Trotz aller Unterschiede blieb der Analysefokus auf die als ungerecht empfundenen weltwirtschaftlichen Strukturen gerichtet. Spätere konsequent empirisch ausgerichtete Arbeiten von Menzel und Senghaas (1986) überwanden das dichotome Denken zwischen Erster und Dritter Welt. Sie entwickelten typische Muster von Entwicklung und Unterentwicklung, die durch das Zusammenspiel spezifischer historischer Bedingungen, Weltmarktkonstellationen und gezielter Wirtschaftspolitiken in Bezug auf selektive An- und Abkopplung an den Weltmarkt geprägt sind. Die Autoren distanzierten sich damit von zentralen Argumenten der Abhängigkeitstheorien und plädierten für empiriegeleitete Analysen von Entwicklungsprozessen, die seither anstelle »Großer Theorien« diskutiert werden.

Die wichtige Erkenntnis, dass Entwicklung wesentlich durch globale Prozesse mitbestimmt wird, ist heute eine bedeutsame Grundlage der Globalisierungsdebatte. Insbesondere globalisierungskritische soziale Bewegungen (z. B. Attac) beziehen sich auf die Abhängigkeitstheorien und greifen beispielsweise die empirisch wenig fundierten Argumente der »Entwicklung der Unterentwicklung« auf.

Literatur

Amin, Samir, 1975: Die ungleiche Entwicklung. Essay über die Gesellschaftsformationen des peripheren Kapitalismus, Hamburg. – Boeckh, Andreas, 1982: Abhängigkeit, Unterentwicklung und Entwicklung. Zum Erklärungswert der Dependencia-Ansätze; in: Nohlen, Dieter; Nuscheler, Franz (Hg.): Handbuch der Dritten Welt, Bd. 1 Unterentwicklung, Hamburg, 133–151. – Cardoso, Fernando H.; Faletto, Enzo, 1976: Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika, Frankfurt a. M. – Frank, André G, 1968: Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika, Frankfurt a. M. – Galtung, Johan, 1972: Eine strukturelle Theorie des Imperialismus; in: Senghaas, Dieter (Hg.): Imperialismus und strukturelle Gewalt, Frankfurt a. M., 29–104. – Lerner, Daniel, 1971: Die Modernisierung des Lebensstils: eine Theorie; in: Zapf, Wolfgang (Hg.): Theorien des sozialen Wandels, Köln/Berlin, 362–381. – Menzel, Ulrich, 2010: Teil I Entwicklungstheorie; in: Stockmann, Reinhard et al. (Hg.): Entwicklungspolitik. Theorien – Probleme – Strategien, München, 11–159. – Menzel, Ulrich; Senghaas, Dieter, 1986: Europas Entwicklung und die Dritte Welt, Frankfurt a. M. – Prebisch, Raúl, 1968: Für eine bessere Zukunft der Entwicklungsländer, Berlin. – Rostow, Walt W., 1960: Stadien wirtschaftlichen Wachstums, Göttingen. – Wallerstein, Immanuel, 1982: Aufstieg und künftiger Niedergang des kapitalistischen Weltsystems. Zur Grundlegeung vergleichender Analyse. In: Senghaas, Dieter (Hg.), Kapitalistische Weltökonomie, Frankfurt, 31–66.

Dieter Neubert

Aggregat, soziales

Ein Aggregat (engl. social aggregate) bezeichnet (ähnlich den Begriffen Masse und Menge) eine Ansammlung von Personen, die sich in räumlicher Nähe befinden, zwischen denen jedoch Kommunikation und Interaktion nicht oder nur sporadisch stattfindet. Im Gegensatz zur »Kategorie« bezeichnet Aggregat eine reale, physisch abgrenzbare soziale Einheit. Aggregate weisen nach Fichter einen geringen Strukturierungs- bzw. Organisationsgrad sowie zumeist einen territorialen und vorübergehenden Charakter auf (vgl. auch Esser 2000, Kap. 2). Die Personen, die ein Aggregat bilden, bleiben relativ anonym, haben (auch bei physischer Nähe) nur beschränkten sozialen Kontakt und zeigen in ihrem Verhalten nur geringe Modifikationen gegenüber ihrem Verhalten außerhalb des Aggregats (Fichter 1970, 57/58). Ordnet man Begriffe, die zur Charakterisierung einer sozialen Einheit dienen, nach dem[13] zunehmenden Grad von Organisiertheit, Interaktion und physischer Präsenz der Mitglieder, so entsteht die folgende Reihe: Kategorie (z. B. Gesamtheit aller Fußballfans unter 30 Jahren), Aggregat (Menge der Zuschauer eines Spiels), Kollektiv (Fußballverein), Gruppe (Fußballmannschaft).

Literatur

Esser, Hartmut, 2000: Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaften, Frankfurt a. M. u. a. – Fichter, Joseph H., 1970: Grundbegriffe der Soziologie, 3. Aufl., Wien/New York.

Gerhard Berger

Aggression

Aggression (engl. aggression) umfasst eine individuelle oder kollektive Haltung, Einstellung (Feindseligkeit) oder Emotion (Ärger), resp. Verhalten gegenüber Menschen, Tieren, Dingen oder Einrichtungen, mit dem Ziel, sie zu beherrschen, zu schädigen oder gar zu vernichten (Schädigungsabsicht). Damit ist diese Definition von Vorstellungen abzugrenzen, die unter Aggression jede gerichtete, offensive Aktivität oder »Energie« verstehen. Aggressives Verhalten meint die Umsetzung der genannten Ziele; der Begriff Aggressivität bezeichnet die überdauernde Disposition zu aggressivem Verhalten. Entlang mehrerer Dichotomien werden verschiedene Ausprägungen aggressiven Verhaltens differenziert: z. B. feindselig vs. instrumentell, reaktiv vs. aktiv, offen vs. verdeckt, affektiv vs. räuberisch; zudem werden verbale, physische und indirekte/relationale (auf Beziehungsebene) Formen unterschieden. Aggression kann auf individueller, interpersonaler und intergruppaler Ebene beobachtet werden und wird meistens gesellschaftlich als Normenverstoß betrachtet und negativ bewertet. Andererseits kann Aggression im Sinne von Durchsetzungsverhalten auch positiv konnotiert sein. Entscheidend ist dabei die kulturelle, zeitliche und situative Einbettung des Verhaltens. Aggressives Verhalten weist zudem einen Überschneidungsbereich zu Gewalt auf.

Ansätze der Aggressionsforschung

In der Aggressionsforschung lassen sich vielfältige Theorien finden, die auf unterschiedlichen Ebenen menschlichen Verhaltens und Erlebens Erklärungsmodelle anbieten. Letztlich ist Aggression nur multifaktoriell verstehbar, weshalb besonders integrative Ansätze, wie z. B. das integrative Prozess-Modell (Anderson) zu bevorzugen sind. Bei weitem nicht jede Aggression hat überwiegend psychologische oder psychopathologische Hintergründe. Nach evolutionsbiologischer Sicht wird Aggression als eine Form des Konkurrenzverhaltens um fitnessbegrenzende Ressourcen und Arterhaltung verstanden. Triebtheorien und die Ethologie sehen Aggression als biologisch determinierten/angeborenen Instinkt/ Trieb. Aus tiefenpsychologischer Sicht ist Aggression als Ableitung/Freisetzung negativer Energien und Versuch der Bewältigung von Angst, Unsicherheit und Enttäuschung zu verstehen. Die Frustrations-Aggressions-Theorie sieht Aggression als Folge von Frustration (Nicht-Erreichung von Zielen, Bedürfnisbefriedigung), während die lerntheoretische Sicht meint, aggressives Verhalten werde aufgrund der Vorbildfunktion aggressiver Menschen, die man beobachtet, erlernt (Lernen am Modell) und durch Verstärkung (Konditionierung) aufrechterhalten. Nach der Kognitiven Neoassoziationstheorie führen gewaltvolle Hinweisreize (z. B. Waffen, Provokationen) zu Aggression, indem sie aggressionsthematische semantische Inhalte aktivieren, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind. Die Sozial-Kognitive Informationsverarbeitungstheorie geht davon aus, dass Verzerrungen in der sozial-kognitiven Informationsverarbeitung zur Interpretation von Signalen als feindselig und zu aggressiven Reaktionen führen.

Soziologische Perspektiven

Nach soziologischer Auffassung wird aggressives Verhalten nicht als Qualität der Handlung, sondern als Konsequenz der Existenz von Regeln und Normen verstanden, die im Prozess der Zivilisation zu einer zunehmenden Ächtung und Formung unkontrollierter Aggression geführt haben. Die Entstehung, Ausübung oder Stabilisierung aggressiven Verhaltens wird durch Bedingungen im sozialen und gesellschaftlichen Umfeld bestimmt, wobei Macht, Einfluss und Besitzverhältnisse eine bedeutsame Rolle spielen. Die Einstufung eines Verhaltens bzw. [14]einer Handlung als »aggressiv« hängt sowohl von der Existenz von Regeln ab, deren Verletzung »abweichendes Verhalten« darstellt, als auch von der Definition und Anwendung der Regeln durch andere, weshalb die klassischen Devianztheorien Anwendung finden: Nach der Anomietheorie entsteht Aggression durch die Dissoziation zwischen kulturellen Zielen und dem Zugang bestimmter sozialer Schichten zu den dazu notwendigen Mitteln. Die Subkulturtheorie erklärt Aggression durch Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Teilkulturen (Subkulturen), die einen Teil der gesellschaftlichen Normen, Werte und Symbole ablehnen. Der Labeling approach versteht Aggression als Resultat von Zuschreibungs- und Etikettierungsprozessen im Verlauf interpersonaler Interaktion. Neuere Ansätze (z. B. Individualisierungsansatz, Sozialisationsansatz) sehen aggressives Verhalten als eine Form der Verarbeitung von Verunsicherung und Desintegration in Folge von Individualisierungs- und Modernisierungsprozessen bzw. als Ausdruck mangelnder sozialer Kompetenz und nicht gelungener Anpassung an Lebensanforderungen. Zur Erklärung intergruppaler Aggression existieren ebenfalls mehrere Theorien: Die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts (Sherif) geht davon aus, dass Aggression gegen Fremdgruppenmitglieder entsteht, wenn sich eine Gruppe in einem Zielkonflikt mit einer anderen befindet und ihre Interessen gefährdet sind. Die Theorie der Sozialen Identität (Tajfel/Turner) meint, dass Konfrontationen mit Fremdgruppen gesucht werden, um ein positives Bild der Eigengruppe und eine soziale Identität zu entwickeln. Nach der Theorie der relativen Deprivation entsteht Intergruppenaggression, wenn die Gruppenmitglieder glauben, dass ihre Gruppe benachteiligt ist. Neuere Untersuchungen (Meier et al.) können zeigen, dass Individuen in Gruppen aggressiver sind, da die Entstehung feindlicher Gesinnungen, negativer Gefühle und Enthemmung in Gruppen wahrscheinlicher ist.

Literatur

Anderson, Craig A.; Huesmann, L. Rowell, 2003: Human aggression: A social-cognitive view; in: Hogg, Michael A.; Cooper, Joel (Eds.): Handbook of Social Psychology, London. – Baron, Robert A.; Richardson, Deborah R., 1994: Human aggression, 2nd ed., New York. – Berkowitz, Leonard, 1993: Aggression. Its causes, consequences, and control, New York. – Bierhoff, Hans-Werner; Wagner, Ulrich, 1998: Aggression – Definition, Theorie und Themen; in: Dies. (Hg.): Aggression und Gewalt: Phänomene, Ursachen und Interventionen, Stuttgart, 2–25. – Bründel, Heidrun; Hurrelmann, Klaus, 1994: Gewalt macht Schule, München. – Heitmeyer, Wilhelm; Hagan, John, 2002: Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Opladen. – Selg, Herbert et al., 1997: Psychologie der Aggressivität, 2. Aufl., Göttingen.

Vincenz Leuschner/Herbert Scheithauer

Aktionsforschung

Aktionsforschung (engl. action research), auch Handlungsforschung genannt, ist eine Art Begleitforschung zu eigenem Praxishandeln oder, in einer Selbstdarstellung, »eine Forschungsstrategie, durch die ein Forscher oder ein Forschungsteam in einem sozialen Beziehungsgefüge in Kooperation mit den betroffenen Personen aufgrund einer ersten Analyse Veränderungsprozesse in Gang setzt, beschreibt, kontrolliert und auf ihre Effektivität zur Lösung eines Problems beurteilt. Produkt des Forschungsprozesses ist eine konkrete Veränderung in einem sozialen Beziehungsgefüge, die eine möglichst optimale Lösung des Problems für die Betroffenen bedeutet« (Pieper in Haag et al., 100/101). Produkt ist also nicht – wie nach der klassischen Wissenschaftstheorie – eine Erhärtung oder Widerlegung einer Hypothese, sondern Gestaltung der Wirklichkeit und eine daraus abgeleitete Beurteilung der Wirksamkeit verschiedener Wandelstrategien.

Der von Kurt Lewin im Rahmen von sozialpsychologischen und -pädagogischen Konflikttherapien entwickelte Begriff wurde in die Soziologie übernommen und sollte insbesondere in den 60er und 70er Jahren des 20. Jh.s ein Versuch zur Verbindung von Wissenschaft und Praxis sein. Der klassischen Wissenschaftstheorie wurde vorgeworfen, ihre Prinzipien von Objektivität und Neutralität führten zur Zementierung der gegenwärtigen Zustände. Demgegenüber müssten Wissenschaftler emanzipatorisch und politisch im Sinne von Beseitigung von Ungerechtigkeit und Naturwidrigkeit wirken; Wissenschaft und soziales Engagement müssten also verbunden werden.

Wichtige Versuchsgebiete waren u. a. frühkindliche Sozialisation, Gastarbeiterintegration, Stadtteilsanierung, Straffälligensozialisation, Organisationswandel und viele Bereiche der Entwicklungshilfe.

Entscheidendes Kriterium war nicht nur die Beteiligung der Wissenschaftler sowohl als Forscher als[15] auch als Praxisveränderer, sondern auch die Einbeziehung der von der Veränderung Betroffenen in alle Phasen von der Planung bis zur Ergebnisfeststellung und -beurteilung. Forschungs- und Praxiszeiten lösten einander in prinzipiell unbegrenzter Zahl ab, gingen aber oft, besonders bei Alternativversuchen, nebeneinanderher und ineinander über.

Damit war nur eine rudimentäre Evaluation möglich, aber keine hypothesenprüfende Forschung. Auch das Gebot der Wertfreiheit war nicht einzuhalten. Angesichts dieser Schwierigkeit ist sie immer mehr in Vergessenheit geraten.

Literatur

Haag, Fritz et al. (Hg.), 1972: Aktionsforschung, München. – Friedrichs, Jürgen, 1990: Methoden empirischer Sozialforschung, 14. Aufl., Wiesbaden, 370–375. – Burns, Danny, 2007: Systematic Action Research, Bristol.

Günter Endruweit

Akzeptanz und Sozialverträglichkeit

Akzeptanz (engl. acceptance) ist die Eigenschaft einer Innovation, bei ihrer Einführung positive Reaktionen der davon Betroffenen zu erreichen. Sozialverträglichkeit (engl. social compatibility) ist die Eigenschaft einer Innovation, sich funktional in eine bestehende Sozialstruktur einpflanzen zu lassen (evolutionärer Wandel) oder eine gegebene Sozialstruktur so verändern zu können, dass sie funktional in die neue Sozialstruktur passt (revolutionärer Wandel). Dabei ist »Innovation« nicht nur auf technische Änderungen (Lucke/Hasse, 17), aber auch nicht nur auf Meinungen, Entscheidungen u. Ä. bezogen zu sehen, sondern als jede Neuheit gegenüber dem Bestehenden. Der methodologische Grundunterschied liegt im subjektiven Ansatz bei der Akzeptanz und im objektiven Ansatz bei der Sozialverträglichkeit (Endruweit, 204–210). In der Forschung ist Akzeptanz, durch Befragung oder Beobachtung ermittelt, ein einfacher, aber hinreichender Indikator dafür, dass eine Innovation nicht nur legal, sondern auch legitim ist. Die empirischen Ergebnisse zeigen große Unterschiede nach Objektbereich und persönlichen Daten der Befragten; selbst die Gesamttendenz in einem so oft beforschten Bereich wie der Technikakzeptanz ist nicht unstreitig (Renn/Zwick, 21). Akzeptanz und Sozialverträglichkeit sind vor allem bei Großprojekten technischer (z. B. Bau von Windkraftanlagen) und politischer (z. B. Reform der Schulorganisation) Art von großer Bedeutung. Das Fehlen von Akzeptanz oder das (auch nur vermeintliche oder angebliche) Fehlen von Sozialverträglichkeit sind häufig Anlass für soziale Bewegungen des Protestes oder Widerstandes.

Literatur

Endruweit, Günter, 1997: Sozialverträglichkeits- und Akzeptanzforschung als methodologisches Problem; in: ders.: Beiträge zur Soziologie, Bd. I, Kiel, 202–218. – Lucke, Doris; Hasse, Michael (Hg.), 1998: Annahme verweigert. Beiträge zur soziologischen Akzeptanzforschung, Opladen. – Renn, Ortwin; Zwick, Michael M., 1997: Risiko- und Technikakzeptanz, Berlin.

Günter Endruweit

Alltagswissen

Unter Alltagswissen (engl. knowledge of everyday life) wird seit Alfred Schütz der Wissensbestand verstanden, der der Lebenswelt des Alltags zuzurechnen ist. Der Alltag ist das Subuniversum der Lebenswelt, in dem wir handelnd und verändernd in die Welt eingreifen können. Anders als im Fall aller anderen subjektiven Erfahrungswirklichkeiten, die sich in unserem Bewusstsein konstituieren – sei es Traum, theoretische Einstellung oder religiöse Erfahrung -, teilen wir den Alltag mit anderen. Wir treten mit ihnen in Interaktion und bringen die Alltagswelt gemeinsam hervor. Die Alltagswelt ist insofern unser grundlegender Erfahrungsraum, als er uns als fraglos gegeben erscheint, alle anderen Welten in ihn hineinreichen und wir aus dem Alltag heraus in diese anderen Welten eintreten. Alltagswissen und Alltagshandeln sind untrennbar miteinander verbunden, da sich der Wissenserwerb im Handeln vollzieht und Handeln ohne Wissen nicht möglich ist. Der Alltagsmensch tritt der Welt in aller Regel in einer bestimmten Einstellung gegenüber: Als Handelnder, der in die Welt eingreift, um so die sich aufdrängenden Probleme seiner Existenz einer Lösung zuzuführen. Die auf diese Weise gekennzeichnete Welt des Alltags wird mithin beherrscht von einem ›pragmatischen Motiv‹. Als kategorialer Begriff [16]meint Alltagswissen damit den Bestand an Lösungen für eben diese Probleme, die mit seiner Hilfe ›problemlos‹ bewältigt werden können und sich deshalb im Alltag nicht als Probleme darstellen. Alltagswissen steht damit symbolischem Wissen gegenüber, das die Erfahrung transzendenter, nicht unmittelbar erfahrbarer Wirklichkeiten ermöglicht. Andererseits dient symbolisches Wissen der Legitimation von Alltagswelten und gibt ihnen ihr je spezifisches symbolisch-pragmatisches Gepräge – den sozialen Feldern der Politik und der Ökonomie genauso wie der Familie oder der Nachbarschaft.

Da Wissen einerseits ein gesellschaftliches Produkt ist, andererseits aber auch subjektiv erworben und verwendet wird, kann zwischen subjektivem und gesellschaftlichem Wissensvorrat unterschieden werden. Der subjektive Wissensvorrat besteht zum großen Teil aus Routinewissen, das uns selbstverständlich erscheint und wiederum in Fertigkeiten, Gebrauchswissen und Rezeptwissen unterteilt werden kann, zum anderen aus explizitem Wissen, das in unterschiedlichem Maße vertraut, bestimmt und glaubwürdig ist. Der gesellschaftliche Wissensvorrat besteht aus Allgemeinwissen, das für jeden relevant ist und aus Sonderwissen, das nur von bestimmten Rollenträgern in bestimmten Situationen zum Einsatz gebracht wird.

In empirisch-historischer Hinsicht verweist der Alltagsbegriff auf eine Vielzahl nebeneinander existierender sozialer Welten, an denen wir teilhaben und auf eine Fülle alltäglicher Situationen mit ihren je spezifischen alltäglichen Wissensbeständen und Handlungsmustern. Die Widersprüche zwischen den jeweiligen Wissensbeständen sind solange irrelevant, wie die Handlungsfelder voneinander separiert bleiben. Brüchig und fragwürdig wird Alltagswissen, wo es sich nicht bewährt. Die Verbreitung von Expertenwissen, die Verwissenschaftlichung der Alltagssprache und die gesellschaftliche Dauerkommunikation verweisen darauf, dass mit Technologisierung, der Zunahme von Risikolagen und gesellschaftlicher Pluralisierung der Bestand an selbstverständlichem Alltagswissen geringer wird.

Literatur

Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas, 1969: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M. – Schütz, Alfred; Luckmann, Thomas, 2003: Strukturen der Lebenswelt, Konstanz (1975/1984). – Soeffner, Hans-Georg, 2004: Auslegung des Alltags – Der Alltag der Auslegung. Zur wissenssoziologischen Konzeption einer sozialwissenschaftlichen Hermeneutik, 2. Aufl., Konstanz.

Dariuš Zifonun

Alterssoziologie

Begriff

Die Alterssoziologie (engl. sociology of aging), oftmals auch als Alternssoziologie, Soziologie des Alterns oder als Gero- bzw. Gerontosoziologie bezeichnet, ist eine spezielle Soziologie, die mit den Instrumenten der allgemeinen Soziologie (Begriffe, Theorien, Methoden) ihren spezifischen Untersuchungsgegenstand – das Alter und Altern von Individuen und sozialen Gruppen – untersucht. Damit befasst sich die Alterssoziologie sowohl mit der Strukturkategorie Alter (als Status von Individuen oder sozialen Gruppen) als auch mit der Prozesskategorie Altern (als strukturell beeinflusste individuelle oder kollektive Prozesse, Verläufe, Sequenzen, Übergänge oder Veränderungen in Lebenslauf und Gesellschaft). Ihr Forschungsgegenstand sind die Einflüsse des Alters bzw. Alterns auf Gesellschaft und Kultur wie auch umgekehrt die Einflüsse von Gesellschaft und Kultur auf das Alter bzw. auf den Alterungsprozess. Dabei geht es sowohl um die Analyse der Gesellschaft als Bedingung von Opportunitätsstrukturen, Handlungsdispositionen, Lebenslagen, Handlungspotentialen usw. als auch um die Veränderungen der Gesellschaft und ihrer sozialen Institutionen als Resultat z. B. veränderter Lebenslagen und Handlungsbedingungen.

Die Alterssoziologie ist gleichermaßen als spezielle Soziologie oder als Bindestrich-Soziologie in der allgemeinen Soziologie sowie als Teildisziplin in der inter- bzw. multidisziplinären Sozialen Gerontologie bzw. Sozialgerontologie verankert. Gerontologie ist keine Disziplin oder Fachwissenschaft im engeren Sinne, weil sie sich kaum auf gemeinsame Orientierungen, Paradigmen, theoretische Programme, erkenntnistheoretische und methodologische Grundlagen bezieht. Sie ist vielmehr als Versuch der gegenstandsbezogenen interdisziplinären Kooperation verschiedener Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften zu verstehen, die sich mit der Deskription, Analyse und Modifikation von physiologischen,[17] psychischen, sozialen und kulturellen Aspekten von Alter und Altern beschäftigen. Dabei können im Idealfall einzelwissenschaftliche Engführungen vermieden und transdisziplinäre Perspektiven entwickelt werden.

Alter und Altern

Das Alter im allgemeinen Sinne bezeichnet gemeinhin a) einen Zeitraum oder ein Zeitalter, z. B. die seit der Geburt bzw. Entstehung eines Lebewesens, einer Institution oder eines Gegenstandes verstrichene Zeitdauer (z. B. Lebenszeit), i. d. R. abgelesen an einem Kalender als Maßstab. Alter bezeichnet b) auch Lebensabschnitte oder Altersphasen als temporäre und transitive Abschnitte im individuellen Lebensverlauf (z. B. das hohe Alter), die c) von den Altersgruppen oder Altersschichten als klar abgrenzbare, sozial anerkannte und in unterschiedlichem Ausmaß intern organisierte soziale Gruppen zu unterscheiden sind.

Alter und Altern sind keine natürlichen, quasi präkulturellen Erscheinungen, sondern auf unterschiedlichen Ebenen sozial konstruierte Kategorien (Reifikationen), die dann als faktisch vorhandene äußerliche Phänomene (Objektivationen) aufgefasst werden. In der Alterssoziologie wird das Alter als Status und soziales Strukturierungsprinzip bzw. gesellschaftliches Ordnungsmuster verstanden, durch welches zugleich Zugang und Ausschluss von sozialen Teilnahmechancen geregelt und soziale Beziehungen hergestellt oder unterbunden werden (Prahl, Schroeter 1996: 277). Das Altern drückt den dynamischen Aspekt des individuellen und kollektiven Altwerdens aus und bezieht sich auf das Durchschreiten von sozial bewerteten und an soziale Rollen gebundenen Altersstufen oder Lebensphasen. Es bezieht sich auf eine Sequenz von Ereignissen im individuellen Lebensverlauf, wobei einige dieser Ereignisse direkt mit dem chronologischen Alter verbunden sein können (z. B. wurden Altersgrenzen bzw. -spielräume für Schuleintritt oder Pensionierung festgelegt), während andere Ereignisse (z. B. Eheschließung, -scheidung) weniger durch formalrechtliche Vorgaben, sondern eher aus der sozialen Struktur und damit korrespondierenden Normen oder durch sozio-kulturelle Zugehörigkeiten geregelt sind. Auch psychische und physiologische Veränderungsprozesse (z. B. korporale Vulnerabilitäten wie Krankheit oder Pflegebedürftigkeit), die mit dem kalendarischen Alter korreliert sind, werden als Indikatoren von Alter und Altern verwendet.

Alter und Altern sind also keine eindeutig definierten Begriffe, sondern je nach (disziplinärer) Perspektive unterschiedlich akzentuierte und semantisch verschieden gefasste, idealtypische soziale Konstruktionen. Das biologische Alter oder physiologische Alter bezeichnet z. B. den körperlichen Zustand des Menschen aufgrund biologischer Vorgänge von Wachstum, Reife, Abbau und Verfall. Diese »biologischen Grundbefindlichkeiten« (Schelsky [1959] 1965: 199) sind jedoch keine sozialen Realitäten sui generis, sondern stets einem sozialen Wandel unterworfen, wobei sich das je biologisch Vorgegebene und das gesellschaftlich Konstruierte im Erkenntnisprozess nicht vollständig voneinander trennen lassen. Als Maßstab wird zumeist das kalendarische oder chronologische Alter – die seit der Geburt vergangene (oder im Falle des prospektiven Alters die noch verbleibende) – Kalenderzeit verwendet, welche diese Prozesse zwar nicht misst – Uhren und Kalender sind an Erdrotation und Planetenkonstellationen ausgerichtet -, aber zumindest eine gewisse (wenn auch mit zunehmendem Alter abnehmende) statistische Korrelation aufweist. Mit der Verwendung des Kalenders als Messinstrument sind aber auch weitere (möglicherweise problematische) Annahmen wie gleichmäßig voranschreitende und irreversible Entwicklung verbunden. Eine Alternative ist das funktionale Alter – eine soziale Kategorisierung, die auf Einschränkungen bzw. Kompetenzen im Vergleich zu Durchschnittswerten abhebt. Mehrfach wurde auch versucht, die Altersphase im Lebenslauf im Sinne des funktionalen Alters in weitere Abschnitte zu untergliedern, also z. B. ein viertes oder fünftes Alter abzugrenzen. Während die Dreiteilung des Lebenslaufs aber durch relativ konkrete Altersgrenzen gesellschaftlich geregelt ist – die Schulpflicht auf der einen, und zumindest für die Mehrheit der Bevölkerung das Rentenzugangsalter auf der anderen Seite -, wäre der Rekurs auf ein kalendarisches Alter hier ausgesprochen unpräzise und potentiell diskriminierend: Auch diese Prozesse sind mit der Kalenderzeit mehr oder weniger stark (und im Zeitverlauf abnehmend) statistisch korreliert, aber nicht selbst von Erdrotation oder Planetenkonstellationen abhängig. Letztlich handelt es sich auch hier um Varianten eines sozialen Alters, also gesellschaftlich zugeschriebene Größen.

[18]Offensichtlicher ist dies beim administrativen Alter (gelegentlich auch als bürokratisches oder formales Alter bezeichnet) als Kategorisierung von Altersgruppen für Statistik, Verwaltung usw., bzw. dem rechtlichen Alter als Kennzeichnung für kulturell festgelegte Pflichten und Rechte (z. B. Geschäftsfähigkeit, Volljährigkeit). Hier ist die Bezugnahme auf das kalendarische Alter konstitutiv, was möglicherweise wiederum zur Selbstverständlichkeit beigetragen haben könnte, mit der der Kalender als Messinstrument für Prozesse menschlichen Alterns heute herangezogen wird. Konzepte psychologischen Alters schließlich beziehen sich u. a. auf kognitive Leistungsfähigkeit und Intelligenz (Denkfähigkeit, Wahrnehmungsgeschwindigkeit, Gedächtnis, Wortflüssigkeit, Wissen) sowie Alltagskompetenz, Weisheit und Erfahrung (Einsicht, Klugheit, Fakten-, Kontext-, Relativitäts-, Strategiewissen) und drücken die psychische bzw. kognitive Verfassung eines Menschen aus.

Durch die breite Verwendung des kalendarischen Alters ist es möglich, dass kalendarisch gleichaltrige Personen oder Gruppen auf den verschiedenen genannten Konstruktionen oder in unterschiedlichen sozialen Kontexten unterschiedliche Werte aufweisen können. Kalendarisch gleichaltrige Personen können z. B. durchaus biologisch mehr oder weniger »gealtert« sein – besonders drastisch macht dies das Hutchinson-Gilford-Syndrom (Progerie) deutlich. Sie können auch unterschiedlich »weise«, und in verschiedenen sozialen Kontexten sogar gleichzeitig unterschiedlich »alt« sein – man denke etwa an einen Fußballspieler, der in diesem Zusammenhang mit z. B. 30 Jahren schon zu den »Alten« zählt, während er in anderen sozialen Kontexten durchaus noch zu den »Jungen« zählen dürfte. Analoges gilt z. B. für Fußballmannschaften, Betriebe, Branchen oder Nationen. Eines der zentralen wissenschaftlichen Arbeitsgebiete der Alterssoziologie ist die empirische Beschreibung und theoretische Erklärung solcher Regelmäßigkeiten (wie auch der jeweiligen Abweichungen).

Entwicklung

Die Geschichte der soziologischen Alternsforschung geht zurück bis ins 19. Jh., als die ersten Sterbestatistiken erstellt wurden, doch erst im 20. Jh. wurden vermehrt empirische Studien über das Alter durchgeführt. Ein Markstein war das von Cowdry vorgelegte Werk über »Problems of Aging« (1939). In dieser Zeit wurden zunächst vor allem in den USA, später dann auch in anderen Ländern, verschiedene Netzwerke der Alternsforschung ins Leben gerufen. So entstanden die Deutsche Gesellschaft für Altersforschung (1938), die American Society of Geriatrics (ASG, 1942), die Gerontological Society (heute Gerontological Society of America, GSA, 1945) sowie im deutschsprachigen Raum die Schweizerische (SGG, 1953), Österreichische (ÖGG, 1955) und Deutsche Gesellschaft für Gerontologie (heute Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, DGGG, 1967). Innerhalb der soziologischen Fachverbände ist die Alterssoziologie u. a. in der International Sociological Association (ISA), in der European Sociological Association (ESA) sowie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) institutionell etabliert.

Das Thema Alter wurde in der Soziologie bzw. der Thematisierung von Gesellschaft wohl schon immer, wenn auch eher am Rande thematisiert. Das Alter spielte etwa eine wichtige Rolle im Falle der Gerontokratie oder in Altersklassengesellschaften. Die Alterssoziologie als eigenständige Bindestrich-Soziologie entwickelte sich in Deutschland aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Insbesondere seit Ende der 1950er Jahre wurde das Thema verstärkt prominent aufgegriffen (u. a. von R. König und H. Schelsky), sehr bald schon folgten eigene Abhandlungen (z. B. F.X. Kaufmann und R. Tartler 1961) und Übersichten zur Alterssoziologie insgesamt (H. P. Tews 1971). Auch größere empirische Untersuchungen folgten schnell – zunächst speziell zu einzelnen Bereichen wie z. B. der Aktivität im Alter (K. W. Boetticher 1975), ebenso breiter angelegte Darstellungen zu jeweils in der soziologischen Diskussion aktuellen Teilbereichen. Im Vergleich etwa zu den Themenbereichen Jugend und Familie wurde aber erst relativ spät mit dem Alters-Survey 1996 eine bundesweit repräsentativ angelegte Sozialberichterstattung zu Altersfragen begonnen (Kohli/ Künemund 2000).

Soziologische Theorien des Alters

Die Alterssoziologie ist zwar in weiten Teilen empirisch ausgerichtet, dennoch stand sie von Anbeginn immer auch unter einem theoretischen Fokus. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden zunächst in den USA unter den damals herrschenden Paradigmen [19]von Funktionalismus und Rollentheorie verschiedene Studien zur sozialen Anpassung (social adjustment) im Alter durchgeführt (Pollak 1948; Cavan et al. 1949). Die Frage nach der Bewältigung des Übergangs in den Ruhestand erfolgte vor dem Hintergrund rollentheoretischer Ansätze, wobei der Ruhestand als eine »eigentümlich funktionslose Situation« (Parsons [1942] 1968: 82) wahrgenommen wurde. Dabei wurde der Rollenverlust im Alter als eine fortlaufende Schwächung der individuellen Position in der Gesellschaft gesehen (Rosow 1974: 117 ff.).

Das ebenfalls bereits früh in diesem Kontext formulierte Aktivitätskonzept (z. B. Havighurst/Albrecht 1953) geht davon aus, dass Menschen im Alter zufrieden sind, wenn sie sich als gebraucht und nützlich empfinden und folglich danach streben, die sozial bedingten Ausgliederungsprozesse aus sozial relevanten Funktionszusammenhängen und die damit verbundenen Rollen- und Statusverluste durch erweiterte Handlungsräume in anderen Rollen zu kompensieren.

Die auf der strukturfunktionalen Theoriebildung fußende Disengagementtheorie (Cumming/ Henry 1961) sieht das Altern dagegen als einen, durch verminderte Interaktionen bedingten, unvermeidbaren sozialen Rückzug (Disengagement) älterer Menschen aus ihrem Sozialsystem, in dem eine gesellschaftlich notwendige, aber gleichsam entlastende und befreiende Entwicklung gesehen wird. Gesellschaftlich notwendig sei dieser Rückzug, damit die nachwachsenden Generationen die beruflichen, politischen und gesellschaftlichen Positionen besetzen könnten. Individuell entlastend sei er, weil die Beschränkung auf die eigene Privatsphäre gesellschaftliche Enttäuschungen, Ablehnungen und Missachtungen vermeiden könne. Damit würde ein Gleichgewicht zwischen den gesellschaftlichen Interessen und den individuellen Rückzugsmotiven gewahrt.

Die ebenfalls strukturfunktional gerahmte Modernisierungstheorie (u. a. Cowgill/Holmes 1972) geht von einer relativen Verminderung des sozialen Status der Alten in der modernen im Vergleich zur traditionalen Gesellschaft aus. Als kritische Entgegnung auf die strukturfunktionalen Modelle wurde in den 1960er Jahren die Subkulturtheorie auch auf das Alter angewandt (Rose 1962). Demnach könnten ältere Menschen auf der Grundlage gemeinsamer Vorteile, Probleme oder lang andauernder Freundschaften eine positive Affinität zueinander entwickeln, zum anderen könnten sie aber auch aus der Interaktion mit anderen Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen sein. Die zunehmende Interaktion der Älteren untereinander bei gleichzeitiger Kontakteinschränkung zu anderen Generationen führe zu einem Altersgruppenbewusstsein und zu einer Altersgruppenidentität der Älteren. Das zeige sich z. B. an der Bereitschaft zum alterssegregierten Wohnen in den »Retirement Communities« sowie an der zunehmenden Partizipation an Altersorganisationen (z. B. »Golden Age Club«, »Senior Citizens Club«).

Auch der Etikettierungsansatz (Labeling approach) ist in die Alterssoziologie überführt worden (Hohmeier 1978). Dabei wird argumentiert, dass die auf das Alter und Altsein bezogenen Definitionsprozesse als Stigmatisierungen gefasst werden können, weil sie a) zumeist monokausal in biologischen Veränderungen gesucht werden, b) auf Grund der Unvereinbarkeit mit den zentralen gesellschaftlichen Werten fast immer negativ ausfallen und weil sie c) für die subjektive und objektive Situation älterer Menschen zumeist negative Konsequenzen haben, wenn den Betroffenen über das attestierte Stigma (z. B. altersbezogene körperliche Einschränkungen) hinaus weitere negative Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Alter wird damit zu einem »master status« (Hohmeier 1978: 13), der die gesamte Identität eines Menschen festlegt.

Das Hauptaugenmerk des Kontinuitätsansatzes (Atchley 1983) liegt dagegen auf der Entwicklung und Erhaltung der sozialen Anpassungsfähigkeit im späten Erwachsenenalter. Demnach versuchen Menschen mittleren und höheren Alters, innere psychische Muster und Dispositionen (z. B. Temperament, Gefühle, Präferenzen, Einstellungen, Wertvorstellungen, Überzeugungen) und äußere Strukturen (z. B. soziale Beziehungen und Handlungen, soziale Umwelten) zu bewahren.

Aus der Perspektive der Tauschtheorie (Dowd 1975) werden mit fortschreitendem Alter die Machtressourcen der Akteure vermindert und ältere Menschen dadurch zunehmend unfähig, in ausgeglichene Austauschbeziehungen zu anderen Generationen zu treten. Der soziale Rückzug aus gesellschaftlich anerkannten Positionen ist das Tauschgut der Älteren. Als Gegenleistung erhalten sie materielle und soziale Sicherheit im Alter (u. a. Rentenund Pensionszahlung, Gesundheitsversorgung).

[20]In dem Modell der Altersschichtung (Altersstratifikation) (Riley et al. 1972) wird das Alter in Analogie zur sozialen Klasse als eine Kategorie sozialer Ordnung gedacht. Doch während die Klassenschichtung im Wesentlichen nach ökonomischen und sozialen Kriterien vorgenommen wird, sei die Altersstratifikation bis zu einem gewissen Grade biologisch bedingt. Demnach sei jede Gesellschaft nach Schichten unterteilt, die sich aus der Aufeinanderfolge von Kohorten zusammensetzen (Kohortenfluss). Diese nach Zeit geordneten und grundsätzlich nicht umkehrbaren Altersschichten bilden eine geordnete Reihe entlang der Dimension von jünger nach älter und unterscheiden sich durch die den Menschen in den verschiedenen Entwicklungsstufen von der Gesellschaft zugeschriebenen sozialen Rollen, Rechte und Privilegien.

In den 80er Jahren entstand mit der Lebens(ver)laufsperspektive ein neues Paradigma der Alternsforschung (Elder 1995). Der schon von Eisenstadt und Parsons formulierte Gedanke, dass der Mensch in seinen verschiedenen Sozialisationsphasen unterschiedlich strukturierte und zunehmend differenzierte Rollenbeziehungen durchläuft, fand seinen Niederschlag zunächst im strukturfunktionalen Altersnormensystem (Neugarten/Datan 1973), später dann auch in dem Modell der Statusbiographie (Levy 1977). Dort wird der Lebenslauf als eine sozial geregelte Bewegung in der Sozialstruktur und als »eine mehr oder weniger stark institutionalisierte Sequenz von Status-Rollen-Konfigurationen umrissen und damit zum Vergesellschaftungsprogramm erklärt. Mit Fokus auf quantitative Methoden wird diese Perspektive in der Lebenslaufforschung fortgeführt, die ihr Augenmerk stärker auf die soziale Ungleichheit im Lebensverlauf richtet und die Altersstrukturen weniger als normierte Tatbestände, sondern vielmehr als »empirisch nachgeordnete Folgen« (Mayer 1996: 48) ansieht. Die lange Tradition der (qualitativen) Biographieforschung wurde in die Alterssoziologie integriert. In dem Modell der Institutionalisierung des Lebenslaufs (Kohli 1985) werden beide Aspekte verbunden und die historisch beobachtbaren Veränderungen in den Lebensläufen in einen Zusammenhang mit dem Übergang zur Arbeitsgesellschaft gestellt. Als Pendant zur Individualisierung sei die Orientierung an Biographie und Lebenslauf an die Stelle stabiler Zugehörigkeiten getreten, wobei der Lebenslauf zu einem wichtigen sozialen Ordnungsprinzip wurde – eine soziale Institution, die gleichermaßen für die Organisation der Gesellschaft wie auch für die biographischen Perspektiven der Individuen zentral wurde.

Parallel zu diesen Entwicklungen bildete der politisch-ökonomische Ansatz des Alters (u. a. Minkler/Estes 1991) einen theoretischen Rahmen, um Altern in einen unmittelbaren gesellschaftlichen Bezug zu ökonomischen Strukturen und gesellschaftlichen Zwängen zu setzen. Er zielt vor allem auf eine Analyse der strukturellen Bestimmungsfaktoren von sozialer Ungleichheit im Alter. Das Altern wird im Wesentlichen in Beziehung zu Arbeit und Produktion gesetzt und unter den Aspekten der Dequalifizierung und des erzwungenen Ausschlusses aus dem Arbeitsprozess debattiert. Ein wichtiges Thema ist in diesem Kontext der Wohlfahrtsstaat (z. B. Myles 1984), der zwar auf die Linderung sozialer Ungleichheiten zielt, aber mit den Verteilungsprinzipien der sozialen Unterstützung, Versicherung und Steuerpolitik bestehende Klassen-, Alters- und Geschlechterstratifikationen verstärken und die Älteren in eine »strukturierte Abhängigkeit« drängen kann (Townsend 1981).

Unter dem Label der Kritischen Gerontologie (z. B. Cole et al. 1993) hat sich ein Forschungsansatz entwickelt, der – z. T. in starker Affinität zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und zum Diskurs- und Disziplinierungsansatz von Foucault stehend (Green 1993; Katz 1996) – sich gegen die Vorstellung wendet, das Alter objektiv messen und durch den Erwerb eines solchen Wissens auch kontrollieren zu können. Die Kritische Gerontologie fordert ein im Zentrum der Alternstheorien und Lebenslaufentwicklung stehendes »emanzipatorisches Ideal« ein, das Altern als ein Fortschreiten in Richtung Freiheit (Autonomie, Weisheit, Transzendenz) jenseits von Beherrschung begreift (Moody 1988).

Die Identitätstheorien von Mead und Goffman bilden die theoretische Grundlage der Mask-of-Ageing-Hypothese (Featherstone/Hepworth 1991). Demnach kommt es mit zunehmendem Alter zu einer Diskrepanz zwischen der äußerlichen Erscheinung und dem inneren Selbst. Die sichtbare körperliche Hülle erscheint als nichts anderes als eine Maske, die das wirkliche Selbst nur verdeckt. Das individuelle Selbst wird quasi zum Gefangenen des alternden Körpers, der die wahre Identität nicht länger physisch zum Ausdruck bringen kann. Analog dazu geht das Ageless-Self-Konzept (Kaufman 1986) davon aus, dass mit zunehmendem Alter eine[21] wachsende Diskrepanz zwischen dem subjektiven Altersempfinden und dem chronologischen Alter einhergeht. Diese Konzepte wurden im Modell der Altersmaskerade reformuliert – als eine Strategie, um sich vor einer altersfeindlichen Umwelt zu schützen (Biggs 1993).

Das ursprünglich als eine Neuformulierung der Disengagementtheorie konzipierte und später stärker entwicklungspsychologisch ausgerichtete Modell der Gerotranszendenz (Tornstam 1989) geht davon aus, dass der Rückzug und die Passivität älterer Menschen auch positiv zu interpretieren sind. Es stellt erneut das gesellschaftliche Aktivitätsideal grundlegend in Frage und stellt heraus, dass mit zunehmendem Alter veränderte bzw. ganz neue Sichtweisen des Lebens (u. a. verminderte Ich-Zentriertheit, kosmische Transzendenz, stärkere Generativität und Reminiszenz) an Bedeutung gewinnen (können).

Auch die sozialkonstruktivistische Perspektive wurde mehrfach auf das Alter bezogen. Dort erscheint das Alter als a) in einem umfassenden symbolischen Verweisungszusammenhang konstruiert, b) in der sozialen Organisation gesellschaftlichen Handelns als objektive Struktur realisiert, c) in der Somatisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse materialisiert und d) zugleich in seiner sinnlich empfundenen Qualität als konstitutiver Bestandteil subjektiver Identitäten. Auf dieser Folie ist die Verwirklichung des Alters (Doing Age) (Schroeter 2012) idealtypisch auf vier Ebenen in den Blick zu nehmen: auf der symbolischen Ebene (allgemeine Alterssemantiken, -definitionen, -diskurse, -grenzen, -ordnungen), der interaktiven Ebene (korporale und soziale Performanzen, Präsentationen und Inszenierungen), der materiell/somatischen Ebene (Körperpolitiken und -strategien) und auf der leiblich-affektiven Ebene (subjektiv empfundenes und körperlich/leiblich gespürtes Altern).

Aktuelle Schwerpunkte

Ein großer Teil der gestiegenen Aufmerksamkeit für die Alterssoziologie ist vermutlich der zunehmend breiteren Thematisierung des demographischen Wandels und der damit verbundenen Problemlagen in der wissenschaftlichen Diskussion wie auch der breiteren Öffentlichkeit geschuldet. Entsprechend lassen sich Schwerpunkte in den Bereichen der Alterssicherung, der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung sowie generell der Familien- und Generationenbeziehungen ausmachen, wobei die Spannweite jeweils von der individuellen Ebene über die Analyse von Organisationen und Institutionen bis zum Vergleich von höher aggregierten Systemen reicht. Besondere Aufmerksamkeit erlangen z. B. die aufgrund der vorgenommenen Änderungen im System der Rentenversicherung zu erwartende Altersarmut bzw. zunehmende soziale Differenzierung, der politische Einfluss der Älteren, das Alter(n) nach Migration, die Belastungen der Pflegenden sowie die Möglichkeiten der Unterstützung der Älteren, der Pflegenden und auch der Versorgungsstrukturen insgesamt durch neue Technologien. Diskussionen gibt es auch um stärker (sozial-)politische Perspektiven und Positionen, etwa im Falle des »aktiven« oder »produktiven« Alterns als Gegenargument zur »Alterslast«-Interpretation auf der einen, als (unangemessene) Forderung für den Einzelnen auf der anderen Seite.

Literatur

Atchley, Robert C., 1983: Aging. Continuity and change, Belmont, CA. – Biggs, Simon, 1999: The mature imagination. Dynamics of identity in midlife and beyond, Buckingham, UK. – Boetticher, Karl W., 1975: Aktiv im Alter, Düsseldorf. – Cavan, Ruth S. et al., 1949: Personal adjustment in old age, Chicago, IL. – Cole, Thomas R. et al. (Eds.), 1993: Voices and visions of aging, New York, NY. – Cowdry, Edmund V. (Ed.), 1939: Problems of aging, Baltimore, MD. – Cowgill, Donald O.; Holmes, Lowell D. (Eds.), 1972: Aging and modernization, New York, NY. – Cumming, Elaine; Henry, William E., 1961: Growing old. The process of disengagement, New York, NY. – Dowd, James J., 1975: Aging as exchange. A preface to theory; in: Journal of Gerontology 30, 584–593. – Elder, Glen H. Jr., 1995: The life course paradigm; in: Moen, Phyllis et al. (Eds.): Examining lives and context, Washington, DC, 101–140. – Featherstone, Mike; Hepworth, Mike, 1991: The mask of ageing and the postmodern life course; in: Featherstone, Mike et al. (Eds.): The body. Social processes and cultural theory, London, UK, 371–389. – Green, Bryan S., 1993: Gerontology and the construction of old age, New York, NY. – Havighurst, Robert J.; Albrecht, Ruth, 1953: Older people, New York, NY. – Hohmeier, Jürgen, 1978: Alter als Stigma; in: Ders.; Pohl, Hans-Joachim (Hg.): Alter als Stigma, Frankfurt a. M., 10–30. – Katz, Steven, 1996: Disciplining old age, Charlottesville, NC/London, UK. – Kaufman, Sharon R., 1986: The ageless self. Sources of meaning in late life, Madison, WI. – Kohli, Martin, 1985: Die Institutionalisierung des Lebenslaufs; in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 37, 1–29. – Ders.; Künemund, Harald (Hg.), 2000: Die zweite Lebenshälfte, Opladen. – Levy, René, 1977: Der[22] Lebenslauf als Statusbiographie, Stuttgart. – Mayer, Karl U., 1996: Lebensverläufe und gesellschaftlicher Wandel; in: Behrens, Johann; Voges, Wolfgang (Hg.): Kritische Übergänge, Frankfurt a. M., 43–72. – Minkler, Meredith; Estes, Carroll L. (Eds.), 1991: Critical perspectives on aging, Amityville, NY. – Moody, Harry R., 1988: Toward a critical gerontology; in: Birren, James E.; Bengtson, Vern L. (Eds.): Emergent theories of aging, New York, NY, 19–40. – Myles, John, 1984: Old age in the welfare state, Boston, MA. – Neugarten, Bernice L.; Datan, Nancy, 1978: Lebensablauf und Familienzyklus; in: Rosenmayr, Leopold (Hg.): Die menschlichen Lebensalter, München 165–188. – Parsons, Talcott, 1968: Alter und Geschlecht in der Sozialstruktur der Vereinigten Staaten; in: Ders.; Rueschemeyer, Dietrich (Hg.): Beiträge zur soziologischen Theorie, Neuwied/Berlin, 65–83 (1942). – Pollak, Otto, 1948: Social Adjustment in Old Age, New York, NY. – Prahl, Hans-Werner; Schroeter, Klaus R., 1996: Soziologie des Alterns, Paderborn. – Riley, Matilda W. et al. (Eds.), 1972: Aging and society. A sociology of age stratification, vol. 3., New York, NY. – Rose, Arnold M., 1962: The subculture of the aging; in: The Gerontologist 2, 123–127. – Rosow, Irving, 1974: Socialization to old age, Berkeley, CA. – Schelsky, Helmut, 1965: Die Paradoxien des Alters in der modernen Gesellschaft; in: Ders.: Auf der Suche nach der Wirklichkeit, Düsseldorf/Köln, 198–220 (1959). – Schroeter, Klaus R., 2012: Altersbilder als Körperbilder; in: Berner, Frank et al. (Hg.): Individuelle und kulturelle Altersbilder, Wiesbaden, 153–229. – Tews, Hans P., 1971: Soziologie des Alters, Heidelberg. – Tornstam, Lars, 1989: Gerotranscendence; in: Aging. Clinical and Experimental Research 1, 55–63. – Townsend, Peter, 1981: The structured dependency of the elderly; in: Ageing and Society 1, 5–28.

Harald Künemund/Klaus R. Schröter

Anomie

Quellentexte

Der franz. Soziologe Emile Durkheim (1858–1917) hat den Anomiebegriff (engl. anomy, aus dem Griechischen: Verneinung/Fehlen von Gesetz/Ordnung) in die Soziologie eingeführt, vor allem im Rahmen seiner Untersuchungen zur Arbeitsteilung (1992 [1893]) und zum Selbstmord (1983 [1897]). Die zweite autoritative Quelle, auf die sich fast alle Soziologen beziehen, die heutzutage das Anomiekonzept – vor allem zur Erklärung abweichenden oder kriminellen Verhaltens – heranziehen, sind Arbeiten von Robert K. Merton (1910–2003), insb. zwei Aufsätze in Merton 1968 ([1957], Kap. 6, 7). Zu den deutschen Autoren, die eigene Varianten des Anomiekonzepts ausgearbeitet haben, gehören Dahrendorf (1979), Opp (1974), Waldmann (2003). Zum gegenwärtigen Stand der internationalen Diskussion s. den Sammelband von Agnew/Kaufman (2010).

Zentrale Bedeutungskomponenten

Zum Verständnis des Anomiekonzepts sind zwei analytische Unterscheidungen wichtig, die schon Durkheim (implizit) eingeführt hat: Als gesellschaftliches Strukturmerkmal bezeichnet Anomie verschiedene Formen einer »Störung der kollektiven Ordnung«, hervorgerufen vor allem durch eine unzulängliche normative Regulierung, die sich einerseits in der lebensweltlichen »sozialen Praxis« mehr oder weniger ungeplant vollzieht, andererseits durch bestimmte (nicht zuletzt staatl.) Instanzen und Akteursgruppen gestaltet wird. Durkheim konzentriert sich auf unzulängliche Koordination bzw. Kooperation zwischen gesellschaftlichen Teilsystemen und den entsprechenden Akteursgruppen (z. B. Konflikte zwischen »Kapital« und »Arbeit«) sowie Formen einer »erzwungenen« Arbeitsteilung, die das Gerechtigkeitsprinzip verletzen und die Individuen an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Auf der anderen Seite bezieht sich Anomie auf Persönlichkeitsmerkmale, insb. auf normative und kognitive Desorientierung, auf überschießende Bedürfnisse und Aspirationen, einen Verlust an Sinn gebenden moralischen Bindungen. Um die beiden Ebenen terminologisch auseinanderzuhalten, spricht man mit Bezug auf Persönlichkeitsmerkmale auch von »Anomia« (verstanden als Folge gesellschaftlicher »Anomie«).

Damit kommen wir zur Unterscheidung von prozess- und struktur-bedingter Anomie. Durkheim hatte zunächst vor allem jene Regulierungsund Orientierungsdefizite im Blick, die durch einen rapiden, tiefgreifenden sozialen Wandel ausgelöst werden – weitgehend unabhängig von dessen spezifischer Entwicklungsrichtung (s. Thome 2010). Später entdeckte er die Möglichkeit einer »chronischen« Anomie in Form einer regulativ nicht mehr aufhebbaren Dominanz der Ökonomie über alle anderen Lebensbereiche.

Merton greift Durkheims Überlegungen auf, abstrahiert und systematisiert sie. Ihm zufolge ist eine anomische Konstellation strukturell durch drei Komponenten gegeben: a) Kulturell sind Werte und Handlungsziele definiert, die allgemein akzeptiert[23] und angestrebt werden. b) Kulturell sind auch die Wege und Mittel festgelegt, die dabei legitimerweise eingesetzt werden dürfen. c) Die Sozialstruktur verteilt diese Mittel unter den Aspiranten in ungleichem Maße, so dass viele Akteure die legitimen Ziele nicht mit legitimen Mitteln erreichen können. Es entsteht also ein hoher Anreiz, sich illegitimer (auch gesetzwidriger) Mittel zu bedienen. Dieser Anreiz ist umso stärker, je dominanter ein einzelnes Ziel ist (insbesondere der eigene ökonomische Erfolg im Vergleich zum Erfolg Anderer). Zu beachten ist außerdem, dass auch die illegitimen Mittel sozial ungleich verteilt sind, was für diejenigen, die auch hierin benachteiligt sind, den Einsatz körperlicher Gewalt besonders attraktiv macht.

Literatur

Agnew, Robert; Kaufman, Joanne (Hg.), 2010: Anomie, Strain and Subcultural Theories of Crime, Surrey (GB). – Dahrendorf, Ralf, 1979: Lebenschancen. Anläufe zur sozialen und politischen Theorie, Frankfurt a. M. – Durkheim, Emile, 1983: Der Selbstmord, Frankfurt a. M. (1897). – Ders., 1992: Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt a. M. (1893). – Merton, Robert K., 1968: Social Theory and Social Structure, Glencoe, IL (Frühere Ausgaben 1957/1949). – Opp, Karl-Dieter, 1974: Abweichendes Verhalten und Gesellschaftsstruktur, Neuwied. – Thome, Helmut, 2010: Violent Crime (and Suicide) in Imperial Germany, 1883–1902: Quantitative Analyses and a Durkheimian Interpretation; in: International Criminal Justice Review 20, 5–34. – Waldmann, Peter (Hg.), 2003: Diktatur, Demokratisierung und soziale Anomie, München.

Helmut Thome

Anspruchsniveau

Das Anspruchsniveau (engl. level of aspiration) bezeichnet einen Maßstab, an dem ein Individuum seine eigene Leistung misst bzw. bewertet. Der Begriff stammt aus der psychologischen Entscheidungsforschung (Charakterdiagnostik; Leistungsmotivation) und wurde dort von Lewin und Mitarbeitern eingeführt (Lewin et al. 1944; Hoppe 1931). Untersucht wurden der Einfluss des individuellen Anspruchsniveaus auf Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse und seine Bedeutung als motivbildender Faktor in leistungsorientierten Situationen. Dem Anspruchsniveau ist ein Zeitfaktor inhärent, der in den Wirtschaftswissenschaften als Zielausmaß (bzgl. Leistung, Besitz und Möglichkeiten) gekennzeichnet wird, das ein Individuum gegenwärtig oder in der Zukunft erreichen möchte. Im Marketing dient das Anspruchsniveau auch zur Reduktion möglicher Handlungsalternativen. Entspricht eine individuelle Leistung dem Anspruchsniveau oder liegt sie darüber, so erlebt das Individuum dies als Erfolg und erhöht in der Regel sein Anspruchsniveau. Liegt die Leistung darunter, so wird das Anspruchsniveau herabgesetzt. Liegt eine Leistung sehr weit über oder sehr weit unter dem Anspruchsniveau, so wird diese externen Faktoren zugeschrieben. Eine große Abweichung des Anspruchsniveaus vom tatsächlichen Leistungsniveau kann auf einen mangelnden Realitätssinn zurückgeführt werden oder aber auf eine neurotische Fehlhaltung im Leistungsbereich. Die Herausbildung eines »realistischen Sinns« (Lewin/ Lewin 1953) wird von den Sozialisationsbedingungen mitbestimmt. Damit spielen, neben im weitesten Sinne individuellen Variablen (Leistungsmotiv; Aufgabenhaltung; persönliche Standards) auch überindividuelle bzw. soziale Faktoren (Gruppendruck; Macht; geschlechtsspezifische bzw. ethnische Unterschiede) eine nicht unbedeutende Rolle im Hinblick auf die Genese des Anspruchsniveaus. Auf der Makroebene verändern sich gruppen- oder gemeinschaftsspezifische Anspruchsniveaus unter Deprivations- bzw. Wohlfahrtsbedingungen.

Literatur

Hoppe, Ferdinand, 1930: Erfolg und Misserfolg; in: Psychologische Forschung 40, 1–62. – Lewin, Kurt; Lewin, Gertrud W., 1953: Die Lösung sozialer Konflikte, Bad Nauheim. – Lewin, Kurt et al., 1944: Level of aspiration; in: Hunt, J. McV (ed.): Personality and the behaviour disorders, New York, 333–378.

Birgit Blättel-Mink

Arbeiterbewegung

Die Arbeiterbewegung (engl. labour movement) ist die dominante soziale Bewegung des 19. und frühen 20. Jh.s. Sie ist Produkt der kapitalistischen Industrialisierung (Industrielle Revolution) und ihrer sozialen Begleit- und Folgeerscheinungen (»Entfremdung«, »soziale Frage«, »Arbeiterfrage«). Die freie Lohnarbeit als dauerhaftes, »vererbbares« Schicksal wurde den besitzlosen, depossedierten, von zünftigen [24]Privilegien entbundenen Schichten (Proletariat) zum gemeinsamen Ausgangspunkt solidarischer Selbsthilfe (Hilfskassen, Genossenschaften), kollektiver Gegenwehr (Streiks, Kampfkoalitionen, Gewerkschaften) und politischer Organisierung (Arbeiterparteien); daneben formierten sich – als »vierte Säule« der Arbeiterbewegung – Arbeiterbildungsvereine und proletarische Freizeitorganisationen. Aus den zunächst spontanen Rebellionen (Maschinensturm) und vielfältigen kollektiven Aktionen zur Verbesserung der sozialen Lage, Erkämpfung politischer Rechte und Hebung des Bildungsniveaus entwickelte sich eine mächtige Bewegung, die den von abhängiger Arbeit lebenden und gesellschaftlich benachteiligten Unterschichten das Selbstbewusstsein vermittelte, die eigentlich produktive und »werteschaffende« Klasse zu sein (Klassenbewusstsein).

Hervorgegangen ist die Arbeiterbewegung nicht aus den verelendeten Schichten des Industrieproletariats; ihre ersten Trägergruppen kamen vielmehr aus der »Arbeiteraristokratie«, waren Handwerkerund Facharbeitergruppen, die sich gegen die Proletarisierung ihrer Arbeits- und Lebenssituation zur Wehr setzten. So gehörten die Buchdrucker zu den frühesten Gewerkschaftsgründern. Aus den bürgerlichen Schichten zur Arbeiterbewegung stoßende Intellektuelle wurden zu ihren wichtigsten Theoretikern (Marx, Engels, Lassalle, Lenin, Trotzki, Luxemburg).

Bei allen Unterschieden der politischen Strömungen war das generelle Ziel der Arbeiterbewegung die soziale und politische Emanzipation der arbeitenden Klasse, die Aufhebung ihrer gesellschaftlichen Unterprivilegierung und Schaffung einer neuen, gerechten Gesellschaftsordnung. Der Marxismus, der sich als theoretischer Ausdruck der Arbeiterbewegung verstand, gewann auf die sozialistische Arbeiterbewegung Europas erheblichen Einfluss. Als Mitglied des Zentralrats der 1864 in London gegründeten »Internationalen Arbeiterassoziation« (IAA, später »Erste Internationale« genannt) formulierte Marx programmatische Aussagen (z. B. Inauguraladresse und Statuten der IAA). Sie postulierten als historische Aufgabe der Arbeiterbewegung die »Selbstbefreiung« des Proletariats durch Klassenkampf und revolutionäre Eroberung der politischen Macht zwecks Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Syndikalistische Richtungen der Arbeiterbewegung fanden vornehmlich in den romanischen Ländern Rückhalt; sie verwarfen – unter dem Einfluss des Anarchismus und ihrer Theoretiker (Proudhon, Bakunin) – Parlamentarismus, Wahlbeteiligung und politischen Kampf; stattdessen propagierten sie die »direkte Aktion«, letztlich den Generalstreik als »Revolution der gekreuzten Arme«. Sozialreformerische bzw. labouristische Tendenzen zeigten sich früh in der angelsächsischen Arbeiterbewegung; für sie war die pragmatisch-gradualistische Orientierung (Fabianismus) und die grundsätzliche Anerkennung des demokratisch-parlamentarischen Systems einschließlich des Bündnisses mit dem bürgerlichen Liberalismus kennzeichnend. Die christliche Arbeiterbewegung schließlich orientierte sich an der christlichen Soziallehre, die die Gleichberechtigung von Kapital und Arbeit fordert. – Nach der Russischen Revolution 1917 kam es zur Spaltung der sozialistischen Arbeiterbewegung in eine sozialdemokratische und kommunistische mit jeweils eigenen internationalen Vereinigungen (Sozialistische Internationale, Kommunistische Internationale).

Galten die früheren Bemühungen der Arbeiterbewegung der Beseitigung der rechtlichen Restriktionen (Koalitions- und Streikverbot) und der Durchsetzung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, dann zielten später die sozialen und politischen Aktivitäten von Gewerkschaften und Arbeiterparteien in den westlichen Demokratien auf die Nutzung der Tarifautonomie und des Wahlrechts als Hebel zur Schaffung eines Systems kollektivvertraglicher und sozialstaatlicher Sicherungen ab, die die Integration der vordem »exterritorialen Klasse« in die Massendemokratien des westlichen Kapitalismus aktiv beförderten. Mehr noch als Sozialstaat und Massenwohlstand haben die Auflösung proletarischer Lebensmilieus und die unaufhaltsame Schrumpfung der traditionellen Industriearbeiterschaft der These vom »Ende der Arbeiterbewegung« (Gorz, Pirker) eine zunehmende Plausibilität verliehen.

Literatur

Abendroth, Wolfgang, 1975: Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, Frankfurt a. M. – Braunthal, Julius, 1978: Geschichte der Internationale, 3. Bde., Bonn. – Gorz, André, 1980: Abschied vom Proletariat, Frankfurt a. M. – Grebing, Helga, 1980: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 10. Aufl., München. – Klönne, Arno, 1980: Die deutsche Arbeiterbewegung, Köln. – Kocka, Jürgen, 1983: Lohnarbeit und Klassenbildung, Berlin. – Mooser, Josef, 1984: Arbeiterleben in Deutschland 1900–1979, [25]Frankfurt a. M. – Pirker, Theo, 1984: Vom Ende der Arbeiterbewegung; in: Ebbinghausen, Rolf; Tiemann, Friedrich (Hg.): Das Ende der Arbeiterbewegung in Deutschland? Opladen, 39–51. – Ritter, Gerhard A. (Hg.), 1984 ff.: Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Berlin/ Bonn (bisher erschienen: Bde. 1, 2, 5, 9, 10, 11, 12). – Tennstedt, Florian, 1983: Vom Proleten zum Industriearbeiter, Köln.

Walther Müller-Jentsch

Arbeitsbeziehungen

Die Begriffe Arbeitsbeziehungen oder industrielle Beziehungen sind – in den sozialwissenschaftlichen Disziplinen synonym verwandte – wörtliche Übersetzungen aus dem Englischen (labour relations, industrial relations). Gebräuchlich sind auch die Begriffe: Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen, Sozialpartnerschaft, Konfliktpartnerschaft. In der älteren deutschen Literatur finden sich für den Gegenstandsbereich Umschreibungen wie »Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit« (A. Weber) oder »Die Klassen auf dem Arbeitsmarkt und ihre Organisationen« (Lederer, Marschak) oder einfach »soziale Arbeitsverhältnisse« (Geck).

Arbeitsbeziehungen bezeichnen ganz allgemein die ökonomischen Austauschprozesse und sozialen Konfliktbeziehungen zwischen Kapital und Arbeit in einem Betrieb, einem Wirtschaftszweig, einem Land oder einem regulierten transnationalen Wirtschaftsraum (z. B. Europäische Union) sowie die aus diesen Interaktionen resultierenden Normen, Verträge, Institutionen und Organisationen. Ihre Träger bzw. Akteure sind Verbände (Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen), Gruppen (Management, Betriebsrat, teilautonome Arbeitsgruppen) und Personen beider Seiten sowie staatliche Instanzen. Die Kapital und Arbeit repräsentierenden Akteure treten in der Regel als Kontrahenten im doppelten Sinne (Vertragspartner und Gegner) auf. Die staatlichen Instanzen nehmen a) hoheitliche Funktionen wahr (Setzung der institutionellen Rahmenbedingungen durch kollektives Arbeitsrecht, staatliches Schlichtungswesen etc.; Festlegung bestimmter Mindestnormen wie Mindestlohn, tägliche und wöchentliche Höchstarbeitszeit und Mindestjahresurlaub), beeinflussen b) als »dritte Partei« den tarifpolitischen Prozess etwa durch einkommenspolitische Daten oder verhandeln c) als Tarifvertragspartei des öffentlichen Dienstes direkt über Lohnsätze und Arbeitsnormen.

Arbeitsbeziehungen haben die kollektive Regelung von Arbeitsverhältnissen (d. h. Beschäftigungs-, Arbeits- und Entlohnungsbedingungen) zum Inhalt. Ihr Gegenstandsbereich umfasst 1. den kontrahierten wirtschaftlichen Austausch zwischen Kapital und Arbeit (Lohn gegen Arbeitsleistung), 2. eine daraus resultierende typische Konfliktkonstellation, die sich in Arbeits- und Verteilungskonflikten (industrieller Konflikt) manifestiert, und 3. ein historisch gewachsenes Institutionensystem (z. B. Tarifautonomie und Betriebsverfassung), das die Austauschprozesse und Konfliktbeziehungen normativ regelt.

Die kollektiven Regelungen können unterschieden werden in 1. unilaterale, bilaterale und trilaterale, 2. formelle und informelle, 3. substantielle und prozedurale Regelungen.

Zum Kernbestand der Arbeitsbeziehungen gehören die bilateralen Regelungen z. B. zwischen Betriebsrat und Management (Betriebsvereinbarungen) sowie zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden (Tarifverträge). Unilaterale Regelungen können vom Staat (Gesetze, Verordnungen) erlassen, vom Management (Direktionsrecht) angeordnet, aber auch von starken Arbeitergruppen (Arbeiterkontrolle) durchgesetzt, in seltenen Fällen auch von Gewerkschaften der anderen Seite aufgezwungen werden (z. B. Closed Shop). Bei trilateralen Regelungen ist überdies der Staat beteiligt (z. B. Konzertierte Aktionen, Sozialpakte, trilaterale Abkommen). Formelle Regelungen werden meist in Schriftform erlassen, vereinbart oder angeordnet, aber auch förmliche mündliche Anordnungen und Abreden sind ihnen zuzurechnen. Insbesondere im betrieblichen Alltag werden die formellen Regelungen ergänzt, modifiziert, konkretisiert und nicht selten konterkariert durch informelle Regelungen bzw. Normen. Sie füllen einerseits Planungslücken und Koordinationsmängel der Betriebshierarchie durch selbstständige »Belegschaftskooperation« (Frielingshaus) aus und schützen andererseits die abhängig Arbeitenden gegen Leistungsverdichtung und umfassende Management-Kontrolle. Substantielle Regelungen beziehen sich auf inhaltliche Arbeitsnormen (Arbeitsentgelt, Arbeitsbedingungen); prozedurale Regelungen sind Verfahrensregeln (z. B. über Mitbestimmung, Schlichtung, Konfliktaustragung).

[26]Retrospektiv betrachtet, sind Arbeitsbeziehungen eine historisch gewachsene Kompromissstruktur, die sich als »intermediäres Institutionensystem« zwischen die Arbeitsmarktparteien geschoben hat und deren unilaterale Konfliktstrategien durch bilaterale Verhandlungssysteme (»joint regulation«) überformte. Ihre Entstehung und Entwicklung verdankt sie zwei interagierenden und konfligierenden Kräften: dem (manifesten und latenten) Klassenkampf und der (reaktiven und prophylaktischen) Sozialpolitik von Unternehmern und Staatsapparat; zwischen beiden vermittelten bürgerliche Sozialreformer (vom Bruch).

Die für Deutschland charakteristischen Institutionensysteme der Arbeitsbeziehungen bestehen aus Betriebsverfassung, Unternehmensmitbestimmung und Tarifautonomie. Betriebsverfassung und Tarifautonomie bilden ein duales System der Interessenrepräsentation. Es ermöglicht eine funktionale Differenzierung der Regelung von Interessenkonflikten in zwei – nach Interessen, Akteuren und Durchsetzungsformen – voneinander getrennten »Arenen« (Müller-Jentsch 1997, 195). Eine die Betriebsverfassung ergänzende Institution ist die Unternehmensmitbestimmung (Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat), die meist in Personalunion von den Vorsitzenden und geschäftsführenden Mitgliedern des Betriebsrats, neben gewerkschaftlichen Vertretern, wahrgenommen wird.

Als neues Phänomen sind Systeme direkter Partizipation wie teilautonome Gruppenarbeit, Qualitätszirkel etc. (Müller-Jentsch 2007, 102 ff.) und »andere Vertretungsorgane« wie Runde Tische, Sprecher, Ältestenräte etc. (Hauser-Ditz et al. 2008, 73 ff.) anzusehen. Sie können als Ergänzung, Konkurrenz oder Substitut der repräsentativen Formen der Mitbestimmung durch den Betriebsrat in Erscheinung treten.

Da das Forschungsgebiet zentrale gesellschaftliche Konflikte und widersprüchliche Interessen zum Inhalt hat, kann eine geschlossene und allseits akzeptierte Theorie der Arbeitsbeziehungen nicht erwartet werden. Es herrscht theoretischer Pluralismus vor. Ein erster systematischer Versuch zu einer Theorie der Arbeitsbeziehungen stammt von John T. Dunlop. Heute werden folgende Theorieansätze unterschieden: a) systemtheoretische, b) marxistische, c) institutionalistische, d) handlungstheoretische, e) strukturationstheoretische und f) ökonomische bzw. modelltheoretische (vgl. Müller-Jentsch 2008, 239–283). Kennzeichnend für die Forschung ist indessen der pragmatische Umgang mit diesen sich nicht ausschließenden, z. T. komplementären Ansätzen.

Literatur

Dunlop, John T., 1958: Industrial Relations Systems, New York. – Ferner, Anthony; Hyman. Richard (eds.), 1998: Changing Industrial Relations in Europe, Oxford. – Geck, L. H. Adolph, 1931: Soziale Arbeitsverhältnisse, Berlin. – Hauser-Ditz, Axel et al., 2008: Betriebliche Interessenregulierung in Deutschland, Frankfurt a. M. – Keller, Berndt, 2008: Einführung in die Arbeitspolitik, 7. Aufl., München. – Lederer, Emil; Marschak, Jakob, 1927: Die Klassen auf dem Arbeitsmarkt und ihre Organisationen; in: Grundriß der Sozialökonomik IX. Abt., Tübingen. – Müller-Jentsch, Walther, 1997: Soziologie der Industriellen Beziehungen, 2. Aufl., Frankfurt a. M. – Müller-Jentsch, Walther (Hg.), 1999: Konfliktpartnerschaft, 3. Aufl., München. – Müller-Jentsch, Walther, 2007: Strukturwandel der Arbeitsbeziehungen, Wiesbaden. – Müller-Jentsch, Walther, 2008: Arbeit und Bürgerstatus, Wiesbaden. – Müller-Jentsch, Walther; Ittermann, Peter, 2000: Industrielle Beziehungen. Daten, Zeitreihen, Trends 1950–1999, Frankfurt a. M. – vom Bruch, Rüdiger, 1985: »Weder Kommunismus noch Kapitalismus«. Bürgerliche Sozialreform in Deutschland, München. – Weber, Adolf, 1954: Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit, 6. Aufl., Tübingen.

Walther Müller-Jentsch

Arbeitssoziologie

Die Arbeitssoziologie (engl. sociology of work) ist eine spezielle Soziologie, die sich mit der besonderen Form des sozialen Handeln