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Kurzgeschichten, Romanauszüge, Lyrik, Balladen, Essays: die Bandbreite der Texte ist so vielseitig und unterschiedlich wie die Auren*innen des Autorenforum selbst. Mal heiter, dann nachdenklich, zeitgenössisch, utopisch, einfühlsam: Die Texte spiegeln die Palette des Lebens wider. WortLese ist eine Anthologie zum genießen - denn Literatur ist ein Genussmittel.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
SchreibLese
Warum ich schreibe
Jo Hagen
Rose Ausländer
Ann Kristin Bartke
schöngeschrieben
Cornelia Ehses
Warum ich keine Gedichte schreib
e Ann Kristin Bartke
ZeitLese
Lockdown im Kinderzimmer
Andreas W. Herkendell
was ich morgen wollte
Ann Kristin Bartke
Bettkante
Moira Wendt
Glamorgan vs. Rafferty
Moira Wendt
zeit
Cornelia Ehses
Ein Tag im Paradies
Dorothee Hövel-Kleibrink
Mai
Gaby Braun
Drei Herbstgedichte
Viola Michely
Barkas
Reinhardt Iben
Komm! Lass‘ uns von vorn anfangen!
Martina Siems-Dahle
Chamsin
Susanne Wirtz
Tagesanbruch
Ann Kristin Bartke
Studium
Dietmar Widlewski
Morgen
Cornelia Ehses
Ein Tag lang mit Tieren
Viola Michely
Dinge
Adrienne Brehmer
Köln. Alte Liebe
Dorothee Hövel-Kleibrink
Fieber
Susanne Wirtz
Am Rhein I + II
Cornelia Ehses
Der Glückssucher
Viola Michely
Status Quo?
Andreas W. Herkendell
farbversprochen
Cornelia Ehses
Flussreise
Susanne Wirtz
HumorLese
Kopfkino
Martina Siems-Dahle
Torklic Walking
Jörg Wartschinski
Sch
Ann Kristin Bartke
Kerzenliebe
Martina Siems-Dahle
Der Montageschreiner
Jörg Wartschinski
Selbsthilfegruppe der anonymen Karnevalisten
Jo Hagen
LiebesLese
Elenoschkaija
Adrienne Brehmer
Ich möchte mit dir ins Blaue laufen
Martina Siems-Dahle
Im Meer
Andreas W. Herkendell
LiebesStrom
Thomas Bahne
Die Neue
Susanne Wirtz
Das Foto
Thomas Bahne
Lass mich
Cornelia Ehses
Fußwaschung
Andreas W. Herkendell
schlimmerimmer
Cornelia Ehses
Beim Wort genommen
Ann Kristin Bartke
Alltag
Thomas Bahne
Zwei Knöpfe für die Ewigkeit
Martina Siems-Dahle
Wir
Cornelia Ehses
Die Flamenco-Tänzerin
Gaby Braun
Nich
t Cornelia Ehses
All das
Thomas Bahne
SpannungsLese
Todesengel
Gaby Braun
Das Luder
Martina Siems-Dahle
Das Gartenfest
Hilla Hombach
Da war ein Raum
Jörg Wartschinski
Brut
Cornelia Ehses
Unter der Krume
Jörg Wartschinski
Kippe
Dorothee Hövel-Kleibrink
Letzter Halt
Marko Jovicic
NachLese
Träne
Dorothee Hövel-Kleibrink
Wolkenstoff
Ben Rinosch
Worauf warten
Hilla Hombach
Versunken
Hilla Hombach
Der innere Weg
Adrienne Brehmer
Aphorismen
Dietmar Widlewski
Herabgewürdigt zum Eigentum
Jörg Wartschinski
Aus dem Rahmen gefallen
Ann Kristin Bartke
Skulpturenpark
Adrienne Brehmer
Kämpfen
Hilla Hombach
Seniorenglück
Gaby Braun
Gezoomt
Hilla Hombach
Allabendlich
Ann Kristin Bartke
Der umgefallene Papierkorb
Thomas Bahne
Kurzportraits
Das Autorenforum Köln feiert in diesem Jahr, 2022, sein zwanzigjähriges Jubiläum. Anlass genug, um die dritte Anthologie seit Bestehen herauszugeben.
Wieder präsentieren die Autoren und Autorinnen einen Querschnitt ihres reichhaltigen Schaffens: Geschichten, Gedichte, Auszüge aus Romanen über Leben, Tod, Liebe und Trauma.
Texte auszuloten und daran zu wachsen, ist von Beginn an das Bestreben der Autoren und Autorinnen aus dem Kölner Raum. Worte werden geformt, überarbeitet und immer wieder auf ihre Qualität geprüft, bis sie schließlich als literarische Unikate stehen bleiben.
Schreiben ist zwar fordernd, aber Genuss. Und deshalb wurde diese Anthologie „WortLese“ getauft.
Wir wünschen Ihnen reichlich Vergnügen und Genuss.
Autorenforum Köln e.V.
www.autorenforum-koeln.de
Jo Hagen
Es war die dritte oder vierte Klasse der Grundschule. Die Hausaufgabe, deren genaue Anweisung ich nicht mehr erinnere, war ein Aufsatz, in den ich mich mit unverbildetem Elan hineinwarf.
Um meinen Freund vor dem Ertrinkungstod zu retten – so die Schilderung, die meinem kindlichen Einfallsreichtum entsprang – zog ich einen langen Bindfaden aus der Hosentasche, vertäute ihn um das Brückengeländer des hochwasserführenden Flusses, wand mir den Faden um den Leib und sprang meinem Freunde in die Fluten hinterher. Der Freund, sich mit letzter Kraft an einem Stein festklammernd, konnte sich, dank meines heldenhaften Sprunges ans Ufer retten.
Dieser Rettungseinsatz, dessen seidener Faden nicht ganz praxistauglich war, fand bei meiner Hausaufgaben kontrollierenden Mutter ganz und gar Ablehnung. Ja, entgegen meiner Erwartung, Applaus ob des Meisterwerkes gespendet zu bekommen, wurde das vermeintliche literarische Heldenepos sowohl in Bausch, als auch im Bogen abgelehnt. Doch bevor es in den Orkus wanderte, verlas Mutter es beim Mittagstisch vor den übrigen Familienmitgliedern, die sich vor Lachen die Bäuche hielten. Es war aber kein Gelächter über den Inhalt oder der witzigen Pointen wegen, sondern man lachte voller Spott.
Als man ausgelacht hatte und ich mich schamesrot zurückziehen wollte, um, wie angeordnet, einen neuen, harmloseren Aufsatz zu schreiben, kam der Nachsatz meiner Mutter „Aber Fantasie hat er ja.“ Doch dieser Satz kam nicht anerkennend, sondern eher im Sinne, dass Fantasie eher ein Wolkenkuckucksheim sei, eine nichtsnutzige Petitesse, die nicht zum späteren Broterwerb führt.
Auch die Nacherzählung einer Feuersbrunst, die uns in der Schule vorgelesen wurde, brachte für mich nicht die erhofften Meriten einer guten Note.
In einem dreistöckigen Firmengebäude wütete der Höllenbrand, der einzige Fluchtweg über die Treppe war abgeschnitten, der Sprung aus dem Fenster wegen der Höhe und mangelndem Sprungtuch keine Option. In meinem Aufsatz gellte in letzter, dramatischer Minute des Meisters rettendes Kommando an seine Untergebenen: „Übers Dach.“
Doch dieser, aus nur zwei Worten bestehende Satz, der sonst in meiner Erinnerung ganz anschaulich dem Ernst der Situation gerecht wurde, führte, wegen des nicht eingehaltenem Satzbaus, bestehend aus Subjekt, Prädikat, Objekt, zu der vernichtenden Note fünf. Womit meine schriftstellerischen Ambitionen seitens Familie und Schule im Keim erstickt waren.
Damit wäre eigentlich die Geschichte beendet, aber die Frage, warum ich schreibe, nicht beantwortet. Es sei noch hinzugefügt, dass durch Lehrerwechsel, Schulwechsel, häuslicher und schulmäßiger Schikane - das Wort Mobbing war noch nicht erfunden - der schulische Niedergang vorprogrammiert war. Schule und ich waren das Missverständnis meines Lebens.
Doch in späterer Profession, nach noch halbwegs solider Bildung, die sich von der Reklame zur Werbung und, dem Zeitgeist entsprechend, zum Marketing entwickelte, war das Texten ein ständiger Bestandteil. Zugkräftige Schlagzeilen, im Marketingsprech Headlines genannt und kurze, spannungsgeladene Texte, die mit wenigen Worten mehr als nur nüchterne Beschreibung, sondern Überzeugungsinstrument sein mussten, flossen aus der Feder und später der Tastatur. Teils wurden sie im Team erarbeitet, verrissen und völlig neu geschrieben. Mit Kritik umzugehen, ist nicht jedermanns Sache. Wenn sie aber konstruktiv und damit produktiv daherkommt, der Optimierung dient, ist sie ein Geschenk und beflügelt den Pegasus in uns.
Das rentnerische Nichtstun, was mir als Langeweile schlechthin in einigen Jahren drohte, ließ die Erkenntnis reifen, die Schreiberei endlich ohne Sachzwänge und Befindlichkeiten von Auftraggebern, ganz ausschließlich nach meinem Gusto in Gang zu bringen. So entstanden die ersten Kurzgeschichten. Überwiegend satirisch, spitzfindig, ironisch, teils auch zynisch, mit mehr oder weniger guter, manchmal auch gar keiner Pointe.
Die Zuhörer in den mäßig bis schwach gefüllten Sälen und Stuben lachten! Ja, sie lachten und beklatschten. Das spornte an, und ich sah im schriftstellerischen Traum schon die große Bühne vor mir. Doch die war besetzt: Von den wahren Literaten, die, wiederum eingeschlossen von einem Kokon eng an eng krimischreibender, romantischer Schmonzetten gebärender und historisch verbrämter Monumentalwerke produzierender Lemminge. Und wenn einer oder eine die Spielfläche über die Zinke des Broterwerbs verlässt, rückt über die vielen Stufen der Erfolgstreppe, auf der sich ebensolche Poeten drängen, sofort Nachschub hinauf. Da wird dem Autor von Kurzgeschichten und einem satirischen Roman, in der Doppelnische Rheinland und Karneval angesiedelt, kein bleistiftbreit Raum gelassen, um nur den ersten Tritt der Stiege auf die Erfolgsbühne zu erklimmen. Und glitschig ist dieser Aufstieg allemal - vom Schleim, der auf Buchmessen, Manuskriptaussendungen und Verlagsgesprächen vonnöten ist.
Was mache ich nun mit meinen unveröffentlichten Bestsellern, die aus der virtuellen Lade quellen? Die Romane, Krimis, die teils fertig, teils erkennbarem Ende zugehend, und zu kleinem Teil der Überarbeitung harren?
Soll ich die Texte, die mehr als eine Dekade meine Festplatte an den Rand des Fassungsvermögens bringen, per Knopfdruck unwiederbringlich dem digitalen Reich des Vergessens überantworten? Delete und fertig? Nicht einmal Asche würde zurückbleiben. Die Antwort kann nur der Leser geben, doch da ist noch das Lektorat vor.
Einerlei - ich schreibe.
Rose Ausländer
Ann Kristin Bartke
Ich möchte schreiben wie Blumen
wenn sie erblühen
wie Knospen von Grün
Aufruhr und Begeisterung versprühen
Ich möchte schreiben wie Vögel sich necken
unverschämt balzen und nebenbei
um alle Lebensgeister in Nestern aufzuerwecken
Ich möchte schreiben so wie Kinder lachen
Unbeschwert frei unbeherrscht selbstvergessen
von Fantasien besessen
machen die sie lebendig machen
Ich möchte schreiben wie Weise schweigen
In Stille zärtlich behutsam
ängstlich und selbstlos mich zeigen
Ich möchte schreibend das Leben verstehen
Schnörkellos ganz ohne Extravaganz
in Langsamkeit aufführen
einen rhythmischen Wortetanz
Ich möchte schreiben zeitlos und frei
aus allen Lebenslagen wütend und glühend
als auch erfindungsreich neu
Ich möchte schreiben fantasievoll Gemüter ergreifen
sie verwirren Stück um Stück
beehren und ausschweifen
damit eine Sehnsucht bleibt stets zurück
Ich möchte schreiben dabei wie ein Morgenstern sein
mit Worten zu Orten die verführend berühren
mit Glanz ganz ohne Schein
Ich möchte schreiben wie Rose Ausländer es macht
bündig und knapp
Jedwedes stets auf den Punkt gebracht
schöngeschrieben
Cornelia Ehses
In errötendem Morgenlicht
schüttle ich Nachtträume
aus weichem Kissen
War da nicht
im Samtdunkel
deine Streichelhand
die mir Gedichtzeilen
auf die Haut kalligrafierte
Begrüße schnurrend
den Tag
ohne dich
Warum ich keine Gedichte schreibe
Ann Kristin Bartke
Warum ich keine Gedichte schreibe
Die anderen können mich nicht lesen
Wo sind sie die Gedichte in mir
Eine Spur finde einen Faden spinne
Die anderen können mich nicht lesen
Eine Lupe vergrößert nur Schrift
Eine Spur finde einen Faden spinne
Weniges schreiben aber alles sagen
Eine Lupe vergrößert nur die Schrift
Welten verknüpfen sich zwischen den Zeilen
Weniges Schreiben aber alles sagen
Manchmal tropfen Worte auf Papier
Welten verknüpfen sich zwischen den Zeilen
In der Tiefe abtauchen inmitten Schwärmen schwelgen
Manchmal tropfen Worte auf Papier
Das Salz des Wassers auf einer Seite spüren
In Tiefe abtauchen inmitten Schwärmern schwelgen
Unermüdliches Vermögen unergründlich bleiben
Das Salz des Wassers auf einer Seite spüren
Wenig schreiben aber alles sagen
Warum ich keine Gedichte schreibe
Eine Spur finde den roten Faden spinne
Manchmal tropfen Worte auf Papier
Wo sind sie die Gedichte in mir
Andreas W. Herkendell
Der Mann kam mit der Pandemie gut klar, sehr gut sogar. Dachte er. Er war nun schon einige Tage zuhause. Die Welt hielt er außen vor. Keine Telefonate, kein Fernsehen, kein Radio. Er war alleine und hatte sich in die Gegebenheiten eingerichtet. Er nahm eine Stimmung wahr, die er sehr gut kannte.
Ein Gefühl wie früher. Ein ganz tiefsitzendes Empfinden, das ihm wie die Grundlage seines Daseins vorkam. Es war ihm so bekannt, dass er eine gewisse Leichtigkeit, ja fast eine unterschwellige Heiterkeit spürte. Es war ihm so unendlich vertraut, dass er so etwas wie innere Ruhe wahrnahm. Als sei er angekommen. Ja, er kannte dieses Lebensgefühl zu gut, hatte es doch für sehr viele Jahre all sein Handeln, all seine Empfindungen bestimmt. Später wurde es sein ständiger Begleiter, wie ein Rucksack, den man bei sich führt. Im Grunde genommen war dieses Gefühl seine Welt, die ihn schützte wie eine wärmende Decke. Hier ruhte er aus, hier war er sicher, hier konnte ihm keiner `was tun.
Ein Gefühl wie früher, als er so gern mit seinen Legosteinen gespielt hatte. Als er Pläne schmiedete, Projekte erdachte, während er mit den kleinen Händen in der Legokiste kramte. Dann die Idee: Au ja, ich baue das größte und schönste Haus, das ich je gebaut habe!
Er kippte die Kiste aus, verteilte die Steine auf dem Boden und betrachtete seine Schätze. Kunterbunte Häuser gab es ja nicht, zumindest hatte er noch keines gesehen, weder in seiner Stadt noch in den Urlaubskatalogen seiner Eltern. Also musste er schauen, von welcher Farbe er am meisten Steine hatte, wenn es denn ein besonders großes Haus werden sollte. Die blauen Steine schienen ihm die meisten zu sein. Die Zweier, Vierer, Achter…. Auf die Einer achtete er besonders, denn die brauchte er für die Wände zwischen den Fenstern. Fenster hatte er in Rot und in Weiß. Von den weißen Fenstern hatte er viele, sogar Eingangs- und Balkontür! Die abgeschrägten Steine fürs Dach waren meist rot. Er sammelte sie links neben sich. Er zog die größte Grundplatte hervor: Darauf wollte er das Haus bauen.
Auf der einen Seite der Grundmauern ließ er Platz für die Eingangstür, auf der gegenüberliegenden Seite drückte er die Balkontür auf die Platte. Seine Verwandten wohnten in einem Haus auf dem Land, da war das auch so angeordnet. Direkt neben der Balkontür hatten sie ein großes Fenster, er nahm also einen schmalen Vierer und setzte ein Viererfenster darauf. Beides setzte er neben die Balkontür. Es sah toll aus, wie bei Onkel Hans und Tante Irene! Auf jede Hausseite setzte er ein Fenster. Da die Fenster unterschiedlich groß waren, stellte er sich immer vor, welcher Raum dahinter lag. Bei kleinen Fenstern war es meist das Bad, bei größeren Schlafzimmer oder Küche.
Nach dem Erdgeschoss verbaute er die ersten schrägen Dachsteine. Direkt über der Eingangstür positionierte er ein weiteres Fenster. Zum Dach gehörte für ihn auch ein Schornstein, und darauf setzte er die Antenne. Neben das Haus baute er noch eine Garage und um diese Bauwerke setzte er einen Gartenzaun auf die Grundplatte.
Das Haus war toll geworden! Stolz betrachtete er es von allen Seiten und stellte sich vor, wie Menschen darin wohnten, lebten, miteinander spielten und lachten. Eine richtig glückliche Familie mit Papa, Mama, Tochter und Sohn! Er baute das Haus wieder auseinander, löste alle Steine voneinander und mit vollen Händen schaufelte er alle Legosteine wieder zurück in die Kiste.
Ein Gefühl wie früher. Ja, er kannte es sehr gut. Seit Jahrzehnten trug er dieses tief verwurzelte Gefühl als Rucksack durch sein Leben: Die Hände frei, aber bisweilen spürte er die Last auf den Schultern. Er suhlte sich in dieser Stimmung, aber nicht, weil es so schön war. Nein, es war allein die Vertrautheit, die ihn so heimisch empfinden ließ.
Geh in dein Zimmer und spiel schön, hatte die Mutter damals gesagt, wenn sie mit anderen Dingen in der Wohnung beschäftigt war. Sie hatte viel zu tun. Im Schlafzimmer die Betten machen und aufräumen, im Wohnzimmer Staub saugen und in der Küche waschen und kochen. Er war dann einfach im Weg. In seinem Zimmer fiel er nicht zur Last, brauchte keine Angst zu haben, zu stören. Selbstversunken spielte er auch weiter, wenn seine Mutter rief, dass sie jetzt einkaufen gehe. Okay, gab er dann nur kurz zurück, ohne den Blick zu heben. Wenn er die Schlüssel an der Wohnungstür hörte, wenn sie zurückkehrte, freute er sich - Mama ist wieder da! - und lief auf Zehenspitzen, wie es seine Art war, zur Tür. Vielleicht hatte sie ihm heute etwas mitgebracht? Er schaute in die Einkaufstaschen: nein, kein Comic-Heft, auch nichts Süßes. Schweigend ging er zurück in sein Zimmer und baute weiter, seine eigene Welt. Klar hätte er seiner Mutter das größte und schönste Haus, das er je gebaut hatte, zeigen können: Guck mal, ist das nicht toll geworden? Aber vielleicht war sie gerade zu sehr beschäftigt?
Wahrscheinlich war das Haus wirklich nicht so großartig, wie er fand. Er aber hatte es toll gefunden, behielt es aber für sich, nur für sich, ganz allein und wortlos. Gleichsam eingeschlossen in seinem Zimmer.
Ein Gefühl wie früher.
was ich morgen wollte
Ann Kristin Bartke
was ich morgen wollte
lief mir aus dem Gestern entgegen
und auch vom Vorgestern kamen Beschwerden an die
Oberfläche
noch immer nicht erledigt lauteten sie
was ich morgen wollte
war plötzlich in weite Ferne gerückt
in einem Moment der sich festklammerte
in einem weiteren in dem sich manches verdrehte
verwickelt wurde in und aus der Bestimmung der Zeit
die nicht anhielt
sich weigerte still zu halten
was ich morgen wollen oder sollen
wollen würde wollen
das war die Frage und war doch keine
ob es damit gut ginge ob es gut wäre
aber das war es nicht
erst an den Abenden
lösten sich lang gehegte Rätselfragen auf
in einer Müdigkeit die in der Zeit versank
in einen tiefen dennoch unsanften Schlaf
Moira Wendt
Romanauszug
‚Bettkante‘ und ‚Glamorgan vs. Rafferty‘ sind Kapitel aus dem noch unveröffentlichten Roman von Moira Wendt.
Die 18jährige Marli ist ihrem Freund Rat nach London gefolgt, wo die beiden sich am Rande des Existenzminimums durchschlagen. Nachdem Rat plötzlich verschwunden ist, lässt Marli sich von seinem Vater, Phin, verführen, wird aber von schlechtem Gewissen geplagt. Dabei denkt sie nicht nur an Rat, sondern auch an Phins Lebensgefährtin, Paula, die jeden Moment von ihrer Recherchereise aus Burkina Faso zurückerwartet wird. Paula und Phin sind in einem Haushalt aufgewachsen, aber nicht miteinander verwandt.
Er wusste nicht, ob er noch wach war oder schon wieder, als er vor dem Haus einen Wagen halten hörte. Die Tür wurde bei laufendem Motor zugeschlagen und das Auto fuhr davon. Kurz darauf Schlüsselgeräusche. Er hörte Paula unten im Bad hantieren.
Das schlafende Mädchen lag bäuchlings auf seinem seitlich angewinkelten Bein und hielt seinen Arm festumschlungen. Er hätte beim besten Willen nicht aufstehen können. Stattdessen knipste er die Morgendämmerung über dem Bett wieder an.
Paula würde das Licht bei ihm sehen und noch kurz reinschauen. Tatsächlich kam sie kurze Zeit später die Treppe hoch. Und, hey, da stand sie in der Tür in ihrem Batistnachthemd, das vorne spannte, fragte, ob sie reinkommen könne und sein Herz schlug ihr entgegen. Lächelnd streckte er die freie Hand nach ihr aus.
„Paula-Liebling, da bist du ja wieder! Na, gut angekommen? Hattest du eine gute Zeit?“
Sie ging zum Bett, nahm seine ausgestreckte Hand und ließ sich von ihm hinunter auf die Bettkante und weiter zu ihm hinziehen. Sie küssten sich. Er hielt ihre Hand.
„Ja, es war ein bisschen blöd mit diesem Flug. In Paris haben sie mir angeboten, ins Hotel zu gehen und zu einer zivilisierten Zeit am Vormittag zu fliegen, aber ich hatte keine Lust auf so ein Airport Hotel. Ansonsten total super! Die Fotos sind der Wahnsinn. Die zeig ich euch morgen. Schöne Grüße von Dramane übrigens.“
Er betrachtete sie. Gut sah sie aus. Gebräunt von der afrikanischen Sonne und inspiriert von ihrem Projekt. Dramane war ein burkinischer Regisseur, der ihr den Zugang zu dem Dorf vermittelt hatte. Gemeinsam hatten sie ihn vor ein paar Jahren auf einem Filmfestival kennengelernt. Paula hatte vor Ort viel Zeit mit ihm verbracht.
„Und wie war's mit Dramane?“
„Nett war's. Sehr nett.“ Paula hielt den Kopf auf kokette Weise schief und lächelte vielsagend.
„Und wie ist es dir ergangen? Wie war die Vernissage? Hey, du hattest ja Geburtstag! Mensch, herzlichen Glückwunsch.“ Sie gab ihm noch einen Kuss und strich ihm übers Haar.
„War schön, die Vernissage. Viel Gerede halt. Trickle, die Presse … Lensky war zufrieden, rein verkaufsmäßig nicht schlecht, bisher….“
„Und dein Geburtstags-Dinner?“
„Ja, ja. Lassen dich alle grüßen. Andrew meint, ihn hat's erwischt. Erkältung, oder so. Hat aber trotzdem wunderschön gespielt. Wie immer.“
„Oh, der Arme.“
„Hmm, Paula?“
„Ja?“
„Ich glaube, mich hat's auch erwischt, nur anders.“
Paula kicherte. „Ich seh’ schon. Dann hattet ihr eine tolle Nacht?“ Sie betrachtete die schlafende Gestalt. Der schwache, rosige Schein der Morgendämmerungslampe neutralisierte das Pink der Dreadlocks und ihr Gesicht lag im Halbdunkel.
„Sag mal, … ist das nicht Rats Freundin?“
„Hm – hm.“
„Oh Phin, hältst du das für eine gute Idee?“
Er lachte leise. „Das ist keine Idee, Paula.“
„Muss das denn sein? Das wird ihn doch total destabilisieren!“
„Psst, nicht so laut. Ja. Musste sein. Warum taucht er ab, ohne was zu sagen, wenn es ihn so destabilisiert, dass sie sich ohne ihn umtut? Als ich sie getroffen hab - vollkommen zufällig übrigens - hatte sie drei Tage nach ihm gesucht und stand bettelnd im Regen. Da konnte ich sie doch wohl schlecht stehen lassen.
„Kleiner Anfall von Beschützerinstinkt – willst du das sagen?“
„Oh, da würd' ich mich nicht so festlegen, welcher Instinkt das nun war. Ich habe sie einfach aufgesammelt und ihr angeboten, ein paar Tage bei uns zu wohnen, weil sie nicht wusste, wohin.“
„Und aus purer Dankbarkeit wollte sie dann direkt mit dir ins Bett, oder weil es da so schön warm war?“
„Paula, sag mal, was ist denn? Wieso bist du denn so gereizt?“
„Das hab ich doch grade gesagt: Weil du ihn damit fertigmachst und destabilisierst und das weißt du auch.“
„Ich bin überhaupt nicht direkt ins Bett mit ihr. Sie hat eine ganze Nacht auf dem Sofa geschlafen.“
„Eine ganze Nacht“, wiederholte Paula ironisch.
„Genau. Nach der Vernissage hat es gefunkt zwischen uns, beim Tanzen. Wenn ihn das so destabilisiert, muss er sich überlegen, wie er sich wieder stabilisiert. Aber bitte unterstell' mir doch keine bösen Absichten gegen ihn. Es kam ganz spontan. Ich plane doch sowas nicht.“
„Nein, sicher tust du es, ohne überhaupt nachzudenken, weil dir jegliches Blut sowieso aus dem Hirn gewichen und woanders hingeflossen ist.“ Sie wollte ihre Hand wegziehen, die immer noch in der Seinen lag. Er hielt die Hand fest.
„Paula-Herz, das klingt ja richtig böse. Bist du derart sauer auf mich?“ Er streichelte mit dem Daumen besänftigend über ihren Handrücken.
„Ach, ich weiß nicht … vielleicht bin ich auch nur übernächtigt. Aber wenn er was davon erfährt, dreht er durch. Das ist ja wohl klar.
„Paula-Herz, solange du nicht durchdrehst, ist meine Welt in Ordnung.“
„Ich drehe überhaupt nicht durch, du alter Charmeur. Ich geh schlafen.“
„Dann komm.“ Er lüpfte die Decke.
„Nein, ich brauch jetzt mein eigenes Bett. Süße Träume!“ Sie gab ihm augenzwinkernd einen Gutenachtkuss
„Dir auch, Paula-Herz! Schlaf gut!“ Er knipste das Licht wieder aus. Kuschelte sich an das schlafende Mädchen. Fragmente eines Rumi-Verses fielen ihm ein. Der Anfang I want a kiss from You … Und das Ende who cares about the price! An den Mittelteil des Verses konnte er sich nicht mehr erinnern und er nahm sich vor, ihn bei Gelegenheit nachzulesen.
Dann musste er grinsen, weil er sich eine durchdrehende Paula vorstellte. Überlegte, ob er sie schon mal hatte durchdrehen sehen. Nein, zumindest nicht, seit sie erwachsen war. In Ekstase wohl, oh ja, wütend auch. Aber nicht durchdrehend.
Er dachte an Paula früher. Ganz früher. Paula als Kleinkind im Cottage in Kingston, der er beibrachte, wie man die Schuhe zuband, der er die Nase putzte, für die er irgendwelche Kinder anpfiff, die sie geärgert hatten. Paula, die auf seinem Fahrrad, das viel zu groß für sie war, fahren lernte und kopfüber in den Straßengraben stürzte. Klar, er, der erst Paula und dann das Fahrrad wieder rausholte und das verbogene Schutzblech richtete. Paula, die er zum Essen rufen sollte und die er mit dem gleichaltrigen Nachbarsjungen hinter dem Schuppen dabei überraschte, wie sie sich gegenseitig ihre Genitalien zeigten. Die pummelige Paula, die immer mit großen Augen auf seinen Nachtisch starrte, bis er ihn ihr rüberschob, obwohl ihre Mutter dann schimpfte. Paula, die bettelte, dass er ihr Prinzessinnen in gläsernen Türmen und Prinzessinnen auf Einhörnern reitend und überhaupt Prinzessinnen in allen Lebenslagen zeichnen sollte.
Dann später die ewig kichernde, beleidigte, quietschende, bockige Paula in einer Clique ebenso kichernder, kreischender, blöder Gören, die ihm, wenn er vom Internat zu Besuch war, von Mal zu Mal unerträglicher vorgekommen war.
Und dann, auf einmal, hatte Paula sich von einem dicklichen, maulenden Teenie in ein höchst attraktives Mädchen verwandelt und er begann sie plötzlich in einem ganz neuen Licht zu sehen. Aber da war er schon am St Martins College …
Als er in Gedanken bei St. Martin's angekommen war, schlief er ein.
Moira Wendt
Romanauszug
SQUAT NOW WHILE STOCKS LAST stand auf einem der Poster, das Marli von ihrem Küchenstuhl aus sehen konnte. Hinter den großen pinken Buchstaben sah man eine Schwarz-Weiß-Aufnahme leerstehender Bürohäuser. Daneben hing eine einfache technische Zeichnung mit der Überschrift THE ELECTRICITY SUPPLY. Über dem Fenster an der anderen Seite war ein Banner aus bemalten Bettlaken befestigt. Darauf wurde in bunten kringeligen Buchstaben die INTERNATIONAL CELEBRATION OF FREE SPACES 1989 angekündigt. FREE TEA FREE ART FREE FILMS FREE STP konnte Marli darunter lesen. Was STP war wusste sie nicht.
Neben Marvin saßen die Dicke, die neulich auch auf dem Guernicatreffen gewesen war, und Ruby. Letztere trug wieder ein Stirnband und große afrikanische Ohrringe. Marli erkannte sie sofort. Cool sah sie aus. Aktivistisch. Eine jüngere Ausgabe von Angela Davis. Nach und nach fiel ihr auf, dass sie manche von den Leuten, die da auf unterschiedlichen Sitzgelegenheiten herumsaßen, am ersten Tag bei Marvin im Haus getroffen hatten. Andere kamen ihr vom Palettenworkshop her vage bekannt vor. Von der Bierkiste bis zum schwarzledernen Chefsessel in Sperrmüllqualität, auf dem Ruby thronte, war alles vertreten. Die Leute passten zu den Möbeln. Sie unterhielten sich mit ihren Nachbarn, oder betrachteten die Poster und Aushänge.
Marli ergatterte den letzten freien Küchenstuhl und sah sich ebenfalls um. Sie kam direkt von der Arbeit, ihr Magen hatte schon geknurrt, als sie das Fahrrad draußen anschloss. Sie nickte Marvin zu, aber er übersah sie geflissentlich, oder vielleicht hatte er sie tatsächlich nicht wahrgenommen, denn er blickte immer wieder zu Ruby, die gerade einem Typen mit einem Papier in der Hand etwas erklärte. Das Papier sah amtlich aus und der Typ verzweifelt. Marvin schien zu warten, dass Ruby fertig wurde. Ab und zu räusperte er sich ein bisschen.
Auf dem niedrigen Tisch in der Mitte standen eine Thermoskanne und ein paar Tassen. Während Marli noch überlegte, ob sie sich einfach Tee nehmen sollte, kam ein weiteres Grüppchen Leute mit einem Hund und einem kleinen Kind herein. Der Hund verkroch sich sofort unter den Tisch, als sei das sein angestammter Platz. Auf dem Sofa rückten sie enger zusammen, so dass die Dazugekommenen sich auch noch mit draufquetschen konnten. Sie nahmen sich Tassen und leerten die Teekanne, während sie fröhlich in die Runde grüßten. Die Dicke streckte lachend dem Kind die Arme entgegen, „Na, da ist ja meine kleine Maus!“ und das Kind lief beglückt auf sie zu und kletterte auf ihren Schoß. Marli versuchte sich eine Kindheit vorzustellen, in der man mit seinen Eltern auf Besetzertreffen ging.
Marvin ergriff das Wort. „Ich sehe einige neue Gesichter!“ Er blickte erfreut in die Runde. “Herzlich willkommen! Die Community wächst und das ist super, denn je mehr Leute zusammenkommen, desto stärker wird die Bewegung! Wie ihr alle wisst, schützt das bestehende System immer die Interessen der besitzenden Klassen. Alle anderen macht es nach und nach fertig! Nehmt die Dinge selbst in die Hand! Das ist allemal besser als jede Warteliste vom Council!“
Marli beobachtete, wie Ruby bei dem Wort Warteliste
