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Spätsommer 1989: Dein bester Freund brennt mit der Liebe deines Lebens durch. Dabei ist die gerade erst aus der DDR abgehauen und ihr vor der Schule. Ausgerechnet du hast ihnen sogar zur gemeinsamen Flucht verholfen, obwohl es dir das Herz zerrissen hat. Danach gab es kein Halten mehr und euer aller Leben ist euch um die Ohren geflogen und das Land auch, obwohl da die Mauer noch stand.Jetzt, 30 Jahre später, kommt dir das alles wieder hoch, und du kannst nicht schlafen. Irgendwas hast du übersehen, vergessen oder vielleicht nur falsch verstanden. Eure Kinder sind bald so alt wie ihr damals, und stehen vor noch größeren Herausforderungen. Was könnt ihr tun, damit es ihnen besser ergeht?
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Seitenzahl: 811
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Impressum
Beschreibung und Kurzbio
Widmung
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Rügen - Herbst 2019
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Anmerkungen
Danksagung + Literatur
Cover
Contents
Start of Content
Wunschkinder
Ein Tagebuch der Generation 89 - Band 1
1. Auflage
© 2023 Jens Prausnitz
Umschlaggestaltung: Jens Prausnitz, Edgar Bąk, www.edgarbak.info
Korrektorat: Veronika Moosbuchner, www.lektorat-moosbuchner.de
Kontakt via: www.generation89.de
ISBN E-Book: 978-3-988-65401-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Handlungen und Personen dieses Werkes sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Spätsommer 1989: Dein bester Freund brennt mit der Liebe deines Lebens durch. Dabei ist die gerade erst aus der DDR abgehauen – und ihr vor der Schule. Ausgerechnet du hast ihnen sogar zur gemeinsamen Flucht verholfen, obwohl es dir das Herz zerrissen hat. Danach gab es kein Halten mehr und euer aller Leben ist euch um die Ohren geflogen – und das Land auch, obwohl da die Mauer noch stand.
Jetzt, 30 Jahre später, kommt dir das alles wieder hoch, und du kannst nicht schlafen. Irgendetwas hast du übersehen, vergessen oder vielleicht nur falsch verstanden. Eure Kinder sind bald so alt wie ihr damals, und stehen vor noch größeren Herausforderungen. Was könnt ihr tun, damit es ihnen besser ergeht?
Band 1 des fiktiven, zweiteiligen Tagebuchs von Johann Mayr
Band 2, „Erdenkinder“ ist 2024 erschienen und als Taschenbuch sowie E-Book erhältlich
Über den Autor:
Vater, Ehemann, Freund und Filmemacher.
Ein Schreibender, immerfort. Aufmüpfig und verzettelt.
Geboren in Deutschland, lebt in Polen, ist in Europa zu Hause.
für Ian
03.09.19
Meine Hände zittern. Sogar mein Hinterkopf schmerzt noch, dabei war es nur ein Albtraum. Der gleiche wie immer: Erster Schultag nach den Sommerferien, ich komme zu spät zu meiner Prüfung: Mathe, Aufsatz, Felgaufschwung, was weiß ich. Ich muss ins Zimmer 107 im C-Bau. Bin kein bisschen vorbereitet – und barfüßig. Der Boden ist kalt, die kurzen braunen Noppen erinnern mich an eine LEGO Platte auf der nie etwas aufgebaut wird. Und dann … dann zerrte mich etwas von hinten an den Haaren und riss mich um. Das war neu.
Ich brauche eine Zigarette.
Zu blöd, dass ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Aber ich weiß, dass auf dem Balkon noch welche in der Schachtel sein könnten, in der ich … Stop! Nein! Bleib beim Thema, wie es dir der Therapeut damals empfohlen hat.
Verdammte Scheiße, warum träumt man nach all den Jahren überhaupt noch davon, in der Schule zu spät zu kommen?
Nicht mal damals, als ich noch zur Schule ging, hatte ich solche Träume. Nie, nicht ein einziges Mal. Wenn ich gewusst hätte, dass ich Jahre später schweißgebadet in der Nacht aufwachen würde, dann wäre ich … dann hätte ich … keine Ahnung, wahrscheinlich darüber gestaunt, überhaupt so alt zu werden.
Ich bin 48 Jahre alt und inzwischen länger aus der Schule raus, als ich je drin war. Woher zur Hölle weiß sie immer, wo sie mich findet? Ich bin mehrfach umgezogen, habe nie meine Adresse im Sekretariat hinterlassen und trotzdem spürt sie mich immer wieder auf.
Die Schulglocke war am Plärren, als müsse man sich vor einer fallenden Atombombe in Sicherheit bringen. Ich stand dort allein, mit einem Schlüssel in der Hand. Wofür brauchte ich den überhaupt? Die Türen waren während des Unterrichts doch sowieso nie abgesperrt. Aber ich wusste, dass es kein Klassenzimmer war, mehr so etwas wie ein Behandlungsraum in der Klinik, oder vielleicht ein Hotelzimmer? Wie das in Träumen eben oft nahtlos ineinander übergeht. Räume hin, Flure her, ich war allein, nicht einmal Lukas kam noch aus der Raucherecke angeschlurft.
Es ist kurz vor drei Uhr morgens, an Schlaf ist nicht mehr zu denken und ab nächster Woche habe ich auch wieder Nachtschicht. Vielleicht habe ich doch noch nicht diese dumme Sommergrippe auskuriert. Ich reibe mir den schmerzenden Hinterkopf und stehe auf.
Meine Wohnung und mein Kopf sind so leer wie eben die Gänge in der Schule, niemand da, der mir Gesellschaft leistet. Dann eben Musik. Ich krame das erstbeste „Blues vom Doc“-Tape (Nr. 73) aus seiner Hülle und fummle es in den Kassettenrekorder. Ein Blues Solo macht sich leise klagend auf den Weg, ich lasse mich von ihm an der Hand nehmen und in die dunkle Küche begleiten. Dabei drehe ich mich einmal um mich selbst, als würde ich tanzen und stelle erleichtert fest, dass ich nicht verfolgt werde. Gut so.
Ein Glas Leitungswasser später gehe ich auf den Balkon und suche nach der verdammten Schachtel. Mist. Natürlich sind noch welche drin und schon ziehe ich an der ersten, noch bevor sie an ist. Das Feuerzeug geht nicht und schlägt nur Funken. Kein Gas mehr drin. Also wenn das kein Zeichen ist, dann … Und jetzt brennt sie doch. Das ist der Nachteil, wenn man eine ganze Schublade voll von den Dingern hat.
fürchterlich. Als würde ich einen Aschenbecher auslöffeln. Und wegen der Flamme eben sehe ich jetzt einen leuchtenden Punkt am Himmel, der da gar nicht hingehört. Ein Stern auf meiner Netzhaut, von dessen Existenz nur ich weiß. Eine Liebe, die nie verblasst. Ich liebe dich noch immer, Nadine. Wie am ersten Tag. Da. Bitte. Ich hab’s gesagt. Na ja, nur geschrieben. Um es auszusprechen, fehlte mir der Mut.
Zufrieden, Herr Therapeut, dessen Namen ich längst vergessen habe? Aufschreiben solle ich so was. Äh … Ja was denn? Na alles, wie es kommt. Und das tue ich jetzt seit einer verdammten halben Stunde, als hätte ich nichts Besseres zu tun – wie schlafen zum Beispiel. Als könnte man so herausfinden, was zum Kuckuck das alles soll. Weiß ich natürlich noch immer nicht. Dafür bin ich jetzt aber wach. So richtig.
Zuerst fand ich die Schreiberei doof, aber dann hat sie doch etwas mit mir gemacht. Anfangs finden wir immer alles langweilig, bis wir merken, dass es funktioniert, wenn man der neuen Idee eine Chance gibt. Anfänge sind immer holprig.
Und jetzt denke ich doch wieder an sie: Nadine. Hast du mich vielleicht eben umgerissen? Aber du hast unsere Schule ja gar nicht betreten. Warum also die Albträume? Wieso kommen die immer wieder? Was habe ich vergessen? Ist es wegen des Jahrestages, der ansteht? Der Schulanfang 1989, den ich wissentlich versäumt habe, weil ich lieber Flüchtlingen helfen wollte? Nicht am Mittelmeer vor dem Ertrinken, sondern damals vor unserer Haustür mitten in Vilshofen und für alle zu Fuß erreichbar. Die Journalisten standen bereit, aus Amerika und sogar Japan waren sie angereist, die BBC neben dem ZDF und dann passierte tagelang nichts. Das fertig aufgestellte Lager stand leer, und die Presse dumm drum herum. Immer wieder diese Leere: leere Plätze, verlassene Orte. Leere in den Köpfen. Dann kamst du und hast Daniel gerettet, meinen besten Freund. Vor sich selbst, unseren Vätern und … mir?
Du hast uns geweckt und wir sind in einer größeren Welt aufgewacht. Größer als Vilshofen, größer als Niederbayern. So wie Clara, Dennis und ihre Klassenkameraden heute den ganzen Planeten als Heimat verstehen, für den sie jeden Freitag auf die Straße gehen. Schwänzen tun doch nicht sie, sondern Politiker – die ihre einkneifen. Deine Kinder gehen für etwas auf die Straße, das längst wir hätten lösen müssen, bevor wir sie zur Welt gebracht haben. Kann ich deswegen nicht schlafen? Haben wir etwa wieder nichts aus der Geschichte gelernt? Mag sein, dass man dann ruhiger schläft. Tief und fest, aber traumlos.
Was hält mich immer noch im Gymnasium fest?
Und was ist das für ein Test, der in Zimmer 107 auf mich wartet?
Genug für heute, mir fallen endlich die Augen zu.
04.09.19
Das Aufschreiben gestern hat wenig genutzt, auch heute habe ich mehr mit der Bettdecke gerungen, als geschlafen. Ein Bett voller Erbsen. Wie der Prinz von und zu Bonduelle. Auch sonst nur Müll im Kopf, wie, dass ich dieses Wochenende dran bin mit Treppenhaus putzen, dass das Tomatenmark alle ist, sich das dreckige Geschirr stapelt. Irgendwann bin ich aufgestanden, habe alles im Becken eingeweicht und mich wieder hingelegt.
Eine gefühlte Stunde später habe ich abgespült, mir danach die verschrumpelten Finger eingecremt, nur um dann auf dem Balkon die letzte Kippe aus der Schachtel zu rauchen, die ich seit Wochen am Wegschmeißen war. Ich wollte doch aufhören, verdammt. Selbst die Handcreme hat den trockenen Tabak nicht wieder genießbar werden lassen. Immerhin waren es diesmal was, drei Monate? Und jetzt stehen welche auf dem eingebildeten Einkaufszettel noch vor dem Tomatenmark. Weil zum Kiosk muss ich zuerst, wenn ich nicht bei Hit oder Aldi einkaufen will. Das heißt, nur für die richtigen Kippen weiter laufen, bis zum Kiosk am Hansemannplatz. Ja gut, das Gemüse aus dem Aksa ist eh besser, aber gesünder wird der Spaziergang dadurch auch nicht. Auf dem Rückweg wäre der Kiosk dann schon wieder ein Umweg, selbst mit den vollen Taschen – nein, vorher ist besser. Logistik für Fortgeschrittene. Und Mutter meint immer, ich tauge nicht zum höheren Management. Aber wer von uns kann noch mal angeblich nicht die Einkäufe ohne Haushaltsleiter ins oberste Regal stellen? Und dann räume doch wieder ich alles ein.
So ging das die halbe Nacht, erst als es draußen hell wurde und mir die Vögel was von „Meisenknödel kaufen“ zwitscherten, schlief ich ein.
Entsprechend gerädert saß ich dann am Rechner, als Clara und Dennis sich über Hangout bei mir meldeten.
„Du musst weiter aufklappen, wir sehen nur deinen Bauch!“
„Was?“
„Den Bildschirm, wir sehen dein Gesicht nicht.“
„So besser?“
„Ihh, wie siehst du denn aus? Klapp wieder zu!“
Es ist so eine Freude mit den beiden. Ob es schon zu spät ist, seine Patenkinder zur „Patoption“ abzugeben? Gebraucht, aber so frisch, frech und unbekümmert wie am ersten Tag, als sie mich vom Wickeltisch aus angepinkelt haben. Übermorgen wollen sie wieder demonstrieren gehen und weder Nadja noch Daniel haben diesmal Zeit, sie zu begleiten. Deswegen sind sie sauer und lästern über ihre Eltern. Ich habe ein wenig halbherzig versucht sie zu verteidigen, war aber zu müde, um ihrem Nachwuchs wirklich etwas entgegensetzen zu können.
„Klima geht uns alle an, Smörre.“
„Ihr sollt mich doch nicht so nennen.“
„Sorry, Babo.“
„Okay, dann lieber doch das andere“, seufze ich. „Bei der großen sind wir dann auch alle dabei.“
„Versprochen?“
„Hm.“
„Haaallooo – bist du noch da?“
„Ja doch, ich bin nur nicht wach.“
„Du musst Fotos posten.“
Clara drängelt sich vor die Kamera. „Aber nicht wie beim letzten Mal, wo du uns welche vom vorletzten Mal geschickt hast.“
„Das war rein zufällig das gleiche Hemd, ich schwör’s!“
„Ihh!“
Dann war wieder Dennis zu sehen. „Beide Male genauso schief zugeknöpft, klar. Es war auch der gleiche Dreitagebart.“
„Jaja, ist ja gut. Soll ich diesmal auch gleich eine Tageszeitung mit ins Bild halten?“
„Damit du ’n grünes Blatt mitschleppst und dir dann was draufshopst? Komm schon.“
Die sind einfach zu schnell für mich. Die Idee ist aber gut. Mein Computer piept, sein Akku macht gleich schlapp, genau wie meiner.
„Hast du schon ein Plakat gemacht?“
„…“
„Willst du unseres sehen?“
„Ich lass mich lieber morgen überraschen.“
„Wir machen ’ne Insta Story. Und nicht im Querformat wie gewisse Leute.“
„Meine Augen sind aber immer noch nebenei…“
„So hält man aber kein Telefon! Du machst dich doch selber über alle lustig, die es vor den Mund halten, als würden sie in ihr Marmeladenbrot sprechen.“
„Ist ja gut, ihr Nervensägen.“
Claras Nase und Mund schieben sich vor die Kamera. „Ich hab dir einen Link geschickt. Damit du ausschlafen kannst.“
„Rick Astley? Ja, sehr witzig.“
„Nein, Ehrenwort. Für wie gemein hältst du uns?“
„Also mal kein Video? Ihr überrascht mich.“
„Doch.“
„Ein Video? Zum Einschlafen?“
„Du musst es ja gar nicht gucken!“
So ging es noch eine Weile weiter. Ich erklärte ihnen, ich wolle keine Filme gucken, sondern schlafen. Nein nein, das wären welche speziell zum Einschlafen und Entspannen, also mehr zum Hören. Videos zum Hören? Jetzt hör doch zu!
Dann haben sie mich noch ein bisschen geneckt, es ging hin und her, und das war’s. Meine Laune war deutlich besser als vorher. Also wie immer.
Ich liebe die beiden, sie lassen sich so wunderbar ärgern. Aber sie sind mir eindeutig zu visuell, alles muss Video oder mindestens Foto sein, besser Meme, oder wie das heißt. Was ist nur aus Bücher lesen geworden? Oh Mann, wenn man anfängt zu klingen wie die eigenen Eltern, dann ist man alt. „Smörre, Bücher lässt man sich heute vorlesen, als Audiobook oder Podcast“, würden sie mir wahrscheinlich entgegenschleudern. Haben sie wahrscheinlich schon. Dann bin ich halt altmodisch, ich lese meine Bücher immer noch lieber selber.
Schade, dass wir uns diesen Sommer nicht gesehen haben, da hat mir was gefehlt. Aber sie sind jetzt aus dem Alter raus, in dem sie noch mit ihren Eltern oder dem Patenonkel Urlaub machen. Wir sind ihnen peinlich. Und das sind wir ja immer öfter tatsächlich, stellen uns zu dumm an mit der neuen Technik, gewöhnen uns zu langsam dran, gehen plötzlich immer früher schlafen und all das. Deswegen hätte ich mir trotzdem nicht die Nachtschichten zumuten sollen, bin doch keine Mitte 20 mehr. Mir ist es ein Rätsel, wo Schwester Heide das hernimmt. Oder Schwester Anita. Welche ist jetzt eigentlich noch mal dran?
Bin trotzdem gespannt, was mir die Zwillinge da geschickt haben, ich guck nachher mal nach.
Bin vom Einkaufen zurück. Das macht ohne die beiden auch keinen Spaß. Kochen erst recht nicht. Trotzdem habe ich mich heute für eines unserer gemeinsamen Lieblingsgerichte entschieden: Ofengemüse, weil man damit nie was falsch machen kann. Ein Sellerie, zwei große Süßkartoffeln, einige festkochende Kartoffeln sowie Cashewkerne und ein paar Scheiben Gouda sind alles, was man braucht. Für mich allein ist das zu viel, aber dann muss ich morgen nix mehr machen. Den gewaschenen und abgetrockneten Sellerie schneide ich in schmale Pommes Streifen, ebenso die normalen Kartoffeln, aber die Süßkartoffeln mache ich etwa doppelt so dick. Anschließend alles auf ein tiefes Backblech, salzen und pfeffern, mit Olivenöl übergießen, vermischen und gleichmäßig verteilen. Bei 180º im Backofen auf mittlerer Schiene 25 Minuten backen, dann die Cashewkerne darüberstreuen, nach weiteren 10 Minuten ein paar Käsestreifen darüber werfen und warten, bis diese zerlaufen sind. Wenn man den Dreh raushat, brennt nichts an. Einfach an den Ecken und Kanten aufpassen, dass aus Braun nicht Schwarz wird, spätestens dann kommt das Blech raus. Das Ergebnis ist immer unverschämt lecker für so wenig Aufwand und die Kinder essen sogar den Sellerie mit Begeisterung. Sellerie. Echt jetzt! Nahezu jedes Wurzelgemüse lässt sich mit heißer Luft und Olivenöl in Pommes-Konkurrenz verwandeln.
Ich stelle fest, dass ich gerade ein Rezept aufgeschrieben habe, wie so ’ne Omma. Fehlt nur noch, dass ich es ausdrucke und mir vorne in mein Kochbuch klemme, bis ich genug zusammenhabe, um einen eigenen Hefter damit zu füllen. Uah, wie gruselig.
Ich sitze jetzt auf dem Balkon und rauche eine frische Kippe, während das Zeug vor sich hin backt. Warum auch kein Rezept aufschreiben, das ich so noch nirgendwo gelesen habe? Ich koche ja gerne, nur halt nicht für mich alleine. Das ist irgendwie traurig. Mit Clara und Dennis macht es immer Spaß.
Vielleicht mag ich dieses Gericht deswegen so sehr, weil ich ihnen ein Gemüse untergejubelt habe, von dem sie behaupteten, dass sie es nie, nie niemals essen würden. Genau wie ich, als ich in ihrem Alter war. Ich war der Ansicht, dass es sich bei Sellerie um ein Werk des Teufels handelte, nur dazu da, um Kinder zu quälen. Meine Mutter hat es bei mir aufgegeben, und ich damals triumphiert. Jetzt triumphierte ich merkwürdigerweise aus genau dem gegenteiligen Grund, weil ich Clara und Dennis dazu bekommen habe, ihn zu essen. Ja gut, mich selbst auch. Und natürlich nur die Knolle. Die grünen Stängel sind so ungenießbar wie eh und je. Das Backblech dampfte und duftete herrlich, unsere Augen waren groß, und der Appetit darauf noch größer. Seitdem machen wir das immer wieder. Ups, ich glaub mir brennt was an!
Okay, für mich ist es noch essbar. Gerade so. Wobei, ich weiß noch, als wir uns zum ersten Mal an Chili con Carne versucht haben. Allerdings hatten wir kein Hackfleisch. Also halt anstelle von Carne noch mal Chili. Chili con Chili mit deutlich zu viel von beidem. Das Ergebnis war viel zu scharf, aber zu meiner Verblüffung so lecker, dass wir trotzdem nicht aufhören konnten, bevor alles verputzt war. Für Clara und Dennis war es vielleicht auch eine Mutprobe, wenn er noch eine Portion aß, musste auch sie nachziehen und umgekehrt. Unsere Nasen liefen und uns brach der Schweiß aus. Irgendwann saß Dennis dann ohne Hemd da und Clara war so sauer, weil sie nicht im BH vor uns sitzen wollte, dass sie sich ihre Haare unter dem Wasserhahn nass machte, damit sie ihr kühlend im Nacken lagen.
Nadine und Daniel haben die besten Kinder der Welt, und die wissen gar nicht, was für tolle Eltern sie haben.
Keine Ahnung wo diese Schreiberei hinführen soll, wenn’s ein Kochbuch wird, steck ich es in den Ofen. Wie ging das noch … Was hat mir der Therapeut noch mit auf den Weg gegeben? Ich hab’s vergessen. Irgendetwas mit Ziele formulieren. Oder waren es Fragen, auf die man Antworten haben will? Hauptsache schreiben, dann aber nicht bremsen und auf der Autobahn zurücksetzen, um die eben verpasste Ausfahrt zu nehmen, sondern den Worten freien Lauf lassen. Nun gut:
1) Ich will Schlaf. Traumlosen, erholsamen Schlaf. Regelmäßig. Täglich.
2) Siehe erstens.
3) Mit dem Rauchen aufhören? Ja, haha, genau.
4) Nicht mehr an Schule denken, oder Vilshofen.
5) … und sie.
05.09.19
Gestern wieder so schlecht geschlafen, dass ich heute gar nicht erst darauf warte, bis ich mich im Bett herumwälze. Aber was mache ich dann? Jedenfalls nicht wie sonst Film gucken, bis ich müde werde. Nein, heute habe ich mich direkt mit dem Laptop an den Küchentisch gesetzt und schreibe jetzt, bis mir die Augen zufallen. Hauptsache irgendetwas fällt, vielleicht ja endlich der Groschen.
In der Klinik meinte Doktor Weber mal dazu, dass einem bei Schlaflosigkeit nur die richtigen Rituale fehlten: nicht zu spät essen, trinken, rauchen, vor Mitternacht unter die Decke, immer zur gleichen Zeit und so weiter. Das hatte ich mir auch schon so ähnlich aus Artikeln und Ratgebern angelesen. Dann natürlich in einem kühlen Zimmer liegen, kein blaues Licht mehr nach der Tagesschau, ionisierte Luft und weiß der Geier was sonst noch alles.
Ich glaub aber nicht, dass es bei mir etwas damit zu tun hat. Hat mich früher ja auch nicht gestört. Ich konnte immer überall gut schlafen, auf Donaukies genauso wie im von der Sonne aufgeheizten VW Bus. Ja, ich bin jetzt älter, aber mein System war immer kein Ritual zu haben. Das ist auf seine Art auch eins und ich bin lange gut damit gefahren. Oder gelegen. Von vielen Problemen erfährt man ja erst, dass es sie überhaupt gibt, wenn man sie selbst kriegt.
Das hier ist was anderes.
Vor dem blöden Satz bin ich jetzt fünf Minuten mit blinkendem Cursor gesessen. Wenn man nicht weiterweiß, einfach ein paar Schritte zurückmachen. Ist ja auch beim Elfmeterschießen so.
Also worum ging’s noch? Erster Schultag 1989. Schon lustig, dass am gleichen Tag, als die DDR-Flüchtlinge über die Grenze durften, wir wieder in die Schule mussten und selbst gegen Fluchtreflexe anzukämpfen hatten. Also in der Schule war es bestimmt wie immer, ich war halt nur nicht da, sondern schwänzte. Die Wiedervereinigung kündigte sich an, in jenem September vor 30 Jahren, nur dass wir nicht mal im Traum daran gedacht hätten. Nicht einmal dann, als es direkt vor unserer Nase passierte. Die Tragweite der Geschehnisse war uns nicht ansatzweise bewusst, obwohl einen allein schon die anwesende Presse aus dem Ausland hätte nachdenklich machen müssen. Die waren ja nicht wegen uns vor Ort. Außerdem war noch immer Sommerloch und da wurde über alles berichtet. Die sollten Bilder machen von DDR-Bürgern, die sich aus ihrer Mangelwirtschaft in den rettenden Westen flüchteten. Als die dann Arbeitsverträge zu Dumpinglöhnen hinter dem Rücken aller Gewerkschaften unterzeichneten, waren die Kameras schon wieder weg und auf andere Motive gerichtet. Die von der Wirtschaft in die Mangel genommenen Arbeiter hätte das DDR-Fernsehen interessieren können, das hatte aber leider keine Kameras geschickt und lieber andere Sorgen erfunden. Noch.
Uns hatte das alles damals auch nicht interessiert. Wir hatten nur Augen für Nadine. Und jetzt heißt sie schon seit 30 Jahren Nadja, aber ich sehe immer noch Nadine vor mir, als wär’s gestern gewesen. Meine Güte, ich muss so aufpassen!
Nadine platzte jedenfalls in unser Leben und wirbelte alles durcheinander. Sie war ein frischer Wind und so anders als unsere Mädchen, die gerade brav in der Schule saßen. Nein, sie wusch sich unter freiem Himmel ihre langen schwarzen Haare über eine Schüssel gebeugt – nur im BH. Und sie winkte lächelnd den Abiturienten zu, die auf dem Weg zum Geistler gaffend stehengeblieben waren, weil sie ihren Augen nicht trauten. Sie rechneten wohl damit, dass sie gleich kreischen und mit dem Finger auf sie zeigen würde, stattdessen lächelte sie ihnen zu und winkte. Sie winkte! Mit der Hand! Und dem ganzen Arm! Dann wusch sie sich einfach weiter, als sei nichts geschehen. So etwas kannten wir nur aus der Fernsehwerbung, wo Frauen in der Südsee draußen ihre Haare wuschen und anschließend in Zeitlupe über die Schulter warfen. Die waren aber abgesehen von der Kamera immer allein. Und da mochte das sicher so in Ordnung sein, aber doch nicht bei uns, vor der Haustür.
Das hier hatte etwas Unverschämtes. Nadine war wie man sich fahrendes Volk vorstellte, und nicht mal bei dem Zirkus, bei dem ich und Daniel ausgeholfen hatten, sind wir Zeugen solcher Szenen geworden. Ich stand ja genauso glotzend da, nur aus dem Lager heraus, hatte vergessen wohin ich unterwegs war und blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Nadine hatte nicht nur ihre Haare gewaschen, sondern mein Gedächtnis gleich mit. Gelöscht. Alles war weg, als wäre das Licht nach einem Stromausfall wieder angegangen, und ich sah alles um mich herum wie zum ersten Mal. Eine neue Zeitrechnung hatte begonnen, meine innere Uhr blinkte und ich blinzelte in die Sonne. Der Moment teilte die Zeit scharf in ein Vorher und ein Nachher.
An dem Tag sind wir uns alle zum ersten Mal begegnet: ich, Daniel, Lukas und Nadine. Natürlich nicht als sie sich die Haare wusch, sondern erst am Abend. Alle drei waren wir ihr einer nach dem anderen über den Weg gelaufen, und dann sah es fast wie abgesprochen aus. Da kann man schon von Schicksal sprechen, oder?
Die Folgen reichen jedenfalls bis heute und so viel ist seitdem passiert, so verdammt viel. Vorher gefühlt überhaupt nichts, dann alles viel zu schnell. Die Welt geriet aus den Fugen und wir konnten gut und gerne in den sich auftuenden Spalten hängen bleiben. Der Boden ist Lava … Wir hatten aber keine Angst vor den Brüchen, ja nicht einmal ein Bewusstsein für die Risiken. Wir sprangen einfach über die sich auftuenden Klüfte hinweg und tänzelten die Gefahr ignorierend darum herum.
Das war alles aufregend, aber nichts so sehr wie Nadine. Alle drei haben wir uns in Nadine verliebt, und wer weiß wer noch alles. Psychologen werden sagen, dass das auch mit der Situation zu tun hatte, aber die haben eben in ihre Textbücher geguckt und nicht in diese grünen Augen, die einen über jede Ampel brettern ließen, ohne wenigstens einen flüchtigen Blick in die Seitenstraßen zu werfen. Außerdem stand sie nicht zwischen uns, sondern sie hat uns noch enger zusammengeschweißt, bevor … Ach ja.
Wir hatten den Sommer nicht wie sonst zusammen verbracht, sondern waren getrennte Wege gegangen. Lukas machte seinen Führerschein, Daniel jobbte und ich hing im Freibad rum. Als mir das zu langweilig wurde, suchte das Rote Kreuz gerade Freiwillige. So war ich im Flüchtlingslager statt der Schule gelandet.
Unsere Band lag eh auf Eis, obwohl uns ein paar zusätzliche Proben mehr als gutgetan hätten. Wir waren ein Power-Trio und gleichzeitig beste Freunde. Wie Rush. Nur hatten wir keinen Namen, weil wir uns auf keinen einigen konnten. Auch auf sonst nicht viel, was die Band betraf.
Lukas kam immer mit klischeehaften Vorschlägen an, Witchass war sein ewiger Favorit, weil es gleichermaßen an die Umrisse von Bayern erinnerte, wie bewies, dass Vilshofen dort den Arsch des Landes markierte, den Hexen-Hintern eben. „Heute der Arsch des Landes, morgen der, der ganzen Welt“, wie Lukas zu sagen pflegte - wenn auch auf Bayerisch. Am glücklichsten war er, wenn wir Coverversionen spielten, da konnten wir wenig verkehrt machen. Daniel wollte hingegen intellektueller sein und nur Eigenkompositionen spielen, die sich nach dem zwölften Break und Zwischenspiel keiner mehr merken konnte. Die beiden kriegten sich deswegen ständig in die Wolle. Mir fiel dabei die Rolle des vermittelnden Zuhörers zu. Vielleicht bin ich auch deswegen Schlagzeuger geworden, denn beide spielten in ihrem eigenen Rhythmus weiter, Lukas im Viervierteltakt und Daniel, der alte Romantiker, der sich das nie eingestehen wollte, tendierte zum Dreivierteltakt, auch wenn er ihn als angeblichen Sechsachteltakt zu verschleiern versuchte.
„Walze“ wäre ein echt guter Name für uns gewesen, aber der ist mir damals leider nicht eingefallen. Mist. Denn wenn auch sonst nichts, so machte immerhin unser Sound alles platt: Wir waren zu laut. Und deswegen auch ständig neben dem Beat. Mir blieb nichts anderes übrig, als Polyrhythmen zu lernen, um so die beiden Streithähne unter einen Hut zu kriegen, indem ich eine Ebene tiefer nach einem verbindenden Rhythmus suchte. Den fand ich im Siebenachteltakt. Das klang gleich komplizierter und stellte beide zufrieden. Wenn man jung ist, dann vereint einen eben nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern der für uneingeweihte Ohren am kompliziertesten klingende. Wenn ich auch nur mal was Simpleres vorschlug, nannten sie mich gleich eine Woche lang Roland.
Mit Worten war ich leider nicht so gut, wenn man sie auch aussprechen musste. Aufschreiben war etwas anderes. Außerdem hoffte ich darauf, einmal wie Neil Peart bei Rush Songtexte zu schreiben, die dann Geddy Lee singen würde. Oder halt einer von uns. Wenn man so laut spielt, dass keiner mehr das eigene Wort versteht, kann man dahinter ja wunderbar schweigen. Heimlich begann ich mir Notizen für Songtexte zu machen, nur für mich allein, denn zusammen scheiterten wir ja schon wie gesagt am Bandnamen. In aller Stille hatte ich ein Ventil gefunden, auf dem Papier eines Notizblocks. Das war wie sich selber zuzuhören, ohne den Mund aufmachen zu müssen. Mucksmäuschenstill konnte ich dort meine Gedanken umkreisen, umzingeln und manchmal sogar zu fassen kriegen. Texte wurden zwar auch so leider keine fertig, aber immerhin ersparte uns das weitere Diskussionen darüber.
Wenn mir die zwei im Streiten wieder zu laut wurden, übertönte ich sie mit einem Trommelwirbel auf der Snare, dass beide erschraken.
„Spinnst etzad?“, rief Lukas und Daniel sah mich vorwurfsvoll an.
Bevor ich etwas hätte sagen müssen, riss ich die Arme über den Kopf, hieb die Schlagzeugstöcke dreimal aneinander und ging auf die Eins im Riff von „YYZ“ über – nicht das Instrumental von Rush, sondern unsere davon inspirierte Eigenkomposition, die natürlich genauso wenig einen eigenen Titel hatte wie unsere Band. Das funktionierte jedes Mal.
Lukas prügelte seinen Bass, Daniel schredderte seine Gitarre und beides verschob sich gegeneinander, drei gegen zwei. Rhythmus hält eben alles zusammen. Ich bin Kitt. Schlagzeug-Kid. Getrommelt, nicht gerührt.
In solchen Momenten fühlte ich mich ein bisschen wie Neil Peart. Immerhin haben wir das mit der Freundschaft bislang so gut hinbekommen wie Neil, Alex und Geddy. Man kann sich auch verstehen, ohne viel zu reden, und eine Band zeichnet eben mehr aus, als nur Musik zu machen. Bei uns konnte man das Musik machen sogar weglassen, aber nicht die Musik. Eine richtige Band hält zusammen und bleibt zusammen. Wenn einer fehlt oder stirbt, ist es einfach nicht mehr dasselbe – wie bei Led Zeppelin, als John Bonham starb oder Keith Moon The Who im Dunkeln stehen ließ.
Gut, das sind jetzt nicht die besten Beispiele, immerhin leben wir alle drei ja noch. Aber so weit getrennt voneinander, dass an gemeinsames Musikmachen nicht mehr zu denken ist.
Auch als Freunde wendeten sich die beiden an mich, wenn sie mal nicht weiterwussten. Was im Prinzip dauernd der Fall war, denn auch wenn man noch so kurz vor der Volljährigkeit stand (oder schon mittendrin wie in einem Haufen Hundescheiße), waren wir innerlich die reinsten Kindsköpfe geblieben. Mir merkte man das nur am wenigsten an, weil ich nie etwas sagte. Was wir aneinander hatten, begannen wir da gerade mal zu erahnen und waren schon fast im Begriff gewesen, es wieder zu verlieren. Erst Nadine hat es dann noch einmal richtig zum Leuchten gebracht, das Beste in uns. So ähnlich wie das Flüchtlingslager aus der ganzen Stadt, nur deutlich länger.
Mist. Es ist so lange gut gegangen und jetzt denke ich doch wieder an Nadine. Das hat mir gerade noch gefehlt. Und müde bin ich auch nicht geworden. Dann schau ich halt noch den Film fertig. Oder besser nicht. Was hat mich gestern nur geritten Harry & Sally zu gucken?
Ob ich was mit Schwester Birgit anfangen sollte?
06.09.19
Clara hat mir tatsächlich kein Rick Astley Video geschickt. Ich hätte gestern aber selbst lieber das geguckt, als Harry zur Silvesterfeier laufen zu sehen. Es ist ein Video mit einem komischen unaussprechlichen Kürzel im Titel und dann irgendetwas von 400 Triggern – da macht eine Asiatin Geräusche mit Haushaltsgegenständen und rasiert … einen Spülschwamm? Aber die Tonqualität ist herausragend: kein Rauschen, keine Nebengeräusche, nichts. Na ja, eigentlich nur Nebengeräusche, aber dafür prominent im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zum Einschlafen empfiehlt Clara mir aber ein anderes, das dauert über drei Stunden! Äh, hallo?
Ich müsse dann über kurz oder lang nur herausfinden, was davon mich „triggert“, schreibt Clara. Dann bekäme ich vielleicht „Tingles“.
Aha. Hä?
Das sei ein angenehmes Kribbeln am Kopf, das sich wellenförmig ausbreite. Nur dass Menschen dafür unterschiedlich empfänglich seien, viele aber leider gar nicht, und von großer Dauer sei dieses Gefühl auch nicht. Also Kurzwelle statt Dauerwelle, irgendwas zwischen Radio und Haarstudio.
Ich traute mich aber nicht, nachzufragen. Sonst hätten sie mich wieder geschimpft, weil ich die E-Mail nicht gleich gelesen habe.
Ich solle mich mit Kopfhörern hinlegen und warten, schreibt sie.
Damit ich mich in der Nacht nicht versehentlich strangulierte, klemmte ich sie aber nur mit meinem Kopfkissen gegen die Wand. Das Video hörte sich nach Regen an und dann schlief ich tatsächlich ziemlich schnell ein, denn an mehr erinnere ich mich nicht. Ist mir jetzt auch egal ob’s an dem Video oder meiner Müdigkeit gelegen hat, denn es hat funktioniert und dafür bin ich dankbar. Irgendetwas kommt mir daran merkwürdig vertraut vor, ich komm nur nicht drauf. Egal.
Mama hat angerufen und nach meinem Dienstplan gefragt. Wir haben uns für nach meiner ersten Woche Nachtschicht verabredet. Oder es versucht, denn an den Wochentagen hat sie natürlich wieder keine Zeit für mich, dabei ist sie es, die mich sehen wollte. Das ist so typisch, jetzt wird es eben der Samstag. Also vorläufig. Wahrscheinlich hat sie bis dahin auch schon wieder was anderes vor, ein Schachturnier im Altenheim organisieren, oder so was.
Gestern habe ich von meiner engsten Familie geschrieben, dabei weiß ich eigentlich gar nicht, was das sein soll. Also im Klischee-Sinne von Mutter, Vater, Kind. Mama hat unseren Laden ja alleine geschmissen, Multitasking am Limit, der To-Do-Liste immer fünf Punkte hinterherhinkend, aber mit mir an erster Stelle. Ich war wie ein Post-it, das auf der vordersten Seite kleben blieb. Ich konnte jeden andere Aufgabe verdecken und die Zeit anhalten, wenn ich wollte. Das habe ich gespürt, aber nie absichtlich davon Gebrauch gemacht. Und das weiß sie. Glaube ich jedenfalls.
An meinen Vater erinnere ich mich kaum. Die erste Erinnerung, die ich an ihn habe, war wie Zauberei für mein damaliges Ich: Ich war selbst noch klein, spielte in einer Wiese, und da kam ein Großer, der mir einen Ball von der anderen Seite eines Zauns holte. Ich muss so ungefähr zwei Jahre alt gewesen sein, meinte Mutter, und vielleicht erinnere ich mich nur daran, weil sie es mir erzählt hat? So oder so ist es das erste Bild, dass ich beim Wort Vater im Kopf habe. Jemand auf der anderen Seite des Zauns. Mein Ball kam zurück und der ist schon lange vergessen. Ich könnte nicht sagen, welche Farbe er hatte, wie groß er war oder wie er sich anfühlte. Aber dieser große Mensch, der dieses Hinderniss einfach so überwand, das war unerreichbar. Vater und Zaun, das ist alles, was ich habe. Und auch wenn es manchmal wehtut, dass er nie da war, gerade an Geburtstagen und all den Tagen, an denen ich allein mit Mama am Küchentisch saß, waren die Väter der anderen nichts, womit ich hätte tauschen wollen. Wenn man ihnen überhaupt mal begegnete.
Die Eltern von Lukas habe ich vielleicht dreimal gesehen. Die waren noch mit seinen jüngeren Geschwistern in Eging beschäftigt und er blieb dabei auf der Strecke.
Daniels Eltern haben das Gymnasium ultrawichtig genommen. Wohl weil sie selber nie auf einem waren, und trotzdem dem Märchen glaubten, es mache einen Unterschied, ob man später studiert oder nicht. Warum überschatten so oft die unerfüllten Wünsche der Eltern die ihrer Kinder? Und warum halten sie weiter an ihren utopischen Vorstellungen fest, obwohl der Schulalltag sie widerlegt?
Meine Mutter hatte da keine Illusionen. Wie auch? Alleinerziehend, in den 80er Jahren, in Niederbayern? Da hast du nix zu lachen. Darum habe ich in den Sommerferien immer gearbeitet, damit wir uns mal ein bisschen was leisten, oder ein paar Rechnungen mehr bezahlen konnten.
Als ich älter war, begleitete ich Mutter an Elternabenden immer durch die Schule, wartete vor der Tür und hielt mir die Handgelenke vor den Bauch. Manchmal hörte ich Mutter durch die Tür, wie sie androhte, mich dazu zu holen, wenn ihr einer der Lehrer einen Bären aufzubinden versuchte. Es ist ein tolles Gefühl, wenn einem vertraut wird, wenn jemand ohne Wenn und Aber für einen kämpft. Die anderen Eltern beäugten mich währenddessen wie jemanden, der etwas ausgefressen hatte. Manche der Mütter hatten etwas klebrig Mitleidiges im Blick, wenn ihre Männer abfällig in meine Richtung nickten. Diese Blicke habe ich nie vergessen und ich war so froh, als wir endlich von dort weggezogen sind. Es sind Kleinstadtblicke, ein unlöschbares Überwachungsregister, das kein Gerücht vergisst, immer alles besser weiß, ohne je nachgefragt zu haben, und sich zur Not alles aus Bruchstücken selbst zusammenreimt. Eine Dorf-Stasi eben.
Auch damals ist mir schon aufgefallen, wie wenige Väter sich dort blicken ließen. Also im Vergleich zu den Müttern. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann waren Väter sogar in solchen Momenten noch am sichtbarsten. Besuchte man jemanden zu Hause, dann waren die Ernährer entweder noch in der Arbeit oder schon als Papa hinter Türen, wo sie nicht gestört werden durften. Dabei war ich immer neugierig auf einen Blick in Familien, wo es einen Vater gab, und sehr enttäuscht, doch wieder keinen zu Gesicht bekommen zu haben. Als hätten sich alle gegen mich verschworen. War das alles so verabredet, dass sie sich nicht zeigten, damit ich sie niemandem heimlich stehlen konnte? So etwas wie Angst hatten sie ja tatsächlich immer im Blick, aber es war nicht die davor, ich könnte ihnen etwas wegnehmen, sondern die davor, etwas falsch zu machen. Immer diese Angst vor dem Versagen in den Augen der Väter. Für sie war die geschlossene Tür schon so etwas wie eine Erleichterung. Einmal nicht gesehen werden, unbeobachtet sein. Vielleicht bin ich mit dem Zaun sogar besser dran als viele andere, die nur vor einer undurchsichtigen Tür standen. Ich konnte durch die Latten problemlos hindurchgucken und musste nicht heimlich durch’s Schlüsselloch spähen, um zu sehen, was der eigene Vater so trieb. Was machen die eigentlich die ganze Zeit, wenn sie allein sind? Womöglich gab es darin nie mehr zu sehen als leere Zimmer, und die Väter standen dort mit dem Rücken zur Wand, vor allen Blicken versteckt. Waren sie es, die noch größere Angst vor ihren Kindern hatten? Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß ist, dass wir nie so werden wollten, wie sie.
„Wenn ich mal Kinder hab“, seufzte Daniel, „dann höre ich ihnen zu und bin für sie da.“
„Ich will keine Kinder haben“, entgegnete ich wie jedes Mal.
Daniel sah mich ernst an und sagte sehr langsam und leise: „Du wärst bestimmt ein guter Vater.“
Mein Blick fror am gegenüberliegenden Rinnstein fest. „Und was, wenn doch mehr von meinem Vater in mir steckt, als ich wahrhaben will?“
„Red doch keinen Scheiß, Johann.“
Red doch keinen Scheiß, Johann. Wie oft er mir das gesagt hat. Dabei stieß er mich immer mit der Schulter an. Ich weiß nicht warum, aber das half meistens. Dieser Schubs in eine andere Richtung. Nicht so, dass es wehtat, aber doch genug, um einen auf ein uns entgegenkommendes Auto aufmerksam zu machen, wenn wir wie so oft eine Waldstraße auf und ab stolperten, um wieder nüchtern zu werden, mit dem Blick zwischen den Sternen hin und her flippernd.
„Wozu noch mehr Kinder in diese kaputte Welt setzen? Es gibt schon jetzt zu viele, um die sich keiner richtig kümmert.“
„Warte nur mal ab, bis du die Richtige triffst.“
„Halt die Klappe, Daniel.“
„Wie wär’s mit Brigitte? Oder halt, nein, warte!“ Er machte eine Pause. „Franz-zisch-ka!“
„Arschloch.“
„Oui, oui, isch möschte disch küschen, Jo-ann.“
„Du … Sac de patates!“
Wir lachten. Gut, dass Lukas nicht dabei war, denn der hasste es wie die Pest, wenn wir französelten. Weswegen wir ihn natürlich manchmal erst recht damit aufzogen.
„Was, wenn es gerade dein Kind sein wird, dass die Welt rettet? Für uns alle? Was dann?“
„Komm mir nicht mit der John-Connor-Nummer. Und was ist mit all den anderen Kindern, die ihr Potenzial nie ausleben? Was, wenn das Kind, das in ein paar Jahren die rettende Idee hat, gerade jetzt irgendwo auf der Welt verhungert? Oder geschlagen, geschüttelt, seelisch gebrochen wird?“
„Dann …“ Daniel wusste nicht weiter. „Warum musst du immer alles so schwarzsehen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Hast du noch ’ne Zigarette?“
„Nein, verdammt!“ Er boxte mich in die Seite und stand so ruckartig auf, dass es in seiner Tasche leise klapperte. Sein Blick ging zu den Sternen. Ich krieg jetzt noch Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.
Es war einer seiner großen Momente, die sich mir ins Gedächtnis eingebrannt haben wie eine Tätowierung, die ein anderer für mich ausgesucht hat.
Daniel nickte und sah mich an. „Auch wenn es jetzt gerade stirbt … was schrecklich ist …“ Er holte tief Luft und lächelte unwiderstehlich. „Dann lebt doch die Idee in ihm weiter, weil es als dein Kind wiedergeboren werden will.“
Ich hätte darauf antworten können, dass ich nicht an Wiedergeburt glaube, an Seelen, Religion oder Familie, dass ich mir nie wieder Hoffnungen machen würde, wie auf einen Vater, der genau an meinem Geburtstag endlich vom Zigaretten holen zurückkäme. Aber ich konnte es nicht. Ich wollte es nicht. Was ich wollte, war dabei zu sein, wenn Daniel Vater würde, um dann seinen Kindern zu erzählen, wie glücklich sie sich schätzen könnten, gerade ihn und keinen anderen als ihren Vater zu haben. Das hätte ich ihm antworten sollen, aber es ist mir erst Monate später eingefallen.
Dafür habe ich es dann Jahre später tatsächlich seinen Kindern erzählt und tue es heute noch.
07.09.19
Mein Wunsch, dabei zu sein, wie Daniel Vater wird, ist dann ja tatsächlich wahr geworden. Also jetzt nicht direkt im Kreißsaal, da durfte ohnehin nur der Vater mit dabei sein. Auch ohne meine Anwesenheit ging es dort schon enger zu als gewöhnlich, denn zwei Kinder wollten im Abstand von nicht ganz vier Minuten begutachtet, gewogen und an die Mutterbrust gelegt werden. Meine Anwesenheit wäre selbst für Berliner Verhältnisse erklärungsbedürftig gewesen.
Daniel hat seine Sache auch ohne mich gut gemeistert, indem er Nadja einfach nur die zitternde Hand gehalten hatte. Auf der anderen sei er vorsichtshalber gesessen, um nicht versehentlich zu versuchen, ihr eine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen – was sie schon nicht leiden konnte, als sie noch Nadine hieß. Nach allem, was die beiden vorher durchgemacht hatten – also Nadja und Daniel, nicht die Zwillinge – habe ich mich doppelt für sie gefreut. Irgendwie war auf einen Schlag alles doppelt so gut wie vorher und es traf endlich die Richtigen.
Das war alles andere als selbstverständlich, dass sie es noch einmal mit einem Kind probiert haben. Für mich grenzte das an ein Wunder. Ich habe es Daniel an der Stimme angehört, wie seine Sorge, es könnte wieder auf den letzten Metern etwas schiefgehen, verschwunden war. Er klang zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder so unbeschwert wie früher. Die Geburt markierte auch ein Ende für so viele andere Sorgen, mit denen sie viel zu lange schwanger gegangen waren. Den emotionalen Ballast so vieler Jahre warfen sie ab, weil die zwei Wonneproppen, um die sie sich nun zu kümmern hatten, alle anderen Probleme hinwegfurzten.
Clara und Dennis sind auch einfach großartig. Ihre Fotos und Filmchen von der Demo gestern, die sie mir – na ja, mir und dem Rest der Welt – geschickt haben, machen mich auf eine tiefe Art und Weise glücklich, die ich nicht beschreiben kann. Nadine und Daniel muss es mindestens ebenso gehen. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Mit solchen Kindern muss man einfach vor Stolz platzen, weil sie alles besser machen als ihre eigenen Eltern. Das Wesentliche jedenfalls, weil sie alles mit ihnen teilen können, so wie ich mit meiner Mutter. Nur umgekehrt halten sie immer noch diese alte Lügengeschichte aufrecht, die sie eigentlich mal für andere erfunden haben. Aber die reproduzieren sie noch immer aus reiner Gewohnheit und jetzt sind ihre eigenen Kinder selbst in dem Alter wie wir damals. Sie dürfen sie nicht länger anlügen. Es wird Zeit reinen Tisch zu machen. Clara und Dennis stellen zwar Ansprüche an ihre Eltern, bei denen selbst Gandhi die Nerven verlieren würde, aber wer kann es ihnen verdenken, da sie sich doch für Weltfrieden und die Rettung des Planeten einsetzen? Nadja und Daniel unterstützen sie dabei, wo sie nur können, aber diese vergleichsweise banale Wahrheit bleiben sie ihnen noch immer schuldig.
Die Wahrnehmung der Kinder ist phänomenal. Kein Unrecht auf der Welt entgeht ihren Blicken, und um alles sollen sich die Erwachsenen gefälligst kümmern. Aber waren wir früher nicht mal genauso? Wir können nur nicht mehr mit dem Tempo des Internets und den digitalen Medien mithalten, so wie unsere Eltern vom Farbfernsehen und mehr als drei Kanälen überfordert waren.
Wir sollten bei der Gelegenheit gleich noch ein Recht auf Sendeschluss einfordern. Heute läuft alles rund um die Uhr, es gibt keine Pausen zum Durchatmen mehr, die Clara und Dennis anscheinend nicht brauchen. Oder gar nicht erst kennen, aber das täuscht. Früher, als sie noch klein waren, sind sie auch wie aufgezogen umhergesprungen und dann kippten sie fast ansatzlos in den Schlaf, als wäre ihr Kabel überspannt worden und am anderen Ende aus der Steckdose geflutscht.
Dass sie Ruhephasen benötigen, sehen sie noch immer nicht ein, deswegen bremse ich sie so gut ich kann in ihrem Alltag aus, versuche ihnen darin eine Zeitinsel zu sein, auf der die Uhren anders gehen. Ich habe den Verdacht, das ist einer der Gründe, weshalb sie so gerne mit mir sprechen, weil sie dann für einen Moment aus der normalen Zeit fallen, durch die Sanduhr auf einen Spielplatz. Mit Eltern geht das schlecht, und ich habe es ja leicht mit meinem Blick von außen. Wir quatschen vielleicht einmal die Woche miteinander für ’ne Stunde, sehen uns in den Ferien oder mal ein verlängertes Wochenende, damit Nadja und Daniel allein wegfahren können, und das war’s auch schon. Ihr Unterbewusstsein lenkt sie zu mir und das macht mich auf eine Art und Weise glücklich, die ich nicht beschreiben kann.
Haben wir nicht auch versucht, die Welt zu retten? Die Probleme sind ja nicht neu, sondern nur noch größer geworden. Wir auch. Und müde. Unsere Widerstände zerschellten an Zäunen und vor Wasserwerfern in Wackersdorf und anderswo, den verzerrten Bildern unserer Proteste in Presse und Fernsehen konnten wir nichts entgegensetzen, außer unserer ohnmächtigen Wut vor den Bildschirmen. Vielleicht noch ein Leserbrief, der nie gedruckt wurde, oder ein Flugblatt, das dann niemand lesen wollte.
Heute senden sie selbst live von der Demo, haben ihre Lehren aus dem Arabischen Frühling und den Hongkong-Protesten gezogen, wissen einander zu helfen und sich zu organisieren. Es ist auch viel internationaler und vernetzter geworden. Dabei ist ihnen, glaube ich, noch nicht einmal bewusst, wie viel besser das ist, im Vergleich zu allem, was wir erlebt haben, dass ihre Ausgangslage viel aussichtsreicher ist, als unsere je war. Aber sie kennen nur das Jetzt, ihr Weg beginnt erst hier, und das was wir erreicht – oder besser nicht erreicht – haben, ist ihnen zu wenig. Sie sind nicht mehr zum Schweigen zu bringen wie wir. Sie erinnern uns daran, wie wir einmal waren. Waren wir doch, oder?
An den Reaktionen auf die Proteste hat sich rein gar nichts geändert, aber diesmal werden sie lauter, größer und gehen nicht wieder weg. Das ist neu. So sehr mich das freut, so sehr fürchte ich, dass das dazu führen wird, dass sich auch die andere Seite etwas Neues einfallen lassen wird.
Unserer Generation wird ja die sogenannte „friedliche Revolution“ zugeschrieben, die dann zur Wiedervereinigung geführt hätte. Von dieser Etikettierung waren wir genauso verblüfft, wie überrumpelt. Wir waren viel zu beschäftigt und abgelenkt gewesen, um überhaupt auf die Idee zu kommen, dass wir irgendetwas damit zu tun haben könnten. Entschieden und gelenkt wurde das anderswo. Eine Revolution haben wir uns zwar schon davor gewünscht, aber daraus wurde ja nüscht, wie immer halt. Eigentlich sind wir sogar darum betrogen worden. Wir haben uns einlullen lassen, alle zusammen. Das kommt davon, wenn man nur wieder seine Ruhe haben will wie vor dem ganzen Zirkus oder einfach nur raus in die Welt möchte. Dann wachst du im Westen mit neuen Bundesländern auf und im Osten wird ein Land in Windeseile abgewickelt, das den alten Bundesbürgern etwas zu bieten gehabt hätte, wenn es nicht so schnell unter den Teppich gekehrt oder verscherbelt worden wäre. Eine arrangierte Ehe, in der einer den anderen nicht kannte, und damit von schlechten Eltern.
Was folgt daraus, liebe Kinder? Niemals heiraten! Na ja, das ist sicher noch verbesserungswürdig, aber mehr fällt mir dazu heute nicht ein.
Verdammt, mir fällt gerade auf: Wie will ich das denn mit dem Schreiben während der Nachtschicht halten? Den Laptop kann ich ja schlecht mitnehmen. Mit der Hand schreiben, wie damals? Nee, auf keinen Fall. Scheiße, dann muss ich mir noch so ein flaches Teil besorgen, das bequem in den Rucksack passt. Oder doch ein neuer Laptop? Die sind ja inzwischen auch kaum größer und nicht mehr solche Ziegelsteine wie meiner, bei dem die Batterie von 83 % direkt in die Notabschaltung springt. Die kosten aber bestimmt wieder ein Vielfaches. Also morgen noch Recherche, um dann im Elektrofachmarkt den Beratern ausweichend antworten zu können, wenn sie einem den Weg versperren.
Ich versuche es heute wieder mit einem dieser Videos zum Anhören. Gestern hat es mich jedenfalls nicht gestört und tatsächlich nach einer Weile umgehauen. War anscheinend langweilig genug, und unterschwellige Botschaften waren vermutlich auch keine dabei, denn mein Konto ist heute noch genauso im Dispo wie gestern. Wir werden echt genauso wunderlich wie unsere Eltern, die geheime Botschaften auf unseren Metal-Schallplatten vermuteten, wenn man sie rückwärts abspielte. Dabei hörten wir längst CDs, und Musik generell lieber vorwärts. Andererseits sind wir ja selbst kaum besser, wenn wir uns jetzt als Erwachsene zum Einschlafen Hörspiele aus unserer Kindheit anhören. Das könnte ich nicht, weil ich dann immer zuhöre, oder noch schlimmer: im Kopf mitspreche. Aber die machen das auch mehr als Einschlafritual, bis sie Ärger mit ihren Partnerinnen kriegen. Das hier ist also im Grunde so ähnlich, oder? Das komische Kürzel „ASMR“ ist übrigens eine Abkürzung und keine esoterische Teesorte. Mein Fehler. „Tingles“ habe ich zum Glück keine. Können mir gerne gestohlen bleiben, sonst brauche ich am Ende noch eine Creme aus der Apotheke. Hauptsache mir fallen gleich die Augen zu. Nacht!
09.09.19
Mir ist eben auf der Schlüsselrunde wieder eingefallen, wann ich davon schon mal gehört habe! Also von diesem ASMR-Video-Zeug. Ich lag gestern auf dem Bett, mit dem Laptop neben mir, und döste schon ein, als plötzlich eine Stelle in dem Video kam, an der jemand mit Kreide an eine Tafel schrieb. Und da wurde ich nicht nur wieder hellwach, sondern mir fiel wieder ein, dass Lukas früher immer gesagt hat, er liebe dieses Geräusch. Wir haben nie verstanden, was er damit gemeint hat. „Wie, mit Kreide schreiben?“
Okay, das war vielleicht doch eine Schnapsidee, auf Station zu schreiben. Schwester Anita guckte schon misstrauisch, als ich anstelle eines Buches das Tablet auspackte. Andererseits findet sie auch so immer einen Anlass für gepflegtes Misstrauen. Sie hat dann wie nebenbei gefragt, ob das ein E-Book-Reader sei, was ich verneinte.
Steht sie jetzt etwa unauffällig hinter mir? Wenn du das hier gerade mitliest, Anita, dann habe ich dich ertappt, du neugierige Spionin! Herrgott noch mal, es dreht sich nicht alles um dich. Das ist privat und geht nur mich etwas an!
Wo war ich noch gleich? Ja, genau: Kreide.
„Na, mit Kreide auf a grad g’wischte Tafel schreibm“, erklärte Lukas.
Daniel war sich sicher, dass er uns damit nur aufzog.
Lukas wollte es uns sogar mal vormachen, mit frischer Kreide auf einer noch vom Wischen feuchten Tafel, weil das enorm wichtig sei, aber halt leider nicht immer, und als wir fragten, ob er es denn jetzt fühle, meinte er nein, weil es jemand anderes machen müsse, damit er dieses „Gekribbel“ spüre. Er mache das schließlich für uns! Daniel nahm ihm die Kreide ab, schrieb eine Gleichung an die Tafel, löste sie und Lukas schüttelte den Kopf.
„Na, du mochst as total foisch“, sagte er niedergeschlagen.
„Du hast doch gesagt ich soll was ausrechnen!“
„Du schreibst irgendwia zu schney und hart, i woaß’ doch a ned.“
Und damit war das Thema gegessen, bis Lukas im Matheunterricht wieder aufhörte mitzuschreiben und selig mit geschlossenen Augen dasaß. Wir dachten eigentlich, er würde nur Tagträumen wie wir anderen auch. Ich muss ihm das unbedingt schicken und fragen, ob es das ist, was er damals meinte.
Ach Lukas, du warst schon wieder in etwas deiner Zeit voraus. Du hast uns nie angelogen. Also auch darüber nicht. Niemanden, jemals.
Es war uns schleierhaft, wie man so wenig Talent zum Lügen haben konnte. Lukas sah man es schon an der Nasenspitze an. Die musste nicht lang werden, um ihn zu überführen, sie wurde weiß, weil ihm das Blut in die Wangen schoss. Das hätte ihn eigentlich schützen müssen, aber da haben wir uns getäuscht.
Ha! Ich wusste es doch! Anita hat tatsächlich hier reingelesen und sitzt jetzt auf frischer Tat ertappt und schmollend in der Teeküche. Das wird ihr eine Lehre sein. Oder auch wieder nicht. Wahrscheinlich ist sie jetzt umso mehr davon überzeugt, dass sich hier alles um sie dreht. Besser ich guck morgen mal nach, wie man das Gerät mit einem Passwort absichert, verdammte Axt, ey. Ich sollte vielleicht nicht so streng sein, sie hat sich ja auch ehrlich danach erkundigt, ob ich mich besser fühle nach überstandener Krankheit und so. Da hätte ich nicht gleich so schnippisch reagieren müssen. Na prima, jetzt habe ich auch noch ein schlechtes Gewissen.
Die Postkarte selbst wird nicht der Grund gewesen sein, aber der Auslöser dafür, dass Daniels Drecksack von Vater, der alte Speck, Lukas krankenhausreif geprügelt hat, um zu erfahren, wo Daniel mit Nadine hin war. Wobei schon das nur eine Annahme war (und ausnahmsweise sogar stimmte – das ist aber nicht der Punkt), denn laut Daniel hatte er nur draufgeschrieben, dass er am Leben sei und nicht vorhabe jemals zurückzukommen. Eine Ansichtskarte der Kasematten in Luxemburg und auch von dort abgeschickt, keine Adresse. Da ist dem ranzigen Speck der Kragen geplatzt.
Lukas wusste zu dem Zeitpunkt selbst nicht einmal, wo Daniel steckte, und wegen seiner Unfähigkeit zu Lügen, weiß er es ja bis heute nicht. Er hat die Schläge ertragen, unter Tränen, und sah dennoch von einer Anzeige ab. Weil er selbst doch auch um seinen Freund trauere und genauso im Dunkeln tappe, sagte er der Polizei.
In den Augen vom hirnverbrannten Speck machte sich Lukas schon allein dadurch verdächtig, dass er umgezogen war. Dabei war es nur innerhalb Vilshofens gewesen, aus der Fischerzeile in die Wohnung, in der ich mit Mama gewohnt hatte – was es uns überhaupt erst ermöglicht hat, Vilshofen so schnell zu verlassen. Sein Bruder war zunächst nicht so begeistert gewesen, aber erstens war er sowieso kaum zu Hause und zweitens gab es dort mehr Parkplätze. Ich glaube am Ende hat ihn auch das überzeugt. Unser Vermieter – und jetzt ihrer – war zwar anfänglich misstrauisch gewesen, aber er hatte unserem Leumund vertraut. Oder eher der damit einhergehenden Mieterhöhung um 50 Mark.
Als Lukas dann Monate später ein zweites Mal vom Speck verprügelt wurde, verpflichtete ihn ein Gerichtsbeschluss dazu, dass er sich Lukas nicht unter 50 Meter nähern durfte. Eigentlich wären 200 Meter die Norm gewesen, aber Vilshofen war dafür zu klein, dann hätte er nicht mehr zur Arbeit fahren können und Autos haben in der deutschen Rechtsprechung immer Vorfahrt.
Bei mir hatte er auch versucht, Informationen zu erpressen, aber meine Mutter hatte nicht lang gefackelt, sondern gleich die Polizei gerufen, als er bei uns vor der Tür gestanden war. Einen weiteren Grund hätte es da schon nicht mehr gebraucht, aber so fiel uns die Entscheidung, aus Vilshofen wegzuziehen, leichter als sowieso schon.
„Nie wieder Kleinstadt“, sagte meine Mutter.
Noch im Frühjahr 1990 waren auch wir weg und Lukas, der Arme, blieb allein zurück. Wir hielten Kontakt und verbrachten im Sommer einen Teil der Ferien zusammen, aber er kehrte weiter unbeirrbar dorthin zurück, obwohl er jetzt von allen Seiten so schief angesehen wurde wie zuvor ich. Er war der Langhaarige, der die Prügel sicher auch ein wenig verdient haben musste. Irgendetwas hatte er bestimmt ausgefressen, von nichts kommt doch nichts! Aber weg wollte er von dort trotzdem nie. An Lukas prallte das alles ab, so schien es jedenfalls. Er trug seine Offenheit immer vor sich her wie einen Panzer, und die Blicke ignorierte er.
„Ja mei, füa an Versoger ham’s mi vorher a scho ghoitn.“
Seine bloße Anwesenheit bewies eigentlich das Gegenteil.
„Mei näim is Lukas, ei liv on se affa floa“, sang er und fuhr fort: „Aba ehrlich, Johann, i bin hier dahoam und des lass i mia vo neamandm nehma, ob’s eahna passt oda ned.“
Ich habe das immer bestritten, aber irgendetwas muss da dran sein, Albtraum hin oder her. Wenn ich träume, dann bin ich häufiger dort im Gymnasium als irgendwo sonst, obwohl ich hier viel länger gewohnt habe. Ganz selten finde ich mich dort auch mal draußen auf den Straßen wieder, am Stadtplatz oder stehe vor der Vilsbrücke, aber eine Biegung später ist man woanders, verloren in einer namenlosen Stadt. In Vilshofen kann man sich überhaupt nicht verlaufen. Außerdem hat sich in den letzten 30 Jahren dort so gut wie nichts verändert, behauptet Lukas, außer ein paar Kreisverkehren. Das kann eigentlich nur auf den Einfluss von Dr. Wolf, unserem Französischlehrer zurückzuführen sein, der Ampeln als Affront empfindet. Jedenfalls hält mich Lukas auf dem Laufenden, denn ich bin ebenso wie Nadja und Daniel seitdem nie wieder dort gewesen. Und ich vertraue ihm. Er kann ja nicht lügen.
10.09.19
Die Schläge mögen bei Lukas äußerlich keine Narben hinterlassen haben, aber auf seiner Seele ganz bestimmt. Eine Therapie hat er verweigert, er wollte allein damit fertigwerden, so wie mit allem in seinem Leben. Dabei habe ich ihm dazu geraten, denn mir hatte sie sehr geholfen und er wusste das, hat es damals sogar selbst gesagt. Aber trotzdem blieb er in der Sache ein unverbesserlicher Dickkopf.
Die sichtbaren Narben wie bei mir oder Nadine sind mir da lieber. Die Hubbel an ihrem rechten Knie hat sie nie versteckt, wie es andere Mädchen vielleicht aus Eitelkeit getan hätten. Bei ihr gehörten die eben dorthin und fertig. Irgendwann fallen Narben dann häufiger anderen auf, als einem selbst. Man vergisst sie, weil sie zu einem Teil von einem geworden sind, wie auch die Erinnerungen, die damit verknüpft sind. Man hat es überlebt, überstanden und überwunden. Über Wunden. Narbengewebe. Weben. Oha, jetzt werd ich auch noch poetisch. Teppich weben … Text weben. Einen Songtext vielleicht? Und wieder die alte Frage: auf Englisch oder auf Deutsch? Scars. Wars. Scar Wars – haha, ja genau. Frühstück!
Das Tablet habe ich jetzt mit einer PIN versehen. Schon wieder eine vierstellige Zahl, die ich mir merken muss. Zum Glück kann ich aber noch immer alle Festnetznummern meiner Freunde aus Vilshofen auswendig, und die waren eben vierstellig. Darum habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und einfach meine Freunde den Karten und Geräten zugeordnet: Der Telefonknochen ist Delle, also Daniel, und Lukas meine Bank, usw. Anfangs habe ich die Namen zur Sicherheit noch mit auf die Karten geschrieben, aber die haben sich inzwischen abgerieben. Und alles nur, weil man sonst den Zeichensalat aus Passwörtern, Karten- und Mobiltelefon-PINs, Hausanschluss und Arbeitsdurchwahl durcheinanderbringt. Was man nicht alles tut, um neugierige Blicke aus den eigenen Angelegenheiten herauszuhalten, einschließlich der eigenen, wenn man Pech hat. Irgendwann gehen einem natürlich auch die Freunde aus, dann muss man sich anders zu helfen wissen.
An den dreistelligen Notrufnummern scheitere ich trotz allem bis heute, wenn ich nicht vorher zur Sicherheit nachgucke. Und das als jemand, der in einem Krankenhaus arbeitet. Aber wer kennt schon noch seine eigene Nummer? Dafür kennen wir die vom Bringdienst. Denn nicht nur Liebe geht durch den Magen, sondern auch das Gedächtnis.
Ach, Vilshofen, warum habe ich dich noch mal verlassen? Eine typische Kleinstadt halt, und ich bin dort aufgewachsen. Mir kam sie mit ihren damals um die 15.000 Einwohnern kleiner vor, als einem die bloße Zahl glauben machen konnte. Selbst wenn man weiß, dass etwa die Hälfte davon auf Eingemeindungen entfällt, wo sollen denn all die anderen gewesen sein? Weil auf den Straßen begegnete man nie jemandem. Abseits der Hauptstraßen, dem Stadtzentrum und um die Schulen herum war Vilshofen unter der Woche wie leergefegt und nach Geschäftsschluss verlagerte sich das bisschen verbliebenes Leben sofort vor die Glotze, in die wenigen Gaststätten, Kneipen oder eines der beiden Eiscafés. Und wenn die zumachten, war es eine Geisterstadt. Nur zwei Diskotheken lärmten dezent ein bisschen dagegen an, eine am Stadtrand hinter dem Krankenhaus und die kleinere an der Vilsbrücke hörte man nur, wenn die Tür mal versehentlich länger offenstand. Und die gibt es eh schon lange nicht mehr. Ansonsten konnte man keine Heugabel an der Wand umkippen hören. Gespenstisch wie im Dornröschenschlaf, gerade weil einen die nachts gelb blinkenden Ampelanlagen daran erinnerten, dass man hier auf eigene Gefahr unterwegs war. Manchmal taten sie nicht einmal mehr das.
Gefahren gab es keine nennenswerten, außer man wurde von einem Discobesucher angefahren. Aber in der Stadt kündigten sich Autos schon mit ihren quietschenden Keilriemen an, wenn sie noch kilometerweit entfernt waren. Man musste keine Fledermaus sein, um sie präzise orten zu können, aber nur weil es einem der Stadtplan so einfach machte: Die wenigen Unterführungen hatten alle ihr charakteristisches Echo, und auf jeder Seite der Vils gab es in jeder Himmelsrichtung im Prinzip nur eine mögliche Straße. Und so war das keine große Kunst, die irgendjemanden beeindruckt hätte. In größerer Gefahr waren sowieso die Leute im Auto, weil die sich regelmäßig um Bäume wickelten oder in Böschungen überschlugen.
