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Beschreibung

Kriegswirren im Hitler-Deutschland. Die Liebes-Geschichte meiner Eltern. Zwei junge Menschen - Hans und Inge - begegnen sich mitten im Krieg lediglich für einen Abend bei einer gemeinsamen Tanzveranstaltung von Arbeitsmaiden und Fallschirmjägern in einem Arbeitsdienst-Lager im Osten Deutschlands. Schon im Aufbruch begriffen, werden Adressen in letzter Sekunde auf einer Zigarettenschachtel ausgetauscht.... Ob sie sich wohl je wiedersehen? Beide erleben die nächsten Jahre getrennt. Immer wieder geplante Treffen werden durch äußere Einflüsse verhindert. Bis auf drei kurze Ausnahme platzen die Rendezvous wegen unvorhersehbarer Arbeitsdienst-Verpflichtungen und Front-Einsätzen. Doch die unzähligen Briefe verbinden über alle Länder hinweg und begründen eine lebenslange Liebe. Der Leser wird Zeuge von Kriegserlebnissen und Kriegseinsätzen, die Hans in Kreta, Russland, Frankreich und Afrika als Fallschirmjäger absolviert, sowie abenteuerlichen Fluchtgeschichten in Nordafrika und dem Leben in amerikanischer Gefangenschaft. Mit Inge man erlebt den Reichsarbeitsdienst in den verschiedenen -Lagern, das alltägliche Leben dort, die Feste, die Höhen und Tiefen im Zusammenleben von 40 bis 60 jungen Frauen auf engem Raum. Die Lager liegen im Osten des damaligen Reichs, und als der Krieg sich seinem Ende zuneigt, muss Inge mit 40 jungen Arbeitsmaiden die Flucht in den Westen wagen. Abgerundet wird die Geschichte durch Lebenserinnerungen der Beiden. So erfährt man viel über Kindheit, Schulzeit, NS-Zeit, Kriegs- und Nachkriegszeit und den Aufbau einer neuen Existenz. Erläuterungen zur damaligen Situation und über das Leben im NS-Staat, auch mit der Propaganda, machen diese Zeit für heutige Menschen lebendig und anschaulich.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Bildnachweise:

Seite → rechts (Plakat): Rothenburg unterm Hakenkreuz Herausgeber: Dr. Oliver Gußmann & Wolf Stegemann im Ev. Bildungswerk Rothenburg/Tauber

Seite →: Fa. Wilhelm Bleyle oHG

Seite → und →: Aus dem Bundesarchiv

unter der Creative-Commmons-Lizenz CC BY-SA 3.0 de

(https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en):

Seite →: Bild 101I-670-7410-10

Fallschirmjägerabsprung aus Junkers Ju 52.jpg:

Seite →: Bild 146-1978-061-09,

Großflugboot BV 222 "Wiking".jpg

Die übrigen Fotos und Abbildungen sind von Privat.

Umschlaggestaltung: Wolfram Kampffmeyer unter Verwendung eines Fotos des Wasserschlosses Oberherzogswaldau (Foto privat) Technische Unterstützung und Beratung: Tuisko Kampffmeyer

Textauszüge mit der Quellenangabe „Wikipedia“ oder „nach Wikipedia“ unterstehen der Creative-Commmons-Lizenz „CC BY-SA 3.0 de“. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

Für meine lieben Eltern

Zu diesem Buch

Wie es begann

Ein dicker Ordner mit über 200 Briefen lag vor mir, das Papier war schon vergilbt, und außerdem waren die Briefe in „Sütterlin“ geschrieben - nur sehr schwer lesbar, wenn man nicht darin geübt ist. Aber es sind wunderbare Briefe, die sich meine Eltern, Hans und Ingeborg Stutz, über viele Jahrzehnte und über viele Grenzen hinweg unermüdlich geschrieben haben.

Die Neugier war geweckt, und ich machte mich daran, die unzähligen Briefe zu sortieren, abzuschreiben, mich mit dieser Zeit zu beschäftigen, zu recherchieren, Kontakte zu knüpfen und Stoff für dieses Buch zu sammeln. Denn die Zeitzeugen sterben immer mehr aus, oft ist es inzwischen zu spät, um noch befriedigende Antworten zu erhalten.

Leider hatten wir in der Zeit, als unsere Eltern noch jünger und ihre Erinnerungen noch frischer waren, weder die nötige Zeit, noch das Interesse, sie zu ihrem Leben im Dritten Reich zu befragen und mit ihnen über diese Erlebnisse zu reden. Und wenn man nichts weiß, kann man auch nichts fragen!

Aus den vielen Briefen, aus den Lebenserinnerungen, sowie aus Tagebuchaufzeichnungen, ist ein sehr persönliches Werk, ein Zeitdokument entstanden, gelebte Geschichte für die nachfolgende Generation!

Eine außergewöhnliche, lebenslange Liebesgeschichte entwickelte sich aus den Briefen der Jahre 1940 bis 1943; meine Mutter (damals noch Ingeborg Kruse), hat sie unermüdlich und immer voller Hoffnung verfasst.

Leider sind jedoch die Antwortbriefe meines Vaters, wohlverwahrt in einer großen Kiste mit allen Habseligkeiten meiner Mutter, auf der Flucht vom Osten in den Westen verlorengegangen. Deshalb ergänzen Abschnitte aus den Lebenserinnerungen, sowie Briefe meines Vaters an seine Mutter, die fehlenden Antworten.

Fragen, Hoffnungen, Zweifel, Verzweiflung wegen der immer wieder verhinderten Treffen waren damals der Beginn einer märchenhaften Liebe.

Natürlich enthalten die Briefe zahlreiche Wiederholungen und ähnliche Gedanken, die in vorliegendem Werk gekürzt und ohne besondere Kennzeichnung ausgelassen sind. Interpunktion und Rechtschreibung wurden so weit wie möglich originalgetreu belassen.

Transkription von Mirela Grigorovici

Wir lernten 1995 unsere rumänische Freundin Mirela Grigorovici kennen, als ihr Großneffe im Rahmen eines Schüleraustausches einige Zeit bei uns lebte und wir deshalb seine Tante zu uns einluden.

Frau Grigorovici hat uns damals sehr beeindruckt, als sie, groß, schlank, mit dunkelblondem Haar und heller Kleidung bei uns ankam, eine sehr elegante Erscheinung, und eine sehr gebildete und interessante Persönlichkeit.

Wie auch sonst häufig in Rumänien, lebte in der Familie Grigorovici das Deutsche sehr intensiv: Ihr Vater hatte in Deutschland studiert, sie selbst war auf eine deutsche Klosterschule gegangen und hatte dort noch die Sütterlin-Schrift gelernt. Schließlich führte diese Liebe zu Deutschland sogar so weit, daß Mirela Grigorovici ihre Heimat Rumänien verließ und mit 58 Jahren in Deutschland ein ganz neues Leben begann!

Frau Grigorovici hat mit großer Begeisterung in vielen Monaten diese wertvollen Zeitdokumente in die lateinische Schrift transkribiert. Dadurch half sie uns auf großartige Weise und lernte auch selbst sehr viel über eine Zeit, die sie hinter dem „eisernen Vorhang“ verbracht und dadurch nichts von diesem Teil der deutschen Geschichte erfahren hatte.

Inhaltsverzeichnis

Erläuterungen

Meine Eltern

Aus den Lebenserinnerungen von Inge Kruse

Aus den Lebenserinnerungen von Hans Stutz

Und so begann der Briefwechsel

Endlich „DU“

Hans in Gefangenschaft / Inge‘s Flucht in den Westen

Prora 1945

Hans: Zurück nach Europa

Inge: Wiedersehen mit Hans

Nachkriegszeit und Aufbau

Epilog

Erläuterungen

Das „Dritte Reich“

Nur soweit für das Verständnis für die Zeit und die Situation meiner Eltern notwendig, folgt hier ein kurzer geschichtlicher Abriss des Dritten Reiches und der Zeit danach.

1920, das Geburtsjahr meiner Eltern, Hans Stutz und Ingeborg Kruse, war das Jahr, in dem Adolf Hitler am Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) mitarbeitete, um dann 1921 die Führung dieser Partei mit diktatorischen Vollmachten zu übernehmen. 1933 wurde er zum Reichskanzler ernannt, und als der Reichspräsident Hindenburg 1934 starb, vereinigte Hitler die Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler in seiner Person und führte nunmehr den Titel „Führer und Reichskanzler“.

Mit dem Angriff Deutschlands auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt waren die Eltern beide 19 Jahre alt und haben an die Versprechungen des Führers fest geglaubt. Die heutige Generation fragt sich zu Recht, wie Hitler es schaffen konnte, die Massen damals in solchem Umfang zu begeistern.

Ein Blick in die Geschichte mag die damalige Situation verdeutlichen:

Nach dem 1. Weltkrieg entstand in Deutschland erstmals eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik. Diese Epoche begann mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 und endete mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933.

Der 1. Weltkrieg war zwar vorüber, doch die Folgen dieses Krieges prägten das Straßenbild und äußerten sich, neben vielen Kriegsversehrten und unterernährten Menschen, auch in der weiteren Rationierung von Nahrungsmitteln, im Schleichhandel und in großer Arbeitslosigkeit. Die Geldentwertung, aber auch Kriegsgewinnler und Spekulanten, die ihren Reichtum in Amüsierbetrieben zur Schau stellten, belasteten die Menschen und führten dazu, daß einerseits Freikorps und Kriegervereine gegründet wurden, andererseits Aufmärsche von Pazifisten stattfanden. Zudem wurde der Alltag in den Zwanziger Jahren immer mehr von einer konsum- und freizeitorientierten Massenkultur bestimmt („Die Goldenen Zwanziger“). Tageszeitungen, Zeitschriften, Illustrierte, sowie Kinos, Opernhäuser und Theater sorgten vermehrt für Unterhaltung und Entspannung, allerdings nur für die Menschen, die es sich leisten konnten. Rundfunkgeräte übertrugen ab 1923 Sportgroßveranstaltungen, verbreiteten aber auch schnell wechselnde Schlager oder Tänze wie den Charleston. Der Rundfunk entwickelte sich im Dritten Reich zum wirkungsvollen Medium zur Verbreitung der braunen Propaganda und Ideologie.

Einerseits gab es durch die Landflucht immer weniger Erwerbspersonen in der Landwirtschaft, sowie den Bevölkerungsanstieg in den Großstädten, andererseits aber auch die Rückbesinnung auf die Natur, mit der Gründung der „Bündischen Jugend“, die als Pfadfinder oder „Wandervögel“ durch die Lande zog, um der städtischen Massenkultur und der „Amerikanisierung des Alltagslebens“ zu entfliehen. Dies führte zu sozialen und ideologischen Klassengegensätzen und zu einem sozialistischen Milieu, zumal da die Arbeiterschaft einen Großteil der erwerbstätigen Bevölkerung ausmachte.

Auch wenn es mehr Möglichkeiten zur „Selbständigkeit“ gab, lag doch der Lebensschwerpunkt der meisten Frauen in der Weimarer Republik nach wie vor im Haushalt und in der Familie. Technische Errungenschaften, wie der AEG-„Volksherd“ sollten die Haushaltsarbeit erleichtern, waren aber doch nur der vermögenderen Bevölkerung zugänglich, sofern es überhaupt schon elektrischen Strom gab.

Berlin hatte Ende der Zwanziger Jahre mit fast 500.000 Anschlüssen die höchste Telefondichte der Welt.

Viele Jugendliche, die den Ersten Weltkrieg in Schützengräben verbracht oder auch ohne Väter aufgewachsen waren, konnten auf dem überfüllten Arbeitsmarkt während der Weltwirtschaftskrise 1929 nicht Fuß fassen. Das soziale System der Weimarer Republik war den Folgen der Wirtschaftskrise nicht gewachsen, und fünf Millionen Menschen waren 1931 arbeitslos, was Massenverelendung, Hoffnungslosigkeit und vielfach Selbstmorde zur Folge hatte.

Die Nationalsozialisten starteten eine hasserfüllte Propaganda gegen Republik und Demokratie, deren Erfolg ihnen den Weg zur Machtübernahme 1933 ebnete.

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der von Adolf Hitler seit langem geplante Krieg um „Lebensraum im Osten“.

Aufgrund sozialpolitischer Maßnahmen, außenpolitischer Erfolge, und vor allem geschickter Propaganda über den aufkommenden Rundfunk („Volksempfänger“), erfreute sich das NS-Regime wachsender Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Die meisten Menschen im In- und Ausland wollten angesichts dieser Erfolge die wahren Absichten Hitlers nicht erkennen.

Obwohl auch viele Menschen angstvoll in die Zukunft blickten und die katastrophalen Folgen des Ersten Weltkrieges noch präsent waren, erzeugten die Erfolge der Wehrmacht auf den Kriegsschauplätzen zunächst sehr schnell eine Siegeseuphorie!

Nach dem Überfall auf Polen, nach der Westoffensive mit der Eroberung der Benelux-Staaten und Frankreich stand Hitler 1940 als „Größter Feldherr aller Zeiten“ auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Danach war allerdings der Widerstand Großbritanniens unerwartet hoch, auch musste Deutschland dem von Großbritannien bedrängten Bündnispartner Italien in Nordafrika und auf dem Balkan Unterstützung leisten. Der seit langem geplante Feldzug im Osten wurde als Kampf gegen den „Jüdischen Bolschewismus“ bezeichnet und als Vernichtungskrieg geplant. Zwangsarbeiter, Völkermord an den Juden, Vernichtungslager – die Vernichtungsmaschinerie erreichte ihren Höhepunkt.

Das Deutsche Reich kämpfte ab 1942 gegen eine feste Koalition aus den USA, Großbritannien und der Sowjetunion. Die deutsche Herrschaft in Europa begann schließlich 1943 zu bröckeln, als die verlustreiche Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad die Moral vieler Deutscher erschütterte.

Im Januar 1945 erreichte die Rote Armee die Oder und Neiße, riesige Flüchtlingstrecks vor sich hertreibend. Im Westen wurde 1944 Frankreich vollständig durch die Alliierten befreit, die dann große Gebiete des Deutschen Reiches im Westen besetzten.

Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht endeten am 8. Mai 1945 der von Deutschland entfachte Krieg und die zwölfjährige NS-Herrschaft.

Die meisten Deutschen empfanden jedoch die Kapitulation nicht als Befreiung, sondern als Zusammenbruch, sofern sie nicht aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen verfolgt oder inhaftiert worden waren. Allgemeine Perspektiv- und Trostlosigkeit herrschten im besiegten, besetzten und weitgehend zerstörten Deutschland vor.

[Nach Arnulf Scriba – Deutsches Historisches Museum, Berlin, 20. August 2014]

Organisationen im Dritten Reich

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) war eine in der Weimarer Republik gegründete politische Partei, deren Programm und Ideologie (der Nationalsozialismus) von radikalem Antisemitismus und Nationalismus sowie der Ablehnung von Demokratie und Marxismus bestimmt war. Sie war als straffe Führerpartei organisiert. Ihr Parteivorsitzender war ab 1921 der spätere Reichskanzler Adolf Hitler, unter dem sie Deutschland in der Diktatur des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 als einzige zugelassene Partei beherrschte [Wikipedia].

Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine Organisation im nationalsozialistischen Deutschen Reich, zunächst auf freiwilliger Basis. Am 26. Juni 1935 wurde aber ein Gesetz für den Reichsarbeitsdienst erlassen: „Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts sind verpflichtet, ihrem Volk im Reichsarbeitsdienst zu dienen. Der Führer und Reichskanzler bestimmt die Zahl der jährlich einzuberufenden Dienstpflichtigen und setzt die Dauer der Dienstzeit fest.“

Zunächst wurden junge Männer zum Arbeitsdienst einberufen; vom Beginn des Zweiten Weltkrieges an wurde der verpflichtende Reichsarbeitsdienst auch auf die weibliche Jugend (RADwJ) ausgedehnt. Er war ein Bestandteil der Wirtschaft und ein Teil der Erziehung im Nationalsozialismus.

Die Dienstdauer betrug für Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren zunächst sechs Monate, sie war dem zweijährigen Wehrdienst vorgelagert. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurde sie ständig verkürzt und betrug zum Schluss nur noch sechs Wochen, die ab Mitte 1944 ausschließlich zur militärischen Grundausbildung genutzt wurden.

Für Frauen betrug die Dienstzeit seit 1939 ebenfalls sechs Monate, die jedoch häufig durch eine Notdienstverpflichtung verlängert wurden. Im Juli 1941 wurde die Dienstzeit durch den Kriegshilfsdienst (KHD) auf zwölf Monate ausgedehnt, im April 1944 auf 18 Monate und im November 1944 schließlich vollständig entfristet. Die dadurch gewonnenen zusätzlichen Kräfte kamen überwiegend als Flakhelferinnen zum Einsatz.

Zu den Aufgaben der Arbeitsmaiden gehörten unter anderem die Unterstützung kinderreicher Familien, Mithilfe in der Landwirtschaft, sowie im Bedarfsfall auch Arbeiten im Gewerbe. Durch das Fehlen der Männer, die größtenteils an der Front waren, wurden die Frauen auch im öffentlichen Dienst, wie bei der Post, der Reichsbahn oder der Straßenbahn eingesetzt.

Während des Arbeitsdienstes lebten die „Arbeitsmänner“ und „Arbeitsmaiden“ kaserniert in sogenannten Lagern. Oft waren es Baracken-Lager, aber häufig auch alte Gutshöfe oder Wasserschlösser.

Der Tagesablauf mit seinen detaillierten Dienstplänen ließ den RAD-Leistenden wenig Zeit zur eigenen Verfügung und glich dem der Soldaten: Ohne Mittagsruhe summierte sich die reine Dienstzeit auf rund 76 Stunden je Woche. Zudem gab es in der knappen Freizeit praktisch keine Rückzugsmöglichkeiten. Auch die Abende waren in aller Regel verplant, und eine Möglichkeit, das Lager außerhalb der Dienstzeiten zu verlassen, war nicht vorgesehen; dies bedurfte – wie beim Militär – einer besonderen Erlaubnis. Der RAD ersetzte das bisherige soziale Umfeld völlig. So sollte in der neuen „Gemeinschaft“ eine kollektive Identität ausgebildet werden.

Damals betrug der Tageslohn 25 Pfennig. Je nach Dienstgrad erhöhte sich dieser auf 75 Pfennig!

„25 Pfennig ist der Reinverdienst,

ein jeder muß zum Arbeitsdienst.“

Dienstgrade

im RADwJ

Arbeitsmaid

Maidenoberführerin

Kameradschaftsälteste

Maidenhauptführerin

Jungführerin

Stabsführerin

Maidenunterführerin

Stabsoberführerin

Maidenführerin

Stabshauptführerin

Schlesien

Schlesien ist eine Region beiderseits des Ober- und Mittellaufs der Oder und erstreckt sich im Süden entlang der Sudeten und Beskiden (West- und Ostkarpaten). Schlesien hat eine wechselvolle Geschichte, war mal deutsch, mal polnisch und wurde immer wieder von Kriegen heimgesucht (Schweden, Sachsen, Brandenburger, Habsburger, Napoleon). 1938 wurden die Provinzen Niederschlesien und Oberschlesien zur neuen Provinz Schlesien zusammengeschlossen und die polnische Sprache im öffentlichen Leben verboten. 1940 war die Eröffnung des Konzentrationslager Groß Rosen. (60 km südwestlich von Breslau). 1941 erfolgte erneut die Aufteilung der Provinz Schlesien in Niederschlesien, Regierungsbezirk Breslau und Liegnitz und Oberschlesien, Regierungsbezirk Oppeln und Kattowitz. 1945 waren weit über 50 % der Städte zerstört, die Bewohner Schlesiens wurden willkürlich vertrieben, und es wurde ein völlig neuer Grenzverlauf zwischen Polen und Deutschland durch die Lausitzer Neiße und die Oder festgelegt. Dadurch liegt Schlesien heute zum größten Teil in Polen. Ein kleiner Teil im Westen von Niederschlesien gehört zu Deutschland, ein südlicher Teil von Oberschlesien zu Tschechien [Arne Frank: Kleine Kulturgeschichte der schlesischen Schlösser].

Die vier Besatzungszonen nach dem zweiten Weltkrieg

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa beendet, die drei Siegermächte Sowjetunion, USA und Großbritannien, sowie Frankreich übernahmen die Hoheitsgewalt über das Deutsche Reich. Sie teilten das Gebiet in vier Besatzungszonen auf. Der Nordwesten Deutschland wurde britische, der Nordosten sowjetische, der Südwesten wurde französische, der Südosten amerikanische Zone. Die Oberbefehlshaber der vier Mächte übernahmen durch die Berliner Erklärung die oberste Regierungsgewalt über Gesamt-Deutschland. Dadurch entstanden neue deutsche Staaten, in der die vier Mächte Deutschland besetzt hielten. Die Besatzungszeit dauerte in Deutschland von 1945-1949, als die Bundesrepublik und die DDR gegründet wurden. Die Besatzung blieb jedoch auch in Westdeutschland bis 1955 und wurde erst mit dem Deutschlandvertrag beendet [Nach Wikipedia].

In Baden-Württemberg war die Grenze zwischen den Zonen von den Amerikanern ohne Rücksicht auf die historischen Gebiete und Staaten bestimmt worden. Sie ging folglich durch Nordbaden und Nordwürttemberg. Auf diese Weise zerschnitt sie die beiden Länder einfach in einer Linie von Westen nach Osten und teilte sie in ein nördliches und ein südliches Gebiet. Ziel der amerikanischen Raumplanung war es oftmals nur, die Versorgungslinie der Armee aufrechtzuerhalten [Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg].

Nach der militärischen Besetzung Deutschlands durften Zivilpersonen im Mai 1945 zunächst nur mit einem Passierschein der jeweiligen Besatzungsmacht ihren Wohnort verlassen. Im Juni 1945 wurde der Bus- und Zugverkehr innerhalb der jeweiligen Besatzungszonen auf vielen Strecken wiederaufgenommen. Der öffentliche Zugverkehr zwischen den Besatzungszonen blieb jedoch unterbrochen. Dennoch gab es zahlreiche Reisende, die zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per Anhalter die weitestgehend unkontrollierten Grenzen zwischen den Besatzungszonen überquerten [Nach Wikipedia].

Sütterlin-Schrift

Die Sütterlin-Schrift, meist einfach Sütterlin genannt, wurde im Jahr 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums vom Grafiker Ludwig Sütterlin entwickelt. Sie wurde ab 1915 in Preußen eingeführt und 1935 in einer abgewandelten Form (leichte Schräglage, weniger Rundformen) zur „Deutschen Volksschrift“ und Teil des offiziellen Lehrplans, die jedes echte deutsche Schulkind beherrschen musste [Wikipedia].

Sütterlin schuf damit eine vereinfachte Variante der Deutschen Kurrentschrift, einer Schreibschrift, die seit Beginn der Neuzeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die allgemeine Verkehrsschrift im gesamten deutschen Sprachraum war. „Diese Schrift ließ ein Schulheft so korrekt aussehen wie den Aufmarschplatz einer preußischen Armee!“ Die Nationalsozialisten betrachteten die Sütterlinschrift jedoch als etwas Urdeutsches. 1937 wurde jüdischen Verlagen sogar verboten, die Frakturschrift (Druckschrift) zu verwenden.

Und dann kam etwas Unerwartetes: Der Schrifterlass vom 3. Januar 1941 untersagte die Verwendung des alten Schrifttypus Fraktur. Am 1. September 1941 ließ Martin Bormann, Kanzleichef der NSDAP, in einem Rundschreiben verkünden, daß neben der Deutschen Kurrentschrift ab sofort auch die Sütterlinschrift verboten sei. Die Nationalsozialisten hatten das Verbot der alten deutschen Schriften antisemitisch begründet. Die Juden, so lautete die von Bormann verbreitete Propaganda, hätten die Druckereien beherrscht und diese Buchstaben geprägt. Daß die Nationalsozialisten die Fraktur und Sütterlin abschafften und mit lateinischen Buchstaben ersetzten, hatte aber vermutlich nur einen Grund: Die Menschen in den während des Krieges besetzten Gebieten, in denen die deutschen Schriften nicht bekannt waren, sollten die Anweisungen der Nationalsozialisten lesen können.

Heute spüren wir die Folgen: Feldpost, Poesiealben, Kirchenbücher – wer das lesen will, muß erst diese Schreibschrift lesen lernen [Claudia Becker, „Die Welt“ vom 21.03.2015].

1941/1942 wurde die Sütterlin-Schrift durch die sogenannte „lateinische Schreibschrift“ („deutsche Normalschrift“) abgelöst.

Meine Eltern

Die in den Briefen und Lebenserinnerungen vertretenen Auffassungen sind im Hinblick auf die damalige Zeit und die damalige Denkweise zu verstehen und entsprechen weder immer der Meinung der Herausgeberin, noch den heutigen Ansichten der Eltern.

Ingeborg (Inge) Kruse

Meine Mutter wurde am 26.10.1920 in Berlin geboren und wuchs in Breslau auf, wo sie zunächst in eine jüdische Privatschule, später ins Gymnasium ging.

Sie war und ist (2020) eine kleine, zierliche und lebhafte Person mit starkem Willen, hatte glatte, dunkelblonde Haare und grüne Augen.

Aus meiner Kindheit ist mir noch sehr gut in Erinnerung, daß meine Mutter in allem sehr genau war. So hat sie jahrelang ganz exakt einen Essens-Wochenplan gemacht, eine Haushaltskasse geführt und jede Ausgabe bei Einkäufen aufgeschrieben. Der monatliche zur Verfügung stehende Geldbetrag wurde sorgfältig in entsprechend beschrifteten Briefumschlägen aufgeteilt und aufbewahrt. Sie war streng, aber gerecht, manchmal jedoch etwas überlastet und dann recht impulsiv.

Aber sie war eine liebevolle Mutter mit vielen Ideen und hat unendlich viel mit uns Kindern gesungen und gebastelt. Nie werde ich jedoch vergessen, als sie mich einmal schimpfte, weil ich mit der Schere nicht gerade genug geschnitten hatte und dann deshalb erst einmal an Zeitungspapier üben musste! Sie spielte Blockflöte, las sehr gerne gute Bücher und schrieb immer lange Briefe. Außerdem liebte sie die Natur, Pflanzen und ihren Garten.

Ihr Vater, Wilhelm Kruse, hatte eine eigene Großhandels-Firma in Breslau für Eisenwaren, sodaß die Familie recht wohlhabend war, bis in der Weltwirtschaftskrise Konkurs angemeldet werden musste, und ein Umzug in eine kleinere Wohnung nach Breslau-Oswitz folgte. Dort wurde Inge wegen eines Krankheitsjahres in der Schule zunächst sehr zurückgeworfen und ging schließlich mit der mittleren Reife ab. Sie verlebte trotzdem in Oswitz eine unbeschwerte, unvergessliche Kindheit, zusammen mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder.

Der größte Wunsch war, nach der Schulzeit Sportlehrerin zu werden, was der Vater jedoch verbot. Aus „Trotz“ meldete sie sich deshalb 1938 zum Reichsarbeitsdienst (RAD), der damals noch freiwillig war.

Nach einem halben Jahr in Lamsdorf/Oberschlesien hängte Inge ein weiteres halbes Jahr dran und wurde „Kameradschaftsälteste“, der erste höhere Rang nach der „Arbeitsmaid“. Als es ihrer Mutter Margarete schlecht ging, holte der Vater seine Tochter einfach ab, sodaß sie ihre Ausbildung abbrechen musste. Mittlerweile war die Familie nach Braunschweig umgezogen, da der Vater Leiter des „Gemeinschaftslagers Volkswagenwerk“ geworden war.

Dort machte meine Mutter zwischenzeitlich eine Art „Schnupperlehre“ und begann im Fotolabor, wo es ihr sehr gut gefiel. Später praktizierte sie in der Kantinenverwaltung, da der recht autoritäre Vater es sehr gerne gesehen hätte, wenn sich seine Tochter für den kaufmännischen Bereich begeistert hätte.

Mittlerweile hatte der 2. Weltkrieg begonnen, und Inge entschied sich erneut für den Arbeitsdienst. Im Frühjahr 1940 zog sie als „Jungführerin“ ins Lager Hierlshagen, benannt nach dem Reichsarbeitsdienstführer Konstantin Hierl.

Im Herbst 1940 wurde sie auf die Führerinnenschule nach Storkau im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt geschickt.

Arbeitsdienstlager Schloss Storkau 1940

Hans Stutz

Mein Vater wurde am 15.9.1920 in Tübingen geboren, wuchs jedoch zunächst in Freudenstadt auf.

Er war schon immer ein zartes, recht kleines Kind, das sehr schlecht aß und seiner Mutter dadurch Kummer bereitete. Auch später war er schlank und nicht besonders groß. Er hatte blaue Augen, einen oft strengen Blick, nach hinten frisierte Haare und ein schmales Gesicht.

Auch er war sehr gewissenhaft, gründlich, korrekt, streng, aber gerecht, und dabei ein sehr liebevoller Vater. Als Kind saß ich gerne auf seinem Schoß, kämmte sein zurückgestrichenes Haar nach vorne und flocht dann kleine Zöpfchen, was er immer ganz geduldig ertrug!

Sein Vater verstarb sehr früh an den Folgen einer Tuberkulose, verursacht durch den 1. Weltkrieg.

Die Mutter, Lina Stutz, versuchte dann, als Schneiderin für sich und den erst fünfjährigen Sohn den nötigen Unterhalt zu verdienen. Sie war eine hagere, etwas verhärmte Frau, immer in Sorge um das Wohl ihres einzigen Sohnes. Damit seine Mutter die Meisterprüfung als Damenschneiderin absolvieren konnte, zog der kleine Hans für neun Monate zu seiner Patentante Hilda nach Münster.

1928 zog die Mutter von Freudenstadt zurück in ihre Heimatstadt Tübingen, wo auch die gesamte Verwandtschaft wohnte. Hier nähte sie für Professoren- und Beamten-Familien und vermietete das dritte Zimmer der Wohnung an Studenten, um ihrem Sohn eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Zusätzlich half sie auch noch in einer nahe gelegenen Gärtnerei mit.

Hans schloss sich der „Jungschar“ im CVJM an (Der Christliche Verein Junger Menschen ist mit insgesamt über 45 Millionen Mitgliedern die heute weltweit größte Jugendorganisation, überkonfessionell christlich und in der Praxis evangelisch-protestantisch orientiert). Dieser wurde 1933/34 als „Jungvolk“ der Hitler-Jugend (HJ) eingegliedert. Diese außerschulischen Tätigkeiten, wie auch in den Ferien als Bauhilfsarbeiter, wirkten sich nicht immer positiv auf die schulischen Leistungen aus, sodaß er schließlich ein Schuljahr wiederholen musste! Das führte nicht selten zu Auseinandersetzungen mit seiner Mutter, die sich ohnehin ständig gegen die missgünstige Verwandtschaft verteidigen musste. Denn in diesen Handwerker-Kreisen verstand niemand, warum Hans überhaupt das Abitur machen wollte, das er schließlich 1939 bestand! Es folgte Anfang 1940 die Einberufung zum RAD, ehe sehr plötzlich der Stellungsbefehl zur Fallschirmtruppe einging. Zunächst begann die Ausbildung in Wittstock, nordöstlich von Berlin, später in Stendal. Nach sechs Wochen Rekruten-Ausbildung erfolgte die Verlegung zur „Sprungschule Braunschweig“, wo er die Fallschirmspringer-Ausbildung absolvierte. Innerhalb weniger Wochen kam er auf diverse Truppenübungsplätze zwischen Magdeburg und Grafenwöhr i.d. Oberpfalz.

Im Rahmen einer größeren Geländeübung gelangte die Truppe eines Tages nach Storkau, wo sich in einem ehemaligen Gutshof eine Führerinnen-Schule des weiblichen RAD befand. Dort wurde im November 1940 ein „Kameradschafts-Abend“ veranstaltet, bei dem sich Ingeborg Kruse und Hans Stutz durch Zufall begegneten.

Aus den Lebenserinnerungen von Inge Kruse

Bruder Helmut, Mutter Margarete und Ingeborg Kruse (Talsperre bei Krummhübel, Riesengebirge)

Frühe Kindheit

Vom Umzug von Berlin nach Breslau im Februar 1923 weiß ich nichts mehr. Wegen der Wohnraum-Knappheit hatten wir diese Wohnung nur im Tausch bekommen können. Sie war nicht gerade ideal gelegen, täglich – Tag und Nacht – brausten ca. 300 Züge daran vorbei. Die Fensterbretter waren immer dick von einer Rußschicht bedeckt, denn die Züge hatten ja alle noch Dampfloks, die mit Kohle beheizt wurden. Die Bahnlinie von Breslau nach Berlin verlief auf einem hohen Damm, wo sich unzählige Ratten tummelten, und der mit dichtem Brombeergestrüpp bewachsen war. Zwischen dem Damm und dem Haus lag ein schmaler Hof, wo wir aber nicht spielen durften, sondern immer wieder vertrieben wurden. Auf die Straße durften und konnten wir nicht, da der Verkehr – für damalige Verhältnisse – recht groß war. Es fuhren viele Lastwagen, und täglich kam eine große Anzahl von Pferdefuhrwerken vorbei. So hatten wir draußen nicht viel Spielraum, wenn nicht unsere Mutti oder das Mädchen mit uns spazieren gingen, und es blieb deshalb nicht aus, daß wir ab und zu auf dumme Gedanken kamen. Unsere Wohnung lag im 2. Stockwerk. Ein beliebtes Spiel war auch das Runterrutschen auf dem Treppengeländer. Da das oft nicht ganz geräuschlos vor sich ging, gab es dann immer bald Ärger!

Unter unserem Balkon befand sich eine ganz kleine Anlage mit Sandkasten und Bänken – aber spielen durften wir dort auch nicht. Denn auf den Bänken saßen ständig ältere Leute, die uns davon jagten. Das erboste uns natürlich, und so kamen wir auf die Idee, diese Leute zu „ärgern“. Wir gossen z.B. Wasser herunter, oder wir ließen an einem Bindfaden irgendwelche Dinge herab, die wir vor ihren Köpfen herum baumeln ließen. Es kamen dann auch Beschwerden, und wir mussten wieder „brav“ sein! Eine Zeitlang tobten wir auch in den Kellergängen herum, die sich unter zwei aneinandergebauten Häusern hinzogen. Das war sehr gruselig, denn es gab damals im Keller noch kein elektrisches Licht. Wenn man im Keller etwas holen wollte, so nahm man eine Kerze mit, mit der so mancher Hausbewohner schon „herrliche“ Rußbilder an die Decken gemalt hatte.

Im ganzen Haus war zunächst noch Gasbeleuchtung (ca. 1925), später wurden dann elektrische Leitungen auf Putz verlegt. In meiner „bewußten“ Zeit bin ich also schon mit elektrischem Licht aufgewachsen. Aber Gas-Straßenlaternen gab es noch sehr lange, und ich sehe noch heute die „Gasanzünder“ vor mir: Männer, die mit langen Stangen durch die Straßen gingen und von unten eine Laterne nach der anderen anzündeten.

Da mein Vater sehr fortschrittlich eingestellt war, hatten wir auch schon sehr früh einen Radio-Apparat, der aus einem Detektor und einem riesigen Trichter bestand und durch Akkus betrieben wurde. Diese Akkus mussten von Zeit zu Zeit aufgeladen werden, und wir Kinder mussten sie zu diesem Zweck in irgendeine Werkstatt bringen. In unserer Wohnung befand sich zwar schon ein Bad, aber in dem standen nur eine Badewanne auf schön geschwungenen Beinen und ein Kohlebadeofen, der einmal in der Woche zum Baden aufgeheizt wurde. Gewaschen hat man sich im Schlafzimmer. Dort stand eine Waschkommode mit einer großen Porzellanschüssel und einem ebensolchen Krug mit kaltem Wasser.

Eine Erinnerung habe ich noch an die Geburt meines Bruders im Jahre 1924. Es war, wie damals üblich, eine Hausgeburt. Und als das Ereignis eingetreten war, kam man mitten in der Nacht in mein Zimmer, um mir die Neuigkeit mitzuteilen. „Inge, Du hast ein Brüderchen bekommen“, worauf ich, noch ganz schlaftrunken, antwortet: „Ausgerechnet Bananen!“ Das war damals ein gängiger Schlager, den ich, noch nicht ganz vierjährig, von einem unserer Mädchen gelernt hatte.

Schulzeit

Meine Eltern schickten mich in die „Privatschule Wohl“, die nur vier Grundschulklassen umfaßte, also eine Vorbereitungsschule für das Gymnasium war. Die Klassen waren sehr klein, nicht mehr als 10 bis 11 Schüler, Buben und Mädchen gemischt. Es wurde recht modern unterrichtet mit Knet, Hölzchen und anderem Anschauungsmaterial. Es wurde auch viel Theater gespielt, wobei ich bei meiner Rolle oft steckenblieb! Die Leiterin der Schule war Jüdin, eine gute Pädagogin und aus meiner kindlichen Sicht schon „sehr alt“! Ich hatte auch viele jüdische Mitschüler, die fast alle sehr intelligent waren. Der Übergang ins Gymnasium klappte ohne Schwierigkeiten, da wir sehr gründlich vorbereitet waren. Wir mussten auch keine Prüfung ablegen.

Allmählich wurden die politischen Spannungen immer größer. Gerade in einer solch großen Stadt (etwa 600.000 Einwohner) gab es natürlich auch sehr viele Kommunisten, die ganz in unserer Nähe häufig Versammlungen im Winter-Gebäude vom Zirkus Busch abhielten. Es war uns streng verboten, in dieser Gegend umherzustreifen, weil es dort oft zu Schießereien unter politischen Gegnern kam. Aber einmal siegte die Neugierde. Und es wurde wirklich geschossen! Irgendwie sind wir heil wieder heimgekommen, aber wir sind auch gerannt wie gejagte Hasen.

1929 war ein ganz besonders strenger Winter, in dem die große, breite Oder gänzlich zugefroren war, sodaß sogar Autos auf dem Eis umherfahren konnten. Riesige Eisschollen türmten sich an einigen Stellen, und wir Stadtkinder konnten sogar mitten in der Stadt Schlittenfahren. Der Stadtgraben, der die ganze Altstadt umschloß, war fast jedes Jahr zugefroren, und so ging ich, circa sieben bis acht Jahre alt, oft dorthin zum Schlittschuhlaufen. Ich brachte es aber nie zu großem Können, denn als ich aus den ersten Schlittschuhen herausgewachsen war, fehlte meinen Eltern das Geld, um mir neue zu kaufen.

Aber ich ging ab meinem sechsten Lebensjahr sehr oft zum Schwimmen ins Hallenbad, immer alleine, denn ab dem Schulalter mussten wir sehr selbständig sein und uns alleine „durchbeißen“. Dort im Hallenbad brachte ich mir selbst das Schwimmen bei; einen Schwimmunterricht hielt mein Vater nicht für notwendig.

So kam ich dann also mit zehn Jahren in die „Augusta-Schule – Lyzeum und Studienanstalt“. Die Augusta-Schule war auch das Mädchen-Gymnasium der Stadt, und „man“ hatte seinen Ehrgeiz! Zuerst ging es recht gut, bis mich im Sommer des ersten Schuljahres (Sexta) eine böse Krankheit befiel. Ich war ziemlich lange krank, versäumte viel in der Schule, aber ich erreichte das Klassenziel trotzdem. Als weitere Sorge für meine Eltern kam, neben meiner Krankheit, dazu, daß sich in dieser Zeit gerade die Weltwirtschaftskrise entwickelte (1929-1932) und mein Vater in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Das ging auch an uns Kindern nicht spurlos vorbei, denn die gedrückte Stimmung spürten wir natürlich auch. Zudem musste ich nun um Schulgeld-Ermäßigung einkommen, was mir schrecklich peinlich war. Leider ließen mich einige Lehrer auch spüren, daß ich nun zu den „Armen“ gehörte. Inzwischen hatte mein Vater Konkurs anmelden müssen; wir gaben die große teure Wohnung auf und zogen in den Vorort Breslau-Oswitz, wo es zwar etwas enger wurde, aber wir wohnten im Grünen und hatten einen kleinen Garten. Im 2. Schuljahr (Quinta) brach meine Krankheit wieder aus. Mein Vater beschloß, mich für ein Jahr vom Schulunterricht befreien zu lassen, damit meine Krankheit auskuriert werden konnte.

Ich konnte zum nächsten Frühjahr (1933) wieder zur Schule gehen, und zwar in die Katharinen-Mittelschule (Realschule). In dieser neuen Schule hatte ich einen sehr guten Deutschlehrer. Wir mochten uns wohl beide, und ich habe sehr viel bei ihm gelernt. Er ließ mich immer „Buch-Aufsätze“ anfertigen, d.h. wir mussten zu dem Aufsatz auch Bilder malen, oder passende Bilder oder Zeitungsausschnitte einkleben. Das Ganze mussten wir dann selber zu einem Buch binden. Diese Gestaltung lag mir sehr, und ich bekam für meine „Werke“ fast immer eine Eins.

Die Turnlehrerin war schon sehr alt. Sie selber konnte ja nicht mehr gut turnen, und so berief sie immer eine „Vorturnerin“, die uns die Übungen vormachen musste. Zum Glück bekamen wir bald eine junge echte Sportlehrerin, bei der es viel mehr Spaß machte, und die uns endlich wirklichen Sport beibrachte. Für diese Lehrerin habe ich regelrecht geschwärmt und auch noch jahrelang mit ihr in brieflichem Kontakt gestanden.

Inzwischen war auch das „3. Reich“ am 30.1.1933 über uns gekommen. Schon in den Monaten, als ich noch „Schulfreie“ war, kam irgendwer bei uns vorbei und fragte, ob ich nicht zu den Jungmädeln wolle (10 bis 14-jährige). In Oswitz hatte ich noch fast gar keine Freundinnen, und nach dem langen Alleinsein wollte ich so gerne wieder mit Gleichaltrigen zusammen sein.

Ich bekniete meine Eltern, und schließlich willigten sie ein. Von Anfang an war ich begeistert: Singen, Basteln, Sporttreiben und Ferienlager – das alles war nach meinem Geschmack! Und so dauerte es auch gar nicht lange, da war ich Geldverwalterin. Es mussten damals noch Beiträge bezahlt werden, und ich musste im Ort rumgehen und das Geld kassieren. Mehr als einmal haben mich manche Eltern fortgejagt, denn der Ort war sehr „rot“, und die Eltern wußten oft gar nicht, daß ihre Kinder bei unseren Heimabenden gewesen waren!!

Sehr bald wurde ich Sportwartin, dann übernahm ich eine Jungschar, und schließlich war ich als Gruppenführerin für den ganzen Ort zuständig. Die schulische Tätigkeit litt natürlich darunter, denn der „Dienst“ war mir viel wichtiger. Am Samstag wurde dann auch der „Staatsjugendtag“ eingerichtet, d.h. alle diejenigen, die am Samstag Dienst bei den Jungmädeln hatten, brauchten nicht in die Schule zu gehen, und als Führerin war ich jeden Samstag engagiert!

Herrlich war es, in der Oder zu baden! Das Wasser war für heutige Ansprüche (unterhalb einer Großstadt!) sicher nicht „rein“, denn wir kamen immer mit einer „schwarzen Halskrause“ aus dem Wasser. Doch das spielte damals keine Rolle. Der Strom war dort, wo wir badeten, sehr breit, und wir hatten strengstes Verbot, auf die andere Seite des Flusses zu schwimmen, was uns nicht hinderte, es trotzdem ab und zu zu tun. Es war einfach zu verlockend! Zum Glück haben es die Eltern nie erfahren – und es ging ja auch alles gut.

So allmählich ging die Schulzeit zu Ende, und ich sollte mich für einen Beruf entscheiden. Wahrscheinlich, weil ich meine Sportlehrerin so verehrte und auch aus Neigung, wollte ich Sportlehrerin werden. Doch mein Vater war der Ansicht, daß dies kein Beruf für eine Frau wäre, und so ging ich zunächst einmal aus „Trotz“ zum Arbeitsdienst (RAD), was damals, 1938, noch eine freiwillige Sache war.

Reichsarbeitsdienst (RAD)

Ich freute mich auf das Gemeinschaftsleben in einem Lager auf dem Lande, und auf das Helfen-Können bei den Bauern. Zu der Zeit hatten die Bäuerinnen noch schrecklich zu schuften, denn es gab ja auf den Bauernhöfen kaum Maschinen, alles musste aus eigener Kraft geleistet werden. Die Bäuerin hatte ein riesiges Päckchen Arbeit zu bewältigen, vor allem, wenn sie viele Kinder hatte. Viele Bauern konnten sich nicht genügend Knechte und Mägde leisten, denn neben den großen Gütern gab es in Schlesien auch viele mittlere und kleine Betriebe, die Hilfe dringend gebrauchen konnten, und wo wir ausschließlich eingesetzt wurden.

Am 4.4.1938 reiste ich also nach Lamsdorf/ Oberschlesien, zunächst für ein halbes Jahr.

Arbeitsdienstlager Lamsdorf 1939

Das war der Anfang meiner Arbeitsdienstzeit in einer ehemaligen Villa mit Praxis eines Arztes, und damals ahnte ich noch nicht, daß ich in dieser Institution hängenbleiben und insgesamt sechs Jahre zubringen würde.

“... Die Einkleidung ging schnell. Eine große, dicke Führerin, die Charlotte noch nicht gesehen hatte, stand in der Kleiderkammer hinter einer langen Theke, eine bereits eingekleidete Maid half ihr, und dann bekam Charlotte, ebenso wie die anderen, ein sandbraunes Kostüm, einen sandbraunen langen Wollmantel, einen Hut, eine Bluse mit langen Ärmeln, eine Bluse mit kurzen Ärmeln, ein rotes Kopftuch, Stiefel mit Metallnägeln auf der Sohle, Halbschuhe, Holzpantinen, eine Strickjacke, braun mit rot-grünem Rand, eine Umhängetasche, ein blaues Kleid, das mit Weiß und Schwarz sehr stark geflickt war, eine Schürze, eine Windjacke, zwei lange braune Unterhosen, so weit, daß Charlotte sie sich zweimal um den Bauch hätte wickeln können, außen glatt und kunstseidig, innen aufgerauht... dazu zwei Unterröcke, einen Trainingsanzug von ebensolchen Ausmaßen wie die Unterhosen, zwei Paar Wollstrümpfe, ein Paar Rechts-Links-Strümpfe, Hemden und ein wollenes Unterziehjäckchen. Das Nachthemd, kleinste Militärnummer, wurde Charlotte wieder vom Stapel genommen, weil es ganz zerschlissen war...“ [©: Sybil Gräfin Schönfeldt: "Sonderappell 1945 - Ein Mädchen berichtet", Ueberreuter Verlag, Berlin 2001]

Ingeborg Kruse in Uniform

Plakat: Schaible-RAD-Uniform

Ich kam zu einem größeren Bauern, wo ich keine allzu schwere Arbeit erledigen musste, aber bei meiner 2. Stelle (es wurde alle paar Wochen die Arbeitsstelle gewechselt), bekam ich die Not einer Kleinbäuerin mit vielen Kindern so richtig zu spüren. Dort fühlte ich mich sehr wohl, weil ich merkte, daß ich da wirklich gebraucht wurde.

Der Dienstablauf innerhalb des halben Jahres war so organisiert, daß alle Mädchen (Maiden) am Anfang nur „Innendienst“ hatten und im Lager blieben, um mit allem Notwendigen erst einmal vertraut gemacht zu werden. Danach begann der „Außendienst“, d.h. der Einsatz bei den Bauern. Aber einige Maiden blieben immer wechselweise im Lager, um zu kochen, zu putzen und die Wäsche und den Garten zu versorgen. Gelegentlich wurden auch einmal Maiden im dörflichen Kindergarten eingesetzt.

Im Sommer begann der Tag um fünf Uhr morgens, im Winter um sechs Uhr, und gleich nach dem Aufstehen gab es Frühsport, den ich haßte, so gern ich sonst Sport trieb. Aber schlaftrunken durch die Gegend zu rennen, sogar bei großer Kälte und Schnee, das gefiel mir gar nicht. Dann folgten Waschen, Anziehen und das Frühstück. Es gab damals bei uns schon Müsli und Vollkornbrot, überhaupt war es echte „Vollwertkost“ mit wenig Fleisch. Fleisch bekamen alle ausgiebig bei ihren Bauern, denn das Mittagessen wurde an der Arbeitsstelle eingenommen. Bevor wir in den Außendienst entlassen wurden, sangen wir täglich eine halbe Stunde, vorwiegend Morgen- und Wanderlieder oder sonstige Volkslieder.

Der Außendienst dauerte bis 14 Uhr, dann war eine Stunde Mittagsruhe, nachdem wir uns gereinigt hatten. Auch der Waschraum war, wie alle Räume im Lager, spartanisch eingerichtet. Jede von uns hatte eine Aluminium-Waschschüssel (die immer blitzblank sein musste!), jede hatte einen Haken für Handtücher usw., und es gab mehrere Wasserhähne nebeneinander, wo man sich das Wasser holen konnte. Auch Duschen waren in geringer Zahl vorhanden.

Waschraum

Vorbildlicher Spind

Der Nachmittag war mit den unterschiedlichsten Aktivitäten ausgefüllt: Leibeserziehung (vorwiegend Gymnastik und Spiele), längeres Singen, politischer Unterricht (im Wesentlichen das, was in der Zeitung stand), aber wir erfuhren auch allerlei über fremde Länder, wie z.B. Indien oder Japan. Das war für uns sehr interessant, denn Reisen ins Ausland waren damals nahezu unmöglich (Devisenknappheit und persönlicher Geldmangel). Wir konnten uns also nur theoretisch informieren. Nach dem Abendessen ging es dann meist recht lustig zu: Putz- und Flickstunde mit Vorlesen – mit Radio war nicht zu rechnen – Volkstanz, oder es wurde ein Theaterstück für den nächsten Bauernabend eingeübt. Es wurde auch viel gebastelt, z.B. für Ostern oder Weihnachten. Um 21 Uhr war Bettruhe. Doch war es da oft noch recht lange unruhig, denn wenn bis zu 12 Personen in einer „Kameradschaft“ beisammen waren, gab es viel zu erzählen und zu lachen – bis eine Führerin für Ordnung sorgte!

Ich fühlte mich also sehr wohl in diesem Kreis und beschloß, ein zweites Halbjahr anzuschließen und „Kameradschaftsälteste“ zu werden. Ich blieb zunächst in Lamsdorf, besuchte einen Kurs und wurde „Gesundheitshelferin“ im Lager, d.h. ich war für die Krankenstube und die Medikamentenausgabe, sowie für alle Unfälle und Verletzungen zuständig. Diese 1.-Hilfe-Kurse wurden im Laufe meiner Dienstzeit von Zeit zu Zeit durch eine Ärztin wiederholt, auch Prüfungen mussten wir über uns ergehen lassen. Schließlich entschloß ich mich, beim Arbeitsdienst zu bleiben, zumal ich auch erfahren hatte, daß man unter bestimmten Bedingungen eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin im Rahmen des Außendienstes machen könne. So wurde ich am 31.1.1939 in ein Führerinnen-Vorbereitungslager nach Breslau-Zimpel versetzt.

Arbeitsdienstlager Breslau-Zimpel 1939

Aber dort war ich nur wenige Tage, denn plötzlich tauchte mein Vater auf und holte mich einfach ab, da meine Mutter krank war. Dieses „Abmelden“ ging damals noch ziemlich problemlos, da der Arbeitsdienst ja noch „freiwillig“ war, außerdem hatte mein Vater ein großes Durchsetzungsvermögen. Ich war wie betäubt, und nur widerwillig folgte ich ihm nach Braunschweig, und der Abschied fiel mir sehr schwer. Später erfuhr ich dann, daß ich genau an meinem Entlassungstag zur Jungführerin befördert worden war.

Wir fuhren also mit unserem Auto gen Braunschweig, wohin meine Eltern vor ein paar Wochen gezogen waren. Die fremde Umgebung und die Einsamkeit führten wohl bei meiner Mutter zu Depressionen, aber als ich dann aufkreuzte, lebte sie auf und war bald wieder in guter, gewohnter Verfassung.

Mein Vater war ja der Leiter vom „Gemeinschaftslager Volkswagenwerk“ geworden. In diesem Lager wohnten die Arbeiter, die das Volkswagenwerk bauten. Dort boten sich nun mannigfache Möglichkeiten zum „Probieren“. Zuerst ging ich ins Fotolabor. Diese Arbeit machte mir viel Freude, zumal die Fotografin und ich zum Fotografieren auch in den entstehenden Bauwerken herumsteigen durften, um den Fortgang der Baumaßnahmen zu dokumentieren. Das war so ein bißchen Abenteuer! Die Arbeit in der Dunkelkammer war mitunter nicht so schön, besonders wenn sie sich über viele Stunden erstreckte.

Nach ein paar Monaten kam ich in die Dokumentationsabteilung, wo ich Fotoalben für Besucher, Gäste und Prominente zusammenstellen musste, in denen die Entstehung des Werkes und das Leben im Lager dargestellt waren. Das war nun ganz nach meinem Sinn! Aber mein Vater war unerbittlich: Ich musste weiterwandern in die Kantinenverwaltung.

In diese Zeit fiel der Kriegsbeginn. Viele Männer wurden eingezogen, und keiner durfte mehr seine Stelle wechseln, d.h. ich hätte bis zum Kriegsende (wann?) dort, an dieser Stelle weiterarbeiten müssen. Dieser Gedanke war mir unerträglich, und so meldete ich mich kurzentschlossen wieder zum Arbeitsdienst, denn ein Wechsel dorthin war möglich; meiner Mutter ging es ja wieder gut. Als ich meinen Eltern meinen Entschluß bekanntgab, trugen sie es mit Fassung, und mein Vater erhob keinen Einspruch, obwohl man damals ja erst mit 21 Jahren volljährig war, und ich war gerade erst 19 geworden.

So ging es im Frühjahr wieder zurück ins schöne Schlesien, und am 1.4.1940 wurde ich nach Hierlshagen eingezogen. Das Lager bestand aus Baracken (in Lamsdorf hatten wir ein „festes“ Haus), und ich wurde gleich als Jungführerin eingesetzt, bekam auch ein eigenes Zimmer, was ich sehr genoß.

Als Jungführerin war man in einem Zwischenstadium, in dem man den Führerinnen, je nach Bedarf, zur Hand ging. Auch als Gesundheitshelferin war ich wieder eingesetzt. Aber im Herbst wurde ich dann auf eine Führerinnenschule geschickt. Diese war im Schloss Storkau bei Stendal untergebracht.

Das Storkauer Gebäude war ein großer, langgestreckter Bau, der direkt an der Elbe lag. Er hatte über 100 Zimmer, große Speise- und Schulungsräume waren vorhanden, und im Eingangsbereich befand sich eine große, ovale Halle mit guter Akustik. Deshalb wurde dort auch gesungen, und Konzerte fanden hier statt.

Die Ausbildung war vielseitig. Wir wurden zunächst als Verwalterin und Wirtschaftsgehilfin (Hauswirtschaft) ausgebildet und entschieden uns erst zum Ende des Lehrgangs für eine dieser beiden Sparten. Ich musste also, obwohl ich Verwalterin werden wollte, einmal die Leitung der Großküche übernehmen (für ca. 120 Personen), obgleich ich damals vom Kochen noch fast nichts verstand. Ansonsten wurden wir theoretisch in allen im Lager später vorkommenden Gebieten unterrichtet, auch Psychologie, Organisation und Lehrproben standen auf dem Programm, und die Praxis (Haus- und Küchendienst, Waschküche, Garten) kam auch nicht zu kurz. Es war eine fruchtbare und arbeitsreiche Zeit.

Im Winter 1940/1941 haben wir in dem „Schloß“ jämmerlich gefroren, denn es gab zu wenig Kohlen, und der Riesenbau verschlang Unmengen von Brennstoff. Damals wurde die Parole ausgegeben: „Frieren ist Charakterstärke!“

Die Monate vergingen, und nach der Abschlußprüfung und einem schönen Abschiedsfest, bei dem jede Teilnehmerin von mir mit einem kurzen Vers bedacht wurde, kehrte ich nach Schlesien zurück, um dort als Verwalterin tätig zu werden.

Kennenlernen (November 1940)

Aber auch den Freuden des Lebens waren wir, trotz Krieg, nicht abhold. So kam ja auch das Fest mit den Fallschirmjägern, die im nahen Stendal stationiert waren, zustande. Hans Stutz und ich hatten uns den ganzen Abend bestens miteinander unterhalten und viel getanzt, aber erst im letzten Augenblick vor dem Abschied kamen wir auf die Idee, Namen und Adressen auszutauschen. Aber zu sehen bekamen wir uns in den folgenden Monaten nicht mehr, weil wir beide terminlich so eingespannt waren, sodaß ein gemeinsamer Termin für ein Treffen fast ein ganzes Jahr nicht mehr gefunden werden konnte. Doch wir schrieben uns wenigstens Briefe, die ja lange Jahre fast unsere einzige Kommunikationsmöglichkeit blieben.

Aus den Lebenserinnerungen von Hans Stutz

Hans Stutz, 1941 in Stendal

Kindheit und Schulzeit

Mein Vater Hermann wurde als Ältester 1883 in St. Blasien/Baden geboren. Er erlernte den Beruf des Eisenwaren-Kaufmanns und war unter anderem auch in Tübingen tätig. Dort lernte er, kurz vor dem 1. Weltkrieg, meine Mutter Lina kennen.

Die Familie meiner Mutter stammt aus Tübingen und Umgebung; die Vorfahren waren teils Bauern bzw. Weingärtner, teils Handwerker.

Meine Mutter Lina wurde 1886 geboren, lernte das Damenschneider-Handwerk und übte diese Tätigkeit viele Jahre als Hausschneiderin bei vielen Tübinger Familien aus.

Aus kriegsbedingten Gründen konnten meine Eltern natürlich auch keinen eigenen Hausstand gründen. Meine Mutter arbeitete in dieser Zeit also weiterhin als Schneiderin in Tübingen und wohnte nach wie vor im elterlichen Haus. Wegen einer nicht ausgeheilten TB (Tuberkulose)