Wut, Schuld & Scham - Liv Larsson - E-Book

Wut, Schuld & Scham E-Book

Liv Larsson

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Beschreibung

Hinter dem Empfinden von Wut und Schuld verbergen sich oft ein Gefühl der Scham und eine Sehnsucht, respektvoll behandelt zu werden. Um unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen, sollten wir also unsere Wut und unsere Schuldgefühle hinterfragen und uns mit der darunterliegenden Scham vertraut machen. Scham, Schuld und Wut spielen eine große Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation und sind ein wichtiger Schlüssel zu unserem Inneren. Daher ist es sinnvoll, sich mit diesen als negativ empfundenen Gefühlen anzufreunden und zu ganz neuen Einsichten zu gelangen. Es ist der Autorin außerdem ein Anliegen zu zeigen, wie eng Scham, Schuld und Wut zusammenhängen. Diese Gefühle beruhen auf Denkweisen, die wir Menschen in den vergangenen 8000 Jahren entwickelt haben. Sie sind demnach ein Resultat des Dominanzsystems, in dem wir sozialisiert wurden. Erst wenn wir dieses System von Grund auf neu definieren, können wir auch unsere Art zu leben wirklich verändern.

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Seitenzahl: 310

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Liv LarssonWut, Schuld und SchamDrei Seiten der gleichen Medaille

Copyright © der deutschen Ausgabe: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Paderborn 2012 © der Originalausgabe: Liv Larson, 2010. Die schwedische Originalausgabe ist unter dem Titel „Ilska, skuld & skam. Tre sidor av samma mynt“ im Verlag Friare Liv konsult erschienen. [email protected], www.friareliv.se.

Übersetzung: Judith Momo Henke

Coverbild: © Claudia Dewald – iStockPhoto.com

Covergestaltung/Reihenentwurf: Christian Tschepp

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2012

Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn

ISBN der Printausgabe 978-3-87387-779-5 ISBN dieses eBooks: 978-3-87387-877-8

Vorwort der Autorin

Mein Lebensgefährte und ich ziehen uns manchmal gegenseitig mit Situationen auf, in denen einer von uns gehörig in Rage geraten ist. Erstaunlicherweise können wir uns jedoch einige Zeit später selten daran erinnern, worüber wir gestritten haben, was also der eigentliche Grund unseres Ärgers war. Wir wissen noch genau, welche Schimpfworte wir einander an den Kopf geworfen haben und zu welchen – im Nachhinein wenig schmeichelhaften – Handlungen wir uns haben hinreißen lassen. Nur der ursprüngliche Auslöser der Wut ist nach kurzer Zeit vergessen, obwohl er uns in dem Moment, als der Streit in vollem Gange war, als die wichtigste Sache der Welt erschien. Jeder von uns war so bemüht, den eigenen Standpunkt anzuführen und „recht“ zu bekommen, dass wir sogar bereit waren, durch Worte oder Taten gewalttätig zu werden. Wenn wir hinterher der Ursache unseres Streits auf den Grund gegangen sind, mussten wir oft feststellen, dass es im Kern eigentlich um etwas ganz anderes gegangen war: um Autonomie, Mitbestimmung, Fürsorge und gegenseitigen Respekt.

Langsam, Schritt für Schritt, ist mir etwas bewusst geworden: Wenn ich andere für meine Gefühle verantwortlich mache, entgeht mir eine Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und zu lernen. Statt meine Kraft dadurch zu verschwenden, dass ich andere kritisiere, kann ich sie nutzen, um etwas zu verändern.

Sobald wir uns also mit den Vorgängen in unserem Inneren auseinandersetzen und unsere Wut zulassen, statt sie anderen vorzuwerfen, finden wir konstruktivere Wege uns auszudrücken. Indem wir hinter unseren Gefühlen unsere innersten Bedürfnisse erkennen, können wir Türen zu neuen Formen des Dialogs aufstoßen. So machen wir es uns leichter, unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer wirklich zu befriedigen. Wenn in einem Konflikt beide Parteien ihr Anliegen äußern können und niemand zurückstecken muss, wird sich das positiv auf all unsere Beziehungen auswirken.

Während der Arbeit an diesem Buch ist mir klar geworden, dass sich hinter dem Empfinden von Wut und Schuld oft ein Gefühl der Scham verbirgt und eine Sehnsucht danach, respektvoll behandelt zu werden. Um unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen, sollten wir also unsere Wut und unsere Schuldgefühle hinterfragen und uns mit der darunterliegenden Scham vertraut machen. Nachdem mir diese Zusammenhänge bewusst geworden sind, habe ich mich besonders intensiv mit der Scham auseinandergesetzt, da der Umgang mit unserer Scham auch unseren Umgang mit Wut und Schuldgefühlen stark beeinflusst.

Erst mehrere Jahre nach meinem ersten Kurs in Gewaltfreier Kommunikation (GFK) verstand ich in vollem Umfang, was Marshall Rosenberg (der Begründer der GFK) meint, wenn er sagt: „Versuche niemals, Scham und Schuld auszuweichen.“ Nachdem ich eine Zeit lang über diese Zeilen nachgedacht hatte, wurde mir klar, welch große Rolle Scham, Schuld und Wut in der zwischenmenschlichen Kommunikation spielen und wie wichtig sie als Schlüssel zu unserem Inneren sind.

Als ich mich intensiver mit der Scham beschäftigte und begann, den Bedürfniskompass anzuwenden, den ich in Kapitel 5 beschreibe, bekam ich ein weiteres Werkzeug an die Hand, um mich mit meiner Scham, meiner Schuld und meinem Ärger anzufreunden. Ich hatte sogar die Chance, an den Erlebnissen anderer (zum Beispiel meiner Kursteilnehmer) bei der Anwendung des Bedürfniskompasses teilzuhaben und war fasziniert von ihren Einsichten: Sie erkannten, wie typische Verhaltensweisen (Machtbestreben, ein Schwarzweißdenken in den Kategorien „schuldig“ und „nicht schuldig“ sowie Unterwerfung bzw. Widerstand) unser Leben und unsere Kommunikationsfähigkeit beeinflussen.

Mit diesem Buch möchte ich Ihnen zeigen, dass es gar nicht so schwer ist, einige Schritte in eine neue Richtung zu tun und das Leben zu leben, das Sie sich wünschen. Sie werden hoffentlich feststellen, dass jeder Augenblick die Möglichkeit birgt, einen tieferen Kontakt zu Ihrem Inneren herzustellen. Die Gefühle von Scham, Schuld und Wut können Ihnen treue Freunde in Ihrem Vorhaben sein, sich besser kennenzulernen.

Außerdem hoffe ich verdeutlichen zu können, wie eng Scham, Schuld und Wut zusammenhängen. Diese Gefühle beruhen auf Denkweisen, die wir Menschen in den vergangenen 8000 Jahren entwickelt haben. Auch wenn dieses Buch größtenteils davon handelt, wie Sie als Individuum mit Ihrer Wut, Ihrer Schuld und Ihrer Scham effektiver umgehen können, sehe ich diese Gefühle in erster Linie als Resultat des Dominanzsystems an, in dem wir sozialisiert wurden. Erst wenn wir dieses System an der Basis neu definieren, können wir auch unsere Art zu leben wirklich verändern. Ich bin zuversichtlich, dass wir so unser Menschenbild und die gesamte Gesellschaftsstruktur nach und nach weiterentwickeln können, hin zu einem lebenswerteren Miteinander.

Jemand, der heute geboren wird und dieses Buch in 30 Jahren liest, wird sich vielleicht wundern: Womit wir uns heute beschäftigen und was wir anhand verschiedener Methoden und Werkzeuge erst noch erlernen, wird ihm oder ihr – so hoffe ich – ganz einfach und natürlich erscheinen.

Piteå im Mai 2010Liv Larsson

1. Scham, Schuld und Wut

1.1 Scham, Schuld und Wut

„Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben.“

Albert Einstein

Mein Interesse an Wut, Schuld und Scham wurde geweckt, als ich Folgendes bemerkte: Dass es oft herausfordernd ist, mit diesen Gefühlen umzugehen, liegt an einer bestimmten Art zu denken. Diese Denkweise findet sich in den meisten heutigen Kulturen und kann daher als eine übergreifende „Kultur innerhalb der Kulturen“ angesehen werden. Hinter diesem Denken verstecken sich Gefühle und Bedürfnisse, die wir manchmal vergessen, da wir eher damit beschäftigt sind, die Dinge in „richtig“ und „falsch“ einzuteilen, als darauf zu achten, was wir tatsächlich brauchen. Das Ermutigende daran ist: Wenn wir uns diese Zusammenhänge bewusst machen, können wir neue Denk- und Verhaltensweisen entwickeln.

Die Annahmen, auf denen dieses Buch begründet ist, sind folgende:

Scham, Schuld und Wut sind im Grunde lebensdienliche Signale.

Wir haben diese Signale bislang missverstanden.

Wir müssen sie neu interpretieren, um sie konstruktiv nutzen zu können.

Solange wir nach jemandem suchen, dem wir die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle aufbürden können, wird uns die wichtige Botschaft dieser Gefühle entgehen. Daher sollten wir uns klarmachen, dass wir Scham, Schuld und Wut bislang falsch interpretiert haben und nun nach neuen Deutungen suchen. Wenn wir die Bedürfnisse hinter diesen Gefühlszuständen wahrnehmen, wird es leichter werden, mit unserer Wut, unserer Schuld und unserer Scham umzugehen. Denn haben wir einmal den Kontakt zu unseren Bedürfnissen hergestellt, werden belastende Gefühle plötzlich zu Wegweisern, die uns dabei unterstützen, Kontakt mit uns selbst und anderen aufzunehmen.

Was das Erforschen von Wut, Schuld und Scham so interessant macht, ist die enge Verknüpfung dieser Gefühle mit unseren gelernten Urteilen darüber, was richtig und was falsch, was passend und was unpassend, was unnormal und was normal ist. Man kann diese Gefühlszustände als „Restprodukte“ einer Lebensweise bezeichnen, die nicht an unsere tatsächlichen Lebensumstände angepasst ist. Im Kern dieser Restprodukte finden sich natürliche Gefühle und Bedürfnisse.

Wut, Scham und Schuld sind nützliche Signale dafür, dass wir uns Denkmuster zu eigen gemacht haben, die nicht lebensdienlich sind und daher unvermeidlich diese Restprodukte hervorbringen. Wir profitieren also davon, diese Gefühle ganz bewusst wahrzunehmen, denn sie machen uns darauf aufmerksam, auf welchem System sie basieren, und zeigen uns, wie wir von den Glaubenssätzen dieses Systems beeinflusst werden.

Vielleicht sind wir der Ansicht, dass jeder Einzelne lernen muss, mit seiner Wut, Schuld und Scham umzugehen. Oder aber wir machen das System für diese Gefühle verantwortlich. Viel interessanter ist jedoch, dass diese Gefühle uns verraten können, wie wir Veränderungen bewirken und unsere Lebensweise umstellen können, damit uns diese „Restprodukte“ weniger zu schaffen machen. Wie können wir in unserem eigenen Inneren, aber auch in Familien, Schulen und anderen Gesellschaftsstrukturen, ein lebensdienlicheres Klima gestalten? Ein erster Schritt wäre es, eine Sprache zu entwickeln, die uns eher auf die inneren Prozesse von Menschen aufmerksam macht, statt auf „richtig“ und „falsch“ zu pochen. So könnten wir beginnen, auf eine Weise zu leben, die die Bedürfnisse aller im Blick behält.

1.2 Wie unsere Denkmuster Probleme hervorrufen

Im Kern jeden Ärgers findet sich ein Bedürfnis, das nicht erfüllt ist.So kann Ärger sehr wertvoll sein, wenn wir ihn als Wecker nehmen, der uns aufweckt – um zu realisieren, dass wir ein unerfülltes Bedürfnis haben und dass unsere Art zu denken dessen Erfüllung unwahrscheinlich macht.

Marshall Rosenberg[1]

Immer wieder begegnen uns Ärger, Scham und Schuld als Probleme, als etwas Unangenehmes, dem wir lieber ausweichen möchten. Stellen Sie sich jemanden vor, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, im Bett zu rauchen. Jedes Mal wenn das Bett brennt und der Rauchmelder losgeht, zieht diese Person völlig entnervt in ein neues Haus. Genau das tun wir, wenn wir Ärger, Scham und Schuld um jeden Preis vermeiden wollen. Statt unsere Energie darauf zu verwenden, diese Gefühle loszuwerden, können wir sie als einen inneren Feuermelder betrachten, der uns mitteilt, dass es irgendwo „brennt“. Sie signalisieren, dass wir besonders aufmerksam sein sollten – und zwar nicht gegenüber den Gefühlen selbst oder dem Wunsch, sie loszuwerden, sondern gegenüber dem, was sie uns mitteilen wollen.

Ärger, Scham und Schuld signalisieren, dass unerfüllte Bedürfnisse in uns schlummern. Die Denkmuster, die diese Gefühle hervorrufen, helfen uns jedoch selten dabei, auch die dahintersteckenden Bedürfnisse wahrzunehmen und zu erfüllen. Im Gegenteil, sie lenken uns sogar davon ab, denn meist suchen wir fieberhaft nach einem Schuldigen, statt zu ergründen, was wir in diesem Moment tatsächlich brauchen.

Scham und Schuld leben von Denkmustern, die uns sagen, dass wir „schlecht“ sind, dass wir etwas „falsch“ gemacht haben und uns eigentlich anders verhalten sollten. Und wenn wir es leid sind, uns selbst die Schuld zu geben, wechseln wir einfach die Perspektive und suchen nun den Fehler bei anderen. Dann werden wir wütend, Adrenalin strömt durch unseren Körper, wir fühlen uns vital und lebendig. Dieses pulsierende Gefühl kann uns zu dem Irrglauben verleiten, wir seien ganz nah am Leben selbst, dabei sind wir nicht einmal in Kontakt mit unseren innersten, lebensbejahenden Bedürfnissen. Da wir unsere tatsächlichen Bedürfnisse nicht wahrnehmen, laufen wir Gefahr, auf eine Weise zu handeln, die weder uns noch anderen auf Dauer zugutekommt.

Waren wir eine Weile ärgerlich, pendeln wir häufig wieder zurück zu Schuld- oder Schamgefühlen – besonders wenn wir verinnerlicht haben, dass es falsch ist, Wut zu empfinden. Haben wir gedroht, beschuldigt, Forderungen gestellt oder unserem Gegenüber auf andere Art gezeigt, was wir an seinem oder ihrem Verhalten falsch finden, schämen wir uns häufig, suchen die Fehler wieder bei uns selbst – und finden sie auch. Wir glauben dann, uns unpassend, unreif und unvorsichtig verhalten zu haben oder nehmen an, wir seien dumm und egoistisch.

Haben wir uns wiederum lange genug selbst traktiert und sind nicht länger in der Lage, uns für schlecht zu halten, schlägt das Pendel erneut in die andere Richtung aus. Wieder richten wir unsere Wut durch Urteile und Forderungen nach außen. Dieses Hin und Her wird schließlich zu einem Teufelskreis, aus dem wir nur schwer wieder herausfinden.

Eine Studie zur Scham von United Minds zeigt, dass wir uns am stärksten schämen, wenn wir zuvor wütend waren[2] – besonders wenn der Ärger gegen unsere Kinder gerichtet war. Der Wissenschaftler Alfie Kohn bringt diese Pendelbewegung auf den Punkt, wenn er ein Elternteil folgendermaßen zitiert: „Ich erlaube meinen Kindern alles, bis ich sie nicht mehr ausstehen kann; dann werde ich so autoritär, dass ich mich selbst nicht ausstehen kann.“[3]

Wenn sie untersuchen würden, in welchem Ausmaß Gewalt zwischen Menschen mit Ärger beginnt, wären die meisten Menschen über das Ergebnis erstaunt. Sie würden nämlich entdecken, dass Wut trotz der ihr innewohnenden Explosivität und entgegen allen Vermutungen gar nicht der Gefühlszustand ist, der am häufigsten zu Gewalt führt. Ich behaupte, dass hinter den Gewalttaten der Menschen immer ein demütigendes Erlebnis steckt und dass einige der allen Menschen gemeinsamen Bedürfnisse (meist Respekt oder Akzeptanz) nicht erfüllt worden sind. Niemand dreht durch und wird gewalttätig, ohne sich zuvor auf irgendeine Art und Weise gekränkt gefühlt zu haben. Wir wissen nicht, wie wir die Scham und die Demütigung aushalten sollen, sodass sogar Gewalt zur Option wird. Ein Krieg ist kein Ausdruck explosiver Wut, sondern wurde meist zuvor strategisch durchdacht. Offiziere, die in Kriegssituationen aus einer starken Wut heraus agieren, werden hinterher häufig degradiert oder auf andere Weise bestraft. Männer, die ihre Lebenspartnerinnen schlagen, planen häufig genau, wann und wie sie das tun werden. Selten resultiert diese Gewalt aus einem plötzlichen Wutausbruch.[4]

1.3 Probleme oder Möglichkeiten

Du sollst deinen Göttern danken für den harten Zwang, da du ohne Fußspur irrst auf deinem Gang.

Du sollst deinen Göttern danken für den schweren Schlag[5], da du keine Zuflucht hast bei Nacht und Tag.

Du sollst deinen Göttern danken für die zersprengende Qual. Wirklichkeit und Kern bleibt dir nur zur Wahl.

Karin Boye[6]

Kleine Kinder sind sehr sensibel; ich sehe diese angeborene Verletzlichkeit als eine Art feinkalibrierte Scham an. Wie ein „Bedürfnis-Thermostat“, der auf unsere Umwelt reagiert, uns auf innere und äußere Zustände aufmerksam macht und uns an lebenswichtige Bedürfnisse wie gegenseitigen Respekt, Integrität und Gemeinschaft erinnert. So hilft uns die Verletzlichkeit zu lernen, wie wir in Einklang mit anderen Menschen leben können.

Erst wenn unsere natürliche Verletzlichkeit auf kulturell geprägte Denkmuster trifft, führt sie zu einem unangenehmen Schamgefühl. Vielleicht ist es an der Zeit, den Kern wechselseitig voneinander abhängiger Bedürfnisse, der sich in Gefühlen von Scham, Schuld und Wut zeigt, zurückzuerobern, statt ihn als Stolperstein auf dem Weg zum Kontakt mit anderen und mit uns selbst einfach liegen zu lassen!

1.4 Wut, Schuld und Scham in unseren Körpern

Wenn wir Scham fühlen, verliert die Muskulatur im Nacken und in den Schultern an Spannung. Das führt dazu, dass Kopf und Blick sich nach unten richten, Nacken und Schultern hängen. Scham kann auch Hitze und Röte im Gesicht hervorrufen. Bei starken Schamgefühlen fühlen wir häufig einen „heißen Stich“, der uns durch die Eingeweide fährt, und der Magen zieht sich zusammen. Darauf können wir ganz unterschiedlich reagieren, manchmal beginnen wir nervös zu lachen oder tragen ein eingefrorenes Lächeln im Gesicht, und manchmal verlieren wir gänzlich den Faden in einem Gespräch.

Scham kann auch in Wut umschlagen. Dann verändern sich die körperlichen Reaktionen: Kiefer und Gesichtsmuskulatur verhärten sich, das Gesicht wird rot, die Stimme lauter und wir pressen die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Diese körperlichen Reaktionen sind einerseits davon abhängig, wie stark die Wut zurückgehalten wird, andererseits sind sie Ausdruck des Ärgers selbst.

Im Gegensatz zu Wut und Scham gibt es bei den Schuldgefühlen keine typischen physischen Reaktionen, die bei allen Menschen gleich sind. Der Psychologe Silvan Tomkins erforschte menschliche Gefühlsausdrücke und fand keine spezifischen körperlichen Anzeichen für das Empfinden von Schuld.[7] Das, was wir als Schuldgefühl bezeichnen, setzt sich aus etlichen verschiedenen Gefühlen zusammen, die für sich allein messbar sind. Dennoch gibt es einige Denkmuster, die uns allen gemeinsam sind, wenn wir Schuldgefühle empfinden: Wir denken, wir sollten uns anders verhalten, als wir es tun, und dass wir es verdienen uns zu schämen, wenn wir unser Verhalten nicht ändern. Da das Wort sollte häufig zu Schuld führt, kann es uns die Augen öffnen und anzeigen, dass wir in einem bestimmten Moment Schuld fühlen.

Die Scham erdrückt uns, sodass wir nichts sagen, wenn es uns gut täte.

Die Schuld ängstigt uns, und so tun wir nicht das, was zu tun hilfreich wäre.

Die Wut macht uns blind, sodass wir Dinge tun, die wir später bereuen.

1.5 Eine veränderungsförderliche Haltung

In diesem Buch gehe ich hauptsächlich von der als Gewaltfreie Kommunikation (GFK) bezeichneten Haltung aus, um mich Scham, Schuld und Wut zu nähern. So nehme ich unter anderem an, dass jegliches menschliche Verhalten von dem Wunsch angetrieben wird, ein Bedürfnis zu befriedigen. Sogar wenn jemand beschuldigt, droht oder Gewalt anwendet, können wir das als einen – wenn auch tragischen – Versuch sehen, ein Bedürfnis zu erfüllen.[8]

Wir können die GFK anwenden, um Scham, Schuld und Wut in Gefühle umzuwandeln, die es uns leichter machen, Kontakt mit unseren Bedürfnissen aufzunehmen. Statt zu versuchen, diesen Gefühlen auszuweichen, können wir innehalten und sie mit unseren Bedürfnissen in Verbindung bringen, um so herauszufinden, was tief in unserem Inneren vorgeht. So eröffnen wir uns andere Wege, um mit Scham, Wut und Schuld umzugehen, als uns aus Beziehungen zurückzuziehen oder andere und uns selbst zu beschuldigen. Außerdem ist es dann nicht länger nötig, gegen diese Gefühle zu rebellieren und ihnen somit auszuweichen.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich seiner Scham, Schuld und Wut zu nähern. Die GFK ist die Methode, die mir bislang am meisten Hoffnung gegeben hat. Besonders ermutigend empfinde ich die Stärke der GFK, nach der natürlichen Antriebskraft hinter Wut, Schuld und Scham zu suchen, ohne von „gut“ und „schlecht“, „richtig“ oder „falsch“ zu sprechen. Wenn wir diesem Weg folgen möchten, sollten wir bereit sein, unserer Sicht auf die menschliche Natur auf den Grund zu gehen. Das gesamte dritte Kapitel widme ich daher der Beschreibung, wie die verschiedenen Bestandteile der GFK auf dieser spannenden Forschungsreise angewandt werden können.

2. Dominanzmythen im Alltag

2.1 Ausbildung zum Frieden

„Friedlich hängen wir hier in der Sonne. Wir schreiben nicht über Frieden. Auch halten wir keine Reden, erlassen keine Gesetze oder erwirtschaften Geld. Der Mutterbaum hat das Wasser so verteilt, dass es für alle reicht.

Manchmal tun die Menschen das ihre dazu. Schneiden Äste, lassen Luft und Sonne hinein. Wässern uns und behandeln uns gut. Und wir behandeln sie gut.

Vielleicht könnten die Menschen von uns lernen, in Einklang mit der Natur zu leben? Damit sie weniger streiten. Und weniger kämpfen. Wir bevölkern die Erde länger als der Mensch. Wir kennen sie besser, als sie uns kennen. Wenn sie sich weiterhin so aufführen wie jetzt, werden wir sie überleben. Wenn sie nicht dazulernen.

Aus „En Flyapelsin berättar“ von Johan und Andreas Galtung9

Viele Jahre lang argumentierte ich gegen Aussagen wie: „Man kann die menschliche Natur nicht verändern, wir sind von Natur aus gewalttätig“ und tat alles, um zu beweisen, dass ich „recht“ hatte. Ich konzentrierte mich mit aller Macht darauf, die anderen davon zu überzeugen, dass wir Menschen nicht als gewalttätige Wesen geboren werden. Die Art, wie ich das tat, hatte allerdings nicht den gewünschten Effekt, im Gegenteil: Während meine Worte etwas ganz anderes aussagten, bestätigte meine energische Argumentation eine potenzielle menschliche Gewalttätigkeit und ein Wettbewerbsdenken, sodass ich mich hinterher häufig für mich selbst schämte.

Dass wir das Potenzial zur Gewalt in uns tragen, wird deutlich, sobald wir die Nachrichten anschauen oder eine Tageszeitung lesen. Aber genauso offensichtlich besitzen wir die Fähigkeit zu Fürsorge, Wärme und Liebe. Um zu wahrhaftigem Frieden beizutragen, wäre es wichtig, unserem Vermögen zu Zusammenarbeit und gegenseitiger Fürsorge Nahrung zu geben.

Auf einer Konferenz zu diesem Thema wurde eine Referentin gefragt, ob man Menschen „zum Frieden ausbilden“ könne. Die Vortragende, die lange Zeit zum Thema Ausbildungsfragen in Israel gearbeitet hatte, gab eine Antwort, über die ich später häufig nachgedacht habe. Vereinfacht gesagt lautete sie: Wir riskieren einen Zuwachs an Gewalt, wenn wir unseren Kindern und Jugendlichen eine Sehnsucht nach Frieden vermitteln, ohne das alte Denken in Kategorien wie gut und schlecht zu verändern. Sie berichtete, dass die meisten palästinensischen und israelischen Schulen über Wege zum Frieden diskutieren. Die Kinder schreiben zum Beispiel Aufsätze über den Frieden, malen Friedenstauben und singen Friedenslieder. Auf diese Weise wird eine Sehnsucht nach friedlicher Koexistenz geweckt und aufrechterhalten. Gleichzeitig werden den Schülern (wie in den meisten anderen Schulsystemen) weiterhin Denkmuster vermittelt, die auf den Kategorien richtig und falsch beruhen. Die Schüler lernen also, dass eine Verhaltensweise schlecht und eine andere gut ist – entsprechend den Normen, die die Herrschenden aufgestellt haben. Wenn nun derart geprägte Kinder den um sie herum vorgehenden Krieg wahrnehmen, fragen sie sich, wer dafür verantwortlich ist. Wessen Fehler ist das? Wenn wir ein starkes Feindbild haben, finden wir den Fehler schnell außerhalb von uns selbst und außerhalb der Gruppe, der wir angehören. So wird eine starke Leidenschaft für den Frieden genährt, gleichzeitig aber auch ein Boden für noch mehr Gewalt geschaffen.

Um an die Wurzel unserer Gewalt zu gelangen, sollten wir uns zunächst bewusst werden, wie uns das Menschenbild beeinflusst, in dem wir „mariniert“ wurden. Es reicht nicht, die Sehnsucht nach Frieden zu wecken, darüber hinaus müssen wir alte Denksysteme verändern, die uns nicht mehr weiterbringen. In uns und um uns herum gibt es Beweise genug, dass diese Denkweisen Mythen sind – also etwas, an das zu glauben wir uns gewöhnt haben, als sei es wahr.

2.2 Unsere Mythen erschaffen unsere Welt

Vor etwa 8000 Jahren ging ein großer Teil der Menschheit dazu über, sich nicht mehr einfach als ein Element des Universums unter vielen zu sehen, sondern sich selbst ins Zentrum der Schöpfung zu rücken.10 Für diese Entwicklung gibt es vielfältige Ursachen und ich werde hier nur ein stark vereinfachtes Bild davon wiedergeben. Wenn wir Wut, Scham und Schuld verstehen wollen, ist es jedoch nützlich, zumindest ein oberflächliches Verständnis dieser Vorgänge zu haben.

In dieser Zeit veränderten sich die meisten Sprachen von prozessorientierten Sprachen hin zu eher statischen Ausdrucksformen. Wir entwickelten einen Sprachgebrauch, mit dessen Hilfe wir kategorisieren und uns mit anderen vergleichen konnten und der es leichter machte zu entscheiden, wer belohnt und wer bestraft wird. Zweck dieser Sprache war es nicht, dem Leben zu dienen, sondern die Person an der Spitze der Rangordnung – sei es nun ein König, ein Kaiser oder ein Geistlicher – zu stützen.11

Damals hörten wir Menschen auf, uns als Teil der Schöpfung anzusehen, und es begann ein langer Zeitraum, in dem wir unseren Planeten als Zentrum des Universums und den Menschen selbst als Krone der Schöpfung postulierten. Das eigentliche Ziel der Schöpfung schien der Mensch, wir sahen uns an ihrer Spitze und nahmen uns daher das Recht heraus, andere Lebensformen zu erforschen und zu beherrschen. Männer herrschten rechtmäßig über Frauen, Erwachsene über Kinder und gewisse Gruppierungen über andere.

Wir begannen sogar, das Land und die Tiere als unser Eigentum zu beanspruchen. Mythen kamen auf, die berichteten, die Erde sei durch den Sieg „böser Kräfte“ über die guten entstanden. Daraus entwickelte sich der Glaube, der Mensch, der ja dieser Erde entsprungen ist, sei von Grund auf schlecht, fehlerhaft oder böse. Doch es gab einzelne Personen, die ein bisschen besser waren als andere und die daher die Regeln festlegen und ihre Einhaltung überwachen konnten. Obwohl sich das Böse immer als ein diffuser „Anderer“ zeigte, schien es doch offensichtlich, dass der – von Natur aus schlechte, böse und egoistische Mensch – kontrolliert werden müsse, sodass niemand zu Schaden kam.

Etwas später waren wir gezwungen einzusehen (unter anderem dank der Hilfe des für seine Äußerungen stark unter Beschuss geratenen Copernicus), dass wir die Behauptung, die Erde sei das physische Zentrum des Universums, nicht länger aufrechterhalten konnten. Nach einer langen Zeit des Widerstands gegen diese Einsicht, in der wir unter anderem diejenigen töteten, die Beweise dafür anführten, dass sich die Erde tatsächlich um die Sonne drehte und nicht umgekehrt, verlagerten wir unseren Fokus auf ein nur unwesentlich verändertes Weltbild.12 Jetzt sahen wir die Erde und die Menschheit als den geistigen Mittelpunkt des Universums an.13

Die statische Sprache, an der wir seitdem festgehalten haben, schafft ein definitives und unverrückbares Bild der Welt. Es gaukelt uns vor, wir könnten definieren, wie die Dinge wirklich sind. Von dem begrenzten Horizont aus, den uns diese Sprache setzt, können wir andere Menschen schnell in normale und unnormale, gute oder schlechte einteilen und uns starre Ansichten darüber zurechtlegen, wie die Dinge sein sollten.

Und warum wurden wir so erzogen? Das ist eine lange Geschichte. Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, nur dass es vor langer Zeit mit Mythen über die menschliche Natur begann, die den Menschen als grundsätzlich böse und selbstsüchtig beschrieben – und dass ein „gutes Leben“ bedeutete, dass eine Heldenmacht die bösen Mächte bezwang. Mit dieser zerstörerischen Mythologie haben wir lange Zeit gelebt, und sie wird ergänzt durch eine entmenschlichende Sprache, die Menschen zu Objekten macht.

Marshall B. Rosenberg14

Wenn wir eine Person, die vor gut tausend Jahren Thor und die anderen nordischen Götter angebetet hat, fragen könnten:

„Würdest du bitte die Sage erzählen, wie Thor und sein Hammer den Donner machen?“, würden wir vielleicht folgende Antwort erhalten:

„Sage? Was meinst du damit? Das ist doch keine Sage, diese Dinge sind tatsächlich so geschehen!“

Jedes System braucht einen Mythos oder eine Geschichte, um zu erklären, warum die Welt aussieht wie sie aussieht und warum geschieht was geschieht. Eine Geschichte, häufig genug erzählt und im Alltag bestätigt, hört auf, eine Geschichte zu sein und wird schließlich als Wirklichkeit angenommen. Ist es erst so weit gekommen, akzeptieren Menschen diese Geschichte sogar, wenn sie deren eigenes Leben zerstört.15

Ich habe mich viele Male gefragt, welche Mythen es in unserer Zeit gibt, vor denen wir die Augen verschließen. Was könnte uns dazu bringen, ähnlich zu antworten, wie die oben genannte Person auf die Frage nach Thor? Welche Glaubensvorstellungen existieren heute, die in einigen tausend Jahren als alte Mythen bezeichnet werden? Welche Idee, die wir heute als gegeben und „wahr“ hinnehmen, wird die Menschen in tausend Jahren staunen lassen, dass wir daran glauben konnten?

Wink, Quinn, Hartmann, Clark und viele andere Autoren haben einen aktuellen Mythos beschrieben, an dem wir unser tagtägliches Handeln ausrichten: Er könnte als „Mythos, dass Gewalt heilt und Gerechtigkeit herstellt“ bezeichnet werden. Oder „Mythos, dass Gewalt Probleme löst“ oder dass „Gewalt Harmonie nach dem Chaos schafft“.16 Oder er könnte nach Eisler als Herrschaftsmythos bezeichnet werden.17

Dieser Mythos verführt zu dem Glauben, Konflikte könnten mit Gewalt gelöst werden. Das erscheint logisch, da nach ausreichend heftiger und langanhaltender Gewalt häufig eine Art Harmonie entsteht, zumindest kurzfristig. Man vergisst dabei allerdings, dass die Gewalt nach einiger Zeit meist verstärkt wieder aufflammt. Je mehr ich mich mit diesem Mythos beschäftige, desto mehr finde ich, dass Walter Wink mit folgendem Zitat seinen Kern eingefangen hat.

Der Mythos der erlösenden Gewalt ist die einfachste, faulste, spannendste, unkomplizierteste, irrationalste und primitivste Darstellung des Bösen, welche die Welt je gekannt hat. Darüber hinaus ist seine Orientierung am Bösen eine, zu der praktisch alle modernen Kinder (vor allem Jungen) im Prozess der Reifung sozialisiert werden.18

Der Mythos ist ganz einfach und gleichzeitig spannend; vielleicht ist das der Grund für seine enorme Durchschlagskraft auf der ganzen Welt. Er durchdringt alle anderen Geschichten – wie ein Code, der in bereits existierende Datenprogramme eingespeist wird. So gelingt es ihm, sich ins Kinderprogramm, den Sport und alle anderen Teile der erwachsenen Erlebniswelt einzuschleichen. Er infiltriert Filme, Märchen, Poesie, Musik, Spiele und Wettbewerbe.

In seinem Buch „Das verlorene Symbol“ lässt Dan Brown seinen Protagonisten, den Symbolforscher Robert Langdon, folgenden Schluss ziehen:

Wenn Langdon seinen Studenten die archetypischen Hybride erklärte, benutzte er gerne Märchen als Beispiel, die von Generation zu Generation weitererzählt und jedes Mal neu ausgeschmückt wurden. Dabei borgten sie so intensiv voneinander, dass sie zu homogenen Sittenstücken mit immer wiederkehrenden Elementen wurden: der jungfräulichen Maid, dem schönen Prinzen, der uneinnehmbaren Festung und dem mächtigen Zauberer. Vermittels der Märchen wird der urtümliche Konflikt zwischen „Gut“ und „Böse“ bereits in unserer Kindheit tief in uns verwurzelt: Merlin gegen Morgan le Fay, der heilige Georg gegen den Drachen, David gegen Goliath, Schneewittchen gegen die böse Stiefmutter und selbst Luke Skywalker gegen Darth Vader.19

Ich sehe diesen Mythos immer wieder und wieder aufleben, im Kleinen und im Großen, sowohl in mir selbst als auch in meiner Umgebung. Vor allem höre ich ihn in unserer Kommunikation und nehme ihn in unseren Beziehungen wahr, aber auch darin, wie wir konsumieren und wie wir uns anderen Lebewesen und unserem Planeten gegenüber verhalten.

Der Mythos lässt uns glauben, wir könnten persönliche Konflikte zufriedenstellend lösen, indem wir Gewalt in unterschiedlichster Form anwenden. Wir drohen unseren Kindern mit Bestrafungen oder verweigern ihnen Belohnungen. Wir machen unseren Partnern, Arbeitskollegen und anderen Menschen in unserem Umfeld, die sich nicht so verhalten, wie wir es von ihnen verlangen, Schuldgefühle, indem wir sie verurteilen oder Forderungen stellen. Aber wir verwenden diesen gewaltsamen Kommunikationsstil nicht nur nach außen, gegenüber anderen, sondern richten ihn auch nach innen, gegen uns selbst.

Außerdem geben wir die Vorstellung, dass Konflikte sich mit Gewalt lösen lassen, an unsere Kinder weiter. Wir haben gelernt: „Menschen müssen bestraft werden, um zu begreifen, dass sie etwas falsch gemacht haben“, „Manche lernen es nur, wenn es weh tut“ und: „Manchmal geht es eben nur mit Gewalt“.

Es liegt auf der Hand, dass Racheakte auf diesem Mythos aufbauen. Aber vielleicht ist es weniger offensichtlich, dass auch unser Erziehungsapparat sowie unser Rechtssystem in vielen Fällen nach diesem Prinzip handeln. Wenn wir wirklich darauf aus sind, auf unsere Umwelt mit anderen Mitteln als Zwang, Belohnung oder Bestrafung einzuwirken, sollten wir uns bewusst machen, wie selten Gewalt zu Harmonie führt. Erst wenn wir einsehen, wie begrenzt dieser Mythos ist, können wir seinen unzähligen Fallgruben ausweichen. Die meisten von uns sind außerordentlich gut darauf getrimmt, die Denkmuster des Mythos anzuwenden. Aber genauso wenig wie eine Person, die an den Donnergott Thor glaubte, sehen wir unsere Weltsicht als einen Mythos an.

Angesichts der lebensgefährlichen Kombination aus Hochtechnologie und Dominanzdenken, die momentan große Teile der Erde beherrscht, kann man leicht die Hoffnung verlieren. Besonders da es so offensichtlich ist, wie viel nützlicher es wäre, unsere Kinder und Jugendlichen sowie deren Erzieher zu unterstützen, statt so große Ressourcen für Waffen aufzuwenden.20 Einer vergleichenden Untersuchung militärischer und sozialer Ausgaben zufolge ließen sich mit dem Geld für eine einzige Interkontinentalrakete 50 Millionen Kinder ernähren. Aus einem UNICEF-Bericht geht hervor, dass der Preis für elf Tarnkappenbomber den Kosten für vier Jahre Grundschule für 135 Millionen Kinder entspricht. Und mit den Ausgaben für ein Atom-U-Boot könnte die Versorgung von 48 Millionen Menschen mit fließendem Wasser und Sanitäreinrichtungen gedeckt werden.21

Es steht also nicht zur Debatte, ob es Ressourcen gibt oder nicht, sondern wofür sie verwendet werden und vielleicht in allererster Linie: warum sie für diese Zwecke eingesetzt werden. Daher glaube ich, dass wir erst dann im Dienste der Bedürfnisse aller handeln können, wenn wir unser zugrundeliegendes Menschenbild geändert haben.

2.3 Schäm dich!

„Wenn eine Pflanze nicht so wächst, wie es dir gefällt, bestrafst du sie dann in der Hoffnung, dass sie besser wächst?“

Marshall Rosenberg22

In jeder Kultur und in jedem System werden Menschen auf eine Denkweise getrimmt, die eben diese Kultur oder dieses System stützt. Unsere Denkmuster wiederum prägen unsere Kommunikationsmuster. In allen Systemen gibt es eine alles umfassende Sicht auf das Leben und auf die Menschen, die Einfluss darauf hat, was wir tun und wie wir es tun.

In manchen Ländern haben Könige das Recht zu entscheiden, wer gut und wer schlecht ist; so lässt sich leicht feststellen, wer bestraft und wer belohnt wird. In anderen Ländern, Regionen und Kulturen übernehmen Zaren, Kaiser, Geistliche, Richter oder Politiker diese Funktion. Aber wesentlich ist nicht, wie man die Person an der Spitze nennt, sondern dass so ein funktionierendes System entsteht, dessen Zweck es ist, Menschen zu kontrollieren.

Bestrafung soll Menschen dazu bringen, sich zu ändern. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, Menschen würden daraus lernen, wenn sie leiden und sich selbst hassen. Will man also einem Menschen dabei helfen, sich zu verändern und sich „richtig“ zu benehmen, muss man ihn nur dazu bringen, sich zu schämen und sich für einen schlimmen Übeltäter zu halten. Bei diesem Vorhaben ist eine Sprache, die viele Worte für Beurteilungen wie zum Beispiel gut, schlecht, richtig, falsch, unnormal und inkompetent kennt, von großem Nutzen. Ordentlich „Entschuldigung“ sagen ist eines der ersten Dinge, die Kinder in diesem System lernen müssen, um zu zeigen, dass sie etwas bereuen und verstehen, dass sie etwas falsch gemacht haben.

Glaubt wirklich irgendjemand, ein Kind, das zu einer Entschuldigung gezwungen wurde, hätte allein dadurch gelernt, sich in Zukunft mehr Gedanken um andere zu machen? Mir scheint es ziemlich offensichtlich, dass das reine Aussprechen dieses Wortes nichts magisch Heilendes an sich hat. Nun haben wir nicht nur das Kind gezwungen, sich zu entschuldigen, wir haben ihm auch noch beigebracht, dass es in Ordnung ist, Entschuldigung zu sagen, obwohl man es gar nicht so meint – dass es also in Ordnung ist zu lügen. Das ganze Konzept von Belohnung und Bestrafung ist jedoch so tief in uns verwurzelt, dass es uns schwerfällt, uns eine Alternative auch nur vorzustellen.

Dagegen sehe ich es als natürliche und angeborene Fähigkeit an, zu trauern und enttäuscht zu sein, wenn wir etwas getan haben, das weder zu unserem Wohlbefinden noch zu dem eines anderen beigetragen hat. Wir können etwas betrauern, ohne uns selbst zu kritisieren, und auf diese Weise erschließen wir uns neue Handlungsmöglichkeiten.

2.4 Auf der Bühne der Dominanzkultur

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Um zu erklären, wie wir unser Wissen über das „Dominanzsystem“ konkret anwenden können, möchte ich Sie bitten, sich in der folgenden Erzählung in Annas Situation hineinzuversetzen. Die Geschichte wird immer wieder in diesem Buch auftauchen und je mehr Sie sich in Annas Situation einfühlen, desto mehr können Sie über Wut, Scham und Schuld lernen. Vielleicht fühlen Sie sich sogar an eine Gegebenheit aus Ihrem eigenen Leben erinnert.

Anna und ihre Freunde haben mehrere Jahre lang davon geträumt, zusammen ihr eigenes „Kulturcafé“ zu eröffnen. Stundenlang haben sie darüber geredet und sich die schönen Dinge ausgemalt, die in diesem Café passieren sollen. Einen Treffpunkt für Menschen wollen sie schaffen, die etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anfangen möchten. Unter anderem sollen Musik, Auftritte, Kurse, Körperbehandlungen und Vorträge angeboten werden. Außerdem soll es die Möglichkeit geben, sich einfach zu treffen und bei einer Tasse Kaffee zu plaudern. Anna ist eine derjenigen, die sich am meisten für das Projekt eingesetzt hat. Häufig hat sie ungeduldig gefragt, ob es nicht bald Zeit wäre, Nägel mit Köpfen zu machen. Als sie von einem leer stehenden Lokal gehört hat, ist sie sofort hingefahren, um es unter die Lupe zu nehmen und hinterher hat sie alle Freunde angerufen und ihnen die Vor- und Nachteile des Raumes geschildert. Je mehr sie über ihre Idee geredet haben, desto stärker hat Anna ein herrliches Gemeinschaftsgefühl erlebt. Der Gedanke, mit ihren Freunden zusammen etwas Sinnvolles tun zu dürfen, wurde stärker und stärker. In ihrem derzeitigen Job hat Anna das Angebot erhalten, für ein halbes Jahr im Ausland zu arbeiten. Diese Herausforderung hat sie angenommen und ist sofort aufgebrochen. Nach vier Monaten erhält sie Besuch von einem Bekannten aus ihrer Heimatstadt. Er erzählt, dass ihre Freunde dort gerade ein Café aufgemacht haben. Aber Anna gegenüber haben die Freunde kein Wort davon erwähnt!

Wenn wir denken, dass die anderen sich gegenüber Anna (oder gegenüber uns selbst) falsch verhalten haben und anders hätten handeln sollen, geraten wir leicht in Wut. „Sie verdienen es, bestraft zu werden. Sie müssen zumindest merken, dass sie einen Fehler gemacht haben und dass sie sich schämen sollten.“ Wenn wir anderen die Schuld in die Schuhe schieben, weil wir selbst uns über ihr Verhalten aufregen, beginnt die Wut in uns zu schwelen. Und weil wir gelernt haben, uns vom Begriff „Verdienen“ leiten zu lassen, werden Gedanken an Rache geweckt – daran, jemandem das zu geben, „was er verdient“. Daher kann Wut als ein Signal für zweierlei Dinge fungieren: Einerseits zeigt sie an, dass wir wichtige Bedürfnisse haben und dass diese nicht berücksichtigt wurden. Andererseits ist die Wut ein Indikator dafür, dass wir uns durch Verurteilungen und Gedanken an Bestrafung von unserer eigenen Verantwortung ablenken lassen. Gedanken wie: „Sie hätten daran denken müssen, wie es mir dabei geht“ und: „Sie sind Egoisten, die lernen müssen, auch auf andere Rücksicht zu nehmen“ hindern uns daran, Verantwortung für unsere eigenen Reaktionen zu übernehmen und erschweren es, unsere Bedürfnisse durch zielgerichtetes Handeln zu erfüllen.

2.5 Gewalt zwischen den Zeilen

Wir haben verinnerlicht, es sei irgendwie falsch, Wut, Scham oder Schuld zu fühlen. Das ist ein wirksamer Mechanismus, der das Dominanzsystem intakt hält. Denn wenn wir lernen, uns auf unsere Fehler zu konzentrieren, sind wir leicht zu unterdrücken.23 Die Sprache, die wir uns angeeignet haben, macht uns zu gehorsamen Sklaven. Wenn wir das ändern wollen, ist es nötig, eine andere Sprache zu entwickeln – eine, die uns Kraft gibt, unser Leben so zu leben, wie wir es uns erträumen.

Die meisten von uns sind in einem Dominanzsystem aufgewachsen: einem System, das Macht als Macht über andere versteht und nicht als Macht, die mit anderen zusammen genutzt werden kann. Es ist ein System, in dem wir die Menschen, einschließlich uns selbst, als schlecht, böse oder bedeutungslos wahrnehmen. Um eine solche Dominanzkultur zu erschaffen und aufrechtzuerhalten, müssen wir einfach weiterhin Folgendes tun:

Moralische Urteile und eine statische Sprache verwenden.Die Wahlfreiheit anderer sowie unsere eigene verneinen.Vom Begriff „Verdienen“ ausgehen.

Wenn wir diese Ideen in uns tragen und eine auf diesen Vorstellungen aufbauende Sprache verinnerlicht haben, kann man uns leicht kontrollieren. Ja, meist bedarf es nicht einmal äußerer Kontrolle, da wir gelernt haben, unsere Freiheit selbst einzugrenzen.

Diese drei Punkte können wir aber ebenso als Schlüssel zu einer lebensdienlicheren Handlungsweise nutzen. In einem ersten Schritt können wir lernen zu erkennen, wann wir uns einer Sprache bedienen, die aus dem Dominanzdenken herrührt. Der nächste Schritt ist die Einsicht, dass uns genau diese Gedanken helfen zu verstehen, was wir fühlen und brauchen. Wir werden nach und nach sogar feststellen, wie sie sich als Abkürzung auf dem Weg zu unseren Bedürfnissen erweisen.