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Die erfolgreiche Modedesignerin Hannah O'Dowd hat sich entschieden: Mit 29 will sie endlich den Mann nach Maß! Nur: Wo findet sie in Portland ihren Traummann? Im Internet, rät Freundin Cassie. Doch schnell stellt Hannah fest: Im Netz tummeln sich nur Luschen. Wade ist schwul, Pete ein Angeber, und Tyler liebt hartes Körnerbrot. An dem beißt sich Hannah eine Plombe aus, und da kann nur noch einer helfen: der smarte Zahnarztfreund Scott. Schließt er auch die Lücke in ihrem Leben?
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2012
Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.
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Lisa Cach
www.traummann-gesucht.komm!
Roman
RED DRESS INK™ TASCHENBUCH
RED DRESS INK™ TASCHENBÜCHER erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG, Axel-Springer-Platz 1, 20350 Hamburg Deutsche Erstveröffentlichung
Titel der nordamerikanischen Originalausgabe: Dating Without Novocaine Copyright © 2001 Lisa Cach erschienen bei: Red Dress Ink, Toronto Published by arrangement with Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam
Übersetzung: Martin Hillebrand Konzeption/Reihengestaltung: fredeboldpartner.network, Köln Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln Titelabbildung und Autorenfoto: © by Harlequin Enterprise S.A., Schweiz Satz: Berger Grafikpartner GmbH, Köln ISBN 978-3-95576-148-6
www.reddressink.com
eBook-Herstellung und Auslieferung:
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Ihr Hochzeitskleid hat Hannah schon entworfen. Allein der Traummann wird noch gesucht. Und zwar verzweifelt, denn bald wird sie 30! Zusammen mit ihren Freunden Cassie (liebt Räucherstäbchen), Louise (gibt kluge Ratschläge) und Scott (sehr nett, aber Zahnarzt) zieht Hannah alle Register. Beim Bauchtanz bringt sie den Unterleib zum Schwingen. Beim Yoga sucht sie ihre Mitte und bei den Blind Dates endlich den Richtigen. Nur: all die tollen Hechte, die Hannah sich angelt, stellen sich bald als Blindfische heraus. Hannahs Stimmung ist im Keller, und da passiert das Schlimmste: Ein Backenzahn schreit nach Behandlung, aber Hannah hat panische Angst vor dem Zahnarzt.
Vier Freunde + ein Loch im Zahn
ZIERMÜNZEN UND HAUCHZARTE STOFFE
Portland, US-Bundesstaat Oregon
„Salbt eure heiligen Körperteile“, sagte Sapphire und reichte ein blauweißes, chinesisches Schälchen herum. „Dieses Rosenwasser hier habe ich hergestellt aus Blütenblättern, im heimischen Garten bei Vollmond gepflückt, auf dass die Kraft der Göttin wirksam werde.“
Ich warf Cassie, die im Schneidersitz neben mir auf einem Kissen auf dem Tanzparkett thronte, einen schiefen Blick zu. Sie trug ein knappes Top, das in einem Saum aus glitzernden, silberfarbenen Klimperscheiben unmittelbar unter ihren Brüsten endete; ihr bloßer Bauchansatz wölbte sich über den schweren, münzenverzierten Gürtel, der ihre Hüften umgab. Böse blickte sie zurück, wobei sich ihre etwas schräg stehenden, elfengrünen Augen warnend verengten.
Das Schälchen landete bei mir; das Rosenwasser, ein dunkles Burgunderrot, roch hinreichend harmlos, als ich vorsichtig daran schnupperte. Ich tunkte meinen Finger in die Flüssigkeit, tupfte sie mir wie Parfüm auf Kehle und Handgelenke und gab das Gefäß an Cassie weiter.
Andächtig benetzte sie Brüste und Schamgegend, verneigte sich anschließend mit geschlossenen Augen über dem Schälchen und bot es der nächsten Bauchtanz-Novizin dar.
„Ich wusste gar nicht, dass deine Halbkugeln heilig sind“, flüsterte ich Cassie zu, während Sapphire die Kursteilnehmerinnen zum allseitigen Erfahrungsbericht über die vergangene Woche aufforderte. „Sonst wäre ich ihnen mit gebührender Hochachtung begegnet. Müsstest du dir nicht einen teureren BH anschaffen, wenn du mit ‘nem Sakralbusen rumläufst?“
„Psst!“ zischte Cassie.
Eine wehleidig guckende Dame mit langem Haar setzte zu einem Bericht über den telepathischen Dialog mit ihrem Hund an.
„Du kriegst Flecken auf dem Stoff direkt über den Brustwarzen.“
„Gib Ruhe, Hannah! Du musst dich ihr öffnen, sonst wird sich die Göttin dir nicht erschließen.“
Zu dem Zeitpunkt hörte sich das nicht gerade nach einer allzu schrecklichen Bedrohung an. Der zehn weibliche Wesen umfassende Bauchtanz- und Göttinnenanbetungskurs hockte im Halbkreis um eine kleine Skulptur aus Terrakotta, die Figuren darstellte, welche mit ineinander verschränkten Armen eine brennende Votivkerze umringten. Genau dieses Ding wurde in einem Versandhaus-Katalog angeboten, der uns in der vorigen Woche per Post ins Haus geflattert war.
Die parapsychische Hundehalterin kam zum Schluss, und schluchzend meldete sich eine Frau mittleren Alters, bei der sich knapp fünfundzwanzig Kilo Übergewicht zwischen Rock und rückenfreies Oberteil zwängten. „Diese Woche musste mein Verlobter vor Gericht. Meine Nachbarin wirft ihm exhibitionistische Handlungen vor; sagt, er hätte in unserem Vorgarten gestanden und sich ihr in schamverletzender Weise gezeigt. Aber nackt war er nicht, und mit Absicht hat er’s schon gar nicht getan! Trug halt Damenschlüpfer und Strümpfe mit Strapsen und wollte einfach schnell die Zeitung holen, mehr nicht!“
Sapphire gab ein paar tröstende Laute von sich, während der Rest des Damenzirkels mit Gemurmel und erstaunten Ausrufen reagierte.
„Wenn die es mit der Göttin hat – wieso gibt sie sich dann mit ‘nem Perversen ab?“ fragte ich Cassie.
„Hannah!“
Ich zuckte die Achseln. So abwegig schien mir die Frage eigentlich nicht.
„Zeit fürs Mantra“, sagte Sapphire, und alle falteten die Hände senkrecht vor der Brust. Von Mantra hatte Cassie kein Wort gesagt. Ich legte die Handflächen zusammen und versuchte angestrengt, mir nicht wie beim Beten vorzukommen.
„Es sind die Gaben der Göttin“, rezitierte die Damenriege im Chor und führte die betenden Hände zu Stirn, Lippen und Herz, „zu denken, zu sprechen, zu fühlen und zu erschaffen.“ Die Fingerspitzen kehrten sich nach unten, fuhren abwärts zwischen die Schenkel und zwängten sich in den mit allerlei Flitterzeug besetzten Schritt. Die Frau mit dem Verlobten in Damenunterwäsche musste die Beine etwas spreizen, um ihre Hände unterzubringen.
Ich nahm die Finger weg. Ich wollte mit meinen Lenden nichts erschaffen, jedenfalls nicht, solange ich noch unverheiratet war. Ja, großer Gott, wozu hatte ich denn sonst die letzten elf Jahre die Pille genommen? Vermochte die Göttin nichts vorzuschlagen, das man per Hirn oder Herz erschaffen konnte? Oder mit den Händen? Hauptsache, man lässt mir meine Gebärmutter in Ruhe, zumindest, bis ich einen Ehemann geangelt hatte.
Genau aus diesem Grund nämlich tat ich mir Cassies Kombi-Kurs in Bauchtanz mit gleichzeitiger Göttinnenverehrung an.
„Kommst du mit der Göttlichen Weiblichkeit in dir in Kontakt, dann spüren die Kerle das“, hatte sie mich belehrt. „Du setzt die Energien in deinem Chakra frei und bringst sie zum Fließen. Die Männer können ihre Blicke überhaupt nicht mehr von deinem Unterleib, dem Zentrum deiner sexuellen Kraft, losreißen; die umschwärmen dich hinterher nur noch so.“
Klang nicht schlecht. Ich war neunundzwanzig, und mittlerweile war es ein halbes Jahr her, dass ich zuletzt Sex gehabt hatte. Es bestand dringender Handlungsbedarf.
Zwar war mir unerfindlich, ob die Freisetzung meines Chakras viel bringen würde, doch irgendwo im Hinterkopf taumelte ein Trugbild meiner selbst in einem Aufzug aus durchsichtigem Fummel, eine Kette aus winzigen Glöckchen um die Hüften gewunden, das Schamhaardreieck schattenhaft durch den Stoff schimmernd und über den Brüsten weiter nichts als massige, mit Klunkern besetzte Ketten. Irgendein fremdartiges, von stampfenden Rhythmen unterlegtes Gejaule ertönte im Hintergrund, während ich für meinen Mr. Right ganz privat die Hüften kreisen ließ, bis ihm vor reproduktivem Drang der Schaum vorm Munde stand.
Sapphire konnte von mir aus labern, so viel sie wollte: über Bauchtanz als Direktverbindung mit der Göttin oder als Entdeckung meines inneren Ichs; ich hatte meinen Traumtypen schon im Telekolleg gesehen. Anthropologisch betrachtet, das war mir klar, sollte das ganze Hüftkreisen einem Mann nur demonstrieren, dass ich jung und gesund genug war, um ihm Nachwuchs zu gebären.
Dagegen war auch nichts einzuwenden.
Sobald Feierabend war mit dem Göttinnen-Mumpitz und es endlich mit dem Tanzen losging, machte die Sache doch allmählich Spaß. Sapphire demonstrierte Bewegungen wie „Schlangenarme“, „Ägyptischer Gang“ oder „Lotushände“ sowie ein unnatürliches, fließendes Rollen der Bauchmuskulatur, das mir irgendwie zu liegen schien. Attraktiv sah es zwar nicht aus, aber ich wusste, es kam einem vielleicht bei Partys zupass, wenn andere mit Ohrenwackeln angaben oder sich die Beine hinter dem Schädel verknoteten. „Na schön“, konnte ich vielleicht zukünftig kommentieren, „du kommst mit der Zunge bis an die Augenbrauen. Aber das hier – kriegst du das auch hin?“ Wenn ich dann mein Hemd hob, würden sie angesichts des Wellengangs auf meinem Bauch große Augen machen. In drei versetzten Reihen standen wir einer verspiegelten Wand gegenüber und ahmten nach, was Sapphire uns vorturnte. Im Vergleich zu meinen Nachbarinnen wirkten meine Übungen ungelenk, und meine Gliedmaßen bewegten sich etwa so locker wie die eines Senators. Ich gehöre schon seit jeher zu denen, die beim Tanzen ständig aus dem Takt geraten, weil mir jedes Gefühl für Rhythmus abgeht. Konnte schon sein, dass mein Sex-Chakra blockiert war.
Am Ende der Stunde wurde das Mantra wiederholt, und als Hausaufgabe trug Sapphire uns auf, im Alltagsleben auf Kreisförmigkeit zu achten, dann endlich waren wir draußen und marschierten Richtung Auto. Sapphires Haus mit dem Tanzstudio lag am südöstlichen Stadtrand von Portland, dort, wo die Vororte allmählich in offene Landschaft übergehen, und in der frühlingshaften Abendluft ließ sich das konzertante Quaken der Frösche vernehmen.
„Wozu hatte Sapphire sich denn eigentlich diesen blauen Zierkiesel zwischen die Augenbrauen geklebt?“ fragte ich Cassie auf dem Heimweg.
„Wusste gleich, ich hätte dich besser zu Hause gelassen. Du klopfst wahrscheinlich die nächsten anderthalb Wochen deine Sprüche über den Kurs, was?“
Sie kannte mich gut. „Und was war mit den Pünktchen und Glitzerdingern neben den Augen? Ich meine nur – was sollen die denn für eine Bedeutung haben? Die sieht doch wie ‘ne Spielkarte damit aus!“
„Brauchst ja nicht mehr hinzugehen!“
„Und mein Chakra ist auch nicht lockerer geworden, glaub ich.“
„Ist sowieso nicht die einzige Blockade bei dir!“ sagte Cassie und stellte das Autoradio an, damit sie meinem Gequatsche nicht länger zuhören musste.
Völlig für die Katz war die Tanzstunde allerdings nicht gewesen. Angesichts der graziösen Sinnlichkeit, mit der die Perversen-Braut sich bewegte, hatte ich mir vorgestellt, wie sich ihr Speckbauch allmählich von einer entstellenden Bürde zu einer Art symbolischen Darstellung von Mutter Erde und deren üppiger Hingabe wandelte. Ihrem miserablen Männergeschmack zum Trotz bewies der elegante Fluss ihrer Bewegungen, dass sie sich auf eine Weise im Einklang mit sich selbst befand, die man von mir weiß Gott nicht behaupten konnte.
Das indes wollte ich vor Cassie nicht eingestehen, widersprach es doch meiner entschiedenen Abneigung gegenüber der locker-flockigen Substanzlosigkeit des New-Age-Zeitalters und gegenüber allem Vegetariertum. Und dass mir inmitten all der Damen vor der Spiegelwand aufgefallen war, dass ich weder so dick noch so groß war, wie ich mir bislang immer eingebildet hatte, das behielt ich ebenfalls lieber für mich. Ich war ein Gutteil kleiner geraten als in meiner Fantasie, und ob das etwas Negatives oder aber etwas Positives über mein inneres Selbst aussagte, entzog sich meiner Kenntnis.
Mir ging auf, dass mir der Kurs sehr wohl gefiel, ich es jedoch nicht zugeben wollte, und dass ich mit meinem Lästern anscheinend übers Ziel hinausgeschossen war. „Ich habs nicht so gemeint, Cass“, übertönte ich den Radio-Radau. Immerhin hatte ich ihre Religion verunglimpft. „Sollen wir kurz im Supermarkt vorbeifahren und uns ein Eis gönnen? Ich geb eins aus.“
„Ein ‚Cherry Garcia‘?“
„Und ‚Chunky Monkey‘ auch.“
„Ey, Spitze!“
Das war das Tolle an Cassie: Sie schnappte zwar ein, aber das hielt nie lange an, und gabs mal Schwierigkeiten, ließen die sich mit einem Klacks Eiscreme übertünchen und vergessen machen. Da konnte man durchaus an schlimmere Mitbewohnerinnen geraten, wie meine Göttin und ich sehr wohl wussten.
Ich kannte Cassie seit meinen Anfangssemestern an der University of Oregon in Eugene. Als wir uns kennen lernten, studierte sie dort bereits mit einigen Unterbrechungen seit vier Jahren und behauptete scherzhaft, sie verfolge einen Fünfjahresplan, der dann um ein Jahr aufgestockt werden musste. Zu guter Letzt hatte sie schlichtweg aufgegeben, so zu tun, als wolle sie doch noch ihr Diplom in Soziologie erwerben, hatte stattdessen ihre Talente in den Duftkerzenverkauf eingebracht, den ihr Freund betrieb, und von Stund an Samstag für Samstag in ihrem Verkaufsstand auf dem Flohmarkt von Eugene gesessen, umgeben von Kerzen in allen Variationen und vertieft in ein Buch mit dem Titel „Wie nutze ich meine Intuition?“. Rechts von ihr hatte sich eine Räucherstäbchen- und Weihrauchbude befunden, und zur Linken wurden kleine Messingfiguren verkauft, Drachen, Zauberer mit Kristallkugeln und solches Zeug.
Als ihr Freund dann in fremden Revieren zu wildern begann, zog Cassie nach Portland und suchte sich dort einen Job hinter der Theke des „Shannon’s Pub“, dem sie seitdem regelmäßig nachging. Zuweilen ließ sie sich Broschüren über berufliche Fortbildungsprogramme kommen, die anschließend monatelang verstaubt und voll gekrümelt auf dem Kaffeetischchen herumlagen, bis ich die Dinger dann während einer unserer sporadischen Putzattacken fragend hochhielt und sie, da Cassie nur achtlos die Achseln zuckte, in den Papiercontainer feuerte.
Ja, sie ließ ihre Hüften zu wilden, fremdartigen Trommelwirbeln kreisen, die liebe Cassie, und ich wusste nicht recht, ob man sie deswegen bewundern oder ihr lieber wünschen sollte, sie möge endlich erwachsen werden und die Realitäten der Welt zur Kenntnis nehmen – so wie wir anderen auch.
Na ja, zumindest wie die meisten von uns. Sapphire oder diese Schrulle, die auf parapsychologische Tête-à-Têtes mit ihrem Hundevieh abfuhr, die residierten wohl in gänzlich anderen Gefilden.
Als wir uns später am gleichen Abend vor dem Fernseher auf dem Bett lümmelten und unser Eis löffelten, da entschlüpfte mir eine Frage, die ich mir um jeden Preis hätte verkneifen müssen. Lag es vielleicht an diesem Bauchtanzkurs, dass sie überhaupt aufkam. Ich weiß es nicht.
„Bist du eigentlich glücklich, Cass?“ fragte ich, just als auf dem Bildschirm eine Blondine mit ultraweißem Lächeln eine Zahnpastatube präsentierte.
Sie fixierte mich mit ihren schönen, schrägen Augen, die das Flimmern des Fernsehers im halbdunklen Wohnzimmer deutlich widerspiegelten. „Glücklich? Wie meinst du das? Jetzt? In diesem Moment?“ Ihr Löffel verharrte bewegungslos über ihrem Kirscheis.
„Ob du zufrieden bist mit deinem Leben und damit, wie es so verläuft. Wolltest du als Erwachsene dort sein, wo du jetzt stehst? Hast du dir das so vorgestellt?“ Ich hatte das Gefühl, als schwinge in meiner Frage eine Verurteilung mit, als stünde für mich bereits fest, dass sie nicht den richtigen Schwung, nicht den Ehrgeiz an den Tag legte, den man von einer Amerikanerin, die was auf sich hielt, erwarten durfte. Aber die Frage zielte eigentlich gar nicht so direkt auf sie, und das spürte sie auch.
„Bist du denn nicht glücklich?“ fragte sie mich, und wenn’s tatsächlich die Göttin gab, dann schien sie mich jetzt voll unendlichem Mitgefühl durch Cassies Augen zu mustern.
Ich merkte, dass mir zu meiner Überraschung Tränen aufstiegen, worauf ich meine Lippen, die plötzlich zu beben begannen, fest zusammenpresste.
„Ach herrje, Mäuschen“, sagte Cassie, während der Soundtrack zu Akte X im Hintergrund losdudelte. „Wird schon wieder. Du setzt dich einfach zu sehr unter Druck. Das ist es!“
„Aber …“, schluchzte ich los, als das heulende Elend schwarz und aus tiefster Finsternis in mir hochkroch und mir das Eis in der Hand nur ein kalter, leerer Trost war. „Aber es gibt doch noch so vieles, das ich …“
„So vieles, das du mittlerweile eigentlich haben wolltest? Ehemann, Kinder, Allradkombi, Golden Retriever? Haus draußen in den Hügeln?“
„Keinen Allradkombi, ‘nen Volvo!“
„Mensch, Hannah, dich durchschaut man auf Anhieb“, sagte Cassie, wobei ihr leicht sardonischer Ton etwas Tröstliches ausstrahlte. „Jeder meint, er müsse sich so was wünschen, aber ich glaube, du willst diese Dinge gar nicht. Jedenfalls nicht wirklich.“
„Doch! Besonders ‘nen Mann!“
„Wenn du so weit wärst, hättest du längst einen. Vielleicht machst du augenblicklich genau das, was du machen sollst.“
Ich senkte den Blick auf mein „Chunky Monkey“-Eis. „Meinst du wirklich?“
„Deine Näherei, die liegt dir vornehmlich am Herzen. Deswegen bist du ja zuallererst überhaupt hier rauf nach Portland gezogen. Darauf solltest du dich konzentrieren und den Rest dem Universum überlassen. Das wird es zu gegebener Zeit schon erledigen.“
Hätte ich mich bloß wie sie darauf verlassen können, dass sich alles schließlich zum Guten wendete! Dieses Gottvertrauen schien ihr so leicht, so natürlich zu erwachsen. Dass Cassie sich mal über irgendetwas Sorgen machte, das sah man nie. „Könnte ich nicht ein bisschen von dem Rest sofort kriegen? Einen Freund beispielsweise?“ fragte ich.
„Der wird kommen, wenn du bereit bist.“ Sie lächelte. „Und bis dahin hast du ja David Duchovny.“
Ich starrte auf die Mattscheibe, wo sich gerade Mulder und Scully in einer Wiederholung kabbelten, und zog schniefend die Überbleibsel meines triefenden Selbstmitleids hoch. „Auf den kann ich verzichten.“
„Wieso? Ich nähme ihn sofort.“
„Der lächelt ja nie!“ klagte ich.
„So ‘n Typ soll ja auch nicht grinsen, wenn er sich deine Beine über die Schultern faltet! Aber unheimlich ist es schon!“ Sie schüttelte sich, worauf ich auflachte und froh war über den Themen- und Stimmungswechsel.
„Wenn man sich vorstellt, wie die sonst immer gucken, kann das auch nicht viel schlimmer sein.“ Ich drückte die Augen fest zu, stöhnte, als hätte ich starke Schmerzen, und keuchte gepresst. „Ich komme! Ich komme! Gleich, gleich … kann ich kommen? Soll ich jetzt?“
„So was fragen die dich?“
„Jedenfalls einer von meinen Ehemaligen.“
„Hast du’s ihm denn erlaubt?“ fragte Cassie.
„Kam drauf an, wie lange er schon zugange war. Von einem bestimmten Zeitpunkt an lag mir nur noch daran, dass er’s endlich hinter sich brachte. Da kriegte ich nämlich schon Bammel vor ‘ner Harnleiterentzündung.“
Cassie verzog schmerzlich das Gesicht, und ich wusste, unser beider Gedanken galten dem bislang ungeöffneten Preiselbeersaft, den wir für Notzeiten im Schrank horteten.
„Hat womöglich sein Gutes, deine Sex-Chakra-Blockade“, meinte Cassie.
„Da könntest du Recht haben.“
BAHNENRÖCKE MIT BILDER-SAUM
Am Dienstagabend kauerte ich bis an die Knie in Kleidern für Brautjungfern, während meine Nähmaschine hurtig die Nähte rauf- und runterratterte. Als selbstständige Näherin und Schneiderin fertige ich auf Bestellung und betreibe meinen eigenen Abhol- und Liefer-Service.
Ein halbes Jahr zuvor hatte ich noch in Eugene gewohnt und dort in einer Änderungsschneiderei gearbeitet. Mit meinem Magister-Abschluss in Geschichte konnte ich wahrscheinlich ebenso wenig anfangen wie Cassie mit ihren Soziologie-Seminaren, doch das war mir schnuppe, denn ich hatte festgestellt, dass mich in historischer Hinsicht lediglich die Analyse der Kleidung auf alten Gemälden wirklich faszinierte. Die Französische Revolution interessierte mich weitaus mehr wegen ihrer Auswirkungen auf die Mode denn auf die Aristokratie Frankreichs, auch wenn beide untrennbar miteinander verwoben waren. Jede meiner Geschichtsklausuren mit der Möglichkeit einer Themenwahl hatten sich so oder so mit Mode befasst.
Nachdem mein Hin-und-wieder-Lover nach zwei Jahren endgültig abserviert war, hatte ich in Anlehnung an eine Seite in Cassies Lebensbuch meinen Umzug beschlossen und mich in Portland niedergelassen. Von Eugene mit seinem verkniffenen Tofu-Gemampfe und seiner Knüpfbatik hatte ich die Nase voll, und für andere zu schuften, das reichte mir auch allmählich. Die Änderungsschneiderei hatte schon auf Grund des gewaltigen Arbeitsanfalls Aufträge ablehnen müssen; daher ging ich mit einiger Sicherheit davon aus, dass es in Portland, wo die Leute bei ihren Klamotten tatsächlich noch Wert auf Passform legten, genug zu tun für mich gab. Um meinen Laden von anderen abzuheben, wollte ich für Textilien und andere Näharbeiten einen Abhol- und Bringedienst anbieten, was mich gleichzeitig von der Befürchtung befreite, ein Kunde könne auf meiner Treppe ausrutschen und sich langlegen und mich deswegen vor den Kadi zerren.
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