Beschreibung

Werfen Sie einen ersten Blick in "Das Büro der einsamen Toten" und begleiten Sie Pieter Posthumus bei seinen Ermittlungen in Amsterdam. Diese XXL-Leseprobe enthält neben einer längeren Passage aus dem Buch ein exklusives Interview mit dem Autorenduo und einen Steckbrief des Protagonisten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 46


Britta Bolt

Das Büro der einsamen Toten

XXL-Leseprobe

Hoffmann und Campe

Leseprobe

Prolog

Eine Straßenbahn donnert über die Eisenbrücke und übertönt jedes Geräusch, als der Körper ins Wasser fällt.

 

Amsterdam: 22.58 Uhr

Ein junger Mann. Schlank, bewusstlos, in der traditionellen marokkanischen Djellaba. Jeder Muskel zittert.

Der schmale Körper sinkt hinab, stößt am Grund des schlammigen Westelijk Marktkanaals gegen eine umgedrehte Kloschüssel, dreht sich, bleibt einen Moment liegen und steigt dann auf, weil sich Luft unter der Djellaba verfangen hat. Er gerät in den Strudel eines vorbeifahrenden Bootes und tanzt dicht unter der Wasseroberfläche Richtung Kanalmitte. Er zuckt und ruckt, die Lungen versuchen mit aller Macht, das Wasser loszuwerden und Luft zu bekommen, die zappelnden Arme erwecken für einen Augenblick den Eindruck, als würde jemand unter Wasser schwimmen.

Nach drei Minuten ist der Körper leblos.

 

Boudewijn Krijnen, der sich nach einem weinseligen Abend mit Freunden auf seinem neuen Boot ziemlich angeschlagen fühlt, flucht und wendet sein PS-starkes Motorboot, wobei er gefährlich nahe an die Kanalmauer kommt. Irritiert durch eine Kreuzung, bei der vier Grachten aufeinandertreffen, ist er auf der Kop-van-Jut-Seite in den Westelijk Marktkanaal gefahren, anstatt die Kostverlorenvaart zu nehmen, die zu seinem Liegeplatz außerhalb der Stadt führt. Er lässt das Boot einen Moment lang treiben, den Motor im Leerlauf, und schaut auf sein Navigationsgerät. Dann gibt er wieder Gas und fährt zurück zur Kreuzung. Das Boot kommt nur mühsam voran. Er gibt noch mehr Gas. Einmal abbiegen, die Kostverlorenvaart hinunter Richtung Nieuwe Meer. Der Motor heult auf, doch das Boot macht kaum Fahrt. Da muss sich Müll in der Schraube verfangen haben, denkt er und dreht den Gashebel auf volle 90 PS. Das Boot macht einen Satz nach vorn, der Motor jault noch einmal kurz auf, dann klingt wieder alles normal. Boudewijn drosselt schnell den Motor in der Hoffnung, dass keine Polizei in der Nähe ist.

 

Träge treibt die Leiche in die Mitte des Westelijk Marktkanaal, gerät dann aber ins Stocken, als eine langsam drehende Schiffsschraube den Schulterriemen der Umhängetasche aus Leinen erfasst, die der Tote trägt. Die Schiffsschraube packt sich den Riemen, der schräg über der Brust des Toten liegt. Ihre Beute fest im Griff, dreht sie sich schneller, bohrt sich ins Fleisch, zerreißt die Djellaba und zerrt den Leichnam um eine Biegung in die Kostverlorenvaart. Dort beißt sie wieder zu, dieses Mal noch heftiger, gräbt sich ins Fleisch und durchschneidet den Trageriemen, wickelt ihn um die leblose Schulter und den Hals, bevor das Boot vorwärts schießt und davonfährt. Im Kielwasser wird die Leiche dorthin zurückgespült, von wo sie herkam, bis die Strömung nachlässt und der Tote wieder hinabsinkt.

 

23.20 Uhr

In der schwachen Strömung der Kostverlorenvaart vom Nieuwe Meer Richtung Stadtzentrum gleitet der Leichnam zurück zur Gabelung der vier Kanäle. Er driftet sanft dahin, nur manchmal ruckt er vorwärts, wenn ein vorbeifahrendes Boot das Wasser aufwirbelt oder sich um einen Müllhaufen am Grund der Gracht ein Strudel bildet, der ihn hin- und herschiebt. Und so treibt er allmählich von der Kostverlorenvaart in eine Gracht, die zum Stadtzentrum führt.

 

Mitternacht

Zeeburg, am nordöstlichsten Rand von Amsterdam. In der städtischen Pumpstation springen gigantische Turbinen an und sorgen dafür, dass frisches Wasser in die Stadt gelangt. Während die Leiche langsam unter Wasser dahintrieb, haben Mitarbeiter der städtischen Wasserwerke sämtliche Schleusentore der Stadt geschlossen. Wimmernd und scheppernd schließen sich die Tore und geben den Weg frei für das saubere Wasser aus dem IJ, das den Dreck aus den Grachten von Amsterdam spült. Die einsetzende Strömung aus Zeeburg treibt den jungen Mann vor sich her. Das Wasser der Grachten entwickelt ein Eigenleben, die Oberfläche kräuselt sich, es strömt und fließt. Eine Viertelmillion Kubikmeter Wasser in Bewegung. Fünf Stunden lang. Stark strömend drängt sich das Wasser durch eine breite Gracht, schiebt sich in eine schmalere, trifft auf das Wasser, das aus einer weiteren Gracht heranbraust, wird aufgewühlt und schleudert den jungen Mann hin und her, seine Glieder zappeln in einem verrückten Unterwassertanz.

 

Gegen 4.30 Uhr

Die Leiche ist am Ende ihrer Reise angekommen, sie hat sich in einem Fahrradrahmen verfangen, der im Schlamm am Grund der Prinsengracht in der Nähe der Westerkerk steckt.

 

8.45 Uhr

Vor dem Anne Frank Haus wartet bereits eine lange Schlange. Die Touristen sehen halb gelangweilt, halb fasziniert zu, wie eine flache Barkasse mit einem mechanischen Arm Müll aus der angrenzenden Gracht fischt. Jemand schreit. Zwischen den Fahrrädern, die der Greifarm aus dem Wasser hievt, hängt ein Körper. Verrenkt. Fast nackt. Und sehr tot.

Mittwoch, 11. Mai

1

Pieter Posthumus hatte einen schweren Tag. Drei Leichen vor dem Mittagessen waren mehr als genug. Mehr als sonst in einer ganzen Woche. Normalerweise. Und jetzt auch noch dieser besserwisserische Grünschnabel von der Polizei, der meinte, er müsse einen lahmen Scherz über Posthumus’ Nachnamen und seinen Beruf durchs Telefon flöten. Posthumus reagierte nicht darauf, verabschiedete sich kurz angebunden und legte auf.