Beschreibung

Pieter Posthumus vom "Büro der einsamen Toten" ermittelt wieder - diesmal im Rotlichtviertel von Amsterdam. Im Gästehaus neben seiner Stammkneipe dem Dolle Hond ist ein Mieter umgebracht worden. Die schräge Wirtin Marloes steht unter Verdacht. Posthumus zweifelt an ihrer Schuld und nimmt die Ermittlungen auf. Warum hat der Tote jedes Jahr nur ein Bild gemalt - und jedes Mal die Kopie eines klassischen holländische Gemäldes? Gibt es eine Verbindung zu dem anderen Mieter, der Jahre vorher ermordet wurde? Allmählich begreift Posthumus, dass eine Minute manchmal den Ausschlag gibt: zwischen Unschuld und Schuld, zwischen einem Leben, das geretten werden kann, und einem, das verloren ist. Und dass Fragen manchmal Wahrheiten ans Licht bringen, die nur schwer zu ertragen sind.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 387


Britta Bolt

Das Haus der verlorenen Seelen

Roman

Aus dem Englischen von Heike Schlatterer

Hoffmann und Campe

»Man glaube nur nicht, dass die Unschuld mehr Beschützer finde als das Laster.«

François de La Rochefoucauld

Juli

1

Pieter Posthumus hatte noch nie so viel Blut gesehen.

»Mein Gott«, sagte jemand hinter ihm. Eine Hand in seinem Rücken schob ihn ins Zimmer.

»Du bist doch daran gewöhnt.«

»Normalerweise sehen wir die Leichen nicht«, sagte Posthumus. »Nicht so.«

 

Der Abend, an dem Zig Zagorodnii starb, hatte eigentlich ganz gemächlich begonnen. Es war Anfang Juli, der Duft der Lindenblüten hing noch schwer in der Luft. Es war schwül und ungewöhnlich regnerisch für die Jahreszeit. Posthumus hatte zum ersten Mal marokkanisch gekocht – Hühnchen in Orangen-Tajine, und anschließend noch ein, zwei Glas Wein genossen, am großen Vorderfenster mit Blick auf die Gracht.

Um neun beschloss er, in seine Stammkneipe, den Dolle Hond, zu gehen. Das Wetter schien zu halten, zumindest für die zehn Minuten, die er zu Fuß dorthin brauchen würde. Zwischen den Stoßzeiten nach Feierabend und dann wieder nach dem Abendessen gab es eine Ruhephase, selbst freitags. Im Lokal war dann nicht viel los. Er konnte an der Bar sitzen und mit Anna plaudern, bevor es richtig voll wurde. Sie hatten sich ein paar Tage nicht gesehen und sich einiges zu erzählen.

Die Kesters vom Tabakladen um die Ecke waren da. (Wann eigentlich nicht?, dachte Posthumus.) Er nickte ihnen zu. Noch ein paar andere Stammgäste. Das englische Paar, das die Snack Bar in der Nähe vom Dam betrieb. Die Besitzerin der neuen Boutique saß mit einer Freundin am Kamin. Paul de Vos lungerte an der Bar herum und sagte gerade etwas, das Anna zum Lachen brachte. Posthumus lächelte ihm säuerlich zu. Das Fox Trio würde nicht vor zehn spielen. Er hoffte, dass das kurze Techtelmechtel, das die beiden vor ein paar Wochen gehabt hatten, nicht wieder aufflackerte. Was fand Anna nur an diesem Typen, der am liebsten alte X-Men-Comics las? Das sollte mal einer verstehen.

»Howdy, Partner«, sagte Paul.

Sein Image als Großstadtcowboy reichte von seinem großen Mundwerk bis zu seinen Cowboystiefeln aus geprägtem Leder. Posthumus setzte sich auf seinen üblichen Barhocker in der Ecke, wo der Tresen auf die Wand traf.

Paul redete weiter auf Anna ein, bis der Rest des Trios eintraf, und schlängelte sich dann durch die Gäste zur kleinen Bühne am anderen Ende des Lokals, um seinen Bandkollegen beim Aufbau zu helfen. Ein Touristenpärchen kam herein, überrascht, am Rande des Rotlichtbezirks ein Lokal wie den Dolle Hond zu finden. Die beiden saßen schon bald mit strahlenden Augen über ihren Getränken, das Mädchen machte Fotos mit dem Handy – von den Delfter Vasen, den geschnitzten Köpfen entlang der Holzvertäfelung, dem Krimskrams, den Annas Familie in drei Generationen angesammelt hatte. Posthumus lehnte sich an die Wand und genoss die vertraute Atmosphäre. Anna schenkte ihm nach und kümmerte sich dann um eine Gruppe neuer Gäste. Irene Kester nickte müde mit dem Kopf und schien jeden Moment einzuschlafen. Paul begann mit einem kleinen Riff am Klavier, drehte sich zum Publikum und kündigte das erste Set an.

»Hey Dudes und Dudesses, guten Abend. Für alle, die uns noch nicht kennen, wir sind das Fox Trio …«

Und dann hörten sie es. Es war weniger ein Schrei, eher ein Klagelaut.

»Anna! Anna! Anna!«

Sekunden später stand Marloes aus dem Gästehaus nebenan draußen vor dem Fenster und schlug so heftig gegen die Scheibe, dass das Glas zerbrach.

***

Posthumus lief als Erster nach draußen. Marloes starrte ihn an, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte.

»Zig, Zig«, sagte sie nur.

An ihrer Wange war Blut, und auch ihr Kleid war blutverschmiert.

Posthumus rannte. Vorbei an Marloes, vorbei an den zugestrichenen Fenstern des Gästehauses. Durch die Tür und hinauf in den ersten Stock zu den Gästezimmern. Eine Tür stand offen. Auf der rechten Seite, das Zimmer nach hinten raus. Er machte einen Schritt nach vorne und blieb abrupt auf der Türschwelle stehen. Schritte polterten auf Holz; die anderen Gäste aus dem Dolle Hond folgten ihm die schmale Treppe hinauf.

Überall war Blut. Der Körper lag halb auf dem Bett, halb auf dem Boden. Eine dunkle Lache unter Zigs Kopf – ein schiefer Heiligenschein, klebrig schimmernd. Mehr Blut hinten am Heizkörper, in getrockneten Rinnsalen. Blutspritzer. Verschmiertes Karminrot an der Wand. Scharlachrote Sockenabdrücke auf dem Linoleum. Zigs T-Shirt war blutdurchtränkt, ein Teil war ins Bettzeug gesickert. Posthumus griff nach seinem Handy. Ein seltsames Schwächegefühl überkam ihn, als ob eine innere Schranke nachgeben wollte, als ob er Tränen zurückgehalten hätte, die sich jetzt ihren Weg bahnten.

Hinter ihm würgte jemand. Laute Schritte die Treppe hinunter.

»Er muss tot sein«, hörte er eine Stimme. »Großer Gott!«

»Sollten wir nicht nachsehen?«

»Vielleicht können wir etwas tun?« Eine Hand in seinem Rücken. »Du bist doch daran gewöhnt.«

»Normalerweise sehen wir die Leichen nicht«, sagte Posthumus. »Nicht so. Ich rufe einen Krankenwagen.«

»Hab ich schon. Die Polizei ist auch verständigt.«

Das war Anna. Sie hatte den Arm um Marloes gelegt, die ein merkwürdig ersticktes Wimmern von sich gab und immer noch diesen leeren Blick hatte. Von der kleinen Gruppe, die sich auf dem Treppenabsatz drängte, war nur ein gedämpftes Murmeln zu hören, alle starrten auf das Bild, das sich ihnen durch den Türrahmen bot, als ob es nicht real wäre, wie auf einer Leinwand.

»Aber vielleicht solltest du sichergehen …«, sagte Anna.

Posthumus nickte und machte einen Schritt ins Zimmer.

»Wir sollten nichts anfassen. Sagen sie das nicht immer im Film?«, kam eine Stimme vom Treppenabsatz.

Posthumus ging vorsichtig über den Linoleumboden, um nicht in die Blutflecken zu treten. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, aber falls es doch noch eine Chance gab … Das Bett stand links an der Wand, in der hintersten Ecke des Zimmers. Zig lag auf der Seite auf dem Boden, Kopf und Oberkörper auf dem Bett, das Gesicht der Tür zugewandt. Mit seiner marmorweißen Haut und den weichen Locken sah er aus wie eine zerbrochene Cherub-Statue, die von der Kirchendecke zu Boden gestürzt war. Er hatte das Bettzeug heruntergezogen, vielleicht hatte er versucht, den Blutfluss zu stillen. Posthumus konnte keine Wunde erkennen. Sie musste auf der rechten Seite des Kopfs sein, überlegte er, nach dem Blut auf der Matratze zu urteilen, das sich in dünnen Rinnsalen über die gesteppten Nähte verteilt hatte. Er streckte die Hand aus und legte zwei Finger an Zigs Halsschlagader. Aber eigentlich wusste er es, noch bevor er den Jungen berührte – die halb geschlossenen Lider, der leicht geöffnete Mund, der schlaffe Kiefer. Das Gefühl, dass etwas fehlte, etwas gegangen war. Er kehrte zum Treppenabsatz zurück.

»Ich glaube, es wäre am besten, wenn alle zurück nach nebenan gehen«, sagte er.

»Also los, Leute«, sagte Anna. »Tun wir, was er sagt.«

Sie brauchten keine weitere Aufforderung.

Anna wechselte einen Blick mit Posthumus und sagte leise zu Marloes: »Kommst du auch mit? Ich mach dir was zu trinken. PP wird das hier regeln. Wir können nichts mehr tun. Die Polizei ist schon unterwegs.«

»Die Polizei, ja.« Marloes war jetzt etwas ruhiger – doch ihre Augen wanderten hin und her, ohne die Umgebung wahrzunehmen. Auf ihren Wangen waren Tränen. Die Haare, grau am Ansatz, hingen ihr wirr ins Gesicht. Sie drehte sich um und ging mit den anderen die Treppe hinunter, schwerfällig, unsicher, ihre Hände umklammerten den Stoff ihres selbst genähten, viel zu großen Kleides.

»Zig, Zig, mein kleiner Ziggie«, sagte sie.

Anna legte Posthumus im Vorübergehen die Hand auf den Unterarm und folgte ihr dann.

Auf der anderen Seite des Treppenabsatzes stand die einzige andere Mieterin leicht schwankend in ihrer Tür. Ein dünnes blondes Mädchen, völlig stoned, die Musik in den Kopfhörern so laut, dass Posthumus das scharfe Tssick-Tssick noch aus einiger Entfernung hören konnte.

»Ist schon okay, ich kümmere mich um sie«, sagte er.

Das Mädchen sah ihn mit glasigen Augen an, in denen nicht der kleinste Funken Neugier stand. Einer von Marloes’ seltsamen Schützlingen. Eigentlich war das hier kein Gästehaus, sondern ein informelles Asyl. Ein Zufluchtsort für verlorene und gebrochene junge Seelen, die Marloes unter ihre Fittiche nahm. Und davon gab es hier weiß Gott genug. Zig war auch einer von ihnen gewesen, vor einiger Zeit. Ein Stricher, erinnerte sich Posthumus, irgendwo aus Osteuropa. Genau wusste er es nicht.

»Geh wieder rein«, sagte Posthumus überdeutlich und zeigte auf ihr Zimmer.

Das Mädchen zuckte mit den Schultern, drehte sich um, ging in ihr Zimmer und schloss die Tür.

In der Ferne hörte Posthumus Sirenen. Er schaute auf die Uhr. Vermutlich war es vier oder fünf Minuten her, seit Anna angerufen hatte. Die Polizei sollte also langsam da sein. Er stand vor Zigs Zimmer mit dem Blick zur Treppe, als würde er Wache halten. Wer um alles in der Welt tat so etwas? Zig war ein netter junger Mann, und soweit Posthumus wusste, ging er seit Jahren nicht mehr auf den Strich. Er arbeitete irgendwo in einer Bar und half Marloes mit dem Gästehaus. Die beiden verstanden sich gut, er kam oft mit Marloes in den Dolle Hond. Posthumus schauderte beim Gedanken an Zigs starren Blick in seinem Nacken. Er wandte sich um und sah ihn noch einmal an, verschränkte dabei fest die Arme vor der Brust, als ob er sich selbst festhalten und seine Lebenskraft daran hindern wollte wegzufließen.

Zigs Zimmer sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Und Posthumus kannte sich mit so etwas aus. Jede Woche inspizierte er die Wohnungen von Toten, von anonymen oder einsamen Toten, von Menschen, die keine Freunde mehr hatten oder verlassen worden waren, von der Familie verleugnet oder abgeschoben. Menschen, bei denen sich dann die Amsterdamer Stadtverwaltung um die Bestattung kümmern musste (und vor allem für die Kosten aufkam). Und nur allzu oft fand sich darunter auch das Treibgut der Unterwelt und hinterließ ganz ähnliche Szenen. Posthumus’ Blick wanderte durch den Raum. Auf dem Nachttischchen lag alles kreuz und quer durcheinander, die Nachttischlampe war zerbrochen, darunter stand eine halb offene Sporttasche, aus der Turnschuhe lugten. Eine Staffelei lehnte rechts an der Wand, Farbtuben lagen verstreut auf dem Boden. Posthumus betrachtete das Bild. Die Kopie eines Vermeer-Gemäldes, und gar nicht mal so schlecht. Der Junge war also auch eine Art Künstler. Weitere Alte Meister an der Wand – Postkarten, Mini-Poster, herausgerissene Seiten aus Kunstbüchern.

Wieder Sirenen. Dieses Mal eindeutig näher. Posthumus trat einen Schritt von der Tür weg und warf noch einmal einen Blick auf Zig. Wahrscheinlich war das sogar ein Fall für sein Bestattungsteam, das von den Amsterdamern Büro der einsamen Toten genannt wurde. In ein oder zwei Wochen würde die Polizei bei ihnen anrufen, selbst wenn eine Familie ausfindig gemacht worden war, und sie beauftragen, jemanden aufzuspüren, der die Bestattungskosten übernahm, oder eben selbst dafür aufzukommen. Er schenkte Zigs Leiche ein trauriges kleines Lächeln. Marloes hatte den Jungen vielleicht vergöttert, aber Posthumus bezweifelte, dass sie 5000 Euro für die Beisetzung übrig hatte. Er würde dafür sorgen, dass der Fall bei ihm landete. Seinen Kollegen war es egal. Nur Posthumus ging die Bücherregale seiner »Klienten« – so nannte er die Toten – durch, begutachtete ihre Musiksammlungen und blätterte in privaten Briefen, um ihren Abschied von der Welt persönlicher zu gestalten. Seine Kollegin Maya nannte ihn deshalb einen makabren Schnüffler.

Blaulicht blitzte durch das Oberlicht der Tür im Treppenhaus auf. Autotüren schlugen zu. Es klingelte. Posthumus ging nach unten und schloss im Vorbeigehen die Tür, die zu Marloes’ Wohnung im Erdgeschoss führte.

***

Schon nach wenigen Minuten war Marloes’ Haus rundum mit Polizeiband abgesperrt. Posthumus duckte sich darunter hindurch und schob sich durch die Menge der Schaulustigen. Anna hatte den Dolle Hond geschlossen und die Jalousien heruntergelassen. Er klopfte an die Tür. Anna öffnete, aber nur einen Spalt.

»Was passiert nebenan?«, fragte sie. »Ich habe die Gäste, die drüben waren, gebeten, hier zu warten, bis die Polizei da ist.«

Posthumus schob sich schnell durch die Tür. Hinter ihm drängelten die Schaulustigen und versuchten, über seine Schulter ins Lokal zu spähen. Er drückte die Tür zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

»Sie haben die Spurensicherung gerufen«, sagte er. »Ich habe dem zuständigen Beamten gesagt, dass wir hier sind, falls man uns braucht.«

Er erwähnte Marloes nicht direkt, blickte sich jedoch im Lokal nach ihr um. Er erkannte einige Personen wieder, die auf dem Treppenabsatz gestanden hatten. Ein paar Stammgäste waren auch geblieben: Irene Kester tröstete Marloes an einem Tisch beim Kamin, Paul und ein Bandkollege standen hinter der Bar und schenkten Kaffee aus.

»Es wird gleich jemand hier sein«, fuhr er fort. »Gut, dass du sie zum Bleiben überredet hast.«

»Das Touristenpärchen ist gegangen. Sie meinten, sie wollen da nicht in irgendwas reingezogen werden«, erklärte Anna und ging zu Marloes. »Sie wollten sich ihr Wochenende nicht verderben lassen, und ich konnte sie ja nicht mit Gewalt festhalten.«

Posthumus erinnerte sich an den jungen Mann auf dem Treppenabsatz. »Tja, zwingen kann man sie wohl kaum«, sagte er.

Er ging zur Bar.

»Nein, nein … ich brauche etwas Alkoholisches, einen Wein«, sagte er, als Paul ihm eine Tasse Kaffee hinschob, und nahm sich einen Keks von dem Teller, der vor ihm auf dem Tresen stand. Bizarrerweise hatte er richtig Hunger, seit er Zig gesehen hatte. Fast schon Heißhunger. Am liebsten wäre ihm jetzt ein Teller Hausmannskost gewesen – hutspot etwa, der Möhreneintopf aus seiner Kindheit. Woher kam das jetzt bloß? Eine sonderbare Bestätigung, dass er noch am Leben war? Wappnete er sich instinktiv für einen Kampf gegen denjenigen, der das junge Leben im Nachbarhaus ausgelöscht hatte? Der arme Zig, der immer so fröhlich und entspannt gewesen war. Warum? Er schaute zum Tisch beim Kamin. Marloes wirkte leer und völlig verwirrt.

Posthumus nahm sein Weinglas und noch einen Keks und ging dann, nach einem fragenden Blick zu Anna, zu Marloes.

»Was wartet denn in Berlin auf ihn?«, sagte Marloes gerade. »Sobald er den Pass hat, will er hin. Und ich muss jetzt putzen. Wir können nicht lange bleiben.«

Das ergab überhaupt keinen Sinn. Aber Marloes war auch unter normalen Umständen immer ein bisschen merkwürdig.

»Gut, gut«, sagte sie und sah zu Posthumus auf. »Er mag keinen Kaffee. Aber auch keinen Wein – Bier. Bier.«

»Marloes und Zig wollten auf einen Drink rüberkommen«, erklärte Anna. »Deshalb ist sie hoch in sein Zimmer gegangen …«

An Marloes’ Gesicht und Händen war kein Blut mehr zu sehen. Anna bemerkte Posthumus’ Blick.

»Wir haben sie ein bisschen gewaschen«, sagte Anna leise zu ihm. »Sie war deswegen ganz aufgewühlt. Ich glaube, sie hat ihn in die Arme genommen.«

»Zig, mein Baby«, sagte Marloes und schaukelte auf ihrem Stuhl vor und zurück. »Wir müssen ihm helfen. Hilft ihm jetzt jemand da drüben?«

Nach fast drei Jahrzehnten hinter der Bar war Anna sehr erfahren im Umgang mit Liebeskummer und zwischenmenschlichen Katastrophen. Aber jetzt wirkte sie vollkommen überfordert.

»Marloes«, sagte Posthumus und setzte sich an den Tisch. »Es ist etwas Schreckliches passiert. Mit Zig. Das weißt du doch, oder? Als du ihn gesehen hast … Zig ist tot.«

»Er will nach Berlin. Weg von hier. Was hat Berlin denn einem Jungen wie ihm zu bieten?«

»Marloes …«

Posthumus wartete, bis sie ihm in die Augen sah, dann redete er weiter: »Zig ist tot, er geht nicht nach Berlin. Ich weiß, das ist schwer für dich, und ihn so zu sehen muss ein furchtbarer Schock gewesen sein, aber Zig ist tot. Es tut mir leid.«

Er merkte, dass er auf Phrasen aus einem Seminar zurückgriff, das er zur Vorbereitung auf seinen Job im Bestattungsteam besucht hatte. Aber irgendwie ließen ihn die Worte im Stich.

»Die Polizei kommt gleich, um die Leute zu vernehmen«, sagte er. »Man wird dich fragen, was du gesehen hast.«

»Nein, nicht jetzt, ich bin müde. So müde. Ich will schlafen«, sagte Marloes.

Anna sah Posthumus an. Sie hatte das alles offensichtlich bereits probiert. Sie nahm Marloes’ Hand. Wahrscheinlich kannte sie Marloes schon ihr ganzes Leben lang, überlegte Posthumus. Wie alt war Marloes eigentlich? Mitte fünfzig? Nicht viel älter als er oder Anna, auch wenn sie älter aussah. Und ihrer Familie gehörte das Nachbarhaus bestimmt schon genauso lange wie der Familie de Vries der Dolle Hond, also seit mindestens drei Generationen. Für einen Moment sah Posthumus Marloes und Anna als Kinder zusammen auf der Straße spielen. Er fragte sich, ob Marloes schon immer so seltsam gewesen war. Er kannte sie jedenfalls nicht anders – eine lokale Berühmtheit mit ihren selbst genähten bunten Kleidern und den Perlenketten. Schusselig. Im Gespräch wirkte sie immer ein bisschen konfus. Und dann ihr Gästehaus. Ihre Schützlinge. Marloes war wie eine große Glucke für das ganze Viertel.

Mittlerweile saß sie nur noch kopfschüttelnd da. Irene Kester tätschelte ihr den Oberschenkel: »Na na, er ist jetzt an einem besseren Ort.«

Posthumus seufzte.

Die anderen aus dem Treppenhaus saßen vorn in der Ecke an einem Tisch und unterhielten sich leise. Paul machte hinter der Bar klar Schiff, während seine Bandkollegen die Instrumente zusammenpackten. Die alte Uhr an der Wand tickte laut. Am Fenster klopfte es. Posthumus stand auf und ließ die Polizei herein.

2

»Was du nicht sagst! Wirklich?« Pia Jacobs legte das Messer weg und ließ ein dickes, glänzendes Steak auf ein Stück Wachspapier plumpsen.

Marty Jacobs wandte seiner Mutter den Rücken zu und schob ein Stück Rinderbein durch die Knochenbandsäge. »Alte Tratschtanten«, murmelte er vor sich hin und übertönte dann ihre Stimmen mit der kreischenden Säge. Irene Kester stand seit geschlagenen zehn Minuten an der Theke und erzählte von einem blutrünstigen Mord im Nieuwebrugsteeg. Die Kunden hinter ihr lauschten begierig. Und das auch noch an einem Samstagmorgen. Es waren schon so viele Kunden im Laden, dass nachher die Hölle los sein würde. Aber er konnte jetzt niemanden bedienen, erst musste er das hier fertig machen. Er wischte seine fleischige feuchte Hand an der Schürze ab. Dabei war er seit fünf Uhr auf … na ja, vielleicht seit sechs, während seine Mutter wie üblich erst nach acht majestätisch die Treppe herabgeschwebt war, in der Erwartung, dass alles schon wie am Schnürchen lief.

»Das ist doch kaum zu glauben, oder?«, sagte Irene gerade und verzog empört den Mund. »Die arme Marloes. ›Offizielle Zeugenaussage‹ nannten sie das, sie musste gleich mit aufs Revier. Und Pieter Posthumus auch, weil er in dem Zimmer gewesen war. Für ihn ist das ja in Ordnung, er ist an so was gewöhnt, da bin ich mir sicher, aber die arme Marloes. Ich war empört. Ich habe denen ordentlich die Meinung gesagt, ja, das hab ich, nachdem ich mich so bemüht hatte, sie zu trösten. Sie war total durcheinander, das arme Ding, hat keinen klaren Satz mehr rausgebracht.«

»Das tut sie doch nie«, sagte Pia. »Völlig durchgeknallt, wenn du mich fragst.«

»Und …«, fuhr Irene fort und senkte die Stimme. Die anderen Kunden beugten sich vor. Selbst Marty hielt an der Maschine inne. »… sie haben ihre ganzen Kleider mitgenommen. Schuhe, alles. Vorn auf ihrem Kleid war Blut.«

»Fällt doch nicht weiter auf, bei den Farben, die sie trägt«, sagte Pia und steckte das eingewickelte Steak in eine Plastiktüte.

In der Nähe der Ladentür kicherte jemand leise.

»Wahrscheinlich hat sie den kleinen Gauner selbst umgebracht«, fuhr Pia fort.

Marty sah seine Mutter finster an. Typisch, dachte er. Hält sich wohl für ultra-witzig.

»Pia, du bist wirklich furchtbar!«, sagte Irene. »Die arme Frau hat den Jungen in den Arm genommen, als sie ihn fand. Du weißt doch, wie sie ihn immer bemutterte.«

»Und all die anderen auch«, sagte Pia. »Völlig plemplem. Das Haus sollte man schließen.«

Martys Finger schlossen sich wie eine aufgedunsene rosa Seeanemone um das Ende des Knochens. Er klatschte das Fleisch aufs Schneidebrett.

»Was für ein Tohuwabohu. Mir war ganz elend zumute«, sagte Irene und wandte sich um, damit auch alle Kunden mitbekamen, was sie zu erzählen hatte. »Und man muss sich das mal vorstellen, das ist in meiner Nachbarschaft passiert! Von unserer Küche kann man das Fenster von dem Jungen sehen. Ich selbst bin natürlich nicht rauf, ich bin im Café geblieben, aber mein Albert hat mir erzählt, was er gesehen hat. Ganz furchtbar. Überall Blut. Jedenfalls, Anna aus dem Dolle Hond musste dann rüber, um Marloes was zum Umziehen zu holen. Da war ich also, auf mich allein gestellt. Ich hab mein Bestes getan, sie zu trösten, aber man weiß ja, wie das ist, was kann man schon tun? Und kein hilfreiches Wort von der Polizistin. Und dafür zahlen wir Steuern! Die Kleider von Piet Posthumus haben sie auch mitgenommen. An einem Schuh und einem Hosenbein war Blut. Haben sie gesagt. Man konnte kaum was sehen. Er war alles andere als glücklich darüber, du kennst ihn ja, immer aus dem Ei gepellt. Aber er hat ja immer Kleider zum Wechseln oben über dem Dolle Hond.«

Irene hielt kurz inne, damit auch alle begriffen, was sie damit sagen wollte.

Marty sägte das letzte Stück Knochen durch.

»Wenigstens mussten die anderen gestern Abend nicht mehr für eine ›offizielle Zeugenaussage‹ aufs Revier«, sagte Irene. So wie sie den Begriff betonte, klang er hohl und behördensprachlich. »Aber heute müssen alle ihre Aussage machen. Albert auch. Ich meine, was soll das bringen? Damit alle noch mal dasselbe sagen? Und was soll Albert gesehen haben, was die anderen nicht gesehen haben? Und ich bin dann allein im Laden. An einem Samstag. Du weißt, wie ich das hasse.«

Marty bohrte verstohlen in der Nase, schmierte seinen Fund in die Schürze und wischte sich die Finger seitlich am Hemd ab. Er legte das Tablett mit den Beinscheiben in die Auslage und wandte sich endlich den Kunden zu. Blöde Kuh, dachte er, die hat doch keine Ahnung. Verkauft kitschige Souvenirs und Zigaretten in dieser schäbigen Bude am Zeedijk, zu mehr hat sie es nicht gebracht.

»Diese ganzen besoffenen Engländer«, sagte Irene, als sie ihr Steak in Empfang nahm. »Ich habe Albert gesagt, wir sollten für eine Stunde oder zwei zumachen, aber er wollte nichts davon hören. So, das wär’s für heut Morgen, ich mach mich jetzt besser auf den Weg!«

Sie schenkte den Kunden, die hinter ihr anstanden, ein zuckersüßes, leidgeprüftes Lächeln und verließ den Laden.

***

Posthumus schwang sich vom Sattel seines schweren schwarzen Fahrrads, klappte den Ständer runter und beugte sich vor, um das Schloss am Hinterrad zu befestigen, als Irene Kester aus der Metzgerei kam. Er spürte, wie seine Schultern nach vorn sackten. Die hatte ihm gerade noch gefehlt. Durch den gestrigen Abend war sein kostbarer Samstagmorgen schon genug durcheinandergebracht. Und jetzt würde ihn gleich noch La Kester ausquetschen. Er wappnete sich innerlich. Schlafmangel machte ihn reizbar, und gestern war es weit nach zwei geworden, bis er seine Aussage gemacht, Anna mit Marloes geholfen hatte und endlich zu Hause und im Bett gewesen war. Nicht zum ersten Mal an diesem Morgen spürte er Wut in sich aufsteigen, wenn er an Zigs toten Körper dachte, der ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte.

»Pieter, Pieter, wie geht es Ihnen denn, mein Lieber?«

Einen Moment lang dachte er, sie würde ihn umarmen, doch dann fuhr sie fort, ohne auf eine Antwort zu warten:

»Furchtbar das alles, nicht wahr? Ich bin total fertig. Wenn man sich das überlegt, es hätte auch Bert oder mich treffen können. Oder Anna. Sie wissen ja, wie leicht man durch die Hinterhöfe in die Häuser kommt! Und jetzt muss ich allein auf den Laden aufpassen. Während Albert auf dem Revier seine ›offizielle Aussage‹ macht. Ganz schöne Zumutung.«

Und mit diesen Worten segelte sie Richtung Zeedijk davon.

Posthumus sah ins Schaufenster der Metzgerei. Im Laden drängten sich die Kunden. Er hatte angenommen, um halb zehn sei noch nicht so viel los, aber da hatte er sich wohl getäuscht. Pia Jacobs winkte ihm zu. Marty stand missmutig neben ihr hinter der Theke. Posthumus beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis, was heißen sollte, dass er zuerst seine anderen Einkäufe erledigen und später wiederkommen würde. Ehrlich gesagt, er konnte da einfach nicht rein, ihm war das alles zu viel, vor allem, wenn Irene gerade im Laden gewesen war. Bestimmt hatte sie über gestern Abend getratscht. Er musste etwas anderes für Merel kochen. Vielleicht seinen Klassiker, Huhn mit Fenchel? Er ärgerte sich, schließlich hatte er schon vor Tagen die Einkaufsliste für das Abendessen mit seiner Nichte geschrieben. Merel hatte am Telefon gesagt, dass es wichtige Neuigkeiten gebe. Und nach allem, was in den letzten Wochen passiert war, wollte er sie unbedingt sehen. Er konnte nicht absagen. Also Antipasti und dann Fenchelhuhn? Das könnte gehen. Zumindest war es schnell und einfach – und er hatte ja heute Vormittag noch einiges vor. Also klappte er den Ständer wieder hoch und schob sein Fahrrad über den Gehweg.

Die Straße war leer, bis auf ein paar Prostituierte, vermutlich auf dem Heimweg, aber wer weiß, einige fingen ja sehr zeitig an. Jede von ihnen hatte eine große Tasche über der Schulter, eine trug so hohe Absätze, dass man sich fragte, wie sie überhaupt darauf gehen konnte. Am anderen Ende der Straße tuckerte eine Kehrmaschine den Bordstein entlang. Die Metzgerei Jacobs lag mitten im Rotlichtviertel und war umgeben von unzähligen Coffee- und Sexshops, schäbigen Andenken- und billigen Fast-Food-Läden. Die Metzgerei gehörte im Viertel zu einer Welt, die weder zu den Bilderbuchvorstellungen der Touristen passte, noch zu dem harten Milieu der Mädchen vor ihm. Inmitten des Trubels und der Huren gab es auch einen ganz normalen Alltag, Menschen, die hier wohnten und arbeiteten – ein paar sogar, wie Anna und Marloes, schon ihr ganzes Leben lang. Manche Familien waren seit Generationen hier ansässig, allerdings wurden es immer weniger, weil dubiose Geschäftsleute Grundstücke aufkauften und die Läden hauptsächlich Touristen anlocken sollten. Oder zur Geldwäsche dienten. Posthumus war deshalb froh über die jüngsten Bemühungen der Stadtverwaltung, wieder mehr Vielfalt in das Viertel zu bringen, das zu den ältesten der Stadt gehörte.

Er stieg aufs Rad. In der Nacht hatte es heftig geregnet. Das Kopfsteinpflaster und die geschwungenen Häusergiebel in der Straße glänzten wassersatt, fast surreal. Das Fleisch in der Auslage der Metzgerei bildete eine interessante Parallele zum Fleisch der Pornomagazine im Schaufenster nebenan. Es war still, abgesehen vom Wischen der Kehrmaschine und dem Klackklack der hohen Absätze der Fenstermädchen. Eine Stimmung, wie auf einem Hopper-Gemälde, dachte Posthumus, oder eher wie im Theater, bevor das Publikum eingelassen wird. Er fuhr weiter, Richtung Nieuwmarkt.

Der Samstagvormittag war eigentlich heilig. Keine Termine, alles lief nach seinem Tempo – zum Teil bedächtige Routine, zum Teil spontan. Na ja, größtenteils Routine, wie er zugeben musste, aber eine angenehme: entspannte Vorbereitungen für die kommende Woche, gemächliche Lebensmitteleinkäufe. Aber heute blieb keine Zeit für einen Bummel über den Bauernmarkt, er musste sich darauf beschränken, das Notwendigste auf dem Nieuwmarkt zu besorgen, der näher bei seiner Wohnung lag. Posthumus sah auf die Uhr. Kurz vor zehn. Ihm blieb etwa eine Stunde, dann musste er im Dolle Hond sein. Anna hatte Marloes um acht aufs Revier begleitet, zu einem zweiten Versuch für eine Aussage. Die arme Frau war gestern Abend nicht in der Lage gewesen, auch nur einen klaren Satz zu äußern. Anna hatte Marloes versprochen, dass sie und Posthumus ihr später beim Aufräumen und Saubermachen helfen würden, wenn die Tatortreiniger das Blut entfernt hatten. Das viele Blut hatte Marloes wirklich zugesetzt, immer wieder hatte sie davon angefangen, dass sie es unbedingt wegwischen müsse. Posthumus spürte erneut Wut in sich aufkeimen, gegen denjenigen, der Zig das angetan hatte. Und Marloes.

***

Anna rief später an als erwartet. Es war bereits Mittag. Anna und Marloes wollten gerade ins Gästehaus gehen, als Posthumus beim Dolle Hond ankam. Marloes wirkte ruhiger, gefasster, die Haare waren zu ihrem üblichen schiefen Nackenknoten hochgesteckt. Anna hatte eine Tüte von De Bakkerswinkel in der Hand.

»Ich habe uns ein paar broodjes gekauft«, sagte sie. »Die, die du so gern magst. Marloes macht uns einen Kaffee.«

Marloes gab ihm die Hand.

»Vielen Dank, Pieter. Wenn du nicht …«

»Was ich gestern Abend gesagt habe, meine ich immer noch so. Es muss ein schwerer Schock für dich gewesen sein. Das alles tut mir furchtbar leid«, sagte Posthumus.

»Ich kann mich kaum erinnern, was gestern geredet wurde«, sagte Marloes. »Manchmal kommt es mir vor, als ob es hundert Jahre her wäre, wie etwas, das ich im Fernsehen gesehen habe, und dann …«

Einen Augenblick lang wirkte sie wieder ganz verloren. Verstört. Jenseits der Tränen.

»Ich liebe diesen Jungen, liebe ihn. Er war immer … Warum nur?«

»Komm«, sagte Anna. Ihre Stimme war sehr leise. »Kaffee.«

»Wir müssen das Zimmer sauber machen. Ich muss wirklich … das viele Blut.«

»Das ist erledigt«, sagte Anna. »PP und ich helfen dir mit dem Rest. Aber zuerst hätten wir gern einen Kaffee.«

»Ja, Kaffee, Kaffee. Natürlich. Aber dann müssen wir wirklich anfangen«, sagte Marloes und fuhr sich zerstreut durchs Haar. »Gehen wir rein. Früher habe ich mal gesungen, wisst ihr.«

Anna lächelte. Das klang jetzt wieder mehr nach der alten Marloes. Typisch für sie. Einer dieser rätselhaften Gedankensprünge, mit denen sie ihre Gesprächspartner oft verwirrte. Anna war daran gewöhnt.

»Ja, ich erinnere mich.«

»Jeden Tag. Jeden Tag. Meine Mutter auch. Ich mache euch jetzt Kaffee.«

Sie ging voraus, an den zugestrichenen Fenstern vorbei durch die Tür des Gästehauses.

Posthumus sah hoch zum Zimmer im ersten Stock, während Marloes mit den Schlüsseln zu ihrer Wohnung im Erdgeschoss herumfummelte. Wieder hatte er Zig vor Augen. Und dann, unaufgefordert und genauso wenig willkommen, das Bild seines eigenen Bruders – blutend, zuckend und verrenkt neben seinem Fahrrad auf dem nassen Asphalt. Nicht ganz so jung wie Zig, aber doch jung. Zu jung. Und wie Zig für immer in diesem Alter gefangen. In letzter Zeit hatte ihn Willems Anblick nicht mehr so oft heimgesucht. War das gut? Ein Zeichen, dass er sich langsam damit abfand? Das Wiedersehen mit Merel nach all den Jahren hatte ihm geholfen. Vielleicht hatte er den Rat seiner Nichte verinnerlicht und quälte sich nicht mehr so wegen Willem. Wegen allem.

Anna und Marloes waren schon in der Wohnung. Posthumus setzte sich zu Anna an den Küchentisch, während Marloes herumhantierte und Kaffee machte. Durch die zugestrichenen Scheiben drang fahles Licht von der Straße herein. Anna wirkte erschöpft. Sie riss die Tüte von De Bakkerswinkel auf. Posthumus stand auf und sah sich nach Tellern um. Die Küche war ein einziges Durcheinander. Schmutziges Geschirr neben und in der Spüle. Da redete Marloes die ganze Zeit davon, dass man Zigs Zimmer putzen müsse, aber ihr eigenes Chaos übersah sie anscheinend. Posthumus nahm mit spitzen Fingern drei halbwegs saubere Teller vom Abtropfgestell, suchte vergebens nach einem Geschirrtuch, um sie abzuwischen, und stellte sie dann achselzuckend auf den Tisch.

Anna bastelte aus der aufgerissenen Tüte einen Teller und schob die broodjes in die Mitte. Roggenbrötchen mit Räucherschinken und Meerrettich und Käsebrötchen mit Senf. Marloes brachte drei Becher Kaffee auf einem Tablett, ihre klobige Halskette schlug dabei gegen das Steingut. Heute trug sie ein lila Kleid mit großen roten Blumen, so weit und sackartig wie immer. Darüber eine dünne grüne Strickweste und Turnschuhe mit weißen Söckchen.

»Ich muss unbedingt sauber machen«, sagte sie. »Ich weiß, ich bin da ganz schlecht. Mama hat immer gemeckert, dass ich sauber machen soll.«

Posthumus war sich nicht sicher, ob sie sich für die Küche entschuldigte oder noch immer an das Blut dachte. Jeder nahm sich ein belegtes Brötchen, Posthumus legte zuerst noch eine Papierserviette auf seinen Teller. Marloes schob ihren Teller gleich wieder weg.

»Nein, ich kann nicht.«

»Probier doch wenigstens«, sagte Anna. »Du hast nichts gefrühstückt.«

»Er ist so gut zu mir«, sagte Marloes. »Ein Engel.«

Posthumus fragte sich, ob sie immer noch nicht begriffen hatte, dass Zig tot war. Andererseits sprachen viele Menschen im Präsens von den Toten.

»Das war er«, sagte Anna. »Und du warst sehr gut zu ihm.«

Marloes drehte sich abrupt zu ihr. »Oh, sie waren böse. Böse.«

»Und wenn es dich nicht gäbe, wäre er noch bei ihnen«, sagte Anna. »Oder man hätte ihn zurück nach Moldawien geschickt. Du hast ihm sein Leben zurückgegeben. Das darfst du nicht vergessen.«

»Sie sind alle meine Kinder«, sagte Marloes. »Aber Zig, mein kleiner Zig …«

Marloes sank auf ihrem Stuhl zusammen. Sie hatte etwas von einem Kind, dachte Posthumus, von einem ängstlichen Kind – klein, unterwürfig, obwohl sie so eine große, kräftig gebaute Frau war.

»Jetzt ist er ein Engel«, fuhr Marloes fort.

»Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen sollten?«, fragte Posthumus. »Familienangehörige? Jemanden, der ihm nahestand?«

Marloes schüttelte den Kopf.

Wieder dieses Bild. Wie ein greller Blitz, nur rot. Zigs Kopf auf dem Bett.

»Hast du eine Idee …«, begann Posthumus.

»PP, nicht jetzt«, sagte Anna.

Marloes schien gar nicht zuzuhören. Sie versuchte es noch einmal mit ihrem Brötchen und schob dann den Teller noch weiter weg, in die Mitte des Tisches.

»Oh Anna, Anna, ich bin so müde.«

Da bist du nicht die Einzige! Fast wäre es Posthumus herausgerutscht, aber er beherrschte sich. Anna ging es bestimmt noch schlechter. Marloes hatte im Dolle Hond übernachtet. Das war sicher nicht einfach gewesen.

»Warum legst du dich nicht ein bisschen hin?«, schlug Anna vor. »PP und ich könnten schon mal oben anfangen. Ich glaube, das wäre das Beste.«

»Ich muss sauber machen.«

»Das ist nicht nötig. Wenn du ein bisschen geschlafen hast, geht es dir besser.«

»Ich kann nicht. Ich kann das nicht alles euch aufhalsen.«

»Nur ein kleiner Mittagsschlaf«, sagte Anna. »PP und ich holen dich dann, wenn wir Hilfe brauchen.«

Marloes schwieg einen Moment, dann stand sie auf.

»Wenn ihr wirklich meint«, sagte sie.

Anna nickte. Posthumus antwortete nicht.

»Vielen Dank«, sagte Marloes. »Pieter, Anna, euch beiden. Vielen, vielen Dank.«

Sie ging zu ihrem Schlafzimmer im hinteren Teil der Wohnung.

Anna wartete, bis Marloes die Tür zugemacht hatte. Seufzend sammelte sie dann die Überreste der broodjes zusammen. Posthumus trug die Teller zurück zur Spüle, zögerte kurz und legte sie dann vorsichtig auf den Stapel mit dem ungespülten Geschirr.

Dann gingen sie nach oben.

***

»Lass die Tür offen.«

Anna trat beiseite und ließ Posthumus in Zigs Zimmer.

»Ich finde es ein bisschen unheimlich, hier eingeschlossen zu sein«, sagte sie.

Im Zimmer lag immer noch alles wild durcheinander. Die Tatortreiniger hatten schnell und effizient gearbeitet, aber nicht aufgeräumt. Das Bettzeug und die Matratze waren weg; an den Wänden und auf dem Boden waren noch blassrote Flecken; nur der Heizkörper wirkte völlig sauber. Graues Tageslicht sickerte durch ein kleines Oberlicht und durch das Fenster über dem Bett. Ein unangenehm scharfer, chemischer Geruch hing in der Luft.

»Wie konnte das bloß passieren? Ich meine, ausgerechnet Zig. Wer tut so etwas?«, fragte Anna.

Posthumus schüttelte nur den Kopf. Anna lehnte sich an den Türrahmen und schloss die Augen.

»Oh … was … für … eine … Nacht.«

Sie schien keine Funken Energie mehr in sich zu haben.

»Bist du okay?«, fragte Posthumus.

»Bist du es denn?« Anna wandte sich um und sah ihn an. »Wenigstens musste ich gestern nicht hier rein, als er noch da lag.«

»Mir geht’s gut«, sagte Posthumus. Die Flashbacks und Willem erwähnte er nicht. Anna hatte sich im Lauf der Jahre genug über Willem anhören müssen. Sie erriet es sowieso. Er musste gar nichts sagen. Posthumus streckte die Hand aus und strich ihr eine widerspenstige Locke aus der Stirn.

»Es war doch richtig, dass ich sie schlafen geschickt habe, oder?«, fragte Anna. »Ich dachte, so ist es einfacher für uns.«

»Das kannst du laut sagen … Und überhaupt, woher hat sie nur diese Kleider?«

»Schsch, PP. Hör auf!« Annas Züge entspannten sich, und sie kicherte verschwörerisch. »Sie näht sie selbst.«

»Bestimmt braucht sie nur fünf Minuten pro Kleid. Stoff aus dem Vorhangladen, die eine Seite raufnähen, die andere runter, ein Loch für den Hals frei lassen, fertig.«

»PP!«

Anna löste sich vom Türrahmen. »Also los, machen wir uns an die Arbeit.«

Posthumus warf einen Blick zurück zum Treppenabsatz. »Weißt du, ob noch jemand im Haus ist?«, fragte er.

»Nur ein Mädchen namens Tina, hat Marloes gesagt. In einem der Zimmer da drüben.«

»Ja, die habe ich gestern Abend gesehen. Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass sie uns helfen wird.«

Anna hatte eine Rolle fester Plastiksäcke aus dem Dolle Hond mitgebracht.

»Wo fangen wir an?«, fragte sie.

»Lass uns zuerst ein bisschen aufräumen. Ich schaue die Papiere durch, außerdem können wir die Dinge heraussuchen, die wertvoll aussehen oder die Marloes vielleicht behalten will. Oder die Familie – man weiß nie, wer da plötzlich noch auftaucht. Die Kleider stecken wir in Säcke für die Kleidersammlung. Alles andere werfen wir weg, zumindest den richtigen Müll.«

»Da spricht der Profi. Und du bist dir sicher, dass das in Ordnung ist? Wegen der Polizei, meine ich.«

»Die Polizei hätte die Tatortreiniger nicht geschickt, wenn sie nicht fertig wäre. Die Spurensicherung hat sicher alles, was sie untersuchen wollen, mitgenommen, und auch Proben genommen und Fotos vom Tatort gemacht.«

»Und die kleinen Zahlen überall, zum Beispiel am Fernseher?«

»Die markieren, welche Probe woher stammt.«

Posthumus ging zum Nachttischchen und zog die kleine Schublade auf. Anna stellte die umgefallenen Möbel wieder auf.

»Er hieß eigentlich Stefan, hast du das gewusst?«, sagte Posthumus, während er den kleinen Stapel Papiere durchblätterte, der in der Schublade gelegen hatte.

»Ich kannte ihn nur als Zig«, meinte Anna.

»Ein brandneuer niederländischer Pass«, fuhr Posthumus fort. Er hob ihn hoch. »Gerade mal drei Wochen alt.«

»Das hat Marloes geregelt«, sagte Anna. »Vor ein paar Monaten wurde er eingebürgert. Sie kamen rüber in den Dolle Hond und haben gefeiert. Sie hatte sich damals auch um seinen Asylantrag gekümmert, weißt du, und die Anwälte bezahlt, solche Sachen. Vor Jahren, nachdem sie ihn gerettet hatte.«

»Ja … was hat sie vorhin mit dem ›böse, böse‹ gemeint?«

Anna hob eine Schachtel auf, die mit der Öffnung nach unten unter der Staffelei an der Wand lag, in Zigs Malecke, und füllte sie mit den auf dem Boden verstreuten Farbtuben.

»Du weißt doch, dass er früher auf den Strich gegangen ist?«

Posthumus nickte.

»Sie hat ihn da rausgeholt«, erzählte Anna weiter. »Da gab es eine schlimme Geschichte in Moldawien, ich weiß nicht mehr genau was. Er kam wohl durch eine Schlepperbande hierher, und die hatten ihn mit irgendwas unter Druck gesetzt und haben ihn gezwungen, anschaffen zu gehen. Marloes war wirklich sehr mutig.«

Anna legte die Schachtel auf einen vollgestellten Tisch neben der Staffelei.

»Das erklärt das hier«, sagte Posthumus. Er hielt ein Blatt hoch, das hinten aus einem Notizbuch gerutscht war, und musste dabei beinahe lächeln. »Ungewöhnlich für einen Jungen Anfang zwanzig«, sagte er. »›Letzter Wille und Testament von Stefan Zagorodnii.‹ Sehr anrührend. ›Hiermit hinterlasse ich meinen gesamten Besitz Marloes Vermolen, die meine Mutter ist, meine Retterin, mein Alles.‹ Von Hand geschrieben. Er hat es unterschrieben, allerdings ist es nicht bezeugt. Hat rechtlich also keinen Bestand. Aber schön für sie zu wissen, dass er so empfunden hat.«

»Oh, ich bin mir sicher, dass sie das auch so weiß«, sagte Anna.

Sie betrachtete das Gemälde auf der Staffelei, eine beinah fertige Kopie von Vermeers Dienstmagd mit Milchkrug. Posthumus legte Zigs Pass und die wichtigeren Dokumente auf das Nachttischchen. Er riss einen Müllsack von der Rolle und ließ die anderen Papiere hineinfallen.

»Das ist zum Recyceln«, sagte er, hob den Sack hoch und lehnte ihn gegen den Heizkörper.

»Vielleicht hätte sie das gerne«, sagte Anna und nahm das Gemälde von der Staffelei.

»Das hing bei uns an der Wand, als ich klein war«, sagte Posthumus. »Mein Vater liebte Vermeer. Selbst ganz zum Schluss konnte man ihm mit Vermeer noch eine Reaktion entlocken. Und ihn beruhigen.«

Anna hielt das Gemälde auf Armlänge von sich weg und neigte es leicht zum Oberlicht.

»Das kann ich gut verstehen«, sagte sie.

»Ist nicht schlecht gemacht, oder?«, befand Posthumus. »Irgendetwas stimmt nicht ganz, aber ja, vielleicht hätte sie es gerne.«

Anna stellte die Leinwand draußen auf den Treppenabsatz.

»Du musst hier nicht den Kunstexperten spielen«, sagte sie. »Es wird ihr gefallen, weil Zig es gemalt hat. Nicht weil es gut oder schlecht gemacht ist.«

»Natürlich, ich weiß. Sorry«, sagte Posthumus. »Etwas Persönliches, ein Andenken. Ich wusste gar nicht, dass er gemalt hat.«

»Na ja, sein Geld hat er anders verdient, aber es war sein großer Traum, als Künstler zu leben. Er wollte nach Berlin – anscheinend ist das jetzt die Stadt. Marloes war deshalb ziemlich aufgebracht.«

Anna fing an, den vollgestellten Tisch bei der Staffelei abzuräumen.

»Hinter der Bar bekomme ich das alles mit«, sagte sie. »Anna – die mit dem offenen Ohr für alle.«

»Was du nicht sagst«, antwortete Posthumus.

Anna war eine gute Zuhörerin, konnte aber auch sehr direkt sein, wenn sie merkte, dass jemand Wunschträumen nachhing oder in Selbstmitleid ertrank. Posthumus ging zum Schrank und sah Zigs Kleidung durch. »Anna, mit ihrer meisterlichen Mischung aus Liebe und Strenge.« Das bewunderte er an Anna. Er tastete die Hosentaschen ab, legte die Kleider ordentlich zusammen und stapelte sie auf dem Bettrahmen hinter sich.

»Oh, PP …«

Annas Stimme zitterte. Sie hielt ein Kuscheltier in der Hand, einen alten braunen Hund, das Fell an manchen Stellen abgeliebt und mit Farbe bekleckst.

»Schau mich nur an«, sagte Anna und wischte sich mit der Hand über die Augen. »Zigs Leiche, Marloes, die Polizei, der ganze Abend gestern, das stecke ich alles weg … und dann sehe ich diesen Hund und zack. Er hatte ihn bestimmt schon als kleiner Junge.«

Posthumus ging zu ihr und nahm sie in die Arme.

»Anna.«

»Ist schon wieder okay«, sagte Anna. »Wirklich.«

Sie wich zurück und klopfte ihm auf die Brust.

»Lange her, dass du mich weinen gesehen hast«, sagte sie.

»Hör mal, das war alles ziemlich anstrengend für dich«, sagte Posthumus. »Noch mehr als für mich«, fügte er schnell hinzu, bevor sie etwas einwenden konnte. »Ich kann das hier allein fertig machen, viel ist ja nicht mehr zu tun.«

»Wirklich, es ist alles in Ordnung«, sagte Anna. Sie legte den Plüschhund zurück auf den Tisch, zögerte einen Moment, nahm ihn wieder in die Hand und steckte ihn in einen Müllsack. »Siehst du? Da ist sie wieder, die Anna, die nicht lange fackelt und hart im Nehmen ist.«

Sie runzelte die Stirn und sah zur Tür. Posthumus drehte sich um. Tina stand im Türrahmen, ihr magerer Körper schaukelte hin und her, im Rhythmus mit dem Beat aus ihren Kopfhörern. Nicht ganz so bekifft wie gestern Abend.

»Ist Zig weg?«, fragte sie. Sie hatte eine hohe, leicht zittrige Stimme.

Posthumus widerstand dem Impuls, ihr die Ohrstöpsel aus den Ohren zu reißen. »Er ist tot. Hast du das gestern nicht mitbekommen?«

»Dann ist er also weg«, sagte Tina, wandte sich um und ging die Treppe hinunter zur Haustür.

Posthumus zuckte, als wollte er ihr etwas hinterherrufen, aber Anna berührte ihn sacht am Ellbogen.

»Wo findet sie die nur?«, fragte er.

Anna lächelte, klappte Zigs Staffelei zusammen und lehnte sie gegen die Schachtel, in die sie die Farbtuben gepackt hatte.

»Nein, im Ernst«, sagte Posthumus. »Wo kommen die alle her?«

»Von überall her. Aus den umliegenden Bars, oder Bekannte erzählen ihr von jemandem oder schicken die Leute hierher.«

Posthumus wandte sich wieder dem Kleiderschrank zu.

»War das schon immer so?«, fragte er. Er versuchte, sich Marloes in Erinnerung zu rufen, als er und Anna sich kennengelernt hatten, als sie noch ein Paar waren. Aber es klappte nicht. Solange er denken konnte, war Marloes einfach die sonderbare Frau von nebenan gewesen. Er hatte sie eigentlich nie richtig beachtet.

»Ihre Mutter hatte hier eine richtige Pension, aber damit war es vorbei, als sie starb«, sagte Anna.

Sie ging zur Wand in Zigs Malecke und nahm die Poster und Postkarten mit den Gemälden Alter Meister ab.

»Erinnerst du dich nicht an sie? An die alte Frau Vermolen? Das muss 1986 oder 1987 gewesen sein. Da warst du schon da.«

Posthumus zuckte mit den Schultern und sah Anna fragend an.

»Marloes kümmerte sich zunächst nicht um das Haus, es war ihr einfach zu viel«, erzählte Anna. »Und dann fing sie mit dem Gästehaus an. Mit ihren verlorenen Seelen.«

Sie machte eine Geste, halb Richtung Treppenabsatz und halb nach unten, wohin Tina verschwunden war. Posthumus legte den letzten Hemdenstapel in den Sack.

»Aber wovon lebt sie?«, fragte er. »Ich meine, damit verdient man doch kein Geld. Das muss schwierig sein.«

»Ich nehme an, das Haus gehört ihr nach all den Jahren, so wie der Dolle Hond jetzt mir gehört«, sagte Anna. »Und ich weiß, dass die Jugendlichen ein bisschen was für ihr Zimmer bezahlen. Wenn sie können. Und sie bekommt Zuschüsse von der Stadt. Besser gesagt: bekam. Die wurden nämlich vor ein paar Monaten im Rahmen der Haushaltskürzungen gestrichen. Vielleicht sind deswegen nur noch Tina und Zig hier. Waren nur noch Tina und Zig hier. Die Arme.«

Posthumus vermutete, dass Anna Marloes und nicht Tina meinte. Er machte die Türen des Kleiderschranks zu und zog die Schubladen darunter auf.

»War sie schon immer so schrullig?«, fragte er. »Komisch, mitten in dem ganzen Chaos gestern Nacht habe ich versucht, mir vorzustellen, wie ihr als Kinder miteinander gespielt habt.«

»Und du nennst Marloes schrullig?« Anna lachte. »Ein bisschen war sie schon immer so. Das große Mädchen von nebenan, aber immer ein bisschen hinterher für ihr Alter. Sie hatte es schwer. Ihr Vater fuhr zur See und war kaum zu Hause. Er ist sehr jung gestorben. Ihre Mutter war eine Tyrannin, und was für eine! Ich weiß noch, wie über sie getratscht wurde. Dass sie den Kaffeesatz trocknete, um ihn mehrfach aufzugießen. Solche Sachen. Sparsam bis zum Geiz.«

Anna war mit den Alten Meistern fertig und gab den Stapel in die Tüte für den Papiermüll.

»Deshalb die selbst genähten Kleider«, sagte Posthumus.

»Mit den grellen Farben hat Marloes wahrscheinlich versucht, ein bisschen zu rebellieren, denke ich, und das ist dann so geblieben«, sagte Anna. »Als Kind wurde sie ziemlich gegängelt. Ihre Mutter war sehr streng, gönnte ihr kaum Freiräume. Marloes hatte nur wenige Freunde. Und mit einem Mann hat es auch nie so richtig geklappt.«

Posthumus hatte eine Ablageschachtel aus einer der Schubladen gezogen und ging den Inhalt durch.

»Das muss die Bande sein, von der du mir erzählst hast«, sagte er. »Vor der Marloes Zig gerettet hat.«

Er sah zu Anna hoch.

»Zeitungsausschnitte. Über Festnahmen, einen Prozess – 2005, 2006.«

Er überflog die Schlagzeilen.

»Zuhälter, Schlepper, Menschenhandel … Meinst du, das hat etwas mit seinem Tod zu tun? Dass ihn seine Vergangenheit eingeholt hat?«

Anna antwortete nicht.

»Vielleicht ist jemand hierher zurückgekommen. Oder wurde aus dem Gefängnis entlassen. Fünf Jahre, das ist lange genug.«

»Du fängst doch jetzt nicht wieder damit an«, sagte Anna. »Also wirklich, PP. Nein.«

Erst vor wenigen Wochen war Posthumus, weil er den Dingen einfach immer auf den Grund gehen musste, auf die Spur einer Terrorzelle gekommen und hatte dadurch seine Nichte in Gefahr gebracht. Alles hatte damit angefangen, dass er ein bisschen an der Oberfläche gekratzt und Details genauer unter die Lupe genommen hatte. Die Geschichte hatte mit einem beruflichen Fall zu tun gehabt, einem jungen Marokkaner, der in einer Gracht ertrunken war.

»Vergiss es!«, sagte Anna. Ihre Stimme klang hart. »Du hast selbst gesagt, dass die Polizei alles Wichtige mitgenommen hat. Das geht dich nichts an.«