Yeshu und seine Geschichte - Peter Klapprot - E-Book

Yeshu und seine Geschichte E-Book

Peter Klapprot

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Beschreibung

Das Evangelium, der Master-Narrativ des Abendlandes neu erzählt: Yeshu, ein Mann mit außergewöhnlichen Begabungen, lebt im von Krieg und Gewalt erschütterten gelobten Land vor zweitausend Jahren. Aufgrund seiner gelebten Spiritualität und seinen Naturbeobachtungen wirkt er wahre Wunder. Aber seine Predigten bleiben den Menschen fremd. Zu sehr sind sie gefangen im traditionellen Denken und in ihrem täglichen Überlebenskampf. Also verlässt er Galiläa und geht er mit seinen Brüdern zum Pas'cha-Fest nach Jeruschalajim. Sehr schnell gerät er in der aufgeheizten Stimmung der Metropole zwischen die Fronten und wird verhaftet. Eine Geschichte voller biblischer Zitate und Begebenheiten, ganz neu gedeutet und angereichert mit aktuellen wissenschaftlichen, psychologischen und spirituellen Erkenntnissen für die Leserinnen und Leser der Zeitenwende zu Beginn des dritten Jahrtausend.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Peter Klapprot

Yeshu und seine Geschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Impressum neobooks

Kapitel 1

Peter Klapprot

Botschaften von Yeshu

Ähnlichkeiten mit dem neuen Testament der Bibel

sind teilweise beabsichtigt, andererseits vermieden.

Das Feuer, das mich wegträgt,

wird nicht bei mir bleiben,

sondern bei dir. Für immer.

Elias

„Da, eine Sternschnuppe.“

„Hör auf!“

„Schaut selbst.“

„Red' keinen Tinnef!“

„Ich habe sie auch gesehen.“

„Ihr habt getrunken.“

„Es sah aus, als käme sie auf uns zu.“

„So ein Tinnef! Im Winter gibt es keine Sternschnuppen. Die kommen am Ende des Sommers und dann viele.“

Die Berge im Westen hatten das letzte Licht verschluckt. Mit der Dunkelheit breitete sich die Stille aus. Die Herde lagerte nebenan, der Geruch von Dung und Wolle lag in der Luft. Manchmal ein leises Blöken. Die Tiere waren nah aneinander gerückt. Es war kalt. Morgen würde es Raureif geben. Das Feuer war runter gebrannt. Sie hatten Fladen aus ungesäuertem Teig gegessen und etwas Käse. Es hatte gereicht, den Hunger zu vertreiben. Satt waren sie nicht.

„Habt ihr die Frau gesehen?“

Es waren einsame Männer, jede Frau erregte ihr Aufsehen.

„In dem Zustand! Alles wegen der Zählung.“

„Mein Vater konnte bis fünf zählen. Wenn es mehr als fünf waren, waren es einfach viele. Er war ein glücklicher Mann.“

„Schafe zählt man, aber keine Menschen.“

„Warum will man uns zählen?“

„Der Kaiser will wissen, wer was besitzt, damit er Steuern erheben kann.“

„Und er will wissen, wie viel junge Männer da sind, die er zu Soldaten machen kann.“

„Was geht uns der Kaiser in Rom an!“

„Der Kaiser will es und der König muss es tun.“

„Herodes will unser König sein. Er ist nicht aus den zwölf Stämmen.“

„Deshalb kann er nicht Hohepriester werden.“

„Er war nur Statthalter, die Römer haben ihn zum König gemacht.“

„Weil sie jemanden brauchen, der das Land gegen die Parther im Osten verteidigt.“

„Jetzt macht er gemeinsame Sache mit ihnen.“

„Sie nennen ihn schon Gaius Julius.“

„Er ist schon wie sie, Macht um jeden Preis. Er hat den Bruder seiner ersten Frau umbringen lassen, einen Priester, erst 16 Jahre alt.“

„Er war nicht nur Priester, er war Hohepriester. Versteht ihr? Er hat einen Hohepriester umbringen lassen.“

„Wie kann er mit 16 Jahren schon Hohepriester sein?“

„Er war der Sohn der Schwiegermutter Herodes'.“

Verächtlich schnaubten die Männer.

„Wie hat er ihn getötet?“

„Nach dem Laubhüttenfest hat er die Familie in seinem Palast in Jericho versammelt. Beim Freudenfest hat er ihn betrunken gemacht und ist mit ihm baden gegangen. In den Teichen warteten schon die Mörder. Erst haben sie mit ihm gescherzt, gelacht, mit Wasser gespritzt. Daraufhin haben sie ihn solange unter Wasser gedrückt, bis er ertrunken war. Es sah aus wie ein Unfall.“

„So einer will König sein.“

„Warum hat er ihn umbringen lassen?“

„Er fürchtet um seinen Thron.“

„Was hat das Eine mit dem anderen zu tun?“

„Herodes ist meschugge. Du brauchst ihn nur falsch anzusehen...“

„Weil er nicht Hohepriester werden kann wie die anderen hasmonäischen Könige.“

„Seinen Schwiegervater hat Herodes auch umbringen lassen. Das war ein Hasmonäer-König.“

„Das alte Geschlecht der Hasmonäer, da hat Herodes eingeheiratet, um besser angesehen zu sein.“

„Die Hasmonäer haben auch viel Blut vergossen.“

„Sie haben uns von der Fremdherrschaft befreit. Ich wollte, sie stünden auf aus ihren Gräbern.“

„Sie haben die anderen Länder blutig unterworfen.“

„Sei still!“

„Sie haben Krieg mit Ägypten gemacht.“

„Sei still, sage ich dir!“

„Drei Aufstände haben sie niedergeschlagen und achthundert kreuzigen lassen.“

„Was sagt man noch über Herodes?“

„Nachdem er seine erste Frau hat hinrichten lassen, hat er sich in die Tochter eines Priesters verliebt. Um sie heiraten zu können, hat er den Hohepriester abgesetzt und ihren Vater zum Hohepriester gemacht.“

„Pah!“

„Mörder!“

„Sünde!“, riefen die Hirten und spuckten ins Feuer und lauschten dem Zischen.

Die Hunde hoben die Köpfe. Waren Wölfe in der Nähe oder ein Löwe? Sie warfen Reisig in die Glut und bliesen das Feuer wieder an. Im lodernden Schein sah man die Hunde wittern. Aus der Stille kam etwas. Von sehr fern. Ein tierischer Laut, ein Stöhnen, was die Luft erzittern ließ. Es war kein Wolf und kein Löwe. Es war die Frau. Sie schrie. Das Kind kam und zerriss ihr den Unterleib.

Dann war es wieder still. Beklommen sahen die Männer sich an und hielten inne. Dann war alles wie immer, wiederkäuende Schafe, der eigene Atem, das Schweigen des Himmels.

Die nächste Welle brach los. Die Frau brüllte, die Hunde fingen an zu jaulen.

„Es ist ihr erstes Kind.“

„Oft genug sterben sie.“

„Schafe haben's leichter.“

Die Wellen, die das Kind aus ihr hinaustrieben, hatten sich zu einer großen Woge aufgebaut. Ein Dutzend Mal hatte sie sich aufgebäumt und ihren Schmerz hinausgeschrien. Die Schreie hatten die Nacht erbeben lassen. Dann war Ruhe, eine neue Ruhe, die Ruhe, die Steine und Pflanzen, Tiere und Menschen umfasste. In diese Ruhe wurde ein neues Geräusch geboren, das Greinen eines Neugeborenen.

„Ich weiß nicht“, sagte der Älteste der Hirten.

„Doch“, sagte einer der Jungen und stand auf. Dann noch einer und noch einer.

„Wir haben nichts. Was sollen wir geben?“

Die Jungen schüttelten die Köpfe.

„Wir stören nur...“

„Lasst uns gehen!“

„Wer bleibt bei den Tieren?“

Schweigend drehten die Jungen ab und gingen los. Bevor die Nacht sie verschluckte, erhoben sich die anderen und schlossen sich ihnen an. Kein Hauch ging, die Luft war kalt und klar. Manchmal knirschte ein Stein unter ihren Schritten, manchmal stolperten sie. Zu dunkel, um die Wolken aus Nase und Mund zu sehen. Hoch über ihnen wölbte sich die Milchstraße in dieser Nacht ohne Mond. Was taten sie hier? Keiner wusste es. Sie folgten einfach. Die Hunde trotteten mit hängenden Köpfe neben ihnen.

Schweigend und plötzlich erreichten sie den nahegelegenen Stall. Durch die Ritzen der Bretter drang spärliches Licht. Verlegen traten sie ein. Da saß die Mutter mit dem hilflosen Kind. Sie hielt es im Arm. Es reckte sich ihr entgegen. Seine Lippen fragten, die Mutter machte ein zartes Geräusch und beugte sich über das Kind, berührte seine Wangen, seinen Mund. Die winzigen Lippen wölbten sich empor. Wieder antwortete die Mutter und gab, was es suchte. Dann schlossen sich die kleinen Kiefer um die Brustwarze. Unentwegt sahen sie sich in die Augen. Die Mutter, aufgelöst von den Strapazen der Geburt, lächelte.

Als er sie kommen sah, hatte der Mann zum Stock gegriffen, dann sah er ihre Gesichter. Sie waren weich, die Augen feucht und voller Staunen. Den Stock ließ er wieder sinken.

Kapitel 2

Die Drei hatten die große Empfangshalle durchlaufen. Sie staunten über die Säulen, die ihnen griechisch vorkamen. Ihre Höhe musste zwanzig Ellen betragen. Dann kamen die Höfe. Sehr schön konnte man hier unter den Gängen wandeln. Ziegeldächer würden vor der Sommersonne schützen. Doch jetzt war Winter und sie waren froh, als sie die Bäder erreichten. Unsichtbare Feuer wärmten das Wasser in den Becken. Gerne legten die Besucher ihre Kleider ab und ließen sich mit duftenden Ölen und Essenzen einreiben. Nachdem sie ausgiebig gebadet hatten und wieder bekleidet waren, empfing sie der Monarch.

„Ich habe euch rufen lassen, weil ihr von einem neuen König sprecht.“

Die vier Männer saßen im Atrium des Palastes, der König und die drei Astrologen. Sklaven boten Wein und Wasser an und hielten die Feuer in den Holzkohlebecken in Gang, deren Rauch die Luft würzte. Die drei Männer aus dem Osten hatten sich niedergelassen auf Teppichen und Kissen. Sie ließen ihre Blicke schweifen und studierten die Wandmalereien. Die verblassten mäandernden Bänder an den Säulen schienen aus älterer Zeit, während die Bilder von römischen Göttern noch frisch glänzten. Frauen in langen Gewändern pflückten Blumen, Männer lagerten halbnackt und aßen mit ausladenden Gesten Trauben, ein kriegerischer Gott schleuderte Blitze.

„Diese Bilder sind betörend, so kräftig ihre Farben, so aus dem Leben gegriffen, die Figuren, als hielten sie nur kurz inne, um gleich in ihren Bewegungen fortzufahren; die Gesichter, als würden sie gleich zu sprechen anfangen.“

„Ja“, der König lachte stolz und sah sich um, „das sind die Bilder der neuen Zeit. Die neue Zeit wird diese Provinz zum Blühen bringen.“

„Bildnisse von Menschen im Palast des Königs der Juden.“

Der Mann mit den krausen Haaren, die auch Backen und Kinn rahmten, verzog leicht den Mund. Es war besser, nicht weiter nachzufragen.

„Ich habe den großen Tempel wieder aufbauen lassen. Ich erneuere dieses Land, bringe Kunst und Kultur, Theater, Kollosseen, Errungenschaften, von denen diese Provinz nichts wusste. Wenn es sich auch wehrt, das Alte ist längst am Welken. Es verschwindet im Orkus. Der kommende Frühling wird ein anderer sein. Doch ihr seid jetzt gekommen, im Winter. Warum?“

Die Drei beobachteten diesen Mann. Bedächtig kraulte er eine schlanke Katze, die sich auf seinem Schoß eingerollt hatte. Doch sein Gesicht blieb undurchdringlich, sein Lächeln dort schien gemalt wie auf diesen Bildern. Fragend blickte er von einem zum andern.

„Ihr habt eine lange Reise unternommen, warum?“

Noch schwiegen die Astrologen. Die wohlige Wärme nach dem Bad war ihnen in der Gegenwart dieses Mannes vergangen. Sie tranken von dem Tee mit Lavendel und Hibiscus.

„Nun?“

Die Katze öffnete ihre Augen. Ohne sich zu strecken, sprang sie davon.

„Ihr habt recht. Viele Wochen waren wir unterwegs.“

„Das macht man nicht ohne Nutzen. Habt ihr gefunden, was ihr gesucht habt?“

„Verzeiht, wir haben nicht gesucht, wir haben gefunden.“

„Also was habt ihr gefunden?“ Die Stimme wurde schärfer.

„Ein Kind, ein goldenes Kind.“

„Ein Götze?“

„Nein, nicht aus Gold, ein lebendiges Kind.“

„Was ist golden daran?“

„Es ist so rein, so ungetrübt, so strahlend, dass man es nur mit Gold vergleichen kann.“

„Man könnte es auch mit einem König vergleichen?“

„Ihr sagt es.“

Abrupt nahm Herodes eine andere Sitzhaltung ein und beugte sich vor.

„Was nun? Erzählt die ganze Geschichte und lasst mich nicht dauernd fragen.“

Ein anderer sprach weiter: „Wir studieren die Mineralien und die Pflanzen, um diese Welt zu verstehen und um die Not der Menschen zu lindern. Manchmal muss etwas ins Fließen gebracht werden und manchmal muss etwas, was zu sehr strömt, besänftigt werden. Doch oft ist das Schicksal der Menschen tragisch und alle Heilmittel versagen. Dann bleiben nur die Sterne, um die irdischen Geschicke zu deuten. Wer die Sterne zu lesen vermag, dem ist es manchmal erlaubt, in die Zeitläufte einzugreifen.“

Das Gesicht des Königs verriet Spannung, vielleicht Wut. Er gab einen Laut von sich, einem Knurren glich.

„Vor neun Monaten haben wir beobachtet, dass sich etwas verschiebt am Firmament. Wir warteten auf einen neuen Stern, aber zwei Sterne verschmolzen zu einem. Das war das Zeichen für uns, dass eine neue Zeit beginnt. Ihr sagt es ja selbst. Wir waren überrascht, denn wir erwarten das Neue aus dem Osten, aber dieser Doppelstern stand im Westen, wohin das Alte und die Toten gehen. So wussten wir von der Größe der Hoffnung und wir beschlossen aufzubrechen, das Wunder mit eigenen Augen zu sehen.“

„Und dieses Wunder ist ein Kind“, warf der König ungeduldig ein.

„Ja und nein.“

Jetzt lachte der König hämisch.

„Ja, wir fanden ein Kind. Wir rechneten damit, auf ein gewaltiges Heer zu treffen oder eine Flotte, die über das Meer fliegt und neue Länder unterwirft. Wir waren vorbereitet, ein Erdbeben zu erleben oder eine Feuersbrunst, dass sich eine Insel aus der Tiefe des Meeres erhebt. Wir glaubten auf unbekannte Völker mit wundersamen Sitten zu treffen. Aber wir fanden ein Kind.“

Der König zuckte bloß mit den Schultern.

„Wir waren verwundert, aber der Doppelstern, alle Orakel, alle Weissagungen, alle Träume wiesen auf dieses Kind“, fuhr der Dritte fort.

„Warum waren wir Wochen gereist, um ein Kind zu finden? Wir hätten in Palmyra, woher wir stammen, hunderte finden können, in jedem Haus ein Neugeborenes. Aber da wurde uns klar, wir hatten die Strapazen der Reise auf uns nehmen müssen, um zu verstehen. Denn im Anblick des Nachbarkindes hätten wir es nicht erkannt, das Heilige, den Widerschein des Himmels. Im Anblick dieses Kindes wurden unsere irdischen Augen blind und unsere inneren Augen öffneten sich.

Wir sahen einen goldenen Himmel, darin die Planeten ihre Bahnen zogen, ein jeder in seinem Klang. Wir sahen einen Garten, inmitten ein Baum. Niedere Tiere bildeten seine Wurzeln und verbanden ihn mit der Erde und saugten ihren Saft. Eine mächtige Schlange war sein Stamm, daraus wuchsen seine Äste, Vögel und Säuger. Die Insekten waren seine Zweige. Über und über blühte der Baum und das Licht Gottes leuchtete aus ihm. Eine Frau, ganz nackt, trat an ihn heran. Ihr Mann, auch ganz unverhüllt wie Gott ihn schuf, folgte ihr. Die Frau pflückte eine Frucht des Lebens von dem Baum und reichte sie ihm. Er nahm sie und da sah er, was er ohne sie nicht sehen konnte. Ein Regenbogen zerbarst und wir und der Mann standen im inneren Kreis.“

„Da sahen wir die Welt, die uns geschaffen hat.“

„Auf diese Art sind alle Kinder heilig und golden. Es blieb uns nur, die Häupter zu neigen und unsere Gaben darzubringen.“

Herodes stand auf und verbeugte sich: „Auch ich möchte diesem Kinde huldigen! Wo kann ich es finden?“

Kapitel 3

Eine müde Sonne quälte sich über die Berge von Jericho. Das Gesicht von Herodes konnte sie nicht erwärmen. Finster blickte er in das milde Morgenlicht. Die Nacht hatte kaum Schlaf gebracht. Eine Tür in seinem Innern war aufgegangen, eine Tür, von der geglaubt hatte, dass es sie nicht mehr gäbe. Die Königswürde hatte seine Seele in eine Straßen mit festen Mauern rechts und links verwandelt.

Jetzt war sie auf, die Tür und etwas war hinaus gekommen und griff nach ihm, dem König. Etwas Altes, etwas sehr Altes, etwas ohne Gesicht, ohne Hände. Es griff nicht nach ihm, es kam über ihn wie ein Nebel. Und er kam von hinten. Wie oft hatte er diesen Nebel schon beiseite gekämpft, wie oft der Sonne zum Durchbruch verholfen. Vergebens. Er fühlte sich schwer und kraftlos und allein, sehr allein. Schnell stand er auf und rief nach den Dienern. Sie sollten die Hohepriester bringen und zwar schnell.

„Wo ist diese Missgeburt?“

Herodes war außer sich. Wie ein eingesperrter Panther lief er im Thronsaal auf und ab.

„Ein Kind ein Heiliger! – Wo kommen wir dahin. Heiligkeit, Ruhm, Ehre, das alles hat man sich zu erarbeiten. Ein Kind, ein goldenes, die Welt, die uns geschaffen hat. Ha! Meine Kinder sind die Frucht meines Leibes. Sie gehören mir. Ich kann mit ihnen verfügen, wie es mir beliebt. Wenn ich will, kann ich sie lieben. Aber ich kann sie auch weggeben. Ich brauche sowieso nur einen Nachfolger. Versteht ihr! Ich kann sie auch töten, meine Kinder. Das ist die Sitte bei allen Völkern. Kinder sind privat, mein Eigentum, niemand hat mir dareinzureden.

Wenn ich diese Reden höre, der Widerschein des Himmels! Der Himmel ist weit weg. Kinder sind irdisch, sie sind aus Fleisch und Blut, aus meinem Blut. Niemand raubt sie mir, so wie mir niemand die Königswürde raubt.“

Betreten blickten die Berater zu Boden. Nicht noch den Zorn des Despoten reizen.

„Was nun?“, forderte Herodes herrisch. „Was ist nun mit diesem Kind? Gibt es Prophezeihungen?“

„Ja, erhabene Hoheit, Jupiter und Saturn sind verschmolzen und haben die Zeit des Wandels angekündigt.“

„Wandel, ja sicher gibt es Wandel. Ich bringe dieser Provinz den Wandel. Ich bin der Wandel. Was ist mit diesem Kind?“

„Ja, es heißt in den alten Schriften, dass ein Stern über dem Hause Jakobs aufgehen wird...“

„Ein Stern aufgehen? Verschmelzen ist nicht aufgehen!“

„Jupiter ist der Stern der Könige und Saturn ist der Stern des Volkes Israel. Wenn die beiden verschmelzen, ist das das Zeichen, dass ein Kind geboren wird, dem der Thron gegeben wird und dass es auf ewig herrschen wird.“

„Ein Kind kann kein König sein“, warf Herodes trotzig ein.

„Die Menschen werden sich um einen neuen König scharen, heißt es.“

„Aber der neue König, der bin doch ich! Die Menschen werden sich um mich scharen. Sie werden mich lieben, sie werden es lernen. – Das Kind, das Kind?“

„Es gibt Gerüchte im Volk, dass jetzt ein besonderer Knabe geboren wurde. Ein paar Hirten haben davon angefangen. Als die Astrologen das Kind besucht haben, glaubten immer mehr Menschen daran.“

„Ist das alles?“

„Ich fürchte nein, Erhabener. Als der Junge Abraham geweiht und ein Opfer gebracht wurde, hielten sich zwei Alte im Tempel auf, ein Mann und eine Frau. Als die Eltern herein kamen, sprang der Alte direkt darauf zu, dankte YHWH und sagte etwas wie, seine Augen hätten das Heil gesehen, das Licht der Welt. Dann kam noch die Alte dazu, sie zählt schon über achtzig Jahre. Sie pries YHWH und meinte, das Kind bringe die Erlösung, auf die alle warten.“

„Also doch!“ Herodes ließ sich erschöpft auf den hölzernen Thron mit den Fellen fallen.

„Wir müssen dem Einhalt gebieten“, sprach er leise, „die Erlösung bin doch ich! Wenn die anderen das Kind so ansehen, wird es sich selbst für etwas Besseres halten. Die Menschen werden ihm nachlaufen, wie Schafe dem Leithammel. Nicht auszudenken, wenn er beginnt zu predigen und Forderungen zu stellen und einen Großteil des Volkes hinter sich bringt. Es sind schwierige Zeiten, viele wollen den Wandel nicht. Wie Schnecken, die ihr Haus mit sich herum schleppen, halten sie am Alten fest. Einhalt, sage ich. Wo?“

Niemand antwortete. Er hatte geflüstert, sie hatten ihn nicht gehört.

Herodes sprang auf, er schrie, rot im Gesicht: „Wo? Hört ihr mich nicht? Verdammte dieser Erde. Wo steckt dieser Balg? Diese Astrologen haben es mir nicht gesagt. Ich hätte sie foltern lassen sollen, aber das hätte Ärger mit Rom gegeben. Also wo?“

Eine fürchterliche Stille wurde unterbrochen durch ein Räuspern:

„Bet Lehem.“

„Bet Lehem? Wo liegt dieses Kaff?“

„Bei Zippori.“

„Wachen!“

Kapitel 4

Die letzten Tage waren verwirrend gewesen. Sein erstes Kind, die Flucht, der Traum. Es tat gut, ein wenig zu ruhen und über alles nachzudenken. So konnte die Seele sich neu sammeln. Neben ihm schliefen seine Frau und das Neugeborene. Notdürftig hatten sie aus Heu und welken Blätter ein Lager gebaut. Eine Bettstatt war das nicht, eingerollt auf der Erde lagen sie, zugedeckt mit den Tüchern und Decken, die sie bei sich trugen. Später würde er sich dazu legen, die beiden wärmen und selbst etwas Wärme finden.

Mit dem Stock stocherte er in dem kleinen Feuer. Es war nicht gut, mit dem Kleinen unterwegs zu sein, kein Zuhause zu haben. Der Frühling war noch nicht da. Wilde Tiere gab es hier, selbst das schaurige Lachen von Hyänen hatte er schon gehört. Wir leben selbst wie Tiere, dachte er, unter dem freien Himmel, auf der Erde schlafen, nicht wissen was morgen bringt. Das Kind brauchte nicht viel, nur die Liebe und die Milch seiner Mutter. Die Mutter war jung und stark. Trotzdem brauchten sie und er zu essen. Die Münzen wurden schnell weniger. Manchmal konnten sie ein paar Tage bleiben und er konnte den Bauern zur Hand gehen. Es war die Zeit für Reparaturen an Haus und Hof. Gab es nichts zu tun, mussten sie betteln.

Die Flammen loderten sacht, die Glut kohlte dahin. Manchmal knisterte es, dann legte sich ein Zweig zur Asche nieder. Ein paar neue Reiser und die Flammen reckten ihre Arme wieder in die Nacht, tanzende kleine Teufel. In der Glut glommen Augen auf, der Schatten eines Gesichts zerfiel, entstand neu, sah ihn an, erinnerte ihn an Vergessenes, an Geträumtes. Da war es wieder, das Antlitz aus seinem Traum.

Kein Zweifel, es hatte ihn gemeint, Jausef. Diese Augen waren so ruhig und klar wie von einem Reh. Voller Liebe, stiller Liebe. Die Haare wie Lohe. Jetzt hatte er eine Stimme gehört, sie redete ihn an. Er hörte seine eigene Stimme, als spräche er mit sich selbst, aber die Stimme kam von diesem Angesicht. Er war es und er er war es nicht, der da zu ihm sprach:

„Geh' fort!“, murmelte es, „geh' fort! fliehe mit Frau und Kind.“

Am nächsten Morgen hatte er mit Maryam darüber gesprochen. Sie hatte nichts gesagt, sie würde folgen. Er war weggegangen, lange Zeit. Er ging über die kargen Winterweiden, roch die schlafende Erde, sah hinauf zum weiten Himmel und fühlte seinen festen Schritt. In der Ferne sah er die Hirten mit ihren Tieren. Er mied sie. Er wollte alleine sein. Die nächtliche Stimme hallte in ihm nach. Mit jedem Schritt geh-fort, mit jedem Atemzug flie-he, flie-he.

Er drehte sich um und sah den Stall nicht mehr. Er setzte sich und blieb, bis die Stimme nicht mehr zu hören war. Sie war nicht aus ihm gewichen, sie war in jedes seiner Glieder gekrochen.

Als er in der Dämmerung zurückkam, sagte er, dass sie gehen.

Betteln war gegen seinen Stolz, aber es war sein Los. Dass es für die Frau und das Kind war, half ihm. Überhaupt, das Kind. Irgendwas war mit diesem Kind. Seit das Kind unterwegs war, hatte sich eine große Ruhe über ihn gelegt. Er war nicht unglücklich gewesen, hatte getan, was sein Vater und seine Brüder, seine Onkel und Freunde getan hatten. Er war zufrieden, sehr zufrieden mit dem Leben im Stamm.

Selbst die Gerüchte hatten ihn kalt gelassen. Nicht sein Kind!

Er liebte diese Frau. Er brauchte nur an sie zu denken und sein Herz wallte auf. Ihre schwarzen Augen, ihre Gestalt, wie sie ging und sprach, oft nachsann, bevor sie sprach, wie sie lachte, wie sie eine Schale hielt. Überhaupt ihre Hände. Wenn sie ihn berührte, fühlte er das Leben in sich. Wenn er sie umfing, verlor er sich und war doch gehalten.

Der Widerschein des Feuers huschte über sein Gesicht.

Er versuchte das zu verstehen. Wenn er sich verlor, war er nicht mehr er selbst. Er wurde etwas Größeres. Etwas von ihm ging zu Maryam und etwas von ihr kam zu ihm, so wie der Regen vom Himmel auf die Erde und der Duft der Erde zum Himmel. Still lachte er in sich hinein. Es war nicht zu verstehen das Wunder. Man zerbrach sich den Kopf und fuhr doch genau daran vorbei.

Langsam kroch die Kälte seinen Rücken hinauf, aber es gab noch etwas, was er verstehen wollte.

Wenn es nicht sein Kind war, änderte das etwas?

Er stand zu seinem Wort, deshalb nahm er Maryam zur Frau und würde sie auch behalten. Er schüttelte den Kopf. Das war nicht die Frage. Ist mein Sohn mein Sohn?, lautete die Frage. Etwas schwindelte ihn, aber es gab kein zurück. Die Kinder stammen von ihren Eltern. Meistens sieht man es ihnen an, sie ähneln ihnen in Aussehen, Eigenschaften und Verhalten. Kinder stammen und kommen von ihren Eltern, aber sind es ihre Kinder?

Keine Pflanze, kein Tier würde Anspruch erheben und sagen, das ist mein Spross oder das ist mein Wurf. Vögel und Säuger kümmern sich um ihren Nachwuchs, doch dann lassen sie ihn ziehen. Menschen bleiben beim Stamm. Sie gehören zum Stamm wie die Finger zur Hand, ohne ihn sind sie verloren. So kam er nicht weiter. Er musste neu denken.

Was wenn man nicht die Kinder sieht, sondern das Leben in ihnen? Sie haben das Leben von ihren Eltern und die haben es von ihren Eltern und so fort. Immer wurde das Leben weitergegeben, so wie man Wasser von einem Eimer in den nächsten schüttet. Kommt dann das Wasser von dem Eimer? Es kommt aus dem Eimer, aber es gehört ihm nicht. Es stammt auch nicht aus ihm, es stammt aus der Quelle.

Aufgeregt stocherte Jausef in der Glut. Funken stoben auf. Ja, so stimmte es. Kinder kommen durch ihre Eltern, aber sie gehören ihnen nicht. Sie stammen aus der großen Quelle. Er selbst kam durch Eli, der durch Mattat, der durch Levi. So ging es weiter, tausend und tausend Jahre, bis zu Enosch, der durch Set kam und dieser von Adam und der kam von YHWH. Aus der großen Quelle.

Jausefs Augen folgten dem Flug der Funken. Sie tanzten in der schwarzen Luft und suchten ihre Brüder am Himmel.

Kapitel 5

„Siehst du den Lockenkopf!“

„Den Dicken dort am Tisch?“

„Nein! Den Jungen, der bedient.“

„Ach der! Hübscher Kerl, die Mädchen werden sich um ihn zanken.“

„Ja, so ebenmäßige Züge, mit welcher Anmut er sich bewegt.“

„Heh! Du bist verliebt in einen Knaben.“

„Und wenn? Schau da stehen seine Eltern.“

„Was eine schöne Frau!“

„Zügle deine Augen!“

„Na, die Locken hat er vom Vater, die Anmut von der Mutter.“

„Und seine Geschwister sind auch nicht gerade hässlich.“

Maryam trug ein kleines Kind auf der Hüfte, ein anderes hielt sie an der Hand. Neben Jausef stand ein weiterer Junge, etwa acht Jahre alt.

„Er ist halt der Erstgeborene. Weißt du, was man über ihn erzählt?“

„Nun sag' schon! Aber erst nehmen wir noch einen Schluck Wein.“

„Zum Wohl! – Jetzt zum Frühlingsfest waren die Eltern mit ihm in Jeruschalajim. Dort haben sie ihn aus den Augen verloren. Sie haben ihn überall gesucht. Bei Freunden, bei Verwandten, überall. Nichts!“„Und?“

„Zuletzt haben sie ihn gefunden im Tempel.“

„Ja und, was ist daran besonderes? Jeden Tag gehen viele Menschen in den Tempel.“

„Bewahre! Ein Zwölfjähriger, der freiwillig in den Tempel geht!?“

„Warum nicht? Er hatte seine Eltern verloren. Vielleicht hatte er Angst und suchte ein Zuhause.“

„Ha, jetzt kommt's! Er saß unter den Gelehrten und redete mit ihnen, als ob er ein Alter wäre.“

„Hmm?“

„Und weißt du, was er sagte, als sein Eltern kamen?“

„Nun sag' schon!“

„Was sucht ihr mich? Ich bin am Leben und bin bei uns bis zum Ende aller Tage.“

„Was soll das heißen?“

Bislang hatte die Musik im Hintergrund gespielt. Jetzt tanzte eine Frau mit Schellen an den Knöcheln in die Mitte des Hofes. Lachend spielte sie mit ihren Zimbeln und forderte die anderen Frauen auf, sich ihr anzuschließen. Schrille Schreie ertönten, die Stunde der Frauen war gekommen. Mehr und mehr strömten in die Mitte, bogen ihre Leiber stampften mit ihren Füßen auf den lehmigen Boden. Unter sich ließen sie sich gehen, reckten ihre Arme in die Höhe, wiegten ihre Köpfe mit geschlossenen Augen. Sollten die Männer sehen, dass sie schön waren, schön und begehrenswert.

Und die Männer klatschten, hüpften auf ihren Bänken, einige jauchzten, manche brummten wie Bären. Als alle im gleichen Rhythmus schrien und klatschten, sprangen die Männer auf und mischten sich unter die Frauen. Diese zogen sich zurück und überließen ihnen den Platz. Schnell bildeten die Männer einen Kreis und feuerten sich an. Immer einer tanzte in die Mitte und zeigte wie er Arme und Beine verrenken konnte, wie schnell er mit den Füßen tippeln konnte, wie tief er sich beugen konnte, ohne zu fallen. Dann traten zwei in den Kreis und umtanzten sich wie Hähne, balzten und drohten voreinander, bis sie sich lachend umarmten.

Die Trommeln wogten hin und her wie die Wellen im Meer, die Flöten segelten darüber wie Möwen im Wind. Inzwischen hatten sich die Frauen zu den Männern gesellt. Dunkel war es geworden, die Fackeln warfen flackerndes Licht auf die glücklichen Gesichter. Ein Tanz folgte dem anderen, immer im Kreis wie schon bei den Vätern und Großvätern. Der Kreis umfasste alle, die Lebenden und die Toten. Den Stamm. Das Volk. Das Land. Den Erdkreis, den Kreis der Sonne, wenn sie morgen aufgehen würde.