You Are My Anchor - Emily Aves - E-Book + Hörbuch

You Are My Anchor Hörbuch

Emily Aves

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Beschreibung

Selbst, wenn wir von stürmischen Wellen erfasst werden und drohen, in den Fluten zu ertrinken, weiß ich, dass du mich festhalten wirst.

Isla hat nur ein Ziel: Olympia Schwimmerin werden. Dafür würde sie alles opfern, doch als Cyrus als neuer Mentor an die Fairview University kommt, schlagen ihre Gefühle Wellen. Eigentlich dachte Isla, sie würde ihm nie wieder begegnen, doch jetzt wird ihre gemeinsame Nacht plötzlich zu einem Geheimnis, das sie wahren müssen. Denn eine Beziehung zwischen Studenten und Mentoren verstößt gegen jede Regel. Für Cyrus ist der Mentoren-Job seine letzte Chance, wieder in die Schwimmwelt einzutauchen und sein ramponiertes Image aufzupolieren. Nachdem er aufgrund eines Skandals von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde, darf er sich keine weiteren Fehltritte erlauben. Doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto schwieriger wird es gegen die Strömungen anzukämpfen, die sie immer wieder zueinander treiben.

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Zeit:10 Std. 9 min

Veröffentlichungsjahr: 2026

Sprecher:Anna Amalie BlomeyerKai Hochhäusler

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Zum Buch:

"Selbst, wenn wir von stürmischen Wellen erfasst werden und drohen, in den Fluten zu ertrinken, weiß ich, dass du mich festhalten wirst. Isla hat nur ein Ziel: Olympia Schwimmerin werden. Dafür würde sie alles opfern, doch als Cyrus als neuer Mentor an die Fairview University kommt, schlagen ihre Gefühle Wellen. Eigentlich dachte Isla, sie würde ihm nie wieder begegnen, doch jetzt wird ihre gemeinsame Nacht plötzlich zu einem Geheimnis, das sie wahren müssen. Denn eine Beziehung zwischen Studenten und Mentoren verstößt gegen jede Regel. Für Cyrus ist der Mentoren-Job seine letzte Chance, wieder in die Schwimmwelt einzutauchen und sein ramponiertes Image aufzupolieren. Nachdem er aufgrund eines Skandals von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde, darf er sich keine weiteren Fehltritte erlauben. Doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto schwieriger wird es gegen die Strömungen anzukämpfen, die sie immer wieder zueinander treiben."

Zur Autorin:

Emily Aves wurde 2001 geboren und ist eine leidenschaftliche Autorin aus Dortmund. Bereits in jungen Jahren hat sie ihre Liebe zum Geschichtenerzählen entdeckt und will sich nach ihrem Studium des International Management ganz dem Schreiben widmen. Wenn sie nicht gerade am Schreibtisch sitzt, findet man sie mit ihrem Hund in der Natur oder im nächstgelegenen Café, wo sie sich durch die guten Kaffeesorten dieser Welt testet. 

Emily Aves

You are my Anchor

reverie

Originalausgabe

© 2026 reverie in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von www.buerosued.demit einer Illustration von Chloe Quinn

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783745705010

www.reverie-verlag.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Autorin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Liebe Leserinnen und Leser

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.Deshalb findet ihr am Romanende eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler enthalten kann.

Wir wünschen euch das bestmögliche Erlebnis beim Lesen der Geschichte.

Euer Team von reverie und eure Emily

Playlist

Summer so hot – UPSAHL

Ripple – Good Neighbours

Diet Pepsi – Addison Rae

2 Hands – Tate McRae

Aquamarine – Addison Rae

Lovers – Anna of the North

June Gloom – Camila Cabello

Coast (feat. Anderson Paak) – Hailee Steinfeld, Anderson Paak

All In – The Wildcardz, dazeychain

Drown Inside It – Icarus, dazeychain

Heatstroke – Khalid

Risk – Gracie Adams

I F*cking Love You – Zolita

I Got 3 – Milo Wright

her – JVKE

Champagne Coast – Blood Orange

Coastline – Hollow Coves

Ich schwamm gegen einen Strom an, in dem ich irgendwann ertrinken würde. Ich brauchte einen Anker, der mich festhielt und mir die Zuversicht gab, neue Ufer zu entdecken.

Kapitel 1

Isla

Ich ertrank. Aber nicht in dem kühlen Wasser, in dem ich schwamm. Sondern in meinen eigenen Gedanken.

Bilder sprudelten vor meinem inneren Auge hoch. Erzeugten eine Strömung, der ich nicht entkommen konnte. Sie rissen mich mit sich, obwohl ich sie mit jeder brennenden Bewegung meiner Muskeln zurückdrängen wollte.

Schneller. Ich zog meinen Arm noch kräftiger durch die Wasseroberfläche. Der enttäuschte Gesichtsausdruck vom Coach nach meinem gescheiterten Wettkampf blitzte auf und brachte mich dazu, einen schmerzverzerrten Laut von mir zu geben. Noch schneller.

Das Wasser glich mittlerweile einer zähen Masse, gegen die ich nicht mehr ankam. Mein eigenes verzweifeltes Schluchzen hallte noch immer in meinen Ohren, weil mir mein Traum durch die Finger glitt und ich ihn nicht festhalten konnte. Ich rettete mich an das Ende der Bahn und stieß mit dem Kopf durch die Oberfläche, ehe ich einen erlösenden Atemzug nahm. Meine Lunge brannte, mein Herz pochte wie wild in meiner Brust, aber anstatt einen Moment innezuhalten, sah ich sofort auf die Anzeigetafel und sogleich durchflutete mich das altbekannte Gefühl der Enttäuschung.

Noch immer nicht schnell genug.

Frustriert zog ich mir die Schwimmbrille vom Kopf und rieb mir die trockenen Augen. Noch vor wenigen Monaten hatte ich geglaubt, meine Bemühungen würden sich endlich auszahlen, aber ich hatte schmerzlich feststellen müssen, dass ich nicht genug war. Und seither konnte ich das Schwimmen nicht mehr genießen. Die eine Sache in meinem Leben, die mir alles bedeutete, war zu einer Last geworden, die mich weiter hinunter in die Tiefen meiner eigenen Selbstzweifel zog.

Ich spürte bereits die heißen Tränen, die sich gegen meine ohnehin schon ausgetrockneten Augen drückten.

Neben mir tauchte Cat auf und studierte ebenfalls sofort die Tafel mit unseren Trainingszeiten in leuchtenden Zahlen. Sie blickten bedrohlich auf uns herab und ermahnten uns stumm, beim nächsten Mal mehr zu geben.

Meine beste Freundin und ich hatten uns zum Samstagstraining im Fairview Aquatics Center getroffen, um unsere Körper auf die Strapazen vorzubereiten, die uns erwarteten, sobald die Wettkämpfe losgingen. Ich nutzte jede freie Sekunde, um mich in dieser Saison nicht wieder so zu blamieren wie in der vergangenen. Dieses Mal würde sich alles ändern. Ich würde nicht versagen. Das konnte ich nicht zulassen. Egal was es kostete.

Als Kinder hatten ich und Cat im Pool Meerjungfrauen gespielt. Unsere Eltern hatten damals vergeblich versucht, uns mit einem Eis aus dem Becken zu locken. Wir verbrachten noch immer viel Zeit zusammen im Pool, doch jetzt schwammen wir gegeneinander in Bahnen und verglichen unsere Zeiten, anstatt fantastische Grotten und verzauberte Muschelamulette zu finden.

»Wenn wir nicht bald aus dem Wasser kommen, werden wir ganz verschrumpelt auf der Party auftauchen. Dann werden die Kerle schreiend vor mir davonlaufen, anstatt mir ihre Zunge in den Hals stecken zu wollen.« Cat hob ihre Hand aus dem Wasser und betrachtete ihre schlanken Finger, die mittlerweile vollkommen aufgeweicht waren. »Wenn ich es mir so recht überlege, ist es vielleicht gar nicht so schlecht. Vielleicht wird das mein neuer Trick, um ungebetene Aufmerksamkeit fernzuhalten.«

Sie kicherte, verstummte jedoch, sobald sie meinen schuldigen Ausdruck wahrnahm.

»Welche Party war das noch gleich?«, fragte ich kleinlaut. Ich hatte die Schultern hochgezogen und duckte mich ins Wasser, entkam ihrem Todesblick trotzdem nicht.

»Die Party, Isla. Die Halloweenparty, von der ich schon seit Wochen rede? Die Party des Jahres?« Sie war so aufgebracht, dass sie ein bisschen des chlorhaltigen Wassers verschluckte und laut hustete. Als sie wieder richtig atmen konnte, schwamm sie auf mich zu. »Sag mir nicht, du hast es vergessen? Wo sollen wir denn jetzt noch ein Kostüm für dich finden?«

Meine zusammengepressten Lippen und der ausweichende Blick genügten ihr wohl als Antwort.

»Vielleicht geh ich einfach als verschrumpelte Kröte«, entgegnete ich und deutete auf meine aufgeweichten Finger. Jetzt wo sie es ansprach, erinnerte ich mich daran, dass sie die Party erwähnt hatte, jedoch hatte ich mich seitdem so ins Training gestürzt, dass alles andere nebensächlich geworden war.

»Und Milo verkleidet sich dann als dein Märchenprinz, der dich mit einem Kuss zurück in eine wunderschöne Prinzessin verwandelt?«

Schnell wich ich aus und zuckte nur mit den Schultern. »Klar, wer denn sonst?«

Ich versuchte, es beiläufig klingen zu lassen. Aber die Wahrheit war, dass mir bei dem Gedanken an meinen Freund flau im Magen wurde. Ein Gefühl, das ich seit Wochen abschütteln wollte, doch die anstehende Wettkampfsaison hatte Milos und meiner Beziehung zugesetzt. All die Anspannung und der Stress sorgten dafür, dass wir immer weiter voneinander wegtrieben und uns allmählich aus den Augen verloren.

Ich wollte aktuell nicht über meine scheiternde Beziehung reden, also räusperte ich mich und lenkte das Thema zurück auf die Party, bevor Cat mein Unbehagen bemerkte.

»Was ist eigentlich so toll an dieser Halloweenparty?«

»Es ist ja nur eine der legendärsten Partys der Miami High Society in dem angesagtesten Strandclub am Ocean Drive. Nichts Besonderes«, sagte sie ironisch, während sie sich an dem Metallgeländer aus dem Wasser zog. Ich folgte ihr, und sofort breitete sich eine Gänsehaut auf meiner Haut aus.

»Wie haben wir es überhaupt auf die Gästeliste geschafft? Bei aller Liebe, Cat, aber bisher gehörtest du nicht zur High Society von Miami.« Ich wickelte mir mein kuscheliges Handtuch um den ausgekühlten Körper.

»Spätestens, wenn meine Musikkarriere so richtig durch die Decke geht, werde ich uns auf jede versnobte Party der Welt bringen, aber vorerst hat Florence wohl ein paar Kontakte spielen lassen. Du weißt doch, sie ist gut vernetzt in der Szene.« Cat wuschelte sich durch ihren kurzen Bob und schüttelte den Kopf wie ein nasser Hund. Obwohl es ihr Name nie vermuten lassen würde, erinnerte mich Cat eher an einen süßen Dackel mit kugelrunden honigfarbenen Augen als ein graziles Kätzchen.

Ich verkniff mir das Augenrollen, als Florence’ Name fiel, aber Cat wusste natürlich trotzdem sofort, was ich dachte. »Wir können zumindest ihre Kontakte nutzen, um ein bisschen Spaß zu haben, bevor die Saison richtig losgeht. Sieh es als eine Art Entschädigung dafür, dass sie uns das Leben zur Hölle macht.«

Florence hielt sich für die verdammte Königin unseres Wohnheims. Nichts passierte dort, ohne dass sie davon erfuhr, und sie verpasste keine Sekunde, um uns wie ihre Untertanen zu behandeln.

»Wir werden ihrer eisernen Hand wohl nie entkommen«, seufzte ich und folgte Cat zu den Duschen, um endlich den Geruch des Chlors aus meinen Haaren zu waschen. Das gelang uns Collegeschwimmern jedoch ohnehin kaum. Wir verbrachten so viel Zeit im Pool, dass der Geruch wahrscheinlich bis in unsere DNA gesickert war.

»Stell dich lieber gut mit ihr. Jetzt wo Hadley ihren Abschluss gemacht hat, wird Florence’ Größenwahn nur noch weiter zunehmen.«

Ich unterdrückte einen frustrierten Laut, der ohnehin von dem Wasser der Dusche übertönt wurde, welches hart auf die weißen Fliesen donnerte. Ich verstand noch immer nicht, wieso ausgerechnet Florence vom Trainerstab zum neuen Teamcaptain des Schwimmteams auserkoren worden war. Wahrscheinlich hatte sie auch hier ihre Kontakte spielen lassen, um ihren Willen zu bekommen. Jedoch war das Wort des Trainerstabs Gesetz, daher würde es keiner wagen, sich gegen diese Entscheidung aufzulehnen. Cat hatte wohl recht. Wenn Florence uns sowohl im Schwimmteam als auch im Wohnheim im Griff hatte, konnten wir zumindest die wenigen Annehmlichkeiten ausnutzen, die ihre Gesellschaft mit sich brachte. Ihre Eltern waren Schönheitschirurgen, daher wunderte es mich nicht, dass sie so ziemlich jeden der Reichen und Schönen kannte und auf jede Gästeliste gesetzt wurde.

Eigentlich hatte ich diesen Abend nutzen wollen, um mich auf Unikurse vorzubereiten. Allein an meine To-do-Liste zu denken reichte, um mein Herz zum Rasen zu bringen. Tägliches Schwimmtraining, die bevorstehenden Wettkämpfe, Examen, Hausarbeiten, mein Ernährungsplan. Und natürlich sollte ich auch meine sozialen Kontakte pflegen, aber Cat war die Einzige, mit der ich außerhalb des Schwimmteams etwas unternahm. Mein Freund Milo war zwar ebenfalls Teil des Teams, aber bis auf ein paar aufbauende Worte während des Trainings hatten wir in den letzten Wochen kaum miteinander gesprochen. Ich war so damit beschäftigt, mich über Wasser zu halten, dass ich bereits jetzt müde war, obwohl die Wettkampfsaison noch nicht einmal begonnen hatte. Nur Cat zuliebe würde ich auf diese Party gehen, weil ich wusste, wie wichtig es für sie war, Kontakte zu knüpfen, um ihren Traum von einer Musikkarriere zu erfüllen. Sie war zwar eine begnadete Schwimmerin, aber ich wusste ganz genau, dass sie lieber auf Festivals und Konzerten ihre Musik präsentieren wollte als ihre sportlichen Leistungen bei Olympia. Jedoch war das Sportstipendium ihre einzige Möglichkeit, ihr Musikmanagement-Studium zu finanzieren. Ihre Eltern hätten niemals zugelassen, dass sie das Stipendium aufgab, nur um sich dem unsicheren Traum einer Musikkarriere zu widmen.

»Kommst du? Wir müssen noch ein Kostüm für dich finden.« Cat riss mich aus meiner Trance. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich reglos unter dem warmen Strahl der Dusche gestanden hatte, als würde ich hoffen, das Wasser könnte mir die furchtbaren Gedanken aus dem Kopf spülen. Schnell drückte ich die Shampooreste aus meinen Locken, trocknete mich ab und schlüpfte in meinen Jogginganzug. Meine noch feuchten Haare band ich in einem lockeren Dutt zusammen.

Cat war bereits vorgelaufen und hielt mir die Schwingtür auf. Endlich empfing mich der warme Nachmittagswind.

Vom Center aus war es nicht weit bis zum Wohnheim. Viele der Schwimmer waren dort untergebracht, weil wir ohnehin die meiste Zeit unseres Lebens im Pool verbrachten. Ich genoss den täglichen Spaziergang über den Campus. Nach dem Training konnte ich meine Beine ausschütteln, und wir kamen an einem der Coffee Trucks vorbei, die wahrscheinlich ein Vermögen damit verdienten, ausgelaugten Studenten überteuerten Kaffee anzudrehen. Cat und ich gehörten auch zu den Opfern dieser Masche, denn nach dem Training konnten wir beide den Koffeinkick gut vertragen.

»Also, was wird dein Notfallkostüm für heute Abend?« Cat nippte an ihrem Café Latte mit Cookies-and-Cream-Sirup. Neidisch beobachtete ich, wie sich an ihrer Oberlippe der Vollmilchschaum absetzte. Ich hatte mich wie immer für den Iced Americano entschieden, um meine täglichen Kalorien nicht an Zucker zu verschwenden.

»Ist das wirklich nötig?«

»Ja, das ist sogar lebensnotwendig!«

»Wow, dramatisch«, hauchte ich und räusperte mich dann. »Wieso ist dir diese Party so wichtig?«

Unerwartet senkte sie ihren Kopf und hatte plötzlich sehr viel Interesse an dem Etikett auf ihrem Pappbecher.

»Ist dort etwa ein gewisser Landon anwesend?«

Sobald ich seinen Namen ausgesprochen hatte, schoss ihr Blick zu mir.

»Erwischt«, nuschelte sie. »Er legt heute Abend dort auf. Als ich erfahren habe, dass Florence eingeladen ist, habe ich sie förmlich auf Knien angefleht, uns ebenfalls auf die Gästeliste setzen zu lassen. Ohne Kostüm kommt man aber auch dann nicht rein, also müssen wir uns für dich etwas einfallen lassen.«

Ich sah wohl nicht überzeugt aus, denn sie setzte sofort ihren Dackelblick auf, dem ich nie lange standhielt. Sie wusste ganz genau, wie sie mich um den Finger wickeln konnte. Ich seufzte und gab mich geschlagen. »Also gut, wir können später mal in deiner Schatztruhe namens Kleiderschrank kramen. Irgendwas werden wir schon finden.«

Ihr Lächeln wurde immer breiter. Es hielt sogar noch an, als wir zurück in unser Wohnheim kamen, und verschwand erst wieder, als uns Florence’ lautstarkes Lachen entgegenkam. Zunächst dachte ich mir nichts dabei, und wollte bereits die Treppe nach oben in Cats und mein Zimmer verschwinden, dann erklang ein weiteres Lachen, was mich sofort innehalten ließ und meinen Herzschlag beschleunigte.

Cat und ich wechselten einen verwirrten Blick. Eigentlich war es Männern streng verboten, das Wohnheim zu betreten, und Florence achtete penibel darauf, dass alle Regeln eingehalten wurden. Warum also drang Milos Lachen aus dem Gemeinschaftsbereich?

Bevor ich Cat stumm mitteilen konnte, eine Sekunde zu warten, bevor sie ins Zimmer stürmte, war sie auch schon losgeprescht. Und somit war meine Chance dahin, meinen Freund und Florence zu belauschen. Mit flauem Magen folgte ich Cat, die unseren Teamcaptain und Milo misstrauisch musterte. Diese waren jedoch so in ihr Gespräch vertieft, dass sie uns gar nicht in der Tür bemerkten. Das war definitiv eine Premiere. Wir waren zwar alle im selben Schwimmteam, aber ich hatte noch nie mitbekommen, dass sie mehr als nur ein paar Worte miteinander gewechselt hatten. Es zog schmerzhaft in meiner Brust. Anscheinend war ich so in meinen Trainingswahn vertieft gewesen, dass ich nicht einmal mehr bemerkt hatte, dass sich mein Freund mit der Königin der Wohnheimhölle angefreundet hatte.

»Ich wusste gar nicht, dass du so ein Komiker bist, Milo. Was ist so witzig?«, fragte Cat plötzlich. Den unterschwellig herausfordernden Ton konnte man gar nicht überhören.

Milos Kopf zuckte zu uns herum, und mit einer hektischen Bewegung zog er seine Hand in seinen Schoß, die noch wenige Sekunden zuvor hinter Florence’ Rücken auf der Lehne der Couch geruht hatte.

Eine angespannte Energie legte sich über den Raum, während Milo aufsprang, sich sein Schienbein am Beistelltisch stieß und dabei noch die Gläser umwarf, die darauf platziert waren. Nun war Cat es, die laut anfing zu lachen. »Ich hab dich unterschätzt, du bist ein Naturtalent.«

Sie schien die Stimmung auflockern zu wollen, jedoch entging mir nicht ihr wachsamer Blick, der fest auf Milo lag. Mein Freund lächelte unsicher, deutete eine Verbeugung an und rieb sich das Schienbein, während er auf mich zugehumpelt kam, um mich zu begrüßen. »Hey, Babe. Ich habe auf euch gewartet. Ich habe gehört, wir gehen heute Abend zusammen auf eine Party.«

Seine warmen Lippen landeten auf meiner Wange, aber anstatt das wohlige Kribbeln auszulösen, wie sie es noch vor ein paar Monaten getan hatten, ließ mich seine Berührung kalt, und meine Gedanken wurden in den Fluten meiner Unsicherheit umhergewirbelt.

»Alles gut mit deinem Schienbein?«, stammelte ich und versuchte, schnellstmöglich dieses seltsame beklemmende Gefühl abzuschütteln. »Du solltest echt besser aufpassen. Bis zu den Wettkämpfen ist es nicht mehr lang. Eine Verletzung wäre eine Katastrophe.«

Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken, als er seufzte. »Wie immer. Die Wettkämpfe sind natürlich das Wichtigste.« Dann schüttelte er den Kopf, als wollte er schnell das Thema wechseln. »Mach dir nicht immer so viele Gedanken. Ich bin doch unzerstörbar. Wird sicherlich nur ein blauer Fleck. Wie war das Training?«

»Ganz gut«, entgegnete ich, obwohl jede Bahn eine reinste Qual gewesen war. Ich überging seinen bissigen Kommentar, weil mir aktuell wirklich die Kraft zum Streiten fehlte. Trotzdem verstand ich nicht, wie Milo so was sagen konnte. Für mich waren diese Wettkämpfe meine Chance, mir meinen Traum zu erfüllen. Einen Traum, der sich jeden Tag unerreichbarer anfühlte. Ich war schon so viele Male in den letzten Monaten kurz davor gewesen aufzugeben, nur um mich dann wieder zusammenzureißen und weiterzumachen. Wieso konnte er nicht verstehen, wie wichtig das für mich ist?

»Wir fahren um Punkt neun zum Club. Wenn ihr bis dahin nicht fertig seid, seid ihr selbst schuld«, sagte Florence gebieterisch, ganz unser Teamcaptain.

»Keine Sorge, Flo.« Cat deutete eine lässige Salutierbewegung an und schnappte sich dann meine Hand. »Wir müssen nur noch ein Kostüm zusammenbasteln.«

Ich ließ mich wortlos von ihr den Flur hinunter- und die Treppe raufziehen, nur um der unbehaglichen Energie zu entkommen, die mir von Milo entgegenschwappte. Vielleicht bildete ich sie mir aber einfach nur ein, weil ich so unsicher war. Ich war diejenige, die seit Saisonstart keinen Gedanken an unsere Beziehung verschwendet hatte und viel zu sehr damit beschäftigt war, meinen Trainings- und Ernährungsplan zu optimieren. Ich wollte meine Anspannung ignorieren, aber sie baute sich immer weiter auf. Wie eine gigantische Welle, die irgendwann über mich hinwegrollen würde. Aber solange ich konnte, würde ich dagegen anschwimmen. Auch wenn ich wusste, dass sie mich früher oder später einholen würde.

Kapitel 2

Cyrus

»Du weißt, dass ich in den letzten Jahren nicht einmal eine Schwimmhalle betreten habe, Leo. Ich will mit dem ganzen Thema einfach nichts mehr zu tun haben«, seufzte ich und beobachtete meinen besten Freund dabei, wie er frustriert die Hände in seinen Locken vergrub und dann hektisch zwischen den überfüllten Regalen auf und ab lief.

»Du warst schon immer ein Sturkopf, irgendwann bekomme ich wegen dir noch Haarausfall!«

»Wenn du dir weiterhin so die Haare raufst, ist das gar nicht so unwahrscheinlich – und ganz sicher nicht meine Schuld. Kannst du jetzt bitte aufhören, Furchen in den Boden zu laufen? Du machst die Kunden nervös.« Mein mahnender Blick glitt von Leo zu der Familie, die sich gerade ein paar Plastikpalmen ansah, die an jeder Ecke Miamis verkauft wurden. Sie waren die typischen Touristen. Sonnenbrand im Nacken, Bauchtasche um die Hüften geschnallt und der Vater sah aus, als würde er jeden Moment einen Nervenzusammenbruch erleiden, sollten seine Kinder auch nur noch ein Souvenir anschleppen, das keiner brauchte.

Leo hielt abrupt inne. »Es ist nur für eine Saison. Sieh es als einen kleinen Schubser, weil du dich nicht traust, ins kalte Wasser zu springen.«

»Ich brauche keinen Schubser, weil ich genug von kaltem Wasser habe. Ende der Diskussion.«

Jetzt zog er einen Schmollmund. Das hatte er schon als Kind gemacht. Wahrscheinlich hatte er seinen Dad nur so ansehen müssen und alles bekommen, was er sich jemals gewünscht hatte. Ich war ebenfalls schon oft Opfer seines Charmes geworden, aber dem Vorschlag, den er mir unterbreitet hatte, würde ich nicht nachkommen können.

»Ich weiß, du meinst es nur gut, aber ich bin glücklich hier.« Ich machte eine Geste, die den ganzen Souvenirshop einschloss, der so zugestellt mit billigem Krempel war, dass man nicht einmal mehr die Wandfarbe erkennen konnte.

»Wen willst du hier verarschen?«, erwiderte Leo und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Theke, hinter der ich an der Kasse stand. »Ich will einfach nicht, dass du es irgendwann bereust, wegen einer Niederlage dein ganzes Leben weggeschmissen zu haben. Und wir wissen beide, dass du keinen Bock hast, gereizten Touristen diese hässlichen Palmen anzudrehen, bis du zwischen diesen Regalen an einem Herzinfarkt stirbst.«

Der Familienvater schien unsere Unterhaltung belauscht zu haben, denn für einen Augenblick beobachtete er uns aus dem Augenwinkel, nahm seiner Tochter dann das Souvenir aus der Hand und stellte es zurück ins Regal. Ihr stiegen bereits Tränen in die Augen, doch ehe sie auch nur einen Ton herausbekam, nahm er sie bei der Hand und bedeutete seiner Familie, das Geschäft zu verlassen.

»Siehst du? Sogar der Kerl hat genug von dem Scheiß und der war nur ein paar Minuten hier drin.«

»Vergiss es, Leo. Ich habe nicht vor, jemals wieder eine Schwimmhalle von innen zu sehen. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Erst recht nicht, wenn du dich bei Coach Palmer eingeschleimt hast, um mir einen Job zu besorgen. Ich will keine Almosen.«

»Es sind keine Almosen. Du wärst eine Bereicherung fürs Team.«

Mir entfuhr ein Schnauben. Ich? Eine Bereicherung? Nach allem, was passiert war? Guter Scherz.

»Die Fairview University hat seit der letzten Saison keine Wettbewerbe mehr gewonnen. Coach Palmer hofft, dass du den Schwimmern beibringen kannst, wie man gewinnt. Immerhin warst du darin unschlagbar.« Leo schien abrupt die Luft angehalten zu haben. Als wäre ihm erst da bewusst geworden, was er gesagt hatte.

Ein stechender Schmerz zog sich durch meine Brust. Ich wollte meinen Erinnerungen entkommen, doch sie holten mich ständig wieder ein. Auch ich war nicht unschlagbar. Obwohl ich das damals geglaubt hatte.

Leo schien endlich zu merken, dass er gegen einen Strudel anschwamm, der zu stark für ihn war, also setzte er lediglich hinzu: »Du kannst nicht dein Leben lang so tun, als wären die letzten Jahre nie passiert.« Auch wenn er die Diskussion damit vorerst beendete, wahrscheinlich, um mich nicht weiter zu reizen, wusste ich, dass er nicht einfach kampflos aufgeben würde. Er bekam eigentlich immer seinen Willen. Ob das daran lag, dass er ein verwöhntes Einzelkind aus reichem Elternhaus war, ließ sich nur mutmaßen.

»Begleitest du mich zumindest heute Abend auf die Party?«

Genervt sah ich ihn an, als er sich in meine Richtung drehte und wieder seinen Schmollmund aufsetzte.

»Komm schon«, flehte er. »Tu mir den einen Gefallen. Landon hat uns eingeladen. Er wäre sicherlich enttäuscht, seine alten Schulfreunde nicht zu sehen.«

Ich seufzte. »Das ist Manipulation, Leo. Eigentlich wollte ich entspannt einen Film gucken und dann früh schlafen gehen.«

Seine Stirn landete mit einem Rumsen auf der Theke, sodass das Kleingeld in der Kasse rappelte. »Du bist wirklich schlimmer als mein Opa, Cyrus.«

»Dein Opa ist aber auch Millionär und feiert auf seiner privaten Yacht. Das ist kein Vergleich.«

»Ich mach mir einfach Sorgen.« Obwohl er versuchte, es humorvoll zu verpacken, konnte ich doch die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme hören. »Du bist nur noch in deinem Van oder hier in diesem verschissenen Souvenirloch.«

»Ich gehe joggen«, entgegnete ich und zuckte mit den Schultern.

Leo begann dramatisch zu klatschen und fügte hinzu: »Irgendwann wechselst du deine Joggingschuhe auch noch gegen Walkingstöcke, und dann habe ich dich endgültig an das Rentnerleben verloren. Ich muss dich mal wieder wachrütteln. Du bist in deinen Zwanzigern! Das sollte die beste Zeit deines Lebens sein.«

Er schüttelte heftig meine Schultern, als würde er tatsächlich versuchen, mich aus einer Trance zu befreien.

»Was ist das denn für eine Party?«, seufzte ich, damit er endlich aufhörte, mich zu rütteln.

»Es ist eine Halloweenparty, und wir müssen Kostüme tragen.« Er sagte es so schnell, als würde er ein Pflaster abreißen.

»Wenn man denkt, es geht nicht mehr schlimmer …«, murmelte ich.

»Ach Quatsch!« Leo wandte sich in einer flüssigen Drehung ab und scannte den Laden. »Unter diesem Krimskrams werden wir schon was finden. Denn ich glaube, in dein altes Forscherkostüm aus der achten Klasse passt du nicht mehr, oder?«

Ich sah an meinem Körper hinunter. Obwohl ich in den letzten Monaten etwas an Muskelmasse verloren hatte, war ich noch lange nicht so dürr wie in der Middle School.

»Ich glaube, da passe ich nicht mehr rein.«

»Schade, du sahst damals so süß aus mit den übergroßen Gummistiefeln und dem Laborkittel.«

Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie ich das Kostüm zusammengewürfelt hatte, nur um zu zeigen, dass ich ein Meeresbiologe sein wollte. Über die Algen, die ich in einem alten Kescher mit auf die Kinderparty gebracht hatte, waren Leos Eltern jedoch nicht allzu begeistert gewesen, denn am Ende des Abends hingen sie an den Designerlampen, weil wir uns damit abgeworfen hatten.

Er lief ein paar der Gänge entlang und deutete dann auf ein Jersey der Biscayne Sea Spirits. »Willst du als Footballspieler gehen?«

»Nicht so meine Sportart«, entgegnete ich.

»Hab ich mir schon fast gedacht.« Abrupt blieb er vor einem Regal stehen. »Ich hab es!«, rief er und zog dann eine Plastikkrone hervor, die wohl eher für Kinder vorgesehen war. Mit einer dramatischen Geste hob er sie in die Höhe und machte einige lange Schritte auf mich zu. Er deutete eine Verbeugung an und wollte das silberne Plastikkrönchen mit den hellblauen Steinen bereits auf meinem Kopf ablegen.

»Mein Prinz«, hauchte er ehrfürchtig.

»Nur wenn du als meine holde Dame mitkommst.«

»Ich habe mein Kostüm schon vor Wochen bestellt und ich muss dich enttäuschen, es ist kein Ballkleid.«

»Was für eine Tragödie«, gab ich ebenso ironisch zurück.

Jetzt verschwand er hinter einem weiteren Regal und kam nur kurze Zeit später mit einer Mütze wieder. Zunächst erkannte ich nicht, mit was er in der Luft wedelte. Erst, als er sie mir gegen die Brust drückte, identifizierte ich den weißen Stoff mit der dunklen Kappe.

»Wenn du schon nicht den Lifestyle meines Opas auf der Yacht lebst, kannst du zumindest für einen Abend so tun, als wärst du der Captain einer Yacht.«

»Auf jeden Fall besser, als mich in mein altes Kinderkostüm zu zwängen.«

Leo grinste zufrieden und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter.

»Komm um halb zehn zu unserem üblichen Treffpunkt am Ocean Drive. Wehe, du bist zu spät«, ermahnte er mich und lief dann in Richtung Ausgang. Sobald er mich allein gelassen hatte, wurde mir erst bewusst, zu was er mich da überredet hatte. Ich hatte seit Monaten keine Party mehr besucht und hatte auch jetzt wenig Lust darauf.

Vielleicht sollte ich einfach eine Runde joggen gehen und ganz aus Versehen über einen Bürgersteig stolpern, um mir hoffentlich das Bein zu brechen. So wie ich Leo kannte, würde er allerdings auch dann Mittel und Wege finden, um mich auf diese Party zu bekommen. Wahrscheinlich würde er mein eingegipstes Bein zu einem Holzbein umfunktionieren und mir einen Piratenhut und eine Augenklappe aufziehen. Da war mir die Kapitänsmütze eindeutig lieber. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, und ich hoffte, dass Leo wenigstens seinen anderen Vorschlag vergaß. Vielleicht hatte ich dann wieder meine Ruhe.

Kapitel 3

Cyrus

Die bunten Neonlichter der Restaurants, die die Straßen des Ocean Drives säumten, erhellten die Nacht. Lateinamerikanische Musik mischte sich mit dem tiefen Brummen der Luxusautos, und das laute Lachen der Nachtschwärmer Miamis erfüllte die Luft.

Ich lief vom Parkplatz aus zu Leos und meinem Treffpunkt, an dem er wahrscheinlich bereits auf mich warten würde. Früher hatten wir uns häufig früh am Morgen hier getroffen, um gemeinsam joggen zu gehen, doch seit Leo in die Baufirma seiner Eltern eingestiegen war, fanden wir dafür kaum noch Zeit. Jetzt zog er lieber abends durch Clubs und machte die Nacht zum Tag. Wahrscheinlich, weil er den Job bei seinen Eltern so sehr hasste, dass er möglichst viel Zeit wiedergutmachen wollte.

Hinter mir konnte ich das sanfte Rauschen des Meeres hören. Wie gerne ich jetzt einfach den dunklen Strand hinunterlaufen würde. Doch schon entdeckte ich Leo in einem schneeweißen Anzug auf einer Parkbank sitzen. Er hob seinen Kopf und richtete plötzlich eine Waffe aus billigem Plastik auf mich. »Du bist zu spät. Wie kannst du es wagen, mich warten zu lassen? Das nächste Mal fängst du dir dafür eine Kugel ein.«

Leo sah aus, als wäre er soeben aus einem 80er-Jahre-Gangsterfilm gekommen. Zwischen seinen Lippen hing eine Zigarre, deren herben Geruch ich auch zwei Meter entfernt wahrnehmen konnte, und seine Haare hatte er mit Unmengen an Haargel zurückgelegt.

Ich hob beschwichtigend die Hände. »Wenn du mich abknallst, hat der Gangsterboss doch keinen Captain mehr, der seine Yacht in internationale Gewässer manövriert, wenn er vom FBI verfolgt wird.«

Nun lachte auch Leo, erhob sich und umarmte mich zur Begrüßung. »Das wollen wir nicht riskieren.« Er beäugte mein Outfit einen Moment und setzte dann hinzu: »Konntest du dein Hemd nicht mal bügeln? Ein angesehener Gangsterboss hätte dich allein deswegen schon abgeknallt.«

Ich hatte mir heute Nachmittag einfach ein weißes Hemd, eine dunkle Anzughose und ein paar Lederschuhe aus der Box gezogen, die ich unter meinem Bett im Van lagerte. Mit der Kapitänsmütze sah ich beinah so aus wie die Captains, die die Luxusyachten in den Hafen von Miami lenkten.

»Du bist schlimmer als meine Mom, Leo. Im Van ist kein Platz für ein Bügeleisen, und außerdem wird es im Club sowieso so dunkel sein, dass keiner die Falten sieht.«

Er zupfte meinen Kragen zurecht und setzte hinzu: »Vielleicht findest du heute Abend deine zukünftige Frau. Da zählt der erste Eindruck.«

Ich wusste, dass er es nur gut meinte, aber eine Freundin war so ziemlich das Letzte, woran ich dachte. Ich wollte einfach nur diesen Abend überstehen. Alleine bei dem Gedanken an die Menschenmengen wurde mir übel.

»Verdammt, Cyrus. Jetzt mach dich mal locker. Lass die Vergangenheit nur mal für einen Abend ruhen. Morgen kannst du dich dann wieder in dein Schneckenhaus verziehen.« Er klopfte mir freundschaftlich gegen die Schulter.

Wenn das nur so einfach wäre. Für meinen besten Freund lockerte ich meine angespannten Muskeln und setzte ein Lächeln auf. Wie schlimm konnte ein Abend schon werden?

Der Club lag nicht weitab des Ocean Drives. Zwischen den Palmen führte ein Weg hinunter in Richtung Meer.

Schon als wir darauf zuliefen, konnte ich die vielen Menschen entdecken, die in einer endlos scheinenden Schlange vor dem Eingang warteten.

Von außen wirkte das Gebäude nicht sonderlich spektakulär. Neben den ganzen Luxus-Resorts und Wohnanlagen, für die Miami Beach bekannt war, war der moderne Bungalow beinahe ernüchternd. Vielleicht machte jedoch gerade das den exklusiven Flair des Clubs aus, der so viele Menschen hierhergelockt hatte.

»Landon holt uns gleich am Eingang ab. Er meinte, die Security ist heute Abend besonders streng, was die Kostüme angeht, sogar bei Leuten, die auf der Gästeliste stehen. Wenn er uns persönlich reinholt, sollten wir keine Probleme bekommen«, rief Leo über seine Schulter, während er mit schnellen Schritten an dem kostümierten Partyvolk vorbeilief, die uns allesamt irritiert musterten, weil wir uns ganz unverblümt vorbeimogelten.

Sobald wir am Eingang ankamen, bestätigte sich Landons Prophezeiung. Es war gar nicht zu überhören, wie eine Gruppe mit der Security stritt.

»Aber wir stehen doch auf der Gästeliste«, seufzte eine junge Frau. Sie klang so frustriert, als würde sie schon eine Weile diskutieren. Sie war so klein, dass sie noch nicht einmal mit ihren hohen Schuhen auf Augenhöhe mit dem Security-Mann war.

»Eine Plastikkrone macht euch noch lange nicht zu Prinzessinnen«, entgegnete er und deutete auf sie und ihre Freundin, die ein ähnliches Krönchen auf ihrem Kopf trug. Nur war ihres nicht golden, sondern silbern.

»Ich kann nur eure beiden Freunde reinlassen.« Jetzt nickte er in Richtung eines weiteren Mädchens, das in einem märchenhaften, aufwendig geschneiderten Kleid an der Schwelle zum Club stand und einen Kerl, der aussah, als hätte er die Prinzessin vor dem Drachen gerettet und wäre dann auf seinem edlen Ross zum Club geritten. Lediglich sein unfokussierter Blick und wankender Gang zeugten davon, dass er bereits so früh am Abend viel zu viel Alkohol konsumiert hatte und nicht mehr in der Lage gewesen wäre, ein Pferd zu zähmen.

Das kleine Mädchen mit dem kurzen Bob und dem goldenen Krönchen ließ nichts unversucht, um doch in den Club zu kommen. »Und wie ist es jetzt? Bin ich jetzt eine Prinzessin.« Sie klimperte heftig mit den Wimpern und setzte wohl ihren lieblichsten Blick auf, doch der Security-Mann schüttelte nur unbeeindruckt den Kopf. »Wenn ich jeden hier reinlassen würde, der sich ein Krönchen aufsetzt, wäre der Club schon jetzt zum Bersten gefüllt. Es wurde nicht ohne Grund auf die Kleiderordnung hingewiesen.«

Das Mädchen schnaubte frustriert, bevor ihre Freundin ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter legte. »Lass gut sein, Cat. Der Mann kann doch auch nichts für seine Anweisungen.«

Ich wurde förmlich von dem hellblauen Kleid in den Bann gezogen, welches sich an ihren Körper schmiegte. Der Stoff floss um ihre Taille wie das strahlend blaue Meer an der Küste Miamis, und die Neonlichter ließen ihn funkeln, als würde sich das Sonnenlicht in den Wellen brechen. Die Perlen, mit denen das Kleid festgehalten wurde, legten sich elegant um ihr Schlüsselbein und ihre wohlgeformten Schultern, sodass sie gar keinen weiteren Schmuck benötigte.

Ihre Freunde in den aufwendigeren Kostümen wechselten einen schellen Blick, ehe sich der junge Kerl räusperte. »Macht es euch was aus, wenn Florence und ich trotzdem auf die Party gehen?«

Cat, wie sie anscheinend hieß, holte empört Luft und wedelte wild mit ihrem Zeigefinger zwischen ihren Freunden hin und her. »Damit ich das hier richtig verstehe: Florence hat nur für euch beide Kostüme aus dem Theaterfundus organisiert, uns nichts davon erzählt und deswegen können Isla und ich jetzt nicht auf die Party des Jahres?«

Der Security-Mann ließ seinen Blick über die ungeduldigen Partygänger hinter ihnen wandern. »Wollt ihr hier noch die ganze Nacht diskutieren? Nehmt mein Angebot an, oder keiner von euch kommt heute Abend hier rein.«

Noch bevor Cat etwas Schnippisches erwidern konnte, wurde der junge Kerl von dem Mädchen in dem aufwendigen Kleid in den Club gezerrt. »Na komm schon, bevor wir nicht mehr reingelassen werden.«

»Sorry, Leute!«, rief er noch, dann verschwand er auch schon hinter dem dunklen Vorhang und ließ die beiden anderen Mädchen sprachlos zurück.

Der Security-Mann drängte sie gerade an die Seite, da wurde der Stoff plötzlich ein weiteres Mal beiseitegezogen, und Landon trat aus dem Dunst des Clubs.

»Hey, da seid ihr ja!« Er bedeutete dem Security-Mann, dass er das Absperrband öffnen sollte, damit er uns hereinlassen konnte. »Wir haben uns wirklich ewig nicht mehr gesehen.«

»Kein Wunder, wenn du um die Welt jettest«, erwiderte Leo und wurde in eine Umarmung gezogen. Kurz darauf zog Landon auch mich in seine Arme. Er war deutlich breiter geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ich hatte ihn noch immer als den dürren, unauffälligen Jungen im Kopf, der die meiste Zeit in der hintersten Ecke des Klassenzimmers mit Kopfhörern auf den Ohren gesessen hatte.

Jetzt trug er seine Haare nicht mehr in unordentlichen Zotteln vor der Stirn, sondern hatte sie kurz rasiert und wasserstoffblond gefärbt. Sofort fielen mir die dunklen Kunstwerke auf, die seine Hände bis unter den Rand seines lockeren T-Shirts zierten.

»Wie lang ist es her?«, fragte er.

»Wir haben uns das letzte Mal kurz nach unserem Highschool-Abschluss gesehen. Danach ist deine Karriere so durchgestartet, dass dir deine alten Freunde wohl zu langweilig wurden«, erwiderte ich und lachte.

Nach unserem Abschluss hatten wir nur über Social Media Kontakt gehalten. Leo und ich hatten aus der Ferne beobachtet, wie seine Karriere zunächst in Miami, dann in den USA und dann sogar international abhob. Ich war froh, dass zumindest einer aus unserer damaligen Freundesgruppe seine Träume verwirklicht hatte.

»Gilt der Dresscode etwa nicht für DJs?«, fragte Leo und musterte Landons schlichtes Outfit.

Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Meine Assistentin hatte einen familiären Notfall und konnte es mir nicht rechtzeitig vorbeibringen. Zum Glück achten die Leute eher auf meine Musik als auf mein Aussehen.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete Leo und deutete auf das Mädchen, das vorhin noch mit dem Security-Mann diskutiert hatte. »Sie scheint gleich ohnmächtig zu werden.«

Ihre Augen wurden tellergroß, während sie Landon anstarrte, als hätte sie einen Geist gesehen.

Mein Kindheitsfreund ließ seinen Blick über das Mädchen schweifen und warf ihr dann ein charmantes Lächeln zu. »Hey, alles klar?«

Ich meinte ihre Beine dabei beobachten zu können, wie sie zitterten.

»Ja …«, stotterte sie, räusperte sich dann aber. »Obwohl … Eigentlich … Nein. Es ist nicht alles klar. Der DJ kann die Promikarte ziehen, um kein Kostüm tragen zu müssen, und ich und meine Freundin kommen nicht rein, weil wir dem Security-Mann nicht kostümiert genug sind?«

Sie gestikulierte wild mit ihrem Zeigefinger zwischen sich und ihrer Freundin hin und her, die peinlich berührt den Kopf senkte.

»Da hat die Prinzessin aber Glück, dass sie ihrem Retter in Not begegnet ist«, entgegnete Landon und tippte den Security-Mann an. »Die beiden gehören zu mir.« Er deutete mit einem Kopfnicken zu den beiden Prinzessinnen und bedeutete uns dann mit einer Handbewegung, ihm in den Club zu folgen.

Sobald wir durch den dunkelblauen Vorhang traten, stieß uns der Bass entgegen. Alles wurde in ein türkisfarbenes Licht gehüllt und erst bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass sich die Strahlen der Scheinwerfer an den Wänden brachen, die mit einem Mosaik aus Tausenden kleinen Seeglasscherben überzogen waren. Daher hatte der Club wohl auch seinen Namen Sea Glass.

Zumindest bekam der ehemalige Meeresmüll so eine zweite Verwendung. Die dicken Glasscherben waren über die Jahre von den Meeresbewegungen und dem Sand geschliffen worden und schmückten nun das Innenleben dieses Clubs.

Landon führte uns an einigen verschwitzen Gästen vorbei und ein paar Stufen hinauf, die ich in dem wirren Licht beinahe nicht gesehen hatte. Von unserer Position aus konnte man nun über das DJ-Pult hinweg in die Menschenmenge schauen. Die Decke wurde so beleuchtet, dass es so aussah, als würden Wellen über sie hinwegfegen. Ich musste zugeben, dass es ziemlich beeindruckend war.

»Fühlt euch ganz wie zu Hause. Wenn ihr einen Drink wollt, gebt dem Bartender einfach diese Karte.« Landon kramte ein paar Trinkkarten aus seiner Hosentasche und überreichte uns jeweils eine mit einem verschmitzten Lächeln. »Ich habe Noa zwar versprochen, mit den Freigetränken nicht zu übertreiben, aber na ja … das ist ein dehnbarer Begriff würde ich sagen.«

Er drückte den beiden Frauen, die er mit uns reingeschleust hatte, ebenfalls eine Karte in die Hand.

»Danke«, stotterte das Mädchen mit dem kurzen Bob und schien noch immer nicht ganz aus ihrer Schockstarre befreit. Dann reichte sie ihm zaghaft ihre Hand. »Mein Name ist übrigens Cat.«

Landon ergriff sie, ehe sich ihre Freundin ebenfalls vorstellte.

»Isla.« Ihr Name kam ihr so sanft über die Lippen, dass ich ihn über die laute Musik beinahe nicht wahrgenommen hätte. »Danke, dass du uns mit reingeschleust hast. Das hättest du wirklich nicht machen müssen.« Ein sanftes Lächeln zierte nun ihren vollen Mund.

»Zwei so hübsche Frauen kann ich doch nicht einfach vor der Tür stehen lassen. Noa hätte sicherlich auch nichts dagegen.«

»Noa?«, fragte Cat, und Landon deutete auf ein Podest, auf dem ein Mädchen wild tanzte. Während sie sich bewegte, schwang sie ihre schwarzen Haare hin und her und legte damit neonpinke Strähnen frei. »Ihren Eltern gehört der Club. Sie hat mich für heute Abend engagiert. Ich kenne sie schon seit dem Start meiner Karriere, ich habe ihr viel zu verdanken.«

»Ach du Scheiße.« Leo zog scharf die Luft ein. »Du kennst Noa Darling?« Er musterte Landon ungläubig, welcher nur schelmisch lächelte. »In der Miami-Party-Szene kennt man sich. Und zufälligerweise kenne ich Noa noch sehr viel besser, als du vielleicht denkst.« Er ließ die Augenbrauen wackeln und begegnete Leos neidvollem Blick.

»Mein Glückwunsch, Bro. Ich habe nur Geschichten von ihr gehört.«

Während Leo jedoch allen Anschein nach in Tagträumereien über Noa Darling verfallen war, galt meine Aufmerksamkeit immer wieder Isla, die sich unsicher im Raum umsah, als würde sie nach jemandem Ausschau halten. Dann lehnte sie sich zu ihrer Freundin, die bereits in ein Gespräch mit Landon vertieft war, und verschwand kurz darauf in der Menschenmenge.

Kapitel 4

Isla

Ich scannte die Menschenmenge nach Milo und Florence ab, doch in dem Meer aus Gästen war das wie die Suche nach der versunkenen Stadt Atlantis. Ich wusste nicht genau wieso, aber als Florence Milo in den Club gezogen hatte und er ihr willentlich gefolgt war, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, war mir schwer ums Herz geworden. Vielleicht würde dieses Gefühl verschwinden, wenn ich sie wiederfand. Zumindest hoffte ich das.

Ich quetschte mich zwischen den Gästen hindurch und betete, in einem Stück am anderen Ende des Raums anzukommen. Mit einem Blick auf die Preise über der Bar war ich wirklich froh, dass uns Landon die Karte in die Hand gedrückt hatte. Fünfundzwanzig Dollar für einen Cocktail? Wer konnte sich so was denn bitte leisten?

Ich wusste bereits, was ich trinken würde, ohne die Karte studieren zu müssen: Wodka Soda. Es hatte am wenigsten Kalorien und würde meine Bilanz des Tages nicht vollkommen kaputtmachen. Außerdem würde ich diesen Abend ohne Alkohol wohl nicht überstehen, denn die Musik bereitete mir jetzt schon Kopfschmerzen. Wir standen kurz vor der härtesten Trainingszeit, und jetzt war wohl die letzte Gelegenheit, um zu sündigen.

»Einen Wodka Soda«, rief ich dem Bartender zu und überreichte ihm die schwarze Plastikkarte.

»Skinny Bitch«, rief er und nahm die Karte entgegen, ehe er sie über einen Scanner zog.

Ich war so aus dem Konzept gebracht, dass ich zunächst dachte, ich hätte mich wegen der lauten Musik verhört. Hatte er mich gerade als Skinny Bitch bezeichnet?

»Entschuldigung?«, entgegnete ich und musterte ihn irritiert, während ein weiterer Barmann das Getränk zubereitete und dann vor mir platzierte.

»Skinny Bitch«, wiederholte er, diesmal, als wollte er sich bei mir rückversichern. Nun fiel mir der Mund auf.

Gerade als ich ihm etwas ebenso Gemeines an den Kopf werfen wollte, wurde ich unterbrochen. »Er meint den Drink.«

Der Kerl neben mir hatte die Interaktion beobachtet und deutete auf das eisgekühlte Glas mit der Zitronenscheibe darauf.

Die Worte, die ich mir im Kopf zurechtgelegt hatte, um sie dem Barkeeper an den Kopf zu werfen, verpufften, ehe ich peinlich berührt lächelte. »Oh, das wusste ich nicht.«

Erst dann erkannte ich den Kerl neben mir wieder. Er war mit uns gemeinsam hereingekommen. Er hatte sich die Kapitänsmütze tief ins Gesicht gezogen und bisher nur missmutig den Club gescannt, als würde er nach einem Fluchtweg suchen. »Du bist ein Freund von Landon, oder?«

Er nickte und reichte mir seine Hand. »Ich heiße Cyrus. Dein Name war Isla, oder?«

Ich nahm seine Hand entgegen und schüttelte sie. Es verwunderte mich, dass er so aufmerksam gewesen war.

»Ein Wasser und zwei Gin Tonic bitte«, rief er dem Barkeeper zu und lehnte sich dann lässig gegen die Theke.

Ich räusperte mich. »Sind die Gin Tonics zum Betrinken und das Wasser gegen den nahenden Kater?«

Cyrus lächelte amüsiert. »Wenn ich mich betrinken wollen würde, hätte ich vielleicht ebenfalls zu einem Skinny Bitch gegriffen. Aber ich bleibe bei Wasser. Der Alkohol ist für Landon und Leo.«

»Wurdest du etwa auch gekidnappt und gezwungen, hier zu sein?«

»Könnte man so sagen. Leo ist ein wahrer Meister der Überredenskunst, und Landon habe ich Jahre nicht mehr gesehen. Ich bin eher für meine Freunde hier als für mein eigenes Vergnügen.« Er sah sich um und wich geschickt einem Kerl aus, der mit wackeligen Beinen auf ihn zugestolpert kam. Cyrus schluckte hart und versteifte sich merklich, als weitere Gäste in unsere Richtung gedrückt wurden.

»Dito«, bestätigte ich und seufzte. »Cat ist schon seit Jahren Fan von deinem DJ-Freund. Sie hatte aber noch nie die Möglichkeit, ihn live zu erleben. Es war wirklich sehr nett von ihm, dass er uns mit reingenommen hat, nachdem wir abgewiesen wurden.«

»Wer waren die beiden, mit denen ihr gekommen seid?«, fragte er und drehte sich etwas mehr in meine Richtung, um mich über die schallende Musik hinweg besser hören zu können. Mir stieß sein Geruch entgegen. Eine verführerische Mischung aus einer sommerlichen Meeresbrise und dem süßlich, bitteren Duft von Mandarinenschalen.

»Mein Freund und …« Ich stockte. Florence als Freundin zu betiteln wäre eine dreiste Lüge. »… eine Bekannte.«

Für den Bruchteil einer Sekunde meinte ich so etwas wie Enttäuschung in seinem Blick aufblitzen zu sehen. »Dein Freund lässt dich an Halloween einfach im Stich?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Er kann ja nichts für die Anweisungen der Security.«

Cyrus musterte mich eingehend und schüttelte dann missbilligend den Kopf. »Wer lässt seine Freundin einfach stehen, nur um in einen überfüllten Club zu kommen?«

Ich lachte, um zu überspielen, dass mich Milos Aktion tatsächlich ein bisschen verletzt hatte.

»Landon meinte, im Außenbereich gibt es einen Pool. Ich denke, das wird mein Plan für den Abend, um diesen Menschenmengen aus dem Weg zu gehen.« Er richtete sich auf, nahm die Getränke und prostete mir dann zu. »Wenn du auch eine Auszeit brauchst, kannst du mir dort gerne Gesellschaft leisten.«

Ich nickte zögerlich. »Danke, vielleicht komme ich drauf zurück.«

»Ich würde mich freuen.« Das schräge Lächeln, das er mir im Vorbeigehen schenkte, ließ mein Herz auf ungewohnte Art schneller schlagen. So etwas hatte ich seit Monaten nicht mehr empfunden. Bevor ich es jedoch genießen konnte, dass sich mein Herzschlag aus einem anderen Grund als dem Sport erhöhte, verdrängte ich das Gefühl und ermahnte mich. Schuldgefühle plätscherten immer weiter in meine Gedanken. Es waren stetige Tropfen, die irgendwann zu einem reißenden Fluss werden konnten. Ich durfte diese Dinge nicht fühlen. Es war nicht fair. Vor allem nicht Milo gegenüber.

Kapitel 5

Isla

Auf meinen hohen Schuhen bahnte ich mir einen Weg durch den weitläufigen Raum und erkundete auch die anderen Ecken des Clubs. Er war definitiv größer, als man von außen vermutet hätte.

Von dem Hauptraum gingen weitere Flure und Treppen ab, die in wiederum kleinere Clubräume führten, in denen unterschiedlichste Musikrichtungen gespielt wurden. In einem schallten mir die neusten Hip-Hop-Hits entgegen, während im nächsten die Gäste ihre Hüften zu lateinamerikanischen Klängen schwangen. Ich folgte einem schmaleren Gang, von dem ich dachte, dass er mich zu den Toiletten führen würde. Die Musik wurde immer dumpfer, dafür drängten sich andere Geräusche an mein Ohr. Sehr intime Geräusche.

Irritiert zog ich die Augenbrauen zusammen. Das war doch nicht so eine Art Club, oder?

Meine Neugierde siegte, und ich schielte um eine Ecke.

Das Pärchen war so miteinander beschäftigt, dass sie mich gar nicht bemerkten. Hektisch wandte ich den Blick ab, doch dann hielt ich einen Moment inne. Das waren doch nicht …? Nein. Das konnte nicht sein. Mein Herz pumpte zunächst langsamer, dann schneller. Ich konnte mein eigenes Blut in meinen Ohren rauschen hören, als die Erkenntnis allmählich in mein Bewusstsein sickerte. Vielleicht war es nur der Alkohol, der meine Sicht verklärt hatte?

Mit schweißnassen Fingern wagte ich einen weiteren Blick um die Ecke, und nun blieb mir schlagartig die Luft weg.

Unter dem Schein des Notausgangschilds lehnte Florence an der dunklen Wand, während Milo ihren Hals mit feuchten Küssen übersäte.

»Du bist so heiß«, stöhnte er. Seine Lippen wanderten immer weiter nach unten, bis zu ihrer Brust, und seine Hand fuhr unter ihren Rock. »Ich hab das so vermisst.«

»Wir sind unmöglich.« Sie legte genüsslich den Kopf in den Nacken, und ihre Hände vergruben sich in seinen Haaren, um ihn näher an sich heranzudrücken. »Isla darf niemals hiervon erfahren. Das würde sie nur noch mehr aus der Bahn werfen. Wir können nicht riskieren, dass sie noch eine Saison verkackt. Das Schwimmteam braucht die Punkte, also müssen wir vorsichtig sein.«

Milo rollte mit den Augen. »Isla ist so mit ihrem Training beschäftigt, dass sie gar nichts mehr mitbekommt. Aber lass uns jetzt nicht mehr über sie sprechen. Das zerstört den Mood.«

Florence stöhnte ekstatisch, als er seine Finger noch weiter unter ihren Rock schob und den Stoff ihres Kleides mit der anderen Hand anhob, ehe er sich vor sie auf die Knie sinken ließ. Wie versteinert beobachtete ich, wie Milos Haarschopf unter ihrem Rock verschwand. Ich wollte weglaufen, aber mein verdammter Körper war an Ort und Stelle gefangen. Als wären meine Füße in Treibsand versunken.

Ich presste mir die Hand auf den Mund. Trotzdem entwich mir ein erstickter, schmerzhafter Laut.

Milos Kopf ruckte unter dem Rock hervor, und unsere Blicke trafen sich. Ich sah bereits nur noch verschwommen, während mir heiße Tränen in die Augen stiegen. Krampfhaft versuchte ich, sie zurückzuhalten. Ich durfte jetzt nicht weinen. Nur nicht jetzt. Die Blöße wollte ich mir nicht geben.

»Babe …« Milo keuchte erschrocken. Der Spitzname sendete einen ekelhaften Schauer durch meinen gesamten Körper, und ich spürte bereits, wie Magensäure in meiner Speiseröhre brannte.

Ich schüttelte heftig den Kopf, als wollte mir mein Körper damit versichern, dass das alles nicht echt war. Dass es ein verdammter Albtraum war, aber Florence’ und Milos ertappte Blicke bewiesen mir etwas anderes.

Ich war bereits dabei, mich umzudrehen und wegzulaufen, nur um Milos schuldigen Ausdruck nicht länger ertragen zu müssen, da löste er sich schlagartig von Florence und kam auf mich zugestürzt.

»Babe«, keuchte er wieder. Jetzt vollkommen aufgelöst, als müsste er ebenfalls mit den Tränen kämpfen. Er packte mich am Handgelenk, damit ich nicht den Flur hinunterstürmen konnte, aber ich riss mich los.

»Lass mich.« Meine Stimme klang vom Schock dünn, obwohl ich ihn am liebsten aus voller Brust angeschrien hätte.

»Babe, bitte bleib stehen«, versuchte er es abermals, während ich weiter in Richtung der Glasfront eilte, die den Club vom Außenbereich trennte. Ich musste hier raus.

»Nenn mich nicht so. Nie wieder«, keifte ich und riss mich erneut los, als seine Finger meinen Arm zu fassen bekamen. Die Finger, die er zuvor noch in Florence versenkt hatte. Seine Berührung schmerzte, obwohl ich nie damit gerechnet hätte, dass sie das jemals tun würden.

Endlich erreichte ich den Außenbereich. Sobald ich der stickigen Luft im Nachtclub entkam und mir die Meeresbrise entgegenströmte, war es, als würde ich schlagartig wachgerüttelt werden.

Meine Sicht klärte sich. Nun konnte ich auch die Tränen in Milos Augen sehen. »Isla, bitte hör mir zu.«

Ich lachte frustriert auf und wandte mich ihm zu. Jetzt erfasste Wut allmählich meinen Körper und verdrängte den ersten Schock. »Und dann was? Willst du mir erklären, wie deine Finger aus Versehen in Florence’ Höschen gelandet sind?«

Ich wurde mit jedem Wort lauter. Mir war vollkommen egal, dass die anderen Partygäste es mitbekommen könnten. Sollten sie doch alle erfahren, was für ein Arschloch er war.

Das Geschehen um mich herum konnte mich nicht erreichen. Ich nahm die anderen Gäste nicht wahr. Auch nicht die Musik. Noch nicht einmal meinen eigenen Körper. Es war, als wäre alles taub. Als wäre ich unter Wasser, und das einzige Geräusch, das ich hörte, war mein eigener wilder Herzschlag, der unerbittlich in meinem Gehörgang pochte.

Milo stockte und schüttelte fassungslos den Kopf, während seine Pupillen immer größer wurden und die Tränen plötzlich abebbten. Er biss die Zähne zusammen, seufzte genervt und nur einen Wimpernschlag später war nichts mehr von seiner Trauer zu finden. Da war kein Mitgefühl mehr, kein Schuldbewusstsein, nur noch etwas, das ich noch nie so erlebt hatte: aufbrausende Wut, die er mit jeder verstreichenden Sekunde nicht mehr länger zurückhalten konnte. Seine Kiefermuskeln traten hervor, als würde er versuchen, die Worte nicht aus dem Mund zu lassen, die ihm auf der Zunge brannten und die er womöglich schon monatelang mit sich herumtrug.

»Was erwartest du denn von mir, Isla?«, keifte er.

Irritiert schossen meine Brauen nach oben. Wir hatten schon viel gestritten, wie wahrscheinlich alle Paare, die seit der Highschool zusammen waren, doch er hatte mich noch nie auf so eine Art angegiftet. Das schmerzte beinahe noch mehr als der Gedanke an ihn und Florence. Es fühlte sich an, als wäre er nicht der Junge, den ich zu kennen geglaubt hatte.

Frustriert fuhren seine Finger über seine Augenbrauen und blieben für einen Moment an seiner Nasenwurzel. »Willst du einfach so tun, als wäre ich der Böse? Als hätte ich unsere Beziehung ruiniert, weil ich Bedürfnisse habe?«

»Wie bitte?«, hauchte ich vollkommen schockiert. So kannte ich ihn nicht.

»Du hast gar nichts mehr bemerkt. Unsere Beziehung kriselt seit Monaten und du warst mit den Gedanken nur beim Sport. Tu also nicht so, als wäre ich der Böse.« Er kam näher, sodass ich seinen nach hartem Alkohol stinkenden Atem nun deutlich wahrnehmen konnte. Ich spürte seine Finger, die sich langsam um meine Schultern legten. Ich wollte mich losreißen, doch der Schock betäubte mich, während ich in seinen Augen verzweifelt nach dem Jungen suchte, in den ich mich damals verliebt hatte. Ich suchte nach der Wärme in seinem Blick, nach dem Funkeln, wenn er mich spielerisch neckte, aber nichts davon fand ich. Ich sah nur Frustration und Wut.

»Was erwartest du denn? Dass ich meine besten Jahre verschwende, wenn man mit dir offensichtlich keinen Spaß mehr haben kann? Du hast mich ja nicht einmal mehr an dich herangelassen. Es sollte dich eigentlich nicht wundern, dass ich dann eine andere ficke.« Ich hielt die Luft an. Ich war zu betäubt, zu schockiert und zu angewidert, um ihm auch nur eine Antwort zu geben.

Der Moment hielt viel zu lange an. Viel zu lange brannte sich seine Berührung in meine Haut und seine Worte in meinen Kopf, bis sich plötzlich jemand zwischen uns drängte und den ersehnten Abstand zwischen uns brachte. Erst da konnte ich wieder atmen.

Kapitel 6

Cyrus

Die Musik war viel zu laut, der Club zu voll. Überall waren Menschen. Zu viel. Zu viel. Zu viel. Lediglich das Wasser des Pools, in dem meine Beine baumelten, beruhigte meine Nerven. Ich hatte mich an den Rand gesetzt, während ich immer mal wieder an meinem Glas nippte. Im Hauptbereich des Clubs wäre ich beinahe durchgedreht. Die Menschenmengen, die Geräusche und Gerüche ließen mein Herz unangenehm schneller schlagen. Leo hatte ich bereits aus den Augen verloren, er war sicherlich gerade damit beschäftigt, sich an jemanden ranzumachen, nur um die Nacht nicht alleine verbringen zu müssen.

Etwas in meinem Augenwinkel erregte meine Aufmerksamkeit. Isla kam hinausgestürmt und wurde von dem Kerl verfolgt, den ich zuvor am Eingang zum Club gesehen hatte. Ihr Freund. Sie hatte ihn also doch gefunden, aber wieso lief sie jetzt vor ihm davon?

Ihr Gespräch war gar nicht zu überhören. Eigentlich war ich nicht der Typ, der sich einmischte, doch ich beobachtete sie weiter, nur für den Fall, dass es aus dem Ruder lief.

Als er sie abrupt an den Schultern packte und weiter anschrie, war ich bereits aufgesprungen, bevor ich darüber nachdenken konnte. Isla wirkte wie in einer Schockstarre gefangen. Ich wollte die Situation nicht noch eskalieren, aber der Kerl schien nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein, daher schob ich mich an einigen Partygästen vorbei und drängte mich zwischen die beiden.

Als seine Hände endlich von ihren Schultern abließen, konnte ich so etwas wie Erleichterung in ihrem Blick erkennen.

Sie holte schlagartig Luft und fuhr irritiert mit ihren Augen über meine Gesichtszüge.

»Alles okay? Brauchst du Hilfe?«, fragte ich.

»Hey, Arschloch. Lass meine Freundin in Ruhe und misch dich nicht ein, sonst setzt es was!«

War das sein verschissener Ernst? Der Kerl war ganz offensichtlich vollkommen betrunken, aber das entschuldigte noch lange nicht sein Verhalten.

»Ich glaube eher, dass du deine Freundin in Ruhe lassen solltest, Arschloch«, gab ich provozierend zurück, während ich mich allmählich zu ihm umdrehte. 

Ich überragte den Wuschelkopf um einige Zentimeter, weshalb er sich aufplusterte wie ein Kugelfisch, der versuchte, bedrohlicher zu wirken. Als er seine Hand nun an meine Schulter legte, um mich beiseitezuschieben, riss mir fast der Geduldsfaden.

»Ex-Freund«, erklang Islas Stimme hinter mir. Sie erwiderte den Blick des Kerls eiskalt. Eine unbehagliche Stille breitete sich zwischen ihnen aus, ehe der Kerl auflachte und dann fassungslos den Kopf schüttelte.

»Ich hätte schon vor Wochen mit dir Schluss machen sollen, also kommt mir das gerade recht. Dein nächster Kerl tut mir jetzt schon leid.« Isla konnte gar nichts mehr erwidern, denn der Kerl hatte sich bereits schwankend umgedreht und taumelte zurück in den Club.

»Danke.« Ihre Stimme war ganz dünn, beinahe ein Hauchen.

»Alles okay?« Ich hatte mich ihr wieder zugewandt und musterte sie, während sie sich erschöpft übers Gesicht rieb.

»Ja, mir geht’s gut.« Sie stockte und starrte für einen Moment zur Tür, durch die der Kerl verschwunden war.

»Ich bin nur ein Fremder, den du im Club kennengelernt hast und wahrscheinlich nie wiedersiehst, du kannst mir also ruhig die Wahrheit sagen.«

Sie lächelte sanft und schüttelte dann den Kopf. Kurz darauf wurden ihre Augen feucht, und sie presste die Lippen aufeinander, als würde sie versuchen, die Tränen zurückzudrängen.

»Wie soll es einem schon gehen, wenn man von dem Freund, mit dem man seit sechs Jahren zusammen ist, betrogen wird.«

»Beschissen«, bestätigte ich und nickte. Sie konnte ja nicht wissen, wie gut ich das Gefühl nachvollziehen konnte.

Jetzt lachte sie schmerzlich, ehe eine Träne aus ihren dunkelbraunen Augen kullerte. »Sorry, es ist total peinlich, vor einem Fremden zu weinen.« Schnell wischte sie sich über die feuchten Wangen.

»Nein, gar nicht. Da ich sowieso nur ein Fremder bin, muss es dir erst recht nicht peinlich sein.« Ich lächelte sanft. »Möchtest du etwas trinken? Dann kannst du so viel weinen, wie du möchtest, ohne auszutrocknen.«

Einen Moment hielt sie inne, als würde sie sich mein Angebot durch den Kopf gehen lassen. »Wieso nicht? Ich bin nicht sonderlich erpicht darauf, meinem Ex und seiner Affäre auf der Tanzfläche zu begegnen.«

Ich deutete auf eine weitere Bar, die unter einem hellen Sonnensegel stand, von dessen Enden Lichterketten hinabhingen.

»Eine Cola Zero bitte«, sagte sie dem Barmann dahinter und ließ sich erschöpft auf einen der hölzernen Hocker fallen.

»Kein Wodka Soda, um diesen Abend zu vergessen?«, fragte ich und bestellte mir ein weiteres Wasser.

»Damit ich morgen nicht nur mit Herzschmerz, sondern auch mit einem fetten Kater aufwache? Nein danke«, erwiderte sie und seufzte erleichtert, sobald sie einen Schluck getrunken hatte. »Ich bin dir echt dankbar, dass du ihn davongejagt hast.«

Ich zuckte nur mit den Schultern. »Ich wollte mich nicht einmischen, aber du sahst aus, als würdest du am liebsten vor ihm davonrennen, aber keinen Muskel bewegen können. Da dachte ich, ich verschaffe dir eine Fluchtmöglichkeit.«

»Ich bin froh, dass du es getan hast.« Isla schüttelte gedankenverloren den Kopf. »Weißt du, was das Schlimmste ist? Dass Milo irgendwie recht hat. Ich bin schuld. Er hat mich zwar betrogen, aber ich habe es so weit kommen lassen.«

»Woran sollst du denn bitte schuld sein? Er hat doch mit einer anderen rumgemacht? Oder kontrollierst du seinen Schwanz mit telepathischen Kräften?«

Meine Bemerkung schickte ein echtes, lautes Lachen durch ihren Körper. »Auch wenn das sicherlich eine sehr amüsante Superkraft wäre, lag es nicht daran.« Ihr Ton wurde wieder ernst. »Ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich unserer Beziehung keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt habe. Ich war nicht einfach die letzten Monate. Daher verstehe ich irgendwie, dass er mit einer anderen Spaß haben wollte, weil er den mit mir nicht mehr haben konnte.« Sie zuckte mit den Schultern und nippte wieder an ihrem Glas, als wäre das, was sie gerade gesagt hatte, nicht absolut verrückt.

»Ich glaube eher, dass er dich manipuliert hat, das zu glauben«, entgegnete ich und begegnete ihrem Blick, damit sie sehen konnte, wie ernst ich das meinte.

»Er würde nicht …«, begann sie und stockte dann.

»Isla, nur weil er keinen Spaß hatte, darf er dich noch lange nicht betrügen. Dann hätte er sich zusammenreißen und mit dir reden sollen, anstatt dich zu hintergehen.«

Sie presste fest die Lippen aufeinander und nickte dann. »Bist du zufällig Hobbypsychologe oder warum durchschaust du das so gut?«, fragte sie und versuchte damit wohl vom Thema abzulenken.

»Sagen wir mal so«, ich räusperte mich, »ich war selbst schon mal in einer ähnlichen Situation.«

Sie musterte mich eingehend. »Aber du warst nicht das Arschloch, das damals seine Freundin betrogen hat, und jetzt aus seinen Fehlern gelernt hat und deswegen so reflektiert ist, oder?«

Ich lachte und schüttelte den Kopf. Mit einem Lächeln versuchte ich, den Schmerz zu überdecken, der in mir hochwallte, und mit dem Kopfschütteln alle Gedanken daran aus meinem Gehirn zu verbannen. »Ich bin damals ausgetickt und habe mit einem Mal alles verloren, was mir etwas bedeutet hat.« Ihr Lächeln verschwand und wandelte sich zu einem überraschten Ausdruck, als ich hinzusetzte: »Und wer weiß, vielleicht kann ich dir helfen, besser mit dieser Situation umzugehen, als ich es damals getan habe.«