4,99 €
»Mit der Atmung kommt Stille. Der Klang der Stille webt den Zauber«, flüsterte Yuna. Ihr Herzenswunsch führt Yuna in den Norden des sagenumwobenen Kontinents Ferune. Sie möchte lernen, Magie zu weben. Auf der Mihosane Akademie für Magisches und Anormales findet sie den Anschluss und die Freundschaft, welche sie ihr Leben lang missen musste. Um die nötigen Münzen für ihre Laufbahn aufbringen zu können, nimmt sie ein Jobangebot an, das viel zu gut scheint, um wahr zu sein. Nachts soll sie ein krankes Mädchen hinter einer Laborscheibe beobachten. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie noch nicht, welches Übel sich hinter dem Bandagenmädchen und ihrem Grimoire verbirgt. Durch ihr Doppelleben entsteht schnell Chaos, das nicht weniger als dazu im Stande ist, ihr Leben für immer zu verändern.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2025
Yuna
und das Bandagenmädchen
Michael Silver
Ich widme dieses Buch meinem Freund Robin.
Wir haben uns vor bald 7 Jahren kennengelernt und haben alle Aufs und Abs einer Freundschaft hinter uns.
Niemanden verbinde ich mehr mit Yuna, als dich.
Es war schließlich dein Charakter im Eternal Shadows PnP.
Auch deswegen hoffe ich, dass ich sie nach deinen Vorstellungen weitererzähle.
Hoffentlich liegt noch der größte Teil gemeinsamer Zeit vor uns. Hab dich lieb! <3
Das Buch:
'Yuna und das Bandagenmädchen' ist der zweite Band der Eternal Shadows Chroniken. Innerhalb dieser beginnt mit diesem Band eine Trilogie um die junge Magieweberin. Die Chroniken sind eine Reihe von aufeinander aufbauenden Büchern, die auf dem selben Zeitstrahl stattfinden.
Der Autor:
Hinter dem Autorensynonym Michael Silver verbirgt sich der österreichische Autor Michael Silberschneider. Sein Debüt feierte der Autor im Jahre 2021 mit 'Eternal Shadows - Die magische Träne'. Seitdem arbeitet er hauptsächlich an der Chroniken-Reihe zum Eternal Shadows Universums - die Lore-akurate Buchreihe.
Michael Silver
1. Edition, 2025
© 2025 All rights reserved.
Michael Silberschneider
Cover, Illustrationen: LeneMango
www.Eternal-Shadows.com
Inhaltsverzeichnis
Prolog2
Das Mädchen, das vom Himmel fiel6
Die Akademie21
Wohngemeinschaft39
Ein Jobangebot im Regen46
Die erste Prüfung62
Meister Mordin77
Hinter dem Spiegel93
Magische Grenzen105
Freizeit118
Augenkontakt138
Eves private Forschung148
Das Grimoire162
Meisterin Arkhyst170
Der Bibliothekar190
Ein Genie des Jahrhunderts212
Ruf der Leere224
Die Meister-Ingenieure239
Eine Lizenz zum Fliegen253
Die Schaustellerin263
Stummes Violinspiel274
Schnell, wie der Wind284
Wahrheit hinter der Scheibe298
Die Bandagen fallen313
Drei Tage Siechtum329
Komposition der Schöpfung347
Ein schweres Erbe367
Epilog375
2
Das Mädchen, das vom Himmel fiel6
Die Akademie21
Wohngemeinschaft39
Ein Jobangebot im Regen46
Die erste Prüfung62
Meister Mordin77
Hinter dem Spiegel93
Magische Grenzen105
Freizeit118
Augenkontakt138
Eves private Forschung148
Das Grimoire162
Meisterin Arkhyst170
Der Bibliothekar190
Ein Genie des Jahrhunderts212
Ruf der Leere224
Die Meister-Ingenieure239
Eine Lizenz zum Fliegen253
Die Schaustellerin263
Stummes Violinspiel274
Schnell, wie der Wind284
Wahrheit hinter der Scheibe298
Die Bandagen fallen313
Drei Tage Siechtum329
Komposition der Schöpfung347
Ein schweres Erbe367
Epilog375
Der Leinenstoff kratzte an ihrem Kinn. Einen alten Kartoffelsack hatte man ihr über den Kopf gestülpt. Durch diesen konnte sie atmen, wenngleich die Luft staubig darin war. Sonnenlicht drang kaum hindurch. Vereinzelte Löcher erlaubten ihr, etwas angesichts der Umgebung erahnen zu können. Mehr als der Lichtwechsel beim Ein- und Aussteigen von irgendetwas, das sich wie ein Karren anhörte, wurde ihr verwehrt.
Angestrengt lauschte sie den Stimmen. Mit ihr persönlich unterhielt sich niemand. Die Gespräche drehten sich aber um sie. Oft wurde sie weitergereicht. Nie wurde sie nur ein Quintchen schlauer durch die Dialoge bei den Übergaben.
Nach einer Weile geriet sie an eine Truppe junger Abenteurer. Wie so oft spielte der Zufall ihr ein Ass zu. Dieses würde aber erst später in Erscheinung treten. Etwas unprofessioneller waren diese Männer. Das kam ihr entgegen. So brachte sie endlich mehr in Erfahrung.
Während sie durch die Straßen geleitet wurde, erfuhr sie, dass sie sich in der Hafenstadt Andrasthea aufhielt. Dies war die Hauptstadt des Stadtstaates Luzine an der Ostküste des sagenumwobenen Kontinents Ferune.
Ursprünglich war es ihr Vorhaben, in den Norden zu reisen, um ihrem Herzenswunsch zu folgen. Menschenhändler machten ihr aber einen Strich durch die Rechnung. Geboren war sie in Kanterra. Das Reich im Licht dieser gespaltenen Welt, lang hinter den Wellen des Anturgis-Meeres. Sie war weit weg von zuhause.
Ihre Herkunft sah man ihr an und ihr zu Leiden auch das bildhübsche Äußere einer der Obrigen. Ihre Haut war rein und hell wie das teuerste Pergament. Ihre Haare schimmerten in Sonnenlicht wie schwarze Seide oder Velours.
Vermutlich waren ihre Peiniger auf ein Lösegeld aus. Ihre Familie wäre zu jeder Summe im Stande gewesen. Dieses winzige Detail behielt sie für sich. Es war das Letzte, was sie anstrebte. Sie wollte nicht wieder dorthin zurück. Erst vor wenigen Monden war sie von zu Hause weggelaufen.
Licht und Schatten meinten es dieser Tage aber gut mit ihr. Eine Frauenstimme gesellte sich zu den Männern. Wenig später waren diese schon von dannen gezogen.
Sie wurde von einer einzelnen Person und dazu einer offensichtlich Weiblichen, die sie jung, aber älter als sich selbst eingestuft hätte, fortgeführt. Das war seltsam und geschah zum ersten Mal, seit dem sie den Sack über den Kopf gestülpt bekommen hatte.
Einen schicksalsgeschwängerten Augenblick später sprach sie: »Ich werde dich hinter der nächsten Biegung laufen lassen.«
Von ihr kam zu diesem Zeitpunkt null Reaktion und zu keinem weiteren. Wie hätte sie reagieren sollen?
»Hörst du? Ich lasse dich laufen«, säuselte die Stimme leise, so als wäre es denkbar, dass sie belauscht wurden.
Sie verstand schon, was diese Worte aussagen mochten.
»Ich liefere dich nicht an den Nächsten aus.« Darin lag Wonne, aber auch Zagheit.
Die Gefangene holte einmal kräftig Luft.
»Nein.«
Etwas stupste ihre Nase. Selbst durch den Sack über ihrem Kopf war es ihr möglich, den Finger zu fühlen.
»Ich will deine Stimme nicht hören«, ermahnte die Fremde.
Also hörte sie nur zu und schwieg. Was würde ein weiteres Weilchen schon ausmachen? Dieser Gedanke mischte sich mit Sorge. Offenkundig wollte man ihr helfen, aber wie war der veränderte Untergrund zu deuten? Aus dem harten Stein einer Straße wurde ein weicher, vermutlich Erdboden. Feste Halme streiften ihre Waden.
»Ich werde mich umdrehen und dir dann den Sack vom Kopf ziehen. Ich werde mich nicht zu dir drehen. Du siehst mich auch nicht an«, befahl die Fremde.
Der Leinensack zog sich fester um ihr Gesicht. Er war am oberen Ende gepackt worden. Geschah das gerade tatsächlich? Ein Hoffnungsschimmer kroch durch ihre Glieder. So empfunden hatte sie schon lange nicht mehr. Sie war so nah der Hoffnung.
»Du wirst mir nicht danken. Du gehst zügig ins Maisfeld. Wir haben uns nie getroffen. Fang neu an irgendwo. Viel Glück.«
Diese Worte klangen lange nach, als das Licht ihre Sinne flutete. Der staubige Sack wurde ihr vom Haupt gezogen. Stockend atmete sie ein. Sie roch Getreide und von Schnee getränkte Erde. Eine neu errungene Frische überkam sie. War sie frei? Ehe sich ihre Augen an das Tageslicht gewöhnen konnten, dämmerte es ihr.
Mit wackeligen Knien stapfte sie nach vorne, schob einige der Maishalme zur Seite und rannte immer schneller ins Feld.
Sie wagte es nicht, nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, doch einen Blick zurückzuwerfen. Sie war ihrer Retterin unendlich dankbar. So wollte sie ihre Bitte respektieren.
Hart schlug das Getreide gegen ihr Gesicht, während sie begann, immer schneller zu laufen. Erst als sie das Feld am anderen Ende wieder verließ, stoppte sie minder sanft, indem sie die leichte Böschung zu einer unbefestigten Straße hinabfiel. Dort blieb sie eine Weile lang liegen.
Die aufgeschürften Knie und der Juckreiz an den Handgelenken plagten sie. In aller Euphorie erschien ihr diese Pein allerdings fahl. Schwer atmend starrte sie in den weiten Himmel über ihr.
Erst jetzt hatten sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt. So satt hatten die Farben des Grün und Blau der Natur und des Himmels lange nicht mehr auf sie gewirkt. Ein weiterer Farbton hatte sich zusätzlich in ihre Netzhaut verewigt.
Sie hatte nicht zurückgeblickt. Als der Sack aber von ihrem Scheitel gerutscht war, konnte sie für den Splitter eines Augenblicks diesen roten Schimmer sehen. Vollkommen unscharf war diese Erinnerung. Ausgeschlossen war es nicht, dass sie es sich nur einbildete.
Sie setzte sich auf. Diesem jungen Mädchen wurde auf diese Weise eine zweite Chance gegeben in einer Welt voller Abenteuer und Ströme aus Magie, die durch den Himmel flossen und von besonderen Personen gelenkt wurden - Magiewebern. Ihre Reise fand genau hier ihren Ursprung.
Die sanft vibrierende Fensterscheibe hatte sie zuerst in den Schlaf gewogen. Die Strecke des Zuges wurde in der letzten halben Stunde holpriger.
Sie hatte geträumt, nicht nur irgendeinen Traum. Oft hatte sie den Start ihres Abenteuers im Schlaf erneut durchlebt. Ihr Hirn hatte es noch nicht zur Gänze verarbeitet. Dabei war es schon einen halben Erntewechsel her, seitdem ihr mithilfe dieser Fremden die Flucht gelungen war.
Darauf war sie ein Stückchen weiter in den Norden gezogen. Bei ihrer Freundin Ayako hatte sie Schutz gesucht, ein Heim gefunden. Drei Monde war sie geblieben, hatte sich danach aufgepäppelt und mit den nötigen Utensilien im Koffer aufgemacht, ihren Traum zu verfolgen. Nun war sie auf der besten Schiene.
Sie öffnete ihre Augen und beachtete kurz den Fettfleck, den ihre Stirn auf der Scheibe hinterlassen hatte. Schnell zog aber die Außenwelt den Fokus auf sich.
Die Zugstrecke verlief durch einen dichten Dschungel. Die Vegetation verwehrte eine weite Sicht. Etwas bereitete es ihr schon Sorgen, dass zwischen den Schienen und dem Dickicht nicht einmal ein dünner Grünstreifen zu sehen war. Die halbe Zeit schlugen Blätter gegen den Zug.
Das Ganze gefiel ihr nicht und so zog sie eine Zeitung unter ihrem Sitz hervor. Sie beschloss, zu lesen. Das würde ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken.
Wie der Zufall es so wollte, handelte es sich um ein regionales Schriftstück. Sie würde sich also schon ein wenig in die Gegend einlesen können.
»Konflikt eskaliert ...«, lass sie die Schlagzeile. »... Zwielichtzone leidet unter den Machtfantasien von Prinzessin Luana.«
Sie blätterte weiter. Ganze acht Seiten berichteten vom Kriegsgeschehen im Meeresgrenzgebiet zwischen Kanterra und Ferune. Ein Glück war sie davon relativ weit entfernt.
Die Zeitung behandelte außerdem Themen wie den Anstieg der Preise für Magie, Engpässe an Ressourcen, die wegen dem Krieg eingezogen wurden und so anderswo fehlten und so weiter.
Sie schloss das Magazin. Nicht einmal Horoskope konnte sie darin finden. Nicht das sie daran glaubte, sie las sie nur gerne. Es erheiterte oft ihr Gemüt.
Als sie wieder durch das dreckige Fenster sah, traute sie ihren Augen nicht. Gewiss hatte sie sich über das Folgende informiert, doch verblieb sie im Unglauben, bis zu diesem Moment, in dem sie es selbst sah.
Wie als hätte jemand eine Heckenschere angesetzt endete der Dschungel abrupt. Es war eine glatte Kante zwischen den Urwaldriesen und der Grasebene, worüber der Zug jetzt donnerte.
Keine Pflanze hier reichte einem Menschen über die Hüfte hinaus. Vereinzelt traute sich ein mutiges Gestrüpp auf diese Höhe zu wachsen. Dies war aber die Seltenheit.
Sie stand auf und spähte durch das Zugfenster. Wie in den Erzählungen ragten haushohe Kegel in regelmäßigen Abständen vom Boden empor. Sie waren nicht von natürlichem Ursprung. Das konnte man klar sehen. Die Oberfläche erschien zu glatt. Jeder Kegel war mit einer anderen Farbe bemalt.
Sie versuchte, einen Eingang zu erkennen. Die Konstrukte hatten aber scheinbar keinen. Betreten konnte man sie also nicht.
Es waren Hunderte oder gar Tausende. Willkürlich schienen sie nicht platziert worden zu sein. Da war sie sich sicher, auch wenn es ihr schwerfiel, ein Muster auszumachen.
Sie wusste, dass es Erntemaschinen für Magie waren. Womöglich wurden sie jeweils auf einem besonders magiereichen Stück Land platziert? Sie wusste zu wenig über diese Technologie, um sich diese Frage selbst zu beantworten.
Ohne Zweifel setzte aber nach so ungefähr fünfzehn Minuten Fahrtzeit ein gewisser Missmut ein. Das Erdreich so auszubeuten, erschien erstmal falsch.
Ob sie bei dieser Ansicht bleiben würde, war eine Frage, die mehr Nachdenkzeit bedarf.
Ihre Gedanken wurden Schal und Rauch, als sie eines dieser Tiere erblickte. Diese Kreatur war so groß wie eine Scheune. Von der Statur her hatte es etwas von einem Mastschwein. Die Hauer ähnelten aber einem Warzenschwein und die Behaarung kam der eines Büffels gleich.
Hinter sich her zog es einen Karren. Im Grunde war es ein großer Würfel mit zwei Rädern an jeder Seite.
Scheinbar geschah dies ohne das Zutun eines Reiters oder Kutschenführers. Was auch immer dieses Tier transportierte, es tat es selbstständig. Möglicherweise war es aber auch nur besonders gut abgerichtet.
Sie sah gespannt aus dem Fenster, als die Gleise genau neben dem Tier vorbeiführten. Zu ihrer Freude wartete es, bis der Zug passiert war. Muskulös genug, um den Zug entgleisen zu lassen, wirkte es ohne Frage. Sie atmete aus und setzte sich wieder.
Diese Kreaturen schienen selten zu sein. Zumindest war nur dieses eine Individuum auf der großen Ebene zu sehen. Nur durfte sie nicht vergessen, dass sie nur eine Seite des Zuges einsehen konnte und hinter den riesigen Magieerntern konnten sich theoretisch auch weitere verbergen.
Diese Gedanken beschäftigten sie nur kurzweilig, denn der Zug fuhr in die Stadt ein. Der veränderte Untergrund sorgte für eine angenehmere Fahrt. Trotzdem hatte sie bereits einen flauen Magen. Das Ziel ihrer Reise war aber so nah, dass sie einfach die Zähne zusammenbiss.
Die Stadt schien ihr recht verwinkelt, als sie aus dem Fenster sah. Sie bekam aber wie gesagt nur die Hälfte mit.
Als die Fahrt dann endlich ein Ende am einzigen Bahnhof weit und breit fand, stolperte sie schnell nach draußen und schnappte nach Luft.
Jeder Atemzug fühlte sich wie Balsam an. Trotzdem atmete sie langsam, denn jegliche zu heftige Reaktion, würde den Brechreiz wiederbringen. Sie setzte sich erst einmal auf eine Bank.
Dies war die Endstation. Sie würde sich also nicht beeilen müssen, um zum Kofferwagon zu schreiten. Nur ein paar Minuten wollte sie sich geben, um runterzukommen.
Die Luft schmeckte frisch und rein, aber auch nicht. Irgendetwas roch dort, das sie nicht im Stande war, zuzuordnen.
Nach ein paar Minuten sprang sie auf und spazierte zum ersten Wagon hinter dem Fahrerwagen.
Da sie sich Zeit ließ, waren die meisten Fahrgäste bereits mit ihren Gepäckstücken aufgebrochen. Ihr Koffer stand sogar schon am Bahnsteig. Eine Ausweiskontrolle würde wohl genügen.
»Miss Akane.« Der Schaffner sah lange auf ihren Ausweis. »Willkommen in Lingo-Stadt.«
»Vielen Dank.« Yuna setzte ein breites Lächeln auf. Es war nicht einmal gespielt. Sie freute sich, hier zu sein.
Ein neues Kapitel in ihrem Leben brach soeben an und sie war gewillt, die ersten Zeilen mit einem Strahlen in den Augen zu schreiben.
Demnach nahm sie ihren Koffer, »Auf Wiedersehen.« , und schickte sich auf den Weg.
Als sie den Bahnhof verließ, war das Erste, das sie bemerkte der kühle Wind, der durch die kurvenreichen Straßen wehte. Sie zog sich die Kapuze ihres lilafarbenen Hoodies über den Kopf.
Sie zog einen Stadtplan aus der Seitentasche und öffnete diesen. Dass keine der Routen geradeaus führte und Kreuzungen mit rechtem Winkel nicht darauf zu finden waren, erleichterte die Orientierung nicht. Sie verglich die Straßenführung gerne mit einer Portion Spagetti Nudeln.
Ihr fielen die großen Löcher auf, die ab und an neben der Straße klafften. Es handelte sich hierbei um Höhleneingänge. Das Ende dieser Höhlen oder die maximale Tiefe sah Yuna nicht.
Aber sie wusste, dass sie überall in der Stadt zu finden waren. Ihre Bücher erzählten von einem riesigen Höhlensystem unter dem Gebiet.
Ob dies stimmte, war ihr nicht bekannt. Zugegeben waren es eher urbane Mythen, denen sie hier Glauben schenkte.
Ein Weilchen später kam sie bei einer Menschenansammlung vorbei. Diese war so klein, dass sie wenig Lärm machte, aber groß genug, sodass man sie beim Vorbeischreiten nicht zu übersehen vermochte. Auf den Schildern standen Ausrufe geschrieben.
Ein Kloß bildete sich in Yunas Hals.
Diese Menschen waren Protestanten, die ihren Unmut gegen das Weben von Magie zum Ausdruck brachten.
Sich nichts anmerkend lassend, ging sie schnell an der Ansammlung vorbei.
Ihr Lebensziel war schließlich konträr zu den hier laut gemachten Ansichten und Meinungen. Sie wollte Magieweberin werden. Das war ihr großer Traum.
Nach gewisser Zeit kam sie sogar gut mit dem Stadtplan zurecht. Sie folgte ihm zu einer nahen Kutschenhaltestelle. Diese lag auf einer Anhöhe angrenzend an den Bahnhof.
Yuna setzte sich auf die Bank der Haltestelle und wartete. Schnell wurde sie hibbelig und öffnete ihren Koffer. Sie suchte nach dem Schreiben, das ihr mitgeteilt hatte, dass sie angenommen wurde.
Dank der Ordnung in ihrem Gepäck fand die das Pergament schnell und faltete es auseinander. Sie überflog den Text. Sie war definitiv an der richtigen Haltestelle.
Trotzdem verlies sie die Sorge nicht. Was wenn sie etwas falsch gemacht hatte? War es der korrekte Tag und die rechte Uhrzeit? Sie prüfte alle Parameter mehrfach. Nichts deutete auf einen Fehler hin.
Sie beschloss, zu warten und auf ihren Fingernägeln zu kauen. Abwechselnd verbrachte sie die Zeit vor der Haltestelle und darin. Das kleine Gebäude war geformt wie ein runder Pavillon mit zwei Ein- beziehungsweise Ausgängen an jeder Seite.
Merkwürdig war nur, dass es an einem der Durchgänge gute drei Zwerge weit nach unten ging. Ein Schutzgeländer oder ein Warnhinweis fehlte gänzlich.
Das machte ihr aber die kleinste Sorge und so wartete sie und spielte an ihrem Rock herum, bis endlich etwas sie aus der Starre riss.
»Seht mal die da.«
Yuna sah auf. Da kamen Personen auf die Haltestelle zu. Ihre Augen wurden groß. Sie hatten Gepäck dabei. Noch dazu waren sie in ihrem Alter. Das waren andere Schüler.
»Hallo.« Sie verbeugte sich. »Mein Name ist Yu ...«
»Kommt die Kutsche nicht?«, fragte eine der drei Gleichaltrigen.
Yuna wusste die Antwort nicht. »Ich denke ...«
»Zu dumm. Wir warten dann drinnen.«
Total ungläubig blieb Yuna zurück. Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass sie abgewimmelt worden war. Eine Erkenntnis hatte sie aber erlangt. Sie war nicht die Einzige, die hier wartete.
»Die weiß echt nicht Bescheid, oder?«
Yuna horchte auf. Sprachen die anderen etwa über sie?
»Bestimmt schon wieder so eine aus Kanterra, die keine Ahnung von Magie hat. So wie im letzten Jahr«, spottete einer der Schüler.
»Die macht es nicht lange hier«, pflichtete einer bei.
Yuna drückte ihre Knie zusammen und vergrub ihr Gesicht in beiden Händen. Bestimmt würden sie bald aufhören, über sie zu reden. Sie musste es nur kurz aushalten.
»Wahrscheinlich weiß sie gar nicht, was ein Flutstrom ist.«
Ein Surren war zu hören gefolgt von einem Sausen, das zügig leiser wurde, als würde das Geräusch sich entfernen.
»Flutstrom?«, flüsterte Yuna. »Was ist ein Flutstrom?« Sie blickte auf ihren Koffer. Ob in einem ihrer Bücher etwas dazu stehen würde? Die Wahrscheinlichkeit lag bei null. Sie kannte jede Zeile auswendig. Vielleicht aber war Literatur aus ihrem Heimatland tatsächlich nicht das Wahre. Hier in Ferune sah man Magie mit anderen Augen.
Yuna rieb sich die Handgelenke und stand auf. Sie atmete einmal kräftig ein und aus, nahm ihren Koffer und ging los.
»Könnt ihr mir bitte erklären, was ein Flu.. ist?« Als sie einen Blick in die Haltestelle warf, war da niemand.
Sie konnten wohl kaum, am anderen Ende abgehauen sein. Dennoch lief sie zur Kante und sah die Böschung hinunter. Nein. Da konnten sie nicht runtergesprungen sein mit den Klamotten, die sie anhatten.
Yuna versteht die Welt nicht mehr. Und viel schlimmer war, dass sie nun wieder ganz alleine hier gestrandet war. Das war mit Abstand das Schlimmste.
Sie verließ die Haltestelle und sah sich leicht panisch nach einer Lösung um.
Ihr Plan B war es, einfach wieder zu gehen, nicht zurückzusehen und die Idee auf eine Akademie für Magie zu gehen, einfach zu vergessen. Noch schaffte sie es aber, die negativen Gedanken in Schach zu halten.
Ein Geräusch riss sie abermals aus ihrer Gedankenwelt. Dieses Mal war es ein Knall und das Brechen von Ästen. Noch im Schreck sprang sie auf und blickte hinter die Haltestelle, von wo der Knall hergekommen war. Eine kleine Rauchwolke stieg von einer scheinbar vom Himmel gefallenen Schülerin auf.
„Oh bei ... Bist du in Ordnung?“, fragte Yuna und rannte hin.
Die Schülerin blieb liegen, erhob aber einen Daumen. »Alles paletti«, krächzte sie und atmete schwer.
Yuna kniete sich zu ihr und half ihr, sich auszusetzen. »Ist auch wirklich alles ok? Ich kann Hilfe holen.«
»Alles ok.«, wiederholte sie. »Ich muss nur ... Hast du ...«
»Was? Wonach suchst du?«, fragte Yuna und sah zu, wie sie andere Schülerin am Boden herumtastete.
»Alles ok«, wiederholte sie schon wieder und fand dabei einen kleinen Gegenstand am Boden. Diesen klemmte sie sich ans Ohr und seufzte erleichtert auf. »So. Jetzt kann ich dich hören. Verzeihung.«
Yuna verstand. Was dieses Mädchen sich gerade an das Ohr gemacht hatte, war ein Hörgerät. Das erklärte die Verwirrung.
»Gehst du auch auf die Miho?«
Yunas Augen wurden groß.
»Ist es auch dein erstes Semester?«
Sie wollte ansetzen.
»Freut mich, dich kennenzulernen. Ich heiße Anastasia. Du darfst mich aber ruhig Ana nennen«, stellte sie sich vor.
»Ich bin Yuna.« Sie war etwas nervös, aber auch erleichtert, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihr scheinbar Anschluss gewährte.
»Wartest du auf jemanden?«, fragte Ana.
»Nein. Auf niemanden«, antwortete Yuna. »Ich kenne in dieser Gegend niemanden.« Im Grunde traf diese Aussage mit Ausnahme ihrer Freundin Ayako auf den gesamten Kontinent zu, aber sie musste es ja nicht gleich aussprechen.
»Dann lass uns aufbrechen. Sonst kommen wir noch zu spät zur Eröffnungszeremonie«, sagte Ana und rappelte sich auf. Etwas entfernt von der Absturzstelle lag auch ihre Reisetasche.
Yuna wunderte sich immer noch darüber, wieso und wie überhaupt sie eben vom Himmel gefallen war. Diese Fragen allerdings auszusprechen, wurde ihr verwehrt.
Ana klopfte sich den Dreck von den Klamotten. Ihr Anzugkleid war vornehmer als Yunas Aufzug. Dann nahm sie ihr Gepäck und betrat die Haltestelle.
Yuna sah ihr verdutzt nach.
»Na komm. Die Zeit tickt. Nicht mehr lange und sie ist außer Reichweite vom Flutstrom.«
Sie fühlte sich nun richtig dumm. »Schon wieder dieses Wort. Flutstrom. Was ist das? Außer Reichweite? Ich verstehe leider nicht.«
Ana sah man die Verwunderung an. »Du bist noch nie per Flutstrom gereist? Wie kann das sein?«
»Es tut mir leid.« Im Grunde war ihr die offensichtliche Wissenslücke peinlich. »Bitte. Würdest du es mir erklären?«
Ana kniete sich auf den Boden und rieb an etwas an ihren Stiefeln. Ohne Verzögerung begann je eine Rune an jedem Schuh zu leuchten. Etwas schummrig und es flogen kleine Funken zu Boden.
»Das sieht ja schön aus. Was machen die?« Das Konzept von Runen und Magie war ihr nicht neu. Solch ein Grundwissen fand man sogar in ihrer Literatur aus kanterianischen Buchhandlungen.
»Damit kannst du auf dem Flutstrom laufen. Ich kann sogar lustige Tricks, wenn du sie sehen willst.«
Die Fragezeichen über Yunas Kopf stapelten sich.
»Nur brauchst du auch so welche.«
»Das stand nirgends im Annahmeschreiben«, beschwerte sie sich.
Ana sah sie an. Hatte sie Mitleid mit Yuna? So unfähig, wie sie sich anstellte, war das gut möglich.
Yuna steckte die Frage im Hals. Sie machte nur einen wehleidigen Gesichtsausdruck, der scheinbar ausreichte.
»Soll ich dich huckepack mitnehmen?«, fragte Ana.
»Wenn es dir nichts ausmacht?« Dies war Yunas einzige Chance, jetzt noch irgendwie rechtzeitig an der Akademie anzulanden.
»Na gut. Ich habe nur keine Erfahrung mit sowas.«
Yuna sprach nicht aus, was sie dachte. Wenn hier jemand komplett auf den Kopf gefallen war, dann war sie es und nicht Ana.
»Ich weiß nicht einmal, ob so etwas möglich ist.« Sie sah auf ihre bereits ramponierten Schuhe. »Wir versuchen es einfach!«
Yuna sah ihr dabei zu, wie sie an die Abflugkante trat.
»Wir nehmen beide Anlauf. Du springst auf meinen Rücken.«
Gestresst versuchte sich Yuna den folgenden Ablauf genau einzuprägen. Sie wollte nichts falsch machen.
»Du darfst aber erst aufspringen, wenn ich auf dem Flutstrom laufe. Das ist sehr wichtig.«
Yunas Kopf begann zu rauchen. »Erst was?«
»Los jetzt!« Ana rannte bereits los, ohne auf Yunas Zustimmung zu warten. Unter ihren Schuhen flogen bereits magische Partikel.
Yuna rannte ihr, so schnell sie konnte, hinterher. Vielleicht war es sogar gut gewesen, dass sie keine Zeit zum Nachdenken bekam. Sonst wäre sie wohl kaum einfach so hinterhergesprungen.
Ana machte die ersten Schritte durch die Luft und Yuna landete wie geplant auf ihrem Rücken. Sie krallte sich so fest an ihre Kleidung, wie es ihr möglich war.
»Das geht mir zu schnell! Wieso hast du nicht von 3 an heruntergezählt?«, beschwerte sich Yuna lautstark.
»Es klappt doch. Schau«, jubelte Ana. »Hätte ich nicht gedacht.«
»Wieso springst du von einer Klippe, wenn du dir nicht sicher bist, dass es funktioniert?!«
»Beruhige dich. Mach deine Augen auf, Yuna.«
Sie dachte zuerst gar nicht daran. Das Gefühl war seltsam. Sie konnte Anas Schritte spüren, die langsam zu einem Laufen wurden. Aber sie hörte keinen Boden. Das befremdliche Gefühl ließ sie dann doch die Augen öffnen.
Unter ihnen zogen die Dächer der Stadt vorbei. Yuna konnte es nicht fassen. »Wir fliegen ja!«, rief sie panisch.
Direkt unter Anas magischen Schuhen befand sich eine breite Spur, die für Yuna, da sie es nicht besser wusste zu dem Zeitpunkt, aussah wie Sternenstaub? Sie konnte es nicht genauer deuten.
»Das ist der Flutstrom. In ganz Ferune gibt es solche Schnellstraßen für Magieweber«, erklärte Ana, während sie scheinbar mühelos auf der Welle des magischen Stroms in den Himmel surfte.
Yuna realisierte erst so langsam, dass sie wirklich nicht träumte.
»Und da ist sie schon. Schau Yuna«, sagte Ana.
Yuna blickte auf und sah nach oben. »Die Akademie schwebt?« Ihre Augen wurden rot im Wind. Ihre Augen abzuwenden, brachte sie aber nicht zu Stande.
»Das wusstest du nicht?«, fragte Ana.
Vor ihnen lag eine riesige, scheinbar schwebende Insel, sie sich auch noch wie von Geisterhand durch die Wolkendecke fortbewegte. Auf ihr lag ein Gebäudekonstrukt, dass wie ein Schloss aussah, das hoher war, als die Insel in der Breite maß. Noch weitere Inseln drumherum folgten der Größten und waren über Brücken miteinander verbunden.
Die surreale Anmut wurde nur durch die Banner getoppt, die keine Fragen mehr offenließen. Diese Mauern gehörten zur Akademie, die Yuna besuchen würde, ein wanderndes Schloss im Himmel.
Die Bilder über die folgende Zeit stapelten sich in ihrem Kopf zu einem hohen Berg an Euphorie, der Yuna breit lächeln ließ. Sie freute sich auf die Schulzeit hier.
»Mist!«
Yunas Mundwinkel fielen. So ein Ausruf in dieser Höhe war nicht lustig. Wenn das ein Scherz war ...
Yuna sah an ihnen runter. Hinter Anas linkem Schuh sprühten Funken. Das sah gar nicht gut aus.
»Wir sind zusammen zu schwer«, sagte Ana. »Lass den Koffer fallen«, bat sie hastig.
Ihre Augen weiteten sich. »Ich brauche das alles!« Ihr Koffer war wirklich untypisch schwer. Das lag an ihren vielen Büchern. Von keinem wollte sie sich trennen, selbst jetzt nicht.
»Yuna!«
Ehe sie eine Entscheidung treffen konnte, begann der Flutstrom unter ihnen zu flackern. Sie verloren schon an Höhe und einen Wimpernschlag später brachen sie hindurch, wie durch eine dünne Eisdecke auf einem zugefrorenen See.
»Halt dich an mir fest, Yuna!«
Sie dachte gar nicht erst daran, loszulassen. Nach wenigen Sekunden des freien Falls wurde ihr aber schmerzhaft klar, dass es gar nicht so leicht war, sich festzuhalten. Der Wind des Sturzes zerrte an ihrer Kleidung und versuchte, sie voneinander loszureißen.
Yuna schaffte es aber, sich festzukrallen, und starrte nur zum Boden, der immer näher kam. Würden sie direkt auf die Straße knallen? Vegetation war weit und breit keine zu sehen.
Währenddessen steckte sich Ana einen goldenen Ring an ihren rechten Zeigefinger. In dessen Fassung saß ein roter Stein, auf dem eine Rune zu sehen war.
Nur noch wenige Wimpernschläge verblieben bis zum Aufprall.
Yuna schloss die Augen und vergrub ihr Gesicht in Anas Schulter.
Ein schriller Schrei ertönte neben ihrem Ohr.
Sie öffnete wieder ihre Augen und sah, dass Ana ihren Mund aufgerissen hatte. Der Schrei klang ein wenig, wie eine Murmel, die in einer Eisenschüssel geschüttelt wurde, nur gleichmäßiger.
Dann erfolgte der Aufprall. Yuna blieb die Luft weg. Ihre Augen weiteten sich in Schmerz. Dieser Augenblick weilte lange in ihrem Befinden, dauerte aber vermutlich nicht einmal einen Wimpernschlag. Dann verlor sie das Bewusstsein.
Ein Schweißtropfen lief ihr von der Wange. Das Kitzeln weckte sie schlussendlich. Langsam öffnete sie ihre Augen. Ihr ganzer Körper tat weh. Ein Detail erregte ihre Aufmerksamkeit.
Da waren Risse im Boden. Sie lag mit dem Gesicht nach unten da. Sonst wäre ihr dies mit Sicherheit entgangen. Bemerkenswert waren diese Ritzen, weil schwaches Licht aus ihnen kam.
Yuna stöhne vor Schmerz. Sich aufzusetzen, klappte aber. Leichte Blessuren, wie ihr aufgerissenes Kinn waren wohl das Ärgste.
Sie schwitzte ungemein. Ihr ganzer Rücken war nass. Ohne nachzudenken, zog sie sich erst einmal ihren Hoodie aus. Die Arme hochzunehmen, schmerzte dann doch. Sie riss sich aber zusammen.
Yuna hatte in diesem Moment andere Sorgen. »Hallo?«, fragte sie. Ihre Stimme hallte sehr an den Steinwänden wieder, doch niemand antwortete ihr. »Wo bin ich hier?«, fragte sie. Eine Antwort erwartete sie nicht.
Sie wusste aber schleierhaft, wie sie hierher kam. Sie waren gemeinsam gefallen, Ana und sie. Dann hat Erstere einen Zauber gewebt. Vielleicht war sie deswegen ja noch am Leben. Oder war sie das gar nicht mehr? Langsam stand sie auf. Wo war ihr Koffer?
Sie befand sich in einer Art Höhlengang. Als sie nach oben sah, erkannte sie an verschwommenen Umrissen ein Loch in der Höhlendecke. Sie streckte eine Hand aus, um den Lichtstrahl aufzufangen.
Dies war das Loch, durch das sie gefallen war. »Hilfe!«, schrie sie. Ihr Hals brannte sofort wie Feuer. Sie begann zu keuchen. »Hilfe.« Der zweite Ausruf glich eher einer Resignation.
Yuna hatte nun zwei Probleme. Niemand von da oben würde sie hören und noch dazu traute sie sich nicht zu, alleine einen Ausweg zu finden. In diesem Moment erinnerte sie sich an eine Weisheit ihrer Straßenfreundin Ayako. Solange es einen Weg gibt, den man gehen kann, gibt es keine Ausrede, nicht weiterzumachen.
Dieser Gedanke half Yuna in dieser Situation sehr. Sie sah sich um. Der Höhlengang führte in beide Richtungen. Den Weg abfallend nach unten schloss sie aber aus.
Nach ein paar Schritten nach oben überdachte sie aber ihre Entscheidung. Ihr Kopf tat weh. Die warme Luft tat ihr Übriges. Das langsam einsetzende Schwindelgefühl machte es nicht leichter.
Sie setzte sich also wieder hin. Nur noch eine kleine Pause, dann konnte es weitergehen. Daraus wurden schnell Minuten, in der sie die Steinwand anstarrte.
Wie konnte sie nur denken, dass alles glatt laufen würde? Wie wahrscheinlich war es gewesen, dass sie einen unbesorgten Akademiealltag erleben würde. Sie wollte einfach nur mehr über ihr Lieblingsthema lernen - die Magie. Und jetzt kam sie schon am ersten Tag zu spät, wenn sie denn überhaupt lebend hier raus kommen würde.
Vielleicht war es auch besser, wenn sie hier abseits von allem ein Ableben finden würde. So war sie keine Schande für niemanden.
Negative Gedanken prägten ihren Gedankenzirkus noch lange. Erst das Unbekannte vermag sie aus ihrer Starre zu reißen.
Ein Luftzug wehte durch ihre Matte und legte die Stirnfranse auf die Seite. Ihr immerglattes, schwarzes Haar rahmte ihr emotionsgeschändetes Gesicht. Jedoch brachte der Wind ein neues Gefühl mit sich - Hoffnung auf einen Ausweg.
Eigenartigerweise kam dieser aber aus der entgegengesetzten Richtung, und zwar von unten. Vielleicht stieg der Gang ja wenig später wieder an.
Mit neuem Mut setzte Yuna langsam einen Fuß vor den anderen.
Der Höhlengang wurde zunehmend dunkler und vor allem enger. Ein großer Mann hätte bereits Schwierigkeiten bekommen. Yunas kleine Statur kam noch mühelos voran. Nichtsdestotrotz stellte sich schon bald ein klaustrophobes Gefühl ein.
Sofort schossen ihr die urbanen Legenden wieder in den Kopf. Es gab Geschichten über das Höhlensystem unter Lingo-Stadt. Dass es aber in allen Fällen Gruselgeschichten waren, machte die Lage nicht besser.
Mit zunehmender Dunkelheit wurden auch die Risse im Gestein sichtbarer. Das Licht, dass aus diesen trat, war warm.
Plötzlich bewegte sich etwas im Schatten.
Yuna erstarrte für einen Moment und presste sich danach an die Höhlenwand. Was auch immer dort war, es war ebenso schnell wieder fortgehuscht, wie es erschienen war.
Vom Geschehen abgelenkt hatte Yuna zuerst nicht bemerkt, dass neben ihr etwas lag. Als sie sich den Fuß daran stieß, erblickte sie vor ihren Füßen ihren Koffer. Erleichtert nahm sie ihn hoch. Augenblicklich fielen ihre Mundwinkel ab. Er war viel zu leicht.
Er war an der Seite aufgerissen. Geschätzt die Hälfte ihrer Sachen fehlten. Sie begann daraufhin den Boden abzutasten. Da sie nur Schemen wahrnehmen konnte, war dies aussichtslos, was sie wenig später auch einsah.
Trotzig weigerte sie sich, weiterzugehen. Ihre geliebten Bücher zurückzulassen, fiel ihr schwer. Wenn sie doch nur ein Streichholz hätte oder einen Zauber weben könnte. Leider war beides Fehlanzeige.
»Woah!«, hallte eine Stimme an den Höhlenwänden wieder. Sie kam von hinter einer Biegung, die der Gang machte.
Yuna ging nun schneller. »Ana, bist du das?« Sie musste es sein, wer sollte es sonst sein? Als sie weiterging, war da aber niemand? Geirrt konnte sie sich aber auch nicht haben. »Ana?«
»Buh!«, rief sie und ergriff Yunas Schultern.
Diese fuhr erschrocken zusammen und drehte sich dann mit einer finsteren Miene zu ihrer neuen Freundin um.
»Sei keine Spaßbremse. Schau mal hier«, sagte sie und deutete auf etwas an der Wand. Die leuchtenden Risse, die Yuna bereits aufgefallen waren bündelnden sich hier. Es sah aus wie ein Knotenpunkt.
»Das ist interessant, aber ...«
»Lass und weiter die Höhle erkunden.«
»Nein, bitte nicht.«
Ana hielt inne. »Wieso nicht? Interessiert es dich gar nicht?«
Dies war nicht der Fall. Yuna interessierte sich durchaus für die Mysterien, die sich um dieses Höhlensystem rankten. Sie glaubte sogar, etwas Lebendiges gesehen zu haben. Doch war da noch etwas. »Ich möchte zur Eröffnungszeremonie.«
Ana kam zu Yuna und nahm ihre Hand. »Da verpassen wir nichts. Ich weiß das von meinen großen Geschwistern. Hier aber ...«
»Bitte«, flehte Yuna. »Ich weiß, dass es für dich nichts Besonderes ist. Du bist in einer Familie aufgewachsen, die aus Magiewebern besteht. Ich aber nicht. Für mich ist das neu.«
Ana sah sie lange an. Unglaube stritt sich soeben mit aufkeimendem Verständnis. Vor in ihren Augen glitzerte dieser Konflikt.
»Ich mag bei der öden Eröffnungszeremonie dabei sein. Ich mag brav alle Fleißaufgaben erledigen. Ich will einfach eine gute Schülerin sein.« Sie verschluckte sich bei diesen Worten.
Ana musste schmunzeln. »Na wenn es dir so wichtig ist, ...«
»Ist es«, sagte Yuna noch einmal nachdrücklicher. »Weißt du, wie wir hier rauskommen?«, fragte sie.
»Warte, nicht bewegen.« Sie deutete auf etwas, hinter Yuna. »Nicht bewegen. Da ist etwas.«
»Machst du dich wirklich über mich lustig?«, machte Yuna ihre Enttäuschung laut und drehte sich um. Sofort bereute sie das.
Schemenhaft konnte sie eine große Gestalt in der Dunkelheit ausmachen. Yuna ging ein paar Schritte zurück.
Dieses Ding war nicht dasselbe, wie das, welches vorhin davongehuscht war. Es war größer und massiver.
»Hinter mich«, sagte Ana und erhob wieder ihre Hand, die mit dem goldenen Ring. »Ich hatte noch nie die Gelegenheit.«
Yuna geriet wieder in Panik. Wollte sie etwa angreifen?
»Ohne Lizenz eine Magiewaffe auf jemanden zu richten, ist ihnen nicht gestatten«, sprach die Gestalt und trat aus dem Schatten. »Und gegen mich, gelindegesagt töricht.«
Nun bekam es auch Ana mit Bammel zu tun.
Ein großer Mann mit schlichten Haaren war aus dem Schatten getreten. Seine dunkle Robe trug zahlreiche edle Verzierungen. In seiner Hand lag ein großes Zepter.
Yunas Gedanken fuhren gerade Achterbahn. Sie hatten beinahe einen meisterlichen Magieweber angegriffen. Das konnte doch nicht wahr sein.
Sofort wollte Ana sich rechtfertigen: »Verzeihung. Also ich und ...«
»Schweig«, sagte der Magieweber und bewegte das Zepter minimal. Dabei hielt er Blickkontakt zur frechen Schülerin. Dies genügte und ihr Ring wanderte in seine Hand.
Sofort wollte Ana protestieren, doch Yuna hielt ihr beide Hände vor den Mund. Sie sollte endlich das Mundwerk halten. Dies war zu beider Nutzen.
Einverstanden war sie damit nicht. Sie sah aber ein, dass Yuna recht hatte.
»Folgt«, befahl der Meister.
»Wir bekommen keinen Ärger?«, fragte Ana.
Der kalte Blick des Webers beantwortete ihre Frage. Gleichzeitig sprach er auch nonverbal aus, was Yuna bereits wusste. Es war nun besser, erstmal nicht negativ aufzufallen.
Ana hatte es definitiv leichter. Ihre Reisetasche hing um ihre Schulter. Somit hatte sie beide Hände frei.
Yuna hingegen hatte unter dem einen Arm ihren kaputten Koffer und in der anderen Hand ihren Hoodie, den sie zwecks der Hitze in der Höhle ausgezogen hatte.
Die Schweißperlen sammelten sich bereits wieder auf ihrer Stirn und ihre Kinnwunde brannte höllisch. So hatte sie sich den ersten Tag nicht vorgestellt. Wenn Ana ihr nur unter die Arme greifen würde. Danach, sie darum zu bitten, war ihr im Moment nicht.
Trotz der Wegesmühe gelangten sie im Schlepptau des Magiewebers schnell zu einem Ausgang. Die Höhle zu verlassen, tat gut. Nun konnte sich Yuna auch wieder ihren Hoodie anziehen. Sie genoss die frische Luft, die ihre Kleidung trocknete.
Zu Yunas Verwunderung schien der Meister nicht zum Flutstrom zu wollen. Dafür müssten sie in die andere Richtung gehen.
Ana stupste sie mit dem Fuß an. War es ihr ebenso aufgefallen?
Als sich ihre Blicke kreuzten, deutete sie nach oben in den Himmel. Yuna folgte ihrem Fingerzeig und erblickte die Akademieinsel. Der Anblick zog sie erneut in den Bann.
Der nervöse Blick ihrer Freundin verriet, dass da noch etwas anderes war. Fragend dreinblickend näherte sie sich.
»Die Insel bleibt nie stehen. Nur bei äußerster Dringlichkeit. Das ist so eine Sicherheitssache«, flüsterte Ana.
Das hatte sie nicht gewusst. Wenn da wirklich etwas im Gange war, wollte sie mehr darüber erfahren. Eine große Hilfe konnte sie vermutlich zwar nicht sein, aber immerhin.
Im Schatten der Insel war es noch ein Deutchen kühler. Ihr Weg führte sie über schäbig gepflasterte Nebenstraßen, bis sie einen Platz erreicht hatten.
Erwähnenswert war auch, dass sie keine Stadtbewohner angetroffen hatten, als wäre dieser Bereich zuvor abgesperrt worden. Sonst war die Stadt belebt und laut. Hier aber, dominierte eine Totenstille, die Yuna nicht gefiel. Etwas lag in der Luft. Etwas würde passieren. Da war sie sich sicher.
Ana und sie gingen mittlerweile sehr nah nebeneinander. Beide fühlten sich fehl am Platz.
Auf der Mitte der Fläche standen einige mannshohe Container aus Stahl. Es waren mindestens fünf und alle baugleich. Über den Inhalt konnte man nur spekulieren. Viel mehr ins Auge stachen die umstehenden Personen.
Sie alle waren in einheitlichen Farben gekleidet. Was das anging, sahen ihre Roben nicht wie Schuluniformen aus.
Jedes einzelne Outfit war individuell. Auswahl der Stücke und Schnitte variierten stark voneinander.
»Wer sind die?«, fragte Yuna.
Ana flüsterte: »Fortgeschrittene.«
Dass sie sich zur Abwechslung kurz hielt, machte stutzig. Ihre Körperhaltung war nun angespannter. Weiter zu fragen, wurde auf später verschoben.
»Aufschließen«, befahl der Meister und ging zu der Gruppe Fortgeschrittenen. Seine Robe passte auch zum Schema. Er wendete sich an eine der Vordersten: »Geleitet diese beiden Ausreißer ...«, er deutete auf Yuna und Ana, »... zur Akademie hinauf.«
Yuna erwartete, fragende Blicke zu sehen. Die Souveränität hielt jedoch. Das machte sie noch ein bisschen bedrohlicher.
»Sehrwohl Meister Silvanus«, sagte eine und bedeutete den beide, mit ihr zu kommen.
Beide dachten gar nicht erst daran, ihr zu widersprechen.
Yuna drehte sich noch zum Meister, um sich zu verabschieden. Doch ihr wurde keine Aufmerksamkeit geschenkt. Scheinbar waren sie beide bereits abgeschrieben.
»Hier hoch bitte«; sagte die Fortgeschrittene und machte einen Satz auf einen der Container.
Neben ihr aktivierte Ana ihre Schuhe erneut und sprang hinauf, weniger elegant, aber immerhin war sie oben. Diese Treter waren also auch dazu gut.
Yuna schluckte. Der Container war höher als sie selbst. Sie konnte nicht einfach hochspringen. Komplett unfähig wollte sie aber nicht erscheinen. Sie hievte also ihren Koffer nach oben über die Kante und hielt sich danach daran fest. So schwer konnte das doch nicht sein, dachte sie und versuchte, sich hochzuziehen.
Eine Hand griff nach ihrem Arm und zog sie hoch. Dabei handelte es sich um die Fortgeschrittene.
Yuna wechselte einen dankbaren Blick mit ihr.
»Hinsetzen, bitte«, sagte sie.
Beide setzten sich, wie ihnen aufgetragen wurde. Der Container hatte keine wirklichen Sitzplätze, aber die Kanten und Verstrebungen waren verstärkt und darauf konnte man Platz nehmen.
Auch die anderen Fortgeschrittenen und der meisterliche Magieweber, denn sie Silvanus genannt hatten, begaben sich auf die anderen Container.
Auf Yunas waren nur Ana, die Fortgeschrittene, dessen Namen sie nicht kannte und sie selbst. Sie fand es seltsam, dass so wenige Worte gewechselt wurden. Alle schienen ihre Aufgabe zu kennen.
Auf Geheiß ihres Meisters begannen einige der Fortgeschrittenen einen gemeinsamen Zauber zu weben. Dabei teilten sie sich die Rollen so auf, dass einige nur eine Zauberformel sprachen und andere eine Choreo mit den Händen vollführten.
Die meisten hatten magische Armreife. Vereinzelt sah Yuna aber auch Zepter und Stäbe.
Schimmernden Zeichen wurden sichtbar, die in eine Umlaufbahn geschickt wurden. Sie funkelten und glühten in einem regelmäßigen Intervall. So umkreisten eine Handvoll Runen jeden Container.
Das Spektakel war wunderschön. Es war so schön, dass Yuna vergaß, zu hinterfragen, was das jetzt eigentlich brachte.
Plötzlich leuchtete in ihrem Augenwinkel kurz etwas auf. Beinahe im selben Moment legte sich etwas um ihre Oberschenkel.
Aus Reflex sah sie an sich herab und stellte fest, dass sich Seile um ihre Beine gewunden hatten. Diese sahen seltsam aus. Neben ihr musste Ana zeitgleich dieselbe Prozedur über sich ergehen lassen. Beide waren jetzt festgebunden.
Ein Blick zur Fortgeschrittenen verriet, dass sie dafür verantwortlich war. »Es ist zu eurer Sicherheit.«
Als der Container, auf dem sie sich befanden, begann zu rütteln. Nun verstand Yuna, was sie meinte. Holprig erhob er sich als Erster in die Lüfte. Die anderen folgten rasch. Ihr Ziel lag weit über der Stadt auf einer schwebenden Insel.
Am liebsten wäre sie vor Begeisterung aufgesprungen, aber das war ebenso wenig möglich, wie jetzt mit Ana darüber zu jubeln. Laut ihrem Gesichtsausdruck empfand sie gerade dasselbe Gefühl.
Nur saß die Fortgeschrittene neben ihnen. Deswegen hielt Yuna sich mit ihrer Begeisterung zurück.
Ihre dunkle Robe war kurz geschnitten. Dies war untypisch. Obenrum glich sie eher einem Blazer. Die goldenen Akzente fielen besonders bei Nahem ins Auge. Sie fielen bei ihr aber dezenter aus als bei manch anderen Fortgeschrittenen.
»Stimmt etwas nicht? Du starrst Löcher in mich.«
Yuna zuckte zusammen. Sie hatte zu auffällig gestarrt.
Neben ihr unterdrückte Ana einen Lachanfall.
Peinlicher konnte es nun nicht mehr werden, da wurde Yuna auch noch rot im Gesicht. »Alles in Ordnung«, sagte sie und hoffte, dass sie damit doch noch aus dem Mittelpunkt der Unannehmlichkeit entfliehen könnte.
Die Fortgeschrittene sah ohne einen weiteren Kommentar weg.
Unsicher, ob sie den Blick ihr wieder zuwenden durfte, begnügte Yuna sich mit dem, was gerade auf sie zu kam. Schon letztes Mal hat es ihr bei diesem Anblick die Sprache verschlagen.
Der Container Konvoi setzte zum Anflug auf die schwebende Insel an. Die Türme waren nun nicht mehr nur Striche in der weiten Ferne.
Die uralten Mauern und die unregelmäßig angeordneten Fenster wurden sichtbar. Sogar die Flaggen und Banner waren nun im Detail erkennbar.
In Yuna baute sich die Vorfreude zu ungeahnten Höhen auf. Ana neben ihr war ebenso hibbelig. Mit diesem Empfinden nicht alleine zu sein, half ihr. Sonst käme sie sich noch peinlicher vor. Zu zweit war es jedoch halb so schlimm.
Kurz dachte sie, dass sie mit einem der zahlreichen Türme kollidieren würden. So knapp führte die Route sie zwischen ihnen hindurch.
Beinahe hätten sie durch die kleinen Fenster sehen könne. Dieser Einblick blieb ihnen aber verwehrt. Zu klein dafür waren sie. Yuna schätzte, dass sie gerade einmal den Kopf hindurch bekommen würde. Die Fenster in den höchsten Türmen waren sehr winzig.
Je tiefer sie aber in das Gelände eindrangen, desto größer wurden die Fenster. Im Grunde machte das Sinn. Der Wind über den Wolken war so stark, dass man die Fenster, die an den Rand der Insel grenzten, sowieso nicht öffnen konnte.
Schade fand Yuna es trotzdem. Sie hätte gerne an einem Panoramafenster gesessen mit einem guten Buch. Der Ausblick auf dem wackeligen Untersatz war schon atemberaubend, wenngleich ihr bereits flau im Magen wurde.
Glücklicherweise setzten sie bereits zur Landung an. Ihr Ziel war der große Innenhof der Akademie. Dieser war kreisrund und diesmal begrenzten haushohe Fenster die Fassade. Dahinter befand sich ein runder Korridor, der den Hof umspannte.
Mit einem starken Ruck setzten sie auf. Ordentlich durchgerüttelt nahm Yuna den ersten Atemzug. Das wieder zu können, ohne den Wind in den Rachen gepresst zu bekommen, war befreiend.
Die Stille wurde aber schnell durch die Fortgeschrittenen gebrochen, die sich miteinander absprachen. Vermutlich begann ihre Arbeit mit dem Anlanden der Fracht erst.
Mit einem Mal löste sich die Fessel um Yunas Oberschenkel in Rauch auf. Ein Blick zur Fortgeschrittenen ließ sie wieder erröten.
Sie hielt ihr eine Hand hin.
Yuna war mehr als nur verdutzt, nahm aber an.
Mit einem magischen Satz zog sie Yuna über die Kante. Entgegengesetzt der Erwartung landeten sie beide federleicht auf dem Rasen.
»Dankeschön.« Yuna wusste nicht, was sie sonst noch erwidern sollte. Neben ihr landete Ana etwas unsanfter.
»Wartet hier, bitte.«
Damit hatte Yuna kein Problem. Sie setzte sich auf den Boden. Ihr Herz schlug wie wild vor Freude. Diese Mauern, um sich herum zu sehen, und das mintgrüne Gras anfassen zu könne, gab ihr gerade so enorm viel.
Neben ihr schien Ana ebenso aufgeregt zu sein. Nur lauschte sie eher dem Treiben der anderen. Für sie war die magische Gesellschaft ja nicht neu. Ihre Faszination lag also in anderen Dingen.
Als Yuna nach oben in den Himmel sah, erblickte sie zwischen den Wolken ein Fleckchen freien Himmel. Mit zusammengekniffenen Augen glaubte sie, schemenhaft die Sterne sehen zu können, trotz Tageslicht. Waren sie wirklich so weit oben? Ausschließen konnte sie es nicht.
Nach kurzer Zeit kam die Fortgeschrittene zurück. Wie schon zuvor gab sie sich kurz angebunden. »Folgt mir bitte.«
Yuna sprang sofort auf.
Ana ließ sich mehr Zeit.
»Hier. Vergiss das nicht«, sagte sie und gab Yuna ihren Koffer.
»Wie peinlich ...« Sie hatte ihn wohl auf dem Container liegen lassen. »Ich danke dir«, sagte sie und verbeugte sich.
Von der Fortgeschrittenen bekam sie keine Reaktion. Sie ging nur bereits vor. Yuna und Ana folgten ihr.
»Wie heißt du eigentlich, wenn ich fragen darf?«, fragte Yuna, und schloss dichter zu ihr auf.
Ana schnaubte. »Du glaubst doch nicht, dass sie dir antwortet?«
»Wieso denn nicht?«
»Sie ist eine Fortgeschrittene und wir nur einfache Erstsemester. Wir sind das Fußvolk«, erklärte sie.
»Das will ich nicht glauben«, protestierte Yuna. Dies machte sie so leise, dass niemand außer ihr selbst es mitbekam.
Am Ende des Hofs, vor der großen Eingangstür blieb die Fortgeschrittene stehen und drehte sich zu den beiden um. »Wenn das Glück mit euch ist, läuft die Zeremonie noch. Haltet euch links.«
»Dankeschön«, sagte Yuna und sah zu ihr hoch. Sie war etwa einen Kopf kleiner als ihre ältere Mitschülerin.
Die Fortgeschrittene sah sie an und wendete sich noch an Ana. »Es gefällt mir nicht, wie du über uns redest.«
In Anas Gesicht war eine Mischung aus Verwirrung und Zorn nicht zu übersehen. Bevor sie aber das Wort ergreifen konnte, wurde ihr der Satz aus dem Mund genommen.
»Viele halten sich für etwas Besseres. Richtig.«
Yuna sah enttäuscht zu Boden.
»Aber die Miho ist ein Zuhause für alle Wissenssuchenden, egal welchem Volk, Herkunft, Geschlecht oder Zugehörigkeit. Dies ist heiliger Boden. Ab dem Übertreten dieser Schwelle sind wir alle gleich.« Ihr Blick wurde nachdenklich. »Je früher ihr das verinnerlicht, desto besser.«
Yuna spürte, wie sich eine Gänsehaut auf ihr breitmachte. Genau das hier zu finden, war ihr Wunsch. Darauf hatte sie immer gehofft seit dem Tag ihrer Bewerbung.
»Und beim nächsten Mal nehmt ihr den Transport für die Schüler ohne Flutstromlizenz. Ich rede mit dir.« Die Fortgeschrittene deutete mit Nachdruck auf Ana. »Wenn dich einer der Meister mit diesen Tretern in der Luft sieht, dann war es das mit deiner Laufbahn.«
Ana rollte mit den Augen. »Hab gar nichts gemacht«, log sie.
»Geht nun und Willkommen.«
»Vielen Dank!«, rief Yuna und griff mit Ana zusammen nach jeweils einem Türknauf der Doppeltür. Da war er nun, der Moment. Gleichzeitig drehten sie den jeweiligen Knauf und zogen daran.
Ohne auch nur das leiseste Quietschen schwang sie auf.
Dahinter befand sich ein langer Korridor geradeaus und jeweils einer links und rechts, der einmal im Kreis um den Innenhof führte.
»Ich weiß, wo es lang geht«, prahlte Ana und ging vor.
Yuna wusste auch, dass sie links mussten. Sie folgte, ohne einen Kommentar abzugeben. Sie waren zwar beide neu, aber Ana wusste über mehr Bescheid. Vermutlich hörte sie bereits Erzählungen von diesem Ort. Sie hatte immerhin von Geschwistern gesprochen.
Der Boden war sehr prunkvoll. Die großen Steinfliesen waren so glatt geschliffen, dass man sich darin spiegeln konnte. Das war kein Vergleich zu den schroffen Außenmauern.
Als sie dem Korridor um den Hof ein Viertel weit gefolgt waren, hörten sie die ersten Geräusche neben ihren eigenen Schritten. Dabei handelte es sich um Stimmen.
Yuna und Ana blieben stehen und sahen in einen weiteren langen Korridor, der vom Rundkorridor wegführte. Dort öffnete sich gerade ein riesiges Tor. Sie musste an die zehn Zwerge hoch und gleichzeitig breit sein. Von Hand wurde so etwas nicht bewegt. Magie war auch hier wieder im Spiel.
»Die Uniformen sehen ja schön aus«, sprach Yuna ihre Gedanken aus, als sie die Personen erkannte, die gerade den Saal dahinter verließen. Das waren ohne Zweifel andere Schüler.
Als das Tor zur Gänze geöffnet war, waren bereits viele Schüler herausgeströmt. Einige schienen es eilig zu haben, andere ließen sich Zeit. Der Großteil wanderte in Grüppchen von zwei bis fünf Schülern. Gespräche wurden geführt.
Die Gesellschaft hier war, wie Yuna sie sich vorgestellt hatte.
Manche grüßten sie sogar im Vorbeigehen. Sie beide fielen etwas aus der Masse mit ihren normalen Stadtklamotten. Die meisten ignorierten sie aber und gingen einfach an ihnen vorbei.
Das waren alles Erstsemester. Sie alle waren neu hier. Trotzdem benahmen sie sich so, als wäre die Miho schon immer ihr Zuhause gewesen. Das erfüllte Yunas Herz mit Wonne. Sie konnte einfach nicht anders, als über beide Ohren zu lächeln.
»Was ist mit dir falsch?«, fragte Ana.
Yuna sah sie verwirrt an.
»Dir ist bewusst, dass wir gerade die Eröffnung verpasst haben?«, fragte sie und deutete unterstreichend auf den sich weiter leerenden Saal. Daraus kamen auch gerade zwei ältere Personen.
Yunas Mundwinkel fielen, als sie realisierte, dass sie recht hatte.
Gerade wollte Ana sie noch in eine Ecke ziehen, aber die beiden Meister hatten sie bereits entdeckt und kamen auf die beiden zu.
»Guten Tag«, sagte Yuna und sah sie dabei nicht an. Sie spielte nervös in ihrer Hoodie-Tasche herum.
Ana tat es ihr gleich. Nur wirkte sie weniger ertappt.
»Licht und Schatten grüßen euch beide Liebelei«, sagte die Frau in der weißen Robe. Ihr schulterlanges Haar war am Ansatz weiß und verlief bis in die Spitzen zu einem tiefen Blauton. Ihre hellen Augen durchborten Yuna förmlich.
Neben ihr begann Ana zu vibrieren. Ehe Yuna darauf oder auf den Gruß der Magieweberin reagieren konnte, kam jemand dazu.
»Ihre Klamotten sind nicht die einer Schülerin. Es wundert mich, dass ihre Größe vergriffen war. Dabei scheinen mir ihre Körpermaße gewöhnlich zu sein.« Dieser Magieweber war ein hochgewachsener Mann mit strohblonder Frise.
»Was ist denn mit ihnen nicht in Ordnung?«, fragte die Magieweberin und wandte sich damit an Ana, die nicht stillhalten mochte.
»Es ist alles in Ordnung. Mehr als in Ordnung!«, brüllte Ana.
Erschrocken sah Yuna sie an. Was war in sie gefahren? Sie schüttelte sich, als jucke es ihr am ganzen Körper. Ihre Augen sahen aus wie zwei aufgehende Sonnen.
»Nun. Dann ist ja gut«, sagte die Meisterin. »Schlüpft aber bitte schleunigst in eure Schuluniformen. Wie habt ihr euch in dem Aufzug durch die Zeremonie gemogelt?«, fragte sie.
»Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Unter 98% Wahrscheinlichkeit«, fügte der Schlaksige hinzu.
»Wir haben sie leider verpasst«, gab Yuna zu. »Es ist alles meine Schuld. Ich hatte keine solchen Schuhe und ...« Diese Tatsache zog ihre Laune dermaßen hinunter, dass es ihr die Sprache verschlug.
Ana legte ihr eine Hand auf die Schulter. Besser war es, nicht weiter von ihren unerlaubten Flugversuchen zu berichten.
Yuna legte ihren kaputten Koffer auf den Boden und öffnete ihn. Lange musste sie nicht suchen. Sie faltete das Annahmeschreiben auseinander und hielt es der Meisterin vor das Gesicht. »Ich weiß, ich sehe nicht so aus, als gehöre ich hier hin, aber das hier ...«
Kurz herrschte Stille.
Ana schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.
Die Magieweberin lächelte nur. »Ich bin blind Liebchen. Aber das hört sich wie ein Blatt Papier an.«
Yuna Gesichtszüge entglitten.
Der Meister nahm ihr das Schreiben aus der Hand und las es.
»Ich möchte im Boden versinken«, murmelte Yuna.
»Das solltest du auch«, antwortete Ana.
»Wie konnte sie dann aber sehen, dass wir keine Uniform tragen?«
»Vermutlich müffelst du einfach.«
»Gar nicht!«
Der Magieweber räusperte sich und sagte: »Yuna Kazumi Akane.«
»Ja, das bin ich.«
»Zu ihrem weiteren Verbleib wird die Schulleiterin bestimmen.«
Yuna schluckte schwer. Das klang übel.
»Folgen sie mir bitte.«
Ihr blieb keine andere Wahl. Nur noch einen Blick wechselte sie mit Ana und ging dann mit dem Meister in der hellen Robe mit.
Eines war sicher, sie wollte hierbleiben. Nur stand ihr Aufenthalt tatsächlich fünfzehn Minuten nach ihrer Ankunft schon auf Messersschneide. Das war mal wieder typisch.
Das Wohnquartier auf der fliegenden Insel unterschied sich in allen Belangen vom Akademiegebäude. Man konnte hier nicht jeden Schritt hören. Der Teppichboden sorgte zusätzlich für eine bessere Akustik und die Gangbreite war wohnlicher. Zwei konnten hier bequem ihren Weg kreuzen. Drei vielleicht auch, Bei mehr würde es allerdings eng werden.
Yuna mochte die Enge. So schön die prachtvollen Korridore auch sein mochten, das hier war ihr lieber. Klein, aber fein.
Eine ältere Dame mit hohen Absätzen ging vor.
Es war ihr bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt gewesen, dass jemand so grau sein konnte. Graue Haare, graues Kleid, selbst die Haut war gräulich. Jedes Mal, wenn sie kurz stehen blieb, fürchtete Yuna, dass sie tot umfallen würde.
Sich ausführlich mit der Erzieherin zu beschäftigen kam ihr aber nicht in den Sinn. In ihrem Kopf schwirrten andere Gedanken. Weit größere Sorgen plagten sie im Moment.
