Zähmung - Farina de Waard - E-Book

Zähmung E-Book

Farina de Waard

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Beschreibung

Verschleppt - gefoltert - verloren ... findet Sina sich in einer fremden, von erbitterten Kriegen und Leid gezeichneten Welt. Nach ihrer Befreiung aus dem Gefängnis der Unterdrücker entdeckt sie Kräfte in sich, die nicht nur ihr eigenes Leben verändern sollen. Doch die Tyrannin Zayda macht ohne Erbarmen Jagd auf sie. Als Sina endlich den Grund für ihre Lage erfährt, muss sie eine Entscheidung treffen, die sie in tödliche Gefahr bringen, aber auch die Rettung unzähliger Menschen bedeuten könnte... Zähmung. Der Auftakt zur Buchreihe "Das Vermächtnis der Wölfe" von Farina de Waard, ausgezeichnet mit dem INDIE AUTOR PREIS 2015.

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Seitenzahl: 1157

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Farina de Waard

Zähmung

Das Vermächtnis der Wölfe 1

Knaur e-books

Über dieses Buch

Verschleppt - gefoltert – verloren …

findet Sina sich in einer fremden, von erbitterten Kriegen und Leid gezeichneten Welt. Nach ihrer Befreiung entdeckt sie Kräfte in sich, die nicht nur ihr eigenes Leben verändern sollen. Doch die Tyrannin Zayda, macht erbarmungslos Jagd auf sie. Als Sina endlich den Grund für ihre Lage erfährt, muss sie eine Entscheidung treffen, die sie in tödliche Gefahr bringen, aber auch die Rettung unzähliger Menschen bedeuten könnte …

Inhaltsübersicht

WidmungKarte TyarulPrologDie Frau der zwei WeltenDas Gefängnis der TorwächterTunezVerlassene GängeDunkelheitSchwerer NebelDas Heulen der WölfinEin neuer MorgenAlte GeschichtenShassarfatFlammende DrohungSpäter WinterTeure StilleWorte und TatenIn der FalleNeue GeschickeVerschobene WeltAlte VerbündeteDie EnthüllungMaleeDunkle GedankenZähmungMondscheinViehhandelKristallKlinge und BlutTote AugenWartenDie MagierinDie TorturEin FremderEryliumTiefes WasserSchattenEpilog
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Ich widme dieses Buch …

 

… meinen Eltern, die mir die Augen für diese fantastische Welt geöffnet haben und mir immer die Freiheit gaben, mich zu entfalten.

… meiner gesamten Familie, die mich mit ihrer verrückten Patchwork-Art in ein buntes und vielseitiges Leben geworfen hat.

… meinen Freunden, die (fast) nie müde wurden, sich die endlosen Erzählungen über meine Welt anzuhören.

… meinen Lektoren, die so viel ihrer Energie in mein Werk investiert haben.

… allen, die dieses Buch in die Hand nehmen und lesen.

 

Ihr macht diesen Traum möglich.

Danke.

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Prolog

Sie presste das in Lumpen gewickelte Bündel gegen ihre Brust und eilte stolpernd fort von der dunklen Straße und dem fremden Haus.

Der Atem brannte ihr in den Lungen und der Schmerz ihrer geprellten Rippen ließ sie keuchen, aber sie zwang sich dennoch, immer schneller zu laufen.

Um sie herum erstreckte sich eine Stadt, mit all den verwirrenden Eindrücken einer ihr unbekannten Welt: glühende Glasgefäße, in denen kein Feuer brannte; bunte Metallkutschen, die sich ohne Pferde bewegen konnten …

So viel Fremdes, das ihr die Entscheidung, wohin sie am besten fliehen sollte, erschwerte. Sie verließ das dunkle, schlafende Viertel und kam ungewollt in eine Gegend, die heller erleuchtet war. Verdammt! Sie musste verschwinden, fort aus der Stadt und dem verräterischen Licht.

Sie suchte nach einem Weg, der ihr bessere Deckung bieten würde, als sie plötzlich Rufe hinter sich hörte. Hektisch warf sie einen Blick über ihre Schulter und entdeckte die hochgewachsenen Gestalten der Wachen, denen sie erst vor Kurzem entflohen war.

Trotz der großen Entfernung konnte sie die gelb glühenden Augen der Männer nur zu gut erkennen. Ratken!

Hatten sie sie gesehen?! Fast wäre ihr ein Ächzen entwichen und sie duckte sich rasch hinter eine dieser Kutschen. Ihr Herz raste und sie kauerte sich in den dunkelsten Schatten, den sie erreichen konnte.

Die Rufe wurden lauter. Jetzt kamen sie aus der entgegengesetzten Richtung.

Sie war umzingelt! Wie hatten die Wächter sie nur so schnell wieder aufgespürt?

Ohne zu zögern, sprang die Frau aus ihrem Versteck und rannte zu dem einzigen Ausweg, den sie erkennen konnte: ein dunkler Abgang am Rand der Straße. Hinab in die unbekannte Tiefe der schlafenden Stadt.

Sie stolperte die rutschigen Treppenstufen eines Tunnels hinunter und sah sich um. In dem langen Gewölbe war es heller, als sie erhofft hatte. So schnell wie möglich versuchte sie, die neuen Eindrücke einzuordnen und den besten Weg zu wählen. In der Mitte stützte eine Reihe dicker grauer Säulen die Decke ab und zwei parallele, tiefer gelegene Schächte führten rechts und links neben ihr am Boden entlang. Sie warf einen Blick auf das glatte Metall, das sich unten in den geraden Gruben entlangzog und in die Schwärze von unnatürlich glatten, perfekt geformten Tunneln führte. Für einen Moment wagte die Frau aufzuatmen, sie war nicht in eine Sackgasse gelaufen und hatte Zeit gewonnen.

Auf einmal war es unheimlich still, jetzt da die Rufe der Wächter nicht mehr die Luft erfüllten. Nur das leise Schnarchen einiger Vagabunden war zu vernehmen, die an eine Säule gelehnt schliefen. Weiter hinten endete das Gewölbe an einer Wand. Dort war eine Tür, hell leuchtend vor dem dunkelgrauen Hintergrund der Mauer.

Was würden die Wachen von ihr erwarten? Ihr erster Instinkt war, in einen der Schächte zu springen und ihn entlang zu rennen, aber die Männer hatten Fackeln und Bögen. Nein, das war zu offensichtlich. Ihr Blick heftete sich an die Tür, sie rückte das Bündel in ihrem Arm zurecht und rannte los.

Ihre Schritte hallten laut in dem Gewölbe wider, dann kam sie schlitternd und atemlos vor der weißen Tür zum Stehen und drückte die Klinke herunter.

Verschlossen.

Auf den Stufen am Eingang waren jetzt schwere Schritte zu hören, dazu mischten sich die aufgeregten Stimmen der Wächter.

Auch heftiges Ruckeln änderte nichts daran, dass die Tür verriegelt und stabil war. Sie ließ fluchend von ihr ab und wollte gerade den Sprung in einen der Tunnel wagen – da waren schon die ersten Wächter unten angekommen.

Gehetzt drückte sie sich hinter den einzigen Sichtschutz, die letzte Säule der Halle, und hielt den Atem an. Vor ihr, an der Mauer neben der Tür, hing ein gläserner Kasten, aber ein Glas­splitter würde ihr kaum als Waffe genügen.

Sie war in eine Falle gelaufen und konnte nicht mehr unbemerkt entkommen! Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag und ließ einen schmerzenden Kloß in ihrem Hals entstehen, der ihr den Atem nahm.

Eine der orangefarbenen Lampen an der feuchten Decke flackerte unregelmäßig. Die schnellen Schritte verstummten und machten einer Stille Platz, die die Frau zu verhöhnen schien. »Wir wissen, dass du hier bist! Komm raus!«, rief einer der Wächter laut.

Sie presste sich noch dichter an den Stein, noch tiefer in den Schatten ihrer Falle und starrte in das Glas an der Wand, in dem sich das Geschehen in der restlichen Halle verzerrt spiegelte. Voller Schrecken erkannte sie den Anführer, der nun vortrat und seine Untergebenen mit einem Nicken ausschwärmen ließ.

Acht der Männer zögerten keinen Moment, sprangen mit Fackeln und Bögen auf beiden Seiten in die tiefer liegenden Schächte und eilten in Richtung der schwarzen Öffnungen, die sich an beiden Enden des Gewölbes auftaten. Das flackernde Licht und die Verzerrungen durch das Glas ließen das Geschehen unwirklich erscheinen.

Erstarrt beobachtete die Frau, wie zwei der Ratken zu den schlafenden Männern gingen und ihnen ein paar harte Tritte versetzten. Aufgeschreckt flohen sie geduckt aus dem Untergrund in die Dunkelheit der Nacht. Der Anführer lachte grausam.

»Es ist egal, wo du dich versteckst! Wir werden dich finden!«, höhnte er mit eiskalter Stimme. Sie wusste, dass er Recht behalten würde. Während sich die Schritte schnell und regelmäßig in ihre Richtung bewegten, blickte sie noch einmal verzweifelt umher.

Wenn sie jetzt aus dem Schatten der Säule trat, um in einen der Tunnel zu flüchten, hatten sie sie schon so gut wie in ihren Klauen. Ein Pfeil in ihrem Arm oder Bein würde sie zwar nicht töten, ihre Flucht aber sicherlich ein für alle Mal beenden.

Langsam rutschte sie an der breiten Säule herunter. Sie wollte schon resignierend die Augen schließen und darauf warten, dass einer der Wächter um die Ecke kam und sie wieder packte … als ihr auffiel, wovor sie schon die ganze Zeit gestanden hatte: ein in den Boden eingelassener Gitterrost.

Für einen kurzen Augenblick starrte sie fassungslos darauf. Am Rand war der Rost mit den Steinplatten verankert. Sie legte das Bündel ab, steckte ihre Finger zwischen die dünnen Stäbe und rüttelte heftig daran. Ein unüberhörbares, metallisches Knirschen breitete sich in dem Gewölbe aus, in dem die Männer näher schlichen.

»Ich habe etwas gehört!«, zischte einer der Männer, der in einem der seitlichen Schächte lief. Er schien schon nah zu sein.

»Sie ist hinter einer der letzten Säulen!«

Fieberhaft zog sie noch einmal vergeblich an dem Gitter. »Passt auf, dass ihr das Bündel nicht trefft!«, hallte die Stimme des Anführers mit befehlendem Ton zu ihr und sie hörte hastige Schritte.

Wut stieg in ihr hoch. Nein! So leicht konnte, nein, durfte sie sich nicht wieder einfangen lassen! Sie konzentrierte den letzten Hauch Magie in ihren Muskeln und riss das Ding aus seiner rostigen Verankerung.

Als die Magie aus ihrem ausgelaugten Körper rann, wurde ihr kurz schwarz vor Augen. Kraftlos ließ sie das Gitter mit lautem Scheppern neben sich auf den gefliesten Boden fallen. Sie packte die verknoteten Tücher des Bündels, hängte es sich an den Arm und ließ sich am Rand der Öffnung herunter. Ihre Füße fanden keine Stufen, keinen Halt, und so hing sie einen Moment an ihren Händen, unter sich nur gähnende Leere.

Über ihr tauchte der dunkle Schatten eines Mannes auf.

Er streckte eine seiner vernarbten Pranken nach ihr aus, doch ehe er sie packen konnte, ließ sie sich fallen und wurde von der Schwärze des Lochs im Boden verschluckt.

Das unverwechselbare Brüllen des Anführers verfolgte sie in einer Woge aus Tobsucht, ehe sie ihm endgültig entglitt. Der Hüne konnte ihr mit seinen breiten Schultern unmöglich durch das Loch folgen.

Völlige Dunkelheit umfing sie, als sie auf feuchtem, weichem Grund aufkam, der ihren Sturz abfederte. Sie warf einen raschen Blick nach oben, wo das Fackellicht der Wachen bereits das Loch ausleuchtete, jedoch niemand hindurch kam. Die Frau atmete erleichtert auf, nahm das Bündel wieder an ihre Brust und wagte noch einen Blick hinauf zu der Öffnung.

Schatten bewegten sich oben, dann hörte sie Geraschel, als würden sich Leiber an die Öffnung drängen. Bogensehnen sirrten und im letzten Moment konnte sie sich zur Seite werfen, bevor mehrere Pfeilspitzen zitternd in dem Teil des Bodens stecken blieben, den der schwache Lichtkegel der Öffnung erhellte. Von oben vernahm sie wüstes Fluchen.

Zwei weitere Pfeile surrten durch den Lichtkegel, diesmal schräger – und bohrten sich wenige Fingerbreit von ihrem Fuß entfernt in die Dreckschicht des Bodens.

Erschrocken stolperte sie weg und fiel gegen eine glitschige Wand direkt hinter ihr. Von oben dröhnte erneut das wütende Brüllen des Ratken … Ihre letzten Kraftreserven sammelnd, rappelte sie sich auf. Das wenige Licht, das durch die schmale Öffnung flackerte, war schon bald keine Hilfe mehr. Sie tastete sich an der feuchten Wand entlang und bewegte sich, so schnell sie es wagen konnte. Vor sich hörte sie das Rascheln und sanfte Trippeln von Pfoten. Kleine, leuchtende Augen reflektierten Licht, das sie hier unten kaum noch wahrnehmen konnte.

Noch immer war das Brüllen des Anführers zu hören, es hallte scheinbar unaufhörlich nach. Allmählich nahm sie aber noch ein anderes Geräusch wahr.

Das unverwechselbare Knistern einer magischen Aufladung. Entsetzt versuchte sie, ihr Gesicht mit einem Arm zu schützen, als ein donnerndes Grollen die Stille zerriss.

Der Boden unter ihr erzitterte. Trockene Hitze und gleißendes Licht brandeten durch den Tunnel, umfluteten sie für einen Moment und nahmen ihr den Atem. Die Druckwelle fegte durch den Gang und schleuderte sie zu Boden.

Irgendwie schaffte sie es, sich trotz des bebenden Untergrunds abzurollen. Mit ohrenbetäubendem Lärm stürzte die Decke ein. Qualmende Felsstücke krachten direkt neben ihr auf den Boden und Staub breitete sich aus, doch wie durch ein Wunder blieb sie unverletzt. Innerhalb weniger Sekunden war es vorbei.

Hustend richtete sie sich wieder auf, versuchte, nicht zu viel heiße Luft und Qualm in ihre brennenden Lungen zu ziehen und warf einen fassungslosen Blick zurück.

Um sie herum erstreckte sich ein Trümmerfeld.

Von oben drang flackerndes Licht durch das aufgerissene Loch in der Decke. Dichte Rauchschwaden waberten über die schwelenden Brocken am Boden. Kurz fiel es ihr schwer, den Blick von der Zerstörung zu reißen, der sie unerklärlicherweise entronnen war, dann trugen ihre Beine sie fort in die Dunkelheit. Da hörte sie auch schon von oben den knurrenden Befehl, ihr zu folgen. Die Ratken kletterten über die Trümmer herunter, Fackellicht erhellte den Gang und warf hektische Schatten.

Ein Pfeil zischte im Dämmerlicht knapp an ihrer Schulter vorbei. Die Frau stürzte den scheinbar endlosen Gang weiter und um eine Biegung, wo sie erneut völlige Dunkelheit erwartete. Sie streckte eine Hand aus, bevor sie weiter rannte. Dann spürte sie einen Luftzug neben sich und kam schlitternd zum Stehen, tastete sich in der Schwärze ein Stück zurück und fand eine Öffnung. Eine schmale Abzweigung. Sie schlüpfte gerade um diese zweite Ecke, als die Fackeln der Wächter den Schatten in den Gang zurückdrängten. Sie hörte Rufe und Kommandos, erkannte die tiefe Stimme des Anführers und tastete sich weiter an der Wand entlang. Panik breitete sich in ihr aus und ihr Atem ging schnell und stoßweise. Das Licht der Fackeln fiel jetzt um die Ecke. Vielleicht hatte sie Glück und sie bemerkten den schmalen Seitengang nicht!

Aber die Krieger hielten an und lauschten. Auf einmal schienen ihr Atem und ihre Schritte unendlich laut. Sie blieb wie angewurzelt stehen und hielt die Luft an, in der Hoffnung, sich noch nicht verraten zu haben.

Die Krieger teilten sich auf, ihre Schritte hallten donnernd im Kopf der Frau wider und flackerndes Fackellicht erreichte sie, dann brüllte einer von ihnen. »Sie ist hier!«

Sie stürzte wieder los, einen Arm ausgestreckt – und schrie auf, als ein Pfeil sich tief in ihre Wade grub. Schmerz schoss durch ihre Muskeln, sie strauchelte und ihr Bein knickte weg. Ein weiteres Geschoss traf ihre Schulter und rang ihr einen lauten, gequälten Ton ab. Das schmutzige Bündel drückte sie weiterhin an ihre Brust.

Sie lehnte sich an die feuchte Wand und hielt kurz inne. Übelkeit machte sich in ihr breit. Verzweifelt versuchte sie, sich zu fassen und die Schmerzen zu verdrängen, aber ihr Bein wollte sie kaum mehr tragen. Es hatte keinen Sinn mehr. Mit dieser Verletzung hatte sie keine Chance. Es war zu spät.

Ihr Körper versteifte sich, als sie Schritte hinter sich hörte.

Die Ratken kamen mit gespannten Bögen näher, bereit, ihre Flucht auf Befehl ein für alle Mal zu beenden. Aus der Masse großer, dunkler Körper trennte sich eine Gestalt und trat vor. Zischend pfiff ihr Atem durch die zusammengebissenen Zähne, als sie den Anführer erkannte. Magie lag wie eine glänzende Schicht in seinen gelben Augen.

Stöhnend richtete sie sich wieder auf, riss sich den Pfeil aus der blutenden Wade, stützte sich auf ihr gesundes Bein und hielt den verschmierten Pfeil als Waffe hoch.

Er erwiderte ihren Blick und ein überlegenes, sadistisches Lächeln umspielte seine Lippen. Es schien fast, als wolle er lachen, während er zu ihr schritt. Voller Entschlossenheit stach sie mit dem Pfeil nach ihm, als er in ihre Reichweite kam, aber er wich ihrem Hieb mit Leichtigkeit aus. Sie ging zum nächsten Angriff über, belastete ihr verletztes Bein und strauchelte.

Der Pfeil kratzte nur an seinem Unterarm entlang, schlitzte sein Hemd auf. Dann packte er ihr Handgelenk und entwand ihr die armselige Waffe.

Ihr wütender Schrei schien ihn kalt zu lassen, als sie versuchte, sich aus seinem eisernen Griff zu winden und er den Pfeil einfach fallen ließ. Mit einer fließenden Bewegung zog er etwas unter seinem Mantel hervor. Sie konnte für einen kurzen Moment glänzendes, dunkles Metall sehen, bevor der riesige Mann ihr den Dolch ohne Mühe bis zum Heft in die Brust rammte.

Mit brennendem Schmerz fuhr ihr die Klinge zwischen die Rippen – keine zwei Fingerbreit neben dem Bündel, das sie noch immer schützend an sich gepresst hielt.

Es herrschte Totenstille, während die Frau ungläubig auf den Griff ihres eigenen Dolches starrte, den die Ratken ihr bei ihrer Gefangennahme abgenommen hatten. Das Bündel fiel aus ihrem zitternden Arm zu Boden. Die anderen Wächter kamen näher und beleuchteten die Umgebung für ihren Anführer.

Er richtete einen erwartungsvollen Blick auf das Bündel zu ihren Füßen und erstarrte. Es waren nur Lumpen.

»Was?! Wo ist deine Tochter?«, rief der Ratke ungläubig. Seine Augen hatten jetzt etwas Gehetztes und seine grässlich spitzen Zähne waren hinter zusammengepressten Lippen verborgen.

Ja, dachte sie in diesem letzten Moment des Triumphs, jetzt ist dir nicht mehr nach Grinsen zumute.

Mit einem kräftigen Ruck zog er das Messer aus ihrer Brust.

Schmerz lähmte ihren Leib und ihre Arme wie Gift. Sie spürte, dass das Leben aus ihrem Körper rann. Warmes Blut tränkte ihr Hemd und tropfte zu Boden.

»Du wirst sie niemals finden!«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und sank auf die Knie.

»Ich werde sie finden! Ich werde sie finden und es genießen, all deine Verbündeten einen nach dem anderen sterben zu sehen, bevor ich dein Balg meiner Meisterin übergebe!« Sie schluckte schwer und schmeckte Blut, bevor sie sich eine Antwort abringen konnte. »Sie wird einmal dein Tod sein, Mazuk!«

Sein hämisches Lachen hallte in ihrem Kopf wider. »Ach ja?!« Mazuk ließ ein verächtliches Schnauben hören. Er umfasste ihr Kinn mit seiner rauen Pranke und zog ihr Gesicht näher zu sich. »Und dein Tod ist sie bereits!«, entgegnete er. In seiner Stimme schwangen Zorn und Genugtuung mit.

Sie schloss die Augen, während sie den Schmerz hinunterschluckte und sich ihrem Schicksal ergab. Mazuk stand unbewegt über ihr, als sie ein letztes Mal die schweren Lider anhob und mit stolzem Blick den Hass in seinen Augen erwiderte.

[home]

Die Frau der zwei Welten

Ein Geräusch vom Hof drang in das dunkle Haus, in dem sich Mazuk und seine Männer verborgen hielten. Er hob eine narbige Hand zum Zeichen, dass die anderen schweigen sollten, und horchte.

Draußen erklang ein Scheppern, als würde ein Arbeitsgerät abgestellt, dann waren schlurfende Schritte im angrenzenden Stall zu hören. Mazuk ging von der Stube in den düsteren Zwischengang, in dem die Bauernfamilie Gemüse lagerte. Endlich brauchte er seine Zeit nicht mehr damit totzuschlagen, die Narben, die Toten und Jahre zu zählen, die ihm die Suche bis zu diesem Punkt eingebracht hatte.

Aus der Stube drang ein leises Wimmern, direkt gefolgt von einer knurrenden Antwort, die ihre Gefangenen wieder zum Schweigen brachte.

Die Holztür zum Stall öffnete sich langsam und ein Mann trat in den Gang, den Blick müde auf den Boden gerichtet. Er bemerkte die Ratken zuerst gar nicht. Mazuk konnte ein schnaubendes Lachen nicht unterdrücken. Graue Strähnen durchzogen das braune Haar des Mannes, der überrascht aufsah und beim Anblick des Ratken erbleichte.

»Bauernkleidung?! Das ist doch nicht dein Ernst!«, rief Mazuk und einer seiner Krieger, der ihm in den Gang gefolgt war und sich im Schatten verborgen gehalten hatte, stieß die Tür zu, als der Mann herumwirbeln und fliehen wollte.

Der Bauer sah sich unsicher um, bevor er entgegnete: »Ich bin jetzt ein anderer.«

»Du willst doch nicht etwa davonlaufen, Schwertmeister?«, fragte Mazuk höhnisch und ging auf den Mann zu. »Ich denke, deine Frau und deine Kinder würden das nicht begrüßen.«

»Wo sind sie?! Was hast du ihnen angetan?«, rief der Mann und wich einen Schritt vor ihm zurück.

»Oh, sei unbesorgt, sie sind in guten Händen«, antwortete Mazuk mit einem bestialischen Grinsen. »Es war wirklich nicht klug von dir, wieder eine Familie zu gründen. So ein furchtbares Druckmittel …«

Die Augen des Mannes weiteten sich. »Was willst du?«

»Nicht so stürmisch, mein Freund«, meinte Mazuk und legte dem Mann einen Arm um die Schultern, was seinen Gefangenen erzittern ließ. Anscheinend war er klug genug, sich nicht in einem Kampf gegen die Ratken versuchen zu wollen. Nicht mit seiner Familie in den Händen der Eindringlinge. »Lass uns in die Stube gehen. Ich habe Durst.« Mazuk schob ihn in die Stube.

Kaum durch die offene Tür getreten, erblickte der Bauer seine Frau und seine beiden Töchter in den Händen von riesigen Ratken und wollte sofort zu ihnen. Doch Mazuk hielt ihn mit eisernem Griff zurück.

Ein böses Lächeln zuckte über das Gesicht eines Kriegers und gab eine Reihe spitzer Zähne preis. Offensichtlich genoss er es, eines der wehrlosen Mädchen in seiner Gewalt zu haben.

Tränen flossen über die Gesichter der Kinder, die Frau war leichenblass. Mazuk nickte einem der Ratken zu, bevor er sich an die Familie wandte: »Möchte noch jemand einen Schluck Wein? Ich habe gesehen, ihr habt einen ganz vortrefflichen hier … Eigentlich viel zu teuer für einfache Bauern.«

Der Krieger entkorkte die Flasche und goss etwas Wein in ein Glas, das er dann seinem Befehlshaber reichte. Mazuk nahm es entgegen, ohne den Blick von seinen schweigenden Gefangenen zu wenden.

»Wäre es nicht schade, wenn deinen Töchtern etwas zustieße, Cassuan?«, fragte er unvermittelt, seine Macht genießend.

Der Mann versteifte sich. »Wie hast du mich gefunden, Mazuk? Wer hat dafür sterben müssen?«

Mazuk nahm einen weiteren Schluck und stellte das Glas auf den Tisch neben sich. »Das ist doch unwichtig. Viel wichtiger ist, ob du schlauer bist als all die anderen, die ich vor dir gefunden habe …«

»Die anderen?«, fragte Cassuan und blickte auf die Hände des Ratken, als erwarte er, dort Blut zu sehen.

Die Frau regte sich und fragte ängstlich: »Wovon redet er, Cas? Was wollen sie von uns?«

Mazuk lachte auf eine Weise, die Cassuan erzittern ließ. »Schwertmeister, deine Frau sollte besser ihre Zunge hüten, wenn sie sie behalten will«, sagte er mit einer Stimme kälter als Eis.

»Bitte!« Cassuan sah flehend zu seiner Familie, ehe er sich wieder an Mazuk wandte. »Wir können das hier sicherlich ohne Gewalt lösen.«

Mazuk schüttelte den Kopf. »Da bin ich mir nicht so sicher.« Er schritt hinüber zu dem kleineren der beiden Kinder und zog einen Dolch unter seinem Mantel hervor. Das blonde Mädchen wimmerte und kniff die Augen zusammen, als sich die Klinge näherte. Cassuan wollte Mazuk aufhalten, aber zwei Ratken traten rasch hinter ihn und packten ihn an den Schultern.

»Tu ihnen nichts, sie haben damit nichts zu tun! Ich flehe dich an!«, rief er, als Mazuk sich zu dem Mädchen hinunterbeugte.

»Na, meine Kleine? Willst du nicht auch, dass dein Vater mir die Wahrheit sagt?«, fragte er mit einer süßlichen Stimme, in der unverhohlener Abscheu mitschwang.

Das Mädchen zuckte zusammen, als er mit seiner riesigen Pranke unter ihrem Kinn entlang strich, dann nickte sie hastig.

Mazuk lächelte. »Wie schlau von dir. Du würdest eine gute, kleine Sklavin abgeben …«

Cassuan brüllte wütend auf und bäumte sich gegen seine Wächter. »Nimm deine dreckigen Hände von ihr, du Schwein!« In seiner Stimme klangen tiefste Abneigung und Verzweiflung mit.

Mazuks Kopf ruckte herum, sein Lächeln war erstorben. »Das ist nicht klug von dir, Cas. Du solltest dich mir fügen!« Er hielt den Dolch an den Hals der Tochter. »Sagst du mir jetzt, wo ich sie finde? Wo habt ihr sie versteckt?«

Jetzt geschah das, worauf Mazuk schon so lange gewartet hatte. Erkenntnis schlich sich auf das Gesicht des Schwertmeisters und wischte die Verwirrung fort.

Cassuan blickte gequält zu seiner Familie hinüber und ließ dann den Kopf hängen. Einen Moment herrschte vollkommene Stille, in der Mazuk ihm Zeit für die Entscheidung einräumte. Aber nicht lang.

Sein Griff um den Dolch ließ die Knöchel weiß hervortreten und er begann gerade, die Klinge an die Kehle des Mädchens zu drücken, als Cassuan hastig zu sprechen begann.

»Ich kenne ihren Aufenthaltsort nicht. Keiner von uns kennt ihn«, murmelte er resigniert, doch er hob die Hand, als hätte er gespürt, dass Mazuks Muskeln sich anspannten. »Ich kenne jedoch einen Weg, der dich zu ihr führen wird …«

»Ich höre?«

»Tombua. Eine Frau auf der anderen Seite. Sie kann dir weiterhelfen.«

»Wo finde ich sie?«

»Sie lebt in der Rue d'Ecosse in Paris, sie hat dort einen kleinen Laden, der ist nicht zu verfehlen.«

Mazuk schnaubte. »Und weiter?«

Cassuan zögerte. »Sie wird dir vertrauen, wenn du ihr die Losung sagen kannst: Can'hayna etsai. Sag ihr das.«

Mazuk nahm die Klinge vom Hals des wimmernden Mädchens.

»Na also, es geht doch!«, rief er zufrieden, steckte den Dolch weg und klatschte in die Hände. »Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von euch das Maul aufmachen würde. Alle anderen hatten es bisher vorgezogen, zu schweigen, bis ich ihnen unter Qualen Antworten entlocken konnte. Nicht viele haben es überlebt.« Er schritt durch die Stube, leerte das Weinglas mit einem Zug und machte sich daran, den Raum zu verlassen. Die Ratken führten Cassuan hinter ihm her.

Doch der Mann stemmte sich gegen die Hände, die ihn hielten. »Was geschieht jetzt? Was wird aus meiner Familie?«, fragte er panisch, als sie ihn in Richtung Flur zerrten.

Mazuk drehte sich um und sah ihn an, als hätte er etwas vergessen. »Oh ja … natürlich. Männer, nehmt sie mit. Cassuan hat Recht, seine Frau und seine Töchter sollten wir auf keinen Fall zurücklassen. Sie werden gute Sklaven abgeben, bis ich mich vergewissern konnte, dass er die Wahrheit gesagt – und damit alle Hoffnung der Rebellen verraten hat.«

Cassuans gebrochener Blick erfüllte ihn mit großer Genugtuung.

Gut gelaunt verließ er das Haus und genoss die verzweifelten Protestschreie der Mutter, als seine Krieger sie und ihre Kinder fesselten und zu den Pferden schleiften.

«†»

Kaum in der Festung angekommen, entließ Mazuk seine Krieger von der Mission und übergab die Gefangenen einem Wärter, der ihr Jammern und Weinen ignorierte. Er schritt zügig durch düstere Korridore, vorbei an Wachen und Dienern, enge Wendeltreppen hinab und kam schließlich an einer eisenbeschlagenen Tür an. Ein Sehschlitz wurde knirschend aufgezogen, als er mit dem Fuß hart gegen die Tür trat. Im Schlitz erschien ein glimmendes, gelbes Augenpaar.

Mazuk wartete nicht, bis sein Gehilfe die Tür geöffnet hatte. Er brannte vor Tatendrang und wollte direkt wieder los. »Du wirst der Königin eine Nachricht überbringen: Ich habe Fortschritte bei der Suche gemacht und werde dem neuen Hinweis sofort nachgehen. Ich gehe alleine, einen Trupp kann ich bei dieser heiklen Sache nicht gebrauchen. Und lass außerdem die Torwächter wissen, dass ich bald mit einer Gefangenen zurückkommen werde.«

»Eine Frau?«

»Mehr musst du nicht wissen«, sagte Mazuk kühl. »Aber lass einen Schacht vorbereiten. Soweit ich weiß, werden dort keine anderen Gefangenen festgehalten. Wenn doch, soll man sie wegschaffen. Sie muss dort unbedingt alleine sein!«

»Es wird alles bereit sein, wenn Ihr zurückkehrt.«

Mazuk nickte und wandte sich ab, hörte noch das Scharren des schließenden Sehschlitzes, als er bereits wieder davoneilte. Durch gewundene Korridore und über Treppen, bis er schließlich vor einem großen Tor ankam. Es schien daran weder Schloss noch Scharniere zu geben. Ohne zu zögern, zog er aus seinem Beutel einen kleinen, glatten Stein hervor. Dieser glänzte hellrot und orange und in seinem Inneren blitzte es gelegentlich dunkelrot auf. Mazuk hielt ihn an eine Einkerbung an der Seite des Tors. Die Magie des Steins setzte einen Mechanismus in Gang und das Tor schwang geräuschlos auf. Dahinter erstreckte sich ein kreisrunder Raum mit hohen Säulen, beleuchtet vom fahlen Schein glimmender Magie.

Genau in der Mitte des Raumes befand sich das Portal. Mazuk ließ den Stein in seine Tasche zurückfallen und spürte bereits den wohlbekannten Sog, den der Übergang auf ihn ausübte.

Er verschränkte seine Arme vor der Brust, als er auf das glühende, von magischen Nebelschwaden umgebene Portal zuging. Kaum berührte ihn die Energie, verzerrte sich um ihn herum der Raum. Alles drehte sich und er stand plötzlich in einem dunklen, aufgegebenen Weinkeller. Nur noch wenige leere Fässer standen neben den Säulen, die das alte Gewölbe stützten.

Halb betäubt schüttelte Mazuk seinen Kopf, um ihn von den Schwaden der Magie zu befreien. Jedes Mal, wenn er durch das Portal trat, schmerzten seine Gelenke und sein Körper fühlte sich ausgelaugt an. Der Transport hinüber in die andere Dimension kostete nun einmal Kraft.

Ein überraschtes Ächzen neben ihm ließ seine Mundwinkel zucken. Hastig sprangen mehrere Ratken vom Boden auf, wo ein Stück Leder mit Würfeln ausgebreitet lag. Die Männer der Portalwache richteten sich gerade auf und neigten die Köpfe, ehe sie ihn direkt ansahen. »Mazuk«, stellte eine der Wachen fest.

»Wie dürfen wir Euch dienen?«, fragte ein zweiter Mann und sah ihn entschuldigend an.

»Tut einfach eure Arbeit und sitzt hier nicht faul rum!«, erwiderte Mazuk knapp und ging dann auf eine Schale zu, die hinter den Wächtern auf einem Fass stand. Darin lagen leuchtende, abgerundete Kieselsteine, die gelegentlich ein Blitzen oder Knacken von sich gaben. Bilure. Aus der Reihe von glimmenden Steinen wählte er vier grüne, einen roten und zwei weiße, die er vorsichtig in seinen Beutel steckte, da sie durch die magische Behandlung sehr zerbrechlich und leicht zu aktivieren waren.

Mazuk wollte schon gehen, zögerte aber und überlegte es sich anders. Er löste den Riemen, der seine Schwertscheide samt Waffe am Gürtel hielt und lehnte sie an eines der Fässer, dann hängte er seinen Gürtel dazu. Mit geübten Bewegungen zog er sich das Wams und Kettenhemd aus und legte das schwere Hemd auf das Fass neben sein Schwert, bevor er sich Wams und Gürtel wieder anlegte.

Er reiste lieber mit leichterem Gepäck. Bei einer Magierin würde ihm Schnelligkeit mehr nützen als ein Kettenhemd. Und ein Schwert würde gegen sie auch kaum etwas ausrichten können …

Schließlich ließ er den Blick noch über die Waffen der Wächter schweifen.

»Gib mir deinen Dolch! Hier kann ich keine große Waffe gebrauchen.« Er streckte fordernd die Hand aus und einen Moment später wurde er ihm samt Scheide gereicht. Er zurrte den Dolch fest und überprüfte nochmals den Inhalt seines Lederbeutels. Als Letztes griff er sich einen langen Mantel, der auf einem der Fässer lag, und streifte ihn rasch über.

Ohne ein weiteres Wort verschwand er über die Treppe, die aus dem feuchten, dunklen Keller führte. Oben angekommen, stellte er sich in eines der leeren Zimmer, weit genug vom Portal entfernt, damit dessen Sog seine Reise nicht verhindern würde. Er hatte bereits einen der grünen Bilure aus seinem Beutel gezogen. Der Magiespeicher lag warm und schwach pulsierend in seiner Hand. Paris, Rue d'Ecosse, dachte er und zerdrückte dabei den Bilur, der knirschend in seiner Hand zerbrach. Die freigesetzte Magie ließ die Realität des verwahrlosten Raums um ihn herum in grünem Nebel verschwinden.

«†»

Der Nebel verzog sich und die Welt hörte auf, sich um ihn zu drehen. Er hatte eine Gasse erwartet, stattdessen stand er auf freiem Gelände. Auf einem Platz mit kahlen Bäumen, umgeben von hohen, dunklen Häusern – die jedoch keinen Schutz vor dem Wetter boten, das nun über ihm hereinbrach.

Es regnete in Strömen, kalter Wind zerrte an seinen Kleidern und peitschte ihm das kalte Nass ins Gesicht. Die eisigen Tropfen prasselten auf ihn nieder und hatten seinen Mantel durchweicht, noch bevor er sich auf die neue Umgebung einstellen konnte.

Er fluchte und suchte unter dem Vordach eines Hauses Schutz. Er musste den Namen im Gedanken falsch betont haben … Aber er war wohl in Paris, denn an dem Haus neben ihm hing ein Schild, auf dem er das Wort Rue ausmachen konnte.

Er kniff die Augen zusammen und versuchte die andere Seite des Platzes zu erspähen. Am gepflasterten Rand des Platzes floss ein breites Rinnsal schmutzigen Regenwassers, mit dem braune Blätter fortgerissen wurden. Während er überlegte, die nächsten Gassen in der Umgebung abzulaufen, um hoffentlich die richtige zu finden, schwoll der Wind noch weiter an und ließ ihn die Idee wieder verwerfen.

Es hatte keinen Sinn, ohne Plan und Orientierung durch diese fremde Stadt zu irren. Nein, er brauchte eine Karte.

Wenn er sich nicht täuschte, hatten die Menschen in dieser Stadt öffentliche Pläne aufgehängt, um den Überblick über ihre dicht besiedelte Heimat nicht zu verlieren.

Mazuk wartete noch ab, bis die stürmischen Böen etwas nachließen und der Regen schwächer wurde, dann eilte er über den Platz und in eine Gasse, an deren Ende er mehr Licht erkennen konnte.

Verärgert, dass das Wetter versuchte, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen, aber zugleich aufgeregt und erwartungsvoll, machte Mazuk sich auf die Suche nach der vermutlich einzigen Person in dieser Welt, die ihm das geben konnte, was er seit Jahren wiederzufinden begehrte. Donner grollte in der Ferne, dann gewann der Regen wieder an Stärke. Fluchend rannte er schneller. Es goss nun so stark, dass die Wassermassen aus den Dachrinnen quollen und in dreckigen Wasserfällen auf die Straße prasselten. Schmutzige Bäche bildeten sich auf den glatten, asphaltierten Straßen und verschwanden gurgelnd in der Kanalisation.

Die Kanalisation. Er war schon einmal dort unten gewesen, vor vielen Jahren … als er die wichtigste Gefangene der Königin verloren hatte.

Ja, an sie erinnerte sich Mazuk noch ganz genau, weil er sich wegen ihr siebzehn lange Jahre hatte abmühen müssen. Und jetzt war er endlich einen Schritt weiter auf dem Weg, das Mädchen zu finden! Das Kind war damals noch kein Jahr alt gewesen, aber die blauen Augen, die ihn die ganze Zeit über beobachtet hatten, würde er nie vergessen.

Die Wächter hatten einen Moment nicht aufgepasst, die Frau für schwach und wehrlos gehalten – und da war sie ihnen entkommen. Wie ein Wiesel hatte die Mutter sich plötzlich aus den Pranken ihres Bewachers gewunden und war davongehuscht, das Kind auf dem Arm.

Erst einige Stunden später hatte er sie unten in der Kanalisation wieder aufgespürt. Sie war gerannt und gerannt, aber niemand konnte ihm entkommen.

Beim Gedanken an ihren Tod huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Obwohl sie das Kind nicht mehr bei sich gehabt hatte und er hart von der Königin dafür bestraft worden war, erfüllte es ihn mit Genugtuung, dass die Frau durch seine Hand gestorben war.

Er befreite sich mit einem Ruck von den Erinnerungen, als er am Ende der Straße einen rennenden Schatten entdeckte.

Bevor er die gepflasterten Gassen hinter sich gelassen hatte, war ihm die Stadt mit ihren hohen Häusern wie ausgestorben vorgekommen. Die einzigen Lichtquellen waren die hohen Stangen, von deren Enden orangefarbenes Licht fiel.

Auf den breiteren Straßen, an deren Rändern viele dieser metallenen Autos standen, tauchten einzelne Menschen in dunklen Mänteln auf. Mit tief eingezogenen Köpfen gegen Wind und Regen kämpfend, schenkte kaum einer Mazuk Beachtung.

Aus dem Schatten seiner Kapuze beobachtete er die schemenhaften Menschen um ihn herum. Nach einer Weile bog er in eine andere Straße ein, wo außer ihm nur eine einzige weitere Person gegen das Unwetter ankämpfte. Für den Bruchteil einer Sekunde traf sich sein Blick mit dem eines Jünglings, der angesichts der mächtigen Größe seines Gegenübers schnell um die nächste Ecke verschwand. Mazuk war wieder allein auf dem Gehsteig.

Einige Straßen weiter erreichte er eine Treppe, die in eine der vielen unterirdischen Stationen führte. Er ging hinab und fand einen Stadtplan, der hinter Glas gehalten war.

Sein Spiegelbild grinste ihn an. Die gelben Augen schimmerten; das dunkle, lange Haar war unter der Kapuze verborgen und im Schatten des Stoffs wirkten seine markanten, kantigen Gesichtszüge weniger spitz. Einen Moment wollte er kaum glauben, dass seit der Flucht der Magierin so viele Jahre vergangen sein sollten.

Die ersten Falten und die wettergegerbte Haut sprachen dafür, aber er fühlte sich jetzt wesentlich stärker. Mächtiger. Heute wären ihm die Fehler seines jüngeren Ichs nicht mehr unterlaufen. Er hätte die Magierin keine Minute aus den Augen lassen und ihr das Kind sofort entreißen sollen …

Aber es nützte nichts, sich deswegen noch zu grämen. Jetzt würde die jahrelange Suche hoffentlich bald ein Ende nehmen.

Er brauchte einige Minuten, doch dann fand er tatsächlich den Namen, den er gesucht hatte: Rue d'Ecosse. Mazuk schlug die Scheibe mit dem Ellbogen ein, brach das gesplitterte Glas mit seinem zerstörten Spiegelbild heraus und riss den Plan an sich.

Er studierte ihn kurz und verglich den Ort, an dem er sich laut der Wandinschrift befand, mit dem Punkt auf der Karte. Leise fluchend erkannte er, dass der Platz, auf dem er aufgetaucht war, gar nicht weit von der gesuchten Rue entfernt gewesen war.

Mit dem Finger auf der Karte suchte er sich einen Weg zurück, dann verließ er das Gewölbe. Auf den Treppen kamen ihm wieder Menschen entgegen, doch das dämmrige Licht verbarg sein Gesicht unter der Kapuze gut genug, um ihn nicht weiter auffallen zu lassen.

Der Regen hatte inzwischen etwas nachgelassen, doch der zunehmende Wind machte diese Besserung zunichte. Er zog sich den nassen Mantel enger ums Wams und eilte mit gesenktem Gesicht von der viel zu hell beleuchteten Straße in schmalere Gassen, in denen auch weniger der bunten Autos standen. Ein paar Halbwüchsige kamen lachend und grölend des Weges, beachteten ihn aber kaum. Die jungen Männer eilten durch den Wind an ihm vorbei und verschwanden um die nächste Ecke. Mazuk warf einen kurzen Blick auf die Karte und ging weiter.

Kurz darauf bog er von einer der unzähligen Straßen endlich in die Rue d'Ecosse ein.

Rasch von einer Tür zur nächsten laufend, suchte er den Namen, den Cassuan ihm genannt hatte, und fand ihn kurz vor dem Ende der Gasse, die an einer hohen Mauer endete. Auf den Stufen zur Tür lag ein Betrunkener neben Müllsäcken und schlief leise schnarchend. Mazuk stieg über ihn hinweg, nicht ohne ihn mit einem herablassenden, angewiderten Blick zu taxieren, und rüttelte an der Klinke. Die Tür war verschlossen.

Also fuhr er mit dem Ärmelsaum seines Mantels über das schmutzige Fenster in der Tür. Sein Atem ließ das kalte Glas beschlagen, als er hineinspähte, doch es war ohnehin dunkel und nichts zu erkennen.

Er blickte kurz zu dem betrunkenen Mann, der im Schlaf vor sich hin murmelte, und klopfte dann nicht zu laut, aber gut vernehmbar an das Holz der Tür. Als sich auch nach einem zweiten Klopfen nichts tat, zog er ein dickes Lederstück aus seiner Tasche, presste es an das kleine, rechteckige Fenster und drückte vorsichtig, aber kraftvoll dagegen.

Mit einem Knirschen riss die Scheibe. Das verräterische Geräusch ließ Mazuk für einen Moment verharren und lauschen. Der Mann zu seinen Füßen schlief seelenruhig weiter und auch aus dem Inneren des Hauses war keine Reaktion zu vernehmen.

Doch als Mazuk gerade den Druck gegen die Scheibe weiter verstärken wollte, fiel von innen ein matter, gelber Lichtschimmer durch das Glas neben seinem Lederstück. Rasch zog er es weg und drückte sich an die Seite der Tür, einen Angriff erwartend.

Das Schnarchen des Betrunkenen erfüllte die Luft und steigerte seine Anspannung – dann vernahm er ein leises Knirschen des Schlosses und die Tür wurde einen Spalt geöffnet.

»Wer ist da? Hallo?«, hauchte eine alte, etwas zittrige Frauenstimme. Er sah den Schatten eines Gesichts und das Funkeln eines Auges, das in der Dunkelheit draußen nach dem Ursprung der Geräusche suchte. Er wollte kein Risiko eingehen und am Ende noch den friedlich schlummernden Zeugen wecken – die Alte würde mit Sicherheit zu fliehen versuchen, wenn er ihr die Gelegenheit dazu gäbe. Entschlossen trat er einen Schritt vor und drückte die Tür auf. Erschrocken wich sie zurück, als er seinen Körper schnell durch die Öffnung schob und die Tür leise wieder hinter sich zu drückte. Erst jetzt nahm er sich Zeit, sein Gegenüber genauer zu mustern.

Vor ihm stand eine alte, hagere Frau mit schneeweißem Haar, das ihr in einem langen Zopf über die rechte Schulter hing. Ihre Wangen wirkten eingefallen, doch ihre leicht trüben Augen beobachteten ihn mit wachsamem Blick. Sie strich den Stoff ihres Nachthemdes glatt. Er betrachtete das rosa-geblümte Ding mit einem Schmunzeln und musste sich ein Lachen verkneifen.

Ihr schmaler Mund verzog sich zu einem unsicheren Lächeln, als sie die riesige Gestalt vor sich betrachtete, deren Gesicht unter der Kapuze verborgen war. Er stieß mit dem Kopf beinahe an die niedrige Decke des Raums. Sie schien wenig überrascht, ihn zu sehen – als ob sie mit so etwas schon seit Jahren gerechnet hätte.

»So, du bist also Tombua«, stellte er fest und machte einen Schritt zurück, um ihr Platz zu machen und weniger bedrohlich zu wirken. Auch wenn er sie anscheinend nicht verschreckt hatte, musste sein plötzliches Eindringen doch einen eher schlechten Eindruck hinterlassen haben.

»Wer will das wissen?«, fragte die Alte misstrauisch, aber ohne vernehmbare Angst.

»Einer, der deine Hilfe braucht. Can'hayna etsai«, meinte er schließlich, hob den mächtigen Arm und streifte die Kapuze ab.

Die alte Frau atmete scharf ein, als sie in seine gelb glühenden Augen blickte. »Ich … ich hatte nicht gedacht, dass ein Ratke beim Widerstand… nach über fünfzehn Jahren …«, murmelte sie und schwieg dann, während ihr Gesichtsausdruck sich wandelte. Schließlich lachte sie nervös. »Einen Moment dachte ich, du könntest einer der Häscher der Königin sein … Nein. Wieso eigentlich nicht? Wieso sollte ein Ratke kein Phiruin sein? Ich habe schon oft gedacht, dass es auch Ratken geben müsste, die die Tyrannei verurteilen.«

Ihr Blick hatte etwas Abschätzendes, beinahe Ungläubiges, aber er nickte.

»Es ist nicht leicht, unbemerkt zu bleiben, aber ich habe es geschafft und bin hier. Ich habe nicht viel Zeit.«

»Natürlich. Warte einen Moment, ich werde dir holen, was du brauchst«, antwortete sie und wandte sich ab.

Er kniff die Augen zusammen und folgte ihr entgegen ihrer Aufforderung, während er einen ersten Blick um sich warf.

Gedämpftes Licht drang durch eine angelehnte Tür und ließ einen kurzen Flur mit einem schmalen, abgerundeten Tischchen und einem Spiegel darüber erkennen. An den Wänden waren blasse, farbige Muster aufgemalt, auf dem Tischchen stand eine hässliche Blumenvase.

Mazuk bedachte all diese Dinge mit kalkulierenden Blicken, suchte nach möglichen Fallen. Die Alte schlurfte zu der letzten der drei Türen im Flur und blickte über ihre Schulter. Ihre Augen weiteten sich kaum merklich, als sie sah, dass er ihr dicht auf den Fersen blieb.

»Du kannst es wohl kaum erwarten, was?«, meinte sie und lachte nervös.

Sie zog einen Schlüssel hervor und schloss die Tür auf. Der Raum, den er hinter ihr betrat, war lang und schmal. Es schien der Laden zu sein, von dem Cassuan gesprochen hatte, mit Regalen und Schränken voller Gewürze, Kräuter und Bücher. Eine frei stehende Holztheke trennte den Rest des Ladens von dem Bereich vor der Tür, die in ihre privaten Wohnräume führte.

Direkt hinter der Theke stand ein alter Schrank an der Wand, den sie jetzt unter leisem Gemurmel öffnete. Sie bückte sich, um im unteren Teil ein paar Bücher beiseitezuschieben und holte einen kleinen Schlüssel unter ihrem Nachthemd hervor, mit dem sie dann ein verborgenes Fach aufsperrte.

Mazuk hielt den Atem an, als er darin eine kleine Holzschatulle erspähte. Seine Finger wollten ganz von selbst zu dem Dolch an seiner Seite wandern, aber er hielt sich zurück. Er konnte sie noch nicht töten, sie hatte vielleicht noch mehr Informationen für ihn. Stattdessen trat er hinter sie und versuchte, sie zur Seite zu schieben. Die alte Frau drehte sich zu ihm um, die Schatulle in der knittrigen Hand. Ein boshaft triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Ich hatte gedacht, ihr würdet mich hier nicht finden. Aber ich habe mich geirrt.«

Noch bevor er reagieren konnte, warf sie etwas kraftvoll zu Boden. Der schwarze Bilur knallte auf die Holzdielen und zersprang. Mazuk brüllte überrascht auf und stolperte zurück, als schwarzer Nebel aus dem magischen Stein schoss und Dunkelheit ihn verschlang.

«†»

Er erwachte mit stechendem Schmerz in der Brust, schlug die Augen auf, ächzte und versuchte zu verstehen, was passiert war. Instinktiv wollte er aufspringen und seinen Dolch herausreißen, aber da waren so viele schwarze Flecken in seinem Sichtfeld, dass er sich nicht orientieren konnte. Das Atmen fiel ihm schwer. Stöhnend schaffte er es, sich auf die Seite zu rollen und es wurde leichter, Luft zu holen.

Einen Moment lang blieb er regungslos liegen und konzentrierte sich darauf, tief durchzuatmen.

Diese Hexe hätte ihn beinahe umgebracht! Jähzorn ließ sein Blut schneller durch die Adern schießen und verlieh ihm neue Kraft. Es gelang ihm, sich aufzurichten und er lehnte sich leise fluchend gegen das Holz der Ladentheke. Als verschwommener Schatten ragte vor ihm der Schrank auf, aber er sah keine Bewegungen und hörte keine Geräusche. Als die Flecken vor seinen Augen verschwanden, erkannte er, was da vor dem Schrank auf dem Boden lag.

Die alte Frau, zusammengesunken und leblos. Ihre Augen waren halb offen, Blut klebte an ihrem Kopf, mit einer Hand hielt sie noch die Holzschatulle umschlossen.

Der Anblick der Toten und des Kästchens ließ ihn seine Betäubung vergessen. Er fiel auf die Knie, warf einen kurzen Blick an sich herunter, um sich nach Verletzungen abzusuchen, dann entriss er Tombuas schlaffen Fingern das Kästchen.

Die Magie musste sie stärker erwischt haben als ihn, nachdem er zurückgewichen war. Die Wut über seine Torheit ging rasch in der Euphorie unter, endlich seinem Ziel näher zu sein.

Grob riss er den Deckel von dem Kästchen.

Die gähnende Leere darin schien ihn zu verspotten.

»Nein!« Mazuk brüllte auf und warf das Ding zu Boden.

»Nein! Wie kann das sein?!« Er sprang auf die Füße und beugte sich über die Tote. Wütend rüttelte er an ihrer Schulter, aber sie regte sich nicht.

»Wo ist es? Es muss doch etwas geben!« Die Alte konnte ihm nicht mehr antworten.

Verzweiflung machte sich in ihm breit, aber sein Verstand dämpfte sie wieder. Gehetzt ließ er seinen Blick über die Tote und die Umgebung schweifen. Draußen vor dem einzigen Fenster des Ladens war es noch düster, und wenn bisher niemand durch den Lärm Alarm geschlagen hatte, sollte ihm noch etwas Zeit bleiben. Es musste hier etwas geben. Sie war der Kontakt gewesen! Ihm blieb nichts anderes übrig, als alles zu durchsuchen.

Als Erstes schob er die alten Bücher im Schrank zur Seite, suchte hinter ihnen nach einem weiteren Versteck und schüttelte sie schließlich alle am Einband aus, um lose Seiten zu finden, warf sie achtlos zu Boden, als sich nichts fand.

Nichts!

Auch die Schränke und Regale brachten ihn nicht weiter, es gab keinen Hinweis auf Gegenstände aus Tyarul. Er räumte alles aus, klopfte die Wände nach Hohlräumen ab und öffnete jedes Gefäß. Nichts. Kopfschüttelnd betrachtete er das Chaos im Raum und die Tote dazwischen.

Er verspürte große Lust, sie zu verbrennen.

Schnell und präzise durchsuchte er die Wohnräume. Im Schlafzimmer war noch ein Licht an, die Bettlaken zerwühlt und zurückgeworfen. Das kleine Bad dahinter ergab nichts und die Küche mit dem rosa gefärbten Holz und Vorhängen widerte ihn an.

Auch dort fand er nichts Auffälliges, nicht einmal eine Kleinigkeit, die etwas über die Herkunft der Alten verraten hätte oder ob sie überhaupt aus Tyarul stammte.

Wo hatte er noch nicht nachgesehen?

Nach einem Moment fasste er einen Entschluss, ging zurück zur Theke des kleinen Ladens.

Er hatte zwar das Regal darunter durchsucht, aber die alte Kasse noch nicht. Er besah sich kurz die Tasten und drückte wahllos auf sie, bis sich die Geldschublade öffnete. Sie sprang mit einem fröhlichen Klingen auf und gab den Blick auf eine Anzahl von Geld der lyrranischen Menschen frei, das aus Papier und für ihn wertlosen Münzen bestand.

Mazuk durchwühlte die Schubladeneinsätze, schüttete das Geld auf den Boden und warf den hölzernen Einsatz daneben. Die Münzen rollten über den alten Holzboden und stießen an Bücher und das Bein der Alten.

Unter dem Einsatz kamen ein paar vergilbte Papiere zum Vorschein, aber es waren nur Kritzeleien und Notizen, nicht der Hinweis, den er so dringend suchte. Anscheinend war der Einsatz zu schmal für die Schublade gewesen, denn jetzt kullerten zwei Würfel und ein steinerner Briefbeschwerer vom Rand weg. Er nahm das Ding auf und betrachtete es, hoffte auf irgendetwas Nützliches … vergeblich. Er warf den Briefbeschwerer zurück in die Kassenschublade und stutzte. Das Geräusch, als er aufschlug, war zu hohl für den Metallboden. Er fuhr die Kanten in der Schublade mit den Fingerspitzen ab und fand in einem der hinteren Ecken eine kleine Delle. Als er drückte, hob sich der Metallboden der Schublade vorne ein kleines Stück. Er fingerte an der Kante und schaffte es, den Boden aus der Schublade zu heben.

Darunter war ein zweiter Boden. Und ein Brief.

Er besah sich das Wachs auf dem festen Papier. Das Zeichen der Phiruin! Mit ungeduldigen Fingern brach er das Siegel und überflog rasch die Zeilen.

Sein Herz begann zu rasen. Der Brief beschrieb den Aufenthaltsort! Er schien für einen Rebell geschrieben worden zu sein. Jemanden wie Cassuan.

Das war es also. Er hatte sein Ziel fast erreicht … oder konnte zumindest ihren letzten Aufenthaltsort finden. Der Brief konnte schon ewig in der Schublade gelegen haben. Aber einen Versuch war es auf jeden Fall wert.

Einen kalten, verächtlichen Blick auf die Tote werfend, richtete er sich auf und begann bereits, einen Bilur aus seinem Beutel zu suchen, als er wieder innehielt.

Diese Hexe hatte es irgendwie geahnt, dass er ein Feind war.

Can'hayna etsai.

Cassuan musste ihm das falsche Losungswort gegeben haben.

Dann konnte das hier auch ein falscher Brief sein. Er musste eine Nachricht schicken und Cassuan sofort erneut verhören! Andererseits war der Brief gut versteckt gewesen. Es würde sich – mit gebührender Vorsicht natürlich – trotzdem lohnen, den beschriebenen Ort zu besuchen und nachzusehen, ob es dort etwas Lohnenswertes zu finden gab.

Aus bitterer Erfahrung hatte er gelernt, seiner Herrin nicht direkt über die neuesten Erkenntnisse Bericht zu erstatten. Schließlich war es ja nur eine neue Möglichkeit und keine definitive Spur. Sie wartete schon zu lange und ihre Geduld war so gut wie erschöpft. Nein, er musste Ergebnisse liefern.

Mazuk fasste sich an die Brust, auf der noch immer ein schmerzhafter Druck lag, und mahnte sich zu mehr Vorsicht. Ihm durften keine weiteren Fehler unterlaufen, sonst konnte die jahrelange Arbeit verloren sein.

Bei dem Durcheinander hier würden die Wächter dieser Stadt eher an einen Überfall und einen versehentlichen Mord denken, als an einen Häscher aus Tyarul. Aber es könnten auch andere Rebellen auftauchen. Es musste also so authentisch wie möglich wirken.

Er sammelte das Geld auf und steckte alles in seine Manteltasche.

Einen letzten Blick auf sein Werk werfend, verließ er die Wohnung durch die Hintertür und stieg über den schnarchenden Säufer hinweg in die düstere Seitengasse. Fies grinsend zog er das Papiergeld und die Münzen aus seiner Manteltasche und schob es dem Mann unter die Jacke, dann ging er einige Schritte von ihm fort. Jetzt gab es zumindest eine Erklärung für das Durcheinander und den Mord, die nichts mit ihm zu tun hatte.

Mit seinen klauenartigen Fingern suchte er den schwach leuchtenden, grünen Bilur aus seiner Tasche, zog sich noch weiter in den Schatten der Gasse zurück und knurrte leise den Namen des Ortes, an dem er das Mädchen nun zu finden hoffte.

»Hamburg«, kam aus seinem Mund, und ehe er den Namen der Straße sagen konnte, ihn gerade erst dachte, riss die Magie ihm schon die Welt unter den Füßen weg. Alles drehte sich und er stand inmitten eines gepflegten Waldstücks. Grüner, sich schnell verflüchtigender Nebel waberte noch um ihn.

Fluchend und wankend schüttelte er seinen Arm, an dem die letzte Energie des Bilurs ein starkes Kribbeln erzeugte. Das Haus, in dem das Mädchen lebte, musste von einem magischen Schutz umgeben sein! Er wollte einen wütenden Schrei ausrufen, aber dann wurde ihm klar, dass diese magische Ablenkung nur Gutes bedeuten konnte. Man würde kein Haus schützen, in dem nichts Wertvolles mehr verborgen war …

Hier und da knisterten noch letzte magische Entladungen, dann war er von Stille und kahlen Bäumen umgeben. Es war noch dunkel, genau wie in Paris, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis der Tag anbrach. Er drehte sich einmal um sich selbst und erkannte Lichter und eine Straße hinter einer geraden Baumreihe.

Als er sich durch das kahle Gebüsch dazwischen gekämpft hatte, erkannte er die rechteckige Form des künstlichen Waldstückes. Die Straßen waren noch beleuchtet, gegenüber dem Park säumten hohe Häuser ohne Gärten den Weg. Neben einigen Bäumen war eine Stange mit einem Straßennamen zu sehen.

Mazuk holte noch einmal den vergilbten Brief mit der Karte heraus und prägte sich das Straßennetz ein, dann machte er sich auf den Weg, das so lange gesuchte Haus zu finden.

«†»

Mazuk erreichte die Straße, als es gerade dämmerte. Es hatte viel länger gedauert, als erwartet. Auf dem Weg hatte er sich immer mehr von der belebten Innenstadt mit ihren hohen Häusern entfernt und war nun in einer Gegend mit viel Grün, in der die Häuser einzeln standen, nicht mehr dicht gedrängt ohne Zwischenräume. Er hielt sich im Schatten verborgen und suchte, nachdem er die im Brief markierte Straße endlich erreicht hatte, die Häuser nach ihren Nummern ab.

Das Blut in seinen Ohren rauschte fast so laut wie der morgendliche Stadtlärm, als er sich mit animalischer Eleganz über die hellgelb gestrichene Mauer schwang, die das Grundstück säumte.

Mazuk lächelte grimmig, als er zwischen den Büschen hinter der Mauer landete.

Diese dummen Menschen hatten ihren Garten so wild gelassen, dass er unbemerkt bis ans Haus vordringen können würde. Leise huschte er an der Mauer entlang, durch einige welke Blumenbeete hindurch, das Haus immer im Blick behaltend.

Es brannte Licht. In drei Zimmern.

Konnten diese Menschen wirklich so fahrlässig sein? Mazuk hielt in einem dichteren Gebüsch inne und starrte hoch zu den Fenstern, sah jedoch keine Bewegungen.

Es könnte eine Falle sein, aber woher hätten sie wissen sollen, dass er hier unten war? Er schloss für einen Moment die Augen und konzentrierte sich. Ja, da war etwas. Wie bereits vermutet, ein Schutzzauber. Aber er fühlte keinen einzigen Funken, der auf einen Magier hingedeutet hätte.

Was war mit dem Mädchen? Hatte sie ihre Kräfte etwa so gut verborgen? Oder war sie am Ende gar nicht hier? Tombua hatte sicherlich schon länger die Aufgabe gehabt, die Meister der Rebellen auf ihre Spur zu führen … Würde sie lange an einem Ort bleiben? Mazuk schüttelte den Kopf. Nein, sie musste hier sein. Die Magie des Bilurs war abgelenkt worden. Außerdem hätte Tombua irgendwie davon erfahren. Oder hatte sie es vergessen? Nun, jetzt musste er einfach annehmen, dass es noch stimmte und vorbereitet eindringen. Es war das richtige Haus und noch so früh am Morgen, dass sie sicher noch hier sein musste.

Er schlich aus dem Gebüsch, überquerte ein kleines Stück Rasen und war mit wenigen leisen Schritten auf der Veranda angelangt. Licht strahlte durch die gläserne Tür zu ihm heraus, aber er hielt sich neben dem Lichtkegel, hinter einem Tisch und Stühlen verborgen.

Das Lächeln auf seinem Gesicht wurde jetzt zufriedener und sicherer. Die Glastür war gekippt. Sie war nur noch am Boden verankert und oben durch etwas Metall gehalten.

Erwartungsvoll spähte er in das erleuchtete Zimmer, hoffte auf ein Zeichen, dass jemand im Haus war. Am besten würde er abwarten, bis sie sich zeigte, bis er sicher sein konnte, dass sie hier war.

Aber er wartete schon seit Jahren auf diesen Moment. Jahre! Die Möglichkeit, dass sie so nah sein könnte … Die Erwartung nagte an seinen Nerven und ließ ihn zittern.

Gerade wollte er die Augen schließen, um sich kurz zu beruhigen – da erregte eine Bewegung in der Küche seine Aufmerksamkeit.

Eine Frau war in den Raum getreten und machte sich an einem der Schränke zu schaffen. Sie könnte es sein! Die Muskeln in seiner rechten Schulter zuckten, als die Aufregung ihn packte und er sich nicht mehr halten konnte.

Mazuk zückte den Dolch. Er machte einen Satz nach vorne, schlug mit beiden Pranken die Terrassentür aus den Angeln und stand in der Küche. Der Rahmen der Tür krachte und das Glas zerbarst beim Aufschlag auf dem Boden unter lautem Scheppern.

Die Frau schrie erschrocken auf und wirbelte herum. Der Ausdruck in ihrem Gesicht wandelte sich von Überraschung und Schrecken zu Grauen und purem Entsetzen, als sie den Ratken erblickte. Sie war es nicht, zu alt. Mazuk spürte Enttäuschung in sich keimen, aber sie musste zumindest zu den Beschützern des Mädchens gehören …

Er packte sie mit seiner mächtigen Klaue am Hals und drückte sie gegen den Schrank. Sie ächzte, als er seine Finger um ihre Kehle schloss. Die Frau keuchte und kratzte mit ihren Fingernägeln an seiner Hand, was ihr nur ein belustigtes Schnauben seinerseits einbrachte. Er zog sie näher an sein Gesicht, während sie sich weiter vergeblich wehrte und verbitterter Hass sich in ihre Züge schlich.

»Wo ist sie?«, fragte er, aber als sie gerade den Mund öffnete, bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung und wandte den Kopf.

Ein Mann stand in der Tür, starr vor Schreck. Noch ein Beschützer. Ein weiterer Verräter.

Die Frau wand sich immer noch in seinen Händen, sie tastete nach etwas hinter sich. Ein tiefer Schmerz durchzuckte seine Seite und ließ ihn keuchen. Das Miststück hatte ihm ein Küchenmesser durchs Wams in die Seite gerammt!

Voller Wut schleuderte er die Frau von sich, sodass sie gegen die Kante des Waschtisches prallte. Es krachte knöchern und sie sank still zu Boden.

Der Mann an der Tür schrie auf: »Esra! Nein!« Die momentane Lähmung verließ ihn und mit entschlossenem, jedoch von Schmerz und Verzweiflung verzerrtem Gesicht, warf er sich vorwärts und packte das Nächste, was er als Waffe erreichen konnte: einen der Küchenstühle. Laut brüllend hob er ihn über den Kopf und ließ ihn auf Mazuk niederfahren.

Im letzten Moment riss Mazuk seinen Arm hoch und wehrte die Wucht ab, während der Holzstuhl an seiner Armschiene zerbarst und gesplitterte Holzstücke durch den Raum flogen. Der Aufprall war trotzdem noch so stark, dass Mazuk zurückgedrängt wurde und in die Knie ging.

Er biss wütend die Zähne zusammen, als er spürte, wie sich das Messer in seiner Seite bewegte und eine Schmerzwelle nach der anderen sich in seinem Körper ausbreitete.

Noch immer von der Verzweiflung getrieben griff der Mann den nächsten Stuhl.

Mazuk schnaubte. Er hatte ihre Beschützer unterschätzt.

Er wollte endlich sichergehen, ob das Mädchen hier war. So viele Jahre, er wollte sie endlich in seinen Klauen wissen! Genau in dem Moment holte der Mann mit dem zweiten Stuhl aus, aber zu schwungvoll. Mazuk erkannte den Fehler im Bruchteil eines Moments, sprang auf, wich dem Stuhl aus und packte den Arm des Mannes unterhalb des Handgelenks. Der Verräter ächzte überrascht, als Mazuk an seinem Arm zog und ihn ruckartig nach vorne riss. Des Gleichgewichts beraubt, stolperte er vorwärts, und noch während er fiel, packte Mazuk seinen Dolch und schlug den Knauf mit Wucht gegen den Kopf seines Widersachers.

Hart getroffen ging dieser zu Boden, stürzte ächzend über den Stuhl und blieb benommen liegen. Rasch packte Mazuk den Mann, lehnte ihn in einer sitzenden Position gegen die Wand und drückte ihm schwer atmend den Dolch an den Hals.

»Wo ist sie?«, zischte er mit kaum noch zu bändigender Wut – als er bemerkte, dass der Mann bewusstlos war. Nutzlos. Er hatte keine Zeit zu warten, bis er wieder erwachte. Mazuk ließ den Dolch zurück in die Scheide gleiten, und den Mann los, der zur Seite sackte und zusammengesunken liegen blieb.

Die Frau neben der Spüle würdigte er keines Blickes, als er sich fluchend das Messer aus der Seite zog und es beiseite schleuderte. Die beiden stellten vorerst keine Gefahr mehr dar, aber er hatte jetzt keine Zeit, seine Wunde richtig zu versorgen.

So ein Kratzer würde ihn nicht töten, er hatte schon viel Schlimmeres überstanden. Er richtete sich auf, besah sich kurz das Chaos und warf dann einen Blick zu der offenen Tür, von wo der Mann aufgetaucht war. Im Haus herrschte Stille, niemand schien sich zu nähern.

Wo war das Mädchen? Sie musste beinahe schon eine Frau sein … und wenn er sich nicht täuschte, eine starke Magierin. Außerdem musste sie den Kampf gehört haben, wenn sie hier war.

Mazuk rechnete damit, sie jeden Moment vor sich zu sehen.

Er lauschte auf weitere Geräusche im Haus und zog währenddessen den weiß glänzenden Bilur aus dem kleinen Beutel an seinem Gürtel. Er bemerkte verblüfft, dass der zweite Weiße fehlte. Deshalb musste er den Angriff von Tombua in Paris überlebt haben!

Der Bilur war zerbrochen, als er getroffen worden war, und hatte den größeren Teil der tödlichen Magie aufgenommen. Kopfschüttelnd über seine Torheit und sein verdammtes Glück, hielt Mazuk den übrigen, magieabsorbierenden Stein als Schutz vor sich, während er die andere Hand an seine Seite drückte.

Hoffentlich würde er schnell genug an die Magierin herankommen, denn eine zweite Chance hatte er jetzt nicht mehr. Mit einem weiteren Fluch auf den Lippen machte er einige zögernde Schritte zu der Tür und warf einen kurzen Blick um die Ecke. Niemand. Zwei Schritte weiter konnte er in ein Zimmer schräg gegenüber der Küche spähen. Leer.

Ein ungutes Gefühl machte sich in Mazuk breit. Im Haus herrschte Totenstille und er konnte noch immer keine Magie fühlen.

Sie wartete irgendwo auf ihn … Mazuk ging leise weiter, durchsuchte mit seinem scharfen Blick die anderen zwei Zimmer und schlich dann die Treppe hinauf, den Schutzstein immer vor sich ausgestreckt.

Als er auch im oberen Stockwerk niemanden fand, brüllte er wütend auf.

Nein! Sie musste hier sein. Er wusste es!

Hasserfüllt schlug er auf den Tisch im Zimmer am Ende des Flurs. Wieso hatte sie nicht gekämpft, sondern war geflohen? Er hatte fest damit gerechnet, dass sie sich ihm stellen würde!

Geübt ließ er den Blick über die Sachen im Zimmer huschen. An der Wand über dem Bett hingen einige Bilder. Sie zeigten fast alle ein Mädchen, zusammen mit unterschiedlichen anderen Leuten. Auf manchen waren auch ihre Beschützer zu sehen. Er riss eines herunter, um es genauer zu betrachten.