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Gefangen - verletzt – hilflos ... erwacht Zenay in den Händen des Schergen Ikar. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit genügte dem manischen Kopfgeldjäger, um sie in seine Gewalt zu bringen. Zenay weiß, dass er sie an Tyaruls Tyrannin Zayda ausliefern wird, wenn sie nichts unternimmt. Wie kann sie seinen magischen Fesseln entkommen, allein und ihrer Magie beraubt? Die Aufmerksamkeit des Adlerauges wendet sich nie von ihr ab, doch wenn Zenay nicht schnell einen Ausweg findet, ist alles verloren … Das Schicksal der Rebellen und der Auserwählten nimmt seinen Lauf – im dritten Teil der preisgekrönten Fantasyreihe "Das Vermächtnis der Wölfe".
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Seitenzahl: 1047
Veröffentlichungsjahr: 2017
Farina de Waard
Das Vermächtnis der Wölfe 3
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Benommen erwacht Zenay in den Händen des Schergen Ikar. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit genügte dem manischen Kopfgeldjäger, um sie in seine Gewalt zu bringen. Zenay weiß, dass er sie an Tyaruls Tyrannin Zayda ausliefern wird, wenn sie nichts unternimmt. Wie kann sie seinen magischen Fesseln entkommen, allein und ihrer Magie beraubt?
Die Aufmerksamkeit des Adlerauges wendet sich nie von ihr ab, doch wenn Zenay nicht schnell einen Ausweg findet, ist alles verloren …
Das Schicksal der Rebellen und der Auserwählten nimmt seinen Lauf im dritten Teil der preisgekrönten Fantasyreihe »Das Vermächtnis der Wölfe«.
Widmung
Zusammenfassung
Prolog
Düsteres Erwachen
Ein Relikt
Fesselkünste
Große und kleine Steine
Der Preis der Freiheit
Umbruch
Bäche und Flüsse
Forlanns Hafen
Dvan
Atemlos
Säuberung
Blinder Passagier
Zeichen des Krieges
Wege nach Natuh
Avarra
Gefangene
Beichte
Ramora
Narben der Vergangenheit
Intrigen
Die Heilerin
Kalter Herbst
Vergessen
Irfen
Graue Schatten
Die Jagd
Untergang
Entrissen
Die Schlange
Ohne Hoffnung
Zeitlos
Kontrolle
Epilog
Glossar
Danke …
Ich widme dieses Buch der Fantasie,
der Leidenschaft und dem Licht der Liebe,
die jede Dunkelheit mit ihrem Licht erhellt.
Mögen euch diese Seiten ermutigen, eure Bestimmung
zu finden, die Magie in eurem Inneren zu
entdecken und sie zu entfachen, um die Welt
ein wenig heller strahlen zu lassen.
Zähmung und Zorn – Was bisher geschah:
Sina wächst in der Gewissheit auf, ein ganz normale 17-Jährige zu sein, bis sich ihr Leben schlagartig ändert. Ein hünenhafter Mann mit gelben Augen entführt sie in die Welt Tyarul und liefert sie seiner Königin aus. Die Schwarzmagierin Zayda ist sicher, dass Sina als Tochter einer Magierin der Phiruin ebenfalls eine starke Magierin wäre – als dem nicht so ist, wirft man sie ins Verließ.
Nach ihrer Befreiung durch den Rebellen Tunez verliert sie ihr Gedächtnis und landet in dem abgelegenen Dorf Ornanung. Der alte Magier Shetan und sein Enkel Tarek nehmen sie auf, und schon bald wird klar, dass sich tatsächlich besondere Kräfte in Sina verbergen.
Da sie sich diesen faszinierenden Kräften nicht verwehren kann, beginnt sie ihre Ausbildung bei Shetan, Tarek und seinen Freunden, die sich heimlich gegen das Regime auflehnen.
Bei der Begegnung mit Wölfen im Wald erfährt sie von der Prophezeiung: Sie soll dazu auserwählt sein, mit ihren magischen Fähigkeiten das Land von der Schreckensherrschaft der Ratken zu befreien. Nach einigen Schwierigkeiten beginnt Sina, sich mit ihrer neuen Identität als Zenay zurechtzufinden. Sie lebt als Fremde im Dorf und muss schnell lernen, dass sie ihre wachsenden Fähigkeiten besser verbirgt, da die Einwohner jeglicher Magie mit Angst und Misstrauen begegnen.
Sie verbringt den Sommer mit ihrer Ausbildung, bis ein schwarzmagisches Ungeheuer in das Dorf einfällt und sie sich zu erkennen gibt, um einen kleinen Jungen aus dessen Klauen zu retten.
Sie tötet das dunkle Tier vor aller Augen und muss das Dorf für ein paar Tage verlassen. Mit ihren Freunden schließt sie sich einem Spähtrupp an, der seltsame Spuren untersuchen soll. An einem See werden sie von dunklen Kräften angegriffen und Zenay überlebt nur knapp.
Ein junger Jäger ertrinkt im Kampf gegen den Daroc, und die aufgebrachte Gruppe bringt den Toten zurück ins Dorf – nicht ahnend, dass Zaydas Schergen die Flüchtige bereits im ganzen Land suchen und der Kopfgeldjäger Ikar mit seinen Truppen Ornanung bereits erreicht hat. Doch Zenay bleibt aufgrund ihrer Schuldgefühle im Wald zurück und schläft ein.
Als sie erwacht, ist der Angriff bereits vorüber und sie findet sich im Chaos tosender Feuer wieder, die die Angreifer hinterlassen haben. Viele Dorfbewohner sind tot oder entführt, auch Tarek stirbt beinahe in einem Brand und danach bleibt den Freunden nichts anderes übrig, als ihre Heimat zu verlassen, bevor die aufgebrachten Einwohner sie angreifen.
Zenay bleibt nur eins: Sie muss so lange durch Tyarul fliehen, bis sie stark genug ist, um etwas gegen Zaydas Tyrannei bewirken zu können.
Eine gefährliche Reise beginnt, auf der ein schwarzmagischer Mangride Zenays Weg kreuzt und dem Geschmack ihres magischen Bluts verfällt. Doch nicht nur Bestien hängen sich an die Fersen der Auserwählten, auch der Kopfgeldjäger folgt weiter ihren Spuren, von der großen Stadt Yoruba, in der es zur Schlacht zwischen den Freunden und unzähligen Ratken kommt, bis hin zur Tempelstadt Siad, in der Zenay die erste von vier magischen Prüfungen ablegt, um stärker zu werden.
Nachdem sie die Aufgabe des magischen Hüters Rupicapra gemeistert hat, wähnen sich die Freunde in Sicherheit – und Zenay tappt in Ikars Falle.
Das Vermächtnis der Wölfe
Die Angst um ihre kleine Zenay schnürte Ithilias Kehle wie ein eisiges Band zu und ließ alles andere völlig belanglos werden.
Loran und seine Frau hasteten schwer atmend durch die Straßen Yorubas, ohne auf die Umstehenden zu achten. Die Ratken hatten ihr Versteck entdeckt, hatten alle Informationen aus Loran herausgepresst, bevor Ithilia ihn befreien konnte.
Zaydas Krieger wussten, wo ihre Tochter verborgen war.
Mit rasendem Herzen rannten sie weiter, während Ithilia spürte, dass ihr Geliebter noch immer unter den Folgen der Folter litt. Etwas Magie würde nicht heilen können, was Zayda ihm angetan hatte, doch wichtig war jetzt nur, dass er wieder frei war und sie ihr Kind retten konnten!
Schon von weitem hörten sie Zenay weinen.
Das alte Haus im Gerberviertel war ein idealer Unterschlupf gewesen. Jeder ging in dieser Gegend seinen eigenen Geschäften nach und mischte sich nicht in die Angelegenheiten anderer ein.
Zu Ithilias Erschütterung nicht einmal dann, wenn ein Säugling um sein Leben schrie.
Sie rannten durch die dunkle Gasse auf das Haus zu, vor dem zwei Ratken postiert waren. Ehe die Krieger etwas bemerken oder Alarm schlagen konnten, hatte Ithilias Magie sie erreicht. Noch im Laufen brach sie den beiden mit einem Ruck ihrer Hand das Genick. Ithilia sprang über die zusammengesackten Körper, und ihr Mann sprengte die Tür mit einem kräftigen Tritt. Ithilia machte einen Satz an ihm vorbei und duckte sich weg, als ein Wurfmesser in Richtung Tür sauste.
Ihre Sinne waren aufs Äußerste geschärft. Wie in Zeitlupe nahm sie alles in dem Unterschlupf mit ihrer Magie wahr, sog Informationen auf und las, was die Männer dachten, um ihre Reaktionen vorauszuahnen.
Die beiden Phiruin, die das Versteck und das kleine Mädchen gehütet hatten, lagen niedergestreckt auf dem Boden.
Ein Weißauge stand über Zenays Bett gebeugt, und sieben weitere Krieger durchsuchten den Raum. Bevor sie Messer oder Äxte zücken konnten, hatte Ithilia schon zwei Kehlen durchbohrt und einem dritten Krieger einen Stich ins Herz versetzt. Der Geruch von Blut und Schweiß erfüllte den Raum; einer der Männer fiel über einen Stuhl, der splitternd unter seinem Gewicht zerbrach.
Hinter sich spürte sie Lorans Energie, als er zwei Krieger nacheinander ausschaltete.
Zenays Weinen, das mittlerweile zu einem Brüllen angeschwollen war, löste einen Schmerz in Ithilias Brust aus, wie ihn nur eine Mutter fühlen konnte.
Das Weißauge sah von der Kleinen auf, packte rasch ihren winzigen Arm. Fein verästelte, grüne Blitze zuckten durch den Raum und erfüllten die Luft, als der Sklavenmagier sich auf den Transport vorbereitete.
Um Ithilia schien die Welt einzufrieren. Er bräuchte nur noch einen Atemzug, um mit Hilfe dieser Magie zu verschwinden, und sie würde ihn nicht mehr rechtzeitig erreichen – da schossen lodernde Flammen an ihr vorbei.
Sie spürte die Hitze auf ihrer Wange und einen heftigen Luftzug, der ihr Haar zerzauste. Dann trafen Lorans Flammen das Weißauge in die Brust und schleuderten es von ihrer Zenay fort.
Der Sklavenmagier torkelte gegen die Wand, schüttelte kurz den Kopf und rappelte sich wieder auf. Doch Loran war schon heran; mit voller Wucht stieß er ihn an die Bretter und jagte ihm sein Messer in die Brust.
Ithilia spürte den Tod des Magiers deutlicher als den der Krieger … Jetzt war nur noch ein Ratke übrig.
Der Mann bleckte drohend die spitzen Zähne und hob seine Axt. »Es gibt kein Entkommen für euch! Die Stadt ist abgeriegelt, und alle werden euch jagen.«
Ithilia kochte vor Wut. Während der Ratke mit der Axt auf sie zustürmte, packte sie ein Holzbein des zersplitterten Stuhles und zog es unter einem der Toten hervor. Mit magisch verstärkter Wucht schleuderte sie es gegen ihren Angreifer, so schnell, dass dieser keine Chance zum Ausweichen hatte.
Die spitze Bruchstelle des Stuhlbeines bohrte sich durch den Hals des Mannes.
»Für dich gibt es auch kein Entkommen«, zischte sie kalt.
Der Ratke ließ die Axt mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht fallen, bevor er röchelnd nach dem Holz in seiner Kehle tastete. Dann verdrehte er die Augen und fiel polternd gegen den Tisch. Es wurde still im Raum.
Loran hastete zu seiner Tochter, die verstummt war. Ithilia folgte ihm und spürte nur noch eine alles verzehrende Angst.
Wenn das Weißauge bemerkt hatte, dass sie hier nicht gewinnen konnten … würde er sich über Zaydas Befehl hinwegsetzen und ein unschuldiges Kind töten, nur damit es nicht die Rebellen in die Hände bekamen?
Ihr Herz wollte zerspringen, doch an Lorans Haltung erkannte sie, dass ihr nichts Schlimmeres zugestoßen war. Er hob die Kleine auf und drehte sich zu Ithilia um. Die Tatsache, dass Tränen der Erleichterung in seinen Augen glitzerten, brachte sie mehr aus der Fassung als seine Worte.
»Es geht ihr gut. Sie ist nur vor Erschöpfung eingeschlafen.«
Ithilia streichelte Zenay sanft über die geröteten Wangen. Sie wirkte schwach, atmete aber gleichmäßig.
Erst danach warfen sie einen Blick auf die Krieger und das tote Weißauge, das gegen die Wand gesunken war und einen rötlich-schwarzen Streifen aus Blut und Ruß an den groben Brettern hinterlassen hatte.
»Wenn Zayda mit ihm verbunden war, weiß sie, dass wir beide noch leben. Sie könnte jeden Moment hier auftauchen!«
Hastig kritzelte Ithilia eine verschlüsselte Warnung auf ein Stück Pergament, faltete es zusammen und sandte es mit einem präzisen Teleport an die geheime Stelle, an der ihre Nachrichten für die Phiruin entgegengenommen wurden.
Sie wusste, was es für eine Auswirkung haben würde. Loran konnte nach seiner Manipulation durch die Weißaugen nicht mehr sicher sagen, was er alles verraten hatte. Deshalb mussten alle Pläne, von denen er Kenntnis hatte, verändert oder sogar verworfen werden. Verstecke und ganze Waffenlager mussten verlegt werden, um die Enttarnung weiterer Phiruin zu verhindern.
Ithilia dachte daran, wie ihr immer und immer wieder während ihrer Ausbildung eingeschärft worden war, dass sie sich eher selbst töten sollte, als sich gefangen nehmen zu lassen. Jedes höhere Mitglied der Phiruin kannte dieses Gesetz, denn es musste in dieser schweren Zeit verhindert werden, dass Informationen zu den Ratken gelangten.
Jetzt sah sie hinunter auf ihre kleine Tochter, hob den Kopf und blickte Loran direkt in die blauen Augen … und war einfach nur froh, dass er diese Regel nicht befolgt hatte. Sie könnte es nicht ertragen, ihn tot zu wissen.
Einer der Krieger neben ihrem Tisch stöhnte leise. Ithilia ging zu ihm und stach ihren Dolch in seine Kehle, um das Leiden des Sterbenden zu beenden. Danach sah sie nach ihrem Bilurversteck und stellte fluchend fest, dass die Ratken oder das Weißauge es gefunden hatten. Ein fernes Geräusch von draußen machte ihr klar, dass sie keine Zeit hatten, die Toten nach den Magiespeichern zu durchsuchen.
»Uns bleibt keine Wahl, Lor. Wir müssen den letzten Ausweg nutzen. Ich habe mit den Weisen einen Plan ausgearbeitet, für den Notfall. Nicht einmal du konntest ihn verraten.«
Er presste die Lippen aufeinander, während er seine Tochter anstarrte.
Ithilia schritt zu ihm. »Sie ist nur noch in der anderen Welt sicher! Ich muss sie nach Lyrra zu dem Versteck bringen, das wir nie nutzen wollten. Es ist der letzte Ausweg. Hier wird Zayda sie aufspüren und töten!«
»Du willst sie wirklich aus unserer Welt reißen?«
»Ein Weißauge hat sie berührt! Das heißt, dass Zayda ihre Magie direkt spüren konnte … wir müssen sie wegbringen und abschirmen.«
Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter, um seine Verzweiflung zu mildern.
»Es ist ja nicht für immer. Sie wird wie geplant zu ihren Beschützern gebracht, und wir holen sie wieder, sobald es sicher ist. Sobald sie ausgebildet ist und ihre Kräfte kontrollieren kann, werden wir wieder zusammen sein.«
Sie las in seinen Augen, dass er ihr kein Wort abkaufte. Es lag zu viel Verzweiflung in ihrer Stimme … und sie konnten es beide spüren. Manchmal war Magie etwas Verteufeltes, denn sich selbst oder den Partner zu täuschen, wurde dadurch unmöglich.
»Bitte!«, flehte sie jetzt, während ihre Fassung bröckelte.
Es war eine Erleichterung, als er endlich nickte. »Ich bleibe hier und locke sie auf eine falsche Fährte. Bring du Zenay zum Tempel und zum Portal.«
»Aber du spürst doch auch, wie viele es sind!«
Er lächelte milde, und sie sah deutlich, dass er seine Entscheidung bereits getroffen hatte. »Ich habe all das verursacht und euch durch meine Fehler in Gefahr gebracht. Es ist meine Verantwortung, euch beide zu schützen. Bring sie in Sicherheit und bitte die Weisen, mir zu verzeihen.«
Tränen traten in Ithilias Augen, als Rufe im Viertel laut wurden. Mit einem Mal fühlte sie sich nicht mehr wie die starke Rebellin der Phiruin, nicht mehr wie eine Mutter, die alles tun würde für ihr Kind. Sie fühlte sich klein, jung und überfordert.
Und sie wollte nicht die Liebe ihres Lebens zurücklassen.
Loran umschloss ihr Gesicht mit seinen kühlen Händen und legte dann seine Lippen zärtlich auf ihre.
So viele Gefühle, so viele unausgesprochene Worte lagen in diesem letzten Kuss. Verzweiflung drohte Ithilia zu übermannen. Sie packte ihren Lor, zog ihn näher zu sich und wollte ihn nie mehr loslassen.
Der Kuss verband ihre Gedanken und ihre Magie. Sie dachten an ihre gemeinsame Zeit bei den Phiruin, die Missionen, die sie zusammengeschweißt und ihre Liebe gestärkt hatten … an die freudige Überraschung der Schwangerschaft. Die Welt schien stehen zu bleiben und nur noch aus ihrem gemeinsamen Bewusstsein zu bestehen.
Doch in diesem vereinten Moment spürten sie auch, dass sich ihre Feinde unerbittlich näherten. Wie dunkle Schatten tauchten sie in Ithilias Hinterkopf auf. Ihre Absichten und düsteren Gedanken verrieten die Krieger, während sie sich in den umgebenden Gassen verteilten.
Loran löste sich von ihr, gab dann Zenay einen sanften Kuss auf die Stirn und schob das schlafende Mädchen in Ithilias Arme.
»Geht jetzt!«
Als sie die leuchtende Energie ihrer kleinen Tochter an der Brust fühlte, fiel die Angst von ihr ab und wich einer tiefen, kühlen Ruhe. Sie durfte jetzt nicht mehr zaudern und hauchte ihm leise Worte zu. Die letzten Worte.
»Du bist das Licht meines Lebens.«
»Und ihr seid das meine – für immer. Und jetzt geh endlich!«
Ithilia drückte ihre Kleine an die Brust und schloss die Augen, aus denen Tränen drangen. Mit zusammengepressten Lippen öffnete sie sich erneut ihrer Magie, sandte ihre Fäden blitzschnell durch die Stadt hin zum Tempel, um dann mit ihrer Energie einen Riss in der Realität zu erzeugen.
Sie teleportierte sich hindurch und kam nach einem Ruck im schummrigen Inneren des Tempels der Miakoda zum Stehen.
In der Eingangshalle herrschte eine gespenstische Ruhe. Keine Betenden, keine Bittsteller … Zaydas Schreckensregime breitete sich aus, und es war allgemein bekannt, dass sie die Tempel der Hüter immer wieder angriff.
Doch dass die Räume völlig verlassen waren, erschien ihr seltsam.
Wo sind die Templer?, dachte Ithilia und spähte vorsichtig um die nächste Ecke.
Nichts. Die Gänge zum Portal schienen verlassen.
Sind sie geflohen, weil die Ratken in der Stadt wüten? Hatten sie Angst, ebenfalls Opfer eines Angriffs zu werden?
Sie schlich weiter, von Säule zu Säule, doch ihr begegnete keine Menschenseele, bis sie zu der großen Doppeltür gelangte, hinter der das Portal lag. Auch dort war es totenstill.
Oder es ist eine Falle, schoss es der Magierin durch den Kopf.
Sie atmete einmal tief durch, bevor sie das Tor einen Spalt aufzog. Egal, was sie in der Halle erwartete … Zaydas Krieger und ihre Weißaugen waren überall in der Stadt. Sie musste in die andere Welt, und zwar jetzt.
Mit trommelndem Herzen betrat sie die Halle und erblickte den leuchtenden Übergang – und wieder keinen einzigen Gegner.
Sie wusste, dass das Portal in eine alte Scheune mitten in einem Wald führen würde. Ithilia hatte es erst wenige Male benutzt, weil die Gegend auf der anderen Seite so abgelegen war. Denkbar ungeeignet für Warenschmuggel, aber um unentdeckt zu verschwinden, war es Ithilia jetzt mehr als recht.
Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Tochter und musste lächeln. »Vielleicht haben wir endlich einmal Glück, Zenay.«
Mit diesen Worten atmete sie tief durch und trat auf den glimmenden Nebel zu.
Das Portal zerrte an ihren Kräften, wanderte ziehend durch ihre Muskeln und riss sie durch den gewaltigen Spalt aus fließender Magie. Ihre Beine kribbelten, ihr Kopf schwirrte, doch schon nach einem kurzen Augenblick konnte sie durch die leuchtende Energie die dunkle Scheune erkennen und machte einen Schritt nach vorn.
Genau in die Arme von unzähligen Ratken.
Ithilia ächzte laut, duckte sich unter dem Griff der Krieger weg und machte einen Satz zur Seite. Prompt stolperte sie gegen den nächsten. Der ganze Raum war auf einmal erfüllt von Ratken, die hinter alten Heuballen und morschem Gerümpel hervorsprangen.
»Nein!«
Die Magierin stieß die nach ihr greifenden Hände weg und erzeugte einen wirbelnden Luftstrudel, der einen Sturm aus Staub und Stroh auffliegen ließ und ihr die Männer einen Moment vom Hals hielt.
Doch der Weg zurück zum Portal war ihr bereits versperrt – durch einen Krieger, den sie nur zu gut kannte.
Mit Entsetzen spürte Ithilia den Energiemangel, den der Übergang durch das Portal verursacht hatte. Der Sturm flaute ab, und sie musste die Kontrolle der Luft aufgeben, um ihre restliche Kraft zu schonen.
Stroh und vereinzelte Bretter regneten auf die Krieger herab, die sie jetzt einkreisten.
»Was? Bist du wirklich überrascht?« Mazuk lachte laut auf und zeigte dabei seine spitzgefeilten Zähne. Das letzte Mal, als sie dem Liebling der Königin begegnet war, hatte er noch kein so hohes Rangabzeichen getragen.
»Dachtest du wirklich, wir wissen nichts von deinen Plänen? Ihr seid vorhersehbar geworden, und dein Loran hat uns einiges erzählt. Auch von anderen Mitgliedern.«
Ithilia knirschte mit den Zähnen. Loran hatte das ganz sicher nicht zu verantworten. Sie hatte diesen Plan ohne ihn geschmiedet … allerdings fielen ihr ein paar Phiruin ein, die davon gewusst hatten. Sie konnte niemandem mehr trauen.
Ithilia entfesselte einen Blitz, der krachend neben Mazuks Kopf in die Balken einschlug. Fein verästelte Blitze zuckten weiter durch die Luft und verbanden sich mit denen des Portals, aus dem plötzlich mehrere Ladungen an Energie stoben.
Alles in der Scheune knisterte. Ihre Haare standen zu Berge, begannen zu schweben, doch die Ratken hielt das keinesfalls auf. Sie stürmten auf Ithilia zu, um sie endlich zu fassen.
Mit zitternden Beinen konzentrierte sie ihre Magie, drückte sie über ihrer Hand zusammen und entfachte sie mit einem Funken.
Der Feuerball schleuderte die Krieger vor ihr durch die Luft und riss mit seiner Wucht die Scheunenwand ein. Flammen züngelten über Kettenhemden, Gesichter und berstende Bretter, bevor Ithilia nach vorne sprang, ihren Flammen hinterher. Sie machte einen Satz über die schreienden Krieger am Boden und spürte die Erschütterung, als hinter ihr das Dach einstürzte.
Blitze zuckten seitlich an ihr vorbei, und das knisternde Knirschen zeugte davon, dass das Portal gerade Balken, Ziegel und Bretter verschlang und in die Tempelhalle in Tyarul schleuderte.
Vor ihr war alles voller Qualm, brennendem Stroh … und dahinter Krieger und der rettende Wald.
Mehrere Ratken krochen rechts und links von ihr aus den Trümmern hervor, wurden jedoch rückwärts über den Boden zurückgezogen, auf den Riss zu. Warnende Rufe wurden laut.
»Weg hier! Das Portal wird instabil!«
»Die verdammte Hure hat das getan!«
Auch Ithilia spürte jetzt, wie der Sog stärker wurde. Wind kam auf und zerrte an ihrem Haar und ihrer Kleidung. Der magische Blitz und die Masse des Dachs mussten das Portal aus dem Gleichgewicht gebracht haben.
Mit einem Sprung brachte sie sich weiter vorwärts, nur raus aus der Reichweite des Portals, das immer mehr Trümmer in sein Inneres zog.
Leider musste Ithilia feststellen, dass die meisten Ratken schnell genug reagiert hatten, um ebenfalls dem pulsierenden Portal zu entkommen. Ganz gleich, wie viele schon hineingesogen worden waren, es standen noch immer unzählige zwischen ihr und dem Wald.
Ithilia ballte erneut Magie auf ihren zitternden Fingern und entfachte sie – da sprang Mazuk näher. Er schlug mit der flachen Hand gegen die Flammen und lenkte sie mit seiner Abwehr brüllend um. Er schien einiges dazugelernt zu haben, seit sie sich das letzte Mal begegnet waren, und jetzt sprang er zu ihr und packte ihre Hand.
Mazuk verdrehte ihr das Gelenk. Sie fluchte zischend, folgte dann der Bewegung und tauchte unter seinem Arm hindurch, um ihre schmerzende Hand zu entlasten, aus der er ihr jetzt den Dolch entwand. Einen Moment war sie gegen seine Brust gedrückt, fühlte seinen Puls und warmen Atem, bevor sie ihre Hand mit einem Ruck befreien konnte. Mit ihrer kleinen Tochter im Arm war sie langsam, doch er hatte offensichtlich nicht mit dieser Gegenwehr gerechnet.
Ein kurzer Satz brachte sie aus seiner Reichweite. Doch in welche Richtung Ithilia jetzt auch blickte – überall erwarteten sie Krieger und blitzende Klingen. Sie wich einem Messerstich von Mazuk aus und horchte in ihr Inneres, nur um mit Schrecken festzustellen, dass ihre Magie fast versiegt war. Die Flammen hatten sie viel Kraft gekostet, jetzt hatte sie nicht mehr genug für eine Teleportation in dieser verdammten, magieabsorbierenden Welt, in der alles mehr Anstrengung kostete!
Wieder bekam er sie zu packen und wieder reagierte sie gemeinsam mit seiner Drehung, entwich ihm wie ein nasser Fisch – doch seine Klinge strich ihren Arm entlang und hinterließ eine feine rote Linie, aus der sofort Blutstropfen quollen.
Mazuk lachte, als würde ihm das alles ungemein Spaß bereiten.
»Was für ein schönes Tänzchen, aber vergiss dabei dein Töchterchen nicht!«, zischte er und griff plötzlich nach dem Tuch, in das Zenay eingewickelt war.
Fluchend sprang sie von ihm fort, drehte sich, wollte nach ihm treten – da blitzte dunkles Metall in ihrem Augenwinkel auf.
Brennender Schmerz schoss durch ihr Gesicht. Die Klinge hatte sie an der Schläfe getroffen, schlitzte ihre Haut auf und verletzte ihr Auge. Sie heulte auf und presste die Hand gegen die pochende Wunde an ihrem Kopf. Warmes Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor und rann in ihre Augen; sie strauchelte und schrie wütend, als ihre Sicht verschwamm.
Zenay wimmerte laut und bewegte sich, begann zu strampeln – da tauchten Hände auf und packten Ithilia. Klauen gruben sich in ihre Kleidung, schlossen sich um ihre Schultern und ihr Handgelenk und zogen ihre Finger von der Wunde fort.
Im nächsten Moment wurde die kleine Zenay aus ihrem Arm gerissen und verschwand in dem Meer aus Rot.
»Nein! NEIN!«
Ithilia griff ins Leere, wand sich und vergaß für einen kurzen Moment die Schmerzen in ihrem Gesicht. Ein Schlag traf sie am Hinterkopf, sie sackte nach vorne, fiel zu Boden, lag einfach da, ohne sich an den Sturz erinnern zu können.
»Heilt die Wunde mit einem Bilur! Ich will nicht, dass sie uns auf dem Weg zur Königin stirbt. Wischt das Blut weg, sie soll doch hübsch aussehen, wenn ich sie überreiche«, befahl Mazuk.
Mehrere raue Stimmen lachten, dann wurde etwas Kaltes gegen ihre Schläfe gepresst. Sie spürte, wie die Magie in dem Bilur in ihren Körper strömte, dem Blut folgte und die klaffende Wunde verschloss. Die Energie belebte sie und gab ihr neue Kraft.
Gerade als der Schmerz verebbte und sie wieder aufspringen wollte, wurde ihr ein stinkendes Tuch auf Mund und Nase gedrückt.
Ithilia zuckte weg, doch der Stoff blieb unerbittlich auf ihrem Gesicht. Sie konnte kaum etwas sehen und hielt die Luft an, nachdem sie sich nicht aus dem Griff der Männer zu befreien vermochte.
Über ihr lachte jemand, und ihre kleine Tochter begann zu weinen. Ithilia verkrampfte sich, biss sich auf die Lippe – dann konnte sie nicht mehr und atmete ein.
Stechende Dämpfe bahnten sich den Weg in ihre Lunge und ihren Geist. Die Wirkung setzte schlagartig ein, sodass sie nur noch spürte, wie ihr Körper erschlaffte. Die Klauen der Ratken pressten sie weiter auf den Boden, während Tränen der Wut und Verzweiflung über ihr blutverschmiertes Gesicht liefen.
Erneut drang ein dumpfes Lachen an ihr Ohr. »Oh, eine erfreuliche Nachricht erreicht mich gerade: Dein Mann ist wieder in unserem Besitz …«
Sie riss die Augen auf, und einen Moment lang wurde der Schemen über ihr klarer. Mazuk kniete lässig vor ihr, hielt ihr Mädchen in einem Arm und spielte mit der anderen Hand mit ihrem Dolch. Sie konnte spüren, dass die Energie in seinem Bilur noch aktiv war, doch sie hatte keine Chance, ihn zu erreichen.
»Dann war all das völlig umsonst«, setzte Mazuk lächelnd nach und beobachtete, wie die Betäubung sie übermannte.
Nein! Loran …
Ihre kleine Zenay schrie jetzt aus voller Kraft. Es war das Letzte, was Ithilia hörte, ehe sie in die Dunkelheit abdriftete und sich in der eiskalten Angst um ihre Tochter verlor.
Das Herz raste in der schwarzen Brust des Mangriden, als er sich aufrappelte.
Er hatte Stunden gebraucht, um sich nach dem plötzlichen Verschwinden der Magierin zu beruhigen. Er hatte geschrien, Felsen zerschlagen und jedes erreichbare Lebewesen in den kahlen Bergen zerrissen, doch das alles brachte ihm die Verbindung zu ihrer Magie nicht wieder.
Er kam erst wieder zu sich, als er in seiner blinden Hatz von einer Felskante abrutschte und in den Fluss stürzte.
Dunkles, sprudelndes Wasser umgab ihn und wusch einen Teil der Manie mit seiner Kälte fort. Wild paddelnd durchbrach er die schäumende Oberfläche des Wassers, trat mit den Hinterbeinen kräftig aus und atmete schnaubend ein.
Die Strömung, die in der Schlucht jeden Menschen abgetrieben hätte, glitt ihm nur angenehm durchs Fell, ehe er Fels unter die Krallen bekam und sich grollend an Land schleppte.
Er schüttelte sich und spürte, wie Tropfen aus seinem Fell geschleudert wurden.
Wasser benetzte seine Schnauze. Es erinnerte ihn daran, wie ihr Blut von seinen Zähnen und Lefzen getropft war und geschmeckt hatte …
Die Erinnerung an ihre Begegnung war noch immer zu köstlich, auch wenn sie in seinem düsteren, magiezerfressenen Gehirn allmählich verblasste. Er wollte es nicht, konnte aber doch nicht verhindern, dass ihr Gesicht bereits verschwommen war … nur ihr Geruch und das Gefühl ihrer pulsierenden Magie waren ihm noch immer präsent.
Er verzehrte sich danach, ihr Blut und ihre Magie erneut zu schmecken.
Die Tatsache, dass er ihre Fährte verloren hatte, brachte ihn beinahe um das letzte Bisschen Verstand, das ihm die schwarze Magie noch ließ.
Einen Moment stand er unschlüssig da. Seine Krallen schabten über die Felsen am Ufer, und er schreckte erst wieder aus seiner Benommenheit, als ein spitzer Schrei erklang.
Sein Blick klärte sich, und er ließ ihn über die Umgebung schweifen. Der Sturz in die Schlucht war tief gewesen. Unter der überhängenden Felswand führte ein schmaler Weg entlang, der wieder breiter wurde.
Die schwarze Magie in ihm brodelte, als er die Witterung aufnahm. Angstschweiß lag in der warmen Herbstbrise, vermischt mit alkoholschwangerem Atem und dem Dung eines Ochsen. Nur ein Stück von ihm entfernt drängten sich einige schreckensstarre Menschen hinter einen Ochsenkarren und beäugten ihn. Sie mussten den Karren gerade um die Biegung gelenkt haben – jetzt schrien sie angstvoll auf, als er einen Schritt auf sie zumachte. Der Ochse brüllte und verdrehte die Augen, während die Menschen zum Ufer rannten und ins Wasser sprangen.
Er hatte keine Lust, ihnen zu folgen, doch seine Gier trieb ihn vorwärts. In wilder Panik trat der Ochse aus und versuchte, sich von dem Karren loszureißen. Der Mangride verwandelte die Angstschreie seiner Beute in ein hohes Kreischen, als seine Klauen den Bauch aufrissen und er die Zähne in den Hals schlug.
Das Blut schmeckte metallisch warm und dennoch … schal. Es genügte ihm nicht mehr, seitdem er das Blut der Magierin gekostet hatte.
Er biss noch einmal zu, bis das zitternde Tier erschlaffte, dann hob er die Schnauze und schnüffelte erneut in die Luft. Enttäuscht grollte er – auch die Menschen im Fluss trugen kaum Magie in sich. Was für schwächliche Wesen, keinerlei Herausforderung.
Die leichte Herbstbrise wehte flüsternd unter der überhängenden Felswand entlang und trug ihm neue Gerüche in seine Nase.
Er überlegte noch, ob er die Menschen im Wasser töten sollte, da stockte er plötzlich. Dieser Geruch …
Während die Leute im Fluss weiter zurückwichen und einer von den Felsen abrutschte und in die Strömung geriet, trottete der Mangride zu einer Stelle unterhalb der Felswand. Dort lagen ein paar alte Pferdeäpfel, die ihm wesentlich mehr erzählten als einem Menschen, der nur mit seinem Fuhrwerk hindurchrollen würde. Das Pferd, das sie hinterlassen hatte … es erinnerte ihn daran, wie er der Fährte der Magierin gefolgt war.
Konnte das ihr Pferd sein? Sein dunkler Verstand arbeitete auf Hochtouren. Doch wo war dann ihr Geruch? Sie war in den kargen Bergen gewesen, nicht hier am Fluss.
Die schwarze Magie drängte ihn, zerrte an seinem Bewusstsein und verstärkte das bohrende Verlangen nach neuer Energie.
Er leckte sich das Ochsenblut von den Zähnen und wandte den Kopf, blickte den Fluss entlang, der sich durch die tief eingeschnittene Schlucht wälzte. Auch an mehreren anderen Stellen entdeckte er Karren mit Pferden und Menschen. Viele waren erstarrt und deuteten in seine Richtung.
Der Mangride spürte ihre Blicke und ihre Aufmerksamkeit auf seiner Haut. Ein Flüstern erklang in seinem Kopf, eine Erinnerung aus einer alten, schon lange vergangenen Zeit, als er noch ein Mensch gewesen war. Das Wispern verriet ihm, dass dieser Weg und dieser Fluss von einer Stadt hierherführten.
Tief in seinem Inneren konnte er die Stadt bereits spüren. Eine große Ansammlung summenden, pulsierenden Lebens … wie in der Nähe von Yoruba, als er einige Bauern und Jäger gefunden hatte, die wenigstens einen Hauch Magie in sich trugen.
Schwer schnaubend trottete er den Weg entlang, ignorierte die angsterfüllten Menschen und trabte in den trockenen felsigen Wald, der sich hinter der Schlucht öffnete. Er brauchte nicht nur Fleisch. Er benötigte Magie. Das Ziehen in seiner Brust war im Laufe der letzten Tage immer stärker geworden und befahl ihm, sich auf die Suche zu machen.
Auch wenn er das Mädchen, diese magische Sonne, wohl niemals ganz aufgeben könnte, so zwang ihn die schwarze Magie in seinem Inneren doch dazu, sich neue Ziele zu suchen.
Sie verlangte magische Nahrung … und er würde sie liefern.
Als Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen hindurchdrangen und das taufeuchte Gras vor Jescos Füßen berührten, runzelte er die Stirn. Er blickte in den Wald, in dem sich der schwache Dunst in einer Schicht langsam vom Boden hob und auflöste, und fragte sich, ob Zenay vielleicht schon zurückgekehrt war. Ungewöhnlich wäre es ja nicht, wenn sie sich mit Hilfe ihrer Magie unbemerkt zurück in ihr Zelt geschlichen hätte.
Seit die Zafija die Prüfung in Siad bestanden und damit neue Kräfte gewonnen hatte, war sein Respekt vor ihrer Magie noch um einiges gestiegen. Obwohl sie alle stets für Zenay gekämpft und sie verteidigt hatten, war bis zum Moment der Prüfung immer ein leiser Zweifel in ihm geblieben.
Doch das lag hinter ihnen, und es wurde Zeit, dass sie Iven in Forlann einholten und die Reise zur nächsten Prüfung in Natuh antraten. Sie hatten einen langen Weg vor sich, wenn sie den zweiten Tempel im Herbst noch erreichen wollten – und weiter wagte es noch keiner von ihnen, zu planen.
Jesco schulterte seinen Bogen und trat zwischen die drei kleinen Zelte aus Filzwolle, wo Elaya und Malak auf einem Mantel im Gras saßen und laut überlegten, was sie frühstücken könnten.
»Habt ihr Sina gesehen?«
Elaya runzelte die Stirn und fuhr sich durch das kurze braune Haar, das ihr noch vom Schlaf zu Berge stand. »Nein, warum? Ich dachte, sie wäre noch mit Tarek im Zelt …«
Bei Elayas schmunzelndem Blick und Malaks Grinsen schüttelte er den Kopf. »Sie ist vorhin in den Wald gegangen und sollte schon längst zurück sein.«
»Was? Wieso denn? Jesco?«
Er antwortete nicht, sondern ging zu dem ersten Zelt. »Tarek, bist du wach?«
Von drinnen kam ein Murmeln, dann wurde der Stoff zurückgeschlagen und Tarek sah ihn aus verschlafenen Augen an. »Was ist los? Brechen wir auf?«
»Nein, aber Zenay ist nicht bei dir.«
Tareks Blick war auf einmal gar nicht mehr müde, als Jesco ihren wahren Namen benutzte. Er packte sein Hemd und seine Stiefel, während sich tiefe Sorgenfalten auf seiner Stirn breitmachten.
»Jemand sollte hier im Wald warten und das Lager bewachen, falls sie zurückkommt«, meinte Tarek.
»Ich kann hierbleiben«, sagte Asyra, die sich ebenfalls noch den Schlaf aus den Augen rieb, bevor sie ihre roten Locken zusammenband.
»Tarek, meinst du wirklich, dass das nötig ist? Sie könnte doch einfach nur die Zeit aus den Augen verloren haben«, wandte Elaya ein.
»Das letzte Mal, als sie nicht zu der Zeit zurück war, die sie genannt hat, da …«
»… wurde sie von einem Mangriden zerfleischt«, beendete ihr Bruder Tareks Satz, und Elaya zischte böse.
»Malak, sag doch sowas nicht, es muss doch nichts Schlimmes passiert sein! Wir haben dieses Ungetüm schon seit Wochen nicht mehr gesehen oder gehört, es besteht sicher keine Gefahr mehr.«
Die Gruppe schwieg einen Moment. Jeder versuchte, die Erinnerungen an diese grausige Nacht abzuschütteln, als sie Zenay blutüberströmt und halb tot aufgespürt hatten.
»Wie sollen wir uns aufteilen?«, fragte Elaya und biss sich auf die Lippe. »Ich wünschte, Iven wäre noch hier. Wenn er nicht schon nach Forlann geritten wäre, hätten wir es jetzt leichter.«
Jesco gab ihr im Stillen recht, während er ihre Optionen durchging. Ein Bogenbauer, ein Schmiedegeselle und seine Schwester, eine kräuterkundige Heilerin und ein Jäger, die ihre magiebegabte Freundin vermissten.
»Wir vier gehen los, notfalls können wir uns in zwei Gruppen aufteilen, um ein größeres Gebiet abzusuchen«, warf Tarek ein und zog sich den zweiten Stiefel an.
»Und Asyra bleibt ganz allein hier?«, entgegnete Malak mit gerunzelter Stirn. »Unser Lager wäre ein leichtes Ziel für Feinde.«
»Das ist jetzt egal! Wir suchen sie!«, beendete Tarek die Diskussion. An seiner Körperhaltung wurde deutlich, dass er keine Widerrede akzeptieren würde. Asyra akzeptierte ihre Aufgabe und wickelte zugleich ihren Kampfstab aus dem Leder aus.
»Elaya, komm mit uns, du kannst besser als jeder von uns mit ihr magischen Kontakt aufnehmen. Und wenn sie hier auftaucht, kann Asyra dir Bescheid geben. Außerdem sind wir sicher bald zurück.«
Elaya nickte kleinlaut, und sie brachen ohne weitere Verzögerungen auf. Jesco rückte seinen Bogen zurecht und führte sie in die Richtung, in die Zenay gegangen war. Anfangs folgten sie einem Wildwechsel, auf dem sie im feuchten Laub ihre Fußabdrücke entdeckten.
»Kannst du versuchen, sie zu erreichen, während wir weitergehen? Es wäre mir lieb, wenn wir nicht dafür anhalten müssten«, meinte Tarek zu Elaya, als sie ein Stück weit gelaufen waren. Sie kamen an eine Gabelung von zwei kleinen Pfaden, und Jesco kniete sich hin. Tarek wartete nicht auf Elayas Antwort, ging zu dem Bogenschützen und besah sich den Boden. Sofort entdeckte er einige zusammengedrückte Blätter, die auf den linken Weg hindeuteten, dahinter den leichten Abdruck eines Schuhs.
Er streckte den Arm in die Richtung aus. »Sie muss da lang sein. Kannst du das bestätigen, Elaya?«
Sie runzelte die Stirn, ehe sie den Kopf schüttelte. »Zenay muss wohl zu weit weg sein … Ich kann sie nicht erreichen.«
»Hast du einmal mit ihr zusammen versucht, wie groß deine Reichweite ist? Was schätzt du, ab welcher Strecke du sie nicht mehr erreichen kannst?«
Elaya zögerte. »Ich … bin mir nicht sicher. Wir haben es nie bewusst ausprobiert, es könnte eine Meile sein oder auch zehn. Vielleicht bemerkt sie meinen Kontaktversuch nicht, weil er zu schwach ist.«
»Das heißt, sie könnte überall sein«, murmelte Tarek kopfschüttelnd. »Lasst uns schnell weitergehen. Wir werden sie bestimmt finden, ihre Spuren sind recht deutlich.«
Zwar sah Elaya nicht gerade glücklich aus, aber sie folgte Tarek, der hastig vorauslief. Es verging nicht viel Zeit, dann verloren sie die Fußspuren und mussten eine Weile suchen, bevor sie sie abseits des kleinen Wildpfades wiederfanden.
»Sie ist quer durch den Wald gelaufen«, meinte Tarek und sah sich erneut um. Sein Blick huschte schon die ganze Zeit zwischen dem Boden und den umliegenden Bäumen hin und her. Der Wald lag ruhig da, die einzigen Bewegungen kamen von gelben Blättern, die trudelnd aus den Baumkronen zu Boden fielen. Das gelegentliche Rascheln irritierte Tarek, und er fing an, jedes Mal den Kopf zu drehen, wenn er wieder ein fallendes Blatt hörte – jedes Mal Zenay erwartend, die aus den Büschen trat.
»Sie ist nicht in der Nähe«, sagte Elaya kopfschüttelnd, nachdem ihr Tareks Reaktion aufgefallen war.
Er antwortete nicht, sondern ging weiter. Jesco hielt sich ein Stück neben ihm, den Blick auf den Boden gesenkt, und deutete in den Wald, auf einige Hügel, die vage zwischen kahlen Büschen zu erkennen waren.
Je weiter sie liefen, desto stärker empfand Tarek den Wald als bedrückend. Nur ihre Schritte im Laub und die gelegentlich fallenden Blätter störten die Stille, in der sie lauschten und es nicht wagten, sich durch Rufe nach Zenay zu verraten.
Sie ist vielleicht einfach eingeschlafen. Oder tief in Gedanken …
Er wusste nicht, wie oft er diese Sätze während ihrer Suche schon innerlich wiederholt hatte. Trotzdem glaubte er nicht daran.
Die Freunde erreichten die Hügel, der Wald wurde dichter und trockener, und sie verloren Zenays Spur erneut.
»Wir sollten uns aufteilen und die Gegend absuchen, bis wir neue Spuren finden. Sie wird vermutlich weiter den Hügel entlanggegangen sein. Sie ist hier irgendwo in der Nähe. Wir sind schon ein ganzes Stück vom Lager weg, und sie wird wohl kaum gerannt sein«, meinte Tarek, und die anderen nickten zustimmend. Sie sagten nichts über das Zittern in seiner Stimme und teilten sich rasch auf, um ihre Suche fortzusetzen.
Tarek begann zu schwitzen, obwohl noch eine morgendliche Frische die Waldluft erfüllte. Ihm war in den letzten Tagen seit ihrem Aufbruch aus Siad gar nicht aufgefallen, wie spätsommerlich der Wald schon wirkte. Überall stieß er auf Zeichen für den nahenden Herbst und auf Fährten von verschiedenen Tieren, aber Zenays Fußabdrücke konnte er nicht mehr finden. Fluchend schlug er die Faust gegen einen Baumstamm. Was nützte es, ein Fährtenleser zu sein, wenn man seine Freundin trotzdem nicht wiederfinden konnte?
»Da ist eine Spur.«
Jesco stellte es fest, als wäre er sich die ganze Zeit absolut sicher gewesen – und Tarek beneidete ihn für diese beruhigende Gewissheit. Er kniete sich hin und besah sich das Laub, doch anstelle von Erleichterung packte ihn ein Schaudern. »Hier ist etwas entlang geschleift worden. Ich kann nicht sagen, in welche Richtung.«
»Es sieht recht groß aus«, warf Elaya ein. »Könnte Zenay gejagt haben?«
Tarek sprang zu ihnen. Er betrachtete das aufgewühlte Laub und blickte unruhig hin und her. »Nach rechts geht es bergauf. Nach links in ein Gebüsch. Dort schauen wir zuerst nach.«
Sie eilten los. Malak war schon vorgelaufen und erreichte als Erster das dichte Gebüsch, hinter dem sich hohe, von Efeu überwucherte Bäume erhoben.
»Hier ist Blut!«
Die Spur verschwand im Gebüsch, aber es waren Zweige abgeknickt. Malak tauchte in das Laubgewirr ein – und schrie überrascht auf.
Der Ton jagte Tareks Puls in die Höhe. Seine Brust schmerzte, und er bekam keine Luft mehr.
Als er sich durch das Gestrüpp schlug, erwartete er das Schlimmste und ächzte auf – denn plötzlich sackte der Boden unter seinen Füßen weg. Jemand packte ihn von hinten und zog ihn zurück. Erleichtert erkannte er Malak, der ihn vor einem Absturz bewahrt hatte.
Sie befanden sich an der Kante eines Hohlwegs. Die lehmige Erde fiel steil vor ihnen ab, die Ränder waren von Efeu überwuchert. Neben ihnen gab es eine Stelle, an der der Rand eingebrochen war und eine Art Treppe bildete, Tarek fielen sofort die tiefen Abdrücke im Lehm auf.
Malaks Blick richtete sich jedoch auf etwas anderes.
»Oh nein«, murmelte er und hob den Arm, um nach links zu deuten. »Ich glaube, unsere Suche ist beendet.«
Tareks Herz schien stehen zu bleiben; sein Kopf brauchte ewig, um sich in die Richtung zu drehen, in die Malak deutete. Das Laub im Hohlweg war aufgewühlt, der Boden lag teilweise blank. Hier hatte ein Kampf stattgefunden, aber der Grund des Wegs war verlassen. Zenay lag nicht dort.
Es dauerte einen Moment, bis diese Erkenntnis zu Tarek durchgedrungen war und er wieder Luft holen konnte.
Hinter ihnen tauchten Jesco und Elaya auf, doch Malak stoppte sie, bevor ihnen beinahe das Gleiche zustieß wie zuvor Tarek.
Der achtete nicht mehr auf seine Freunde, sondern sprang in den Hohlweg hinab, war mit wenigen Sätzen an der Stelle und stolperte über etwas. Er fiel, konnte sich abfangen und drehte sich noch auf den Knien um. Hastig schob er das Laub beiseite, um zu sehen, was da lag …
Es war Zenays Gürtel, an dem noch ihr Schwert und ihr Dolch hingen.
Tareks Gedanken rasten, und ihm wurde schlecht. Auch hier war Blut, nicht viel, aber es klebte an manchen Blättern und am Leder des Gürtels.
»Sie ist überfallen worden …«, flüsterte er, während die Angst in ihm hochkroch. Er sprang auf, den Gürtel und das Schwert noch gepackt. »Bleibt oben! Das sind ihre Sachen. Wir haben die Stelle gefunden, an der es passiert ist … das heißt, es muss Zenay gewesen sein, die man da über den Boden geschleift hat.«
Er ignorierte die Sorge in Jescos Blick, eilte zurück zum Rand und warf die Sachen hoch zu Malak; dann erklomm er den Hang über die heruntergebrochenen Erdstufen, über die Zenay hinaufgezogen worden sein musste. Er konnte nur ein Paar Abdrücke ausmachen. Ein einzelner sollte in der Lage gewesen sein, sie zu überwältigen? Ein Magier?
Ihm lief ein Schauer den Rücken hinunter. Wenn ihnen ein Weißauge aus Siad gefolgt war … dann mussten auch Ratken in der Nähe sein!
Sie bahnten sich so schnell wie möglich einen Weg aus dem Gebüsch und fanden die Spur leicht wieder. Sie war auch kaum zu übersehen.
Tarek rannte. Er sah nichts mehr vom Wald oder von seinen Begleitern, sondern konzentrierte sich nur noch auf den Weg vor sich.
Die Schleifspur führte eine Zeit lang durch den lichten Wald, zwischen dicken Bäumen hindurch, und zielte dann auf ein dunkles Dickicht hin.
Verzweiflung machte sich in Tarek breit, als er darin das aufgewühlte Laub und eine kleine Erhebung bemerkte, die von gelben und braunen Blättern bedeckt war. Erst hoffte er, es seien nur die gewöhnlichen Spuren eines Tieres, aber die Schleifspur führte genau dorthin. Schließlich entdeckten sie die verscharrten Teile von Zenays Rüstung. Ihre Bein- und Armschützer, an den Schnürungen aufgeschnitten.
»Sie ist verschleppt worden! Sonst hätte man sich kaum die Mühe gemacht, ihr die Rüstung abzunehmen«, rief Malak erleichtert.
»Natürlich ist sie das! Hätte man sie getötet, würde sie doch noch in dem Hohlweg …«, fing Tarek zornig an, konnte den Satz aber nicht beenden.
»Aber das war kein gewöhnlicher Dieb, der hätte sie niemals überlisten können, und er hätte nicht ihre wertvollen Sachen fortgeworfen«, warf Malak altklug ein.
»Elaya, bitte sag mir, dass du Kontakt zu ihr aufnehmen kannst«, flehte Tarek, nachdem Malak seine Meinung kundgetan hatte.
»Ich versuche es schon die ganze Zeit«, meinte Elaya und schloss die Augen. Kurz hellte sich ihr Gesicht auf, doch nach einem Moment runzelte sie die Stirn und schüttelte den Kopf.
»Ich … ich kann es nicht erklären. Ich habe sie gespürt, aber es fühlt sich an, als stecke sie in einer großen Blase, die mir nicht erlaubt, einen Kontakt aufzubauen.«
»Ja und? Geht es ihr gut? Kannst du irgendetwas sagen?«, fragte Tarek hektisch und musste sich zurückhalten, sie nicht an den Armen zu packen und zu schütteln.
»Sie lebt, das ist klar. Und ich glaube nicht, dass sie schwer verletzt ist. Aber ich kann nicht sagen, wo sie ist oder warum ich die Makani Chenda nicht bei ihr erfühlen kann. Sie scheint meinen Versuch nicht einmal zu bemerken.«
»Dann muss wirklich ein Magier bei ihr sein. Er hat sicherlich einen Absorber eingesetzt. Aber warum hat man sie dann weggeschleift und nicht teleportiert?« Tarek knirschte mit den Zähnen. »Das ergibt alles keinen Sinn!«
Elaya zitterte jetzt. »Bei den Hütern … wir haben zugelassen, dass die Zafija vor unseren Augen entführt wurde! Und das direkt nach der Prüfung! Was machen wir denn jetzt?«
Tarek presste die Lippen aufeinander. Er spürte dieselbe Verzweiflung wie seine junge Freundin vor ihm. Er hatte Zenay noch vor wenigen Tagen Mut zugesprochen, hatte ihr versichert, dass sie sich dank der Prüfung verändert habe und jetzt keine Gefahr mehr bestünde.
Malak warf einen verwunderten Blick auf den Boden, nachdem sie alle nur schwiegen. »Ab hier hat man sie getragen, und es sieht so aus, als sei es nur ein Einzelner gewesen!«
»Lasst uns weiter der Spur folgen«, rief Jesco, schon ein Stück voraus, und sie eilten ihm nach.
Zenay fühlte sich benommen, während sie langsam zu sich kam. Ihr war schwindlig, alles um sie herum bewegte sich, und der laubbedeckte Boden über ihr wankte hin und her. Oben war unten … und ihr wurde endlich klar, dass jemand sie trug und ihr Kopf herabhing. Sie spürte Hände, die ihre Beine festhielten, während sie mit dem Bauch über einer harten, knochigen Schulter lag.
Tarek würde sie nicht so tragen. Er würde sie liebevoll in seinen Armen halten und ihr Gesicht schützend an seine warme Brust drücken … sein Geruch war absolut anders.
Etwas hier war ganz und gar falsch. Sie wollte sprechen und bemerkte einen festen Knebel in ihrem Mund, der ihre Zunge austrocknete und den Kiefer schmerzen ließ.
Auch ihr Kopf pochte, aber sie begann dennoch, sich zu winden und ihre Muskeln anzuspannen. Sie drückte den Rücken durch … und fiel schmerzhaft zu Boden, als der Mann sie losließ.
Sie rollte auf die Seite und fühlte die Fesseln an Armen und Beinen. Ihre Augen huschten einen Moment über den Wald, der sie umgab. Zwischen den Baumwipfeln lugte der Himmel hindurch; er war zwar fast vollständig bewölkt, aber sie bemerkte dennoch die mittägliche Wärme und ahnte, dass sie schon lange unterwegs sein mussten.
In ihren letzten Erinnerungen war es früher Morgen gewesen. Sie war in den Wald gegangen und hatte Tarek und die anderen im Lager zurückgelassen …
Und jetzt starrte sie in das hagere Gesicht eines Mannes, in dessen braunen Augen ein unnatürlicher, roter Schimmer funkelte. Sein dunkles Haar war strähnig, Stoppeln wuchsen in seinem kantigen Gesicht, dennoch wirkte er nicht wie ein gewöhnlicher Verbrecher.
Er war vielleicht Mitte 40, drahtig gebaut, und seine abgenutzte Kleidung trug er wohl schon seit Monaten am Leib. Allerdings schien er sich in seiner Haut äußerst wohl zu fühlen.
Der Mann lachte, was das Pochen in ihrem Schädel verstärkte und ihr einen Schauer über den Rücken jagte.
Sein Blick hatte etwas Manisches, seine ganze Ausstrahlung versetzte ihren Körper in Alarmbereitschaft. Was wollte er von ihr? War er einer von den Sklavenfängern, diesen Netzjägern? Wusste er, wen er da eingefangen hatte?
Oder gehörte er zu den Magiern der Königin? Aber diese hatten milchig-weiße Augen!
Er besah sie sich einen Moment, dann packte er sie am Kragen, drehte sie um und schleifte sie mit dem Rücken voran über den laubbedeckten Boden weiter. Sie versuchte zu rufen, aber aus ihrem Mund kam nur ein dumpfes Geräusch.
Ihre Sicht verschwamm und alles drehte sich. Ihre Arme und Beine kribbelten, als wären sie eingeschlafen oder betäubt worden … dann spürte sie die Fesseln deutlicher und erinnerte sich an das Gefühl, als er sie damit gefangen hatte.
Deshalb fühlte sie sich so schwach und benommen!
Mit erstaunlicher Kraft zog er sie eine Weile weiter über den Waldboden, bis sie durch das raschelnde Laub einen Bach plätschern hörte.
Er ließ sie so hart zu Boden fallen, dass es ihr ein ungewolltes Wimmern aus der Kehle presste. Sie hörte seine Schritte im Laub, wie er zum Wasser ging und dort wohlig seufzend trank.
Irgendetwas stimmte mit ihm ganz und gar nicht.
Ich muss sofort weg! Ich muss Tarek sagen, was passiert ist, sie werden mich finden!, schoss es ihr durch den Kopf … doch als sie nach ihrer Magie tastete, war da nur eine ziehende Leere. Sie hatte keine Kraft mehr! Wie war das passiert? War der Mistkerl dafür verantwortlich?
Sie drehte den Kopf, um ihn sehen zu können.
Ihr Zopf blieb an einem Ast hängen, der unter ihrer Schulter eingeklemmt war, und als sie sich bewegte, zog es ihr das Band von den Haaren. Das war eine Spur für ihre Freunde!
Ihr Herz machte einen kleinen Satz, doch da kam er schon zurück und betrachtete sie ausgiebig, wie sie da wehrlos und schmutzig auf dem Boden lag.
Warum sagte er nichts?
Zenay flehte die Hüter an, dass er das braune Haarband nicht bemerken würde … und sein Blick blieb starr auf sie fixiert.
Grinsend stieg er über sie hinweg, zog ein Messer, beugte sich zu ihr hinunter und packte sie wieder am Kragen ihres Wamses, um sie näher zu sich zu ziehen.
Sie wand sich, bäumte sich auf und versuchte sich irgendwie seinem Griff zu entziehen, aber er drückte sie auf den Boden und presste sie dort so fest, dass sie sich nicht mehr rühren konnte. Dann nahm er das Messer und zerschnitt die Schnüre an ihrem Wams.
Beim Anblick ihres entsetzten Gesichtsausdrucks musste Ikar lachen, doch dann drehte er die Hand und schlug ihr schnell und präzise mit dem Knauf seines Messers gegen die Schläfe.
Ihr Körper erschlaffte augenblicklich. Ikar lockerte seinen Griff, wälzte sie auf den Bauch und löste die Fesseln an ihren Händen. Grob zerrte er ihr das aufgetrennte Wams vom Oberkörper und überprüfte dabei, ob sie unter dem Hemd Waffen versteckt hatte.
Mit hochgezogener Augenbraue bemerkte er die Narben, die sich über ihre Schulter zogen. Langsam drehte er die Ohnmächtige um. Auch auf ihrem Rücken zeichneten sich mehrere alte Wunden ab, deren Narbengewebe seltsam dunkel gefärbt war. Es schien fast, als hätte man Asche in sie hineingerieben, bevor sie verheilten.
Schnaubend drehte er sie zurück auf den Rücken. Erst nach einem genießerischen Moment zog er das Hemd wieder herunter und wandte sich ihren zarten Handgelenken zu – und erstarrte.
Was glänzte da so? Er schob den Ärmel hoch und betrachtete mit aufkeimender Überraschung das glänzende Mal am Inneren ihres Unterarms. Langsam fuhr er mit den Fingern darüber und spürte ein magisches Kribbeln.
Das hatte sie definitiv noch nicht gehabt, als er sie in den Schluchten vor Siad beobachtete.
Kopfschüttelnd fesselte er ihre Hände noch fester.
Das Wams warf er zwischen einige große Steine am Rand des gurgelnden Bachs und bedeckte das Versteck mit feuchtem Laub.
Ihre Sachen waren ihm egal, und im Endeffekt auch, ob man sie hier entdeckte. Sobald er mit der kleinen Schlange auf der nächsten Straße war, würde man sie sowieso nicht wiederfinden können.
Leise lachend, strich er ihr einmal über die verschrammte Wange und fasste ihr in den Ausschnitt. Die Macht über die wehrlose Magierin zu haben, erfüllte ihn mit einer euphorischen Erregung, wie er sie schon viel zu lange nicht mehr verspürt hatte.
Endlich, endlich war sie in seinem Besitz!
Wie lange hatte er darauf hingearbeitet, wie viel Schmach und Erniedrigung hatte er ertragen müssen! Aber all die Rückschläge machten sich endlich bezahlt. Jetzt gehörte sie ganz ihm.
Er packte die Bewusstlose und warf sie sich wieder über die Schulter.
Zufrieden stapfte er los und trat in das Bachbett. Das kühle Wasser gurgelte um seine Füße, während er ausschritt und in Gedanken schon von seiner Belohnung träumte. Allein der Ruhm, eine im ganzen Land gesuchte Feindin der Königin einzufangen, würde ihn schon reich und berühmt machen.
Er würde alles haben können.
Asur und seine Familie wagten es noch immer nicht, die steinerne Stadt am Yor zu betreten. Die überfüllte Brücke nach Yoruba schien unüberwindbar.
So viele Wochen hatten sie auf der Flucht in der Wildnis verbracht, dass sie die schiere Masse an Menschen mit voller Wucht zu überwältigen drohte.
Händler drängten sich rechts und links der Straße und verkauften in großen Mengen Waren, die der hungernden Flüchtlingsfamilie das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.
Sie hatten sich einen ganzen Tag lang nicht aus dem Wald gewagt und beobachtet, wie die Ratken in die Stadt befohlen wurden. Kurze Zeit später hatten die Krieger unzählige Händler mit ihren Waren nicht mehr durch die Tore gelassen, deshalb bauten diese nun ihren Markt auf der Wiese vor der langen Brücke auf. Anscheinend sprach es sich rasch in der Stadt herum, denn es strömten mehr und mehr Menschen hinaus, kauften dort ihre Waren und brachten sie selbst zurück – oder verließen die Stadt schwerbeladen und ohne die Absicht, jemals zurückzukehren.
Die steinerne Stadt war nicht länger ein vorgeblich freier Ort.
Der Hunger trieb die Flüchtigen schließlich zum Markt, aber sie kamen kaum zu den ersten Ständen, als Anak leise fluchte und seine Mutter in eine Nische zwischen mehreren Karren drängte. Kian und ihr Vater folgten rasch.
»Was ist los?«, wollte Asur wissen.
»Da vorne an einem Stand … da hängen Steckbriefe. Ich glaube, ich habe uns darauf erkannt.«
»Was?! Aber waru…«, fing Kian entsetzt an, verstummte aber wieder.
Kalana schien sie gar nicht gehört zu haben; sie starrte zwischen den Ständen hindurch über den Fluss auf die Häuser, die über die Stadtmauer ragten. Sie hatte sie hergeführt, hatte ein Ziel gehabt, seitdem sie von Martyoms Hof fliehen mussten – jetzt übernahm sie die Kontrolle.
»Es ist dort«, flüsterte sie. Ihre trüben Augen weiteten sich einen Moment, und ihr Blick wurde klar.
»Was ist dort?« Anak und Kian runzelten beide die Stirn, während Asur seine Frau sanft an der Schulter berührte. Sein Blick war selbst nach all diesen entbehrungsreichen Wochen noch immer liebevoll.
»Kalana, was meinst du?«
Ihr Blick traf ihn. Er hatte jetzt etwas Gehetztes, Fiebriges. Sie driftete schon wieder in irgendwelche Erinnerungen ab!
»Das Versteck ist dort. Wir müssen nur hingehen. Es ist dort.«
»Da sind Steckbriefe von uns! Wir können nicht einfach in die Stadt marschieren«, zischte Anak und wechselte einen nervösen Blick mit seinem Bruder. »Wir sollten verschwinden, möglichst weit weg von der Stadt.«
Asur seufzte und rieb sich kurz die Schläfen. Der Gedanke, schon wieder in der Wildnis unterwegs zu sein, ließ einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge entstehen. Ganz davon abgesehen, dass Kalana ihre Entscheidung in ihrem Zustand kaum verstehen würde.
Gerade als er sich umwandte, um es ihr ganz behutsam zu erklären, klappte ihm der Mund auf. Kalana stand nicht länger hinter ihren Söhnen – sie tauchte in die Menge ein, die die Marktstände umgab.
Anak und Kian wandten sich bei seinem entsetzten Gesichtsausdruck um.
»Nein! Mutter!«, flüsterte Anak eindringlich, aber es war schon zu spät. Sie konnten gerade noch sehen, wie Kalana ihre offenen Haare zusammennahm und zu einem Knoten band, dann war sie zwischen den Leuten verschwunden.
»Verflucht! Was tut sie da?«, rief Kian, obwohl er genau wusste, dass er darauf keine Antwort erhalten würde.
Asur eilte seiner Frau nach, die Söhne blieben ihm dicht auf den Fersen, doch der Markt war völlig überfüllt. Bevor sie es verhindern konnten, hatte sie die Brücke erreicht. Als Asur und seine Söhne wenig später an derselben Stelle ankamen, war Kalana verschwunden – untergetaucht zwischen den Ochsenkarren, schwer bepackten Einkäufern und Händlern, die sich über die Brücke drängten.
»Was jetzt?«, flüsterte Kian. Hinter ihnen wurden bereits Proteste laut, da sie direkt bei der Brücke stehen geblieben waren und den Weg teilweise versperrten.
Asur würgte den schmerzenden Kloß in seinem Hals hinunter und packte Anak am Ärmel. »Ihr nach.«
Mit wild pochendem Herzen drängten sie sich ebenfalls zwischen mehrere schwer beladene Esel. Die Menschenmenge war laut, und zwischen den Leibern war es ungewohnt stickig. Nach der langen und ruhigen Zeit in den Wäldern erschien es ihnen unmöglich, in diesem Durcheinander die Orientierung zu behalten. Asur hielt den Kopf gesenkt und konzentrierte sich auf die Holzplanken unter ihren Füßen. Darunter rauschte das ruhige, dunkle Wasser des Yor, das auf ihn aber zusehends wie eine Bedrohung wirkte. In der Stadt wären sie eingeschlossen, falls sie es überhaupt lebend hinein schafften …
Doch anscheinend herrschte nach dem Einmarsch der Ratken noch immer ein solches Durcheinander, dass zumindest diejenigen, die Yoruba betreten wollten, nicht allzu streng kontrolliert wurden.
Nach einer schier endlosen Zahl von Holzplanken erreichten Asurs Füße große Steinplatten und tauchten in den Schatten des mächtigen Tores, das diese Seite der Brücke flankierte.
Einen Moment später waren sie zwischen zwei Karren hindurch und hatten die Stadt betreten.
»Wo ist sie?«, flüsterte Kian dringlich, kaum hatten sie sich an die Stadtmauer zurückgezogen, um den Strom der Menschen nicht zu stören.
Sie reckten die Hälse – und Anak ächzte. »Da hinten! Sie ist gerade in die nächste Gasse eingebogen!«
Er eilte ihnen voraus zu der Stelle, dann war der bange Moment der Ungewissheit endlich vorbei, und er fand sie wieder. Kalana stand in der Gasse, wankend und murmelnd. Ihre Söhne hasteten zu ihr und packten sie zu beiden Seiten an den Armen.
»Bist du jetzt völlig verrückt geworden?! Du hast uns mitten in die Stadt geschleppt, überall sind Ratken und Steckbriefe und …«, fing Asur tadelnd an und dachte daran, dass die Wachen auf der Brücke jeden kontrolliert hatten, der hinaus wollte. Sie waren gefangen!
Kalana sah ihn verständnislos an, hob die Hand und zeigte die Straße entlang. »Es ist dort.«
Als Asur sie berühren wollte, sträubte sie sich gegen den Griff ihrer Söhne. Es schien, als wolle sie gleich laut protestieren, also ließen die beiden ihre Mutter rasch wieder los. Lieber eilten sie ihr durch die Gassen hinterher, als mit ihrem Geschrei die Wachen herbeizurufen.
Kalana drehte sich auf dem Absatz um und lief los, die drei Männer folgten ihr und versuchten dabei, so unauffällig wie möglich zu bleiben und nicht die Blicke irgendwelcher Wachen auf sich zu ziehen.
»Das ist der reinste Wahnsinn«, murmelte Anak leise, doch er hielt sich dicht hinter seinem Vater und würde ihm überallhin folgen.
Zenays Blick war vernebelt, als sie die Augen mühsam aufschlug. Einen Moment lang sah sie alles verschwommen und musste mehrmals blinzeln. Erst als sie die Fesseln wieder spürte, war sie auf einen Schlag wach.
Wo hatte dieser Kerl sie hingebracht? Zenay sah sich verstohlen um, ohne den Kopf zu bewegen, und schluckte gegen die Trockenheit in ihrer Kehle an.
Mitten im Wald, allein.
Er musste irgendwo in der Nähe sein.
Was wollte er von ihr? Mit Sicherheit war er kein simpler Dieb, der nur auf ihre Wertsachen aus war …
Unheilvolles ahnend, betrachtete sie den dämmrigen Wald und den Himmel zwischen den Baumkronen, der sich bereits orange und violett färbte. Die Sonne war fort; das hieß, die anderen konnten ihr kaum noch folgen. Sie wusste, dass Elaya noch nicht dazu fähig war, die Konane anzuwenden.
Sie wollte rufen, schmeckte den schmutzigen Stoff und verfluchte den Knebel und die Fesseln.
Ihre Ausrüstung war fort. Ihre Waffen, alles, was ihr geholfen hätte.
Sie trug nur noch ihre einfache Kleidung. Auf den Knebel beißend, versuchte sie ihre Hände zu drehen und die Fesseln zu lockern; das bewirkte aber nur, dass der Strick die verkrusteten Wunden an ihren Handgelenken wieder aufriss. Ihre Finger fühlten sich taub an, das Blut schien schon lange abgeschnürt zu werden.
Mühsam konzentrierte sie sich, und tatsächlich flammte ihre Magie auf – doch schon nach einem Wimpernschlag verlor sie die Kontrolle. Die Magie drehte sich um, floss gegen ihren Willen an ihren Handgelenken vorbei. Es fühlte sich an, als würde eiskaltes Wasser durch ihre Adern gepresst. Sie wand sich und verdrehte stöhnend die Augen, als die Kraft ihre Wirkung verfehlte und Schmerz durch ihre Arme schoss.
Sie konnte dieses Seil noch immer nicht durchtrennen.
Verwirrt und wütend drehte sie den Kopf, zog so fest sie konnte an den Fesseln und nutzte erneut ihre Magie, um die Seile zerfallen zu lassen … aber der kurze, heftige Schmerz kehrte zurück, und das Kribbeln wanderte bis hinauf zu ihren Schultern. Sie konnte ihre Magie kaum noch fühlen, war völlig ausgelaugt, da näherten sich Schritte.
Der Mann, der sie angegriffen und gefangen hatte, tauchte vor ihr auf. Er war ihr so nah, dass sie die schlechte Haut, alte Narben und jede Pore sehen konnte. Ein irres Grinsen huschte kurz über seine Gesichtszüge, dann wurde er etwas ernster, als er sah, dass sie seinen Blick erwiderte.
»Schön, du bist also endlich wieder wach«, meinte er mit einem ekligen Lächeln auf den Lippen und einer rauchigen Stimme. Sie zuckte zurück, als er die Hand nach ihr hob, und zerrte stärker an ihren Fesseln, wollte sie verbrennen, zerstören. Stärkerer Schmerz floss durch ihre Arme, und die Magie versagte erneut.
Das Schmunzeln des Mannes wurde spitzer, als er sah, wie sie die Augen vor Schmerz verdrehte, und er zog ihr den Knebel aus dem Mund. Ein starkes Stechen zuckte durch ihre Wangen, als sie das erste Mal seit Stunden ihren steifen Kiefer bewegte.
