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Die Dunkelheit erwartet dich … Seit Zayda van Dymar denken kann, geistert ein Flüstern durch ihre Träume, das sie sich nicht erklären kann. Als sie im zarten Alter von zehn Jahren an einem Kriegerritual teilnimmt, um ihren älteren Brüdern nachzueifern, kommt ihr lange gehütetes Geheimnis ans Licht: In ihr schlummern magische Fähigkeiten. Nun muss Zayda sich entscheiden. Will sie sich wirklich den Plänen ihrer Eltern unterwerfen? Oder soll sie, entgegen aller Vernunft, eine Ausbildung zur Magierin beginnen? Zayda kann nicht anders, als dem Flüstern zu folgen. Mit Begeisterung stürzt sie sich in ihr neues Leben, ohne zu ahnen, dass noch etwas anderes in den Schatten der Ratkenstadt Irfen lauert. Etwas Dunkles, das nur darauf wartet, eine würdige Beute zu finden … In »Zayda« – dem Prequel zu Farina de Waards preisgekrönter »Vermächtnis der Wölfe«-Reihe – entführt die Autorin ihre Leser in die Vorgeschichte der Welt Tyarul und eröffnet damit einen völlig neuen Blickwinkel auf eine mächtige Ratke, die zu Großem auserkoren ist. Denn Zayda kümmert es nicht, dass Frauen keine Krieger und Ratken keine mächtigen Magier werden können …
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Seitenzahl: 1000
Veröffentlichungsjahr: 2018
Farina de Waard
Fantasy-Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Die Dunkelheit erwartet dich …
Seit Zayda van Dymar denken kann, geistert ein Flüstern durch ihre Träume, das sie sich nicht erklären kann. Als sie im zarten Alter von zehn Jahren an einem Kriegerritual teilnimmt, um ihren älteren Brüdern nachzueifern, kommt ihr lange gehütetes Geheimnis ans Licht: In ihr schlummern magische Fähigkeiten.
Nun muss Zayda sich entscheiden. Will sie sich wirklich den Plänen ihrer Eltern unterwerfen? Oder soll sie, entgegen aller Vernunft, eine Ausbildung zur Magierin beginnen?
Zayda kann nicht anders, als dem Flüstern zu folgen. Mit Begeisterung stürzt sie sich in ihr neues Leben, ohne zu ahnen, dass noch etwas anderes in den Schatten der Ratkenstadt Irfen lauert.
Etwas Dunkles, das nur darauf wartet, eine würdige Beute zu finden …
In »Zayda« – dem Prequel zu Farina de Waards preisgekrönter »Vermächtnis der Wölfe«-Reihe – entführt die Autorin ihre Leser in die Vorgeschichte der Welt Tyarul und eröffnet damit einen völlig neuen Blickwinkel auf eine mächtige Ratke, die zu Großem auserkoren ist. Denn Zayda kümmert es nicht, dass Frauen keine Krieger und Ratken keine mächtigen Magier werden können …
Vorwort
Erwachen
Hetzjagd
Das Ritual
Magie und andere Schwierigkeiten
Harte Übungen
Erste Freunde
Hufe gegen Wölfe
Prüfungen des Geistes
Im Wandel der Zeit
Nacht und Nebel
Dunkle Geheimnisse
R’jato
Kanalratten
Die Krankheit
Träume
Schrecken
Die Weite der Welt
Von Flüssen und Wüsten
Tna’Ni
Spitzfindigkeiten
Neuling
Apfelernte
Erprobungen
Wein und Gier
Nach Hause
Rivalitäten
Jagd
In den Gassen
Abschied
Nacht der Schreie
Falsche Rache
Die dunkle Umarmung
Irfen
Glossar
Leseprobe »Zähmung«
Danke …
Dieses Buch ist für alle, die keine Furcht vor der Finsternis haben.
Die wie meine Zenay ein Licht sein wollen und sich nicht vor den Zaydas dieser Welt fürchten.
Ich danke euch, dass ihr dafür einsteht. Für eine bessere Welt voller Farben, Liebe und Bücher.
Ich mag jung sein, während ich diese Zeilen und das Prequel-Buch »Zayda« schreibe, aber für mich war es das bisher schwierigste Projekt. Nicht nur, weil ich mich in der Zeit des Schreibens nach Zenay und meinen Rebellen sehnte oder weil es die Erlebnisse einer fiktiven Despotin erzählt.
Es liegt viel mehr daran, dass es für mich einen Weg in die dunklen Abgründe der Seele und der Menschheitsgeschichte widerspiegelt.
Wie rechtfertigt es ein Mensch, grausam zu anderen zu sein? Unterdrückung, Rassismus, Sklaverei … Diese schrecklichen Dinge lasse ich nicht in einer erfundenen Fantasywelt geschehen, weil es mir Spaß macht, sondern weil ich finde, dass man nicht wegsehen darf.
Es gibt diese dunklen Seelen und schrecklichen Stunden auch in unserer realen Welt – und ich möchte, dass wir ihnen die Stirn bieten.
Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht einmal, ob ich diese Zeilen stehen lassen werde, damit sie jemand lesen kann, aber es war mir wichtig, sie aufzuschreiben. Auch um mir selbst klarzumachen, warum ich das hier tue. Warum ich mich über ein Jahr mit einer jungen Frau beschäftige, die im Laufe meiner Buchreihe für so viel Schreckliches verantwortlich sein wird.
Warum? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass man nicht über die dunklen Stunden schweigen darf.
Nur wenn man sie begreift und sie einen ergreifen, kann man etwas Besseres erschaffen – hoffentlich.
Ich schreibe dieses Buch, weil ich aus tiefstem Herzen von Demokratie, Mitgefühl und Liebe überzeugt bin. Bitte denkt daran, wenn ihr mit mir zusammen die Reise ins dunkle Herz von Zayda van Dymar antretet …
Augen gelb wie Schmiedeglut,
Zähne spitz wie Klingen;
Kalaratis kühler Geist
lässt Ratkenherzen singen.
Scharfer Sinn und starke Hand,
Kriegerfreunde ringen;
Tod im Kampf, erfüllt von Mut,
lässt Ratkenherzen singen.
Zayda verbarg rasch das Gesicht unter ihrer Decke, als ihre Dienerin das Gemach betrat und die Vorhänge zurückzog. Mit den hereinfallenden Sonnenstrahlen verblassten auch die letzten Erinnerungen an den seltsamen Traum der letzten Nacht.
Sie hatte sich mit ihren drei älteren Brüdern gestritten, und irgendwann hatten sich alle angeschrien, bis ein Mann namens Mazuk hereinstürmte und den Streit beendete, ehe er weiter eskalierte. Seltsam, wie klar und deutlich dieses fremde Gesicht gewesen war, genau wie die Mimik ihrer Brüder.
Mazuk hatte sie ermahnt, Geduld zu haben, doch dazu hatte sie gerade nun wirklich keine Lust. Weshalb sollte sie auf einen Fremden aus einem Traum hören?
Sebila öffnete eines der Fenster, um frische Luft hereinzulassen.
»Guten Morgen, junge Herrin. Wollt Ihr nicht einen Blick hinauswerfen? Es ist so ein schöner Tag! Die Wolken spielen mit der Sonne, aber sie siegt.«
Zayda gab ein Murren von sich und vergrub sich tiefer in ihrem Kissen. Wenn es eines ganz sicher nicht werden würde, dann ein schöner Tag.
Heute war nämlich der verdammte Tag des Kriegerrituals. Die ganze Stadt würde am Nachmittag nach Blut riechen, bevor die großen Feuer der nächtlichen Feier den Geruch wieder verdrängten.
Und das Schlimmste war, dass sie zu all diesen Gerüchen beitragen wollte, es aber nicht durfte!
Sie konnte Sebilas tadelnden Blick auf ihrem Bett spüren. Wie eine schwere Hand, die über ihre Wange streichen wollte.
»Ach, Zayda. Hast du wirklich vor, den großen Tag deines Bruders schmollend im Bett zu verbringen?«
Der sanfte, freundschaftliche Ton ihrer Dienerin brachte das Mädchen dazu, sich trotzig aufzurichten. Die ältere Frau neben ihrem Bett sammelte gerade ein paar Kleidungsstücke vom Boden auf und lächelte milde. Eine Strähne ihrer braunen Locken hatte sich aus der Steckfrisur gelöst und wippte bei den geübten Bewegungen über ihre flachen Wangenknochen.
Zayda schnaubte.
»Das … ist gar nicht der Grund! Ich fühle mich heute nicht wohl, das ist alles. Ich habe Kopfschmerzen und will nicht hinaus ans Licht.«
»Natürlich«, murmelte Sebila so leise, dass man es eigentlich nicht hören konnte. Eigentlich.
»Lass mich allein. Ich will noch ein wenig schlafen.«
Als der Blick der Dienerin, die sich zuweilen eher wie eine Mutter und nicht wie eine Zofe verhielt, missbilligend wurde, seufzte Zayda.
»Bitte«, setzte sie nach.
Sebila nickte, schloss das Fenster und wandte sich zur Tür. »Ich halte etwas Grütze für dich in der Küche warm und entschuldige dich beim Frühmahl. Das ist im Übrigen schon fast vorbei, die anderen werden bald aufbrechen.«
»Danke.«
Kaum hatte Sebila die mit Schnitzereien reich verzierte Tür hinter sich zugezogen, ließ Zayda sich wieder in ihre Kissen fallen. Für gewöhnlich konnte sie stundenlang diese Schnitzereien von wilden Tieren und Kriegern bewundern, die das Holz beinahe zum Leben erweckten; heute war da jedoch nur diese nervende Wut in ihrem Bauch, die einfach nicht weggehen wollte.
Natürlich kannte sie die Regeln und Gesetze, doch sie waren dumm und ungerecht!
Den ganzen Tag über würde sie sich vorstellen, wie ihr Bruder Djark mit seinen dreizehn Sommern als einer der Jüngsten am Ritual teilnahm und Ruhm und Ehre erntete, so wie Darzir und Zeruk zuvor im Hochland. Ohne sie!
An Darzirs Prüfung vor fünf Jahren konnte sie sich nur schemenhaft erinnern – und auch bei Zeruk zwei Jahre später war es anders gewesen. Sie lebten noch nicht in der großen Stadt Irfen, und die kleine Schwester der drei hatte noch nicht entdeckt, was für Kräfte tief in ihrem Inneren schlummerten. Sie hatte die Flüsterfunken noch nicht gespürt.
Nein, sie hatte es als selbstverständlich angesehen, dass die Jungen im Herbst für einen Tag verschwanden und blutverschmiert zurückkehrten – als Männer und als Krieger.
Zayda hingegen durfte nicht an dieser wichtigen Erprobung teilnehmen … ihre Mutter hatte auf ihre drängende Nachfrage klipp und klar erwidert, dass es dazu nicht kommen würde. Niemals.
Und dennoch: Sie brächte Schande über die Familie, wenn sie fernblieb.
Mit einem Ruck warf sie das Laken zurück, sprang auf und grub ihre nackten Zehen in das Wolfsfell, das auf dem Boden lag.
Sie liebte dieses Gefühl von rauem, wildem Haar unter ihren Sohlen; doch noch mehr liebte sie die Kräfte, die sich in einem leuchtenden Kern in ihrem Inneren gesammelt hatten. Wie ein brummender Bienenschwarm aus magisch tanzender Glut.
Zayda schloss die Augen und spürte, wie nach und nach kleine Funken in ihrem Bewusstsein erwachten. Sie schlichen sich über ihre Arme und Finger aus ihrem Körper, bis sie unsichtbar durch die Luft schwebten. Zayda konnte die tanzenden, zuckenden Bewegungen der Energie genau fühlen, wie ein kühles Kitzeln in ihrem Verstand, das ihre Welt erweiterte. Bis das untere Stockwerk als sanft wabernde Wahrnehmung in ihrem Geist auftauchte.
Sebila war bereits im großen Speisesaal angekommen und sprach mit ihren Eltern! Sie konnte deutlich spüren, wie die Dienerin in Richtung ihres Zimmers gestikulierte und sie offensichtlich gerade entschuldigte.
»Verdammt«, flüsterte Zayda und schlug die Augen wieder auf. Jetzt konnte sie nicht mehr einfach mitgehen. Wenn sie nun hinuntereilte und sich dem Prunkzug anschloss, würden ihre Eltern sofort merken, dass sie ihr Unwohlsein nur vorgetäuscht und sie belogen hatte.
Und eine junge Dame aus gutem Hause durfte nicht lügen, wenn es um solch wichtige Angelegenheiten ging.
Zähneknirschend wandte sie sich dem Spiegel zu und steckte ihre Haare hoch, nachdem sie sie zu einem Zopf gebunden hatte. Aus den Tiefen einer Truhe zog sie die alte Übungskleidung hervor, die sie bis vor Kurzem für die Kampflektionen getragen hatte. Bis ihre Mutter sagte, dass sich das für eine junge Dame nicht länger ziemte.
Sie rümpfte die Nase beim Schnuppern an der Hose – stinkig und schmutzig, so wie sie die Sachen wutentbrannt weggepackt hatte, als man ihr sagte, die Lektionen seien von nun an vorbei.
Jetzt waren sie genau das Richtige.
Zuerst ließ sie das Nachthemd achtlos auf den Boden fallen; dann entschied sie sich für eine etwas subtilere Vorgehensweise, schnappte noch ein paar weitere Kleider und stopfte alles unter ihre Bettdecke, bis es der Form eines Körpers ähnelte.
Mit einem zufriedenen Nicken schlüpfte sie in die alten Sachen und betrachtete sich im Spiegel. In der schmucklosen Tunika und ohne ihre auffallend lange Haarpracht sah sie wirklich wie ein hagerer Junge aus. Ein Schmollen wollte sich auf ihren schmalen Lippen ausbreiten, doch sie gönnte ihren Brüdern keine Bestätigung, nicht einmal dann, wenn sie allein war. Immer wieder hatten die drei sie damit aufgezogen, dass sie sich endlich wie ein Mädchen benehmen sollte – wenn sie schon nicht wie eines aussah.
Mit einem Schnauben schob sie die lästigen Erinnerungen fort und band sich noch ein altes Lederband um die Stirn, das ihren hohen Haaransatz und den Zopf hinten verbergen sollte.
Sie sah in ihren Kampfsachen also wie ein Junge aus? Dann würde sie das heute zu ihrem Vorteil nutzen!
Nachdem sie die Truhe erfolglos weiter durchwühlt hatte, fand sie ihren alten Überwurf mit Kapuze schließlich in den Tiefen des Schranks und warf ihn sich über die Schultern. Das Teil hatte sie seit dem Jagdausflug im vorletzten Herbst nicht mehr getragen, doch es passte noch einigermaßen.
Jetzt war ihre Tarnung perfekt.
Grinsend drehte sie sich einmal im Kreis, dann ließ sie ihr Spiegelbild zurück. So würde sie in der Menge nicht auffallen – und solange ihre Eltern und die Bediensteten sie nicht erkannten, wenn sie zufällig in ihrer Nähe stand, würde alles gut gehen.
Vorsichtig trat sie an die prunkvoll geschnitzte Tür und lauschte. Im Haus war es still, doch das mochte nichts heißen. Nachdem sie ihre magischen Funken achtsam vorausgeschickt hatte, erwachte die Welt in rauschenden Schlieren und Farben. Sie nahm den Flur wahr, die knisternden Flämmchen der Kerzenständer, eine Maus, die unter den blank polierten Dielen entlanghuschte. In der großen, weiten Eingangshalle standen ihre Eltern und ließen sich von Sebila ihre Mäntel bringen.
Zayda verzog das Gesicht. Ihre Mutter war wütend, das konnte sie deutlich an der roten Farbe erkennen, die für alle anderen unsichtbar um ihren Kopf schwebte. Doch sie schien nicht den Wunsch zu hegen, ihren Aufbruch zu verschieben. Djark stand bereits mit geschwellter Brust am Eingang, eine Hand lässig auf seinen Dolch gelegt, den Vater ihm zum zwölften Namenstag geschenkt hatte.
Zayda wurmte es, dass sie vermutlich niemals solch einen Dolch erhalten würde. Mutter würde dafür sorgen, dass sie als Tochter des Hauses ein edles Kleid erhielt – oder allerhöchstens ein kleines Messer, das sie in ihrem Stiefel verstecken könnte.
Sie unterdrückte ein Seufzen und wartete ab, bis ihre Eltern sich ausgehfertig gemacht und anschließend Djark in ihre Mitte genommen hatten. Er strahlte jetzt tief unterdrückte Nervosität aus und strich sich einmal mit einer fahrigen Bewegung durch das dunkle, lange Haar, das ihm immer so schmierig in die Stirn hing.
Auch Zeruk hatte sich zu der Gruppe gesellt, und Sebila schloss als Letzte der Gesellschaft die Tür.
Zaydas Brüder schienen eindeutig ungehalten zu sein, dass sie fernblieb … Sie konnte es an der Anspannung ihrer Muskeln wahrnehmen. Doch vielleicht waren sie auch einfach nur nervös, weil nun der Jüngste endlich an der Reihe war?
Sie wollte sich gerade hinaus auf die Galerie wagen und allein hinausschleichen, als der alte Kämmerer in die Eingangshalle trat und zu fegen begann.
Ach, verflucht.
Wenn sie abwartete, bis er sich wieder verzogen hatte, war es bestimmt längst zu spät! Die Zeremonie würde schon bald beginnen.
Mit einem Kopfschütteln wandte sich Zayda ab. Sie fühlte sich nicht zum ersten Mal wie eine Gefangene in diesem großen stillen Haus, wollte viel lieber wieder zurück in ihr altes Heim. Zurück an das gemütliche Küchenfeuer, über dem fast immer ein Kessel mit duftender, vor sich hinköchelnder Suppe gehangen hatte.
Natürlich hatte sie sich gefreut, als ihr Vater vor zwei Wintern seinen neuen Rang erhalten hatte. Anfangs.
Doch seitdem war alles auf den Kopf gestellt worden. Das neue, erhabene Leben hatte ihre wilde Kindheit beendet und ihre Mutter verändert – jetzt galten andere Regeln, und sie hatte sich wie die Tochter eines Stadtherrn zu benehmen. Keine spielerischen Kämpfe mehr, keine wilden Ausritte, kein gebratenes Fleisch über dem offenen Feuer auf den Weiten der Hochebene.
Es zog ihr die Kehle zusammen, dass die Erinnerungen an diese Tage bereits verblassten und nur noch die Krieger auf der Tür ein letztes Stück zügelloser Freiheit in ihr Leben brachten.
Sie wischte die trüben Gedanken beiseite und trat ans Fenster. Mit einem Sprung auf den Sims erreichte sie den oberen Riegel und zog ihn herunter. Der untere klemmte immer ein wenig, doch schließlich wuchtete sie ihn hoch und stieß das Fenster auf.
Ein Windstoß wehte herein, blies ihr die Kapuze vom Kopf und hätte sie beinahe zurück ins Zimmer stürzen lassen.
Zayda atmete tief ein und seufzte, während sie sich am Fensterrahmen festhielt.
Der Wind flüsterte in ihren Ohren: Geheimnisvolle Dinge von der Ebene, von Abenteuern und Magie … Was würde sie dafür geben, wenn sie ihr altes Leben nur für einen einzigen Tag zurückhaben könnte!
Zayda spähte in den menschenleeren Innenhof und zu den Fenstern gegenüber. Dort lag das Schlafgemach ihrer Eltern, darunter befand sich der zweite große Saal, in dem ihr Vater Gäste empfing und die Angelegenheiten der Stadt regelte. Zayda langweilte all diese Politik ungemein, und sie fand es überaus öde, wenn sie den langen Sitzungen stillschweigend beiwohnen musste.
Doch heute wartete dort niemand – alle würden bei dem Kriegerritus, der Erprobung anwesend sein.
Und es juckte Zayda immer stärker in den Fingern, dem Aufnahmeritual der Jungen beizuwohnen.
Hinter dem Seitenflügel erhob sich die hohe Mauer, die das Anwesen gegen die Straßen und Gassen der inneren Stadt abschirmte; von dort drang schon ein dumpfes Murmeln herüber, das sicher von der versammelten Menge stammte.
Der innere Drang wurde stärker, wuchs an zu einem wahren Zwang. Mit einem Mal wusste sie ganz einfach, wie sie ihre Magie ausrichten musste.
Sie streckte die Nase in die frische Luft, lehnte sich weiter hinaus … und ließ sich fallen.
Der Wind schmiegte sich um sie, während sie die Arme ausstreckte und die Beine anwinkelte. Sie flüsterte der wirbelnden Luft zu, sie zu stützen und aufzufangen. Unter ihren Sohlen entstand ein deutlicher Druck, der ihren Fall abbremste und sie langsamer werden ließ.
Dabei verlor sie das Gleichgewicht. Sie kippte seitlich nach vorn, ruderte wild mit den Armen, als sich ihr Körper unkontrolliert drehte – und schaffte es im letzten Moment, weitere Magie zu überreden, sich dem Polster anzuschließen.
Eine Staubwolke wirbelte durch die Ecke des Innenhofs, dann kam sie auf dem Grund auf, der sie einigermaßen weich auffing. Kiesel und Schmutz regneten um sie herum zu Boden, als sie seitlich in das Beet plumpste.
Sie wollte fluchen, hielt sich aber zurück. Stattdessen rappelte sie sich auf und wischte Staub und Blätter von der Kleidung.
Sie lebte und war unversehrt!
Ein Lächeln stahl sich auf ihre schmalen Lippen, während sie hinter der Hecke hervorlugte, sich stets im Schatten des Anwesens hielt und unter den tiefen Buntglasfenstern des Beratersaals hindurchduckte.
Jetzt nur noch durch das Tor und dann …
Zayda erreichte den überdachten Gang, der sich rechts und links vom Hoftor auftat, und ruckelte an der Klinke.
Natürlich verschlossen.
Mit einem Seufzen blickte sie an dem Tor nach oben, das aus ihrer Sicht unüberwindlich wirkte. Sie würde eine Leiter benötigen, aber wo könnte sie eine finden?
Rasch huschte sie zum Schuppen hinter dem Küchenanbau und zögerte einen Moment in der Tür, als dort nur dunkle Schatten lauerten. Der späte Herbsttag war ungewöhnlich sonnig, und so benötigten ihre Augen einen Moment, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen.
Im hintersten Eck entdeckte sie die Leiter, kletterte über zwei Kisten und versuchte, sie anzuheben. Ein frustriertes Ächzen entwich ihrer Kehle, als sie sich gegen das Gewicht stemmte und vergebens versuchte, die schwere Holzleiter zu bewegen.
»Verfluchter Mist!«, zischte sie leise und kniff schnell den Mund zu. Plötzlich wurde ihr klar, dass ihre Mutter ja nicht in der Nähe war, und so fluchte sie erneut.
Die Leiter war einfach zu schwer. Selbst wenn sie ihren Muskeln zugeflüstert hätte, sich mit ihrer Energie zu verbinden … sie konnte die Leiter höchstens umwerfen, aber niemals über den halben Innenhof zerren.
Grummelnd trat sie in den grellen Sonnenschein hinaus. Es musste doch möglich sein, hier herauszukommen! Sie ließ den Blick durch den Innenhof gleiten, bis er an der abgestellten Kutsche hängen blieb. Ihre Mutter hatte letzten Winter darauf bestanden, dass sich ihre Familie eine zulegte – und jetzt stand sie in der Nähe des Vordachs.
Zayda schlug ihren Mantel zurück, um die Arme völlig frei zu haben, kletterte auf den Kutschbock und bekam mit einem Sprung das Dach der Kutsche zu fassen.
Zähneknirschend zog sie sich hoch, schwang ein Knie auf das Gefährt und richtete sich auf. Zur Dachkante des Galeriegangs war es nur noch ein Sprung.
Einfach.
Zayda stand am Rand der Kutsche und machte sich dazu bereit, bevor sie schwer schluckte.
Was sollte denn das? Sie war nur wenige Augenblicke zuvor aus einem offenen Fenster gesprungen, verdammt!
Sie rannte los. Nur vier Schritte, dann stieß sie sich ab und flog vorwärts. Das Dach kam näher, doch es war viel zu hoch! Ihr entwich ein leiser Schrei, und sie riss die Arme nach vorn – sofort schoss ein stechender Schmerz durch ihre Muskeln, als sie die Kante zu fassen bekam und ihr Körper über der Tiefe baumelte.
»Mist!«, presste sie atemlos hervor und spürte dabei, wie ihre Finger langsam abrutschten. »Mist, Mist, Mist!«
Gerade, als sie den Halt zu verlieren drohte, stieß ihr Fuß gegen etwas Hartes. Instinktiv drückte sie sich dagegen und erkannte, dass es einer der Balken des Überbaus war.
Mit einem lauten Fluch zog sie sich hoch, rollte sich ab und blieb einen Moment auf den trockenen Schindeln liegen. Ein erleichtertes Lachen entwich ihren Lippen.
Nachdem sich ihre Atmung wieder beruhigt hatte, rollte sie sich auf den Bauch und kroch an den äußeren Rand, um auf die Straße zu spähen. Sie musste sich nur wieder fallen lassen und in die Seitengasse huschen. Die, in der sie nicht mehr spielen durfte, seit dort die betrunkenen Krieger gepöbelt hatten.
Einige Leute eilten am verschlossenen Tor vorbei und verschwanden um die nächste Ecke. Zayda holte tief Luft und schwang sich über den Rand.
Mit trommelndem Herzen kam sie auf der Straße auf und rückte schnell den Mantel wieder zurecht. Dann folgte sie dem Raunen der Menge, das schon nach wenigen Gassen zu lautem Lärm anschwoll. Sie hüpfte ein paar Treppenstufen hinab, ließ die Finger über das kühle Gemäuer im Schatten gleiten, bis sich das Ende der Gasse zum Tempelplatz öffnete.
Hinter einer Wand aus Körpern ragten die mächtigen Säulen des Heiligtums in die Höhe.
Es war eine Ehre, so nah am Tempel zu leben – doch Zayda mochte die Hüterin nicht. Kalarati blickte sie immer so streng an, wenn sie sich über der großen Statue einer aufgerichteten Ratte manifestierte.
Doch heute musste sie nicht in den Tempel. Nur die Jungen, die an diesem Tag ihren ersten Sklaven töteten und damit zum Mann wurden, bekamen später im Inneren ihr erstes Rangabzeichen.
Langsam trat sie näher und versuchte, sich angesichts dieser Ansammlung von Ratken und Dienern zu orientieren, ohne allzu sehr aufzufallen. Wann war sie jemals unter so vielen Fremden gewesen, ohne ihre Eltern oder Brüder?
Sie starrte hoch zu den Erwachsenen und kniff die Augen zusammen, als die Sonne sie blendete.
Alle hatten ihr den Rücken zugewandt und waren vollkommen auf das bevorstehende Geschehen auf dem Platz konzentriert. Zayda reckte sich nach rechts und links, lief an der Menge entlang, doch nirgends konnte sie einen Blick auf das Ritual erhaschen.
Wutentbrannt ballte sie die Fäuste. Sie war die Tochter des Stadtherrschers, verdammt!
»He!«, rief sie, bevor sie sich jäh eines Besseren besann. Sie konnte hier keine Forderungen stellen, sonst würde ihre Tarnung sofort auffliegen.
Rasch wich sie zurück und duckte sich hinter einen Karren, als sich ein Händler kurz zu ihr umdrehte. Schließlich zuckte er mit den Schultern und wandte sich wieder dem Schauspiel zu.
Nachdem ihr niemand mehr Beachtung schenkte, kletterte sie auf die Ladefläche des Karrens und reckte den Hals. Seufzend musste sie sich eingestehen, dass ihre mangelnde Größe zunehmend nervte. Sie war eine Ratke, verdammt! Alle in ihrer Familie waren groß, doch sie hing einfach hinterher. Selbst als sie sich auf die Randbretter stellte, konnte sie hinter der wartenden Menge überhaupt nichts erkennen.
Wie sollte sie da ihren Bruder entdecken?
Eine ungeahnte Eifersucht packte sie. Der Streit mit ihren Eltern vor wenigen Tagen schien nur der Gipfel des Eisberges gewesen zu sein. Sie wollte auch geachtet werden!
Ihr Vater hatte ihr vor zwei Jahren bei ihrem letzten Ausflug immer wieder gesagt, wie geschickt sie sich anstellte bei den kleinen Kämpfen – dass Balzayd ihr nie den Umgang mit einer Waffe gezeigt hatte, verdankte sie dem nörgeligen Protest ihres jüngsten Bruders!
Dieser selbstverliebte, jähzornige Dreizehnjährige mit den schmierigen Haaren und der Adlernase!
Für einen Moment wünschte sie sich, Djark scheitern zu sehen, doch das war völlig unrealistisch. Er war begabt mit dem Messer und der Axt, er würde seinen Sklaven ohne Probleme bezwingen und ein großer Krieger werden, so wie Darzir und Zeruk vor ihm.
Warum nicht auch sie? Andere Mädchen durften doch auch mitmachen, wenn sie sich für das ehrenhafte Leben der Krieger berufen fühlten! Nur weil sie eine hochgeborene Tochter war.
Sie sprang vom Karren herunter und schritt zielstrebig auf die Menge zu. Mit Befehlen oder Bitten kam sie hier nicht durch. Zayda drängte sich weiter, duckte sich unter Ellbogen und Taschen hinweg. Als sich vor ihr eine Wand aus zusammengerückten Leibern auftat, kroch sie kurzerhand unter einem Mantel entlang, schob sich zwischen zwei Rücken hindurch … und auf einmal blieb die Menge hinter ihr zurück. Zayda rappelte sich auf, klopfte sich den Staub von den Knien und trat vor – mitten hinein in eine Reihe Jungen.
Bevor sie ihre neue Lage richtig einordnen konnte, fiel ein großer Schatten auf sie.
Der Ratke überragte die Anwärter um fast das Doppelte, auch wenn Zayda wusste, dass das nur aus ihrer Perspektive so wirken musste. Er trug einen festlichen dunkelroten Mantel um die Schultern, den man nur bewundern konnte – und sein Blick richtete sich unmissverständlich auf das junge Mädchen, das soeben zwischen die Anwärter gestolpert war.
Seine gelben Augen glänzten in einem warmen Bronzeton, was völlig im Kontrast zu seinem strengen, harten Gesicht stand. Es schien, als wollten seine kantige Nase und die Narben auf der Wange die sanfte Farbe ausgleichen. Der penibel geflochtene Bart und die spitzen Zähne gaben dem Mann allerdings doch noch die nötige Härte.
Ein eisiger Schauer lief über ihren Rücken. Was würde dieser Kriegsmeister mit ihr anstellen, wenn herauskam, dass sie versehentlich in diese Lage gestolpert war?
Doch dann durchfuhr sie ein magisches Flirren.
Sie wollte auch spitze Zähne!
Mit einem Ruck wurde ihr bewusst, dass niemand in ihrem Clan an Zufälle glaubte. Sie war nicht hier hereingestolpert! Das war ihre Gelegenheit, sich zu beweisen und ihr Schicksal zu wenden! Genau das wollte sie.
Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, machte sie einen Schritt nach vorn und drängte sich zwischen die Jungen, die locker in einer Reihe standen und sichtbar ungeduldig warteten. Der Dunkelhaarige rechts von ihr murrte nur kurz, wagte aber angesichts des Ritualmeisters vor ihnen keinen Einwand. Der Vorsteher des Tempels ließ seinen Blick über die Versammelten wandern, wurde aber offenkundig davon abgelenkt, dass der jüngste Sohn der van Dymars an der Spitze der Reihe wartete.
Der Junge neben ihr stieß plötzlich seinen Ellbogen in ihre Seite und blitzte sie aus hellgelben Augen an, die so gar nicht zu seinen Sommersprossen passten.
»Willst du mitmachen? Du bist so winzig; wo hast du deine Mama gelassen?«, zischte er sie leise an, während der Ritualmeister seinen Blick weiter über die Reihe wandern ließ. Auch der Junge links neben ihr schubste sie, drängte sie aus der Reihe nach hinten, und sie schlossen rasch die Lücke.
Sie reckte sich hoch auf und straffte die Schultern. »Ich bin fast dreizehn! Und mein Vater sagt, ich soll mich schon dieses Jahr beweisen!«
Der Meister wandte sich ihr wieder zu und lachte auf, was ihr beinahe die Röte ins Gesicht schießen ließ.
»Was ist los mit dir, Kleiner? Hast du Kreide geschluckt?«
Zayda räusperte sich rasch und verschluckte sich dabei fast, als ihr klar wurde, dass der Meister sie tatsächlich für einen schmächtigen Jungen hielt. Das würde die Sachen so erleichtern! Mädchen zogen Aufmerksamkeit auf sich, mussten sich rechtfertigen oder gar die Zustimmung der Eltern vorweisen, doch das könnte sie sich alles sparen, ohne aufzufliegen.
»Äh … Sti…immbruch«, erwiderte sie krächzend.
»Dass ich nicht lache! Du bist doch höchstens elf Winter alt.«
»Ich weiß selbst, dass ich klein bin!«, schnappte sie zurück, von einer plötzlichen Welle Mutes ergriffen, die sie mit einer Portion Forschheit garnierte.
Ich bin ein Junge! Ich bin ein Junge. Ich bin ein Junge!, dachte sie immer und immer wieder und musste sich dabei beherrschen, es nicht laut hinauszubrüllen. Wenn ihre Magie jetzt nichts nützte, würde sie einen Riesenärger bekommen!
Die Bronzeaugen über ihr blitzten interessiert auf.
Ein weiterer Kriegsmeister trat neben den ersten und musterte sie abschätzend, bevor er ebenfalls lachte. »Ach, lass den Winzling doch mitmachen, wenn er unbedingt will. Die Sklaven sind ja unbewaffnet. Soll er sich eine Tracht Prügel holen und es nächstes Jahr wieder versuchen.«
Die folgenden Atemzüge schienen sich quälend endlos in die Länge zu ziehen. Der Meister der Rituale betrachtete sie noch einen Moment kritisch, bevor er ihre Schulter packte und sie nach vorne zog.
Nicht weg von den anderen, nicht zu ihren Eltern – nein, sondern direkt in die Reihe der anderen, wartenden Jungen, wo sie jetzt einen richtigen Platz erhielt.
Ihr Herz schlug schneller, raste vor Erregung. Sie durfte teilnehmen!
Sie würde eine Kriegerin werden!
Der Ritualmeister wandte sich nun von ihr ab und schritt die Reihe der wartenden Jungen entlang bis zur Spitze. Dort erkannte Zayda ihren Bruder, der als Sohn des Stadtherrn das Privileg hatte, die Jagd zu eröffnen.
Hinter Djark in der Menge meinte Zayda für einen kurzen Moment, das schmale Gesicht ihrer Mutter zu erspähen, dann ergriff der Ritualmeister das Wort.
»Wir alle sind heute hier versammelt, um das Erwachen einer neuen Generation zu bezeugen. In alter Tradition werden diese jungen Ratken heute ihr erstes Blut fordern. Sie werden die Trophäe ihres Triumphs als Beweis erbringen, um in das Erwachsenenalter einzutreten. Sie ehren damit unsere Hüterin Kalarati und den Weg des Kriegers.«
Zayda spürte deutlich, wie die Jungen um sie unruhiger wurden. Sie hatte noch nicht einmal richtig realisiert, was gerade geschah – dass sie tatsächlich ihren tiefsten inneren Drang durch diese Entscheidung in die Realität umgesetzt hatte –, da gab der Ritualmeister ihrem Bruder einen Wink.
Djark nickte ihm ehrerbietig zu, warf noch einen kurzen Blick zu seinen Eltern, die streng und würdevoll dreinschauten, und stürmte mit einem wilden Kriegerschrei los. Rasch überquerte er den Platz vor dem Tempel und ließ die wartende Menge zurück. Auf der anderen Seite tauchte er in die Schatten der Häuserwand ein und verschwand in einer Gasse, die in den unteren Stadtteil führte.
Ehe Zayda sichs versah, stürmten auch die anderen los. Der Junge neben ihr rammte sie hart an der Schulter und stieß sie fast zu Boden. Sie sprang fluchend zur Seite, stolperte gegen den zu ihrer Rechten, der sich bis dahin still verhalten hatte. Jetzt traf sie sein wütender Blick, und ihre Magie verriet ihr schlagartig, dass sie sich bereits erste Feinde gemacht hatte. Dass sie die Aufmerksamkeit der Meister auf sich gezogen hatte – und ihre Dreistigkeit sogar mit der Teilnahme belohnt wurde, schien die anderen Jungen nicht gerade zu begeistern.
Während sie alle auf das Labyrinth aus engen Gassen zujagten, wurde sie mehrmals geschubst; schließlich ließ sie sich einige Schritte zurückfallen, um keine Verletzungen zu riskieren. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Rivalen sich schon auf dem Weg zum Sklavenviertel gegenseitig üble Wunden beigebracht hätten, um den Andrang auf die Sklaven zu verringern.
Doch wenn die anderen glaubten, dass sie sich geschlagen geben würde, hatten sie sich gewaltig geirrt!
Ein Teil von ihr wollte sich darüber aufregen und sie alle mit einem ordentlichen Windstoß zu Fall bringen – doch jetzt hatte sie das Jagdfieber gepackt, und nichts war ihr wichtiger, als sich zu beweisen. Eine derartige Möglichkeit erhielt sie vielleicht nie wieder! Sie würde es nicht riskieren, durch den Einsatz ihrer Kräfte aufzufliegen.
Sie rannte schräg über den Platz, weg vom Tempel, zum unteren Ende der Reihe von Anwärtern, die sich unterschiedlich schnell den Gassen näherten.
Ganz egal, wer all die Dreizehn- und Vierzehnjährigen auch waren, Zayda würde sich nicht übervorteilen lassen. Sie hatte das verworrene Netz aus Gassen schon öfter erkundet, auch wenn es nur mithilfe von Magie und ihren Gedanken gewesen war.
Als Zayda die steilen Treppen und Gassen auf der anderen Seite des Tempelplatzes jetzt so real vor sich hatte, war das jedoch etwas völlig anderes. Sie erreichte die Schatten, tauchte in die Häuserschlucht ein und hörte auf der anderen Seite der Steinhäuser die Rufe der übrigen Anwärter. Hinter ihr blieb es ruhig. Die kleine Gasse am Rand des Platzes hatte keiner gewählt, anscheinend wollte niemand diesen Umweg auf sich nehmen.
Froh, diese Rüpel für einen Augenblick los zu sein, eilte sie weiter und machte sich auf die Suche. Sicherlich würde ihr kein Sklave einfach vor die Füße laufen, so dumm waren diese selten, auch wenn manchen Linien eindeutig frisches Blut fehlte.
Zayda verspürte eine nie da gewesene Mischung aus Euphorie und Angst. Sie durfte jetzt nicht versagen, durfte sich diese Gelegenheit nicht durch die Finger gleiten lassen – doch schon im nächsten Moment ließ ein schrecklicher Schmerzensschrei ihren Körper zusammenfahren.
Offensichtlich hatte der erste Junge sein Opfer gefunden.
Einen Atemzug lang verspürte sie aufkeimende Sorge – man wusste als Teilnehmender nie, ob es genug Sklaven für alle gab oder ob jemand leer ausgehen würde, wenn er nicht schnell genug war. Soweit sie sich erinnerte, hatte es in den letzten Jahren nicht einmal halb so viele alte Sklaven wie Anwärter gegeben; deshalb waren dieses Jahr auch noch einige Fünfzehnjährige dabei.
Ein Grund mehr, sich vorsichtig zu verhalten, wenn solch ein Erfolgsdruck herrschte.
Sie rannte weiter, erreichte das untere Ende der Gasse und damit die Senke, die sich an den Tempelhügel anschloss. Hier lebten vor allem Handwerker und Krämer, auch viele ältere in kleinen Wohnungen und Gemeinschaften, doch Zayda wusste aus den Berichten ihres Bruders Zeruk ganz genau, dass sie heute hier keinem einzigen Ratken begegnen würde. Alle Erwachsenen hatten sich aus dem Stadtteil zurückgezogen und die Sklaven, die sie behalten wollten, in ihren Kammern eingesperrt.
Wer nicht zu den Glücklichen gehörte, wer nicht mehr gebraucht wurde oder ein Verbrechen begangen hatte, war jetzt Freiwild für die jungen Kriegeranwärter.
Doch wie sollte Zayda einen von ihnen finden, bevor es einem ihrer Konkurrenten gelang? Die alten Sklaven verbargen sich bestimmt wie Feiglinge in irgendwelchen Kellergewölben oder hinter Fässern, um nicht aufgespürt zu werden.
Wieder erklangen in der Ferne Schreie, gefolgt vom leisen Widerhall eines triumphierenden Lachens.
Ob ihr Bruder schon erfolgreich gewesen war? Sie würde es ihm in seinem Eifer durchaus zutrauen, doch diese Aufmerksamkeit wollte sie ohnehin nicht auf sich ziehen. Hauptsache, sie ging nicht leer aus. Wenn die Sonne hinter den Tempelsäulen im Westen unterging, war die Prüfung vorbei; wer bis dahin keine Trophäe vorweisen konnte, hatte versagt.
So viel zur Theorie; ansonsten war ihr Wissen über diesen wichtigen Tag im Leben der jungen Krieger ziemlich eingeschränkt, denn mehr hatte sie aus Darzir und Zeruk nicht herauskitzeln können. Vor ihren Freunden und vor Mutter und Vater hatten sie oftmals über ihren glorreichen Tag geprahlt, aber kaum war die kleine Schwester aufgetaucht, hieß es nur, das sei nichts für ihre Ohren. Zudem verblassten besonders die Berichte von Darzir zunehmend in ihren Erinnerungen, immerhin war sie gerade einmal fünf Jahre alt gewesen, als er durch das Töten seines ersten Sklaven zum Mann wurde.
Hätte sie doch nur damals schon mehr von ihren Kräften verstanden.
Doch etwas sagte ihr, dass es unklug wäre, diese heute einzusetzen. Noch beherrschte sie die flüsternden Funken nicht gut genug, obgleich sie ihre Eltern damit doch so sehr beeindrucken wollte.
Wenn sie zurückblickte, wunderte sie sich sogar, wie gut es heute Morgen schon geklappt hatte. In diesem Moment war es ihr so richtig erschienen – doch hätte sie zu viel nachgedacht, wäre sie sicherlich weniger sanft im Innenhof aufgekommen.
Also besser nicht denken, ermutigte sie sich im Stillen und verlangsamte ihre Schritte. Allmählich hatten sich ihre Augen wieder an die starken Kontraste gewöhnt, die die Sonne in den tiefen Gassen erzeugte.
Der Geruch von gegerbtem Leder und frisch gehobeltem Holz erfüllte die Herbstluft.
Dazu mischte sich etwas, das Zayda nach einem Moment als Angstschweiß einordnete. Sie blieb stehen, spitzte die Ohren und lauschte. Ein Zittern übertrug sich auf ihre Haut, als sie den verborgenen Körper erspürte.
»Ich kann dich riechen«, sagte sie laut und konnte dabei kaum fassen, was für ein Glück sie hatte! Sie würde keinesfalls Letzte werden!
Tatsächlich hatten ihre bedrohlichen Worte eine überraschende Wirkung auf den Niederen.
Der Sklave sprang hinter der Mauer eines Kellerzugangs hervor und floh in die Tiefe der Stadt. Zayda hetzte ihm nach – doch schon nach einem kurzen Augenblick schallte der Schrei des alten Sklaven in ihren Ohren und ließ sie klingeln.
Ein Schemen hatte sich aus den Schatten gelöst und dem Alten ein Messer in die Brust gerammt.
Zayda blieb zitternd stehen und wich zurück, während sich Entsetzen in ihr Herz stahl. Der Junge hatte den Sklaven, ohne zu zögern, angesprungen und ging jetzt gemeinsam mit dem Sterbenden zu Boden.
Einen Atemzug lang ächzte der Sklave noch, dann erschlaffte sein Körper, und der Sommersprossenjunge sah zu ihr auf. Ein fieses Grinsen stand auf seinen Zügen – es war der Anwärter, der sie zuvor beleidigt und gestoßen hatte.
»Was ist los, Kleiner? Hast du noch nie einen sterben sehen?«
Tatsächlich hatte Zayda das nicht.
Die Funken in ihrer Brust zitterten und bäumten sich kurz auf, um sich dem Grummeln in ihrem Magen anzuschließen.
Doch das war noch lange kein Grund, diesem Kerl solch eine Unverfrorenheit zu erlauben! Das hatte er doch mit Absicht gemacht, hatte ihr nachgestellt oder ihren Weg irgendwie vorausgeahnt, nur um ihr eins auszuwischen.
Angesichts dieser Beleidigung war ihr sogar der Schreck des ersten Todes egal.
Sie durfte jetzt nicht die Fassung verlieren, durfte nicht ihr Ziel aus den Augen lassen.
»Du hast ihn mir weggenommen!«, blaffte sie den Jungen an, da es das Erste war, das ihr in den Sinn kam. Sommersprosse lachte jedoch nur leise und beugte sich tiefer über den toten Sklaven.
»Verzieh dich, kleiner Pechvogel, und such dir was Neues.«
»Du bist ein Dieb!«
»Man kann nichts stehlen, was einem anderen ohnehin nicht zusteht! Du hast hier nichts verloren, wachs erst mal noch eine Armlänge und leg dir eine vernünftige Stimme zu.«
Zayda knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste, doch als Sommersprosse sein Messer aus der Brust des Toten zog, sprang sie rasch an ihm vorbei und eilte weiter die Gasse entlang.
Es gab noch mehr Sklaven, und sie wollte sich keine Auseinandersetzung mit einem eingebildeten Schnösel liefern.
Hinter sich hörte sie noch ein wieherndes Gelächter und dann, wie das Messer zum Einsatz kam, ehe sie um die nächste Ecke bog und wieder von ruhigen Schatten umfangen wurde.
Von da an fand sie nur noch tote Sklaven und zufriedene neue Krieger.
Mit einem leisen Fluch auf den Lippen drang sie tiefer und tiefer in das unübersichtliche Viertel vor. Sie war froh um die Sonne, sonst hätte sie schon lang die Orientierung verloren. Gerade als sie einen kleinen verlassenen Marktplatz erreichte, erklang vom Tempelhügel lauter Beifall.
Die ersten Jungen waren also bereits zum Tempelplatz und zu der wartenden Menge zurückgekehrt.
Zayda sah sich hektisch um. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr der Schweiß ausbrach. War das letztes Jahr auch so verdammt schnell gegangen? Sie hatte nicht wirklich darauf geachtet, da keiner ihrer Brüder letztes Jahr teilgenommen hatte. Sie hatte sich nur in Gedanken ausgemalt, wie es sein musste, ein ehrenvoller Krieger zu werden, und dabei ihr Zeitgefühl verloren.
Auf einmal bekam sie es doch mit der Angst zu tun.
Hatte sie es sich zu einfach vorgestellt?
Unruhe fraß sich in ihr Inneres und lähmte ihre Gedanken. Sie stand mitten auf dem Platz und starrte abwechselnd auf drei verschiedene Gassen, die sich ihr gegenüber zwischen den hohen, stillen Häusern auftaten.
Wie sollte sie sich nur entscheiden? Woher sollte sie wissen, welcher der richtige Weg war?
Als die Unsicherheit überhandzunehmen drohte, trat sie wütend mit dem Fuß auf den staubigen Boden und horchte in ihr Inneres. Da durfte jetzt keine Unruhe sein, sondern sie musste Stärke zeigen! Mit einem tiefen Atemzug suchte sie nach den warmen Punkten in ihrem Bewusstsein und brachte sie durch ein leichtes, gezieltes Stupsen dazu, ihre Sinne zu schärfen und ihr klopfendes Herz zu beruhigen.
Eigentlich hatte sie es ohne ihre Kräfte schaffen wollen. Doch warum darauf verzichten, wenn die anderen auch nicht gerecht spielten? Ganz davon abgesehen, dass sie einige Jahre jünger, kleiner und ein Mädchen war.
Zayda biss sich auf die Lippen. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass es ein Nachteil sein sollte, ein Mädchen zu sein. Sie hatte die Nase voll davon, anders behandelt zu werden als ihre großen Brüder!
Ein wütendes Schnauben entwich ihrer Kehle, und im nächsten Moment erspürten ihre Funken einen fremden Herzschlag.
Es war, als würde dieses andere Herz plötzlich leise neben ihrem schlagen und sie in die Richtung ziehen, in der sich der Sklave verbarg.
»Hab ich dich!«, zischte sie leise und schlich zu den Kisten, die am Eingang der linken Gasse aufgestapelt waren.
Offenkundig hatte er ebenfalls die Ohren gespitzt, denn als der Sand unter ihren Sohlen knirschte, beschleunigte sich sein Herzschlag, und er sprang auf.
Er war nicht so alt wie die anderen, offensichtlich auch nicht gebrechlich oder krank. Nein, vielmehr wirkte er, als stünde er in der Blüte seiner Jahre. Was hatte er angestellt, dass seine Besitzer ihn nicht mehr haben wollten, sondern für das Ritual opferten?
Seine strähnigen braunen Haare zeigten nicht einmal einen Hauch von Grau; unter der schmutzigen Haut an seinen dünnen Armen spannten sich sehnige Muskeln.
Während er sich vollständig aufrichtete, zog sie ihr Messer aus dem Gürtel hervor und hielt es in die Höhe.
»Für die Hüterin!«, rief Zayda mit trommelndem Herzen. Wenn sie schon den Weg der Krieger gehen würde, dann sollte alles seine Richtigkeit haben.
Doch der Sklave lachte bei ihrem Anblick und brachte sie damit umgehend aus der Fassung.
Niemals wäre es Zayda in den Sinn gekommen, dass sich einer der Sklaven wehren und sein Leben verteidigen würde.
Doch der Mann sprang auf sie zu, anstatt wegzulaufen – und schon war er direkt vor ihr.
Sie stieß mit dem kleinen Messer nach ihm, doch in ebendiesem Moment musste sie sich eingestehen, dass sie keine Ahnung von seinem Gebrauch hatte.
Mühelos schlug er ihre Hand beiseite und packte zu.
Bevor sie schreien oder sich verteidigen konnte, war ihr Messer verschwunden, und ihr Körper wurde unsanft zur Seite geschleudert. Alles drehte sich. Schon war sie mit dem Rücken an seine dürre Brust gepresst, und ihre Füße verloren den Kontakt zum staubigen Boden.
Das Lederband rutschte ihr von der Stirn, und ihr hochgesteckter Zopf löste sich, während sie sich kreischend gegen seinen Griff wehrte.
Sein Lachen klang seltsam gekünstelt, als habe er gerade seine Pläne vollkommen geändert.
»Hahaha! Ein kleines Mädchen? Ich habe eine kleine Ratke geschnappt?«
»Argh!« Zayda strampelte in seinen Armen, doch er hielt sie mit der Kraft eiserner Verzweiflung umklammert.
»Nana, nicht so zappeln! Ich hatte mit einer Gruppe deiner größeren Brüder gerechnet, aber das hier ändert alles!«
»Nichts ändert das!«, rief sie wütend. Sie brauchte ihre Brüder kein bisschen, auch wenn er damit vermutlich nur die anderen Anwärter meinte.
Gerade als sie es fast geschafft hatte, sich von dem Kerl loszureißen, löste sich sein linker Arm, und etwas Kaltes presste sich an ihre Kehle.
»So, meine Kleine, schon wendet sich das Blatt, was? Wer gehört jetzt wem?«
Sie zuckte nur noch einmal und zischte wütend, als er ihr die eigene Klinge schmerzhaft gegen den Hals drückte. Da sie sofort stillhielt, grunzte er zufrieden.
»Sehr schön, jetzt verstehen wir uns, nicht wahr?«
Sein säuerlicher Atem strich über ihr Gesicht und ließ sie würgen, doch noch pochte ihr Herz zu schnell, und ihre Gedanken rasten zu wild, um die Angst zuzulassen.
Sicherlich würden jeden Moment Sommersprosse und einige andere Jungen auftauchen – und im Gegensatz zu ihr waren sie klug genug gewesen, sich eine Axt und große Jagdmesser als Waffen für das Ritual auszuwählen.
Wer hätte auch geahnt, dass ihr geheimer Wunsch, an diesem wichtigen Tag dabei zu sein, so plötzlich wahr werden würde?
Der Widerling mit seinem stinkenden Atem hatte kein Recht dazu, ihr das zu verderben! Wo blieben die anderen? Und wo verdammt steckte ihr eigener Mut?
Während der Sklave sie noch umklammert hielt, drehte er sich um und trug sie weg vom Platz, in die Schatten der Gasse.
»Lass mich los!«
»Ach? Und dann? Rennst du zu deinen Eltern und lässt mich vierteilen?«
»Oder achteln!«, keifte sie zurück, was allerdings nur dazu führte, dass er das Messer stärker an ihren Hals presste.
Eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf flüsterte ihr zu, dass das alte Schnitzmesser eigentlich viel zu stumpf sein müsste, um ihre Haut aufzuschlitzen. Während der Schock so langsam von ihr abfiel, stieg echte Angst in ihr hoch.
Eine Ratke hatte keine Angst! Niemals …
Doch da fraß sich ein Schmerz von innen durch ihren Magen und ihre Brust. Die flüsternden Funken, die auch seinen Körper berührten, ließen sie zittern. Dieser fremde Mann war vollkommen verzweifelt, vermutlich bereit, alles zu tun. Die Funken schlichen sich leise über seine löchrige Kleidung und die verkratzte Haut voller roter Pusteln.
Alles an ihm vibrierte, während er leise, fast ungläubig lachte.
»Du bist der Preis für meine Freiheit!«
Zayda konnte nicht anders: Sie schnaubte.
»Was soll das? Sei nicht so dreist, du kleine Göre!«
»Glaubst du wirklich, Ratken würden sich erpressen lassen? Meine Mama ist die Härteste von allen, und mein Vater wird dich einfach erschlagen! Ihr Sklaven seid alle gleich! Ihr seid fiese Gauner und sollt heute sterben! So will es die Hüterin!«
Seine Hand krallte sich schmerzhaft in ihre Seite und drückte ihr die Luft ab, doch ihre Worte verpufften ohne Wirkung.
Da verpasste er ihr mit dem Messerknauf einen Schlag gegen den Kopf.
Einen Augenblick lang verschwamm alles vor ihren Augen, und ihr Körper erschlaffte, während er sie tiefer in die Gasse trug und auf etwas zuhielt, das wie ein Treppenabgang zu einem Keller aussah.
Ein Ächzen entwich ihrer Kehle. Ihr Schädel brummte, doch das war immer noch besser, als dass ihrer Kehle etwas ganz anderes entwich. Blut zum Beispiel.
Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: Der Schlag bedeutete, dass das Messer nicht mehr an ihrer Kehle lag.
Zayda strampelte wild mit den Beinen und biss nach seinem Arm, der sich um ihre Brust presste, während sie herunterrutschte. Sie bekam nur kurz seine Haut zwischen die Zähne, bevor das Messer wieder an ihrer Kehle saß und in ihr Fleisch schnitt.
»Weißt du, wie das ist, für deine Leute schuften zu müssen? Das ganze Leben lang? Meine Frau habe ich hier kennengelernt, durfte sie aber kaum sehen! Nur, um ein Kind zu zeugen, das uns dann weggenommen wurde. Deine Leute sind Bestien!«
»Du bist verrückt!«
»Meine Frau ist tot! Die Ratken haben sie sich geschnappt und eine Runde Spaß mit ihr gehabt. So lange, bis sie leblos dalag! Und mich haben sie zusehen lassen, weil ich nicht schnell genug arbeite!« Er schüttelte sie grob und brachte ihre Sicht erneut zum Schwirren.
»Weißt du, was wir beide jetzt machen?«
Der stinkende Sklave drückte sie tiefer in den verwaisten Treppenabgang und stieß sie durch eine Tür, dass ihre Knie gegen das Holz prallten. Sie konnte kaum noch atmen, so fest drückte er sie an sich, während sich seine Brust wütend hob und senkte.
»Wir werden jetzt auch ein bisschen Spaß haben!«
Eiseskälte schoss Zaydas Rückgrat hinab. Selbst mit zehn Sommern wusste sie bereits, was das bedeutete. Immerhin hatte sie drei ältere Brüder, und Darzir prahlte nicht selten vor den beiden anderen mit seinen Eroberungen.
Sie wusste, was in diesem Keller auf sie zukam.
Eine Mischung aus Angst und Wut folgte dem kalten Schauer – und wandelte sich auf einmal in brodelndes Feuer.
Sie schrie! Sie schrie ihn an und jagte ihre Funken auf ihn, die jetzt nicht mehr flüsterten, sondern knisterten wie Flammen. Sie hetzte die glühende Magie auf ihn wie eine Meute wütender Jagdhunde, und ihr kindliches Brüllen wurde von seinen qualvollen Schreien übertönt. Mit einem heftigen Zucken ließ der Sklave sie los. Zayda stürzte nach vorne, prallte mit den Knien hart auf den gestampften Lehmboden des Kellers auf, während der widerliche Mann hinter ihr zu Boden ging.
Sie verbiss den Schmerz und sprang rasch auf die Beine, doch er hatte das Messer schon längst losgelassen und sich die Hände vor das Gesicht geschlagen. Rot glühende Funken sprangen um seinen Kopf und die Haut an seiner Stirn, die jetzt Blasen warf. Im nächsten Augenblick zuckte er heftig, bäumte sich auf dem Boden auf, dass sich sein Rücken durchbog und nicht mehr den Lehm berührte. Sie ballte die Fäuste, war wütend auf diesen Widerling, war wütend auf den Sommersprossenjungen, der ihr all das eingebrockt hatte, und wütend auf sich selbst.
Sie hätte sich nicht so einfangen lassen dürfen, hätte geschickter sein müssen – und der Sklave zahlte nun für all das den Preis.
Er stöhnte noch einmal, spie unverständliche Worte aus, kippte zur Seite und blieb leblos liegen.
Die Stille, die seinem Todeskampf folgte, war erschreckender als alles zuvor. Sie wollte das Mädchen verschlucken, das sich schließlich wieder daran erinnerte, wie ihre Lunge zu atmen hatte, und laut nach Luft schnappte.
Es roch nach verkohltem Fleisch.
Zayda starrte entsetzt auf das verbrannte Gesicht des Sklaven und seine aufgerissenen, seltsam hervorquellenden Augen, bevor sie zurückwich und sich in einer Ecke des stickigen Kellers erbrach.
Anschließend erfüllte nur noch ihr röchelnder Atem den dunklen Raum. Sie tastete sich zurück in den Lichtkegel, der durch die Tür drang und genau auf den verkrümmten Leib fiel.
War er wirklich tot?
Zayda trat vorsichtig an ihn heran, stieß zaghaft mit ihrem Stiefel an sein Bein und rümpfte die Nase.
Er hatte sich eingenässt, und da er nicht mehr blinzelte, musste er wohl tot sein.
Sie hatte sich noch nie so vielen Gefühlen gleichzeitig ausgesetzt gesehen. Was sollte sie jetzt tun? Sie fühlte sich schrecklich gedemütigt und wütend – und ratlos.
Ich brauche einen Beweis … einen Beweis, dass ich ihn erledigt habe. Und dann nichts wie raus. Ich will heim, nur heim.
Tränen schossen in ihre Augen, doch sie wischte sie vehement weg. Sie unterdrückte ein lautes Schniefen, das ihrer Nase entweichen wollte, und klaubte das Messer vom Boden auf.
Es wirkte jetzt sonderbar lächerlich in ihrer Hand.
Weshalb hatte sie nie zuvor so etwas mit ihren Flüsterfunken bewirkt? Und was hatte sie eigentlich getan?
Mit zitternden Fingern trat sie näher und kniete sich schließlich neben den Toten; schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was die Trophäe sein sollte. Was hatten die Anwärter letztes Jahr mitgebracht? Sie erinnerte sich nicht!
Sollte sie ihm tatsächlich eine Hand abschneiden? Oder die Zunge?
Sonderbarerweise konnte sich Zayda nicht vorstellen, dass der Tempel der Hüterin auf solche Weise beschmutzt werden sollte. Blutverschmierte Gliedmaßen von Niederen?
Dann fiel ihr Blick auf seinen Hals. Unter der verschwitzten, schmutzigen Tunika trug der tote Sklave einen Metallreif, ein Halsband. Sie hatte es auch schon bei anderen Dienern gesehen, die sich nicht den Regeln unterordnen wollten oder denen man nicht richtig trauen konnte.
Auf jedem Halsband war eine bestimmte Zahl eingraviert.
Der Verschluss im Nacken war nicht so einfach zu öffnen.
Zayda nahm das Messer fester in die Hand und machte sich ans Werk. Einige Male rutschte sie ab und fluchte – allerdings mehr, um das Würgen zu unterdrücken, das sich aus ihrem Magen herausschleichen wollte.
Als das Metallband frei war, machte sie rasch ein paar Schritte von der stinkenden Leiche weg und atmete erst wieder tief durch, nachdem sie den Keller verlassen hatte.
Mit zittrigen Fingern steckte sie sich die Haare wieder hoch und knotete das Stirnband fest.
Leise Rufe hallten von irgendwo links über die Häuser und verloren sich zwischen den Wänden und geschlossenen Fenstern. Sie verspürte nicht die geringste Lust, auf den kleinen Marktplatz zurückzukehren, auf dem der Sklave sie so schändlich übertölpelt hatte.
Nichts wie raus hier, dachte sie, behielt das blutige Messer aber lieber in der Hand, falls noch andere widerspenstige Sklaven in dem Viertel am Leben waren.
Doch auf ihrem Weg die schattigen Gassen hinauf blieb alles ruhig. Sie stieß noch auf einige tote Sklaven, die eindeutig älter gewesen waren und sicherlich kaum Widerstand geleistet hatten.
Während sie die Treppenstufen des Hügels erklomm, breitete sich eine Wärme in ihrer Brust aus, die sie bald als eine ihr unbekannte Form von Stolz einordnete. Auf gewisse Weise hatte Sommersprosse ihr sogar einen Gefallen getan.
Sie würde mit diesem Kampf viel besser prahlen können als er mit seiner hinterlistigen Finte.
Genüsslich malte sie sich gerade aus, wie sie ihn damit erniedrigen würde, da stockte sie, und eine tiefe Enttäuschung stieg in ihr hoch.
Sie durfte ja niemandem sagen, wie sie ihn getötet hatte! Das gäbe sicherlich Ärger.
Mit diesem sorgenvollen Gedanken erreichte sie den Tempelplatz am Ende der Stufen.
Die unsichtbare Grenze vor dem Ritualbeginn, die bisher eine klar definierte Linie entlang des Tempelplatzes gezogen hatte, war mittlerweile aufgelöst, und vereinzelte Gruppen standen hier und da um bereits eingetroffene Anwärter versammelt.
Zayda zögerte, blieb zunächst im Schatten stehen und beobachtete, wie ein Junge aus einer anderen Gasse hervortrat und triumphierend etwas in die Höhe streckte, das sie aber nicht genau erkennen konnte.
Sie ignorierte die Rufe der Begeisterung, die dem Anwärter galten, und war insgeheim froh, dass es nicht Sommersprosse war. Vermutlich hätte sie ihm das Halsband ihres Sklaven an den Kopf gepfeffert und sich damit zum Gespött aller Anwesenden gemacht, weil sie wieder etwas Unbedachtes tat.
Stattdessen ließ sie den Blick suchend über die Menge schweifen und entdeckte schließlich einige bekannte Gesichter.
Ihre Eltern und Zeruk standen um Djark geschart, andere lachten und versetzten ihrem Bruder kräftige Knuffe gegen die Schultern. Er lächelte zaghaft, fuhr sich mit den Lippen über die Zähne, die wohl noch schmerzen mussten. Er war jetzt ein Mann.
Und das war Zaydas Chance!
Alle, die sie möglicherweise erkannt hätten, waren gerade abgelenkt.
Sie umklammerte die blutige Metallklammer fester und verbarg sie unter ihrem Mantel, bevor sie aus den Schatten in die warme Nachmittagssonne trat.
Sie hatte spöttisches Lachen erwartet oder ablehnende Rufe – stattdessen empfing auch sie der aufbauende Jubel der wartenden Menge. Ein stolzes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich entspannte und aus der geduckten Haltung aufrichtete.
»Sogar der Kleine!«, zischte einer der Anwärter in ihrer Nähe, und es klang so überrascht, dass sie beinahe laut aufgelacht hätte.
Du wirst Augen machen, wenn ich erst einmal aus dem Tempel zurück bin!
Das würden sie alle, da war sich Zayda sicher.
Kurz meinte sie, den Blick ihrer Mutter auf ihrer Schulter zu spüren, dann war sie auch schon durch die Menge hindurch und hatte die Treppen zum Tempel erreicht.
Er war ihr noch nie so gewaltig vorgekommen.
Am Eingang blieb sie kurz stehen, trat dann jedoch ein, da sie keine Schwäche zeigen wollte.
Im Tempelinneren war es gewohnt kühl. Die Luft roch feucht und nach verbrannten Kräutern.
Es war wie immer recht still. Weiter vorne, bei den erhöht stehenden Statuen, warteten einige Gestalten. Den Erhabensten von ihnen erkannte sie sofort: Es war der Ritualmeister. Er stand auf den Stufen eines kleinen Podests und wirkte dadurch noch riesenhafter. Gerade nahm er etwas von einem Anwärter entgegen und berührte ihn an der Stirn.
Zayda trat währenddessen langsam näher und versuchte, die einschüchternde Atmosphäre auszublenden. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus, als sie Kalaratis Anwesenheit spürte, wie ein Prickeln in ihrem Hinterkopf, das ihre Funken zum Vibrieren brachte.
Schließlich hatte sie den erhöhten Bereich ganz hinten im Tempel erreicht. Da die Fackeln sehr stark rußten, musste sie ein Husten unterdrücken. Vor ihr standen noch immer zwei Jungen und warteten. Zayda versteifte sich, als sie einen Blick auf den Mann neben dem Ritualmeister mit den Bronzeaugen werfen konnte.
Seine Augen leuchteten!
Hinter ihr näherten sich Schritte, und jemand stellte sich in der Reihe an. Viel zu dicht an ihrem Rücken.
Sie brauchte keinen Blick nach hinten zu werfen, ihre flüsternden Funken erkannten seine dämliche Fresse sofort wieder.
Sommersprosse!
Sie hatte fest damit gerechnet, dass der Junge schon längst zurück bei seiner Sippe wäre und feierte, doch stattdessen stellte er sich hinter sie in die kurze Reihe der Wartenden.
Ein leises, für ein junges Mädchen äußerst unschickliches Schimpfwort wollte sich über ihre Lippen stehlen, doch sie presste sie fest zusammen.
Auf einmal fühlte sie sich eingekeilt zwischen zwei unangenehmen Aussichten: Hinter ihr dieser Idiot … und vor ihr ein Magier.
»Du hast hier nichts verloren!«, flüsterte Sommersprosse drohend und so leise, dass nur sie es hören konnte.
»Das werden wir ja gleich sehen, Dieb!«
Sie machte einen Schritt nach vorn, nur weg von ihm, doch er hielt sie an der Schulter fest, sodass ihr zu kurzer Mantel zurückrutschte und ihre Hand preisgab.
Seine Augen weiteten sich, als er das blutige Metall rechts und links aus ihrer Faust ragen sah.
»Das ist ein Halsband!«, stellte er flüsternd fest.
Sie nickte. Mehr nicht.
»Wieso … wieso bringst du denn das, du Dummkopf?«
Sie warf ihm einen irritierten Blick über die Schulter zu und versuchte, den Angstkloß zu ignorieren, der sich in ihrem Hals ausbreitete. Das war die Bestätigung. Sie hatte die falsche Trophäe.
»Wie hast du es abbekommen?«, fragte er weiter.
Sie verdrehte die Augen, wollte einfach nur, dass er sie endlich in Ruhe ließ! Wie sollte sie sich auf die bevorstehende Konfrontation mit dem Magier einstellen, wenn er sie die ganze Zeit ablenkte?
»Ich habe ihm den Kopf abgeschnitten!«, zischte Zayda wütend zurück und fühlte sich seltsam befriedigt, als er mit bleichem Gesicht einen Schritt zurückwich.
Jetzt hatte sie es ihm gezeigt!
Als sie sich wieder nach vorne umwandte, war da nur noch Leere zwischen ihr und dem Podest, auf dem der Ritualmeister und sein Begleiter warteten. Wie konnte die Zeit so völlig unkontrolliert vergehen? Sie war noch nicht bereit!
Neben dem Meister, der sie mittlerweile ungehalten taxierte, lag eine breite Schale, in der bereits einige längliche Dinge der Hüterin geopfert worden waren.
Der rechte Daumen … der Finger, der das Schwert kontrolliert … opfert ihn der Hüterin, um zu zeigen, dass ihr einem Sklaven niemals eine Waffe überlasst.
Na toll, dachte Zayda mit zusammengepressten Lippen. Jetzt fällt mir der Ritualtext wieder ein.
Sie überlegte tatsächlich, ob sie sich nicht irgendwie wieder davonstehlen könnte … aber dafür war es jetzt eindeutig zu spät, denn eine ausgestreckte Hand forderte sie dazu auf, ihre Opfergabe für Kalarati auszuhändigen.
Mit zitternden Knien überreichte sie ihm das runde Stück Metall, das aus zwei verbundenen Hälften bestand – und lenkte sofort die Aufmerksamkeit des Magiers auf sich.
Der Ritualmeister drehte und wendete das Halsband und bedachte besonders das Blut mit einer tief gefurchten Stirn.
»Wo hast du das denn gefunden, Knirps?«
»Am Hals eines Sklaven, den ich getötet habe«, erwiderte sie, selbst ein wenig überrascht von ihrer aalglatten Antwort.
»Er hat dem Sklaven dafür den Kopf abgeschnitten!«, rief Sommersprosse, und Zayda stöhnte genervt.
Die beiden hochrangigen Ratken warfen ihm nur einen abschätzenden Blick zu, in dem jedoch eine deutliche Warnung lag. Der Junge schluckte hörbar und war dann still.
»Davon werden wir uns später überzeugen müssen, denn dieses Teil hier ist nicht als Gabe an die Hüterin geeignet.«
Mit diesen knappen Worten reichte er es an sie zurück, als wäre die Sache damit erledigt.
»Ich kann den Daumen holen!«, protestierte Zayda atemlos.
»Da bin ich sicher«, erwiderte der Ritualmeister, und sein mitleidiger Blick machte ihr klar, dass er ihr kein Wort glaubte. Vermutlich dachte er, sie hätte eine Geschichte erfunden, die der Junge hinter ihr dämlich nachgeplappert hatte.
Das konnte nicht so enden! Sie war so nah am Ziel, ihr Leben ein für alle Mal zu wandeln und es nicht länger nur von ihrer Mutter bestimmen zu lassen.
»Ich habe mir mein Zeichen verdient wie jeder andere auch!«
Als sie die Faust ballte, schossen die Augen des Magiers in ihre Richtung. Er trat näher zu ihr, und sein raschelnder Mantel übertönte ihren aufgeregten Atem.
»Lass sie sich doch beweisen.«
»Danke, Herr«, erwiderte Zayda – und erkannte erst, dass er sie ausgetrickst hatte, als Sommersprosse ein überraschtes Ächzen entwich. Der Ritualmeister war auch neben sie getreten und packte sie an der Schulter, so schmerzhaft, dass sie unweigerlich zischte.
»Ein Mädchen?« Er riss ihr das Stirnband weg, und schon fiel ihr Zopf frei herunter, und zerzauste Strähnen hingen ihr ins Gesicht.
Doch auf einen Wink des Magiers ließ Bronzeauge sie wieder los. Als sie allerdings dieser glühende Blick traf, wünschte sie sich in die groben Hände des Ritualmeisters zurück.
Die Stimme des Magiers hallte in ihrem Kopf wider und ließ ihr beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Da er die Lippen nicht bewegte, wurde ihr klar, dass er allein mit ihr sprach.
Wie hast du ihn getötet?
Er musterte sie noch einen Moment, bevor sein Blick auf das Halsband fiel und er fordernd die Hand ausstreckte.
Mit zitternden Fingern überreichte sie ihm das blutverschmierte Ding aus Metall und spürte, wie ein Sirren durch ihre Fingerkuppen in ihren Arm schoss, als seine Hand kurz ihre berührte.
»Mit einem Messer«, erwiderte sie mit erstickter Stimme.
Ein Schauer rann ihren Rücken hinab, als der Ratke rau lachte.
Nein, du lügst. Doch du belügst einen Magier. Ich frage dich noch einmal: Wie hast du ihn getötet?
Sie zog das Messer hervor und hielt es ihm hin, doch die Angst hatte jetzt ihr Herz ergriffen.
Du bist ein ganz schön stures Mädchen, junge Zayda, um nicht das lobende Wort willensstark zu verwenden. Ich habe noch nicht entschieden, ob du das verdient hast.
Der Schauer wurde jetzt zu Eis.
»Woher …«
»Ich deinen Namen kenne? Du schreist ihn mir in deinen Gedanken förmlich entgegen, junge Tochter des Stadtherrn.«
Während sie sich mühsam zu entspannen versuchte, versteifte sich Sommersprosse hinter ihr deutlich.
»Was dein Bruder wohl dazu sagt?«
»Er … weiß nicht, dass ich hier bin. Hat er … es geschafft?«
Der Ritualmeister nickte langsam, während der Magier das Gespräch fortführte.
»Wie alt bist du, Zayda? Du wirkst etwas schmächtig für die heutige Initiation.«
»Ich bin fünfzehn.«
Das Lächeln auf seinen Lippen verriet ihr sofort, dass er ihre Lüge durchschaute. Er legte den Kopf leicht schief und wartete.
»Ich bin zwölf.«
Das Lächeln blieb weiter bestehen, doch anhand des leichten Zuckens in den Mundwinkeln konnte sie erkennen, dass er noch immer nicht zufrieden war.
Seufzend senkte sie den Kopf. »Zehn.«
