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"Es heißt, vor vielen hundert Wintern erleuchteten unzählige Sterne den Nachthimmel taghell", begann Ashanee und deutete hinauf in die Dunkelheit. "Doch etliche Sterne sehnten sich danach, der Welt Wärme und Wandel zu schenken und lösten sich daher vom Himmel. Begierig nach Macht, wollten manche so viel Einfluss wie die strahlende Sonne und vergaßen sich darüber selbst. Sie verglühten als Feuerregen und entstiegen den Flammen als Dämonen. Erfüllt von Hass, brachten sie Krieg und Mord über die Menschen. Die ruhigeren Sterne aber hüllten sich bei ihrer Ankunft in Wasser und Nebel. Sie verglühten nicht, sondern kühlten ab und wurden so zu Geistern des Mondes, die uns Schutz und Heilung gewähren, wenn wir ihrer würdig sind." Jamil starrte hinaus aufs Meer, während er der Legende lauschte. Er spürte die prickelnde Kraft des Mondes auf seiner Haut … doch in seinem Inneren tobte ein fremdes, brodelndes Feuer. Der neue Fantasyroman von Farina de Waard, in dem ein junger Mann um sein Überleben - und um Frieden zwischen zwei Kulturen kämpft.
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Seitenzahl: 579
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Farina de Waard
Jamil - Zerrissene Seele
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zitat
Widmung
Prolog
Der Sturm
Das Urteil
Scharfe Klingen
Schwäche
Im Fiebertraum
Feuer und Wasser
Das Licht der Nacht
Der Verrat
Versprechungen
Das Ende des Sommers
Eisenerz
Das Schicksal der Sterne
Jamil und Ashanee
Drogenrausch
Der innere Dämon
Die innere Ruhe
Die Falle
Die Worte der Knochen
Kein Weg zurück
Blut und Asche
Flammendes Herz
Feuerteufel
Erwachen
Epilog
Impressum neobooks
„Nennt mich Feuer, nennt mich Glut,
Ich bin die Rache in der Not.
Nennt mich Feuer, nennt mich Wut,
Ich bin das Leben … nach dem Tod.“
Für meine Eltern,
die mich immer lieben und unterstützen.
Für meine Freunde und Lektoren,
die mir bei der Erfüllung meiner Träume helfen.
Für meine Leser – und für die Welt.
Möget ihr einen kleinen Funken Wahrheit über
Konflikte und Vorurteile in meinen Zeilen entdecken.
Niemals hatte Jamil damit gerechnet, dass seine Verlobung mit Lezana ein Inferno solchen Ausmaßes auslösen würde.
Jetzt zerrte er seine Mutter aus dem beißenden Rauch und stolperte hustend mit ihr die Treppe hinunter. Sie verließen ihr brennendes Haus durch den Seiteneingang und stießen dort auf Jamils Bruder, den eine wild zusammengewürfelte Gruppe verängstigter Menschen umringte.
Als Balor einige der Männer anwies, wie sie ihre Armbrüste einsetzen sollten, wurde Jamil mit Schrecken klar, dass nicht einer von ihnen der Stadtwache angehörte. Balor war von der Mauer zurückgekehrt, ohne ernsthafte Verstärkung mitzubringen.
Schmerzensschreie und verzweifelte Rufe schallten über die Gebäude, hinter denen schwarze Rauchsäulen in den sternenklaren Nachthimmel aufstiegen.
Das Brüllen des angreifenden Heeres erfüllte die Luft und wurde mit dessen Nahen immer lauter. Weinende Frauen umklammerten ihre Kinder, flohen aus den Häusern, ohne zu wissen, wo sie vor der Verheerung Schutz finden sollten.
Die ganze Stadt versank vor ihren Augen in Chaos und Feuer.
Navenne strauchelte, vom Anblick der Zerstörung völlig übermannt, doch Jamil fing ihren Blick und holte sie ins Hier und Jetzt zurück.
Der funkenstiebende Himmel spiegelte sich in ihren glänzenden Augen, als sie ihm endlich wieder zuhörte.
»Mutter, du musst diesen Leuten helfen! Flieht zum Hafen und versteckt euch dort am Wasser! Notfalls klettert unter die Piers und seid ganz still. Wir versuchen, sie aufzuhalten!«
Navenne nickte zitternd, als er ihr ein Messer in die Hand drückte. Jamil wusste, dass sie als Schreiberin bisher noch nie eine Waffe eingesetzt hatte. »Ich werde Vater suchen. Du bist die Frau des Rätors, also führe diese Leute! Wir treffen uns am Hafen, hast du verstanden?«
Als sie nicht sofort reagierte, schloss er ihre Finger um den Messergriff. »Alles wird gut. Jetzt geht!«
Seine Mutter versteifte sich, dann rannte sie mit den anderen Frauen und Kindern die dunkle Allee entlang und verschwand über den Hügel, hinter dem der Hafen lag. Jamil wandte sich an seinen Bruder, der den zurückgebliebenen Männern weitere Anweisungen gab.
Ein Junge kam durch die rauchverhangene Straße auf sie zugestolpert, das Gesicht rußverschmiert und voller Schrammen. Er blieb keuchend vor ihnen stehen und deutete die Straße hinab. »Die Verteidigung ist gefallen. Die Grauen stürmen die Stadt und erschießen jeden mit ihren Gewehren!«
Tränen traten dem Jungen in die Augen. »Ich muss meine Eltern finden!«, flehte er und rannte Hals über Kopf in Richtung des Lärms.
»Warte!«, brüllte Jamil ihm hinterher, doch da verschwand der Junge schon um die Straßenecke – und Schüsse krachten durch die dunklen Gassen.
Jamil widerstand mühsam dem Impuls, dem Unglücklichen nachzueilen und half stattdessen seinem Bruder. Balor scharte die wenigen Bewaffneten um sich. »Wir brauchen Barrikaden! Die Karren da! Werft sie um!«
Im Augenwinkel sahen sie, dass am unteren Ende der Straße die ersten Feinde auftauchten. In ihren grauen Uniformen und mit den dunklen Metallplatten und Helmen glichen sie eher Geschöpfen aus Schreckensgeschichten als Menschen, denen man etwas entgegensetzen könnte.
Zum ersten Mal bereute Jamil es, dass ihre Handelsstadt sich nie auf die Weiterentwicklung von Schusswaffen spezialisiert hatte. Bisher hatten sie nur Armbrüste für die Jagd oder auf der Stadtmauer zur Abschreckung eingesetzt.
Er packte mit an und in ihrer Verzweiflung fanden sie gemeinsam die Kraft, die Wagen umzustürzen. Darauf geladene Fässer polterten die abschüssige Pflasterstraße hinab und prallten splitternd gegen die Soldaten, die gerade ihre Gewehre angelegt hatten.
Tausend Gedanken schossen Jamil durch den Kopf, während sie sich hinter den dicken Bohlen und Streben des Karrenbodens in Sicherheit brachten.
»Wo sind Lezana und ihre Familie?«, fragte er seinen Bruder, doch der bittere Ausdruck auf dessen Gesicht sprach Bände. Balor biss sich auf die Lippe und wirkte einen Moment so, als leide er mehr, als Jamil es jemals könnte.
»Sie … sie haben es nicht geschafft«, stammelte Balor und wurde dabei ganz blass. »Es tut mir leid! Die Soldaten waren auf einmal überall auf dem Handelsplatz beim Stadttor und überfielen die Wachen und …«
Jamil spürte eine eisige Kälte in seiner Brust, die rasch zu einem schmerzhaften Knoten wurde. Er hatte seine Verlobte zwar nicht geliebt, aber einer ausgehandelten Heirat so zu entgehen, hätte er sich niemals gewünscht. Er wollte immer alles tun, um seiner Familie und ihrem Stadtstaat zu dienen. Die Verlobung mit der Königstochter war eine Abmachung gewesen, die ihre Handelsbeziehung stärken sollte … und von ihren jetzigen Angreifern als folgenschwerer Bündnisbruch aufgefasst wurde.
Es wollte nicht zu ihm durchdringen, dass Lezana jetzt tot sein sollte. Einfach so? Ihr unschuldiges, sanftes Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf, ihr Anblick, als sie mit ihren Eltern aus dem zerschlagenen Königreich zu ihnen floh und um Schutz bat. Die Grauen Soldaten hätten sie damals ohne zu zögern getötet. Die Flucht zu ihnen nach Kas’Tiel war ihr letzter Ausweg gewesen … und besiegelte ihr Schicksal ebenso wie das der Handelsstadt.
Als er sich endlich von den Erinnerungen losreißen konnte, war Balor schon nicht mehr neben ihm, sondern kommandierte die Verteidigung.
»Schießt!«, brüllte er über den Lärm des Schlachtengetümmels hinweg und schickte damit einen kleinen Schauer aus Bolzen auf die Angreifer. Rufe bellten durch die Straßen, die Grauen Soldaten hoben wie ein Mann ihre Schilde. Dennoch fielen einige getroffen zu Boden.
Balor wollte etwas befehlen, duckte sich dann aber rasch hinter den umgestürzten Karren neben Jamil, als ihr Beschuss erwidert wurde. Das Krachen der Gewehre und der einschlagenden Kugeln erfüllte die Häuserschlucht und fällte einen nach dem anderen in ihrer kleinen Verteidigungslinie, bevor die restlichen die Flucht ergriffen.
Holzstücke flogen durch die Luft, als die Geschosse durch den Wagenboden schlugen und die Brüder hinter den Streben nur um Haaresbreite verfehlten. Innerhalb weniger Augenblicke waren sie allein, umgeben von sterbenden jungen Männern und fallengelassenen Armbrüsten.
Balors Verteidigung war vernichtet, das wurde Jamil schneller bewusst als seinem jüngeren Bruder, der gerade aufsprang und einen Bolzen nachlud.
»Wir können sie nicht mehr aufhalten! Selbst wenn du im Alleingang zehn erschießt, kommen hundert neue von der Stadtmauer. Sie werden unsere lächerliche Verteidigung einfach überrennen!«, brüllte er über die Schüsse hinweg – da riss eine Explosion allen Lärm mit sich und schleuderte die beiden mit einer Druckwelle gegen den Karren. Brennendes Stroh, Holz und Ziegelsteine regneten auf die Straße, als auf der anderen Seite mehrere Häuser in einem Feuersturm auseinandergerissen wurden. Ein Balken krachte direkt neben ihnen zu Boden, Staub und Rauch verhüllten einen Moment lang die Umgebung.
Jamils Ohren klingelten und er klopfte sich hustend brennendes Stroh von den Schultern, bevor er die Trümmer eines Balkens von Balor hob. Sein Bruder war benommen, schien aber unverletzt, als Jamil ihn auf die Beine zog und einen kurzen Blick durch eines der Löcher im Karren wagte.
Die grauen Soldaten hatten sich schneller aus ihrer Starre befreit, eilten formiert die Straße entlang auf sie zu.
Eine weitere Explosion erschütterte den Grund und ließ die restlichen Fensterscheiben der sie umgebenden Häuser bersten. Balor schreckte auf und kam wieder zu sich, spannte seine Armbrust und schoss den letzten Bolzen. Die Spitze schlug in die Brust des ersten Soldaten, der gerade über den umgestürzten Wagen auf sie zusprang.
Der Angreifer brach zusammen und Rufe hallten zu ihnen, die den anderen befahlen, sich Deckung zu suchen. Scheinbar hatten sie geglaubt, dass auf ihrer Seite niemand mehr am Leben war.
»Wir müssen hier weg!«, zischte Jamil und packte Balor am Arm, doch sein Bruder riss sich los und zog dem toten Soldaten das Gewehr aus den Händen.
Er gab brüllend einen Schuss ab, der ihm die Waffe gegen die Schulter presste, und tastete dann fluchend den Toten nach Schießpulver und weiteren Kugeln ab.
»Lass das, Idiot!« Jamil zerrte ihn auf die Beine und hinter sich her. Die Straße vor ihnen war von Schutt und Balken versperrt, also trat er eine Tür auf ihrer Seite ein und stieß seinen Bruder in den dämmerigen Eingang. Er schlug die Tür hinter sich zu und verbarrikadierte sie mit einem Stuhl, auch wenn das kaum helfen würde.
Balor war mittlerweile wieder bei Sinnen und suchte mit ihm nach einem zweiten Ausgang. Gemeinsam eilten sie in den fremden Innenhof, in dem ein kleiner Gemüsegarten unter Schutt begraben lag.
»Diese verfluchten Bomben!«, murmelte Balor und ballte die Fäuste.
»Weiter!«, befahl Jamil und deutete auf eine gegenüberliegende Tür, die hoffentlich auf die Nachbarstraße führen würde. »Wir müssen zum Hafen, das ist unsere einzige Chance!«
»Wir können die Stadt nicht aufgeben! Was ist mit Vater? Wie sollen wir ihn finden?«, fragte Balor, während Jamil sich gegen die Tür warf und den Schmerz in seiner Schulter ignorierte, als sie aus dem Schloss brach.
»Ich lasse nicht zu, dass du ihn auf eigene Faust suchst. Wir helfen den Überlebenden im Hafen!«
Sein Bruder folgte ihm fluchend und sie stolperten durch das fremde Haus auf die nächste Straße, die zu ihrer Erleichterung verwaist war.
Obwohl der Lärm der Zerstörung die ganze Stadt erfüllte, war ihre Umgebung gespenstisch leer. Einen Moment lang hatte Jamil die Hoffnung, dass hier alle hatten fliehen können – dann fiel sein Blick auf die reglosen Gestalten von Männern, Frauen und Kindern, die allesamt vor ihren Häusern niedergestreckt worden waren.
Beim Anblick der Toten, so sinnlos aus dem Leben gerissen, wurde Jamil übel.
Zu seiner Überraschung war es jetzt sein kleiner Bruder, der ihn am Arm weiterzog. Schlagartig fühlte er sich hilflos und verloren. Die Grauen Soldaten fielen eiskalt über Kas’Tiel her und zeigten kein Erbarmen.
Er folgte Balor durch ein Gewirr aus Gassen und mehr als einmal sahen sie die Uniformierten, wie sie mit ihren Gewehren Menschen vor sich hertrieben.
Als sie das Hafenviertel erreichten, waren sich beide Brüder sicher, dass die Soldaten jeden auf ihrem Vernichtungszug erschießen oder versklaven würden.
Jamil stach der Anblick des Hafens so sehr in der Brust, dass er keuchen musste. Er hatte die Fliehenden und seine Mutter in den sicheren Tod geschickt.
Die Soldaten hatte ganze Arbeit geleistet: Auf den ersten Blick konnte er kein einziges Schiff erspähen, das nicht in Flammen stand. Funken stoben wie Myriaden von Glühwürmchen gen Himmel. Die Hitze erzeugte einen Sog, der an ihren Kleidern zerrte. Dazu kam der ohrenbetäubende Lärm von knackenden Balken und lodernden Flammen.
»Navenne! Wo seid ihr?«, brüllte Jamil atemlos über den tosenden Brand hinweg.
Balor wankte neben ihm. Sie spürten beide, wie sich Entsetzen in ihren Knochen breitmachte. Es war vorbei. Die Soldaten hatten die Stadt überrannt und nur die Götter wussten, wie viele schon gestorben waren.
Sie würden dazu gehören.
Gerade als Jamil Gebrüll in den Hafenstraßen hörte und Balor ins Wasser stoßen wollte, damit sie sich unter dem Pier verbergen konnten, fiel sein Blick auf den Rand der großen Bucht. Zwischen den Rauchschwaden schimmerten dort für einen Augenblick die Umrisse eines Handelsschiffes durch, das dem Funkensturm und den Soldaten noch nicht zum Opfer gefallen war.
Dort waren Menschen, die nicht in schimmernden Uniformen steckten!
Jamil packte seinen Bruder am Ärmel und deutete in die Richtung, bevor sie den Pier entlangrannten und dabei die glühende Luft einatmeten. Als sie durch den Rauch drangen, erblickten sie Flüchtlinge, die hastig zusammengeraffte Sachen auf das Schiff wuchteten, während andere es zum Auslaufen fertigmachten.
Männer hievten die letzten Kisten an Bord und lösten gerade die Taue, als die Brüder es erreichten und als Letzte an Deck sprangen.
Jamil konnte es kaum fassen, als er seine Eltern in der Menge erspähte, beide unversehrt.
Aldo rief Befehle über das Deck, auf dem sich ein bunter Haufen von Bürgern drängte, von denen die wenigsten jemals zur See gefahren waren. Zwei Matrosen, die von einem der anderen Schiffe entkommen sein mussten, halfen dem Stadtvorsteher und zeigten hektisch, was es zu tun gab, damit endlich die Segel gesetzt werden konnten.
Frauen und Kinder liefen hastig an Deck hin und her und klopften alles aus, das durch den Funkenflug zu schwelen begann.
Endlich nahm das Schiff Fahrt auf. Sie hielten es mit Stangen von den brennenden Wracks im Hafen fern und wandten die Gesichter ab, als die Hitze schier unerträglich wurde. Dann ließen sie das Hafenbecken hinter sich.
Auf dem offenen Meer meinte Jamil für einen kurzen Augenblick noch ein zweites Schiff zu erspähen, dann verhüllte dichter Rauch wieder die Sicht.
Jamil dachte schmerzerfüllt an die Freunde und die Heimat, die sie alle so plötzlich verloren hatten. Seit er denken konnte, war Kas’Tiel eine friedliche Handelsstadt, jetzt war sie von den Grauen Soldaten zerstört.
Das Gesicht seiner Mutter war von Tränen und Ruß verschmiert. Sie herzte ihre Söhne und drückte sie so fest, als wolle sie die beiden nie wieder loslassen.
Der Wind frischte auf, trieb den Rauch fort und trug das Schiff in die Schwärze der Nacht, während Jamil und sein Bruder auf die brennende Stadt starrten, deren Flammensäule sich noch lange im Meer spiegelte.
Ein heftiger Ruck riss Jamil aus unruhigen Träumen. Klamme Dunkelheit und der Geruch von modrigem Holz umgaben ihn. Erst nach und nach gewöhnten seine Augen sich an die Verhältnisse, während sein Magen gegen das Schwanken im Schiffsbauch rebellierte.
Er setzte sich in der miefigen Hängematte auf und ignorierte das Grollen seines Magens, denn der war ohnehin leer.
Irgendwo in der Dunkelheit hörte er die Seherin und ihre beiden Töchter beten, die es als Einzige ihrer Zunft aus den brennenden Tempeln auf das Schiff geschafft hatten.
Es war den Menschen erst allmählich bewusst geworden, dass sie alles verloren hatten und heimatlos waren. Vertriebene, Flüchtlinge, die ihre geliebte Stadt und deren Bewohner nie wiedersehen würden. Sie alle fragten sich verzweifelt, wie die Götter das hatten zulassen können … warum die Seherinnen der vielen Tempel so eine Katastrophe nicht vorhergesehen hatten.
Jamil dachte an Lezana und ihre Familie. Sein Vater hätte es völlig unabhängig von den Göttern ahnen müssen. Er selbst hätte wissen müssen, dass diese Verlobung ein verzweifelter Versuch von Lezanas Familie gewesen war, ihre einzige Tochter nicht an den Grauen König zu verlieren, der sie als seine Braut eingefordert hatte. Kas’Tiels Geschicke hingen schon immer davon ab, mit allen Nachbarn gute Handelsbeziehungen zu führen. Sie stellten besondere Waren her und hatten den größten, sichersten Hafen an der Küste. Nun war die Stadt dem Hass des Grauen Königs zum Opfer gefallen.
Jamil presste die Lippen zusammen, als er sich an gestern Nacht erinnerte. Balor hatte in der Hängematte neben ihm geschlafen und in seinen Träumen gemurmelt, dass alles die Schuld seines großen Bruders sei.
Ein weiterer Ruck lenkte ihn von seinen düsteren Gedanken ab. Das Schiff knarzte und ein hohes Pfeifen drang durch die verschlossene Luke.
Er stand auf und machte sich schwankend auf den Weg zur Treppe. Auf halbem Weg kam ihm seine Mutter entgegen, ihr Gesicht blass und mager. Im schummrigen Licht der Öllampen wirkte sie wie ein Geist.
»Navenne, was ist los?«
Sie klammerte sich an die vertäute Ladung neben der Treppe. »Wir sind in einen Sturm geraten! Aldo braucht dich an Deck.«
Jamil nickte langsam, während seine Gedanken rasten. Sie hätten schon bei den schroffen Felsinseln beinahe den Kampf gegen das Meer verloren – Jamil hoffte inständig, dass sie diese toten Inseln endgültig hinter sich hatten und der Sturm sie nicht zurücktreiben würde.
»Gut … beruhige die Frauen und Kinder, damit sie sich festhalten können. Bleibt hier unten, bis wir Entwarnung geben.«
Als er den Blick durch den dunklen Raum schweifen ließ, wurde ihm bewusst, dass er wohl gerade der einzige Mann unter Deck war. Stirnrunzelnd erklomm er die steile Treppe. Hatte sein Bruder ihn nicht wecken sollen? Was sollte das?
Mit Mühe drückte er die Luke auf.
Kalter Regen peitschte über das Schiffsdeck, auf dem die Männer bereits verbissen gegen den Sturm kämpften.
Jede der großen Wogen spülte salzige Gischt um ihre Füße und schlug donnernd über die Reling. Jamil klammerte sich in das Tauwerk, als eine neue Welle ihm die Füße von den Planken riss.
Seit fünf Wochen waren sie auf hoher See, hatten alle auf härteste Weise das Überleben an Bord erlernen und die traumatische Flucht vorerst verdrängen müssen. Zuerst waren die Furcht vor Verfolgung und die schrecklichen Träume ihr Feind gewesen, danach der Durst – jetzt lieferte der Sturm ihnen mehr als genug Trinkwasser, ohne dass sie es nutzen konnten.
Jamil hielt nach seinem Vater und Bruder Ausschau, doch Gischt und Regen verwischten jede Gestalt an Deck zu undeutlichen dunklen Schemen. Gemeinsam mit dem alten Moleno verknotete er einige lose Taue, war jedoch wie die anderen die meiste Zeit damit beschäftigt, sich irgendwo festzuklammern.
Nach einer Weile ließ der Regen endlich etwas nach und ein heller Streifen zeigte sich am Horizont. Ein Riss in der Wolkendecke, der auf besseres Wetter hoffen ließ.
Der Streifen blieb jedoch seltsam starr und an der gleichen Stelle … Jamil kniff die Augen zusammen, bevor er ächzte.
Eine Küste! Sie tauchte vor ihnen im wogenden Meer auf und verschwand wieder. Als er sie das nächste Mal durch den Regen sehen konnte, war sie schon beängstigend nah.
Die Männer brüllten gegen den Sturm an, der das Schiff und seine Besatzung unerbittlich mit sich riss. Unter Deck konnte Jamil die Frauen und Kinder weinen hören, während die Männer versuchten, das Schiff unter Kontrolle zu bringen.
»Holt die Segel ein! Wir müssen an Fahrt verlieren!«, schrie Jamil und hörte, wie sein Bruder fast zeitgleich den Befehl weitergab. Auch er hatte den Küstenstreifen entdeckt. Jeder an Deck kämpfte gegen den Wind und Seegang, doch es war unmöglich, die Segel zu reffen.
»Kappt die Seile!«, brüllte ihr Vater und Jamil zückte sein Messer. Nach einer viel zu langen Zeit fielen die Segel krachend auf die Planken. Der Sturm heulte und drückte sie dennoch unerbittlich mit den Wellen weiter.
Ein losgerissenes, dickes Tau peitschte knapp an Jamils Kopf vorbei, riss seinen Nebenmann von den Füßen. Er hangelte sich zu dem alten Mann, zog ihn ächzend wieder auf die Beine und hielt ihn fest, als das Deck sich senkte und im nächsten Wellental verschwand.
In der Strömung vor der Küste wurde das Schiff plötzlich gedreht und seitwärts von den Wellen weitergeschoben … Aldo schrie seinen Söhnen etwas zu, aber sie konnten durch das laute Tosen des Sturms kein Wort verstehen.
Eine Klippe tauchte hinter einigen Wellenkämmen auf und ragte wie eine gigantische Tempelmauer vor ihnen in die Höhe. Jamil packte den Alten fester.
Im nächsten Moment erzitterte das Schiff, als es krachend gegen die Felsen vor der Klippe schlug. Die Gestalten an Deck wurden allesamt zu Boden gerissen, Jamil bekam einen Hieb in den Rücken, als er gegen die Reling geschleudert wurde. Der Mast über ihnen schwankte bedrohlich, während sich der Rumpf mit dem donnernden Knirschen von splitternden Balken festsetzte.
Der Wind heulte weiter, als wäre nichts passiert … und einen kurzen Augenblick war nur der Sturm zu hören, bevor andere Geräusche an Jamils Ohr drangen.
Schreie wurden im Schiffsbauch laut. Er überließ den alten Tirin sich selbst und schlitterte über das nasse Deck zur Luke. Balor eilte ihm von Steuerbord entgegen und gemeinsam wuchteten sie die schweren Türen auf.
Unten breitete sich Panik aus, da Wasser in der Dunkelheit eindrang. Jamil sah im Schein der wenigen Öllampen, wie es schwarzem Pech gleich zwischen ihren Füßen anstieg.
»Beruhigt euch!«, rief Jamil über den Sturm und das Weinen der Kinder hinweg. »Wir holen euch raus!«
Er wollte noch mehr sagen, aber sein Bruder stürzte von der Luke weg.
»Wir müssen an Land!«, brüllte Balor gegen den Wind und schwang sich schon über die Reling. Jamil packte ihn bei den Schultern und starrte fest in die panischen Augen seines Bruders. Es kostete ihn all seine Kraft, Balor davon abzuhalten, sich über Bord zu stürzen.
»Sei kein Narr! Die Wellen sind viel zu hoch, sie werden dich gegen die Felsen schlagen und du ertrinkst!«
Balor wehrte sich noch kurz gegen seinen Griff, wurde jedoch bereits von Jamils erzwungener Ruhe angesteckt.
»Wir müssen durchhalten. Das Schiff sitzt fest, aber das bedeutet auch, dass wir nicht sinken können! Komm schon, wir haben die letzten Wochen auf dem Meer überlebt, da schaffen wir das auch! Geh zu Vater und zählt alle durch! Wir müssen wissen, ob jemand über Bord gegangen ist.«
Sein jüngerer Bruder nickte kantig und eilte davon. Jamil atmete tief durch, dann entdeckte er die beiden Schmiedelehrlinge Farnir und Felik, die sich noch immer an ein Seil klammerten.
Sie sahen ihn an wie einen Geist. Jamil hatte einen Moment lang das Gefühl, er sei bisher der einzige, der erkannt hatte, dass sie nicht ertrinken würden.
»Reißt euch zusammen! Wir sind alle keine Seeleute, aber es ist bald vorbei!«, sagte er etwas barscher als nötig, löste Farnirs schwielige Finger vom Seil und zog ihn auf die Beine. Dann endlich folgten die beiden ihm zurück zur Luke. Einige andere hatten sich mittlerweile ebenfalls beruhigt und schlossen sich an.
Jamil rutschte die steile, nasse Treppe hinab und spürte den Griff seiner Mutter, die ihre dünnen Hände um seinen Arm klammerte. Auch andere Frauen packten ihn angsterfüllt.
»Bringt alle Kinder nach oben!«, rief er seiner Mutter zu, schnappte sich eine der Öllampen und watete durch das steigende, schwarze Wasser zur geborstenen Schiffswand, aus der das salzige Nass unerbittlich ins Schiff sprudelte.
»Wir müssen alles ins Zwischendeck oder nach oben unter das Segel bringen, was nicht völlig durchnässen soll!«, rief er in die Runde und ergriff einen Eimer, der im Wasser trieb. Jamils Mutter wirkte zwar noch immer verängstigt, doch sie folgte seinem Beispiel und beorderte die anderen Frauen, den restlichen Proviant und andere Dinge vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen.
Sie zerrten alles aus den Ladungsnetzen und reichten es zur Luke, durch die gerade die Kinder hinaufgezogen wurden. Bei mehreren konnte er dunkelrote Flecken erahnen, auch einige Frauen wirkten stark mitgenommen, da der Sturm sie gegen die Ladung geworfen hatte.
Oben polterten Schritte laut über das Deck und Jamil hörte seinen Vater, der befahl, das heruntergeschnittene Segel zur Seite zu räumen.
Obwohl sie den Sturm überlebt hatten, wurde es eine der längsten Nächte ihres Lebens. Das Wasser drang an etlichen Stellen in den Bauch des Schiffes, das ihre einzigen Habseligkeiten beherbergte. Die Kinder wurden in dem schmalen Zwischendeck in die wenigen noch trockenen Stoffdecken gewickelt, doch unter ihnen war der Kampf gegen das Wasser aussichtslos. Vieles musste in der Dunkelheit bleiben, da sie es bei all dem Regen und nassen Holz nicht hinauf bekamen oder es ohnehin nur von Bord gespült worden wäre.
In einem kleinen Moment der Ruhe spähte Jamil durch die Regenschwaden auf das Land. Rechts und links ragten schroffe, schwarze Klippen in die Höhe, die im schwachen Dämmerlicht gar kein Ende zu nehmen schienen. Doch vor ihnen öffnete sich diese Wand zu einer Bucht. Jamil konnte durch den grauen Regen einen aufgewühlten kleinen Strand erkennen, auf den die Wellen mit weiß leuchtendem Schaum einschlugen.
Erst am Morgen flaute der Wind ab und die Wogen beruhigten sich. Die dunkle Wolkendecke riss auf und dichte Nebelschwaden trieben über die bewaldeten Hügel, die jetzt hinter der Bucht zum Vorschein kamen.
Balor und Jamil kletterten unter dem Blick der Versammelten an einer Strickleiter auf die Felsen hinab, die ihr Schiff aufgeschlitzt hatten. Ihr Beiboot hatte sich schon zu Beginn des Sturmes losgerissen und war verschwunden, also mussten sie eine andere Lösung finden.
Während die Leute oben an Deck angespannt warteten, suchten Jamil und sein Bruder gemeinsam einen Weg durch das Wasser. Glücklicherweise wurde es direkt hinter den großen Felsen, gegen die das Schiff getrieben war, so flach, dass sie dort stehen konnten. Andere folgten ihrem Beispiel.
Sie reichten die Kinder von Arm zu Arm, halfen den Frauen und Alten und waren alle durchgefroren und erschöpft, als sie endlich den Strand erreichten.
Die alte Yesima hielt sich resolut auf den Beinen, als sie, gefolgt von ihren Töchtern, die Bucht hinauf in die sanfte, große Senke zwischen zwei Hügeln schritten. Sie kostete von dem Wasser des Baches, der an einer Seite der Senke zur Bucht hinunter plätscherte und nickte dann wohlwollend.
Jamils Blick wurde bereits von der Tiefe des nahen Waldes angezogen. Nach der langen Zeit auf dem Schiff trug ihm der Wind jetzt den Geruch von nasser Erde und grünen Bäumen entgegen. Es lockte ihn, zwischen die Baumriesen zu treten und die fremde Natur zu erkunden.
Doch zunächst verhinderten das seine Pflichten als erster Sohn des Rätors. Die Seherin zog unter dem Blick der Versammelten siebzig Seelen einige Knochen aus einem nassen Beutel und befragte die Götter, während die Schiffbrüchigen angespannt vor dem friedlich wirkenden Wald in der Senke warteten.
Yesima warf die Tierknochen auf ihr Tuch, murmelte heilige Formeln und kniete sich auf die Erde. Im nächsten Moment sackte ihr der Kopf auf die Brust und sie zitterte, schwankte und flüsterte.
Jamil stand schräg hinter ihr und konnte sehen, dass ihre Augen nur noch das Weiße zeigten. Alle hielten den Atem an, als sie sich endlich wieder aufrichtete und an ihre Schützlinge wandte.
»Dieses Land ist den Göttern genehm! Sie geben uns ihren Segen und werden uns schützen, wenn wir hier siedeln. Doch wir müssen möglichst bald einen Schrein für sie errichten, denn sie verlangen ein großes Opfer für ihren Schutz auf dem Meer. Nur dank ihrer Hilfe konnten wir die toten Felsinseln und den Sturm überstehen.«
Ein allgemeines Aufseufzen ging durch die Menge, während Jamil still die Augen verdrehte.
Als ob man das Schutz nennen könnte, dachte er für sich, erwiderte aber das erleichterte Lächeln seiner Mutter.
Sie überließen die beiden Töchter der Seherin ihren Gebeten und Jamil wartete neben seinem Vater, um sich mit ihm, Balor und der alten Yesima zu beraten. Aldo starrte mit gerunzelter Stirn auf die bewaldeten Hügel.
»Wir sollten nach Dörfern suchen, vielleicht kann man uns aufnehmen und helfen«, schlug Jamil vor, da sein Vater keine Anstalten machte, selbst zu sprechen.
Der Blick der Seherin wurde sofort missbilligend. »Wir brauchen jetzt allen Zuspruch und Schutz der Götter, junger Rätorsohn. Wir dürfen sie nach diesem Sturm nicht erzürnen.«
»Die Götter würden sicher nicht wollen, dass wir hier verhungern!«, wandte er ein und deutete auf die unterkühlte Gruppe. Siebzig Augenpaare waren auf sie und ihre geheime Unterredung gerichtet.
Auch Aldo schüttelte den Kopf. »Nein, die Seherin hat recht. Wir bleiben hier und kümmern uns um uns selbst. Hier gibt es Trinkwasser, im Wald sicherlich Wild und in der Bucht Fisch. Ich habe von diesem Land schon von manchen Reisenden gehört. Nichts als Wildnis. Wir sind auf uns allein gestellt.«
Jamil hielt das für engstirnig. Soweit er von ebendiesen Händlern gehört hatte, reiste niemand hierher, weil das Meer eine sichere Überfahrt eigentlich nie zuließ. Doch alle waren erschöpft und die Schrecken des Überfalls auf Kas’Tiel saßen ihnen auch nach der langen Fahrt noch immer in den Knochen.
Vielleicht sollten wir uns wirklich erst hier erholen. Ich kann den Vorschlag einer Weiterreise in ein, zwei Wochen erneut einbringen, wenn sie sich nach Zivilisation sehnen.
»Du kümmerst dich um unsere Versorgung mit Feuerholz und dein Bruder um die Jagd.« Aldo zog eine Augenbraue hoch, doch sein Blick wurde hart, als sein Sohn den Mund öffnete. »Und ich will keine Diskussionen. Ihr macht, was ich euch sage! Und was die Götter wünschen!«
Jamil spürte den kritischen Blick der Seherin, als er sich widerwillig abwandte und einige Frauen an den Waldrand begleitete. Balor scharte die Männer um sich, die er während der Überfahrt auf den vorausschauenden Befehl ihres Vaters hin schon in Jagdstrategien unterwiesen hatte.
Nach einem kurzen Zögern betrat Jamil den kühlen Schatten des Waldes. Auch hier hatte der Sturm anscheinend gewütet, denn der Boden war übersät von abgerissenen Ästen. Er ließ seinen Blick wandern, genoss den lebendigen, erdigen Geruch der Natur und fühlte sich augenblicklich wohl. Solche Wälder hatten sie um Kas’Tiel schon lange nicht mehr ihr Eigen nennen können. Das wenige Land außerhalb der Stadtmauern war bewirtschaftet worden – dies hier aber war Wildnis, die sich scheinbar endlos über die Hügel und entlang der Küste zog.
Jamil riss sich schließlich von der Anziehungskraft des Waldes los und beruhigte die Frauen, die jedes Mal nervös zwischen die Bäume spähten, wenn es irgendwo knackte oder ein Vogel aufflatterte.
Sie sammelten Feuerholz in dem Waldstück, das an die Senke angrenzte, und kehrten in das Lager zurück.
Schon bald nach der ersten Mahlzeit an Land erwachten die Lebensgeister der Gruppe. Die Kinder klaubten Steine und Muscheln zum Spielen auf und ihr Lachen erfüllte alle mit einem ersten Hoffnungsschimmer.
Obwohl der Sturm ihnen schwer zugesetzt hatte, räumten Jamil und seine Freunde noch am Nachmittag alles, was sie bei Ebbe erreichen konnten, aus dem Bauch des Schiffes.
Zuletzt musste er tauchen, fand noch einiges an Werkzeug und gab dann den Rest vorläufig auf. Farnir zog ihn aus der Luke hoch und einen Moment lang saß er nass an Deck und atmete schwer. Anschließend hielt er stolz die Säge hoch, die er unten im Wasser ertastet hatte und lachte erleichtert.
Farnir und Felik stimmten mit ein und machten sich daran, aus Brettern eine provisorische Plattform zu zimmern, auf der sie ihre Habseligkeiten treibend an Land bringen würden.
»Es liegt noch einiges unten, aber dafür müssen wir auf eine besonders niedrige Ebbe hoffen«, meinte Jamil in die Runde, als weitere Männer an Bord kamen, um Sachen aus dem Zwischendeck zu bergen.
Währenddessen konnte er vom Schiff aus sehen, dass die ersten Zelte zwischen den Hügeln aus Segeltuch improvisiert worden waren.
Jamil watete mit einem Sack voll feuchter Kleidung auf dem Kopf zurück ans Ufer und holte noch ein paar helfende Hände hinzu, da die Ebbe wohl nicht mehr lange anhalten würde.
»He! Jamil!«, brüllte Farnir ihm vom Schiff aus zu. Einige Möwen flogen kreischend davon und kreisten aufgebracht über der Bucht. »Bleib ruhig an Land, hörst du! Mach mal Pause!«
Feliks raues Lachen schallte über die Bucht und Jamil winkte den beiden dankbar zu, bevor er das Bündel zum Lager trug. Er spürte den Blick von Yesimas Tochter auf sich ruhen, als er den Stoff auseinanderschlug und sich trockene Kleidung überstreifte, ignorierte ihre neugierigen Augen aber.
Jamils Bruder und seine Jäger erlegten in der Abenddämmerung einen Hirsch, was die Seherin als gutes Omen deutete. Balor brüstete sich damit wie ein junger Gockel. Die alte Frau opferte das Herz des Tieres und bat die Götter um ihren Beistand und Schutz vor der Wildnis und bösen Dämonen, die vielleicht auch in diesen Wäldern lauerten.
Wie die Seherin waren auch die anderen Überlebenden sehr verhaftet in ihren Glauben und fürchteten, dass ihr Auftauchen in diesem fremden Land das Böse anziehen könnte.
Dennoch entging Jamil nicht, dass die meisten der Flüchtigen von tiefem Elend erfüllt waren. In der ersten Nacht fand kaum jemand Ruhe, während die dunkle Stille immer wieder vom Weinen und Schluchzen der Schiffbrüchigen unterbrochen wurde.
Es war eine überraschend laue Nacht nach dem Sturm und so lag Jamil draußen neben dem Zelt seiner Eltern und starrte hinauf in die Sterne. So viele hatte man in Kas’Tiel nie sehen können.
Er wollte seinen Bruder darauf aufmerksam machen, doch der hatte ihm abweisend den Rücken zugekehrt und schien zu schlafen.
Ein Kind weinte in der Dunkelheit, während Jamil den Nachthimmel beobachtete. Er wusste nicht, was er fühlen sollte.
War er erschüttert, weil das Erreichen dieses fremden Landstrichs besiegelte, dass sie ihre Heimat nie wieder sehen würden? Erstaunlicherweise verspürte er nur Erleichterung, bevor er endlich wegdämmerte.
Auf einem Steinplateau nahe der Bucht errichteten die Trauernden am frühen Morgen unter Anweisung der Seherin eine Gedenkstätte für ihre verlorenen Freunde und Familienmitglieder.
Danach waren sie damit beschäftigt, ihre Ausrüstung zu trocknen und weitere Zelte aus den Segeln zu errichten.
Navenne und ihre älteren Helferinnen pflegten zusammen mit der Seherin die Kranken und Verletzten, nachdem Jamil einige Frauen auf der Suche nach heilenden Kräutern begleitet hatte.
Sein Blick ruhte auf seiner Mutter, der sanften, aber auch gebieterischen Frau, die in Kas’Tiel als Schreiberin für ihren Mann ehrenvolle Arbeit geleistet hatte. In diesem Moment beschloss er, dass er alles dafür tun würde, um wieder etwas Freude und Sicherheit in ihr Leben zu bringen. Bald würden sie alle die Zeit der Entbehrung auf dem Schiff vergessen können und auch der Schmerz ihrer Verluste würde irgendwann verblassen. Hoffentlich.
Jamil schreckte aus seinen Gedanken, als sich Schritte näherten.
Balor kam mit ernster Miene auf ihn zu und hatte in typischer Manier eine Hand auf dem Jagdmesser an seinem Gürtel liegen.
»Du scheinst dich ja schon wie daheim zu fühlen«, meinte Jamil schmunzelnd und nickte zu der Waffe hin.
»Ich werde mich nie mehr irgendwo heimisch fühlen und das weißt du«, schnappte Balor zurück. »Kas’Tiel war unsere Heimat und wurde von den Grauen vernichtet.«
Jamil spürte, dass sein Bruder streiten wollte – und hier hatten sie das erste Mal seit Wochen die Möglichkeit, allein zu sein. Seufzend deutete er den Hügel hinauf. Er wollte Balor eine Gelegenheit geben, sich nach all den Strapazen etwas abzureagieren, wenn das nötig war, um seinem Bruder wieder näher zu kommen … und bei dem Anlass auch einen Blick auf die Landschaft dahinter werfen.
»Was hältst du von einem kleinen Ausflug?«
Balor brummte etwas und folgte ihm mit finsterer Miene den Hang hinauf. Kaum waren sie ein Stück vom Lager entfernt, hielt er Jamil an der Schulter zurück.
»Nur um das gleich zu klären: Vater hat mir die Verantwortung für die Jäger und Wachen übergeben. Du sollst mit ihm zusammen den Aufbau des Lagers organisieren und ich werde uns beschützen, nachdem ich die Umgebung gesichert habe. Vater will, dass ich die Wälder erkunde und nach Gefahren Ausschau halte.«
Jamil verdrehte die Augen, bevor er nickte. Es schien fast, als glaube sein Bruder, dass sie gleich von der nächsten Meute Soldaten überfallen würden, dabei war dieses Land völlig verlassen. »Du hast mein vollstes Vertrauen dabei.«
»Wirklich?«, fragte Balor bissig. »In Kas’Tiel hast du jede meiner Ideen verworfen und auf dem Schiff hast du mich herumkommandiert wie einen Lakaien!«
Jamil hob beschwichtigend die Hände. »Balor, du weißt, dass das so nicht stimmt. Ich war im Gegensatz zu dir schon auf mehreren Handelsfahrten für Vater unterwegs und kannte mich deshalb etwas besser aus. Aber das ändert nichts daran, dass wir das ohne dich nie geschafft hätten.«
Sein kleiner Bruder ballte die Fäuste. »Das hätte alles ganz anders kommen müssen bei dem Angriff.«
Jamil unterdrückte ein Seufzen. »Wir haben das schon unzählige Male durchgekaut, Balor.«
»Gut, dann weißt du ja auch, dass ich nicht von meiner Sicht abweichen werde. Vater hat fatale Entscheidungen getroffen und du auch! Du …«
Gerade als er sich in Rage reden wollte, unterbrach er sich selbst. »Riechst du das?«, fragte er mit gerunzelter Stirn.
Jamil schnupperte in den Wind. »Nein, was?«
»Das ist Rauch.«
Zuerst wollte Jamil etwas Schnippisches über ihre Lagerfeuer in der Senke erwidern, bis ihm auffiel, dass der Wind aus der anderen Richtung kam, vom Wald her, der völlig unberührt wirkte.
Sein Bruder zog das Messer und eilte den Hügel hinauf, wo ein großer, mächtiger Baum stand.
Statt einer Horde Angreifer fanden sie dort aber lediglich einen dürftigen Pfad, der zu den knorrigen Wurzeln des Baumes führte. In den tiefen Furchen der Rinde lagen kleine geschnitzte Figuren und welker Blumenschmuck.
Balor steckte langsam das Messer weg und hob eine der Götzen auf, drehte sie zwischen den Fingern und streckte sie dann Jamil hin.
»Hier in der Nähe leben Menschen. Und dem hier nach zu urteilen sind es irgendwelche Wilden, die diesen Baum verehren!«
Jamil nahm ihm die Schnitzerei ab, die eine kleine Frauengestalt mit langem Zopf darstellte. »Ich würde nicht so schnell urteilen. Wir könnten Glück haben und auf Leute treffen, die uns helfen. Wir haben viel durchgemacht und könnten Unterstützung gebrauchen.«
»Das sind Fremde! Wir dürfen niemandem trauen!«
Auf einmal hatte Jamil das Gefühl, dass sein Bruder stur das wiederholte, was ihr Vater schon gesagt hatte. »Balor, ich bitte dich, mach jetzt keinen Fehler. Wir sind hier die Fremden.«
Balor schnaubte. »Keine Sorge, Bruder. Ich mache keine Fehler mehr, das habe ich zur Genüge in Kas’Tiel getan, als ich dich Entscheidungen fällen ließ, die uns alle angingen!«
Jamil spürte, dass sich die Wut seines Bruders nicht nur gegen ihn, sondern gegen die ganze Welt richtete.
Lezanas Vater und Aldo hatten die Heirat mit der Königstochter geplant – nicht er. Doch in Balors Augen schien das nicht relevant zu sein.
Er wollte ihn trösten, ihm beistehen, aber sein jüngerer Bruder war schon auf der ganzen Schiffsfahrt unnahbar gewesen.
Jetzt wandte er sich ab und murmelte, dass die anderen Jäger auf ihn warteten und er erst in ein paar Tagen zurück sein würde.
Natürlich waren die Wochen auf dem Schiff nicht ohne Spuren an ihnen vorbeigegangen. Alle Mitglieder ihrer kleinen Gemeinschaft waren vor ihrer Flucht das ruhige, friedliche Leben in der sicheren Handelsstadt gewohnt gewesen … nur durch Glück konnten sie jetzt tüchtige Handwerker und ein paar Jäger zu ihrer Gruppe zählen.
Der Zufall – oder laut der Seherin wohl eher der Wille der Götter – hatte bestimmt, wer auf das Schiff gelangt war und daher überlebte.
Doch diese Ereignisse rechtfertigten nach Jamils Meinung nicht das Verhalten seines Bruders.
Seufzend betrachtete er die vertrockneten Blumenketten zwischen den Wurzeln, setzte sich hin und lehnte den Kopf an den Stamm.
»Nur einen Moment Ruhe, bevor es weiter geht und unser neues Leben beginnt«, murmelte er und sah hinauf in die prächtige Krone des Baums, bevor er die Augen schloss und matt lächelte. »Immerhin den Baum kann nichts erschüttern. Ich werde dafür sorgen, dass er den Äxten nicht zum Opfer fällt.«
Seine Gedanken kreisten noch um die Pläne seines Vaters, als er hinabsank, in die Tiefe von Erschöpfung.
Wasser. Es sprudelte aus allen Ritzen im Schiffsbauch, in dem er eingeschlossen war. Innerhalb eines kurzen Atemzugs hatte es das halbe Schiff gefüllt, riss ihn von den Füßen und trieb ihn nach oben.
Jamil sah nur noch Spiralen aus tanzenden Luftblasen. Sein Kopf prallte gegen das Zwischendeck. Er schlug mit den geballten Fäusten gegen die geschlossene Luke über sich und brüllte, doch das Wasser zog ihn bereits in die Tiefe. Es zerrte an seiner Kleidung, während die Luft aus seinen Lungen wich … Alles wurde schwarz … und plötzlich waren da Flammen! Das Wasser selbst schien sich zu wandeln, wurde zu einem Feuerball, der alles um ihn verschlang.
Gesichter, voller Asche und schwarz angesengt, tauchten zwischen den Flammen auf, starrten ihn aus toten Augen vorwurfsvoll an … Er sah Freunde aus Kas’Tiel, den Vater von Felik und Farnir … die alte Mutter von Marifa … so viele bekannte Gesichter. Er musste ihnen helfen, sie aus dem Feuer holen! Doch wenn er die Hände nach ihnen ausstreckte, zerfielen sie zu Ruß und Kohle und verschwanden. Sein Grauen wuchs und wuchs – bis Lezana in den Flammen erschien.
Lezana. Tochter ihres Königreiches Loranien …
Tränen hatten lange Striche in ihr rußverschmiertes Gesicht gezogen. Sie streckte die aschebedeckte Hand nach ihm aus und ihr Blick war schrecklich, verzehrend und anklagend.
»Du hast mich nicht beschützt, Jamil! Warum warst du nicht bei uns und hast dieses Unglück verhindert? Ich leide! Ich brenne!«
Ihre Finger berührten ihn … ihre langen blonden Haare wallten im heißen Wind um ihr Gesicht … und ihre Augen entflammten in einem feurigen Rot und sprühten Funken.
»Ich brenne!«
Jamil schreckte ruckartig aus dem Traum auf. Glitzerndes Sonnenlicht drang durch das Blätterdach über ihm.
Schwer atmend setzte er sich auf und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht, um die Haare wegzustreichen.
Langsam beruhigte er sich wieder. Er war nicht mehr auf dem Schiff … und auch nicht mehr in Kas’Tiel.
Bei der Erinnerung an Lezanas Blick wurde ihm schwer ums Herz. Auch wenn er nicht an die Götter und ihre Dämonen glaubte, die sie als Strafe manchmal auf die Menschen losließen, so erschien ihm dieser Traum doch als seltsames Omen. Er hatte nie einen dieser Todesengel zu Gesicht bekommen, doch es waren immer wieder Boten in Kas’Tiel eingetroffen, die von ihren schrecklichen Taten berichteten. In den letzten Jahrzehnten waren sie besonders häufig in dem Gebiet des grauen Königreiches aufgetaucht … und angezogen von Tod und Hass sollten sie laut der Erzählung so aussehen, wie in seinem Traum – mit glutroten Feueraugen und umgeben von Flammen.
Jamil seufzte, erhob sich und betrachtete den großen, mächtigen Baum, an dessen Stamm gelehnt er eingenickt war. Zuvor war er so auf seinen Bruder fixiert gewesen, dass er diesen Ort kaum hatte wertschätzen können, jetzt wollte er nicht mehr über den Traum nachdenken und sich bewusst ablenken. Seltsamerweise schien er der einzige zu sein, dem bisher die Schönheit dieser Natur aufgefallen war.
Die Wurzeln des Baumes klammerten sich wie lange, knorrige Finger in den Boden, während sich der gewundene Stamm in den Himmel streckte.
Von der Kuppe dieses Hügels aus konnte Jamil einen sanften Rauchschleier über dem Wald erkennen. Das fremde Dorf musste hinter dem nächsten oder übernächsten Hügel liegen, vermutlich auch in der Nähe einer Bucht.
Die Landschaft wellte sich fast regelmäßig an der Küste entlang, die Senken zwischen den Hügeln mündeten jedes Mal in kleine Buchten.
Jamil atmete langsam durch, verließ den alten Baum und lief über die sanft abfallende Hügelkuppe in Richtung der Abbruchkante, um hinunter zu spähen.
Die Klippe war tief und voller spitzer Vorsprünge, die unten in die raue See übergingen. Wenn er links an ihr entlang sah, war die Bucht mit dem Kiesstrand zu erkennen. Er konnte auch das Lager sehen, das sich zwischen die weiten, offenen Hügel schmiegte. Ein guter Platz für ihre neue Heimat.
Doch dieses Land gehörte schon jemandem. Er musste mit Aldo darüber sprechen und ein Treffen erwirken, bevor sein Bruder etwas Dummes anstellte.
In dem Moment, als er die Klippe verlassen und zum Lager unten zurückkehren wollte, entdeckte er die junge Frau. Sie folgte dem Rand der Klippe die Wiese hinauf, direkt auf ihn zu, war jedoch auf einen Korb mit Blüten und Früchten in ihren Armen konzentriert.
Jamil war sofort von dieser Fremden fasziniert. Ihre offenen welligen Haare wogten in der Meeresbrise wie schwarze Seide und verbargen immer wieder die hohen Wangenknochen und geschwungenen Lippen. Ihr schlanker Körper war in schmiegsames Leder gekleidet, das ihre Figur betonte und den sicheren, eleganten Gang hervorhob.
Angespannt blieb er stehen und wartete. Als sie zum Baum streben wollte, bemerkte sie ihn und erstarrte. Obwohl ihre Miene sofort misstrauisch wurde, zeigte sie keine Angst und hielt seinem Blick stand. Vertieft in ihre Erscheinung, nahm er eine weitere Bewegung nur im Augenwinkel wahr.
Ein kurzes Surren drang an sein Ohr, ein Ruck ging durch seinen Körper – und stechender Schmerz breitete sich in seiner rechten Seite aus.
Plötzlich wurde alles seltsam langsam, während er den Kopf senkte, an sich herabstarrte. Ein Pfeil steckte rechts in seiner Brust, zwei Handbreit unter der Achsel.
Ein schriller, langgezogener Aufschrei erreichte sein Ohr. Nach einem Moment ordnete er ihn als den der Frau ein. Ihre Stimme klang verzerrt, drang wie durch Watte zu ihm.
Von Schmerz und Schwindel erfüllt, blickte er von der Wunde auf, an deren Rand sich sein Hemd bereits mit Blut vollsog. Die Fremde hatte sich in die Wiese gekauert und starrte ängstlich zu ihm herüber.
Der Schmerz betäubte ihn, die Welt um ihn herum verlor an Farbe und das Rauschen des Meeres dröhnte in seinen Ohren – oder war es sein Blut?
Er machte einen wankenden Schritt auf die junge Frau zu und hob die Hand … dann spürte Jamil, wie ein zweiter und dritter Pfeil in seine Seite einschlugen und explosionsartige Schmerzen in seinem Körper entfachten.
Sein Aufschrei wandelte sich in ein Röcheln. Er schmeckte Blut, als sein Blick trüb und verschwommen wurde und er das Gleichgewicht verlor.
Tiefe Schwärze breitete sich um ihn aus.
Jamil sackte weg und hatte das Gefühl, dass sich alles verschob. Er sah die schreckgeweiteten Augen der Fremden und dann fühlte er, wie sein erschlaffender Körper von der Klippe stürzte.
Den Aufprall auf die Felsen in der aufgewühlten See spürte er schon nicht mehr.
Ashanee war noch immer völlig benommen, als die Fremden angelockt durch ihren Schrei auf dem Hügel auftauchten. Von einem Moment auf den anderen fand sie sich umringt von Männern, die in einer unbekannten Sprache durcheinanderriefen, sie ergriffen und auf die Füße zerrten.
Erst da packte sie die Angst und sie vergaß die Opfergaben für den heiligen Baum, die sie auf der Wiese hatte fallen lassen.
Nachdem eine grobe Hand sie abgetastet und das Messer von ihrem Gürtel gezogen hatte, ließ man sie los und machte ihr etwas Platz.
Sie zitterte noch immer am ganzen Leib, doch die vielen fragenden Blicke, die sie durchbohrten, zwangen sie dazu, sich zusammenzureißen.
Nach einem Moment hatte sie sich genug beruhigt, um die Gesichter der Umstehenden betrachten zu können. Ein paar Frauen hielten sich im Hintergrund, doch auch sie sahen genauso wild und ungezähmt aus wie die Männer. Ihre Haare waren teilweise lockig oder hell, ihre Gesichter wettergegerbt und … Asha konnte nicht genau sagen, warum sie dieses Gefühl hatte … aber es lag eine tiefe Erschöpfung und Trauer hinter den fremden Worten, mit denen sie jetzt überschüttet wurde.
Eines klang immer wieder heraus und sie vermutete, dass es der Name des jungen Mannes sein musste. Jameel.
Sie wollten wissen, was ihm zugestoßen war! Aber wie sollte sie das erklären? Sie verstand es doch selbst noch nicht. Bei der Erinnerung begann sie wieder zu zittern. Noch nie hatte sie einen Menschen sterben sehen … den Schmerz und die Hilflosigkeit in seinem Blick würde sie nie mehr vergessen.
Langsam und vorsichtig drückte sie sich etwas von den drängenden Händen weg, während die Angst sie weiter durchwogte, und man machte ihr tatsächlich Platz.
Unauffällig warf sie einen kurzen Blick in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren – vom heiligen Baum aus – doch natürlich war dort niemand mehr zu sehen. Der Schütze war verschwunden.
»Jameel?«, fragte sie zaghaft und versuchte die Aussprache mit dem langen i nachzuahmen. Sofort nickten alle Männer und gestikulierten.
Mit einem Zögern deutete sie an den Rand der Klippe, dann in die Tiefe, aufs Meer.
Bestürzung und Fassungslosigkeit tauchten auf den Gesichtern um sie auf, dann wurde sie grob gepackt und den Hügel hinuntergeschleift, auf das Lager zu, das ihre Späher erst gestern zum ersten Mal bemerkt hatten.
»Nein!«, schrie sie verzweifelt. »Nein, ich war das nicht! Bitte!«
Aber man verstand ihr Flehen nicht. Die Leute umringten sie wie eine Mauer, aus der es kein Entkommen gab. Sie erreichten die Senke hinter dem Hügel und die Stoffzelte, die zwischen einem Durcheinander von Kisten und anderen Dingen aufgeschlagen waren.
Einige eilten rufend vor, dann kamen ihnen eine alte Frau und ein erhaben wirkendes Paar entgegen. Die Erscheinung der Alten erinnerte Ashanee sofort an ihre Schamanen.
Sie musterte Ashanee lange, während die anderen still verharrten und darauf zu warten schienen, was sie zu sagen hatte. Die Frau legte ihr die Hand an die Stirn, was sie erschaudern ließ, und schüttelte dann den Kopf. Sie murmelte etwas und die Griffe um ihre Arme wurden lockerer, ließen schließlich los. Einen Augenblick später traten die Fremden beiseite, die ihr den Weg in Richtung des Hügels versperrten.
Als sie Ashanee so unerwartet laufen ließen, schlug ihr das Herz noch immer bis zum Hals. Sie hetzte los, klaubte oben auf der Klippe den zertretenen Korb auf und rannte zu ihrem Dorf, obwohl ihr ab dem halben Weg die Lunge in der Brust stach.
Schwer atmend kam sie auf dem Platz zwischen den Hütten an und wurde sofort von Haluschk und den Jägern in Empfang genommen.
»Was ist geschehen? Warum warst du so lange fort?«
Ihr Anführer erblickte den zertretenen Korb, den Asha noch immer an sich gedrückt hielt, und bemerkte dann auch ihren gehetzten, verstörten Blick. »Was hat das zu bedeuten?«
»Es … ich wollte die Opfergaben zum Hara–Baum bringen, aber …«
Haluschk wurde sofort zornig. »Haben diese Fremden den Baum entehrt?«
»Nein! Ich … da war …« Sie stockte kurz und musste neu ansetzen. »Einer ihrer Leute ist gestorben. Er wurde von jemandem mit Pfeilen erschossen und stürzte von der Klippe.«
Unruhe machte sich breit, doch der Anführer beugte sich näher zu ihr, um in Ruhe mit ihr sprechen zu können.
»Was ist passiert? Erzähl es mir ganz genau.«
»Ich wollte zum Hara–Baum, wie die Schamanen es gesagt haben, und den Geist bitten, dass er die Fremden friedlich sein lässt. Auf dem Hügel stand dann auf einmal dieser junge Mann. Ich glaube, er wollte zu uns, so nachdenklich, wie er wirkte. Er hat mich gesehen, dann schossen plötzlich Pfeile aus dem Wald und durchbohrten ihn. Haluschk … könnte es einer von unseren Jägern gewesen sein?«
Empörung machte sich auf seinem Gesicht breit, aber er blieb ernst und räumte schließlich ein, dass man sie alle würde fragen müssen, wenn sie zurückkehrten.
»Sie sind … ich glaube, sie werden uns für den Tod ihres Mannes verantwortlich machen. Und sie sind gefährlich. Sie sehen alle wild und wütend aus.«
Die Schamanen traten vor und wirkten dabei so ernst und erhaben wie eh und je, offensichtlich hatten sie ihnen zugehört.
»Ashanee, wir danken dir für deinen Mut und deinen Bericht. Wir halten es für das Beste, wenn sich ab jetzt alle den Fremden gegenüber mit äußerster Vorsicht verhalten«, erwiderte der älteste der vier Schamanen, bevor er sich an die Versammelten wandte. »Kommt ihnen nicht zu nahe, bis wir herausgefunden haben, was dort an der Klippe geschehen ist. Ashanee, denkst du, dass du deine Pflichten als Jägerin heute Nacht trotzdem erfüllen kannst?«
Asha nickte langsam, während sie in Gedanken noch immer bei dem schmerzverzerrten Gesicht des jungen Mannes verweilte.
»Wir werden die Geister befragen und sie um Gnade für diese arme, fremde Seele bitten. Du hast ihn als letzte gesehen, deshalb ist es richtig, wenn du Opfergaben an den heiligen Baum bringst, nachdem wir sie gesegnet haben.«
Bei den Worten der jüngeren Schamanin verzerrte Asha das Gesicht. »Ich weiß nicht, ob die Fremden darüber glücklich sein werden, wenn ich direkt wieder dort auftauche. Sie sind so nah an unserem Hara–Baum … und sie haben mir mein Messer abgenommen.«
Die Schamanin zögerte einen Moment und wirkte ungehalten, dann nickte sie jedoch. »Gut, dann bring die Gaben heute Nacht dort hin, bevor du jagen gehst. Damit sie dich nicht sehen. Und Haluschks Krieger werden dir sicherlich ein neues Messer geben, damit du nicht schutzlos bist.«
Navennes Schluchzen riss Aldo aus seinem unruhigen Schlaf. In ihrem Zelt war es noch dämmrig und klamm, er konnte kaum mehr als zwei, drei Stunden geschlafen haben und fühlte sich kein bisschen erholt.
Wie auch, nachdem er den gestrigen Abend und die halbe Nacht damit verbracht hatte, die Gemeinschaft und anschließend seine Frau zu beruhigen? Sie hatten auf Geheiß der Seherin die Bucht und auch den Wald nach Jamil abgesucht … ohne Erfolg.
Sein ganzer Körper fühlte sich steif und ausgelaugt an. Dieser Gedanke war ihm seit ihrer Flucht wieder und wieder durch den Kopf gewandert. Er war alt und müde geworden.
Die Erschöpfung lag auf seinem Herzen wie ein Stück Blei und er hatte nicht mehr die Kraft, sie zu bekämpfen. Er wusste, dass seine Frau schlimmer litt als jeder andere, doch Aldo konnte ihr kaum Trost spenden.
Als er seine Hand auf ihre Schulter legte, zuckte sie zurück und starrte ihn mit verquollenen Augen so vorwurfsvoll an, als hätte er selbst Jamil von der Klippe gestoßen.
Es wollte einfach nicht zu ihm durchdringen. Sein Sohn sollte tot sein? Vor wenigen Wochen hatten sie noch darüber gesprochen, wie er sich auf seine zukünftige Position als Rätor und Ehemann von Lezana vorbereiten sollte. Sie hatten die Soldaten und Feuer überlebt, quälenden Hunger und den Sturm … und jetzt war er fort? Von der Klippe gestürzt, bei einem dummen Unfall?
Aber das hatte die Seherin ja nicht genau sagen können. Vielleicht hatte er sich einfach nur im Wald verlaufen und dieses Mädchen hatte geschrien, weil sie sich über ihr Lager erschrocken hatte? Oder diese Wilden hatten ihn ermordet.
Im selben Moment beschloss er, dass sie sich für einen Angriff rüsten mussten. Balor war noch nicht von seinen Erkundungen zurück, doch auch die anderen hatten bisher keine bessere Stelle für eine Siedlung gefunden. Hier gab es Wasser und Nahrung, das war jetzt am wichtigsten.
Sie mussten zusammenhalten und sich verteidigen.
Er würde den Befehl geben, zwei solide Langhäuser aus Stämmen zu errichten und nur seiner Familie und der Seherin eigene Häuser bauen, um ihren Stand in dieser neuen Welt zu stärken.
Einer Welt, in der er nur noch einen Sohn hatte.
Während Navenne ihr Gesicht in den Händen verbarg und wieder zu schluchzen begann, wurde Aldo klar, dass er Jamils Tod niemals würde verkraften können.
Der gellende Schrei eines Kindes riss ihn und seine Frau aus ihren Gedanken.
»Mamaaaa!«
Das Kreischen drang durch die dünne Zeltwand und Aldo sprang auf, um hinauszueilen.
»Mamaaaa! Ein Ungeheuer!«
Aldo wandte sich zur nebelverhangenen Bucht und eilte los, dicht gefolgt von anderen aus dem Lager.
Ein kleines Mädchen kletterte weinend die Böschung des Strandes hinauf und umklammerte eine Muschel, als hinge ihr Leben davon ab. Ihre Mutter überholte Aldo und schloss die Kleine in ihre Arme, die endlich stotternd erzählte, was passiert war, nachdem die Mutter ihr besorgt das Haar aus dem verweinten Gesicht gestrichen hatte.
»I–ich wollte Muscheln sa–sammeln fü–für die Götter. Aber d–da ist ein U–Ungeheuer!«
»Was tust du denn da allein? Ich habe dir doch gesagt, du darfst nicht zu weit von den Zelten weg!«, rief die Mutter tadelnd, doch Aldo hielt sie auf und fragte die Kleine, wo sie das Ungeheuer gesehen hatte.
Sie deutete mit der Muschel zur rechten Seite der Bucht, wo der kleine Strand in die Felsen der Klippe überging, von der Jamil angeblich gestürzt war.
In diesem Moment wurde Aldo bewusst, wie sehr er und seine Frau sich an die Hoffnung geklammert hatten, dass diese fremde junge Frau sich geirrt oder man sie falsch verstanden hatte. Die ganze Nacht über hatten sie insgeheim zu den Göttern gefleht, dass Jamil aus dem Wald auftauchen würde und alles ein Irrtum war.
Der Gedanke, ihn dort unten am Strand zu finden, war unerträglich … doch er musste jetzt der Rätor sein, kein Vater. Langsam wandte er sich um und erkannte, dass sich fast alle aus der neuen Siedlung versammelt hatten.
»Ihr bleibt hier, während ich mir das ansehe. Moleno, Farnir, ihr kommt mit.«
Der alte Mann und der Sohn ihres Schmieds nickten hastig und traten vor, während Navenne sich durch die Menge drängte. »Ich komme auch mit.«
»Nein!«
»Du kannst mir das nicht verbieten, Aldo! Ich muss …« Sie brach ab, doch er konnte an ihrem verzweifelten Blick sehen, dass sie sich durch nichts würde aufhalten lassen.
»Ihr anderen sucht nach der Seherin! Wir brauchen ihren Beistand«, befahl er nach einem Blick auf die Versammelten, wartete die Antwort jedoch nicht ab, da seine Frau bereits die Böschung hinabstieg und über den Kiesstrand eilte.
Die Steine knirschten unter ihren Füßen. Er folgte Navenne, hörte hinter sich die beiden Männer – und ächzte auf, als er neben seiner Frau am Ende des Strands stehen blieb und auf die Gestalt starrte.
»Neeein!«
Navennes Schrei ließ Aldos Herz bersten. Er sah aus dem Augenwinkel, wie seine Frau kraftlos zu Boden sank, konnte aber den Blick nicht abwenden.
Jamils Oberkörper ragte auf den Kiesstrand, der Rest lag im Wasser, von Wellen und Seetang umspült. Eine Möwe hüpfte im morgendlichen Nebel vorsichtig näher, legte den Kopf schräg und flog dann kreischend davon.
Natürlich hatte die Kleine ihn für ein Monstrum gehalten, so geschunden, wie er war. Sein Körper glänzte rot von Blut und grün von Seegras und Tang, die sich um ihn gewickelt hatten.
Aldo war nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Die Gewissheit lähmte und entmachtete ihn. Bis vor wenigen Augenblicken hatte er sich an diese winzige, idiotische Hoffnung klammern können. Jetzt kroch Navenne weinend und klagend auf die Leiche ihres Sohnes zu.
Was ist das nur für ein Schicksal?, dachte Aldo. Ertrunken, nachdem wir gerade dieses riesige Meer überwunden und den Krieg überstanden haben …
Navenne klagte weiter, rief die Götter um Beistand an und streckte zitternd ihre Hand aus, wagte es aber nicht, ihren Sohn zu berühren – und ihr entfuhr ein Schrei, als Jamils rechter Arm sich für einen Moment bewegte und ein schwaches, kehliges Stöhnen seinem Mund entwich.
Gerade als Aldo die Lähmung überwunden hatte, näherten sich Schritte über den Kies.
»Halt!«, rief die Seherin und erreichte dann Aldo. »Fasst ihn nicht an! Ich muss ihn untersuchen.«
Da Navenne keine Anstalten machte, ihrem Sohn von der Seite zu weichen, traten ihre beiden Begleiter vor und zogen sie auf die Beine. Moleno und Farnir hielten sie zurück, als sie auf einmal zu neuem Leben erwachte und sich gegen ihre Hände sträubte.
»Er lebt noch! Er lebt!«
»Bringt sie ein Stück weg, ich brauche Platz.«
Die beiden Männer folgten dem strikten Ton der Seherin und führten Navenne zurück zu ihrem Mann.
Yesima beugte sich ganz langsam zu Jamil hinunter, um nach seinem Puls zu tasten, schreckte aber sofort wieder zurück.
Nachdem sie einen seltsam nervösen Blick zu Aldo und seiner Frau gewagt hatte, befühlte sie Jamils Stirn, öffnete eines seiner Lider und schob schließlich sogar seine Lippen zurück, um die Zähne zu betrachten.
Als ihm ein leises Stöhnen entwich, sprang sie auf und trat rückwärts von ihm weg. Eilig murmelte sie mehrere Beschwörungen und machte Schutzzeichen gegen das Böse.
»Was hat er?«, rief Navenne und versuchte erneut, sich aus dem Griff ihrer Bewacher zu winden. Aldo wurde langsam wütend über ihre Unbeherrschtheit. So verhielt sich keine Schreiberin und erst recht nicht die Frau des Rätors!
»Was ist mit ihm? Wir müssen ihm helfen!«
Die Seherin fasste seine Frau ins Auge und seufzte. »Es tut mir leid. Das ist nicht euer Sohn. Jamil existiert nicht mehr.«
Navenne lachte hysterisch, doch bevor sie widersprechen konnte, wandte Yesima sich an den Rätor.
»Euer Sohn ist bei dem Sturz von der Klippe gestorben … dieser geschundene Körper hier ist besessen. Von einem Dämon, einem Todesgeist, wie sie auch in unserem Land existieren.«
Die Seherin hatte glasige Augen, als sie flüsternd fortfuhr: »Es ist Jamils eigener Geist, der zu einem Dämon geworden ist. Er ist verflucht, ein ruheloses Ungetüm aus der Anderwelt, das sich seines früheren Körpers bemächtigt hat.«
Navenne erschlaffte in den Händen ihrer Begleiter und ein Raunen wurde laut. Aldo wurde bewusst, dass alle ihnen zum Strand gefolgt waren.
Er drehte sich langsam um und sah, wie mehrere Frauen zu Navenne eilten. »Sie ist ohnmächtig«, stellte ihre Freundin Marifa fest und das Murmeln wurde lauter. »Bringt sie zu den Zelten, sie braucht Ruhe und kühles Wasser. Macht schon!«
Sie scheuchte die anderen aus dem Weg, als man Navenne forttrug, und eine Traube Frauen und Kinder folgte ihnen. Die Männer blieben am Strand und warteten auf Aldos Befehle … doch der fühlte sich nur hilflos und leer.
Yesima sprang für ihn ein. »Wir müssen Wachen aufstellen und ich werde Schutzrituale durchführen, um unsere Siedlung vor seinem bösen Geist zu bewahren.«
Aldo wollte es nicht glauben und ging unwillkürlich auf Jamil zu. Die Seherin versperrte ihm den Weg und fixierte ihn mit ihren trüben, alten Augen. Die Gewissheit in ihrem Blick ließ ihn innerlich erzittern und entfachte eine unglaubliche Wut über seine Ohnmacht.
»Das ist mein Sohn! Das ist Jamil!«, widersprach er und wusste dabei selbst, wie hilflos er klang.
Die alte Frau sah ihn mitleidig an und umfasste seine Hand. »Es tut mir aufrichtig leid, mein Rätor. Die Zeichen sind eindeutig. Sein Blick ist gebrochen und kein Mensch könnte solche Verletzungen überleben. Er hat sich bei dem Sturz alle Knochen gebrochen. Er ist bereits über die Schwelle des Todes getreten.«
»Das kann nicht sein! Du sagtest, unsere Ankunft hier stünde unter einem guten Stern!«
»Ich habe so etwas befürchtet. Die Götter wollten ein Opfer für ihren Schutz und Segen. Wir dürfen ihre Wahl nicht in Frage stellen.«
»Aber das …«
Aldo wollte ihr nicht glauben. Dieses Schicksal war schlimmer als der Tod selbst – und es würde ihnen allen verbieten, um ihn zu trauern. Er kannte die Regeln der Seherinnen, die ihre Stadt früher vor den bösen Todesgeistern beschützt hatten.
