Zappenduster - Hubertus Becker - E-Book

Zappenduster E-Book

Hubertus Becker

0,0

Beschreibung

Die hier vorliegenden Texte kommen direkt aus der Unterwelt. Authentischer ist über das Verbrechen selten geschrieben worden. Alle Autoren haben mehr als zehn Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbracht und dort mit dem Schreiben begonnen; schon mit ihren ersten Texten gehörten sie zu den Preisträgern des renommierten Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises, der im Jahr 1989 erstmals vergeben wurde. Die seinerzeit prämierten Geschichten Peter Zinglers und Hubi Beckers werden hier erstmals einem breiteren Publikum vorgestellt. In den spannenden Beiträgen von Sabine Theisen, Maximilian Pollux und Ingo Flam wird Insiderwissen verarbeitet, welches Einblicke in ein breites Spektrum gängiger Kriminalitätsfelder als auch in die Psyche ihrer Protagonisten ermöglicht. In einer ausführlichen Einleitung ist Ingo Flam der Frage nachgegangen, was einen Menschen in die Kriminalität treibt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© 2017 ebook Ausgabe RHEIN-MOSEL-VERLAG Zell/Mosel Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel 06542/5151 Fax 06542/61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-858-6 Ausstattung: Stefanie Thur Korrektorat: Melanie Oster-Daum

Hubertus Becker (Hrsg.)

Zappenduster

Wahres aus der Unterwelt

Rhein-Mosel-Verlag

Peter Zingler

Vorwort

Da sammelt doch einfach einer Geschichten aus der Unterwelt, dem Knast und dem Ganovenleben und will sie veröffentlichen. Kommt nicht so häufig vor, und man fragt sich, was treibt ihn an? Welche Beziehung haben Herausgeber und Verleger zum Milieu und dem Knast? Vielleicht erkennt man es an der Auswahl der Texte, aber die hat im vorliegenden Fall so ein breites Spektrum, so dass daraus schwer zu interpretieren ist. Wer weiß denn schon, wie viele Autoren selbst einmal kriminell waren und im Knast saßen oder wer bloß darüber geschrieben hat? Erstaunliche Namen tauchen auf und erstaunliche Geschichten, und um die geht es. Sie erzählen wie das Leben ist. Nicht wie das Leben sein sollte, oder wie man es sich wünscht, nein, voll ins wahre Leben mit all den schrägen und bösen Figuren; die Guten sind gerade ausverkauft. Wer will schon Geschichten von den Guten hören …? Schon die Feststellung, dass Unterwelt und Knast nicht von Monstern bevölkert sind, sondern von Menschen, schreckt Otto Normalo schon auf.

Er sähe gerne den bußfertigen Sünder, im Dunkel seiner Zelle bei Wasser und Brot darbend, gern ohne Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse. Die hat er gefälligst draußen vor dem Tor abzugeben: der Wunsch nach Kontakten, die Sehnsucht nach Liebe und Sex. Wenn Mann oder Frau dann in der Einzelzelle liegen, und alle Frauen und Männer der Welt huschen durch ihre Köpfe, haben sie nur eine Wahl: die rechte oder die linke Hand. Dann erinnern sie sich an erlebte Geschichten, die viel heftiger und spannender sind als das, was Otto im Alltag erlebt. Egal ob sie spannend sind, oder lustig, oder witzig oder auch nur larmoyant, wichtig ist, diese Geschichten sind echt. Jeder Ganove schreibt, falls und wie er kann, aber alle die schreiben, haben etwas mitzuteilen. Es fällt auf, dass es wenig Milieu­texte von Frauen gibt, weniger als es der Anteil an kriminellen Frauen nahelegt. Aber wenn die Gangsterbräute schreiben, dann knalltʼs!

Warum es nicht viele authentische Texte aus Unterwelt und Knast gibt, liegt in der Natur der Sache: wer vor hat, das Gesetz zu brechen, spuckt vorher keine lauten Töne. Und Gefängnismauern sind nicht nur dazu da, dass keiner ausbricht, sondern auch, dass keiner rein blickt! Und wenn Ganoven im Knast schreiben, wird ihnen leicht unterstellt, subversive Motive zu haben, »Sicherheit und Ordnung« der Anstalt zu gefährden. Die Floskel, man sehe es gerne, wenn der Gefangene sich schriftstellerisch betätige, sich sozusagen »frei schreibe«, ist nichts als repressive Toleranz. Nicht umsonst hat Henry Jaeger seinen auf Klopapier geschriebenen Romantext immer unterm Hemd versteckt mit in die Freistunde genommen. Es wäre doch eine Schande, wenn ein Wärter den Text seines Romans »Die Festung« gefunden und vernichtet hätte. Der Welt hätte ein Stück Literatur gefehlt. Ganovengeschichten sind Geschichten aus dem Leben.

Ingo Flam

Einleitung

Die Wahl der Mittel

Sie haben sich eine Anthologie gekauft, deren fünf Autoren es zusammen auf rund 75 Jahre Gefängnis bringen, – gibt es auch nicht alle Tage. Kriminalität, Gewalt, Knast … die Faszination des Bösen, Porno für die Rechtschaffenen; das Leben in der Subkultur, für den Otto Normalverbraucher so geheimnisvoll wie die Paarungsrituale menschenfressender Bergdorfbewohner im Regenwald des Amazonasbeckens.

Dabei ist das Gros der Verbrecher so normal und langweilig wie der Rest des Heeres aller Normalen und Langweiligen. In der Realität gibt es sie nur höchst selten, die Antihelden des Marveluniversums, die Superschurken. Es gibt die Superbekloppten, die Abartigen: wenn einer 11 Frauen erwürgt, ihnen Stofftiere in die Muschi schiebt und nächtens in ihrer Wäsche vorm Spiegel tanzt, dann ist er in der ersten Linie nicht superböse, sondern superdurchgeknallt, eine traurige Gestalt, die sich womöglich ihres Daseins schämt.

Ich habe sie gesehen, Räuber, Mörder, Einbrecher, Zuhälter, die Filzpantoffel tragen, Kreuzworträtsel lösen, Nutzloses aus Versandhauskatalogen bestellen und nebenher dämliche Castingshows gucken: die Banalität des Bösen, so spannend wie Blockflötenunterricht.

Mein Mitautor und Freund Hubi Becker schlug mir vor: »Schreib doch noch eine Geschichte zum Thema Bankraub!« Schließlich sei ich ein Mann vom Fach und Bankraub gewiss ein spannendes Thema, das eine gute Geschichte hergäbe.

Damit lag er ganz sicher nicht verkehrt, wie unzählige Filme und Bücher zum Thema zeigen. Und, ob sie es glauben oder nicht, als Bankräuber hat man, obwohl ein Schwerkrimineller, nicht mit Imageproblemen zu kämpfen.

Früher fuhr ich während meiner Hafturlaube per Anhalter vom rheinland-pfälzischen Diez ins bayrische Landshut, in dessen Berufsschule meine spätere Frau (und heutige Ex-Frau), die gerade eine Lehre zur Baukeramikerin machte, ihren Blockunterricht absolvierte.

Statt mich mit erhobenen Daumen an den Straßenrand zu stellen (wo man, XY-Ungelöst sei Dank, als Mann versauern kann), ließ ich mich von einem Mitgefangenen an der Raststätte Limburg, die gleich hinter der Auffahrt zur A3 liegt, absetzen und sprach dort Autofahrer an, deren Kennzeichen auf ein Reiseziel nahe dem meinen schließen ließ: »Entschuldigen sie bitte, würde es ihnen etwas ausmachen, mich ein Stück in Richtung Bayern mitzunehmen?«

Oftmals hatte ich schon beim ersten Versuch Erfolg. Mehr als drei Anläufe brauchte ich selten. Selbst Frauen, die allein unterwegs waren, fanden sich oft dazu bereit, mich mitzunehmen.

Ich konnte es mir nie verkneifen, die Leute zu fragen, ob sie immer Anhalter mitnähmen. In der Regel lautete die Antwort in etwa: »Für gewöhnlich nicht. Man hört ja so viel Schlimmes! Aber sie haben so höflich gefragt und machen einen so anständigen Eindruck …«

Als nächstes forderte ich meinen Fahrer oder meine Fahrerin auf, zu raten woher ich gerade käme. Das war natürlich eine eher rhetorische Frage. Und so erklärte ich meist ohne Umschweife, ich käme gerade aus dem Gefängnis, hätte Hafturlaub und wolle zu meiner Freundin. Für gewöhnlich schwand die Lockerheit meiner Piloten spürbar. Ob man fragen dürfe, wofür ich einsäße?

Bankraub, erklärte ich unumwunden. Und sogleich hellte sich die Stimmung wieder auf. Das sei ja toll! Da habe man selbst oft dran gedacht, allein, es fehle der Mut. »Da hat es nicht die falschen getroffen! Diese Banken sind doch alle selbst Banditen!« So oder so ähnlich lauteten die Kommentare, die ich zu hören bekam.

Ob ich denn eine Waffe mitgeführt hätte? »Natürlich«, scherzte ich, »ganz ohne geben die einem ja nichts!«

Aber ich hätte doch gewiss keinem was angetan?

»Ach was, die Waffe diente nur dazu, meinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ich würde doch keinen Menschen des Geldes wegen verletzen! Ich bin ja nicht verrückt!«

Nicht selten schlugen mir Anerkennung und Bewunderung entgegen. Auf moralische Bedenken traf ich nur bei einem einzigen Herrn, und der hatte offenkundig nicht alle Latten am Zaun. Seit ich in seinen Wagen eingestiegen war, hatte er verschwitzt und mit hochrotem Kopf einen hemmungslosen Wortschwall über mich ausgekübelt: Er habe einen mittelständischen Betrieb, der Mittelstand sei die Stütze der Gesellschaft, aber inkompetente, gierige Politiker richteten den Mittelstand zu Grunde: »Alles faule, korrupte Raffsäcke!« Männer wie er, hielten den Laden am Laufen, Arbeit und Fleiß, darauf käme es im Leben an, Arbeit und Fleiß, Arbeit und Fleiß! Der Mittelstand schüfe noch wahre Werte, hier sei der Anstand daheim. Doch die Gesellschaft ließe den Mittelstand im Stich, und wenn es den Mittelstand, wenn es solche wie ihn nicht mehr gäbe, oha, dann würden schon alle sehen, dann käme das große Heulen und Zähneklappern! In welcher Branche ich den tätig sei?

Ich erzählte freimütig, wo ich gerade lebte und warum. Er gab zu bedenken, dass es keine produktive Leistung sei, anderen etwas wegzunehmen. Ich sei ein junger, kräftiger Mann, in der Blüte meiner Jahre, da habe er schon seinen ersten Betrieb geleitet. Alles in allem schien ihn vor allem zu stören, dass ich meine bankräuberischen Taten nicht als mittelständische Unternehmungen angemeldet hatte, und in einem solch unproduktiven Erlangen eines nicht unerheblichen Geldbetrages sah er gewissermaßen eine illegitime Abkürzung zum Wohlstand, der im Grunde nur durch mittelständische Unternehmungen rechtmäßig zu erwerben war … Ich bat ihn, mich bei der nächsten Raststätte aussteigen zu lassen, aus Sorge, ich könne doch noch als Gewalttäter enden.

Dieses Ausmaß an Aversionen gegen Geldinstitute irritierte selbst mich. Sicher, Berthold Brecht hatte schon darauf hingewiesen, dass das Ausrauben einer Bank verglichen mit ihrer Gründung ein eher harmloses Vergehen darstelle. Früher hatte ich gedacht, dass Brecht mit diesem Satz einfach nur hatte provozieren wollen. Erst später, als ich mich mit dem Schuldgeldsystem, Geldschöpfung durch Giralgeld, mit Zinsen und dergleichen näher befasst hatte, verstand ich, dass sein Satz durchaus wörtlich zu nehmen ist.

Aber derlei Einsichten unterstelle ich den meisten braven Menschen, die mich mitnahmen, eher nicht. Viele ärgerte es wohl einfach, dass Bänker ebenso raffgierig waren wie sie selber, aber offenkundig eine gute Portion schlauer.

Und so blieb mir die Erkenntnis, dass Menschen, die sich ansonsten wahrscheinlich schon wegen eines harmlosen Diebstahls echauffieren würden, selbst über einen Raub mit Waffengewalt hinwegsehen, ja ihn sogar gutheißen können, wenn es jemanden trifft, den sie beneiden oder verachten, respektive verachten weil sie ihn beneiden. Vielen schien es nicht erforderlich, dass so ein patenter Kerl wie ich im Knast säße. Sie wünschten mir alles Gute und baldige Freiheit – und verzichteten dabei sogar auf jedes Zeichen der Zerknirschung und jedes Besserungsgelöbnis meinerseits.

Egal, mir gefielen diese Fahrten und gerne gab ich mich der Rolle des Robin Hood hin, der gewitzte, edle Räuber, der es den Reichen nahm und den Bedürftigen – in diesem Falle mir selbst – zukommen ließ.

Andere Tätergruppen genießen derartige Sympathien nicht. Aus den Erfahrungen mit einem Buchprojekt ähnlicher Art weiß ich, dass es auch anders laufen kann. Es gab Stimmen, denen es offenkundig an Reue und Betroffenheit der Autoren mangelte. Manche fanden die detaillierte Darstellung von Gewalt abstoßend, oder vermissten einen moralischen Nährwert in den Geschichten.

Gemeinsam hatten die Autoren jenes Werks so wie des vorliegenden die Erfahrung des Strafvollzugs. Das Gefängnis hat also ihr Denken geformt, gewiss bei einigen zu den geschilderten Erlebnissen beigetragen (manche sind ja direktermaßen »Knastgeschichten«) und auch bewirkt, wie sie ihre Taten und Erlebnisse bewerten und darstellen. Kritik an den vorliegenden Texten ist also gewissermaßen auch Kritik am Strafvollzug. Lassen Sie uns das beim Weiteren im Hinterkopf behalten.

Wie ist das eigentlich für mich? Wie bewerte ich meine Taten, zum Beispiel Raubüberfälle? War das alles nur ein Spaß für mich? Empfinde ich denn keine Reue?

In der JVA Diez lernte ich den Psychologen Saubold kennen. Man hatte ihm den hochtrabenden Titel Oberpsychologierat verliehen. Das soll die Betroffenen wahrscheinlich darüber hinwegtrösten, dass sie durch ihre Anstellung im Strafvollzug als Bodensatz ihrer Berufsgruppe zu erkennen sind. Wer als Psychologe etwas drauf hat, macht sich selbstständig, arbeitet in einer Klinik oder geht in die Wirtschaft.

Herr Saubold jedoch war das, was Michel Foucault in »Überwachen und Strafen« als »kleinen Steigbügelhalter der moralischen Orthopädie« bezeichnet hat.

In modernen Gesellschaften tut der Staat sich schwer mit seinem Recht zu strafen. (Das gilt besonders für die BRD vor dem Hintergrund ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.) Folglich hat er es zu seiner »unangenehmen Pflicht« erklärt und tut es fortan nur mehr im Namen des Volkes (eine gewitzte Augenwischerei, denn natürlich bleibt das Strafen ein Machtinstrument der Mächtigen). Zur Perfektionierung der Täuschung haben sich die strafenden Organe ein behandlerisches Feigenblatt verpasst. Es geht nicht wirklich darum, jemanden zu resozialisieren oder gar den Gestrauchelten zu helfen. Folglich reichen für ein paar hundert mehr oder minder schwer gestörte Gefangene eine handvoll Psychologen, die man obendrein noch mit Verwaltungsposten betraut, damit sie nicht vollkommen umsonst bezahlt werden. Wie gesagt, es geht ja nicht darum, Kriminellen tatsächlich ein zukünftig straffreies Leben zu ermöglichen. Allein der Anschein soll erweckt werden.

Man kann Strafen als »bewusstes Zufügen eines Übels« definieren. Das beschreibt die Tätigkeit des Strafvollzugs ausgezeichnet. Man kann sich jedoch leicht ausmalen, dass das Motiv dafür, Psychologie zu studieren, ein anderes war, als anderen Menschen bewusst Schaden zuzufügen oder einer Institution beizutreten, die sich das als oberstes Ziel auf ihre Fahnen geschrieben hat. Wer als Psychologe am Vollzug mitwirkt, wer ihm hilft, seinen destruktiven Charakter als Behandlungsvollzug zu kaschieren, der verrät seinen Berufsethos.

Ich kann mir gut vorstellen, dass nun etliche aufschreien, dass man das so aber nicht behaupten kann. Aber warum, frage ich mich, gibt es weltweit nicht eine einzige Universität, an der eine Theorie gelehrt würde, die Haft in einen positiven psychoso­zialen Kontext stellt, während es andererseits zahlreche Fachrichtungen gibt, die vor den negativen Folgen von Haft warnen?

Haft bewirkt im allergünstigsten Fall gar nichts. Doch in der Regel entwurzelt sie Menschen, sie traumatisiert sie, vertieft den Graben zwischen Täter und Gesellschaft (indem die Gesellschaft sich ebenfalls zum Täter macht), sie verroht die Menschen, laugt sie aus, verbittert sie …

Ausgerechnet Oberpsychologierat Saubold bemerkte einmal in einem Gespräch, man merke mir zu wenig Reue an. Ich fragte ihn, wie sich aufrichtige Reue denn bemerkbar mache und welches Maß angemessen sei? Er erging sich in Ausflüchten.

Dann fragte ich ihn, warum er sich noch nie bei mir entschuldigt oder Reue gezeigt habe, obwohl er doch gewiss einmal seiner Frau Unrecht getan, sie vielleicht sogar betrogen oder geschlagen habe. Er glotzte verständnislos. Ich gab die Antwort auf meine Frage selber: Wahrscheinlich habe er das deswegen nicht getan, weil mich die Dinge, die sich zwischen ihm und seiner Frau abspielten, nichts angingen.

Und, so ließ ich ihn wissen, auch mein Gewissen sei keine öffentliche Angelegenheit. Ich könne mir durchaus vorstellen, Kunden oder Angestellte bei einem Raub in große Angst versetzt zu haben. Sollte ich jemals auf eines meiner »Opfer« treffen und es sich dahingehend äußern, so würde ich mein Tun gewiss bedauern und mich bei dem Betreffenden aufrichtig entschuldigen. Aber ich sähe keine Notwendigkeit, mich bei Leuten zu entschuldigen oder Bedauern zum Ausdruck zu bringen, die mit der Sache nicht das Geringste zu tun hätten. Und schon gar nicht bei einem Psychologen des Strafvollzuges, der von Berufs wegen ein Heuchler sei.

Nebenbei bemerkt, tatsächlich habe ich niemals erlebt, dass die Reue, die von Gefangenen in Gruppengesprächen oder bei ähnlichen Gelegenheiten öffentlich zur Schau gestellt wurde, mir aufrichtig erschienen wäre. Vielmehr war sie immer mit dem Wunsch verbunden, zu demonstrieren, dass man ein besserer Mensch geworden sei und folglich für Vollzugslockerungen oder eine vorzeitige Entlassung in Betracht käme.

Echtes Bereuen ist zwangsläufig immer mit einem Gefühl der Scham verbunden. Mit sowas geht man nicht freudig hausieren wie mit einem Bauchladen.

In der Regel begehen Menschen Taten, die sie mit sich selbst ausmachen, die sie zum Tatzeitpunkt vor sich vertreten können (sonst begingen sie die Taten nicht). Selbst wenn man eine Tat später kritisch bewertet, so weiß man doch, dass man es zum Zeitpunkt der Tat anders empfunden/bewertet hat. Und intuitiv wissen Menschen, dass sie ihre Handlungen nur daran messen können, wie sie zum Zeitpunkt der Tat gedacht, auf welchem Entwicklungslevel sie sich befunden haben.

Reue kann daher in meinen Augen allenfalls bedeuten, dass ich bedaure, dass ich es damals nicht besser wusste, nicht anders handeln konnte. Aber mir selbst zu unterstellen, dass ich ein böser Mensch sei, dass ich eine destruktive Handlung begangen hätte, obwohl mir für ein Problem eine weniger destruktive Lösung zur Verfügung gestanden hätte, das würde ich mir selbst nicht abnehmen.

Der Knast traumatisiert. Was soll das heißen? Ein Trauma ist ein Riss zwischen dem Betroffenen (dem Traumatisierten) und dem Rest der Menschheit, der so tief ist, dass Worte ihn nicht mehr zu überbrücken vermögen. Es basiert auf Erlebnissen, die der Erlebniswelt der anderen Menschen so fern sind, dass sie unmöglich nachempfunden werden können.

Da zeigt sich eins der größten Probleme dieses Textes: Wie um Himmels willen kann man Menschen, sofern Sie nicht selbst in der kriminellen Subkultur verwurzelt sind und selbst dem Gefängnis ausgesetzt waren, begreiflich machen, warum man die Dinge so sieht und nicht anders?

Ich habe es schon oft zu hören bekommen: »Ich an ihrer Stelle hätte das nicht getan!« Oder: »Ich an ihrer Stelle hätte das nicht gekonnt!«

Wenn sie an meiner Stelle wären, dann hätten Sie meine Gene, meine Eltern, mein Umfeld, meine Biographie, meine Erlebnisse, mein Leben … Was Sie an meiner Stelle täten? Ganz einfach: Sie wären ich! Und wenn Sie das wären, dann hätten sie genauso gehandelt!

Die meisten Menschen haben brave Eltern, sie sind groß geworden mit Kindergarten, Grundschule, Haupt-, Realschule oder Gymnasium, Ausbildung oder Studium, eventuell mit einer Kinderbibel und Gottesdienst … Sie haben gelernt was man tut oder lässt. Eventuell haben sie irgendwann erkannt, dass die Geschichten in der Bibel nicht ganz wörtlich zu nehmen sind. »Das sind Mythen oder Gleichnisse.« Natürlich, »irgendwie« glauben sie schon an Gott. »An irgendwas muss man ja glauben …«

Sie haben gelernt, wie man die Welt in Gut und Böse unterteilt, und diese Unterteilung ist für sie so real wie die Tatsache Ihrer Existenz.

Man muss was erreichen im Leben. Man muss sich nur anstrengen. Schließlich haben wir einen freien Willen und entscheiden selbst, was wir tun. Alles andere sind faule Ausreden …

Wie könnte man ihnen verständlich machen, wie meine Welt beschaffen ist? Sie leben in einem Märchen! Sie leben in einer Realität, die mit der wahren Welt, mit der wahren Natur des Menschen so viel zu tun hat, wie eine Liebesschnulze mit den Erfordernissen einer langjährigen Ehe. Sie leben in einer Welt, die sie nicht selbst ergründet haben, sondern die sie übernommen haben, einem kulturellen Erzeugnis, dass sie sich übergestreift haben wie eine Jacke und das sie jetzt mit der Realität verwechseln. Und wenn sie das einsehen sollen, dann fürchten sie zurecht, dass ihre Welt zusammenbricht. Denn Gut und Böse und Willensfreiheit sind tragende Elemente ihres kulturellen Bauwerkes, Pfeiler, die sie nicht einfach herausreißen können, ohne dass der ganze Klamauk über ihnen zusammenbricht.

Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich habe schon versucht, den aufgeklärtesten Geistern klar zu machen, dass sie keinen freien Willen besitzen (vielleicht ist ihr Wille frei, aber sie haben keinen Einfluss darauf, was sie wollen).

Einige gestehen schnell ein, dass alles Geschehen im Hirn auf physikalisch-chemischen Prozessen beruht und dort folglich alles nach Naturgesetzen abläuft. Aber selbst gestandene Anhänger naturwissenschaftlichen Denkens sind sich dann nicht zu schade, in ein dualistisches Weltbild zu flüchten, ohne dem – zumindest die Intelligenteren begreifen das relativ schnell – ein freier Wille nun mal nicht zu haben ist. Denn der freie Wille braucht etwas jenseits unseres Gehirns, einen freien Geist, der über den Wassern schwebt, etwas, das uns aus der Kette von Ursache und Wirkung herauslöst, uns zu gottgleichen, unbewegten Bewegern macht, etwas, das, wenn auch keiner sagen kann wie, auf unser Gehirn einwirkt und uns so das Wunder unserer Freiheit bewahrt.

Anstatt sich mit der schlichten Tatsache abzufinden, dass es so etwas wie Freiheit in unserem Universum nicht gibt, begehen sie einen intellektuellen Eiertanz, nur um nicht die Konsequenz ihrer eigenen Gedanken ertragen zu müssen.

Bei dem Philosophen Michael Pauen las ich, dass die Naturgesetze nicht festgeschrieben seien. Dass es schon mehrfach ihrer Erweiterung bedurft hätte, um Sie mit den Erkenntnissen der Wissenschaft im Einklang zu halten. Zum Beispiel erforderten die Erkenntnisse Faradays zu den elektromagnetischen Feldern eine Erweiterung der bis dahin bekannten Naturgesetze.

Das stimmt ohne Frage. Nur hatte Faraday die Existenz elektromagnetischer Felder einwandfrei bewiesen. Und seine Versuche ließen sich bei gleicher Versuchsanordnung jederzeit von jedermann reproduzieren.

Faraday sagte nicht etwa: »Ich glaube, dass es sowas wie elektromagnetische Felder geben muss, denn sonst würde ich mich unwohl fühlen, also lasst uns die Naturgesetze ändern!« Nein, er passte die Naturgesetze den von ihm entdeckten und bewiesenen Eigenschaften der Natur an, und nicht etwa seinem Wunschdenken.

Mit der Willensfreiheit sieht das ganz anders aus. Die Tatsache, dass mein Bewusstsein mir bei oberflächlicher Betrachtung ihre Existenz vorgaukelt, ist noch kein Beweis für ihr Vorhandensein.

Ich weiß, alle Vergleiche zwischen menschlichem Gehirn und Computer tragen nicht sehr weit. Aber in gewisser Weise gleicht unser Bewusstsein der Benutzeroberfläche eines Computers. Was wir auf dem Bildschirm sehen, entspricht nicht den binären Prozessen, die im inneren der Maschine ablaufen, auch wenn diese für das Geschehen auf dem Bildschirm grundlegend sind. Unser Bewusstsein entspricht auch nicht den Prozessen in unserem Gehirn, und doch ist es so, dass diese Prozesse unserem Bewusstsein zugrunde liegen und es steuern, und nicht anders herum.

Wir gehen nicht durch unser Leben, sondern das Leben geht durch uns hindurch. Wenn es eine Religion gibt, die dieser Realität nahe kommt, dann ist es der Buddhismus. Wenn Sie Chef über Ihr Denken sind, dann befehlen Sie ihm doch mal, für nur eine Minute aufzuhören! Wer entscheidet darüber, was Ihr nächster Gedanke sein wird? Sie?

Unsere Existenz und ihre Ausprägung hat ihren Anbeginn schon lange vor uns selbst. Und die Nachwirkungen unserer Existenz werden wie Wellen im Wasser mit der Zeit verebben, aber nie ganz verloren gehen. Alles hängt in gewisser Weise zusammen. Unser Abgetrenntsein von allem anderen, unser Ich als autonome Existenz ist nur eine Illusion.

Wie oder warum wurde ich selbst zum Kriminellen? Ganz einfach: ich hatte keine Alternative. Natürlich hätte ich arbeiten können, hätte mein Leben der Kernforschung widmen oder olympisches Gold beim Eisstockschießen einheimsen können, wenn – nun –, wenn ich ein anderer gewesen wäre. Dass sich anderen Menschen Möglichkeiten darbieten, heißt nicht, dass wir diese Möglichkeiten ergreifen können. Wir können nicht neben uns treten und mal eben kurz das Leben eines anderen Leben. Und für manchen Menschen sind die Möglichkeiten so eingeschränkt, dass ihm keine legalen Möglichkeiten bleiben, oder er zumindest den realen Eindruck erhält, ihm blieben keine (was genau besehen aufs selbe hinausläuft).

Ich kann die Stimmen ganz deutlich hören, die einwenden: »Der will doch nur seine Taten entschuldigen!« Aber ganz ehrlich, darum geht es nicht. Das würde ja voraussetzen, dass ich mich schuldig fühlte. Aber irgendwann habe ich aufgegeben nachzubeten, was andere von mir hören wollten, habe das Bereuen an den Nagel gehängt. Und wenn ich heute in mich gehe, dann entdecke ich nichts, wofür ich mich schämen müsste. Es gibt vieles, von dem ich mir wünschen würde, es wäre so nicht passiert, Ereignisse, die ich bedaure. Die meisten davon haben nichts mit Straftaten zu tun, sondern ordnen sich ein in die Reihe kleiner Schäbigkeiten, die wir alle anderen Menschen irgendwann zufügen, Enttäuschungen, die wir anderen bereiten. Und hätte ich es unterlassen, einem Flüchtigen ein Obdach bzw. ein Versteck anzubieten, so würde ich das mit Sicherheit bereuen. Authentisches Bedauern nimmt halt nicht immer die Richtung, die der brave Rest der Gesellschaft sich wünscht.

Die Entwicklung bildgebender Verfahren wie die Computertomographie, Kernspinntomographie etc. hatte Neurowissenschaftler vor einigen Jahren veranlasst, der uralten philosophischen Frage nach der Willensfreiheit neue Aktualität zu verleihen. Haben wir einen Einfluss darauf, was wir wollen? Für die meisten Neurowissenschaftler ist die Antwort inzwischen klar: Nein!

In der Tat ist es erstaunlich, dass der einzige Ort im Universum, wo angeblich Freiheit herrscht, zwischen unseren Ohren liegen soll. Überall sonst, so die einhellige Meinung, herrschen die Naturgesetze, walten Determinismus oder Zufall.

Aber sicher, warum nicht an die Willensfreiheit glauben? Schließlich haben wir auch lange Zeit geglaubt, unser Planet sei der Mittelpunkt des Universums und alle anderen Himmelskörper seien lediglich Beiwerk der vom lieben Herrgott für uns erschaffenen Welt. Oder wir glaubten (und einige tun dies heute noch) dass er die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Na klar, sollte er die Giraffe nach seinem Ebenbild erschaffen haben? Oder gar den Oktopus (obwohl dem eine gewisse Ähnlichkeit zur oft vielarmig dargestellten Gottheit Guanyin nicht abzusprechen ist). Aber nein, die Menschen sind’s, die aussehen wie Gott, was, wenn man ehrlich ist, eigentlich sagen soll: Gott sieht aus wie der Mensch!

Das just in uns Menschen die Freiheit ihren einzigen Platz im Universum gefunden haben soll, scheint mir ein anthropozentrischer Irrtum ähnlichen Kalibers zu sein.

Ein Argument, dass oft in der Diskussion um die persönliche Verantwortung für unser Handeln auftaucht, ist, dass unsere Gene unser Handeln bestimmen.

Jedoch zu glauben, dass die genetische Ausstattung allein für unseren Lebensweg entscheidend wäre, ist falsch. Und die Dimension dieses Irrtums hat es in sich. Glaubten wir, dass unsere Gene über alles in unserem Leben bestimmen würde, so wären wir nicht nur in der Reflexion über unsere Existenz um eine komplette Dimension betrogen, sondern es wäre uns auch unmöglich, Fragen nach der Korrektur destruktiven menschlichen Verhaltens sinnvoll zu beantworten. Wie sollte man ein Verhalten beeinflussen, dass schon mit der Verschmelzung der Geschlechtszellen beider Elternteile unabänderlich festgeschrieben wurde?

Sie ahnen es, die fehlende Dimension, von der ich Rede, ist die der persönlichen Erfahrungen, die unser aller Leben prägen.

Doch so festgelegt es in der Welt der Genetik zugeht (daran ändert auch die Entdeckung epigenetischer Vorgänge nicht viel), so offen gestaltet sich das Reich unserer Erfahrungen, die oft in wenigen Augenblicken über den weiteren Verlauf unserer gesamten Existenz entscheiden.

Die Frage nach unseren Erfahrungen und ihren Auswirkungen auf unser eigenes Leben und das Leben anderer ist ein faszinierendes Thema, in dem man sich geradezu verlieren kann. Selbstverständlich, es gibt die Erfahrungen, die unser Denken prägen, die uns zu Pazifisten, Rassisten, Liberalen, usw. werden lassen, oder uns entscheiden lassen, unser weiteres Leben Jesus Christus, Allah, Buddha oder anderen Vaterfiguren anzuvertrauen oder auf eigenen Beinen zu stehen. Die Tragweite solcher Erlebnisse liegt auf der Hand. Und nicht wenige kennen Schlüsselmomente und Sätze wie: »Als mich damals meine zweite Frau verließ, da entschied ich mich, nie wieder einen Schluck zu trinken.« Oder: »Als ich in die Augen meines sterbenden Vaters blickte, und sah, dass da keine Angst war, keine Furcht, da begriff ich, dass es mehr gibt, als das, was wir sehen. Damals fand ich zu Gott!«

Das Besondere derlei Erlebnisse ist, dass sie, respektive ihre prägenden Qualitäten, uns bewusst sind.

Aber wie oft erleben wir Dinge, zum Beispiel das Versäumen eines Zuges, die in ihrer Tragweite eventuell buchstäblich für unser Leben entscheidend sind, wovon wir aber niemals erfahren? Vielleicht hätte ich in diesem Zug die Liebe meines Lebens getroffen? Vielleicht wäre ich Vater geworden und hätte ein kreuzbraves Leben geführt … Vielleicht wäre der Zug aber auch verunglückt und ich dabei gestorben … Vielleicht, vielleicht …

Wie viele Zufälle haben dazu geführt, dass es uns gibt? Dazu, dass sich unsere Eltern trafen und zueinander fanden?

Von Alois Hitler ist bekannt, dass er Ende des 19. Jahrhunderts oftmals die Arbeitsstelle und folglich den Wohnort wechselte. Wenn er nur etwas eher zu einem Vorstellungsgespräch erschienen wäre, dann hätte er vielleicht eine Arbeit bekommen, während der er vielleicht einen Kollegen kennengelernt hätte, der ein Freund der Familie hätte werden können.

Alois Sohn Adolf zeigte in der Realschule durchwachsene Leistungen, die er selbst später als Ergebnis einer Leistungsverweigerung aufgrund der väterlichen Erwartungshaltung und Strenge erklärte. Bekannt ist, dass Alois Hitler den mangelnden schulischen Leistungen seines Sohnes mit Schlägen Abhilfe zu schaffen suchte …

Was wäre gewesen, wenn ein Mann in das Leben des jungen Adolf getreten wäre, eben jener oben skizzierte Freund der Familie, ein gütiger, intelligenter, väterlicher Freund, der die fraglos vorhandenen Talente des jungen Adolfs gefördert, ihn mit Güte und Verständnis und Hilfe unterstützt hätte? Was, wenn dieser Mann Jude gewesen wäre? Wäre Hitlers Nationalismus ohne seinen Antisemitismus denkbar? Wäre er im Ganzen ein anderer Mensch geworden? Hätte das vielleicht den Lauf der Geschichte verändert und Millionen von Menschen Qualen und Tod erspart?

Antisemitismus war ein Phänomen weit älter als das dritte Reich und erhielt in der modernen Welt durch Druck und Rundfunk nur die Mittel einer flächendeckenden Verbreitung. Nationalismus fand sich in fast allen europäischen Ländern jener Zeit als aufstrebende politische Strömung. Denn wenn Religion und Könige und Kaiser als Einigungskräfte entfallen, dann braucht der Staat neue Banner, hinter der er seine Gefolgschaft versammeln kann, neue Kräfte, die aus Individuen eine Einheit schmieden. Da bot sich die Zugehörigkeit zu einer Nation als neuer Kitt an, um aus der Menge an denkenden Menschen wieder eine geeinte Schar kriegswilliger, gehorsamer Schafe zu formen.

Wahrscheinlich war die Zeit einfach Reif für das große Morden in Europa. Aber wäre Hitler kein Antisemit gewesen, hätte die in der Geschichte einzigartige Abscheulichkeit einer industriell betriebenen Ermordung einer großen Bevölkerungsgruppe vielleicht nie stattgefunden.

Doch es gab keinen gütigen, väterlichen Freund, und für Hitler blieben die Brutalität und emotionale Kälte die er im Elternhaus erlebte, prägend.

Laut dem Historiker Hans Mommsen war Hitlers Feindseligkeit gegenüber linkspolitischen Strömungen schon früh ausgeprägt. Bis ins Jahr 1919 hinein fänden sich aber keine antisemitischen, jedoch durchaus anerkennende Äußerungen Hitlers über Juden.

Gewiss können monokausale Ansätze Hitlers Irrsinn nicht umfassend erklären. Doch bin ich überzeugt, dass die gewaltbedingte Verrohung, der daraus resultierende Verlust an Mitgefühl, die seelische Abstumpfung als Flucht vor der Ausweglosigkeit, als Flucht vor dem Ausgeliefertsein an den gewalttätigen Vater, dass all das fraglos mit dazu beigetragen hat, Hitler zum Antisemiten werden zu lassen, dass es mit dazu führte, dass eine Ideologie große Anziehungskraft auf ihn ausübte, die es ihm erlaubte, andere zum Opfer zu machen, Macht zurückzuerlangen, indem er andere ohnmächtig machte.

Ich will hier nicht Hitler rehabilitieren, sondern nur verdeutlichen, dass es zufällige, oftmals unbedeutend scheinende Faktoren sein können, die verheerende Auswirkungen zeitigen können.

Wahrscheinlich gilt das für alle mehr oder minder zufälligen Erlebnisse oder eben ausgebliebene Erlebnisse (wie das Ausbleiben des Erlebens elterlicher Liebe), dass sie schwerwiegende Auswirkungen zeitigen, wenn sie Menschen widerfahren, die große Beitragsmächtigkeit erlangen, Menschen wie Hitler, Napoleon, Stalin, aber auch Gandhi oder dem Dalai Lama.

Wahrscheinlich wäre es wünschenswert, dass alle Eltern sich bei ihren Erziehungsbemühungen ab und an vor Augen hielten, wie sich ihr Tun später auswirken könnte, falls ihr Kind Macht erlangen sollte. Aber wahrscheinlich denken die Eltern, die den größten Schaden anrichten ohnehin am ehesten, dass sie alles richtig machen, und selbstverständlich nur zum Wohle ihres Nachwuchses.

Nebenbei, Adolf Hitler galt als tierlieb. Ich glaube, in Erich Fromms »Anatomie der menschlichen Destruktivität« gelesen zu haben, Hitler habe seine Tierliebe nur gespielt, um sich selbst über die Grausamkeit seines eigenen Wesens hinwegzutäuschen. Ich denke, das ist falsch. Hitler liebte die Tiere wirklich, er konnte Tiere aufrichtig lieben, eben weil sie keine Menschen waren.

Es heißt, im Leben eines jeden Kindes gibt es zwei Katastrophen: Entweder etwas geschieht, das nicht geschehen sollte (Misshandlungen, Missbrauch), oder etwas, das geschehen sollte, geschieht nicht (das Ausbleiben elterlicher Liebe, ein Mangel an Aufmerksamkeit).

Wie es um unsere Gesellschaft emotional bestellt ist, zeigt sich daran, dass ersteres lange Zeit als normal galt. Das heißt, Gewalt gegen Kinder wurde erst dann als problematisch angesehen, wenn sie offenkundig unmotiviert und grausam war. Aber Schläge an und für sich waren als Erziehungsmaßnahme akzeptiert. Das galt auch für die Generation meiner Eltern, und das habe ich, wie so viele andere auch, durchaus zu spüren bekommen.

Für das zweite fehlte der Gesellschaft gänzlich der Blick. Im Gegenteil, ein Zuviel an elterlicher Liebe galt als schädlich, eine Verzärtelung oder Verweichlichung wurde befürchtet. Dass ein Kind allein unter dem Fehlen von Zuwendung leiden, ja dadurch geradezu seelisch deformiert werden könnte, ist bis heute selbst in unseren zivilisierten Breitengraden kein allgemeines Gedankengut.

Noch immer gilt: wer geschlagen oder missbraucht wird, ist zumindest in einer Hinsicht im Vorteil: er trägt sichtbare Verletzungen, er kann auf Mitleid und Verständnis hoffen.

Wer hingegen zur zweiten Kategorie gehört, der wird schnell als verweichlicht, als Mimose angesehen. Wie kann jemand unter etwas leiden, das nicht passiert ist?

Auch der Betroffene selbst erkennt meist nicht, was mit ihm geschieht. Er weiß nicht, warum es ihm passiert. Und da er es nicht anders kennt, weiß er eigentlich gar nicht, was mit ihm passiert. Er merkt nur, dass etwas nicht stimmt. Er hat dieses wahnsinnige Loch in sich, das er mit nichts stopfen, nicht füllen kann, das ihn zu zerreißen droht.

Im besten Fall fängt er irgendwann an zu rebellieren. Das heißt zwar, dass er sein Leben gegen die Wand fährt, weil er sich verweigert, Gehorsam, Leistung etc. verweigert. Aber es ist das gesündere Verhalten. Einfach, weil die destruktiven Tendenzen nach außen gerichtet werden, dorthin, wo der Schmerz herkommt.

Ich schlimmsten Falle aber, ist das Kind brav. Es zieht sich den Schuh an. Es sieht sich verantwortlich für den Mangel an elterlicher Liebe. Es tut alles, um den Eltern gerecht zu werden. Es büffelt für die Schule, es ist gehorsam, es versucht, den Eltern Selbstbestätigung zu geben, notfalls bis zur Selbstaufgabe. Diese Kinder fangen irgendwann an, sich zu ritzen, sie kauen Nägel, fangen das Saufen an (die Drogenabhängigkeit der Angepassten), werden dick, ängstlich, depressiv usw.

Wir sind soziale Wesen, wir finden unsere Anerkennung und Zuneigung in unserer sozialen Gruppe, und ihr gegenüber sind wir verpflichtet.

Wir alle lernen, dass es Gut und Böse gibt. Keiner ist besser als der andere. Auch der Mafioso, auch der Terrorist, auch das kriminelle Bandenmitglied. Nur ist der Inhalt des Gewissens, die Einteilung von Gut und Böse eine andere.

Sie glauben vielleicht, ein Verbrecher sei Böse, habe kein Gewissen, keine Wertvorstellungen, aber das stimmt so nicht. Viele haben eine stärkere Moral als ihre rechtstreuen Bürger, und sie würden für die gute, gerechte Sache, für ihre Familie, ihre Komplizen ins Gefängnis oder sogar in den Tod gehen. »Stärker« ist hier wohl der falsche Begriff. Aber ein Verbrecher muss sich wahrscheinlich bewusster mit moralischen Fragen und deren für ihn gravierenden Folgen auseinandersetzen: Begehe ich Verrat und erhalte eine kürzere Haftstrafe? Oder nehme ich in Kauf, Jahre meines Lebens in Haft zu sitzen, um nicht zum Verräter zu werden? Die moralischen Abwägungen im Leben eines rechtstreuen Bürgers beschränken sich im Alltag wahrscheinlich meist auf Fragen, die im Zusammenhang mit seinem Ehegelübde stehen …

Ohne Moral kann man kein Terrorist oder Mafioso, Soldat oder Polizist werden. Denn die Moral ist nicht der Kitt, der die Menschheit zusammenhält, sie ist es, die uns einander töten lässt! Die Mächtigen dieser Welt haben schon immer Feindbilder genutzt, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen: teile und herrsche.

Moralische Regeln kann man für sich selbst aufstellen, aber man darf sie nicht verallgemeinern, denn jede Lebenswirklichkeit ist eine andere. Die Schwarzen aus den Ghettos Amerikas und die wohlhabenden Weißen haben sicherlich eine unterschiedliche Meinung von der Polizei. Aber keiner von beiden irrt. Sie werden einfach nur unterschiedlich von der Polizei behandelt.

Die Unterteilung in Gut und Böse ist nicht Teil der Lösung auf dem Weg zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen, sie ist Teil des Problems.

Wie sagte ich schon oben: Was sie an meiner Stelle täten? Sie wären ich!

Und was ich an Ihrer Stelle täte? Ich wäre Sie!

Als ich meinen ersten längeren Strafprozess durchzustehen hatte, war ich noch jung und im Dualismus von Gut und Böse gefangen. Als ich sah, wie Staatsanwalt, Richter, Polizei und Zeugen logen, ohne einen anderen ersichtlichen Vorteil zu haben, als den, mir zu schaden, da begriff ich mehr denn je, dass ich und die meinen Widerstand leisteten, weil wir in Wirklichkeit die Guten waren.

Die Gegenseite glaubte, dass der Zweck die Mittel heilige, dass das Recht zu meinem Nachteil ruhig gebeugt werden dürfe, denn schließlich war ich ein böser Mensch und hatte es nicht besser verdient. Sie glaubten, dass einer wie ich keinen Anspruch auf den Schutz des Gesetzes hätte, ohne zu bedenken, dass zum Beispiel die Strafprozessordnung zu einem großen Teil genau zum Schutz von Leuten in meiner Situation erdacht wurde. Für mich als jungen Menschen waren sie Rechtsbrecher nicht mal aus Habgier, sondern allein aus Niedertracht.

Und dann kam die erste Haft. Wer glaubt, dass Menschen durch das Gefängnis besser werden, dem ist nicht mehr zu helfen. Resozialisierung ist ein großes Wort für etwas, das so blöd ist, wie gegen den Wind zu pinkeln.

Nach diesen Erfahrungen war ich bis auf weiteres für die normale Gesellschaft verloren. Niemand hält sich für schlecht. Das liegt in der Natur der Sache. Warum hätte ich mich auch an Gesetze halten sollen, die, wenn es um mich ging, offensichtlich nicht galten?

Was ich damals unmöglich wissen konnte: Es gibt keine Willensfreiheit, kein Gut und Böse, es gibt keine objektive Moral. Im Gegenteil, Schuldzuweisungen, die Verdammung des anderen, sind die Dinge, mit denen wir uns selbst ins Unrecht setzen, mit denen die Menschen einander entzweien.

Was dem einen ein feiger Terrorist, ist dem anderen ein mutiger Freiheitskämpfer.

Es ist egal, auf welcher Seite wir stehen, ob das Schicksal uns zum Verbrecher oder zum Polizisten werden lässt, ob zum Bürger der westlichen Welt oder Bürger eines Staates im nahen Osten. Es gibt immer nur eines, was uns in Recht oder Unrecht setzt: die Wahl unserer Mittel. Wenn wir lügen, betrügen, erpressen, Gewalt üben, Gesetze beugen, dann wird unser Gegenüber uns zurecht als schlecht erleben, so sehr wir uns auch im Recht fühlen.

Paul Valéry schrieb einst, Barmherzigkeit vollende sich darin, dass sie andere barmherzig mache. Das ist fraglos wahr. Und genauso wahr ist es, dass Unbarmherzigkeit sich darin vollendet, dass sie andere unbarmherzig macht.

Wenn ich sage, dass wir soziale Wesen sind, dann meint das auch, dass unsere Mitmenschen von uns erwarten, dass wir berechenbar sind. »Er war unberechenbar« ist selten eine positiv gemeinte Aussage. Die Menschen erwarten, dass wir für das einstehen, was wir zu sein vorgeben. Ein Mafioso, der bei der Polizei seine Familie belastet, begeht einen Verrat an den Leuten, die ihm vertraut haben. Der Polizei mag ein Spitzel von Nutzen sein, ähnlich wie der Landesverräter im Krieg dem befeindeten Staat von Nutzen ist. Aber schätzen tut diese Haltung niemand. Wie heißt es doch: Sie lieben den Verrat, aber hassen den Verräter. Wir können nachvollziehen, wie sich die Leute fühlen müssen, die ihm vertraut haben.

Helmut Kohl hingegen, der, als seine kriminellen Machenschaften ruchbar wurden, seine Komplizen nicht benennen wollte und sich stattdessen auf sein Ganovenehrenwort berief, dass er ihnen gegeben hatte, verriet das, wofür er stand. Als Kanzler hatte er öffentlich auf die deutsche Verfassung geschworen, das höchste aller deutschen Gesetze. Er hatte geschworen, Schaden vom deutschen Volke abzuhalten; und nun plötzlich führte er sich auf wie ein Mafioso – und erstaunlicherweise beklatschten ihn nicht wenige dafür. Das sagt viel über diejenigen aus, die sein Verhalten für gut fanden. Offensichtlich haben sie selbst keine Schwierigkeiten damit, etwas vorzugeben, aber in Wirklichkeit das Gegenteil zu tun.

Man sollte immer bemüht sein, ein Mann seines Wortes zu sein. Und das heißt als erstes, dass man sein Wort nur einer Seite geben kann. Man kann nicht rechtstreuer Bundeskanzler und Ganove in einem sein. An einer Seite wird man immer Verrat üben müssen.

Wer es sich erlaubt, einer Institution ihre Berechtigung abzusprechen, die so tief in dem verwurzelt ist, was man »gesunden Menschenverstand« nennt, dass sie für viele Menschen keinerlei rationaler Belege bedarf, nicht den Hauch eines Beweises ihrer Funktionalität oder auch nur ihrer Unschädlichkeit, wer sich einer solchen Institution entgegenstellt, der kann sich des Widerspruchs gewiss sein.

Wenn man dem Strafvollzug seine Existenzberechtigung abspricht, wird man gelinde formuliert angesehen, als sei man nicht ganz bei Trost, und die Einwände, die man zu hören bekommt, sind eigentlich immer dieselben.

Zum Beispiel seien die Inhaftierten doch selbst schuld, dass sie im Knast sitzen, schließlich hätten sie eine Straftat begangen.

Doch auch wenn jemand eine Straftat begeht, ist er nicht selber schuld daran, im Gefängnis zu sitzen. Das ist eine Pseudokausalität, die allerdings so weit verbreitet ist, dass ihr Pseudocharakter quasi unsichtbar geworden ist.

Wenn einer aus dem 10. Stock springt oder sich mit einer 45er in die Schläfe schießt, dann ist er an seinem Ableben schuld, da besteht ein realer kausaler Zusammenhang.

Doch zwischen Straftat und Haft besteht er nicht. Für die Inhaftierung von Menschen sind jene verantwortlich, die derlei Gesetze machen und die, die letzteren zur Durchsetzung verhelfen.

Dieselbe Tat mag zu anderen Zeiten oder an anderen Orten gar nicht zu Sanktionen führen. Oder aber zu ganz anderen Sanktionen. Vielleicht landet der Betreffende anderenorts nicht im Gefängnis, aber er wird ausgepeitscht, oder man schlägt ihm eine Hand ab. Oder man lässt ihn einfach laufen.

Vielleicht zieht eine nach unserem Verständnis selbstverständlich strafbewährte Tat bei anderer Gelegenheit sogar Anerkennung oder Lob nach sich. Ich gehe davon aus, dass eine Körperverletzung während einer Rauferei unter Jugendlichen im alten Sparta ganz anders bewertet wurde als hier und heute. Und auch das Töten hat im Krieg einen anderen Stellenwert als in Friedenszeiten.

Wenn jemand einen anderen Menschen einer Strafe unterzieht, und wenn diese Strafe vielleicht sogar falsch, übertrieben hart, ungerecht oder vom erzieherischen Ziel her betrachtet kontraproduktiv ist, dann trägt der Strafende die Verantwortung dafür, nicht der Delinquent. Letzterer ist allenfalls für seine eigenen Taten verantwortlich zu machen. Gleiches gilt aber genauso selbstverständlich für jene, deren Taten darin bestehen, zu strafen. Für deren Tun kann der Delinquent nicht verantwortlich gemacht werden, es sei denn, er hätte bei Art und Dauer der Bestrafung ein Mitspracherecht gehabt, was bekanntlich in der Regel nicht der Fall ist.

Ein weiterer Einwand lautet, was man denn ansonsten mit den ganzen Verbrechern anstellen will? Etwa wieder auf die Menschen loslassen?

Aber mal ganz unter uns, weit über 99 % der Verbrecher (selbst die sogenannten Lebenslänglichen) werden eh meist wieder entlassen und sind dann genau dort, wo sie der eben genannten Frage nach unmöglich sein dürften: In Freiheit.

Wie sie dort agieren, ob sie verrohte, traumatisierte, gewaltbereite Menschen sind, oder einfacher, ob sie nach der Haft noch schlimmere Menschen sind als vorher, das hängt – das sollte eigentlich jedem einleuchten – fraglos mit den Haftbedingungen zusammen, denen sie unterworfen waren.

Es erstaunt nicht, dass die Länder, die eine relativ humane Justiz haben (z.B. die skandinavischen Länder), seltener mit negativen Folgen der Haft zu kämpfen haben, während das Paradebeispiel für überzogene Härte im Umgang mit Straftätern, nämlich die USA, sich zurecht vor den seelisch verkrüppelten, verrohten Zeitgenossen fürchten, die sie in ihren Haftanstalten scharf gemacht haben wie Kampfhunde.

Dass Abschreckung nicht funktioniert, belegen die USA jedes Jahr mit überbordender Deutlichkeit durch ihre Kriminalstatistik. Die Mordrate toppt die in Deutschland grob um den Faktor 40 (!). (Dabei ist die unterschiedliche Bevölkerungszahl bereits berücksichtigt, sonst wären es rund hundertmal so viele.)

Und nein – das hat nichts mit den Schusswaffen zu tun, die im Übermaß im Umlauf sind. In Kanada ist Jagen Nationalsport, die Waffendichte ist mit der in den USA vergleichbar. Das Strafsystem in Kanada ist gemessen am amerikanischen Vollzug geradezu ein Erholungszentrum. Doch die Mordrate in Kanada liegt ungefähr bei der Frankreichs!

Aber Amerika ist ein zutiefst moralisches Land. Rache und Vergeltung stehen daher hoch im Kurs, allerdings – und das wird von Hardlinern immer wieder gerne verdrängt – selbstredend auf beiden Seiten des Gesetzes.

Viele glauben, es sei doch richtig, dass die Leute im Knast schlecht behandelt werden; das solle ja schließlich kein Hotel sein.

Dazu wurde eigentlich im letzten Abschnitt alles gesagt. Wie man in den Wald hineinruft, wusste schon meine Oma, so schallt es hinaus.

Wer Gefangene wie Tiere behandelt, der darf sich nicht beklagen, wenn sie sich in Freiheit wie Tiere benehmen.

Ganz davon abgesehen, mein Einwand gegen schlechte Haftbedingungen ist gar nicht so revolutionär, wie er im ersten Moment scheinen mag, hieß es doch jahrzehntelang im Bundesstrafvollzugsgesetz: »Strafe ist einzig und allein der Entzug der Freiheit. Das Leben im Vollzug soll dem in Freiheit so weit als möglich angeglichen werden.«

Man hätte stolz sein können, auf ein derart fortschrittliches Gesetz. Stattdessen wurde es von Anfang an unterminiert. Das hat dazu geführt, dass zahllose Mitarbeiter fast aller Vollzugsanstalten in Deutschland auf Geheiß ihrer obersten Dienstherren oder auch aus Selbstherrlichkeit zu permanenten Rechtsbrechern wurden. Ein unverantwortlicher Bärendienst an der Gesellschaft, die das auch noch finanziert hat!

Es ist erstaunlich, doch wenn es um so komplexe rechtswissenschaftliche, psychologische und philosophische Fragen wie nach der richtigen Behandlung von Straftätern (sowohl ihrer therapeutischen Behandlung als auch der Angemessenheit der ihnen zugefügten Sanktionen) geht, dann ist plötzlich jeder ein Experte.

Selbst die letzte Flachzange entpuppt sich als Fachmann in ethischen Belangen und gibt im Brustton der Überzeugung seinen dünnen Senf zum Besten.

Dabei gilt offenkundig das Gesetz: Je größer die Klappe, desto moralinsaurer der Erguss. Je dürftiger das Denken, desto lauter der Schrei nach Strenge.

Ich muss zugeben, auch wenn ich 18 Jahre gesessen habe, bin ich in derlei Fragen ein Laie (dass jemand Krebs hatte, macht ihn noch lange nicht zum Onkologen).

Allerdings nehme ich für mich in Anspruch, mich aufgrund der gerade erwähnten biographischen Einschnitte intensiver mit der Materie befasst zu haben, als die meisten anderen Laien. Ich durfte dabei feststellen, dass auch viele der von Berufs wegen mit der Thematik befassten Fachleute oft recht dünne Bretter bohren. Selten läuft der wissenschaftliche Anspruch so sehr Gefahr über Bord zu gehen, wie wenn es sich um Fragen handelt, die moralische Themen zum Gegenstand haben.

Und nicht selten hört man die empörte Frage, wie es gerecht sein könne, jemanden nicht zu bestrafen, der einem anderen Schaden zugefügt hat?

Es wird sie überraschen, doch tatsächlich könnte ich den Satz unterschreiben, dass es Konsequenzen haben muss, wenn ein Mensch einem anderen Schaden zufügt.

Was bitte sehr könnte denn überhaupt das Kriterium für die Strafwürdigkeit von Handlungen sein, wenn nicht das Maß der ihnen innewohnenden Destruktivität?

Doch wie sieht es in der Realität aus?

Wenn jemand ein harmloses Kilo Hasch verkauft, muss er vielleicht ins Gefängnis.

Wenn jemand in eine Kneipe einbricht, weil es mit seinem Grips nicht weit her, er Alkoholiker und seit Jahren arbeitslos ist, dann muss er ins Gefängnis.

Wenn jemand zum wiederholten Male im Bus schwarzfährt, dann muss er mit einem Strafverfahren rechnen, und im schlimmsten Fall ins Gefängnis!

Wenn jemand zum wiederholten Male mit ein paar Gramm Heroin erwischt wird, das er einzig und allein zum Eigenkonsum erworben hat, dann muss er ins Gefängnis.

Dabei lässt sich gerade beim letzteren Fall fragen, worin um Himmels willen das Destruktive der Handlung liegen soll, von der Selbstdestruktivität einmal abgesehen (aber da sogar ein Selbstmordversuch in Deutschland nicht strafbar ist, kann es ein Selbstmord auf Raten doch erst recht nicht sein).

Alle diese Handlungen scheinen so gefährlich zu sein, dass ein großes öffentliches Interesse an ihrer Verfolgung besteht. Sie scheinen so gefährlich zu sein, dass sie es rechtfertigen, ja notwendig machen, in das Leben eines Menschen in denkbar schwerster Weise einzugreifen (wenn man von seiner Ermordung einmal absieht), indem man ihn seiner Freiheit beraubt, ihn entwürdigt, seine wirtschaftliche Existenz zerstört, seine Angehörigen in Mitleidenschaft zieht …

Was aber, wenn der Manager eines großen Tabakkonzerns den Umsatz in Deutschland durch clevere Verkaufsstrategie um 12 Millionen steigert und damit zahllose Fälle von Krebserkrankungen und Toten verursacht? Kommt der dann auch ins Gefängnis? Nein, er erhält ganz legal eine fette Bonuszahlung und wird – so noch Raum nach oben ist – befördert.

Was, wenn der Inhaber eines Rüstungskonzerns über kaum verhüllte Umwege Waffen an die Aufständischen einer Region liefert, nachdem er zuvor jahrelang die Regierung beliefert hatte? Ober wenn er das saudische Königshaus beliefert, damit das seinen verbrecherischen Krieg im Jemen fortsetzen kann, kommt der dafür in Haft? Nein, er erhält ebenfalls einen fetten Scheck und seine Lobbyisten dürfen sich anschließend mit hohen Mitarbeitern des Bundesaußenministeriums treffen, um den nächsten Deal einzufädeln!

Nun gut, aber – wenn der Besitzer einer Großbrauerei seinen Stoff an seine Dealer, die Wirte liefert, um mit deren Beihilfe Alkoholiker in Heerscharen unter die Erde zu bringen, dann atmet er doch gewiss auf lange Zeit gesiebte Luft? Vielleicht geht er sogar in anschließende Sicherungsverwahrung? Das erschreckend hohe Maß an Destruktivität all dieser Taten ist ja für jeden ersichtlich … Nein, leider auch hier: Fehlanzeige! Dafür legt ihm der bayrische Ministerpräsident zum Starkbieranstich beim Oktoberfest den Arm um die Schulter.

Deutschland hat die UN-Charta unterschrieben. Schröder und Fischer führten einen illegalen Krieg gegen Serbien. Sie sind – das ist nicht meine Meinung, sondern geltendes internationales Recht – Kriegsverbrecher. Müssen sie mit ihrer Verhaftung rechnen? Wohl eher nicht …

Bedenken Sie, die größten Verbrechen auf Erden wurden nie von Kleinkriminellen, Huren, Süchtigen, Bankräubern, Einbrechern etc. begangen, sondern von Politikern, Polizisten, Militär und Konzernen.

Warum kommt so selten jemand auf die Idee, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen? Wie bereits oben gesagt: »Im Namen des Volkes« ist nur eine leere Floskel. Die Justiz und der ihr angegliederte Repressionsapparat sind Machtinstrumente des Staates. Wer für die Justiz arbeitet, der arbeitet für den Staat, und nicht fürs Volk, und nicht selten sogar gegen das Volk.

Mein Vorschlag: Lassen Sie uns tatsächlich alle Taten nach der ihnen innewohnenden Destruktivität bemessen und daran die Höhe der Strafe festmachen! Die Welt wäre gewiss nicht perfekt, aber ohne Frage ein besserer Ort.

Bleibt noch eine durchaus gerechtfertigte Frage, die Vollzugskritikern immer wieder gestellt wird: Was willst du denn mit den Straftätern machen, wenn nicht einsperren?

Abolitionismus bezeichnete die Bewegung, die sich ab dem 18. Jahrhundert für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte. Den Begriff übernahmen später die Menschen, die sich für die Abschaffung der Gefängnisse stark machten, was natürlich nicht zufällig geschah.

»Die Abschaffung der Gefängnisse, das kann doch niemand ernst meinen!«, ist wahrscheinlich die Reaktion der meisten Menschen, wenn sie sich zum ersten Mal mit dieser Idee konfrontiert sehen. Aber keine Sorge, das hat nichts zu sagen. Denn glauben Sie mir, als die ersten Menschen im 18. Jahrhundert von der Schnapsidee erfuhren, die Sklaverei abzuschaffen, da haben die mit Sicherheit nicht anders reagiert: »Die Abschaffung der Sklaverei, das kann doch niemand ernst meinen!«

Bekanntlich kam es dann einige Zeit später doch dazu, und die Welt ist dadurch ein besserer Ort geworden. Also, wenn Ihnen die Abschaffung der Gefängnisse zunächst ein absurder Gedanke zu sein scheint, werfen Sie nicht gleich die Flinte ins Korn. Lassen Sie sich auf die Überlegungen ein. Schließlich geht es um Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen ein Leben in Unfreiheit führen müssen, und um das zu vermeiden, da sollte man schon mal ein bisschen intellektuellen Wagemut aufbringen.

Wer gab den Sklavenhaltern eigentlich das Recht, andere Menschen ihrer Freiheit zu berauben? Niemand. Sie hatten einfach die Macht dazu.

Wer gibt eigentlich einigen Leuten das Recht, willkürlich auszuwählen, welche Verhaltensweisen strafwürdig sind und dann andere Menschen ihrer Freiheit zu berauben. Niemand. Sie haben einfach die Macht dazu.

Die Parallelen zwischen Sklaverei und Haft, die ich hier aufzuzeigen versuche, sind kein Zufall. Beides hat viel miteinander gemeinsam.