Zarte Landung - Emma Donoghue - E-Book
Beschreibung

Sie begegnen sich auf einem Langstreckenflug nach London: Jude Turner und Síle O'Shaughnessy. Es ist Judes erster Flug überhaupt - Reiselust ist ihr fremd. Sie ist im beschaulichen Ireland, Ontario, verwurzelt und betreut dort ein kleines Heimatmuseum. Síle hingegen ist als Flugbegleiterin in ihrem Element. Sie lebt im quirligen Dublin und ist ständig auf Achse. Ihre Begegnung über den Wollken geht keiner der beiden Frauen aus dem Sinn. Sie schreiben sich E-Mails, führen Ferngespräche, treffen sich. Sie verlieben sich ineinander - zwei Frauen, deren Welten unterschiedlicher nicht sein könnten … »Zarte Landung", die wunderschön erzählte transatlantische Liebesgeschichte, ist von Emma Donoghues persönlichen Erfahrungen inspiriert, die sie als »Zeitzonen-Tango" beschreibt. Es ist nach ihr vierter Roman, der auf Deutsch vorliegt. Unter den Top Ten 2014 der »Besten Bücher aus unabhängigen Verlagen"!

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Seitenzahl:508

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FRAUEN IM SINN

 

Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Emma Donoghue

Zarte Landung

Roman

Aus dem Englischenvon Adele Marx

Für Chris – jede Reise wert.

Ireland, Ontario, liegt auf der Landkarte genau dort, wo das echte Dublin, Ontario, liegt, ist abgesehen davon jedoch fiktiv. Ebenso ein reines Phantasieprodukt ist die irische Fluglinie, für die eine meiner Protagonistinnen arbeitet.

Silvester

DESORIENTIERUNG (aus dem Französischen,

désorienter, sich vom Osten abkehren):

(1) Störung der Zeitwahrnehmung

oder der Raumorientierung

(2) Geistige Verwirrung

Später würde Jude Turner auf den 31.Dezember als den letzten Morgen zurückblicken, an dem ihr Leben noch gefestigt, begreifbar, aus einem Guss gewesen war.

Sie hatte nackt und traumlos geschlafen. Wie immer erwachte sie um sechs Uhr morgens in dem Haus in Ireland, Ontario, in dem sie geboren war; sie besaß keinen Wecker. In ihrem alten Morgenmantel warf sie ihrem schmalen Gesicht im Spiegel nur einen flüchtigen Blick zu, als sie es mit kaltem Wasser benetzte, ihr Haar glatt drückte, nach der schwarzen rechteckigen Brille griff. Die dritte und die achte Stufe ächzten unter ihren Füßen, und der Ofen war fast aus; sie schob Scheite in das Bett rot glimmernder Asche. Ihren Kaffee trank sie schwarz aus dem blauen Henkelbecher, den sie in der zweiten Klasse getöpfert hatte.

Als Jude sich die zweite Zigarette anzündete, wurde es langsam hell. Sie schaute durch ein Fallgatter aus halbmeterlangen Eiszapfen: Waren das da frische Waschbärenspuren? Bald würde sie ihre Auffahrt freischaufeln, dann die der Petersons nebenan. Ihr Nachbar auf der anderen Seite war Bub, ein obskurer Truthahnrupfer mit mächtigem Schnauzbart. Normalerweise wäre ihre Mutter mittlerweile unten, Lockenwickler im Haar, aber seit dem zweiten Weihnachtstag weilte Rachel Turner bei ihrer Schwester in England. Die Stille tröpfelte wie Öl in Judes Ohren.

Um sieben würde sie schon zum Museum drei Straßen weiter hinübergegangen sein, um ein ordentliches Pensum Arbeit geschafft zu haben, bevor jemand anrief oder vorbeikam, um eine räudige Fellpelerine zu spenden, denn an diesem Nachmittag fand das Post Mortem des kläglichen Ertrags statt, den der weihnachtliche Spendenaufruf eingebracht hatte. Mit fünfundzwanzig war Jude, die Kuratorin, im Alter der Enkel der meisten Verwaltungsratsmitglieder.

Das Telefon bimmelte schrill, und obwohl sie lieber nicht rangegangen wäre, tat sie es doch. Eher noch als die Stimme erkannte sie den Akzent.

»Louise! Frohe Weihnachten! Warum flüsterst du?«, fiel Jude ihrer Tante, die redete wie ein Wasserfall, ins Wort. »Nicht ganz bei sich – was heißt das?«

»Ich glaube einfach nicht –« Louise brach ab und fuhr mit lauterer Stimme fort: »Ich telefoniere, Rachel! Ich bin gleich wieder bei dir.«

Jude drückte ihre Zigarette aus und versuchte sich das Haus in England – in einer Stadt namens Luton – vorzustellen, obwohl sie es noch nie gesehen hatte. »Hol Mom ans Telefon, ja?«

Statt zu antworten, rief ihre Tante: »Setzt du mal den Kessel auf?« Dann zischte sie ins Telefon: »Sekunde mal.«

Jude wartete und verspürte Ärger in sich aufkeimen. Ihre Tante war schon immer dem Gin zugetan gewesen; konnte sie womöglich bereits um – sie sah zu der Standuhr hinüber und fügte fünf Stunden hinzu – bereits mittags um halb zwölf betrunken sein?

Louise kehrte ans Telefon zurück und sagte übertrieben dramatisch wie beim Laienspieltheater: »Deine Mutter bereitet Tee zu.«

»Was ist los? Ist sie krank?«

»Sie würde nie klagen, und ich habe ihr nicht erzählt, dass ich dich anrufe«, flüsterte ihre Tante, »aber wenn du mich fragst – du solltest rüberkommen und sie nach Hause holen.«

Rüberkommen – als wäre Luton gleich nebenan. Jude konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme klang wie ein Peitschenknall. »Kann ich bitte meine Mutter sprechen?«

»Die gelbe Kanne!«, rief Louise. »Die andere ist für Kräutertee. Und ein paar von den Diät-Pfeffernüssen.« Dann, leiser: »Jude, Liebes, ich muss Schluss machen. Ich habe gleich Tai Chi – bitte glaub mir einfach, sie braucht ihre Tochter …«

Sie hatte aufgelegt. Jude starrte auf den schwarzen Bakelit-Hörer. Dann legte sie ihn auf die Gabel zurück.

In dem fleckigen Adressbuch auf dem Küchentresen schlug sie die Nummer nach, aber nach viermaligem Klingeln vernahm sie in Louises zurückhaltendem Ton bloß die Ansage: »Sie sind mit dem Anschluss 3688492 verbunden …«

»Ich bin’s – Jude«, sagte sie dem Gerät. »Ich – hör mal, ich weiß wirklich nicht, was los ist. Ich würde mich freuen, wenn Mom mich sofort zurückrufen könnte.« Rachel musste doch wohl ans Telefon gehen können, wenn sie in der Lage war, Tee zuzubereiten?

Jude kochte sich Hafergrütze, um ein bisschen Zeit totzuschlagen. Nach zwei Löffeln war ihr der Appetit vergangen.

Das war lächerlich. Mit ihren sechsundsechzig Jahren war Judes Mutter fit und munter, sie ging nie zum Arzt, von der Grippeimpfung abgesehen. Sie reiste nicht besonders gern, war aber sehr wohl in der Lage dazu. Louise war sechs Jahre älter – oder sieben? Wenn mit Rachel etwas ernsthaft nicht stimmte – wenn sie Schmerzen hätte oder Fieber, innere Blutungen oder eine Geschwulst –, dann hätte Louise das doch gesagt? Im Nachhinein fand Jude, dass ihre Tante ausweichend geklungen hatte, ja fast paranoid. Waren das womöglich erste Anzeichen von Senilität?

Wieder wählte Jude die Nummer in Luton und erreichte den Anrufbeantworter. Diesmal hinterließ sie keine Nachricht, denn sie wusste, sie hätte zu scharf geklungen. Die beiden Schwestern waren doch wohl kaum eine Minute, nachdem sie sich eine Kanne Tee gekocht hatten, aus dem Haus gegangen?

Ihr Magen war eine Schlangengrube. Komm rüber – das sagte sich so leicht. Der Atlantik erstreckte sich vor ihrem geistigen Auge, ein endloser grauer Schrecken.

Im Grunde litt sie nicht an einer Phobie. Sie hatte bloß nie das Bedürfnis oder die Neigung verspürt, in ein Flugzeug zu steigen. Das gehörte zu den Dingen, die die Menschen fälschlicherweise für unabdingbar hielten – wie Mobiltelefone oder die Mitgliedschaft im Fitness-Studio. Jude hatte ihr erstes Vierteljahrhundert sehr gut ohne Flugreisen gelebt. Im Februar beispielsweise, wenn sich halb Ontario wie schaudernde Schwalben auf den Weg nach Mexiko oder Kuba machte, ging sie lieber im Pinery Provincial Park Schneeschuhwandern. Um an der Hochzeit ihrer Cousine in Vancouver teilzunehmen, hatte sie sich zwei Jahre zuvor jeweils eine Woche Zeit für den Hin- und Rückweg gelassen und auf dem Rücksitz ihres Mustangs geschlafen. Und in dem Sommer, als ihre Freundinnen und Freunde von der Highschool durch Europa getourt waren, hatte Jude oben im Norden Bäume gepflanzt, um sich ihr erstes Motorrad kaufen zu können. Es war doch wohl allein ihre Sache, wenn sie es vorzog, festen Boden unter den Füßen zu haben?

Deine Mutter ist nicht ganz bei sich. Was sollte das heißen?

Keine der beiden hatte zurückgerufen. Letzten Endes, so sagte Jude sich, würde sich die ganze Sache zweifellos als nichts weiter als ein leidiges und kostspieliges Hirngespinst ihrer Tante entpuppen. Doch in ihrer entschiedenen, leicht kindlichen Schrift, die sich seit der Grundschule nicht verändert hatte, schrieb sie einen »Wegen dringender Familienangelegenheit geschlossen«-Zettel und klebte ihn an die Tür des kleinen Museums.

Rizla nahm sich den Nachmittag von der Werkstatt frei, um sie in seinem neuen orangefarbenen Pick-up zum Flughafen zu fahren. Er trug einen langen Schaffellmantel von Ben Turner; Jude hatte ihn im Keller gefunden, in der Plastikumhüllung einer Reinigung, Jahre nachdem ihr Vater sich nach Florida davongemacht hatte, und es verschaffte ihr einen wohlig-boshaften Schauer zu sehen, dass Rizla ihn unbekümmert über einem ölverschmierten White-Snake-T-Shirt trug.

Weiße Flocken wirbelten der Windschutzscheibe entgegen; die Landstraßen waren dick mit Schnee bedeckt. Jude zog an der Zigarette, die sie sich teilten. »Also, wieso höre ich: ›Dieser Anschluss ist gesperrt‹, wenn ich dich anrufe?«

»Das ist bloß ein Missverständnis wegen diesen Dumpfbacken bei der Telefongesellschaft«, antwortete er und verzog den Mundwinkel.

»Aha.« Gleich darauf fragte sie: »Wie hoch sind die Raten für die Kiste hier?«

»Ist sie nicht eine Augenweide?«

»Ist sie. Eine große prachtvolle Tangerine. Wie hoch sind die Raten?«

Rizla hielt den Blick auf die Straße geheftet. »Leasing ist auf die Dauer günstiger.«

»Aber wenn du nicht mal die Telefonrechnung bezahlen kannst –«

»Scheiße, wenn du mich den ganzen Weg bis nach Detroit wegen meiner Rechnungen löchern willst, dann verzieh dich nach hinten.«

»Okay, okay.« Jude reichte ihm die Zigarette. »Warum hat mich keine von beiden zurückgerufen? Ich habe drei Nachrichten hinterlassen«, murmelte sie und merkte, dass sie sich wiederholte.

»Vielleicht hat deine Mom irgendwas, worüber man nicht spricht«, schlug er vor. »Schließlich ist sie Britin.«

»Zum Beispiel? Blut im Stuhl?«

»Syphilis. Filzläuse.«

Jude schnippte sein Ohr, und Rizla jaulte auf vor Schmerz. Sie nahm ihm die Zigarette wieder ab und rauchte sie bis zum Filter.

»Ich wette, die alten Mädchen gehen sich einfach bloß auf die Eier«, sagte er wenig später. »Meine Schwestern haben sich immer buchstäblich die Haare ausgerissen.«

»Alle deine Schwestern?«

»Vor allem die mittleren.« Rizla war das fünfte von elf Geschwistern einer Familie mohawk-holländischer Herkunft. Als Einzelkind war Jude von den Vandeloos immer fasziniert gewesen.

»Aber wenn das alles wäre, warum quartiert sie Mom dann nicht aus und schickt sie in ein Hotel? Warum speist sie mich mit einem vagen ›Sie braucht ihre Tochter‹ ab und zwingt mich, um die halbe Welt zu reisen?«

»England ist nicht halb um die Welt, eher ein Viertel«, sagte Rizla und kratzte sich die Achsel mit dem selbstzufriedenen Gestus eines Mannes, der schon in Bangkok gewesen war. »Hey, hast du wirklich Schiss um Ma Turners Gesundheit oder geht’s darum, dass du endlich mal in ein Flugzeug steigen musst?«

Jude zündete sich die nächste Zigarette an. »Warum nennst du sie so?«

»Warum nicht? Wenn sie ihren kleinen Honda zur Inspektion bringt, guckt sie mich immer mit schmalen Augen an und nennt mich ›Richard‹.«

»So heißt du.«

Er schnaubte.

Als er seinen schwarzen Pferdeschwanz unter seinem Kragen hervorzog, bemerkte sie zum ersten Mal ein paar graue Strähnen. »Es ist hauptsächlich das Fliegen«, gab sie zu. »Mir ist jetzt schon schlecht.«

»Trink ein paar Whisky, ist doch nichts dabei. Lustig, mal zu sehen, wie du die Flatter kriegst. Alle halten dich immer für so reif und erwachsen«, fügte er grinsend hinzu. Mit hoher Fistelstimme fuhr er fort: »Die kleine Turner, die unser Museum eingerichtet hat, die steht mit beiden Beinen auf der Erde.«

Das Bild erschien Jude bedrückend, wie eingebacken. Sie wechselte das Thema und kam auf Hockey zu sprechen. Während Rizla sich über die Chancen seiner Toronto Maple Leafs ausließ, in die Ausscheidungsspiele zu kommen, ging sie im Geiste noch einmal jedes Wort durch, das Louise am Telefon gesagt hatte.

Als Rizla Jude absetzte, wies er auf das Schild, auf dem stand: »Kiss ’n’ fly«, und schürzte die Lippen wie ein Wasserspeier. Sie zog ihn stattdessen am Pferdeschwanz und kletterte aus dem Wagen in die eisige Kälte.

Der Flughafen von Detroit war schlimmer als eine Shoppingmall: Neonbeleuchtung, Durchsagen, herumirrende Kinder, in Plastikhüllen mumifizierte Koffer. Jude stellte sich an einem Schalter nach dem anderen an, bis sie von einer irischen Fluggesellschaft, von der sie noch nie gehört hatte, auf die Warteliste nach London Heathrow genommen wurde. Zum Glück hatte sie es im Jahr zuvor geschafft, wegen der neuen U.S. Grenzvorschriften einen Reisepass zu beantragen. Doch dann gab es ein Problem, weil sie in bar bezahlen wollte. (Sie hatte morgens ihr Konto geplündert.) »Sie können mich nicht wegschicken, nur weil ich keine Kreditkarte habe«, wandte sie ein.

Auf Socken schob sie sich durch den Sicherheitscheck und musste einen wattierten Umschlag kaufen, um ihr Schweizer Armeemesser nach Hause zu schicken, damit es nicht konfisziert wurde. Lass den Flug ausgebucht sein. Dann konnte sie guten Gewissens in Luton anrufen und sagen, dass sie ihr Bestes getan hätte. Doch am Gate rief die Frau in der grünen Uniform und dem kleinen Pillbox-Hut eine Liste mit Namen aus, unter denen sich auch Jude Turner befand.

Ich bin auf dem Weg nach England, sagte sie sich und versuchte eine gewisse Begeisterung zu empfinden, doch sie konnte an nichts anderes denken, als an die Queen’s Guards auf den Postkarten mit ihren Bärenfellmützen, deren Riemen ins Kinn schnitten. Als sie durch die Röhre trottete, die ins Flugzeug führte, klebte ihr die Zunge am Gaumen. Berge, die in Nebel gehüllt waren, Tragflächen, die in Flammen aufgingen, Selbstmordattentäter … Deine Ängste sind abgedroschene Klischees, sagte sie sich. Komm schon, wiewahrscheinlich ist etwas Derartiges?

Reisekrankheit

TRAVEL (englisch; ursprünglich dasselbe Wort

wie travail): sich auf Reisen begeben.

TRAVAIL(nach dem mittelalterlichen Latein,trepalium, ein dreipfähliges Folterinstrument):arbeiten, ermüden, erleiden.

Jude befand sich zehntausend Meter über der Erde, die Augen fest geschlossen. Sie versuchte den stechenden Geruch des Erbrochenen in der Wachspapiertüte zu ignorieren, die der alte Mann neben ihr eben in die Tasche am Rücksitz vor ihm gestopft hatte. Es war ihm wohl zu peinlich, das Kabinenpersonal zu bitten, sie zu entsorgen; vielleicht hatte er einen Kater vom vorzeitigen Silvesterfeiern.

Nach dem langen, von lautem Dröhnen begleiteten Abheben – alles ist gut, alles ist gut, hatte Jude sich gesagt und sich gegen die Fliehkraft gestemmt – dachte sie, dass das Schlimmste vorbei wäre. Aber das Gefühl, eingekerkert zu sein, verstärkte sich nur noch, während die Stunden sich hinzogen. Sämtliche Gepäckablagen über den Sitzen waren vollgestopft, auf dem Boden stand überall Gepäck herum, und drei Reihen weiter vorn war der Inhalt einer großen Damenhandtasche im Gang verstreut. Was für einen Haufen Zeug die Leute mit sich um die Welt schleppten! Jude betete, dass die Nacht bald vorüber und sie sicher in Heathrow gelandet sein würde, wo es – nach der Anzeige auf dem Bildschirm über ihrem Kopf – 4.29Uhr morgens am 1.Januar war. Zu Hause war es immer noch letztes Jahr. Das war lustig, oder wäre lustig gewesen, wenn sie in diesem Moment überhaupt irgendetwas hätte lustig finden können. Galten Zeitzonen nur auf dem Boden oder auch in der Luft? Wie spät war es hier oben in der schwarzen Leere, in der das Flugzeug reglos zu hängen schien?

Im vergangenen Mai hatte Jude einen Tag und eine Nacht auf ein Baby aufgepasst, und diese Erfahrung hatte sie gelehrt, dass Zeit eine Erfindung des Menschen war. Natürlich besaß der Planet einen Puls – hell und dunkel, Winter und Sommer –, aber die Menschen mit ihren ausgeklügelten Übereinkünften hatten die Erdzeit längst hinter sich gelassen. Mit zwei Monaten folgte Lia dem Schlaf- und Wachrhythmus, den ihr kleiner Körper ihr vorgab, und während Jude morgens um vier über dem wohlriechenden Köpfchen gähnte, war sie zu dem Schluss gekommen, dass Tag und Nacht, Stunden und Wochen reine Erfindung waren. (Hatten die französischen Revolutionäre nicht versucht, die Zehntagewoche durchzusetzen? Das war bestimmt nicht gut angekommen.) Und was für einen Bohei die Menschen auf Silvesterpartys machten: »Geh nicht raus zum Rauchen – es sind nur noch drei Minuten – du wirst es verpassen!«, kreischten sie. Als ob es wirklich ein Es gäbe, das man verpassen könnte.

Jude drückte den Rücken durch und streckte sich. In Filmen sahen Flugzeuge immer so geräumig aus, aber in diesem dachte man an Schweine auf dem Weg zum Schlachthof. Sie war nur knapp eins siebzig groß, hatte aber kaum genug Platz für ihre Knie. Wie kamen große Kerle damit klar? Zu ihrer Rechten, auf der anderen Seite des Ganges, saß eine Nonne, deren Leibesfülle sich über die Armlehnen ergoss, und war in ein Buch mit dem Titel Die Giftholzbibel vertieft.Zu Judes Linken saß der Kotzer, den Kopf in den Nacken gelegt, die blassen Lider geschlossen. Seine Aktentasche drückte sich gegen Judes Knöchel; er war mehr als reif für die Rente, ein kleiner Angestellter eines multinationalen Konzerns? Armer Kerl, aber Jude wünschte ihn sonst wo hin, nur nicht schlaff und scharf riechend auf dem Sitz neben sich.

Ohne Mitgefühl, erschöpft, steif wie ein Brecheisen: Was für eine Art, das neue Jahr zu begrüßen! Jude versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal so lange keine Zigarette geraucht hatte, außer wenn sie schlief. An ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte sie von einem Mädchen mit Zöpfen, deren Name ihr gerade nicht einfiel, die erste Zigarette geschnorrt. Sie spürte das schmale Päckchen in der Hemdtasche, das sich in die Haut unter ihrem Schlüsselbein drückte. Judes Handflächen waren feucht. Sie versuchte die Beine übereinanderzuschlagen, aber es war zu eng, also kreuzte sie stattdessen nur die Knöchel.

Nicht ganz bei sich – was konnte Louise damit gemeint haben? Rachel Turner war immer bei sich, krank oder gesund. Sie mochte es nicht, wenn man viel Aufhebens machte, und für gewöhnlich war es unkompliziert, mit ihr zusammenzuleben. (Judes Freundin Anneka fand allein die Vorstellung, mit der eigenen Mutter zusammenzuleben, befremdlich; sie behauptete, mit ihrer Mutter viel besser auszukommen, seit diese in Stockholm lebte und ihre Kommunikation auf Webcam beschränkt war.) Jude erstellte eine Liste all der Krankheiten, die Rachel möglicherweise befallen haben konnten, seit sie Ontario sechs Tage zuvor verlassen hatte, und strich diejenigen, bei denen sie nicht in der Lage gewesen wäre, eine Kanne Tee zu kochen. Dann befahl sie sich, damit aufzuhören. Sie konnte Menschen nicht leiden, die sich in etwas hineinsteigerten.

Jude zog das Bordmagazin aus der Plastikhülle. Irish Eyes, hieß es. (Zu Hause war sie halb durch Der scharlachrote Buchstabe, aber in ihrer Verstörtheit hatte sie das Buch an ihrem Bett liegenlassen, wie ihr jetzt einfiel.) Im Leitartikel ging es darum, »sich als kostenbewusste, kostengünstige Fluglinie neu zu positionieren, um die Herausforderungen des heutigen Wettbewerbs zu meistern«. Sie überflog einen Artikel über Körpersprache, »Überlebensstrategien für Road Warriors« und über die Cajun-Küche. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit kurz von Werbeanzeigen gefesselt; sie überlegte, wer sich wohl eine CD mit auf einen Kieselstrand rollender Brandung kaufen mochte oder seine persönliche aufblasbare Sauerstoffblase, mit der man sich aus einem brennenden Hotel retten konnte.

Müdigkeit schwamm in Judes Augen. Sie schloss sie und machte langsame, tiefe Atemzüge. Sie versetzte sich in das alte Versammlungshaus in Coldstream, das sie jeden Sonntag besuchte. Warte. Sammle dich. Der Weg wird sich öffnen. Oder, wie sie es für sich selbst formuliert hatte, als sie elf und ruhelos war: Halt den Mund und hör zu! Aber wem oder was genau zuhören? Quäker waren besser im Fragen als im Antworten. Verdammt, sie hätte die Petersons anrufen sollen; wer würde sie zur Andacht mitnehmen?

Das Fenster war ein schmales Ei von Dunkelheit. Wirklich, es gab keinen Grund zur Sorge, sagte Jude sich, das hier war einfach nur ein großes stählernes Himmelsgefährt. Bloß ein riesiger summender, brummender Greyhound-Bus, der nichts als Luft unter den Rädern hatte. Unendliche schwarze Luft jenseits der Fenster und sehr wenig hier drinnen. Jude tat einen tiefen Atemzug. »Die armen Affen in der Holzklasse kriegen nur ein Fünftel so viel Sauerstoff wie die Piloten. Hab ich auf MTV gesehen«, hatte Rizla ihr auf dem Highway erzählt. »Das führt zu Migräne und Thrombosen und Plötzlichem Kindstod und lauter so ’nem Zeug.«

Jude überlief ein Schauder, ihr hämmerte der Kopf. Sie hatte Whisky getrunken, statt gefüllte Hähnchenbrust zu essen, aber es hatte nichts genützt. Sie hätte einen Finger gegeben für eine Zigarette. Mit steifem Nacken schaute sie sich in der dämmrigen Kabine um. Passagiere schliefen aufgesetzt wie Puppen, die dünnen grünen Decken bis ans Kinn hochgezogen; wie schafften die das? Jude ließ ihre Lehne langsam nach hinten sinken, aber sobald sie spürte, dass sie Kniekontakt bekam, ließ sie den Knopf los und wurde wieder in die Aufrechte katapultiert. Jetzt kam es ihr so vor, als wäre sie leicht vornübergebeugt. Sie dachte an das Bett in der Geschichte von Edgar Allen Poe, die sie Rizla in einer schlaflosen Nacht vorgelesen hatte: das Bett, das wartete, bis du eingeschlafen warst, bevor es zuschnappte wie ein Schlund.

Die Kotztüte begann ernsthaft zu stinken. Ihr Sitznachbar schlief mit offenem Mund, hilflos wie ein Baby. Jude überlegte, die Tüte aus dem Netz zu holen, um sie selbst zu entsorgen, aber vielleicht war sie inzwischen schon durchgeweicht; sie besaß nicht Gwens Unbefangenheit, was Körperfunktionen anging. (Ihre Freundin Gwen liebte es, neue Bekanntschaften zu erschrecken, indem sie ihnen erzählte, wie sie mit der Hand den Stuhl aus dem Enddarm eines fünfundneunzigjährigen Sunset-Bewohners entfernen musste.)

Eine Flugbegleiterin schwebte vorbei wie eine Gazelle, eine südasiatische Frau in einem grünen maßgeschneiderten Kostüm von überraschender Leuchtkraft, aber Jude gelang es nicht, ihren Blick aufzufangen. Der Mann vor ihr stellte seine Lehne nach hinten, und das Plastiktischchen löste sich aus seiner Halterung und knallte Jude auf die Knie. Sie biss sich auf das weiche Innere ihrer Lippe.

Das Flugzeug neigte sich leicht, und Jude war sofort überzeugt, dass eines der Triebwerke ausgefallen war; sie waren im Begriff abzustürzen, ins Trudeln zu geraten und auf dem eisigen Atlantik zu zerschellen. Etwas Schweres landete auf ihrer Schulter. Jude blinzelte in schütteres weißes Haar. Der Kopf des alten Knaben lag auf ihrer Schulter, schwer wie eine Bowlingkugel. Sie wusste nicht, wie sie ihn wieder loswerden sollte, ohne ihn heftig von sich zu stoßen. Auf der anderen Seite des Ganges stand die Nonne auf, reckte sich und schenkte ihr ein kleines Lächeln. Absurderweise war Jude peinlich berührt. Die Nonne ging davon, als könnte man irgendwo hingehen.

Fünf Minuten später hatte Jude genug. Die Zeit des alten Knaben war abgelaufen. Kanadische Höflichkeit kannte Grenzen. Sie zuckte mit der Schulter. Sie versuchte, mit dem Oberkörper in den Gang auszuweichen, aber der Mann folgte ihr. Sein Kopf ruhte in ihrer Armbeuge wie der eines Liebhabers. Jetzt griff sie mit der freien Hand nach dem Ärmel des grauen Anzugs und schüttelte ihn. Seine Hand bewegte sich schlaff.

»Entschuldigung?« Judes Stimme war kaum zu vernehmen; sie hatte seit Stunden kein Wort gesprochen. Sie räusperte sich. Er rührte sich nicht. »Sir? Könnten Sie bitte aufwachen?«

Und dann wusste sie, dass etwas nicht stimmte, denn ihr Herz schlug wie ein Alarmgong. Er musste krank sein. Denn kein Erwachsener, nicht einmal ein erschöpfter Road Warrior konnte schlummern, während er mit dem Gesicht in den Schoß eines fremden Menschen rutschte.

Galle stieg ihr die Kehle hoch. Sie suchte an der Armlehne nach dem kleinen Piktogramm, das man drücken konnte, wenn man Hilfe brauchte. Ein Licht ging über ihrem Kopf an, der Strahl traf sie in die Augen. Die Nonne kam zurück, setzte aber ihre Kopfhörer auf, bevor Jude das Wort an sie richten konnte; aus den Lautsprechern an ihren Ohren sickerten fröhliche Violinklänge.

Endlich kam eine Flugbegleiterin mit einem Körbchen den Gang entlanggeeilt; es war die Südasiatin, die Jude bereits aufgefallen war.

»Entschuldigen Sie«, sagte Jude und streckte ihre freie Hand aus. Sie streifte die Frau an der Hüfte.

Diese drehte sich mit einem Lächeln um. »Bitteschön.« Mit der Zange ließ sie Jude ein siedendheißes weißes Ding in die Hand fallen. Jude jaulte auf und schüttelte das Ding ab.

Die Frau starrte sie an. »Entschuldigung, wollten Sie kein Tuch?« Verärgert? Nein, eher amüsiert. Ihre Augen waren eigentümlich lohfarben, ihr Akzent britisch.

»Nein, tut mir leid. Ich wollte nur –« Jude sah mit hilfloser Abscheu auf den Mann, der zusammengesunken an ihr lehnte. »Ich glaube, dieser Herr hier fühlt sich vielleicht nicht wohl«, sagte sie mit absurder Förmlichkeit.

Das Gesicht der Frau wandelte sich. Sie setzte den Korb mit den Tüchern auf ihre Hüfte und beugte sich vor. Ihr schlangenartiger schwarzer Zopf war lang genug, um darauf zu sitzen. Direkt vor Judes Augen besagte das glänzende Rechteck auf dem grünen Revers Síle O’Shaughnessy, Purser. Das klang nicht nach einem asiatischen Namen. Und war Purser nicht der Zahlmeister auf einem Kreuzfahrtschiff? Sie trug teures Parfum; ein goldener Halsreif schwang von ihrer Kehle. Ihr Knie in den Seidenstrümpfen berührte jetzt Judes.

»Sir?«, sagte sie. »Sir?«

»Beim Abendessen schien’s ihm gutzugehen«, sagte Jude einfältig.

Die Frau ergriff das Handgelenk des Mannes und hielt es ein paar Sekunden lang fest. Ihre Miene verriet nichts. Dann richtete sie sich auf und drückte sich die Finger ins Kreuz, als sei sie müde.

»Miss! Tücher, bitte!«, rief ein Passagier.

»Bin gleich bei Ihnen«, erwiderte sie freundlich. Dann, an Jude gewandt: »Bewahren Sie Ruhe. Ich bin gleich zurück.«

Judes Augen begegneten ihren. Bewahren Sie Ruhe?

Síle O’Shaughnessy erschien eine Minute später wieder, eine grauhaarige Frau im Schlepptau, deren Brille auf ihrer Bluse baumelte. Sie besprachen sich im Flüsterton. Dann beugte Síle sich wieder in Judes Reihe, ihr jadefarbener Rock spannte sich an ihren Schenkeln; sie ergriff den alten Mann bei den Schultern und drückte ihn sachte in eine aufrechte Position. Von seinem Gewicht befreit, schlängelte Jude sich heraus. Sie wollte nicht im Weg stehen, und so stolperte sie den Gang hinunter und stellte sich vor die Toilette.

Als sie einige Minuten später zurückkehrte, lag der alte Mann nun zum Fenster hinübergelehnt; ein kleines weißes Kissen unter dem Kopf. Wie – keine Sauerstoffmaske, keine Wiederbelebungsmaßnahmen im Gang, kein Defibrillator oder wie das Ding hieß? Dann musste es ihm wohl doch gutgehen; er schlief nur einfach wirklich tief und fest.

Jude fühlte sich erleichtert, wenn auch ein bisschen töricht, weil sie so ein Aufhebens veranstaltet hatte. Sie nahm auf ihrem Sitz Platz und legte den Gurt wieder an. Hinter dem Profil des alten Mannes zeigte sich ein farbenprächtiger Sonnenaufgang – wo kam der plötzlich her? Malachitgrün und himbeerrot und flammfarben. Der Himmel im Südwesten Ontarios bot nichts dergleichen.

Dann plötzlich kapierte sie. Mit der Fingerspitze berührte sie verstohlen den Handrücken des Mannes. Er war kalt wie ein Apfel. Also das war auch etwas, das Jude noch nie im Leben passiert war. Einen Toten zu sehen. Sogar neben einem Toten zu sitzen, zehntausend Meter über dem Meeresspiegel.

Ihre Hand zitterte. Sie schob sie unter ihren anderen Arm. Es konnte doch nicht sein, dass jemand auf dem Platz neben ihr gestorben war und sie das nicht mitbekommen hatte.

Wie konnte sie das nicht mitbekommen haben? Jude durchforstete ihr Gedächtnis nach Worten, die sie mit ihm gewechselt hatte, als sie eingestiegen waren, im fernen Detroit. Ein knappes »Hallo«, höchstens. Sie hätte sich zumindest vorstellen sollen. Sie war zu sehr von ihren trivialen Ängsten gefangengenommen gewesen. War das das letzte Gespräch des Mannes gewesen? Oder vielleicht hatte er mit jemandem vom Kabinenpersonal gesprochen. Er hatte auch Hähnchen gehabt, fiel ihr plötzlich ein; es hatte so bleich und wächsern ausgesehen, dass sie die Folie gar nicht entfernt und nur das Brötchen gemümmelt hatte. »Hähnchen, bitte« – waren das seine letzten Worte gewesen? Die Leute behaupteten immer, sie würden gern im Schlaf abkratzen, aber sie wussten ja nicht, wovon sie redeten. Keine Sekunde zu haben, um sich vorzubereiten, stumm wie ein Koffer von einer Welt in die andere hinüberzuwechseln … Ihr wisst weder den Tag noch die Stunde, hieß es nicht so in dem Bibelvers?

»Alles in Ordnung?« Die Flugbegleiterin war zurückgekehrt und stand neben Jude; sie spielte mit dem Verschluss ihrer goldenen Uhr. Ihre geschwungenen Augenbrauen hoben sich. »Hinten ist noch ein Platz frei, wenn Sie möchten …«

»Schon gut.« Jude hielt den Blick auf den Schoß gesenkt. Das Geheimnis, das sie beide teilten, machte sie verlegen: der Tod, der auf dem Platz neben ihr saß.

»Auf jeden Fall landen wir in Kürze.« Síle O’Shaughnessy beugte sich herab, bis ihr Kopf neben Judes war. »Am Gate wird eine Amtsperson ein paar Fragen stellen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

Warum sollte es Jude etwas ausmachen? Ach so, ihr Fragen stellen. Sie nickte, fand keine Worte.

Sie hörte die muntere Stimme der Frau durch das ganze Flugzeug. »Noch irgendwo Zeitungen, Kopfhörer, Plastikbecher?«

Eine Viertelstunde später war die Kabine hellerleuchtet von gelbem Licht. Als sie den Sinkflug begannen, spürte Jude, wie sich der Druck in ihren Ohren wieder aufbaute. Es war wie unter Wasser. An die Stelle ihrer Furcht war Taubheit getreten.

Landen, landen, mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden zurückkehren. Sie hatte geglaubt, es würde weich sein, aber die Triebwerke röhrten, und die Räder krallten sich in den Asphalt, und ohne den Gurt wäre sie aus dem Sitz geflogen.

Die Nonne nahm ihre Kopfhörer ab und rieb sich die papiernen Lider. »Ich habe kein Auge zugemacht«, sagte sie zu Jude. »Und Sie?«

Jude schüttelte den Kopf.

»Tja, das ist der Preis, den man für den Nachtflug zahlt. Da hat aber jemand ein ruhiges Gewissen.«

»Wie bitte?«

»Ihr Freund«, erwiderte die Nonne und wies mit dem Kopf auf den Fremden, der zu schlafen schien wie ein Neugeborenes, das Gesicht in Licht gebadet.

Sic transit

Auf Erden sind wir wie Reisende in einem Hotel.

St.Jean-Baptiste-Marie Vianney

Síle sah zu, wie ein riesiger brauner Koffer mit einem pinkfarbenen Schal drumherum auf dem Gepäckkarussell ruckelnd vorüberzog. Dann zog zum wiederholten Mal ein globusförmiges Paket in mit Schneeflocken bedrucktem Geschenkpapier vorüber. Ihr Hirn war wie ein Jo-Jo. Sie fröstelte und knöpfte ihren Uniformmantel bis zum Hals zu. Als sie eine Zigarette roch, wirbelte sie herum und wies erbost mit dem Finger auf das Schild an der Wand: »Können Sie nicht lesen?«

Die junge Frau nahm noch einen tiefen Zug, bevor sie die Zigarette auf den Boden fallenließ und mit dem Stiefel austrat. »Seien Sie nicht so streng mit mir, ja?«, murmelte sie.

Síle sah genauer hin. »Oh, Entschuldigung, mit der Kapuze hab ich dich nicht erkannt.«

Die Kanadierin hatte blitzblanke blaue Augen in einem schmalen Gesicht. Weiches braunes Haar, das kaum länger als drei Zentimeter sein konnte. Sehr abgetragene Jeans, und zwar nicht solche, die für teuer Geld als »Destroyed Look« verkauft wurden. »Wer war er?«, fragte sie leise.

Síle zögerte. Dann antwortete sie: »Auf der Passagierliste steht nur sein Name: George L. Jackson. Mehr nicht. Er ist jetzt im Leichenhaus; seine nächsten Angehörigen sollten nun jeden Augenblick einen Anruf bekommen. Er trug keinen Ehering«, fügte sie hinzu, »aber das ist für einen Mann seiner Generation nicht ungewöhnlich.«

Schweigen. »Ich weiß nicht, was ich schlimmer fände«, sagte die Kanadierin dann. »Wenn sich herausstellt, dass er eine große liebevolle Familie hat–«

»–oder wenn er sich als Junggeselle entpuppt, der nur zwei gleichgültige Neffen hat?«

Sie nickte.

Jude Turner.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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