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Dieses Buch ist eine praktische Ergänzung zu meinen bisherigen Büchern zur integrativen Pädagogik und zu Mària Kenesseys Buch "Die integrative Elterngrundausbildung". Ich arbeite mit der integrativen Methode nun schon seit dem Jahr 2001 mit Freude und gebe sie gerne an alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben und sich den Umgang mit schwierigen Situationen oder den ganz gewöhnlichen Erziehungsalltag erleichtern, das Klima verbessern und die Beziehung zum Kind stärken möchten, weiter. Den Schwerpunkt des Buches bildet eine Sammlung der wertvollen und nützlichen "Zauberwörter" und "Goldsätze", die uns helfen sollen, in möglichst jeder Situation die herkömmlichen, weniger vorteilhaften Redewendungen zu entsorgen, und die neuen anzuwenden. Eine echte Erleichterung im Familienalltag.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Dieses Buch widme ich meiner Tochter Marianne Désirée und den zwei Söhnen Beat Simon und Boris Alex.
Ich liebe euch sehr und ich hätte euch liebend gerne eure ganze Kinderzeit so behandelt wie ich es jetzt andere Eltern lehre. Ihr selbst wart meine besten Lehrer und ihr seid das Beste, was mir als Lebenswunsch erfüllt worden ist! Ich bin sehr dankbar für euer Dasein!
Und ich widme es allen Eltern, Lehrenden, Begleitenden und Betreuenden, die in der Kinderbegleitung, Erziehung und Betreuung etwas verändern möchten, weil sie wissen:
Erziehung ist Beziehung
2. verbesserte und ergänzte Auflage
Frühling 2018
Englische Version „Goldsentences and Miraclewords“
Dezember 2017
Nachdem ich meine ersten Erfahrungen bei der Anwendung der integrativen Methode der Mària Kenessey (IfiPP – Institut für integrative Psychologie und Pädagogik) gemacht und in den beiden Büchern „Die integrative Erziehung im Vorschulalter“ und „Die integrative Pädagogik in der Musikalischen Grundschule“ niedergeschrieben und veröffentlicht hatte, entstand in den letzten Jahren immer mehr der Wunsch, die Zauberwörter und Goldsätze, die uns die Kinderbegleitung um so vieles erleichtern, in einem kleinen Handbuch zusammenzufassen. Einige haben sich gewünscht, so einen Leitfaden im Hosensack, jederzeit griffbereit, unterwegs, auf dem Spielplatz, im Zug, im Restaurant, auf Besuch und so weiter zur Hand zu haben. Hier ist es also! Nehmt es als Arbeitsbuch, schreibt hinein, macht euch Notizen, Ergänzungen.
Es hat mir unheimlich Spass gemacht, die vielen Themen zu sammeln, die unzähligen Situationen aufzugreifen, und die nützlichen Sätze dazu zu schreiben. Im Voraus gibt es eine kleine Einführung, sowie Erklärungen, damit auch Menschen, die noch nie etwas von der integrativen Methode gehört haben, wissen, worum es geht. Dieses Büchlein ist eine praktische Ergänzung zu meinen bisherigen (siehe Anhang) und zu Mària Kenesseys Buch „Die integrative Elterngrundausbildung“. Ihr verdanke ich diesen grossen Schatz und Reichtum an eigentlich einfachem und so wertvollem Wissen. Es hat in mir geschlummert und wurde durch die langjährige Ausbildung am IfiPP geweckt, erinnert, verfeinert und erweitert. Ich gebe es nun schon seit 2001 mit Freude weiter – nicht nur an Eltern, sondern an alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben und sich den Umgang mit schwierigen Situationen oder den ganz gewöhnlichen Erziehungsalltag erleichtern, das Familienklima verbessern und die Beziehung zum Kind stärken möchten. Manche sind in der Elterngrundausbildung auch schon draufgekommen, dass wir zum Beispiel die konstruktive Kommunikation gut und gerne auch beim Partner, der Partnerin und bei allen, dem Alter entsprechend angepasst, anwenden können. Und denkt daran, wenns euch schwierig dünkt, euch mit dem Refrain eines meiner „Mut-Macher-Lieder“ zu ermutigen:
„Wir sind ja noch am Üben und lernen viel dazu. Für heute sind wir gut genug, wir werden immer besser!“
Viel Geduld mit euch selbst, Freude und Erfolg!
Und weil das „Du“ auch in der Elternausbildung und den Workshops üblich ist, wende ich es auch hier an. Weil wir uns mit dem „Du“ ein wenig näher kommen: nicht nur ich euch und ihr mir, sondern auch ihr euch und vor allem du dir selbst. Und das ist ein grosser und wichtiger Schritt in der Kinderbegleitung.
Wenn wir uns selber spüren, erahnen wir immer
besser, was in Kindern vorgeht.
A.H.
Ermutigung ist das wichtigste Element
in der Erziehung von Kindern.
(Rudolf Dreikurs)
Gesundes Selbstwertgefühl:
„Ich kann mein Croissant schon ganz alleine schmieren!“
Nepomuk, 2 ½ Jahre
Die Sprache
ist das wichtigste Mittel in der Erziehung
Entsorgungsstelle
für die herkömmliche Sprache
Unsere eigene Erziehung nehmen wir immer mit
Konstruktive Kommunikation - Die Ja-Sprache
Erkenntnisse aus der Hirnforschung
Die integrative Gefühlserziehung
Die vier irrtümlichen Nahziele des Kindes nach Mària Kenessey und Rudolf Dreikurs
Zusammenfassung: Was wir tun können, um unsere Beziehungen zu fördern:
Zauberwörterliste
Die Themen konkret mit den Goldsätzen
Was ist die integrative Erziehung?
Das Leitbild der Kenessey-Methode
Die Rechte des Kindes nach der Deklaration der UNICEF
Eigene Pädagogische Bücher
Kurzbiografie
Kontakt und Information
Danke
Abnabelung, Abschied
Aggressionen: beissen, kratzen, schlagen, schubsen
Anerkennung, Wertschätzung, Lob siehe Familienrat, Familienplausch
Angst
Anziehen (Selbständigkeit)
Aufgaben, Jobs, Pflichten – und der Familienrat, Familienplausch
Aufmerksamkeit
Aufstehen
Bedürfnisse
Befehle
Bettnässen
Chef sein
Eifersucht (Verlustangst)
Einkaufen
Entschuldigen
Ermutigung
Essen (Ernährung, Tischmanieren)
Familienrat, Familienplausch
Fluchen, frech sein
Fördern, fordern, überfordern
Gefühle (Ärger, Wut, Angst, Freude, Trauer)
Grenzen und eigene Grenzerfahrung
Hausaufgaben
Helfen
Klagen (petzen)
Klassenrat, -plausch
Krankheit
Lügen
Medien (TV, Handy, Computer)
Naschen (Süssigkeiten, Kaugummi)
Nuggi (Schnuller), Weinen, Trösten
Regeln
Reinlichkeit: Windeln, Töpfchen, WC, Waschen
Ruhig sein
Schlafen
Sexualität
Stehlen
Stören
Streit (Geschwisterstreit),Klassenrat und Regeln für Kinder im Schulalter
Taschengeld
Teilen, Wegnehmen
Telefonieren (siehe „Ruhig sein“ … 136)
Tod
Trauer, Schmerz … 171 (siehe „Gefühle“ … 103,„Krankheit“ … 117, Tod … 169)
Trotzen, „Trotzfase“
Unerwünschtes Verhalten
Vorbild
Wehren (sich)
Wickeln
Widerstand
Zähne putzen
Zuhören… 189 (auch „Ruhig sein“ … 136)
Zu spät kommen
Yasha mit Aaliyah: begeistertes miteinander Kommunizieren
Warum?
Weil wir damit am häufigsten kommunizieren und so einander erreichen können. Alles, was wir sagen, verändert die Gefühle der Menschen, mit denen wir reden, sowie die gesamte Umgebung. Wir können mit den richtigen Worten und Sätzen, wenn wir die konstruktive Kommunikation kennen und anwenden, uns selbst und unseren Mitmenschen, vor allem den Kindern, viel Leid, Schmerz und Ärger ersparen. Der Vorteil ist, dass die Kinder viel leichter erziehbarer werden. Das Zusammenleben, das Miteinander gestaltet sich einfacher und entspannter, wenn wir die richtigen Wörter und Sätze kennen und den richtigen Ton treffen. – Dann müssen wir auch gar nicht mehr so viel „erziehen“.
Ja, auch hier stimmt: der Ton macht die Musik.
Die Haltung dahinter spielt eine grosse Rolle. Ich kann wütend kaum einen freundlichen Satz hervorbringen. Dann bin ich gefordert, erst mit meiner Wut umzugehen, bevor ich mein Anliegen kommuniziere.
Wenn ich wütend bin, mache ich Erziehungspause. Mir und dem Kind zuliebe!
Konstruktiv zu kommunizieren bedeutet, das Lustzentrum (Selbstbelohnungszentrum) im Hirn anzusprechen, wo das beliebte „Wohlfühlhormon“ Dopamin ausgeschüttet wird. Freude, Anerkennung, Erfolg, Geborgenheit, Dazugehörigkeitsgefühle lösen diese Hormonausschüttung aus. Das hat zur Folge, dass das Kind viel lieber kooperiert, freiwillig und von sich aus, Machtkämpfe finden kaum mehr statt (und wenn, wissen wir, wie wir aussteigen können), und der Ablauf wird reibungsloser, effizienter und freudiger. Es bleibt mehr Zeit zum Spielen und Geniessen, wenn die wichtigen Dinge erfolgreicher erledigt wurden und keine Zeit mit Streiten verschwendet wurde.
Wichtig sind:
eine freundliche Haltung
das Weglassen destruktiver Wörter und Sätze
das Weglassen von Erklärungen und Moralpredigten
Wie schon erwähnt, genügt die Sprache allein nicht, obwohl wir sie am Anfang auch einfach üben können.
Ich habe das in der Ausbildung Gelernte zu Hause an meinen drei Teenagern ausprobiert. Diese merkten, was ich vorhatte. Meine Tochter sagte sofort: „Mami, lass diesen Psycho-Scheiss!“, und ich musste lachen! – Sie hatte mich durchschaut! Es war nicht einfach, aber ich blieb dran.
Ich war offensichtlich am Üben, und noch nicht authentisch genug.
Authentisch zu sein, heisst,
auch zu meinen, was ich sage.
Deshalb ist es gut, herauszufinden,
was ich wirklich möchte.
Daran konnte ich noch arbeiten. Auch ist es wichtig, die Sätze dem Alter der Kinder anzupassen, und auch Erwachsene reagieren auf die konstruktive Kommunikation positiv, wenn wir sie richtig anwenden. Die Grundlagen der konstruktiven Kommunikation sind für Kinder aller Altersstufen anwendbar.
Manchmal müssen wir allerdings einfach handeln,
zum Beispiel bei Gefahr.
Und manchmal ist Schweigen und Zuhören
viel wichtiger als Reden.
Noch eine kleine Anekdote: Medea, 4 Jahre alt, schon eine Weile in meiner Spielgruppe, meinte eines Tages, als ihre Mutter sie abholte, und wir kurz etwas über Erziehung sprachen: „Anahita, aber du erziehst uns ja gar nicht!“
Ich lachte und sagte: “Aha, sehr interessant!“ Und zur Mutter als Beruhigung: „Doch, doch! Die Kinder merken es nur nicht!“
Es ist von Vorteil, wenn wir die herkömmliche Sprache entsorgen, weil sie oft bedrohliche Wörter und Sätze beinhaltet oder nicht der Wahrheit entspricht.
Tabuwörter und Sätze für den Abfallkübel
Tabu-Wörter beinhalten Vorwürfe und drücken indirekt die eigene Unzufriedenheit aus
nie
muss
müsste
soll
sollte
immer
endlich
eigentlich
wenigstens
schon wieder
nicht einmal
hundert Mal
zum x-ten Mal
anständig, brav, schlimm, böse, lieb
eigene Tabu-Wörter zum Entsorgen:
-
-
-
-
Tabu-Sätze:
Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Demütigungen, alles, was mit Drohen, Schimpfen, Predigen und Entwerten zu tun hat.
Als Angstmacher erreichen sie das Angstzentrum im Hirn und sind somit kontraproduktiv.
Warum hörst du nicht zu!
Jetzt nicht! Wie oft muss ich es dir noch sagen??
Das ist das letzte Mal, dass ich dir sagen muss …
Muss ich es jedes Mal drei, viermal sagen?
Wie sagt man? Wie heisst das Zauberwort? (demütigend)
Kannst du nie was richtig machen!/… zu Ende führen!“
Interessierst du dich eigentlich für irgendetwas!
Musst du so ein Durcheinander machen!
Wo bist du wieder mit deinen Gedanken!
Kannst du nicht besser aufpassen!
Wo bist du gewesen?
Warum kommst du nicht rechtzeitig nach Hause!
Wie ist das denn passiert!
Hab ich dir nicht gesagt, du sollst …
Kannst du nicht wenigstens einmal …
Hast du immer noch nicht aufgeräumt!
Immer vergisst du die Hälfte!
Hörst du (mir) eigentlich zu!
Du bist schon wieder zu spät!
Bist du noch zu retten!
Was ist passiert?
Eine Katastrofe, wie du wieder aussiehst!
Pass ja auf, dass nichts passiert! (vergrössert die Spannung)
Nie hilfst du mir in der Küche!
Womit hab ich das verdient!
Was fällt dir eigentlich ein!
Ich nehme dich nie wieder mit!
Du verdirbst die ganze Klasse!
Warum sagst du so einen Blödsinn!
Ich gebe dir noch eine Chance! (von oben herab)
Selber schuld! Warum hast du nicht besser aufgepasst!
Schluss jetzt! Hör sofort auf zu weinen! (schädlich)
Geht’s eigentlich noch? (Ja, siehst du doch!)
Also hör mal, das geht nicht! (Stimmt nicht, es ging ja gerade!)
Mach das nie mehr! Hörst du! Sonst …! (Drohung)
Platz für deine eigenen Sätze zum Entsorgen:
-
-
-
-
-
-
-
-
Aus der Tabu-Liste von schädlichen Sätzen, von den Eltern selbst zusammengesammelt und als Hausaufgabe in integrative Sätze (Goldsätze) umgewandelt:
1. Warum hörst du nicht zu!
>„In unserer Familie hören wir einander zu.“
Die Wir-Sprache benutzen und einhalten.
2. Jetzt nicht!
Genau Auskunft zu geben, wann, das gibt dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen.
> „Um 4Uhr essen wir Äpfel und Brot.
Kannst du es mit mir noch bis dahin aushalten?“
Klar kommunizieren, Verbindung schaffen.
3. Wie oft muss ich es dir noch sagen??
>„Sobalddu (ihr) aufgeräumt habt,
können wir miteinander zum Strand gehen.“Frohe Botschaft.
4. Das ist das letzte Mal, dass ich dir sagen muss …
> „Was möchtest du zuerst: Zähne putzen oder Pyjama anziehen?“
Wahlmöglichkeit anbieten.
5. Muss ich es jedes Mal drei, viermal sagen?
>„Was denkst du: wie lange wirst du dazu brauchen, um fertig zu spielen? Drei oder fünf Minuten?“
Meinungsforschung und Wahlmöglichkeit geben.
6. Wie sagt man? Wie heisst das Zauberwort?
>„Grossmutter mag es gern, wenn wir uns bei ihr bedanken.“
Ich bedanke mich selbst und bin dadurch Vorbild. Das Kind zu drängen, bringt eher Wiederstand. Es wird von selbst kommen, wenn wir es lassen. Es kennt die Wörter, hört sie von uns und möchte uns nachmachen, möchte dazugehören.
Jeder Gruss ist ein Geschenk! Wenn Eltern ihre Kinder ermahnen, mich zu grüssen, sage ich, um die Situation zu entspannen, die Eltern zu beruhigen, und das Kind nicht blosszustellen:
„Wir haben uns schon mit den Augen begrüsst, das genügt mir.“
Die Sätze, die wir aus unserer eigenen Erziehung mitbringen und die wir meist unbewusst anwenden, weil wir so erzogen worden sind, weil wir sie immer wieder gehört haben, und weil wir sie deshalb unbewusst für die Wahrheit halten, beinhalten meistens für Kinder bedrohliche Elemente. Da es so üblich war, und sie es nicht besser wussten, benutzten Eltern früher oft Drohungen und Strafen oder Androhungen von Strafen als Erziehungsmittel. Damit wird das Angstzentrum im Hirn aktiviert, was bewirkt, dass die Kinder entweder aus Angst gehorchen, was nicht ihrem freien Willen entspricht. Der sollte ja mit den Drohungen gebrochen werden – dies können wir in vielen alten Büchern der „Schwarzen Pädagogik“ (drittes Reich und früher) als Empfehlung lesen.
Oder die Kinder rebellieren. Es gibt Trotzreaktionen, es kommt zu Machtkämpfen, Aggressionen entstehen, wir nennen die Kinder dann störrisch, stur, sie trotzen, „machen ein Theater“, haben „Tobsuchtsanfälle“ – Erziehende können eine lange Liste davon aufzählen. Glücklicherweise spricht es sich auch unter Eltern langsam herum, was dahinter steckt, nämlich dass die Kinder auch gerne selbst bestimmen möchten. Sie nennen die „Trotzfase“ „Autonomie-Fase“. Es ist aber keine Fase, sondern eine Zeit, in der die Reaktionen einfach manchmal stärker auftreten. Das Wort „Fase“ wird oft abschätzig verwendet: „Es ist ja nur eine Fase, die geht vorüber!“ Es ist wichtig zu wissen, dass Kinder rebellieren, aggressiv werden, trötzeln, weil sie sich gegen die (ständige? häufige? wie oft verlange ich etwas?) von uns aufgedrängte Bestimmung wehren.
Und sie müssen sich tatsächlich wehren, weil der
Drang, die Umgebung, die Welt selbst zu erforschen,
alles zu be-greifen und zu erleben, so gross ist, und
jedes „Nein“ als Verletzung ihrer Integrität erlebt wird.
Die Reaktionen der Kinder sind Hilfeschreie,
die wir hören müssen.
Ausnahmen sind Quengelei in Folge von häufigem Nachgeben und von Verwöhnung. Damit verunsichern wir unsere Kinder: sie wissen nicht, was gilt jetzt? Erst hat Mami „Nein“ gesagt, und dann darf ich doch! Das Hirn lernt: wenn ich schreie, gibt sie nach. Vor allem auf der Strasse, im Bus oder im Supermarkt! Und sie werden immer unzufriedener und fordern immer mehr. Am Schluss können wir sie gar nicht mehr zufriedenstellen. Es entsteht ein gewisses Suchtverhalten. Wir kommen auf das „Aushaltenlernen“ noch zurück.
(Z.B. in Abschied … 49, „Aggressionen“ … 51 und „Befehle“ … 74)
Sollen wir nicht mehr „Nein“ sagen?
Doch, denn Kinder brauchen Grenzen, weil sie ihnen Sicherheit vermitteln. Sie sollten möglichst gross und stabil sein. Was ich sage, gilt auch. Keine Gummigrenzen! Mit Teenagern allerdings gilt: immer wieder neu verhandeln. Meine Grenzen erweitern.
Kleine Kinder wachsen hinein in das Sozialgefüge, in die Gemeinschaft, sie wollen Teil der Gruppe sein und lernen es auch. Umso lieber und schneller, wenn wir fest und freundlich bleiben.
Das Wort „eigentlich“ zeigt immer eine Ausnahme an. Das heisst nicht, dass wir nicht ab und zu ein humorvolles Auge zudrücken dürfen – wenn wir wirklich dahinter stehen und es uns nichts ausmacht. Wenn wir aber genervt sind und nur nachgeben, damit das Kind zu quengeln aufhört, haben wir schon wieder verloren, und das Kind hat auch nichts gewonnen ausser einem kleinen Sieg, den es zusammen mit unserem Ärger einsteckt. Schade für beide Seiten!
Was heisst „integrativ“?
Integrativ bedeutet
einschliessendes „Sowohl-als- auch“
statt ausgrenzendes „Entweder-oder“.
Herkömmliche Erziehung ist wertend,
integrative Kinderbegleitung
beurteilt nicht.
Geborgenheit, Zuwendung, Zärtlichkeit, Freude:
Simone und Matteo
Wenn wir bloss hörten, was das indische Mädchen
zu Khaleesi sagt!
In meiner Ausbildung zur integrativen Pädagogin wählte ich die Aufgabe, eine Woche lang den Satz „Ja, ich weiss …“ zu üben, und zwar jedes Mal, wenn ich „Nein“ sagen wollte. Hierzu die berührende Geschichte, die sich dann gleich zu Beginn der Übung ereignete, und die mich so sehr bestärkte, dass ich dabei geblieben bin.
Statt „NEIN“ „JA, ICH WEISS …“ mit liebevollem Verständnis und konsequenter Klarheit.
Benni – aus der Waldkinderkrippe
Benni war an meiner Seite: „Wo gehen wir heute hin?“ „Zum Sonnenplatz.“ „Ich will aber zum Schattenplatz!“ Jetzt begann meine Übung: eine ganze Woche „Ja, ich weiss!“ lag vor mir. Ich antwortete also ruhig: „Ja, ich weiss. Den Schattenplatz hast du gern!“ „Gehen wir jetzt zum Schattenplatz?“ „N- Ja, ich weiss, du würdest schaurig gern zum Schattenplatz gehen. Heute haben Helen (die Praktikantin) und ich beschlossen, dass wir zum Sonnenplatz gehen.“ Ich erwartete die übliche Heultirade, lautes Weinen, dass Benni sich wie schon so oft auf den Boden legen, laut kreischen und schrille Schreie ausstossen, total streiken würde. Helen hatte bereits den Leiterwagen übernommen und war mit sämtlichen ihr folgenden Kindern vorausgegangen. Ich konnte mir Zeit lassen, da sie sehr selbständig war, und ich ihr noch zugenickt hatte. Der Sonnenplatz war nicht weit weg, und war sie erst einmal dort angelangt, konnte sie die Kinder herumrennen lassen. Sie kannten den Platz gut und hatten ihre Lieblingsbeschäftigungen. Benni legte sich aber nicht auf den Boden, und er schrie auch nicht herum, wie er es sonst zu tun pflegte. Nein, er stand einfach da, ich neben ihm, das heisst, ich ging in die Hocke, damit ich auf seiner Augenhöhe war. Er begann zu weinen, war erst wütend und sagte immer wieder: „Ich will aber zum Schattenplatz!“ „Ja, mein Schatz, ich weiss! Du willst so gerne dahin! Dort gefällt es dir so gut.
Es tut mir so leid! Heute gehen wir zum Sonnenplatz.“ Seine Wut verebbte schnell, da war nur noch Enttäuschung und Trauer, ich liess ihn weinen, bestätigte seine Trauer darüber, dass wir an einen anderen Platz gingen als er es sich wünschte, und nach einiger Zeit konnte ich sogar seine Hand nehmen. Langsam, immer wieder „Ja, ich weiss!“ ruhig und mitfühlend wiederholend, dabei festbleibend, dass wir auf den Sonnenplatz gingen, setzte ich mich mit Benni an der Hand in Bewegung. Den ganzen Weg weinte er und lief trotzdem mit. Immer wieder wiederholten wir unsere Konversation, und ich war selbst erstaunt über diese Entwicklung. Er löste seinen ganzen Wiederstand in Tränen auf, seine anfängliche Wut (sehr kurz diesmal!) hatte sich rasch in erlösende Trauer verwandeln können, und die Tränen reinigten Enttäuschung, Stress und Frust aus seinem Körper. Ich war sehr berührt, auch dankbar und erstaunt, wie sich diese Übung ausgewirkt hatte. Als wir beim Sonnenplatz ankamen, löste er sich von mir und rannte zu den anderen Kindern.
Mit dem „Ja, ich weiss!“ fühlte er sich in seinen Gefühlen akzeptiert, angenommen und bestätigt. Dass ich bei meiner ersten Entscheidung geblieben bin, konnte er dadurch akzeptieren, dass seine Gefühle ernstgenommen und erlaubt worden waren. Wichtig: ich hatte ihn weder abgelenkt, keine Erklärungen abgegeben und ihn auf nichts vertröstet. Ich war nur bei seinen Gefühlen geblieben.
Ein wichtiger Bestandteil der integrativen Erziehung und Begleitung ist die „Ja-Sprache“. Dabei geht es nicht darum, einfach „Ja“ oder „Ja, ich weiss“ zu sagen. Wo blieben denn da die Grenzen? Ich kann doch nicht immer und bei allem „Ja“ sagen! Natürlich nicht. Es geht um positive Zuwendung, Formulierung in Positiv-Sätzen. Das heisst, ich muss mir überlegen, was ich will, das das Kind tut, und dies dann formulieren. Die meisten von uns sind gewohnt, Verbote auszusprechen: „Lass das sein! Fass den Krug nicht an! Wirf die Vase nicht hinunter! Klettere nicht auf die Mauer! Zieh nicht so fest!“ Das Interessante dabei ist, dass die Botschaft aus zwei Teilen besteht: ein Teil erreicht die rechte Hirnhälfte und wird als Bild nachvollzogen, gefühlsmässig verstanden. (Krug, Vase, Mauer, und die Tätigkeit). Die Verneinung, das Wort „nicht“ bekommt kein Bild, erreicht die linke Hirnhälfte und fällt sofort heraus, es gibt keine Verbindung zwischen dem Bild und dem Abstrakten. Also merkt sich das Hirn das Bild von der Mauer, dem Krug und der Vase.
Manchmal sagen wir: „Geh nicht dahin, du wirst reinfallen!“ Fatal, wenn wir bedenken, dass Kinder nicht nur unsere Erwartungen sondern auch unsere negativen Erwartungen erfüllen möchten!
Manche Verbote wie „Lass sein!“ oder „Zieh nicht so fest!“ oder „Hör endlich auf!“ sind so abstrakt, dass das Kind nicht weiss, was es stattdessen tun könnte. Es bleibt frustriert und hilflos zurück. Es fühlt sich abgelehnt, und wird traurig oder verärgert oder beginnt zu toben. Die Erwachsenen sagen dann: „Es ist jetzt halt in der Trotzfase!“
Aber es gibt keine Trotzfase. Das Trotzen des Kindes ist eine natürliche Reaktion auf unsere Verbote, in denen es seinem Frust darüber Ausdruck verleiht.
Geben wir dem Kind klare Anweisungen, sprechen wir aus, was wir möchten, und schenken wir ihm Möglichkeiten, wo es das darf, was es tun möchte, so fällt viel Ärger, Frust und Wut auf beiden Seiten weg, und das Kind wird automatisch kooperativer:
„Die Blume können wir streicheln. Schau, hier, das Gras in der Wiese, das kannst du ausrupfen.“
Ersatzangebot macht glücklich!
„Dieser Krug möchte jetzt vom Gestell von oben auf uns herunterschauen. Mit diesem Plastikeimer kannst du Wasser schöpfen und giessen.“
Hier nützen wir die magische Fase des Kindes, indem der Krug personifiziert wird. Er möchte die schöne Aussicht geniessen.
„Die Vase stellen wir jetzt gemeinsam in die Mitte des Tisches. Dort können sie alle anschauen. Möchtest du eine eigene Vase für deine Blumen?“
„Ich möchte, dass du hier unten auf der Wiese spielst. Was könntest du machen?“
Warten, keinen Vorschlag geben.
