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Zeit E-Book

Alexander Demandt

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Beschreibung

Die Zeit vergeht im Fluge, doch tat sie das immer schon? Welche Zeitvorstellungen begleiteten die alten Griechen und Römer durch den Tag? Welchen Begriff hatten sie von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Und wie beeinflusst ihr Zeitmaß noch heute unseren Alltag? Der Althistoriker Alexander Demandt zählt zu den wenigen seines Faches, die zugleich unterhaltsam und lehrreich zu schreiben wissen. In der ihm eigenen kurzweiligen Art bringt er uns eine Zeit nahe, die im wahrsten Sinne des Wortes ganz anders tickte als unsere. Was wir schon immer über die Zeit wissen wollten: Demandt gibt beredte Auskunft. Warum beginnt das Jahr am 1. Januar? Weshalb ist der September nicht der siebte (septem), sondern der neunte Monat? Warum fällt der Schalttag auf den 29. Februar und nicht auf den 32. Dezember? Wann wurde der Sonntag zum Ruhetag? Woher stammen die Namen unserer Wochentage? Seit wann gibt es unsere Zeitrechnung? Anhand vielfältiger Beispiele aus der antiken Überlieferung entwirft Demandt eine Kulturgeschichte der Zeit und schlägt den Bogen bis zur Gegenwart, die mehr denn je vom Takt der Zeit geprägt ist. Eine ebenso unterhaltsame wie anregende Zeitreise.

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Das Buch

Was Sie schon immer über die Zeit wissen wollten: Alexander Demandt gibt beredt und fachkundig Auskunft, wobei er aus einer geradezu enzyklopädischen Wissensfülle schöpft.

Warum beginnt das Jahr am 1. Januar? Weshalb ist der September nicht der siebte (septem), sondern der neunte Monat? Warum fällt der Schalttag auf den 29. Februar und nicht auf den 32. Dezember? Wann wurde der Sonntag zum Ruhetag? Woher stammen die Namen unserer Wochentage? Seit wann gibt es unsere Zeitrechnung? Wer erfand die Sonnen-, die Wasser- oder die Sanduhr? Und was ist eigentlich Ewigkeit?

Anhand vielfältiger Beispiele aus der antiken Überlieferung entwirft ­Demandt eine Kulturgeschichte der Zeit und schlägt den Bogen bis zur Gegenwart, die mehr denn je vom Takt der Zeit geprägt ist. Eine ebenso unterhaltsame wie anregende Zeitreise.

Der Autor

Alexander Demandt, geboren 1937 in Marburg, von 1974 bis 2005 als Althistoriker und Kulturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin tätig. Zu seinem umfangreichen Werk gehören Bücher über das Römische Reich sowie über Wissenschafts- und Kulturgeschichte. Zuletzt erschienen bei Propyläen »Über die Deutschen. Eine kleine Kulturgeschichte« und »Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte«.

Hans Reiser, ›Der Spielmann‹, 1989

Alexander Demandt

Zeit

Eine Kulturgeschichte

2015

Propyläen

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ISBN 978-3-8437-0946-0

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015

Titelbild: © Oleg Moiseyenko/Getty Images

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt
Über das Buch / Über den Autor
Frontispiz
Titel
Impressum
Inhalt
Ein Nachwort zuvor
I. Zeitbegriffe und Zeitmetaphern
II. Zeitsymbole und Zeitgötter
III. Tag und Stunden in der Antike
IV. Stunden und Uhren in christlicher Zeit
V. Die Woche
VI. Monat und Jahr in der Antike
VII. Der christliche Kalender
VIII. Die vier Jahreszeiten
IX. Antike Ären
X. Die christliche Jahreszählung
XI. Feste, Feier- und Gedenktage
XII. Lebenszeit und Altersstufen
XIII. Epochen und Perioden
XIV. Geplante Erinnerung
Tafelteil
Anmerkungen
Literatur
Abkürzungen
Bildnachweis
Register
Empfehlungen

Ein Nachwort zuvor

Fortunae huiusce diei

Das vielzitierte habent sua fata libelli, Bücher haben ihre Schicksale, ein Wort des Terentianus Maurus aus der Zeit um 200, war gemünzt auf die ungewisse Nachgeschichte seines Buches und auf die unterschiedliche Kapazität des Lesers, pro captu lectoris. Es gilt aber ebenso hier für das fatum, die Vorgeschichte, für die Entstehung meines Buches und die Fähigkeit des Verfassers, pro captu auctoris.

Dieses Buch erwuchs aus weit zurückreichenden Wurzeln, aus Erlebtem, Erdachtem und Erlesenem. Ein erster Versuch mit der Zeitproblematik war die Mainzer Akademie-Abhandlung von 1970 über die Fehlerquellen in der antiken Überlieferung von Nachrichten zu Sonnen- und Mondfinsternissen, die wir als Fixpunkte für die Chronologie verwenden. Die Arbeit war Teil eines unausgeführten Konstanzer Habilitationsprojektes über antike Geschichtsfälschung. Das Thema »Zeit« erscheint sodann mit zahlreichen Variationen 1978 in meinem Buch ›Metaphern für Geschichte. Sprachbilder und Gleichnisse im historisch-politischen Denken‹. Ein Dutzend weiterer Vorarbeiten zum Thema »Zeit« sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.

Profitiert habe ich von zwei Seminaren, die ich 1990 und 1999 am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin über das Geburtstagsbuch von Censorinus De die natali gehalten habe. Die Schrift ist, wie die meisten antiken Texte, in einem einzigen Exemplar überliefert, in einer Pergamenthandschrift aus dem 7. Jahrhundert in der Kölner Dombibliothek, und wurde 1988 von Klaus Sallmann zweisprachig und kurz kommentiert herausgegeben. Die damals, vor »Bologna«, noch uneingeschränkte Lehr- und Lernfreiheit an der Hochschule erlaubte es, auch unkonventionelle Stoffe wie Zeitbegriffe mit den Studenten zu traktieren. Eine exzellente Hausarbeit lieferte Joe Ritzkowsky über die Geschichte der Woche. Nicht nur davon habe ich gelernt.

Zur Vorbereitung auf jenes Seminar arbeitete ich im September 1989 im Deutschen Archäologischen Institut Rom. Hier traf ich Hans von Steuben, den Archäologen aus Frankfurt. Er fand das Thema geeignet für ein Bändchen in »Beck’s Archäologischer Bibliothek«, die er herausgab. 1991 kam es zum Vertrag. 2008 aber starb Steuben, und die Reihe wurde eingestellt. Mich aber trieb die Thematik weiter um. Im Mai 1997 sprach ich im Jagdschloß Glienicke bei der Guardini-Stiftung über ›Zeitbegriffe. Antikes in der Moderne‹. Das Konzept, von den kleineren zu den größeren Einheiten vorzugehen, war entlehnt aus Isidor von Sevilla (Etymologiae V 29 ff) bzw. Beda (De temporum ratione) – Censorinus machte es umgekehrt.

An Büchern älteren und jüngeren Datums über die Zeit fehlt es gewiß nicht. Aber die Zeit hat viele Gesichter, und das gilt gleichfalls für die Bücher über sie. Im vorliegenden Werk geht es um die Geschichte der Zeitkultur vorwiegend in der westlichen Welt, um die Herkunft und Entwicklung unserer Begriffe für Zeit vom Augenblick zur Ewigkeit, es geht um die verzweifelten Versuche, die Zeit in den Griff zu bekommen, um die schillernden Vorstellungen über sie, früher und heute, kurz: um eine Archäologie des Kalenders. Die Zeit mit ihrem »Sitz im Leben« und den Paradoxien ihrer Versprachlichung, das ist mein Thema. Die für die Zeitmessung grundlegenden physikalischen, astronomischen und technischen Voraussetzungen nebst den Umrechnungsmethoden älterer Zeitrechnungen auf die unsere – all das wird nur summarisch behandelt.

Wenn der Althistoriker im Text hier der Antike vergleichsweise großen Raum zugesteht, verweist er darauf, daß wir in allem, was mit Zeit zu tun hat, dem Altertum in höchstem Mäße verpflichtet sind. Das gilt für die Tageseinteilung, die Stundenzählung und die Uhr, für die Siebentagewoche und die Namen der Wochentage, für die Monate und den Kalender, weiterhin für die meisten Feiertage, die Begriffe für Zeitabschnitte, Zeitalter und Ewigkeit. Ernst Jünger schrieb 1977 (Eumeswil 348): »Worüber auch gedacht wird, man muß bei den Griechen anfangen.«

Zeit ist ein zeitloses Thema. Der Stoff ist immens; man muß die Zeit bemessen, die man ihm widmet. Ich halte es daher wie Montesquieu in seinem ›Esprit des lois‹ (XIX 1): Cette matière est d’une grande étendue. Dans cette foule d’idées, qui se présentent à mon esprit, je serai plus attentif à l’ordre des choses qu’aux choses même. Il faut, qu j’écarte à droit et à gauche, que je perce et que je me fasse jour.1 Im Ganzen ist deutlich, wie endlos lang der Weg zu unserer heutigen Zeitregulierung war. Die Zahl der zwölf Monate ist über dreitausend Jahre alt, die Zählung der Kalenderwochen gerade zwei Jahrzehnte. Sie wurde 1993 festgelegt. Was gab es nicht alles an Varianten und Experimenten, an Um- und Abwegen, an Fortschritten und Rückschritten in der Erkenntnis des Zeitablaufs und der Verständigung über die Zeitplanung.

Vom frühen dritten Jahrtausend vor Christus bis zum späten 16. Jahrhundert nach Christus war die genaue Zeitregelung ein religiöses Anliegen und Sache der Priester. Was gelang und was unterblieb, ging auf sie zurück. Immer wieder wurde und wird der Wunsch nach Verbesserungen abgeblockt durch die Macht der Gewohnheit gegen die Macht der Vernunft, durch stolzes Beharren auf dem Herkommen gegen sinnvolle Neuerungen. Die heute weltweit erreichte Vereinheitlichung des Zeitwesens, seine Globalisierung, ist eine unabdingbare Voraussetzung für die moderne Zivilisation, aber war das Ergebnis schwierigsten Ringens, dessen verschlungene Geschichte ich zu zeigen versuche.

Das Buch erscheint später als geplant. Mich entschuldigt Mephisto: »Ein stiller Geist ist jahrelang geschäftig;/Die Zeit nur macht die feine Gärung kräftig.« Die Zeit tat es freilich nicht allein, hinzu kamen Hilfe und Hinweise von vielen Seiten, so von Maria R.-Alföldi, Ernst Baltrusch, Manfred Clauss, meinem Bruder Ecke und meinem filius Philipp Demandt, Kay Ehling, Doris Esch, Gernot Eschrich, Peter Robert Franke, Sabina Franke, Julian Führer, Felix Kellerhoff, Hans Kopp, Dietrich Kurze, Andrea Morgan, Olaf Rader, Christoph Schweigert, Alina Soroceanu, Ulrich Wanke und Christian Wendt. Ich schließe meine Arbeit mit dem wiederholten Dank an Hiltrud Führer, die mir seit zehn Jahren alle meine – im Wortsinn zu verstehenden – Manuskripte digitalisiert, in unseren Frühstücksgesprächen Grundsatzthemen und Einzelfragen mit mir erörtert, mich auf gute Gedanken bringt und mir durch ihre kritischen Einwände Fehler erspart.

Gewidmet sei das Buch dem Andenken an den großen Mediävisten Arno Borst (1929 bis 2007) in Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit in Konstanz 1968 bis 1974. Auf die damals unermüdlich wiederholte Frage nach der Aufgabe des Historikers antwortete er lakonisch: Man solle Geschichte so darbieten, daß es lohnt, ihr Interesse entgegenzubringen. Nichts anderes bezweckt mein Buch. Ich nehme Abschied von einer Thematik, die mich selbst wie keine andere belehrt hat. Für die verbleibenden Unzulänglichkeiten bitte ich um Nachsicht mit den Worten Ovids:

Quicquid in his igitur vitii rude carmen habebit,emendaturus si licuisset eram.

Sinngemäß angepaßt: »Was immer der rohe Text an Fehlern enthält, hätte ich gebessert, wäre es vergönnt gewesen.« Sed nunc ad rem redeo.

Lindheim, Sommeranfang 2015

Alexander Demandt

I. Zeitbegriffe und Zeitmetaphern

Tempus generaliter definire difficile est.

Cicero, Inv. 39

a. Das Wort »Zeit« b. Zeit ist undefinierbar c. Was ist Raum? d. Geschehen konstituiert Zeit e. Zeit ist raumbezogen und stoffgebunden f. Zeit als Inbegriff der geordneten Bewegung g. Raum-Zeit-Kontinuum h. Zyklisch oder linear? i. Einmaligkeit und Wiederholbarkeit j. Grenzen der Zeit? k. Ewigkeit und Überzeit l. Jenseits: Nichts oder Gott? m. Zum Ursprung der Kausalität n. Zeitpunkte o. Zeiträume p. Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit q. Präsentismus r. Objektiv oder subjektiv? s. Zeitempfinden t. Möglichkeit und Wirklichkeit u. Notwendigkeit v. Entwicklung und Evolution w. Kontinuität und Identität x. Gegenläufigkeit der Zeit y. Alt und Neu z. Querelle des Anciens et des Modernes.

a. Zeit ist in aller Munde. Das Wort ist eines der zehn – »zur Zeit« – meistgebrauchten Substantive der deutschen Sprache. Was bedeutet es? »Zeit« geht auf eine Wurzel zurück, die »teilen« bedeutet. Entsprechend beruhen englisch time, französisch temps und lateinisch tempus auf Griechisch temnō – »schneiden« und tomē – »Schnitt«. Die Zeit zerlegen wir durch »Einschnitte« in »Abschnitte«, die zählbar sind und Zeiten somit meßbar machen. Der im Wort tempus steckende Gedanke des Schneidens geht über in die Nebenbedeutungen des Messens, Mäßigens und Mischens. So ist das templum, der Tempel, der von den Auguren für die Vogelschau »ausgeschnittene«, ausgegrenzte Bezirk, wie Gellius (XIV 7,7) aus Varro weiß. Damit hängt contemplare – »betrachten« zusammen, das war die Tätigkeit der Auguren; »kontemplativ« heißt »beschaulich«. »Temperatur« ist die »gemessene« Wärme, »Tempo« die Geschwindigkeit, »Temperament« die jeweilige nach Mengen verschiedene Mischung der vier Körpersäfte gemäß der hippokratischen Humoralpathologie (s. VIII r).

Das griechische Wort für »Zeit« chronos beruht möglicherweise auf dem Gedanken des Fließens, denn es erscheint auch als Flußname. Schon Homer und Hesiod verwenden das Wort, stets im Sinn von Zeitabschnitt. Chronos wurde vielgestaltig personifiziert und symbolisiert (s. II b). Im kaiserzeitlichen Latein findet sich der Plural chronica im Sinne von Chronik, auch chronographia und chronographus, so bei Sidonius (ep. VIII 6,18). Mein ›Brockhaus‹ erläutert 26 mit chrono- beginnende Fremdwörter von »Chronoaxie« bis »chronotrop«, doch gibt es weitere mit chrono- zusammengesetzte Wörter, denken wir an Anachronismus, Diachronie, Synchronismus und ähnliche.

b. Die historische Herkunft des Wortes »Zeit« führt zu seiner inhaltlichen Bedeutung. Augustinus (conf. XI 17) fragte: »Was ist Zeit?« Dabei wußte er es, konnte es aber nicht sagen. Ist das nicht paradox? Schon mein Enkel versteht, was es heißt: »Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.« Der Zusammenhang macht es klar. Nur für sich genommen ist die Begriffsbestimmung schwierig. Platon (Timaios 37 DE) nennt die Zeit: ein nach Zahl bewegtes ewiges Abbild der unbewegten Ewigkeit (aiōn); Aristoteles2 nüchterner: Maß und Zahl der Bewegung gemäß dem Früher und Später. Leibniz spricht 1687 von tempus ordo mutationum, »Zeit ist die Reihe der Wandlungen«; Einstein formuliert salopp »Zeit ist das, was die Uhr zeigt«, vorausgesetzt, sie geht. Und zwar »richtig«. Aber auch dann zeigt sie nicht die »Zeit«, sondern die Stunde.

Alle derartigen Definitionen arbeiten mit Begriffen, die den Faktor Zeit bereits enthalten. Da begegnen uns Wörter wie Veränderung und Bewegung, wie Ereignis und Impuls, wie Vorher und Nachher, wie Folge und Unaufhaltsamkeit, wie Dauer, Vergänglichkeit und ewiger Wandel, also Begriffe, die doch alle selbst bereits durch Zeitlichkeit und Raumbezug geprägt sind. Zeit wird mit Hilfe von Begriffen definiert, die ihrerseits mit Hilfe des Zeitbegriffs definiert werden, so daß die Definitionen von »Zeit« zirkulär werden und eher Eigenarten als Wesensmerkmale der Zeit bezeichnen. Sie selbst ist immer vorgegeben. Schon für den Vorgang des Definierens überhaupt benötigen wir Zeit. Pythagoras vermied das Dilemma, indem er erklärte: »Zeit ist die Seele des Himmels«,3 während Schopenhauer (Paralipomena 147 bis) bissig bemerkte: »Zeit ist eine Vorrichtung in unserm Gehirn, um dem durchaus nichtigen Dasein der Dinge und unserer selbst einen Schein von Realität, mittels der Dauer, zu geben.«

Und wie steht es mit der Frage nach dem Wesen der Zeit? Hier wäre vorab zu klären, was wir unter »Wesen« verstehen. Was ist das Wesen des Wesens? Wir meinen das »Artmerkmal«, das »unverwechselbar Eigentümliche«, wenn wir unterscheiden zwischen wesentlichen und unwesentlichen Kennzeichen einer Sache. Beispiele: Beim Urteil über einen Text kommt es auf den Inhalt an, nicht auf die Drucktype. Unsere Zuneigung zu einem Menschen beruht auf dessen Charakter, nicht auf dessen Haarfarbe. Derlei ist unwesentlich. Was aber wäre an der Zeit unwesentlich? Denken wir bei dem Wort »Wesen« an die Eigenart, durch die sich eine Sache von anderen aus derselben Kategorie unterscheidet, so geht es wieder um eine Definition. Die Besonderheit einer Mönchsgrasmücke im Vergleich zu einer Dorngrasmücke festzustellen ist sinnvoll, nicht aber im Vergleich zu einer Stechmücke. Wovon soll sich »Zeit« unterscheiden? Gibt es da die Gefahr einer Verwechslung? Eine Definition bestimmt die differentia specifica innerhalb des genus proximum, der nächsthöheren Klasse. Das ist für die Mönchsgrasmücke die Klasse der Grasmücken. Für die »Zeit« wäre das die »Dimension«. Dies aber ist eine elementare Kategorie wie der »Raum«, der seinerseits ebenfalls unmittelbar anschaulich erfahren wird, doch ohne Tautologie nicht zu definieren ist.

c. Das zeigt sich, wenn die Frage »Was ist Raum?« gestellt wird. Auch hier weiß jeder, was damit gemeint ist, auch hier ist eine Definition weder nötig noch möglich. Nicht eben trivial ist die Feststellung, daß Raum wie Zeit an irgendwie Materielles gebunden ist. Denn Raum ist nur durch Inhalt oder als Innenraum, Außenraum oder Zwischenraum vorstellbar. Leerer Raum ist keineswegs, wie die Antike meinte, das reine Nichts. Für eine nähere Begriffsbestimmung sind außer der Gleichzeitigkeit der Raumgrenzen Wörter wie Ausdehnung und Abstand, wie Entfernung und Erstreckung, Ort und Lage erforderlich, die wiederum sämtlich den Raumgedanken bereits enthalten und ihn als bekannt voraussetzen. Selbst der Begriff »Dimension« enthält mit der Ableitung aus mensura – Maß, der Meß- und Zählbarkeit, den Raumgedanken, denn die Zahlen denken wir uns in einer »Reihe«. Schließlich bedeutet selbst das Wort »Definition«, abgeleitet von finis – »Ende«, eine »Abgrenzung«, eine Limitierung. Lateinisch limes ist der Grenzweg, ein räumliches Phänomen.

d. Zeit ist die Grundeigenschaft allen Geschehens. Zeit erfordert Bewegung und Veränderung, mithin Vorgänge, die ihrerseits Zeit benötigen. Geschehen ist Gegenstand von Geschichte. Eine »Geschichte der Zeit« als solcher wäre inhaltslos. Bücher mit diesem knalligen Titel meinen eigentlich eine Geschichte des Kosmos, eine Geschichte der Zeitmessung oder des Umgangs mit der Zeit. Sie selbst hat keine Geschichte, verändert sich nicht, sondern ist das Gleichmaß, an dem wir gegenständliche Veränderungen bemerken. Für etwaige Veränderungen der Zeit selbst benötigten wir, um solche festzustellen, eine Metazeit, die ihrerseits unverändert andauert und an der wir die Veränderungen der Zeit, ihrer Richtung und Geschwindigkeit ablesen könnten. Da aber auch die postulierte Metazeit sich ändern könnte, geraten wir in einen endlosen Regreß, so daß es sich empfiehlt, Zeit als gleichbleibend zu denken. Das ermöglicht uns, die ungleiche Dauer von Vorgängen an einem gleichlaufenden Zeitmaß, einer zeitlos gültigen, überall verwendbaren Sekunde, zu messen und so zu vergleichen.

Wie das Geschehen so erfordert auch dessen Wahrnehmung Zeit. Das objektive Früher oder Später in einer Ereignisfolge erkennen wir nicht gleichzeitig, sondern subjektiv nacheinander und verbinden es durch Erinnerung. Zeitliche Struktur besitzt sodann die Sprache beim Reden und Denken, die Schrift beim Schreiben und Lesen, die Musik bei Spielen oder Singen oder Hören. Diese Vorgänge können wir beschleunigen, bremsen und stillstellen, nicht aber umkehren, ohne ihren Sinn zu vernichten. Nur ein Film läßt sich wie mit Zeitlupe oder Zeitraffer so auch rückwärts laufen. »Sinn« hat etwas mit Richtung zu tun, das Wort ist stammverwandt mit »senden«. Eine der Aporien der Historiographie ist die Unmöglichkeit, gleichzeitige Ereignisstränge an verschiedenen Orten nebeneinander darzustellen. Der Leser muß auf einen vergangenen Zeitpunkt zurückgeführt werden, den er bereits hinter sich hat, und im Geist den Weg durch die Zeit an einem anderen Ort wiederholen.

e. Zeit erfordert Bewegung, und Bewegung erfordert Zeit; beides benötigt einen Gegenstand und einen Raum. Schon das dem deutschen und lateinischen Zeitbegriff zugrundeliegende Teilen und Schneiden vollzieht sich an einem Gegenstand im Raum. Auch er selbst ist teilbar. Raum wird aufgeteilt, Zeit wird eingeteilt. Einschnitte erzeugen Abschnitte. Aus räumlichen Vorstellungen sind die grundlegenden Zeitbegriffe abgeleitet, als da sind: Zeitraum, Zeitpunkt, Zeitachse, Zeitpfeil, Zeitspanne, Zeitstufe und neuerdings besonders anschaulich das »Zeitfenster« im Terminkalender, der damit als eine Wand gedacht ist, die nur schmale Öffnungen aufweist, wie zwischen den Gitterstäben in einem Käfig. Intervallum, die Zwischenzeit, ist ursprünglich der Abstand zwischen zwei Palisaden. Unsere Zeit-Messer unterscheiden »kurze« und »lange« Zeit-Abschnitte. Wir haben wie räumlich so zeitlich etwas »vor«, etwas »hinter« uns, unterscheiden zwischen »naher« Zukunft und »ferner« Vergangenheit. Die letzte Gehaltserhöhung »liegt weit zurück«, die nächste Wirtschaftskrise steht »kurz bevor«.

Wir sehen gerade oder krumme Striche, wenn von linearer und zyklischer Zeit die Rede ist. »Anfang« und »Ende« werden zeitlich wie räumlich gebraucht. Geschehen spielt sich »in« einer Zeit ab wie »in« einem Raum. Entfernungen im Raum werden mit Zeitbegriffen angegeben, wenn von »einer Stunde Wegs«, einem »Tagesmarsch« oder von »Lichtjahren« die Rede ist. Die Vermittlung zwischen Zeit und Raum leistet die Geschwindigkeit, dort des Fußgängers, hier der Photonen. Wir bestimmen sie mittels der Division Entfernung durch Dauer. Zeit ist ohne Raum nicht zu denken, Raum nicht ohne Materie oder andere Energieträger, deren Bewegung (im ganzen) Zeit erzeugt und (im einzelnen) Zeit verbraucht. Zeitbestimmung und Zeitmessung erfordern Bezug auf irgendwie Gegenständliches. Raum können wir nicht wegdenken – wohin? Raum ohne Zeit ist vorstellbar, wenn im Raum nichts oder nichts regelmäßig geschieht. Allerdings müssen wir uns selbst dabei wegdenken, denn Denken ist ein zeit- und raumgebundener Vorgang, ein Ereignis, auch wenn an Ereignislosigkeit gedacht wird. Immer benutzen Aussagen über Zeit Raumvorstellungen. Umgekehrt ist das schwierig, wenn wir bei Hans Sachs lesen, das Schlaraffenland liege »drei Meilen hinter Weihnachten«.

f. Zeit ist der Inbegriff der geordneten Bewegung. Daher ist es keine entscheidbare Alternative, ob Zeit von Bewegung dargestellt wird und insofern ihr vorausgeht oder ob Zeit durch Bewegung hergestellt wird und insofern ihr nachfolgt. Beide Bedingungsverhältnisse, das Vorausgehen und das Nachfolgen, setzen Zeitlichkeit und Bewegung selbst schon voraus. Zeit und Bewegung lassen sich weder zeitlich noch logisch auseinanderdenken. Zeit wird durch Bewegung im Raum gemessen und Bewegung im Raum durch Zeit.4 In den (nach)platonischen ›Definitionen‹ (Horoi 414 B) heißt es: chronos hēliou kinēsis, metron phoras, »Zeit ist die Bewegung der Sonne, das Maß der Schnelligkeit«.

Aber: Bewegt sie sich, oder bewegen wir uns? »Einszweidrei im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit«, heißt es bei ›Tobias Knopp‹. Zeit als Bewegung zu Lande liegt zugrunde, wenn wir sagen »es passiert etwas«, passus heißt »Schritt«. Das Sprachbild des »Fortschritts«, genauer mit Goethe des »Vorschritts«, gibt es seit Pindar (Ol. X 53 ff): Chronos »vorwärts gehend«, iōn porsō, bringt alles ans Licht. Es geht mal vor, mal zurück, mal aufwärts, mal abwärts, aber, »es geht«. »Erfahrung« macht man räumlich und verwertet sie zeitlich. Dem Wort »Jahr« liegt eine Wurzel zugrunde, die »gehen« bedeutet, lateinisch annus verweist auf ursprünglich »Läufer«, englisch always enthält das Wort way – »Weg«.

Zeit erscheint zudem als Bewegung des Wassers. Aion ist ein Strom aus Geschehnissen, schreibt Marc Aurel (IV 43), ein reißendes Fließen, rheuma biaion. Was gesehen wurde, ist schon vorbeigetrieben, und anderes kommt heran, um gleich wieder zu verschwinden. Bereits Heraklit (VS. 22 B 49 a) benutzte um 500 v. Chr. diesen Vergleich, und Plutarch (Moralia 392 B) brachte ihn in die Kurzform, man könne nicht zweimal in denselben Fluß steigen. Natürlich kann man das – ich spreche von der Nidder –, auch wenn das Wasser nicht dasselbe ist. Vergleichspunkt der Flußmetapher ist hier die unablässige Veränderung. Wenn wir mit Vergil (Georgica III 284) und Walther von der Vogelweide (L. 124) meinen, daß die Zeit zu schnell abläuft, messen wir das an unseren Erwartungen, einer psychologischen Meßlatte. Über sie kann man nur stolpern.

g. Die Zusammengehörigkeit von Zeit und Raum liegt auf der Hand. Jedes Ereignis, jeder Vorgang hat sein Datum und seinen Ort, neben seinem Wie sein Wann und Wo, so wie wir selber allzeit und überall uns in einer bestimmten Verfassung zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befinden, in unserer momentanen Situation. Wann immer wir eines der drei Wörter »ich«, »jetzt« und »hier« gebrauchen, sind die beiden anderen mitgedacht. Dem Jetzt und dem Hier können wir nicht entfliehen; wenn wir uns in eine andere Zeit, an einen anderen Ort denken, nehmen wir in Gedanken das Jetzt und das Hier dahin mit. Nur Pythagoras besaß die Gabe der Bilokation. Er wurde am selben Tag zu Metapontion in Italien und zu Tauromenion in Sizilien gesehen, wie Jamblichos in seiner Pythagorasvita (134) berichtet.

Die Raum-Zeit-Verknüpfung erleben wir in unserer Person und erfahren wir von der Physik für die äußerste Vergangenheit und die fernste Zukunft. Im Maximum: In der Astronomie werden räumliche Entfernungen durch einen Zeitbegriff angegeben, durch »Lichtjahre«. Die größte in Lichtjahren theoretisch meßbare Distanz im Raum führt von hier und jetzt über immer weiter entfernte Sterne bis zum fernsten Punkt im Kosmos, zum Urknall vor 14 Milliarden Jahren. Das Ende des Raums ist der Anfang der Zeit. Das Weltall wird immer größer und immer älter, Raum und Zeit wachsen parallel. Entsprechend im Minimum: Die kleinste mögliche Raumeinheit, angenommen das wäre die Planckzeit (1 durch 10 hoch minus 43 Sekunden), begrenzt die kürzest denkbare Bewegung und bestimmt damit die knappste Dauer. Eine kürzere Zeiteinheit anzunehmen, als Raum für eine Bewegung zur Verfügung steht, ist nicht sinnvoll. Die Untergrenze der Teilbarkeit und damit der Meßbarkeit fällt für Raum und Zeit zusammen. Unter der Voraussetzung einer kleinsten Raum-Zeit-Einheit gibt es im strengen Sinn kein Kontinuum, sondern nur eine Folge sehr kleiner Schritte. Sie werden so wie Bilder im Film als übergangslos wahrgenommen.

h. Räumlich gedacht ist sodann die Unterscheidung zwischen Zyklik und Linearität. Wiederholt sich das Geschehen, so sprechen wir von zyklischer Zeit. In der Musik ist dies das Rondo. Verändert es sich unumkehrbar in gleichbleibender Richtung, so nennen wir die Zeit linear. In der Musik denken wir an die Fuge. Wir messen den Lauf der Zeit, indem wir zyklisch sich wiederholende Einheiten zählen. Daß und wie Zyklik und Linearität vereinbar sind, zeigt das Modell des Wagens: Die Wiederkehr jeder Position des laufenden Rades verbildlicht die zyklische Zeit, die Fahrt auf dem Wege die lineare. Die Uhr läuft zyklisch von zwölf bis zwölf, doch die Stunden summieren sich linear zum Tag. Auch die Tageszeiten verlaufen linear vom Morgen zum Abend, aber wiederholen sich zyklisch von Tag zu Tag. Entsprechend bildet der Umlauf des Mondes mit seinen beiden zielgerichteten Hälften von Neumond zu Vollmond und von Vollmond zu Neumond den Mondzyklus, und aus der linearen Folge der vier Jahreszeiten von Frühling zum Winter entsteht das Jahr als Ganzes, und so wiederholt sich der »Kreislauf der Jahre« von Neujahr zu Neujahr. Die einzelnen linear strukturierten Jahresläufe sodann ergeben durch ihre zyklische Wiederholung nach und nach abermals eine lineare Sequenz, die der historischen Entwicklung, die Geschichte der Welt. Den Wechsel von der Zyklik zur Linearität kennt schon Seneca (ep. 12,6).

Es lag nun nahe, den in wachsendem Maßstab stattfindenden Wechsel von zyklischen und linearen Einheiten weiterzudenken und ihn auf den Weltlauf insgesamt anzuwenden. Der um 360 schreibende platonisierende Christ Marius Victorinus (I 2,61) deutete kosmisch-lineare Zeit als Kreislauf, der von Gott ausgeht und zu Gott zurückkehrt. Dagegen steht die vorchristliche Idee der endlos wiederholten Zyklen. Aristoteles (Analytika posteriora II 12) sah im Kreislauf des Wassers zwischen Himmel und Erde ein universales Modell. Wie sich Tage, Monate und Jahre wiederholen, so wie Werden und Vergehen wechseln, so auch die Weltzeit, was Empedokles als kyklos, Kreislauf verstand (VS. 31 B 17; 26). Das führte zu der Annahme einer pulsierenden Totalität, bestehend aus zahllosen Weltperioden, nach deren Ablauf alles wiederkehrt, ohne daß freilich das Nacheinander der Weltperioden wiederum als zielgerichteter Prozeß verstanden wurde (s. XIII t).

Die ewige Wiederholung der Weltperioden, bei Platon (Politikos 269 E) die anakyklēsis, bei Marc Aurel (IX 28) ta tou kosmou enkyklia, ist das, was Augustinus (CD. XII 14) angegriffen hat, wenn er den circuitus temporum »der Philosophen« als end- und trostlos anprangerte und ihnen knallhart entgegensetzte: semel Christus mortuus est pro peccatis nostris. Augustinus kritisiert, was üblicherweise als die zyklische Zeitvorstellung »der Antike« bezeichnet wird. Da die Zahl der Großperioden unbeschränkt ist, läßt sich die Dauer der Zeitenfolge nicht eingrenzen. Dieses Zeitbild rechnet mit einer Vergangenheit ohne Anfang und einer Zukunft ohne Ende.5

Ein lineares Weltbild mit Anfang ohne Ende entwickelt Hesiod in seiner Lehre von der Entstehung der Götter, der Theogonie (116 ff). Danach steht am Anfang das Chaos, das »gähnende Nichts« entsprechend dem biblischen Tohuwabohu (1. Mose 1,2). Aus dem präkosmischen Urgrund entsprossen Gaia, die Erde und Eros, der Liebesgott, von denen die gesamte Natur und die unsterblichen Götter stammen.

Anfang und Ende der Welt gibt es in der vorsokratischen Atomistik, referiert bei Manilius Poeta (I 122 ff). Danach »gebar« die blinde, das heißt dunkle Materie des Chaos den Kosmos, der sich wieder in ebensolche auflösen werde. Die antike Atomistik sieht am Anfang der Weltgeschichte einen »Wirbel« im Urchaos. Platon hingegen denkt an einen Schöpfergott, den dēmiurgos, der mit dem Himmel zugleich die Zeit erschaffen habe, die mit ihm auch vergehen könnte. Der Anfang der Welt wird als Tatsache, das Ende als Möglichkeit dargestellt (Timaios 38 B). Dies gemahnt an die biblische Weltzeit. Sie beginnt mit der Schöpfung und endet mit dem Jüngsten Tag, ist mithin begrenzt. Ähnlich rechnet die moderne Physik mit einem Anfang und einem Abschluß der Naturgeschichte, möglicherweise asymptotisch, vom Urknall zum Wärmetod. Die Geschichte der Welt beginnt mit einer Katastrophe und endet in einer Sackgasse. Grund ist die Zunahme der Entropie in einem unaufhaltsamen und unumkehrbaren Prozeß, in den sich die zyklischen Vorgänge, zeitweilig gegenläufig, spiralförmig einschreiben so wie die Wirbel im Strom. Der Lauf der Welt ist endlich, die Tage sind gezählt. Der Wärmetod ist sicher zu erwarten, aber nicht zu berechnen – so wie das Jüngste Gericht. Die Dauer bis zum seit zweitausend Jahren »nahen« Ende aller Dinge weiß nach christlichem Glauben Gott allein (Mt. 24,35 f).

i. Zyklik und Linearität der Zeit schließen sich nicht gegenseitig aus, wie wir sahen, sondern ergänzen sich. Das verdeutlicht das Modell des Wagens oder das der Spirale. Auch zwischen Wiederholbarkeit und Einmaligkeit besteht kein unüberbrückbarer Gegensatz. Die Unterscheidung zwischen gleichartigen, sich angeblich wiederholenden Naturvorgängen und angeblich singulären Geschichtsereignissen ist perspektivisch bedingt. Denn strenggenommen wiederholen sich auch Naturerscheinungen und Naturprozesse nicht, jedenfalls nicht exakt. Die jeweils erkennbare Genauigkeit mutmaßlich gleichartiger Naturereignisse und gleichlanger Zeiteinheiten ist die Grundlage der Zeitmessung. Schärfere Beobachtung findet überall Unterschiede, und ob wir die schärfstmögliche Beobachtung erreicht haben, wissen wir nie.

Und lasch genommen wiederholen sich auch Geschichtsvorgänge durchaus, wenigstens ungefähr, so Kriege, Krisen, Katastrophen. Es kommt auf den Parameter an, unseren Genauigkeitsbedarf. Bei einer zugestandenen Unschärfe lassen sich Ereignisse typisieren und in der jeweiligen Klasse gleich benennen. Anderenfalls könnten wir nicht vom Zweiten Weltkrieg sprechen. Jeder Krieg ist einmalig, und dennoch wiederholen sich die Kriege. Abstraktion ist ein Gebot der unentbehrlichen sprachlichen Ökonomie. Jeder Sachbegriff enthält Verschiedenes, aber Ähnliches innerhalb einer konventionellen Toleranz. Indem wir von Besonderheiten absehen, wird der Vorrat an Ereignistypen überschaubar und eine argumentative Verwendung von Geschichte möglich. Jegliche Erfahrung und alle praktische Rationalität beruht darauf, daß wir in unwiederholbaren Ereignissen ihr Potential an Wiederholbarkeit erkennen und berücksichtigen. Erfahrung ist anwendbare Erinnerung.

j. Betrachten wir die Zeit als ganze, so stellt sich die Frage nach den Grenzen dieser Ganzheit. Darauf gibt es zwei unterschiedliche Antworten. Die stoische Vorstellung von der ständigen Wiederholung der Weltzyklen rechnete mit einer endlosen Wiederkehr des Gleichen. Da gab es unzählig viele Grenzen zwischen den einzelnen Umläufen, aber keine Grenzen des Ganzen. Das biblische Christentum kennt nur einen einzigen Durchgang, eine lineare Weltzeit, endlich von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht. Da gibt es zwei Grenzen, Anfang und Ende. Zuvor gab es keine Zeit, weil auch sie von Gott geschaffen wurde, und danach gibt es keine, denn der apokalyptische Engel mit der Löwenstimme schwört beim lebendigen Gott, »daß hinfort keine Zeit mehr sein soll« (Offb. 5,6). Es folgt oben bei Gott das ewige Leben der Seligen und unten im »Feuerofen« das ebenfalls ewige »Heulen und Zähneklappen« der Verdammten (Mt. 13,42). So heißt es bei Angelus Silesius:

»Im Himmel ruft man stets Hosanna in der Höh,Und unten in der Höllen nichts als Jammer, Ach und Weh.«

Es sind jeweils gleichbleibende Geräusche, oben wie unten unendliche Monotonie, »immer dasselbe Lied«6 so wie die Sphärenharmonien. An beiden Jenseitsorten gibt es dann keine Ereignisse mehr, die eine Zeit meßbar machen, der Zustand ist homogen, die Zeit ist vorbei.

In der modernen Physik wird zumeist ein lineares, daneben aber auch ein zyklisches System vertreten. Das Standardmodell der modernen Kosmologie zeigt eine lineare Grundstruktur, am Beginn der Welt den Urknall vor 14 Milliarden Jahren, einen spontan explodierenden Punkt, der Materie, Raum und Zeit und die darin gültigen, bis heute unveränderten Naturgesetze geschaffen hat. Wer an deren dauernder Gültigkeit zweifelt, kann keine begründeten Aussagen über Vergangenes oder Künftiges machen. Daß die Naturgesetze so alt sind wie die Welt und nicht allmählich entstanden sein können, ergibt sich daraus, daß ihr allfälliger Entstehungsprozeß selbst übergeordneten, zeitlosen Naturgesetzen gehorcht haben müßte, deren Entstehung wiederum die Annahme noch höherer Naturgesetze erforderte, was in den unendlichen Regreß mündet. Quod absit. Der Explosion folgte eine Expansion, die zum Stillstand kommt, wenn das Energiegefälle, bildlich: die Spannung zwischen Heiß und Kalt, ausgeglichen und als Resultat der Entropie die Unordnung perfekt ist. Nach dem Wärmetod findet in dem dann erreichten Zustand nichts mehr statt; der Begriff Zeit hat damit seinen Sinn verloren, so wie er vor dem Urknall keinen Sinn hat. Der Raum aber überlebt die Zeit.

Diesem Konzept eines »offenen Universums« steht das Friedmann-Modell eines »geschlossenen Universums« gegenüber.7 Danach erreicht die Expansion irgendwann ihr Maximum, nach dem der Kosmos sich wieder zusammenzieht und im »Endknall« den Ausgangspunkt abermals erreicht. Die Geschichte des Universums ist ein Umweg vom Nichts zum Nichts. Den Wechsel von Vorwärts- und Rückwärtsbewegung des Kosmos beschrieb schon Platon im ›Politikos‹ (s. XIII i). Nach dem Endknall könnte das Spiel von neuem beginnen, sicher in anderer Form, aber nach den gleichen Regeln.

Sowohl im linearen Modell vom Urknall zum Wärmetod als auch im zyklischen vom Urknall zum Endknall da capo erledigt sich die populäre Frage nach dem Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit. Denn »ewig« heißt umgangssprachlich nichts anderes als »immer«, »zu aller Zeit« (s. XIII y), und diese gibt es in beiden Modellen immer und zu aller Zeit.

»Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit,So du nur selber nicht machst einen Unterscheid.«

Das tun wir nicht, so versichern wir dem Cherubinischen Wandersmann. Die Aussage, die Zeit sei ewig, ist so richtig und so überflüssig wie die, ein Kreis sei rund. Daher ist sie wie im zyklischen so im linearen Weltmodell immer und ewig, wenngleich hier irgendwann entstanden und irgendwann auslaufend und nicht wie dort endlos. Das Universum, so oder so, ist das Perpetuum mobile.

k. Wer Ewigkeit als über die Zeit hinausgehend betrachtet, huldigt dem »geschlossenen«, dem linearen Zeitmodell und erweitert es durch einen metaphysischen Ewigkeitsbegriff. Bei Platon hat aiōn, bei Cicero (De inventione I 39) aeternitas diese Bedeutung. Zeit ist hier ein »gewisser Teil der Ewigkeit«, pars quaedam aeternitatis. So dachte wieder Augustinus (s. XIII y). Eine solche zeitübergreifende Ewigkeit finden wir mit etwas übersinnlicher Phantasie in einer Zusatzdimension. Sie wird in räumlicher Metaphorik als »außerhalb« der Chronosphäre, in einem transzendenten Umraum angesiedelt und von Platon und Augustinus Gott zugeordnet, der jenseits oder über der Zeit steht, als ein Nunc stans zeitlos allen Zeiten gleich nah oder gleich fern: Stets in nächster Nähe, denn der sterbende Christ »segnet das Zeitliche« und geht »aus der Zeit in die Ewigkeit«; doch auch in fernster Ferne, denn erlebt er den Jüngsten Tag, erfolgt der Übertritt danach, mit dem »Ende aller Dinge«. Eingebettet in die Überzeitlichkeit, wird das zeitgebundene Universum zur Insel in der Ewigkeit oder weniger freundlich zur Höhle, zur spelunca aevi Claudians (s. (s. II l).

Die Frage nach dem, was vor und nach der Zeit und jenseits des Raumes, also außerhalb der kosmischen Höhle anzunehmen sei, setzt voraus, daß da überhaupt etwas sei. Da ein solches Etwas zeitlos, raumlos und körperlos sein müßte, hat dieser Gedanke für Kant 1794 »etwas Grausendes«. Es ist für ihn »eine die Einbildungskraft empörende Vorstellung« (VI 637; 646). Zu Recht bemerkt Augustinus (Confessiones XI 16): nec aliquo tempore non erat tempus – »es gab keine Zeit, in der es keine Zeit gab«. Die Annahme einer außerkosmischen, proto-, meta- und extraphysikalischen Zeit verdoppelt den Zeitbegriff und erfordert eine imaginäre Zusatzdimension für den Metakosmos einer Überzeit und eines Überraumes, ein Paralleluniversum hinter den angenommenen Grenzen von Zeit und Raum. Da diese Überzeit sowohl vor als auch nach der Zeit anzunehmen wäre und nicht mit Beginn der Zeit geendet hat und mit dem Ende der Zeit wieder beginnen wird, wäre sie auch gewissermaßen parallel während der Zeit zu postulieren.

Sofort aber erhebt sich die weitere Frage nach dem Wann der Zeit in der Überzeit und die nach dem Wo des Raumes im Überraum. Dafür bedarf es der Grenzen von Überzeit und Überraum, jenseits deren dann eine Überüberzeit, ein Überüberraum begänne usw. Entsprechend theologisch: Sofern Gott nicht die zeitenthobene allgegenwärtige Ewigkeit selbst ist oder ohne sie nicht sein könnte, – so Spinoza (Ethica V 30) – müßte er nicht nur die Zeit, sondern auch die Ewigkeit geschaffen haben in einer oder aus einer Überewigkeit. Das Grenzproblem verschiebt sich. Dasselbe gilt für die Annahme einer Mehrzahl von Welten, für die Anaximandros (VS. 12 A 17) diesen Überraum fordern müßte, in dem die Welten sich befinden. Wer annimmt, daß Überzeit und Überraum als Ort- und Grenzgeber für Raum und Zeit selbst keine Außengrenzen haben, könnte und sollte dies doch schon einfachheitshalber der Zeit und dem Raum im alltäglichen Sinn zuschreiben.

Den unendlichen Regreß in die Metawelten vermeiden wir, wenn wir anerkennen, daß Raum und Zeit keine Gebiete auf einer Landkarte sind, sondern gewissermaßen eine in sich selbst abgeschlossene Hyposphäre darstellen wie die Erdkugel, die keinen Ort nördlich des Nordpols kennt, wie Stephen Hawking anmerkte. Eine Kugeloberfläche hat keine Grenze, sondern ist eine Grenze, nämlich zwischen Innen und Außen. So könnte man Raum und Zeit deuten als Grenze zwischen Nichtsein und Sein, dem Geltungsbereich der Naturgesetze. Nur innerhalb dessen ist Wissen möglich. Mit anderen Worten: Außerhalb des Raumes und jenseits der Zeit ist nichts, denn sonst wäre der Urknall kein wirklicher Anfang, der Wärmetod kein echtes Ende. Grenzen sind überschreitbar. Daher haben Raum und Zeit keine Außengrenzen, wie einzelne Räume in der Zeit und einzelne Zeiten im Raum sie besitzen.

l. Wen die Frage nach dem Anfang aller Dinge nicht ruhen läßt, der hat für seine petitio principii die Wahl zwischen der Annahme, die Welt sei aus dem Nichts von selbst entstanden, indem die Natur die Natur, das heißt sich selbst hervorgebracht hat – so schon Kant 1755 (II 251 ff) – und dem Glauben an einen allmächtigen Schöpfergott, der auch das Unvorstellbare schafft, so sich selbst. Während Lucrez (I 629), dem Kant (II 263) folgt, mit rerum natura creatrix eindeutig Stellung bezieht, laviert Plinius (II 27) mit der Doppelformel deus sive natura. Nach Spinoza ist das dann die natura naturans naturam naturatam.

Die natürliche, immanente Kosmogonie ist eine origo ex nihilo; die religiöse, transzendente Kosmogonie ist eine creatio ex nihilo, denn vor der Entstehung oder der Erschaffung der Welt gab es weder Energie noch Materie, weder Raum noch Zeit, wie schon Augustinus (Confessiones XI 12 ff) bemerkte. Es gab entweder nichts oder Gott. Beides ist logisch gleichwertig. Vorstellbar ist keine der beiden Ursprungstheorien, weil Vorstellbarkeit an Raum und Zeit und Inhalt – wirklich oder vorgestellt – gebunden ist, so wie der Mensch selbst. Darum ist die Frage, ob es Gott »gibt« zwar altehrwürdig, aber im platonischen oder christlichen Verständnis sinnlos, wenn sie sich Gott als existentes Ding denkt und nicht als den Schöpfer aller existierenden Dinge, der eben darum selbst kein Ding sein kann und somit logisch wie physikalisch gesehen nicht existent, sondern präexistent ist. Was aber soll das sein?

Hier kommt nun die Psychologie ins Spiel. Daß die Welt mit Raum und Zeit aus Nichts entsteht, ist ebenso unvorstellbar wie ihre Erschaffung durch einen überweltlichen zeit- und körperlosen Gott, das »Urwesen« bei Kant. Da sich negative Aussagen nicht steigern lassen, ist es grammatisch unzulässig zu fragen, welche der beiden Alternativen unvorstellbarer sei. Wer aber kann der Phantasie verbieten, hier eine Entscheidung zu treffen und die origo ex nihilo für die schwerer erträgliche Annahme zu halten? Eben diese Unerträglichkeit einer Selbstgeburt führt dazu, zur creatio den creator hinzuzudenken, aus dem eigenen Schaffen auf einen Schöpfer zu schließen. Marie von Ebner-Eschenbach hat es gesagt. Und ich ergänze: Der beste Einfall des Menschen war Gott. Der zweitbeste Einfall Gottes war der Mensch. Gottes bester Einfall – bisher – war die Welt.

m. Da alles Geschehen in der Zeit auf gegebenen Voraussetzungen beruht, mithin kausal verknüpft ist, führt die Frage nach dem Ursprung der Zeit zur Frage nach dem Ursprung der Kausalität. Sie beruht nicht auf Beobachtung allein, denn diese liefert nur das post hoc, nicht das propter hoc. Die Wahrnehmung zeigt uns nur zeitliche Ereignisfolgen, die wir nicht als zufällig hinnehmen, wenn sie sich in kontrollierter Form wiederholen. Dies erfolgt durch systematische Vergleiche, durch Verstandestätigkeit. Erst die Interpretation von Beobachtung gemäß einem angeborenen Kausalbedürfnis macht aus dem post hoc ein propter hoc, aus den Sinneseindrücken eine Ereignisfolgeregel. Sie wird durch Erfahrung fallweise bestätigt, nicht hinreichend begründet, wie schon Kant gegen die englischen Empiristen dargetan hat. Denn wenn wir zu einem Ereignis keine Ursache finden, folgern wir nicht, daß es keine Ursache gibt, sondern nur, daß wir sie noch nicht gefunden haben. Wir erblicken die Ursache dafür, daß wir bisher keine Ursache entdecken konnten, in unserem eigenen Unvermögen, nicht in der sinnlich wahrgenommenen Sachlage. Die Frage nach der causa der Kausalität aber setzt deren Geltung bereits voraus. Jeder Versuch, die Begründung zu begründen, führt wie alle Grundsatzfragen endlicher Menschen über das Unendliche ins End- und Grundlose. Quod absit.

Die wohlbegründete Überzeugung, daß in unserer Welt nichts aus Nichts entsteht, daß alles aus etwas hervorgeht, unterstellt nur notwendige, nicht hinreichende Voraussetzungen. Keine Schneeflocke, kein Ahornblatt läßt sich als Individuum vollständig erklären. Für das »Auftauchen« von Neuem gibt es den Begriff der Emergenz, und er läßt sich auch auf die Zeit anwenden. Die Entstehung aus Älterem gilt für sämtliche Erscheinungen in der Zeit, nicht jedoch für das Phänomen der Zeit selbst. Denn sie ist ein Erfordernis sowohl für die Möglichkeit von Vorgängen selbst als auch für unsere eigene Fähigkeit, darüber nachzudenken.

*

n. Die bisherigen Überlegungen betrafen die Zeit als solche und ganze, doch verwenden wir das Wort ebenso für ihre Teile, für einzelne Zeiten, genauso wie »Raum« sowohl für das All als auch für einzelne Räume stehen kann. »Zeit« meint oft spezielle Zeitpunkte auf der Zeitachse, nämlich dann, wenn es heißt: »Die Zeit vergeht«, oder wenn wir sagen »von Zeit zu Zeit« oder fragen, »wann, zu welcher Zeit?«. Hier antwortet ein Datum, wobei nicht an eine Ausdehnung gedacht ist, sondern an einen Ort auf dem Zifferblatt, im Kalender oder in der Jahresreihe. Wörter wie »Zeitschrift« enthalten Zeit im Sinne von »Gegenwart«, Wörter wie »zeitgemäß« meinen Zeit im Sinne von »richtiger Zeit«, Wörter wie »Zeitgenosse« im Sinne von »Gleichzeitigkeit«.

Regelmäßig, in gleichbleibenden Abständen wiederkehrende Zeitpunkte, nämlich von Menschen unabhängige Naturereignisse liefern uns die Einheiten für die Zeitmessung. Solche finden sich in den organischen Vorgängen unseres Körpers, in der äußeren Natur im Himmel und auf Erden sowie in technischen Geräten in der Art von Uhren. Mit kleinen Einheiten messen wir größere Zeitstrecken. Unregelmäßige Veränderungen bieten keine Basis, so das stets wechselnde Aussehen des Wolkenhimmels oder eines Wasserfalls, wo jede Momentaufnahme ein neues, einmaliges Bild zeigt. Wo Zeit nicht »teilbar«, nicht meßbar ist, da verdient sie den Namen nicht, da verläuft sie nicht in einer Richtung, sondern wabert chaotisch oder steht still und verschwindet wie bei der Ameise im Bernstein. Physiker sprechen von Zeitlosigkeit in einem Schwarzen Loch.

Wenn es im Prediger Salomonis (3,1 ff) heißt: »Alles hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde«, so geht es um die momentanen Umstände. Die Erkenntnis und die Nutzung des kairos (s. II d), des rechten Zeitpunktes, der sachbezogen vorgegeben ist, entscheidet über erfolgreiches Handeln. Wir müssen wissen, was jetzt zu tun ist, und hangeln uns von Termin zu Termin. Wir dürfen den Stichtag, das Ende der Frist nicht versäumen, denn »wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«. Freilich, wer zu früh kommt, den entschädigt das Leben mit einer späten Genugtuung. Aber ist das ein Trost? Die günstige Gelegenheit, die sich bietet, ist zu ergreifen, nicht zu verpassen. Wer zur Unzeit sät, der verliert Samen und Zeit zugleich. Die Verschwörer des 20. Juli 1944 hatten darüber diskutiert, ob man die Gelegenheit zum Attentat abwarten oder herbeiführen solle. Daß letzteres nicht beliebig gelingt, zeigt die Herkunft des Wortes Chance, abgeleitet von cadere – »fallen« und cadentia für den »Glücksfall« beim Würfeln. Vom gleichen Stamm abgeleitet lateinisch occasio – »Zufall« übersetzt laut Cicero (De officiis I 142), griechisch eukairia, die »passende Gelegenheit«. Was kann nicht alles in einem »Augenblick«, im »Handumdrehen« passieren! »Zwischen Lipp und Kelchesrand/schwebt der finstren Mächte Hand.« Der sympotische Gedanke findet sich beim älteren Cato (Gellius XIII 17) und bei mehreren griechischen Autoren.8 Aristoteles erzählt, Ankaios, König von Samos, habe just in jenem Moment von dem Keiler gehört, der die Fluren verwüstete, sei aufgesprungen, ihn zu erjagen, und dabei zu Tode gekommen.

o. Das Wort »Zeit« bezeichnet neben einzelnen Zeitpunkten auch Zeiträume innerhalb der Weltzeit. Zeitpunkte sind Grenzen, Zeiträume haben Grenzen, jeweils zwischen Vorher und Nachher. Es sind Strecken zwischen Zeitpunkten, die Anfang und Ende markieren und so die Dauer der Spanne festlegen. Hier fragen wir: Wie lange währt diese Zeit? Eine Viertelstunde ist gemeint, wenn die Vorlesung cum tempore beginnt. Einer Uhr aber bedarf es nicht immer: eine Zigarettenlänge, eine Kaffeepause ist abschätzbar. Wenn Kaiser Augustus sich aufregte, sagte er sich erst einmal das griechische Alphabet auf, ehe er reagierte. Als vor 500 Jahren Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen stand und ihn die Flammen erreichten, schüttelte er sein Haupt »zwei Pater Noster« lang, eher er es senkte. So der Zeitzeuge Peter von Mladoniowitz.9

Zeit ist abstrakt, Zeiten sind konkret. Abstrakta werden im Plural konkretisiert. Zum Abstrahieren muß ein Konkretes gegeben sein. Die physikalisch gleichmäßige und gleichartige Weltzeit besteht historisch aus ungleichmäßigen und ungleichartigen Teilzeiten und entsteht durch sie. Es sind die Eigenzeiten von zahllosen Vorgängen. Wir sprechen von »Zeiten« im Plural oder »einer« Zeit mit dem unbestimmten Artikel. »Zeiten« werden inhaltlich unterschieden, so die Jahreszeiten, die Zeit der Kreuzzüge oder der Erdalter. Begrenzte Zeit, als Frist bezeichnet, ist im Rechts- und Wirtschaftsleben mit einer Drohung verbunden.

Sagen wir »die Zeit ändert sich«, meinen wir nicht »die Zeit« schlechthin, sondern die gegenwärtigen Zustände innerhalb einer bestimmten, begrenzten Zeit, den Singular zum Plural. Wir denken an eine der Zeiten. Sagen wir: »Wie die Zeit vergeht!«, so ist das Zeit in der Zeit, die dauert. Meist handelt es sich um unsere eigene Lebenszeit. Die Zeiten, aus denen die Zeit besteht, sind gemeint, wenn wir das Wort »zeitlos« verwenden. Die Schönheit des Parthenon ist wie die Geltung des Einmaleins nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt, »zeitlos« heißt paradox: »für alle Zeit«.

p. Die klassischen drei Teilzeiten Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit kannte schon Homer (Ilias I 70), wenn der Seher Kalchas wußte, »was ist, was sein wird und was früher war«. Zukunft und Vergangenheit werden durch den Moment unserer Gegenwart, unseres Gedankens konstituiert und verändern sich mit jedem unserer Herzschläge. Hier handelt es sich nicht um physikalische oder objektive Zeit, sondern um personale oder subjektive Zeit. Wir selbst trennen und verbinden die beiden Hälften der Zeit, solange wir leben. Censorinus (16,4) verbildlicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch eine Linie, die der wandernde Punkt der Gegenwart erzeugt. Die Gegenwart ist die Zukunft der Vergangenheit und die Vergangenheit der Zukunft. Denn Zukunft ist künftige Vergangenheit; Vergangenheit ist vergangene Zukunft. Das praesens hat keine longitudo, es ist die coniunctio zwischen praeteritum und futurum. Die Gegenwart wächst nicht wie die Vergangenheit, sie schrumpft nicht wie die Zukunft; sie vergeht nicht und kommt nicht wie die »Zeit«, sondern ist, wie der Name sagt, allzeit präsent und in diesem Sinne ewig. Die Ewigkeit ist ein Abbild der Gegenwart und umgekehrt.

Wir sind auf den Punkt der Gegenwart gebannt, der zugleich ruht und sich bewegt. Die mögliche Gleichzeitigkeit von Ruhe und Bewegung zeigt die ruhende Achse des rollenden Rades, das erleben wir auf der Eisenbahn. Wir sitzen ruhig im Abteil und rasen durch die Landschaft. Wir wandern durch den Zug, aber können weder (nach vorne) in die Zukunft vorauseilen noch (nach hinten) in die Vergangenheit zurückkehren. Sie aber kommt auf uns zu, ist der Inhalt unserer Wahrnehmung, weil alles, was wir von außen hören und sehen, im Augenblick, da es uns bewußt wird, bereits der Vergangenheit angehört. Reine Gegenwart ist nur der Moment des Bewußtwerdens.

Die Sonne, die wir untergehen sehen, ist tatsächlich schon acht Minuten zuvor hinter dem Horizont verschwunden, denn so lange braucht das Licht von ihr zu uns. Der Blick in den Sternenhimmel, den wir als Gegenwart erleben, bietet uns längst Vergangenes. Er demonstriert die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Spica im Frühjahrsdreieck zeigt uns, wie sie vor 140 Lichtjahren zur Zeit Bismarcks aussah. Der Polarstern, 460 Lichtjahre entfernt, bietet das Bild aus der Zeit Karls V. Sterne des Orion erscheinen in der Gestalt aus der Zeit von Septimius Severus, so Mintaka, und von Marc Aurel, so Hatysa. Vielleicht sind sie, wenn wir sie sehen, längst erloschen. Umgekehrt könnte auf einem Planeten des Rigel im Orion unsere Erde von heute noch in 900 Jahren gesehen werden. Da Schall- und Lichtwellen Zeit brauchen, um uns zu erreichen, ist alles, was sie bringen, immer die Botschaft aus einer wenn auch noch so kurzen Vergangenheit.

q. Da die vergangene Zeit nicht mehr da ist, die künftige Zeit noch nicht da ist und allein die Gegenwart unmittelbar erlebt wird, hat das, was sie uns vermittelt, einen höheren Grad an Relevanz und Evidenz als der Stoff auf den beiden anderen Teilen der Zeitachse. Sie existieren nur als Erinnerung an Vergangenes und als Erwartung von Künftigem. Das Lebensideal der Gelassenheit heißt darum: Gräme dich nicht über Vergangenes, bange nicht vor Künftigem, sondern nutze die Gegenwart, carpe diem!, wie Horaz (carmina I 11) empfiehlt. Das klingt auch in der Bergpredigt an: »Sorget nicht für den anderen Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe« (Mt. 6,34). Im ›Cherubinischen Wandersmann‹ heißt es:

»Blüh auf, gefrorener Christ, der Mai ist vor der Tür;Du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier.«

»Die Gegenwart ist die einzige Göttin, die ich anbete«, sagte Goethe in Karlsbad zu Friederike Brun, wie sie am 9. Juli 1795 notiert. Stimmen aus dem Orient unterstreichen diese Lehre. Omar der Zeltmacher († 1123), der die Jahreslänge berechnete, ruft auf zum Lebensgenuß mit Wein, Weib und Gesang, solange die Zeit »in diesem Wirtshaus« währt. Ob der weitere Weg in die ewige Nacht oder ins Paradies führt, läßt er offen. Rubai 138 lautet bei Friedrich Rosen:

»Was die Zukunft bringt, das frage nicht,Und die vergangne Zeit beklage nicht.Allein das Bargeld ›Gegenwart‹ hat Wert.Nach dem, was war und sein wird, frage nicht.«

Der hier praktisch gemeinte Präsentismus erscheint theoretisch gewendet in der These, daß die Historiker stets die Begriffe und Vorstellungen ihrer Gegenwart auf die Vergangenheit übertragen beziehungsweise aus der Vergangenheit nur das übernehmen, was für die Gegenwart interessant ist. Beides ist zu bedenken, aber nicht unbedingt bedenklich.

Augustinus (Confessiones XI 17 ff) radikalisierte das Problem Gegenwart. Er trennte Evidenz und Existenz und fragte: Wie kann die Gegenwart Zeit sein, wenn sie nur darin besteht, daß sie noch nicht existierende Zeit, nämlich Zukunft, in nicht mehr existierende Zeit, nämlich Vergangenheit, verwandelt? Zeit ist doch eine Art Ausdehnung, quaedam distentio, die Gegenwart aber hat keine Ausdehnung: praesens nullum habet spatium.

Hier hilft nur die vom Kirchenvater selbst erhobene Forderung nach sprachlicher Genauigkeit, proprie loqui. Daß künftige und vergangene Zeit nicht »ist«, besagt ja nur, daß sie nicht »gegenwärtig« ist. Kein Wunder. Nahsein ist kein Erfordernis für Dasein, sondern nur ein Hinweis auf Wosein. Anwesenheit oder Abwesenheit ist keine Frage von to be or not to be. Zeit ist eine notwendige Voraussetzung für Existierendes, darum kann man ihr selbst Existenz schlecht absprechen, sondern wird ihr eine solche in einer Art Präexistenz zuweisen.

Daß Vergangenes und Künftiges nur Vorstellungen seien, nur im Bewußtsein existieren, ist einzuräumen, aber ist nicht auch die Gegenwart nur eine Bewußtseinstatsache? Indes: Vorstellung ist nicht gleich Vorstellung. Wer das übersieht, der unterschlägt die Unterscheidung einerseits, daß Erinnertes real oder irreal sein kann, und andererseits, daß Erwartungen teils realistisch, teils unrealistisch sind. Augustinus konzediert dann aus Konzilianz den üblichen Sprachgebrauch, obschon man eigentlich nur von künftiger oder vergangener Gegenwart reden dürfte. Aber kann eine Linie aus Punkten bestehen? Und wessen Gegenwarten sollten das sein? Immerhin gibt es wenigstens drei: die Gegenwart des Kirchenvaters beim Diktat; die meine, während ich dies schreibe; und die Gegenwart, lieber Leser, während Sie dies lesen.

Die Frage, ob es die Zeit gibt, ist ebenso sinnschwach wie die Frage, ob es den Raum oder die Materie gibt. Die Semantik der Es-gibt-Sätze ist ein Potpourri. An der Realität von Zeit und Raum kann nur zweifeln, wer sich einen privaten Sinn von »Realität« erlaubt oder gar sich seiner eigenen Existenz nicht sicher ist. Weder das Ob noch das Was, sondern nur das Wie ist sinnvoll zu erörtern, so die Frage, wie die Zeit zu denken ist, absolut oder relativ. In der berühmten Kontroverse zwischen Newton und Leibniz10 hatten in gewisser Weise beide recht. Absolut ist die Zeit, wie Newton betonte, sofern sie universal und jeder einzelnen Bewegung übergeordnet ist, so daß man auf jede von ihnen verzichten kann, ohne die Zeit zu ändern. Relativ ist die Zeit, wie Leibniz befand, sofern sie ohne irgendeine Bewegung nicht denkbar ist und nur solange den Namen verdient, als sich etwas tut. Die Uhr auf meinem Schreibtisch mißt auch die Zeit im Backofen meiner Küche. Eine »leere Zeit« im strengen Sinn wäre nicht meßbar, nicht »teilbar« und somit keine Zeit. Da zeitlose Räume denkbar sind, ist die Universalität der absoluten Zeit nicht denknotwendig. Einsteins Relativitätstheorie lehrt, wie das Tempo der Zeit mit dem Tempo des Meßgeräts zusammenhängt. Aber das gilt nur für einen unausführbaren Vergleich fliegender Uhren und ändert nichts an der Unaufhaltsamkeit und der Unumkehrbarkeit der Zeit.

r. Aus der Bindung der Zeitwahrnehmung an die Gegenwart ergibt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität der Zeit. Als »objektiv« bezeichnen wir das sachlich Gegebene und als »subjektiv« die Form, in der wir es persönlich aufnehmen. Zunächst meinen wir, die Priorität gebühre den Objekten, denn sie sind da, bevor wir sie wahrnehmen. Dann aber erkennen wir, daß der Vorgang der Wahrnehmung die Fähigkeit zur Wahrnehmung voraussetzt. Daher gehört der Objektivität die zeitliche, der Subjektivität die logische Priorität. Die Frage, welcher unter den beiden Prioritäten wiederum die Priorität gebühre, ist unlösbar, denn sie bedingen einander. Man kann die Subjektivität in Selbstvergessenheit ausblenden, so wie man den Blick in den Spiegel verweigern kann. Doch damit halbiert man den Bereich der Erkenntnis und verschließt sich der Einsicht, daß objektiv nur heißen kann, was grundsätzlich subjektiv denkbar oder wahrnehmbar ist und an die begrifflichen Erkenntnisbedingungen gebunden bleibt. Zeit ist zwar unabhängig davon, daß sie tatsächlich festgestellt wird, nicht aber davon, daß sie feststellbar ist. Da dies ebenso für die Welt, ja für das Dasein überhaupt gilt, konnte es Angelus Silesius auf Gott anwenden und dichten:

Gott ist wahrhaftig nichts, und so er etwas ist,so ist er’s nur in mir, wie er mich ihm erkiest.

Zeit und Raum sind unverfügbare Voraussetzungen unserer Selbstwahrnehmung, so wie Denk- und Sprachvermögen für unsere Selbstreflexion erforderlich sind. Wenn wir uns selbst objektivieren, verschwinden wir deswegen als Subjekte nicht, sondern verdoppeln uns in Betrachtete und Betrachter. Als solche sind wir immer im Spiel, der Betrachter ist nicht hintergehbar. Unsere Subjektivität werden wir nicht los, nähern uns aber der Objektivität in der Form von Intersubjektivität auf dem Forum der Kommunikation.

Subjektivität und Objektivität berühren sich in der Gegenwart. Unser momentaner Bewußtseinsakt bietet uns die höchstmögliche Gewißheit. Wir können uns aus der Gegenwart nicht hinausdenken. Das vermochte nur Albert Einstein. Er erklärte wenige Wochen vor seinem Tod 1955 die Dreiteilung der Zeit für eine »hartnäckige Illusion«. Aber war nicht ebendies eine solche? Sub specie aeternitatis sieht, theologisch gesprochen, nur Gott die Zeit. Der Menschen eigene Gegenwärtigkeit macht das Subjektivste zum Objektivsten, die Extreme von Gegensätzen verschmelzen wie der fernste Westen mit dem fernsten Osten. Nicht nur die Erde ist rund. Unser Herzschlag ist der Herzschlag der Welt. Das Wort »Jetzt« gilt auch für den Sirius, auch dort gibt es den 24. November 2014, an dem ich dies schreibe. Anderenfalls wäre es unsinnig, darüber nachzudenken, wie der Sirius wohl heute aussieht im Vergleich zu seinem etwa acht Jahre alten Aussehen am südlichen Nachthimmel.

s. Objektiv ist die Zeit, die wir messen, denn dabei kommt im Prinzip jeder andere zum gleichen Ergebnis. Subjektiv ist die Zeit, die wir empfinden, denn das ist unsere Sache persönlich. Wir erfahren sie innerlich beim Denken und an unseren Körperfunktionen, äußerlich an Naturvorgängen und Ereignisfolgen. Sie werden in der Erinnerung teils bewußt, teils unbewußt mehr oder weniger gut abrufbar gespeichert. Wir erleben die Zeit als immer gegenwärtig, als unaufhaltsam, gerichtet und unumkehrbar. Wie das Auge den Raum erfaßt, so erlebt das Ohr die Zeit. Hören wir ein Musikstück oder einen Text oder lesen wir ihn mit dem inneren Ohr, so folgen die Eindrücke sukzessiv, nicht synchron. Die Teile des Raums stehen nebeneinander, die der Zeit stehen nacheinander im Verhältnis von früher oder später.

Für die Wahrnehmung von Zeitspannen unseres Alltagslebens besitzen wir einen Zeitsinn, eine Art innere Uhr, die uns Schätzwerte liefert. Wir unterscheiden längere und kürzere Zeiten, empfinden den Zeitverlauf mal als rascher, mal als langsamer. Dabei spielt unsere jeweilige Befindlichkeit und die Art des Geschehens eine erhebliche Rolle. Darüber belehrt Rosalinde ihren Orlando in Shakespeares ›As you like it‹ (III 2). Sie vergleicht die Zeit mit einem Pferd, das Schritt geht, trabt, galoppiert oder stehenbleibt, und exemplifiziert das an Situationen. Wir wissen: Ereignisreiche Zeiten vergehen schnell, ereignisarme langsam. Im Rückblick ist es umgekehrt. Eine Reisewoche im Tagebuch füllt viele Seiten, eine Alltagswoche vielleicht eine. Vergleichbares gilt für die Geschichte. Jacob Burckhardt (1868/1955, 157 ff) definierte die historischen Krisen als »beschleunigte Prozesse … Der Weltprozeß gerät plötzlich in furchtbare Schnelligkeit; Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen, scheinen in Monaten und Wochen wie flüchtige Phantome vorüberzugehen und damit erledigt zu sein.«

Ist in der Geschichte die Ereignisdichte ein Zeitindikator, so ist es beim Einzelnen die Lebenszeit. In der Jugend erscheinen die vor uns liegenden Jahre lang, im Alter kurz. Dieser Beschleunigungseffekt liegt vielleicht am veränderten Verhältnis eines Jahres zum Lebensalter. Für einen Zwanzigjährigen ist ein Jahr ein Zwanzigstel seines Lebens, für einen Achtzigjährigen nur ein Achtzigstel. So klagen wir, alt geworden, über die Kürze des Lebens und müssen uns von Seneca fragen lassen, ob wir nicht zu viel Zeit vergeudet haben. Darum geht es in seinem Dialog ›De brevitate vitae‹. Ein erfülltes Leben bemißt sich nicht nach Jahrzehnten. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Eine halbe Orange ist ebenso süß wie eine ganze.

Grund für Mißmut über den Zeitverlauf gibt es immer. Wenn Abwechslung herrscht, wenn vieles und Angenehmes passiert, erscheint er uns kurz. Die Zeit verfliegt. Das ist betrüblich. Zeiten, in denen Eintönigkeit herrscht, in denen nichts oder Unangenehmes geschieht, dehnen sich. Die Zeit stagniert. Auch das ist unerquicklich. Man verkürzt oder vertreibt sich die Zeit durch Gespräche. Comes facundus in via pro vehiculo est, heißt es bei Publilius Syrus. »Ein gesprächiger Begleiter ersetzt ein Fahrzeug.« Das bestätigen die Pilger nach Canterbury bei Geoffrey Chaucer 1478 und die Reisenden zur Messe nach Straßburg im Rollwagen bei Jörg Wickram 1555. Man erzählt sich was. Unzufriedenheit mit zeitlicher Kürze oder Länge müssen wir bewältigen. Dalís Pfannkuchenuhren von 1931 (s. Tafel 1) zeigen die Dehnbarkeit der Zeit. Wartenlassen demonstriert Macht. Als Mussolini dem Exzentriker d’Annunzio in dessen Villa am Gardasee seine Aufwartung machte, mußte er erst mal eine halbe Stunde im Vorzimmer des Vittoriale Platz nehmen. Das erfährt man vor Ort.

t. Den Zusammenhang zwischen Weltzeit und Lebenszeit demonstriert die Sanduhr (s. IV e). Die Zeit der Zukunft verrinnt und wird immer weniger; die Zeit der Vergangenheit wächst, wird mehr und mehr. Die Zukunft enthält eine schier unzählbare Menge an Möglichkeiten auf allen Gebieten, nicht nur des menschlichen Lebens. Jede einzelne, die sich in der Gegenwart verwirklicht und in Vergangenheit verwandelt, schließt viele andere aus. So wie von den Abermillionen von Samen, die allherbstlich auf die Erde fallen, nur die allerwenigsten aufgehen und zum Fruchten gelangen, so kann ich von den vielen Tätigkeiten, die mir zu Gebote stehen, immer nur eine ausüben. Die Wirklichkeit ist eine Insel im Ozean der Möglichkeiten, die uns die Phantasie zeigt. Die These, der einzige Beweis für die Möglichkeit eines Vorgangs sei seine Verwirklichung, ist lebensfremd. Denn zu sagen: »Es ist möglich, daß es heute abend regnet«, ist bei dunklem Himmel auch dann sinnvoll, wenn der Regen ausbleibt. Es handelt sich um eine empirisch erwiesene Möglichkeit, die keiner Realisierung bedarf, um als solche ernst genommen zu werden.

Die Frage bezüglich der Vergangenheit: »War das wirklich so?«, beantworten wir klipp und klar mit Ja oder Nein. Die Frage bezüglich der Zukunft: »Ist das möglich?«, sortieren wir hingegen vorsichtig abgestuft nach Maßgabe der Wahrscheinlichkeit. Zu sagen: »Es ist möglich, daß morgen die Sonne aufgeht«, ist nicht falsch, aber überflüssig. Denn das ist sicher. Ginge die Sonne nicht auf, gäbe es kein »morgen«. Die Kenntnis der Vergangenheit eröffnet uns begründete Erwartungen, deren Verläßlichkeit lebensnotwendig ist, indem sie Vorsorge ermöglichen. Prognosen können »todsicher« sein, soweit sie Naturvorgänge betreffen. Menschliches Planen hingegen enthält stets einen Unsicherheitsfaktor, ein Risiko, und steht damit unter der conditio Iacobea (Jak. 4,15): »So der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das tun.« Der Glaube an den Willen Gottes hinter allem Geschehen nimmt uns allerdings die Notwendigkeit der Entscheidung nicht ab. Die Freiheit, die sich uns irgendwie immer bietet, eröffnet uns Alternativen, und um dies bewußt zu halten, lohnt es, über ungeschehene Geschichte nachzudenken.

u. Entscheidungsfreiheit gilt Fatalisten als Illusion. Doch selbst der Spruch »Man kann nur das Notwendige tun oder gar nichts« eröffnet eine Alternative. Der Glaube an die Notwendigkeit alles Geschehens, an die lückenlose Determination des Späteren durch das Frühere oder des irdischen Geschehens durch höhere Mächte war und ist weit verbreitet. Prophetie und Astrologie, das Orakelwesen und überhaupt jegliche Form der Weissagung und des Schicksalsgedanken beruhen darauf. Die Heimarmene der stoischen Philosophen und die Prädestination bei den christlichen, das Kismet bei den islamischen Theologen bezeugen den Glauben an eine höhere Notwendigkeit alles Wirklichen. Dem folgten unter den neuzeitlichen Denkern Herder und Hegel, Marx und Schopenhauer. Praktische Bedeutung hat dieser Glaube nicht, denn wenn alles dem Willen des Weltgeists entspricht, gilt das wie für den Sünder so für den Richter und nicht zuletzt für das Gebot der Nächstenliebe.