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Beschreibung

Woher kommt bloß der ganze Sand am Strand? Wie viel Platz brauchen wir zum Leben? Warten Tiere gelassener als wir? Wächst man wirklich mit Aufgaben? Wie kann ich vermeiden, so zu werden wie meine Eltern? Und warum fangen Männer auf Partys später als Frauen an zu tanzen? Es gibt Fragen, die wir uns alle schon einmal gestellt haben, und obwohl sie so unscheinbar wirken, ist die Antwort darauf oft alles andere als leicht zu finden. Das »ZEIT WISSEN«-Magazin und der erfolgreiche »ZEIT WISSEN«-Podcast »Woher weißt du das?« haben es sich zur Aufgabe gemacht, genau solche vermeintlich banale, in Wirklichkeit jedoch zutiefst knifflige Fragen zu beantworten – und zwar so, dass es jeder versteht und man seinem Gegenüber ein erstauntes »Woher weißt du das?« entlocken kann.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2023

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ZEIT WISSEN

Woher weißt du das?

ZEIT WISSEN

Woher weißt du das?

Antworten, die man so nicht googeln kann

Fragen aus Wissenschaft, Alltag und Gesellschaft

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

Originalausgabe

1. Auflage 2023

© 2023 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Copyright © Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Alle Quellennachweise der Beiträge können unter folgender Adresse eingesehen werden: https://www.zeit.de/serie/quellennachweis-zeit-wissen

Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch

Umschlagabbildung: Lea Dohle

Infografiken im Innenteil: Mirko Merkel

Satz: Müjde Puzziferri, MP Medien, München

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7423-2310-1

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-2150-0

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2151-7

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Vorwort

Körper und Geist

Von Kopf bis Fuß

Familie, Partnerschaft und Freunde

Von Amor, Stammbäumen und Poesiealben

Beruf(ung) und Gesellschaft

Von menschlichen Chamäleons und dem perfekten Gruppenbild

Freizeit und Sport

Von überbehüteten Hunden und Karussell fahrenden Gehirnen

Wissenschaft, Technologie und Psychologie

Von kuschelnden Äffchen und dem Reiz der Ferne

Natur und die Welt

Von Abstand haltenden Bäumen und gechillten Kühen

Übersicht Podcast-Empfehlungen

Vorwort

Darf ich vorstellen: ZEIT WISSEN

Was interessiert Sie mehr? Ein neues Verfahren aus der Mikrobiologie zur Bestimmung genetischer Codes – oder die Frage: Wie wirke ich auf meine Kolleginnen im Job? Eine neue These der Astrophysiker für die Existenz der Dunklen Materie – oder die Frage: Wohin mit meinen dunklen Gefühlen und Gedanken? Die neue Einteilung der Artenvielfalt bei Ameisen – oder die Frage: Was kann der Mensch von Ameisen lernen beim Verhalten während einer Pandemie?

Liebe Leserin, lieber Leser, wer das Magazin ZEIT WISSEN nicht kennt, könnte vermuten, es handle sich bei den Themen und Texten um klassischen Wissenschaftsjournalismus. Aber das stimmt nicht. Klassischer Wissenschaftsjournalismus zieht seine Themen aus der Wissenschaft, wie eben skizziert: Was gibt es Neues in der KI-Forschung, der Plasmaphysik, der Virologie? Die Themen in ZEIT WISSEN kommen nicht aus der Wissenschaft, nicht aus den Laboren und Teilchenbeschleunigern – sondern aus dem alltäglichen Leben, also aus unseren Wohnzimmern, Büros, Fitnessstudios, Kreuzfahrtschiffen und Krankenhäusern. Unsere ZEIT WISSEN-Geschichten lauern auf Geburtstagsfeiern, in Kita-Katastrophen und Ehekrisen. Ständig entstehen dort neue Fragen und die Sehnsucht nach Antworten, die einem weiterhelfen. Für die Antworten machen wir uns dann auf den Weg in die Wissenschaft, aber nicht nur dorthin. Wissen hat ja keinen festen Wohnsitz, es ist nicht nur in Universitätshörsälen zu Hause und in den Gehirnen von Professorinnen und Professoren, nicht nur in Bibliotheken und Datenbanken. Wissen ist überall zu Hause, jeder Mensch kann mit eigenen Erfahrungen auf dem einen oder anderen Gebiet zu Erkenntnissen beitragen.

Wer versteht mehr von Holz? Ein Dendrologe, der die Lehre von Bäumen und Gehölzen studiert hat – oder ein Schreiner, der 30 Jahre lang Schränke und Tische zimmert? Nicht zu entscheiden, diese Frage, finde ich. Und man kann durchaus noch Möbeldesignerinnen, Feuerwehrfrauen, Bootsbauer oder Holzschnitzerinnen dazunehmen, auch die wissen viel über Holz, wenn auch vielleicht jeweils andere Dinge. Wer also die Beziehungsgeschichte Mensch und Holz aufschreiben möchte – eine Liebesgeschichte, keine Frage –, der sollte möglichst mit allen reden.

Dann kann er für ZEIT WISSEN die Frage beantworten: Welches Holz passt zu welchem Menschen? Die Antwort werden Sie dann nicht so einfach googeln können.

Wissen ist nicht googeln. Und: Bei ZEIT WISSEN ist Wissen auch nicht Macht. Wir wollen keine Besserwisser sein, wir kommunizieren mit unseren Leserinnen und Lesern auf Augenhöhe. Einige der Fragen in diesem Buch stammen aus Leserzuschriften. Unsere Aufgabe ist es dann, loszuziehen, um nach Antworten zu suchen. Meistens sind es mehrere, selten ist es nur eine. Oft sind Überraschungen dabei, mit denen man nicht rechnen konnte. Was wir immer versuchen: Sie mit den Texten zu bereichern, und wenn es nur ein kleiner Aspekt einer Antwort ist, der für einen guten Small Talk auf einer Party taugt. Manchmal ist es ein Perspektivwechsel, der den Blick auf das eigene Leben oder die Umwelt verändert, ein neues Licht auf Altbekanntes wirft.

Die Marke ZEIT verpflichtet uns zu kritischem, verlässlichem Journalismus. Auch zu aktuellem Journalismus. Aber ZEIT WISSEN erscheint nur alle zwei Monate. Für Berichte über aktuelle Geschehnisse ist das zu selten. Wir müssen Aktualität anders interpretieren, eher zum Wesen der Geschehnisse vordringen, zu ihrer Auswirkung auf den Alltag, auf unsere Gefühle, unsere Entscheidungen: Die Weltlage – was bedeutet sie für mich? Wie verändert sie mein Leben? Meine Beziehungen? Mich selbst? Was kann ich tun, um die Welt zu verbessern? Wie kann ich trotz schlechter Nachrichten meine Freude am Leben erhalten? »Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden«, sagte der Philosoph Søren Kierkegaard. ZEIT WISSEN versucht durch rückwärtiges Verstehen das Vorwärtsleben zu begleiten.

Der Mensch wurde in ein großartiges Theater hineingeboren, von der Spiralgalaxie bis zum Marienkäfer. Die Berge, das Meer, der Crêpe Suzette, die Liebe, die Brennnessel, Beethovens Fünfte, der Wind in Baumkronen ...

Und der Mensch kann durch die Kraft seines Verstandes und seiner Gefühle vieles erreichen.

Bisschen große Worte für ein kleines Büchlein?

Mag sein.

Jedenfalls nimmt Sie dieses Büchlein ein Stück weit mit in die Welt von ZEIT WISSEN. Wir würden uns freuen, wenn es ihm gelingt, Sie auf gute Gedanken zu bringen. Oder auf neue Fragen zu Ihrem Leben. Schreiben Sie uns gerne. Wir freuen uns darüber. Wer weiß: Vielleicht wird ja eine Geschichte daraus.

Andreas Lebert

Chefredakteur ZEIT WISSEN

Von Kopf bis Fuß

Haben Frisuren versteckte Botschaften?

Stephanie Alvarez

In den Sechzigerjahren standen Hippiemähnen für neue Lebensformen, dann der Irokese für »No Future«. Manchmal sind Frisuren aber nicht so leicht zu lesen.

Als der Tyrann von Milet im Gefängnis des persischen Königs saß, plante er einen Aufstand, den sein Schwiegersohn Aristagoras anführen sollte. Um diesem das verdeckt mitzuteilen, schor er seinem treuesten Sklaven den Kopf und tätowierte darauf: »Es ist Zeit für eine Revolte gegen die Perser.« Nachdem die Haare nachgewachsen waren, schickte er den Sklaven nach Milet, wo Aristagoras ihm die Haare wieder schor und die Botschaft las. Das war ungefähr im Jahr 500 vor Christus. Der Ionische Aufstand, den Aristagoras daraufhin entfachte, ging in die Geschichte des antiken Griechenland ein. Haar ist von jeher und bis heute nicht nur ein gutes Versteck für Botschaften, es ist selbst auch Ausdrucksmittel und oft politisches Protestsymbol.

Als zum Beispiel die Sklavenschiffe im 18. Jahrhundert geraubte Menschen in die Neue Welt brachten, trugen viele Westafrikaner verdeckte Botschaften in ihren Haaren – etwa Hinweise darauf, woher sie stammten, oder in Amerika dann Fluchtwege für Neuankömmlinge. Hierzulande galt in den Siebzigern kurzes Haar bei Frauen als Zeichen gegen klassische Schönheitsvorstellungen und gegen das Patriarchat, ebenso lange Haare bei Männern. »Das Haar zu benutzen, um Widerstand auszudrücken, ist keine neue Idee«, sagt Kristin Riedelsberger. Die Ethnologin forscht an der Universität Kiel über Körper- und Schönheitsvorstellungen. Bereits das Bildungsbürgertum im 18. Jahrhundert rebellierte mit seinen Frisuren gegen die Aristokratie. Der ausufernden Mode und den gepuderten Perücken stellte das Bürgertum sein schlichtes Haar und eine »natürliche« und »tugendhafte« Schönheitspraxis entgegen. »Den künstlichen Tand des Adels erklärte es zum Zeichen für Unzurechnungsfähigkeit«, sagt Riedelsberger.

Vom jeweils vorherrschenden Schönheitsideal abzuweichen bedeutet allerdings nicht immer, dass man eine Botschaft hat. Manchmal bedeutet eine Frisur auch einfach gar nichts. »Welche Botschaften wir lesen, hängt stark von unserem kulturellen Kontext ab«, sagt die Historikerin und Anthropologin Hlonipha Mokoena von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. »Eine westliche Frau, die sich die Haare abrasiert, gilt als rebellisch. In vielen afrikanischen Kulturen ist es das Normalste auf der Welt, wenn Frauen sich die Haare abrasieren.« Ebenso wie dicht am Kopf geflochtene Zöpfe oder der sogenannte Afro: Für einen großen Teil der Weltbevölkerung sind dies ganz normale Frisuren ohne Aussage beziehungsweise ist es die traditionelle Form, die Haare zu tragen. Im Internet finden sich dennoch unzählige Berichte von Schwarzen, die etwa in den USA wegen ihrer Zöpfe diskriminiert werden. In Schulen, bei Vorstellungsgesprächen oder im Job werde ihnen immer wieder von Weißen mitgeteilt, ihre Frisuren wirkten nicht professionell genug, ungepflegt oder zu urban. Berufliche Konsequenzen inklusive. Der Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien reagierte darauf und unterzeichnete im Juli 2019 ein Gesetz gegen Diskriminierung von Menschen mit natürlichem Haar, den CROWN Act (Create a Respectful and Open Workplace for Natural Hair), mehrere Bundesstaaten folgten. Vor diesem Hintergrund sind auch die zum Teil sehr empfindlichen Reaktionen der Black Community zu verstehen, wenn Prominente wie Kim Kardashian oder ihre Schwester Kylie Jenner öffentlich mit fein geflochtenen Zöpfchen auftreten und ihre Produkte vermarkten. Es erscheint wie blanker Hohn, wenn ausgerechnet weiße Frauen mit sehr viel Geld diese Frisuren als das tragen können, was sie sind: Frisuren. Ohne große Botschaft.

Werden wir ein Back-up vom Gehirn machen können?

Andrea Böhnke

Der Traum vom ewigen Leben hat Forscher schon immer zu großen Erfolgen getrieben. Eine Kopie des Geistes interessiert aber auch Unternehmer.

Der salzige Duft von Meer und Sand. Das blendend helle Licht. Der alte Mann am Kai. Erinnerungen wie diese sind in den Verbindungen zwischen den Gehirnzellen gespeichert. Dort schlummern sie, bereit zum Wachrufen. Bis wir sterben. Wenige Minuten nachdem das Herz aufhört zu schlagen, ist das Hirn tot. Das EEG zeigt keine gezackte Kurve mehr, sondern eine gerade Linie. Die Erinnerungen an den Tag am Meer: weg. Es gibt Forscher, die daran arbeiten, das zu ändern. Jede Erfahrung, jeden Gedanken, alles, was den Menschen ausmacht, wollen sie speichern – über den Tod hinaus.

Auch Stephen Hawking hat das Gehirn einmal mit einem Computerprogramm verglichen, das sich kopieren lasse. Allerdings glaubte er nicht, dass das dem Menschen gelingen wird. Ein Leben nach dem Tod? Für den Physiker ein Märchen.

Das US-Start-up Nectome will nun das Gegenteil beweisen. Die zwei Gründer, Absolventen des renommierten Massachusetts Institute of Technology, arbeiten an einem Verfahren, Gehirne zu konservieren – und zwar so, dass das sogenannte Konnektom erhalten bleibt. Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Nervenverbindungen – und somit den Schlüssel zur Erinnerung. Die Konservierungsmethode der Forscher: Sie pumpen Chemikalien ins Gehirn, um Nervenzellen und Synapsen zu fixieren und diese vor Frost zu schützen. Dann frieren sie das Organ bei minus 135 Grad Celsius ein. Getestet haben sie das an einem Kaninchen unter Vollnarkose, das Ergebnis beschreiben sie als »festes Glas ohne Kristalle«. Das Unternehmen warb anschließend damit, ein Back-up des menschlichen Verstands erstellen zu können. Für 10 000 Dollar durften Interessierte sich auf eine Warteliste setzen lassen, etwa 20 sollen das getan haben. Doch abgesehen davon, dass dieses Verfahren als unethisch kritisiert wurde, weil das zu konservierende Gehirn zunächst noch leben muss, ermöglicht es auch noch lange kein Back-up. Das Original wird lediglich auf Eis gelegt – so als baute man die Festplatte eines Computers aus und fröre sie ein. Für ein Back-up aber bräuchten die Forscher ein zweites, identisches Gehirn: 86 Milliarden Nervenzellen, jede von ihnen verknüpft mit Tausenden anderen. Diese Mikroarchitektur des Gewebes nachzubauen ist unmöglich.

Wahrscheinlicher ist da eine Lösung auf Ebene der Software, also die Daten auszulesen, die im Hirn gespeichert sind. Mit bewussten Gedanken gelingt das bereits zum Teil. Liegt jemand im Kernspintomografen und erinnert sich aktiv an den Tag am Meer, ist zumindest etwas von dieser Aktivität auf dem Bildschirm zu sehen. Doch all die unbewussten Gefühle, Gedanken, Erinnerungen: Sie sind weder fass- noch lesbar. Und selbst wenn das irgendwann gelänge, worauf sollte der Geist überspielt werden, um das Back-up später zu reaktivieren? Schließlich genügt es nicht, einen Schaltplan zu besitzen. Es muss auch Strom fließen. Erinnerungen sind unbrauchbar, solange sich niemand aktiv erinnert. Und wenn irgendwann ein Supercomputer all diese Prozesse simulieren könnte? Würde er sich an den Duft des Meeres und den alten Mann erinnern? Nein, sagen Forscher und nennen es »the hard problem of consciousness«. Mit wissenschaftlichen Methoden lasse sich das, was wir Bewusstsein nennen, niemals erfassen. Transhumanisten wie Ray Kurzweil glauben, dieses Problem umgehen zu können, und stellen sich Tausende Nanoroboter vor, die durch unsere Blutbahnen schwirren und regelmäßig Back-ups machen. Aber Nanoroboter sind derzeit vor allem ein Produkt der, nun ja, Fantasie. Nicht andersrum.

Woher weiß mein Gehirn, dass etwas fehlt?

Filipa Lessing

Eben war der Teddybär noch zu sehen, dann verdeckt ein Vorhang das Kuscheltier. Ist der Teddy weg? Kleinkinder unter vier Monaten scheitern an dieser Aufgabe. Sie haben noch keine »Objektpermanenz«: Nehmen sie ein Objekt nicht mehr wahr, denken sie, es existiert nicht mehr. Doch auch die Wissenschaft hat Schwierigkeiten mit der Beschreibung von Abwesenheit. Der Stand der Forschung lässt sich grob in drei Positionen einteilen: die sinnliche, die metakognitive und die kognitive Erklärung.

Die Philosophin Anna Farennikova vertritt den »sinnlichen Ansatz«. Sie geht davon aus, dass wir fehlende Dinge wirklich sehen können. Zum Beispiel den Schlüssel, den man morgens vermisst. Demnach erzeugt das Gehirn ein Bild des Schlüssels im Arbeitsgedächtnis, wenn wir danach suchen. Eine Art Schablone, die wir mit den Sinneseindrücken abgleichen. Dagegen spricht allerdings, dass es das Gehirn Energie kostet, Abwesenheit zweifelsfrei festzustellen, wie eine kürzlich erschienene Studie zeigt. Über einen fehlenden Gegenstand grübeln wir nach, einen vorhandenen Gegenstand hingegen nehmen wir einfach wahr. Abwesenheit braucht mehr Gehirnleistung als Anwesenheit.

Die Kognitionspsychologen Jean-Rémy Martin und Jérôme Dokic setzen dagegen auf den »metakognitiven Ansatz«. Dieser Theorie zufolge wissen wir, dass etwas fehlt, weil wir ein Gefühl der Überraschung erleben. Betreten wir etwa einen Raum, in dem wir einen Freund erwarten, wissen wir, dass er nicht dort ist, weil wir von seiner Nichtanwesenheit überrascht sind. Grundlage der Überraschung sind also Glaubensvorstellungen über die Welt. Für diesen Ansatz sprechen neuere Studien zur Objektpermanenz. Ihnen zufolge speichert das Gehirn von Kleinkindern zwar noch kein inneres Bild des Kuscheltiers, aber eine Erwartung daran. »Auch Erwachsenen liefern ihre Sinne nur ein ungenaues Bild von der Welt«, sagt der Neurowissenschaftler Chris Frith, »also versucht unser Gehirn ständig, Voraussagen darüber zu treffen, was der wahrscheinlichste Grund für das eintreffende Signal sein könnte.« Bleibt das Erwartete aus, signalisiert das Gehirn einen Vorhersagefehler und korrigiert die Vorhersage. Doch auch dieser Ansatz hat einen Haken. Wird uns etwa beim Zahnarzt ein Zahn gezogen, wissen wir zwar (schon wegen der Schmerzen), dass der Zahn fehlt, sind aber nicht davon überrascht. Im Gegenteil: Wahrhaft überraschend wäre, wenn der Zahn doch nicht fehlen würde. Das Gehirn weiß also auch ohne Überraschungseffekt, dass etwas fehlt.

Dieses Dilemma will die Philosophin Laura Gow mit dem »kognitiven Ansatz« lösen: Zusätzlich zu den Glaubensvorstellungen, von deren Nichteintreten wir überrascht sind, haben wir intellektuelle Vorstellungen von der Welt. Gow nennt sie »intellectual seemings« – Scheinbilder. Beim Zahnarzt würden sich diese aus Tastwahrnehmungen speisen: »Hier sollte ein Zahn sein.« Ein anderes Beispiel: Lässt ein Magier unsere Armbanduhr verschwinden, wissen wir zwar, dass alles nur ein Trick ist (Glaubensvorstellung), nehmen aber trotzdem die Abwesenheit der Uhr wahr (Scheinbild). »Man hat im Prinzip eine Repräsentation davon, wie die Umwelt aussehen sollte, im Kopf«, sagt der Kognitionspsychologe Christian Doeller, dessen Forschung sich mit dem Aufbau des Gehirns befasst. »Jegliche Abweichung, die detektiert wird, ist der Vergleich zwischen dem, was ich intern repräsentiere, und dem, was reinkommt.« Welcher der drei Ansätze ist richtig? Eine endgültige Erklärung von Abwesenheit, nun ja, fehlt noch.

Was passiert im Gehirn, wenn jemandem ein Licht aufgeht?

Marie Brand

Um zu verstehen, wie das Gehirn eines Genies aussieht, wählte Thomas Harvey eine naheliegende Methode. Der Mann war Pathologe und obduzierte nach Albert Einsteins Tod dessen Leichnam. Heimlich konservierte er Einsteins Gehirn und schnitt es in Scheibchen. Einige Präparate verschickte er an Hirnspezialisten. Die waren ernüchtert: Einsteins Hirn war unspektakulär. Netter Versuch.

Heute verfügt die Wissenschaft über bessere Methoden, Eingebungen auf die Spur zu kommen. Sie muss keine Gehirne mehr klauen, sondern legt Probanden in einen Magnetresonanztomografen. Und stellt ihnen Knobelaufgaben. »Wenige Millisekunden vor einem Aha-Erlebnis kehrt Ruhe im Gehirn ein«, sagt der Hirnforscher Surjo Soekadar von der Charité in Berlin, »dann werden die Alphawellen im Scheitellappen aktiv, und die rechte Hemisphäre reagiert. Das untere Vorderhirn leuchtet auf.« In dieser Region liegt der Nucleus accumbens. Er reguliert unser Belohnungssystem. Als Reaktion schüttet der Körper den Botenstoff Dopamin aus. Der Mensch wird von Glücksgefühlen durchflutet. Werden besonders komplexe Probleme gelöst, kann die Reaktion des Körpers einem Rauschzustand ähneln und sogar süchtig machen. Ob Albert Einstein ein Heureka-Junkie war, darüber lässt sich spekulieren.

Sicher ist: Auch wir Normalos können im Alltag unsere Chance auf Geistesblitze erhöhen. »Wer ausgeruht ist, hat häufiger plötzliche Eingebungen«, sagt Surjo Soekadar. »Während einer entspannten Dusche hat das Gehirn mehr Ressourcen, um Lösungen zu finden. Der Trick ist, die Gedanken schweifen zu lassen.«

Vielleicht kann man dabei sogar ein bisschen nachhelfen. Das versucht jedenfalls die Neuroradiologin Giulia Sprugnoli von der Universität Siena. Mit ihrem Forschungsteam ist es ihr gelungen, Aha-Momente im Gehirn gezielt auszulösen. »Geistesblitze finden in unserem Unterbewusstsein statt«, sagt sie, »das merken wir nicht.« Um sie dennoch hervorzukitzeln, machen Freiwillige in ihrem Labor den Wortassoziationstest: Sie bekommen drei Begriffe vorgegeben und müssen einen passenden vierten Begriff erraten. Beispiel: Manieren, Runder, Tennis. Das gesuchte Wort ist Tisch. In einigen der Versuche wird die Kopfhaut der Probanden mit einem leichten Wechselstrom stimuliert. »Die Neuronen im Gehirn kommunizieren über elektrischen Strom«, sagt Sprugnoli. »Ein wenig Elektrizität kann helfen, die Hirnregionen anzuregen.« Mit Elektrostimulation schnitten die Probanden im Test 20 Prozent besser ab als ohne.

Werden wir bald mit Elektrokappen ins Büro gehen, um kreativer zu sein? Tatsächlich erwähnt das Forschungsteam in seiner Studie derartige Ideen, aber die sind Science-Fiction. Es gebe noch keine Langzeitstudien, um Risiken auszuschließen, sagt Giulia Sprugnoli. Die Experimente dienen der Grundlagenforschung. Dann doch lieber ausgiebig duschen.

Die QR-Codes in diesem Buch führen zu weiteren spannenden Themen des ZEIT WISSEN-Podcasts» Woher weißt du das?«

Auch interessant: »Kindheitserin-nerungen: Wie weit können wir zurückreisen?«

Geordnete Verhältnisse: Lächeln

Warum muss der Hintern für so viel herhalten?

Silke Weber

Die Arschkarte ziehen, am Arsch der Welt leben, den Arsch offen haben oder einem geht der Arsch auf Grundeis – der Arsch, Popo oder Hintern muss sprichwörtlich für so einiges herhalten. Schon in der alten Sprichwörtersammlung von Martin Luther finden sich »Hummeln im Arsch«, um jemanden zu beschreiben, der unmöglich ruhig sitzen kann und immer tätig ist.

»Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde häufig und ganz normal über die Verdauung und den Arsch gesprochen«, sagt der Sprachexperte Rolf-Bernhard Essig, der in einem Buch Redensarten über den Körper versammelt hat. Goethe oder Schiller etwa hätten das Wort Arsch regelmäßig in ihren Briefen benutzt. Es sei ein geläufiges deutsches Wort, kein Schimpfwort gewesen.

Erst im 19. Jahrhundert, als das Bürgertum versuchte, die Etikette des Adels nachzuahmen, wurde der Arsch tabuisiert und zunehmend durch das Hinterteil oder – verkürzt – den Hintern ersetzt; populär wurde der lateinische podex, auch in seiner Kurzform Po sowie der aus der Kindersprache kommenden Verdoppelung zu Popo. Womit wir bei den vier Buchstaben angelangt wären, die extrem verhüllend von dem anscheinend Unsagbaren sprechen, so Rolf-Bernhard Essig.

In der deutschen Sprache sei die Nähe zum Analen größer als anderswo, schreibt der Linguist Hans-Martin Gauger in Das Feuchte und das Schmutzige: Kleine Linguistik der vulgären Sprache. Wenn die Deutschen schimpften, beleidigten, fluchten oder vulgär würden, verwendeten sie Ausdrücke, die sich auf Exkrementelles oder den Hintern beziehen, während die Nachbarsprachen zu diesem Zweck fast immer ins Sexuelle gingen. Eine eindeutige Erklärung dafür hat Gauger aber nicht. Am sogenannten analen Charakter der Deutschen wird es wohl nicht liegen. Obwohl man angesichts der Klopapierhamsterei zu Beginn der Coronapandemie auf die Idee hätte kommen können.

Sigmund Freud machte sich 1908 in dem Text Charakter und Analerotik als Erster Gedanken über den Zusammenhang zwischen Sauberkeitserziehung und Persönlichkeitsentwicklung. Das Kind lerne, dass die analen Freuden – wie Freud es formuliert – »für sexuelle Zwecke unverwendbar« seien, also verpönt. Durch das Verbot kehrt das Kind seine Lust gewissermaßen um und wird ordentlich, sparsam und eigensinnig – die moderne Psychoanalyse hält Freuds Theorien jedoch für weitgehend überholt.

Der Neurolinguist Horst M. Müller findet den Arsch als Schimpfwort der geringen Nebenwirkungen wegen gut. Es erfülle seinen Zweck, ohne misogyn, sexistisch oder rassistisch zu sein. Der Arsch ist zum Beispiel im Gegensatz zum Hurensohn moralisch nicht zu kritisieren. »Es ist ein drastisches Schimpfwort mit enormer Wirkung.« Der Hintern sei etwas Besonderes, weil er einerseits zum Koten da sei, andererseits aber auch Objekt der sexuellen Begierde. »Schon die Römer oder Griechen der Antike verehrten die Liebesgöttin als die Prachthintrige«, sagt der Sprachexperte Essig. Dank ihres Superpos hat es auch Kim Kardashian zum Superstar geschafft, und das ehemalige Supermodel Heidi Klum zeigte vor einiger Zeit ein Foto ihres nackten Hinterns auf Instagram. Dort folgen Millionen von pobegeisterten Followern den rundesten Hintern. Der Po nimmt viel auf sich, das Ästhetische wie das Vulgäre, das Schöne wie das Hässliche. Er kann anziehend und abstoßend wirken. Wenn jemand blankzieht, ist das auf einen Aberglauben zurückzuführen – nämlich auf die angeblich fluchabwehrende Wirkung des Gesäßes. Eine ähnlich vehemente Abwehr steckt auch heute noch in dem derben »Leck mich am Arsch«.

»Du bist, wie du gehst«

Manche Menschen bringen wenig Gewicht auf die Waage, bewegen sich aber wie Elefanten. Andere sind schwer und behäbig, wieseln aber leichtfüßig durch die Welt. Welche Einflüsse unser Gangmuster prägen, werden in dieser Podcast-Folge von Expertinnen und Experten erklärt.

Hier geht es zur Podcast-Folge:

Geordnete Verhältnisse: Füße

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Alles eine Frage der Haltung?

Antonia Dittrich

Die Schauspielstudenten stehen sich gegenüber und beobachten einander. Einer hält unbewusst den Kopf etwas schief, eine zieht die Schultern nach vorn. Die anderen sollen es nachahmen. Mit dieser Übung beginnt Martin Gruber seine Kurse. Er ist Professor für Bewegung an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Er sagt: »Ideal wäre ein Körper, der balanciert ist und frei von angehäuften Mustern, die mit den Situationen, in denen man als Figur steckt, nichts zu tun haben.« Die Schauspieler sollen ihr Spiel mit einer gelösten Körperhaltung beginnen.

Das gilt nicht nur fürs Theater. Alles, was wir neu lernen, beginnt mit der richtigen Haltung: Kein Surfer springt direkt aufs Brett, alle trainieren die richtige Körperhaltung am Strand. Beim Tennis müssen erst die Füße richtig stehen, dann kommt der Griff dran. Angehende Cellisten üben, wie man gerade sitzt und den Bogen hält.

Im Stehen folgt die ideale Körperhaltung den senkrechten und waagerechten Linien in Bezug auf die Schwerkraft. Ohr, Schulter, Hüfte und Sprunggelenk sollten eine Gerade bilden. Schon kleine Abweichungen haben Folgen: Wer das Becken zu weit nach vorn schiebt, muss, um nicht umzufallen, die Bauchmuskeln stärker anspannen. Straffe Bauchmuskeln jedoch verhindern eine tiefe Zwerchfellatmung, und dadurch kommt weniger Sauerstoff in die Lunge. Auf Dauer ist das ungesund.