Zeitblick - Markus Michael - E-Book

Zeitblick E-Book

Markus Michael

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Beschreibung

Zeitblick ist ein Roman mit vielen Dimensionen. Wie viele Debütromane ist er stark autobiografisch geprägt, wird aber mit der Dimension von Zeitreisen ergänzt. Dadurch begegnet der Protagonist mit Persönlichkeiten wie Germaine de Staël und George Sand in Frankreich sowie Prinz Sihanouk, Pol Pot und Jackie Kennedy in Kambodscha. Er erlebt auch historische Ereignisse wie die Flucht des portugiesischen Königs João VI. vor Napoleon nach Rio de Janeiro, die Hinrichtung Kaiser Maximilians I. von Mexiko, die Balkankriege als Vorboten des Ersten Weltkriegs und 1968 die Mai-Unruhen in Paris. Eindrückliche Reiseberichte entführen den Leser nach Wien in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg und beleuchten die Realität der Drogengewalt in Rio de Janeiro.

Ist Zeitblick magischer Realismus? Wenn wir Zeitreisen als eine Form der Magie betrachten, dann ja, obwohl das Buch fest in der jeweiligen Realität verankert ist. Zugleich ist er ein Bildungsroman, der den Weg des Protagonisten von der späten Jugend zum Erwachsenen beschreibt.

Der Autor schildert erfrischend offen die Sexualität von der Sorte „Junge mag Junge“ als einen grundlegenden Teil der menschlichen Erfahrung. Und am Ende der Geschichte wartet ein überraschender Kriminalfall. Die Erzählung bietet eine gehörige Portion Metaliteratur, indem es Figuren aus Michaels früherem Werk - Magnolia in Zürich: Eine ungewöhnliche Reise durch unsere Geschichte - wieder aufleben lässt; vor allem aber ist sie eine Hommage an Virginia Woolfs Orlando.

Markus Michael bildete sich in der Schweiz zum Arzt aus. Anstatt sich jedoch in einer Praxis um einzelne Patienten zu kümmern, verbrachte er sein gesamtes Berufsleben in Ländern, die sich im Krieg befanden, leitete dort humanitäre Hilfe und befasste sich inmitten des Chaos mit Gesundheitspolitik. Die Beobachtung - und das Erleben - von Geschichte im Entstehen hat seine lebenslange Leidenschaft für die Erforschung der Entstehung der Gegenwart genährt. Kürzlich hat er ein Buch über Geschichte veröffentlicht: Magnolia in Zürich - Eine ungewöhnliche Reise durch unsere Geschichte.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Markus Michael

 

 

 

Zeitblick

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2025 Europa Buch | Berlin

www.europabuch.com | [email protected]

 

ISBN 9791257030957

Erstausgabe: Juli 2025

 

Aus dem Englischen (Foresight) adaptiert vom Autor

Gedruckt für Italien von Rotomail Italia

Finito di stampare presso Rotomail Italia S.p.A. - Vignate (MI)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeitblick

Dank

 

Ich bedanke mich bei João Lucas Michael für Rückenstärkung, meinem Bruder Adrian Michael für die Auswahl der Illustrationen sowie dem Voorus-Team in Brasilien für die Erstellung der Farb-Portraits und des Buchumschlages.

Prolog

 

 

πολλῶν δ' ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω

 

„Er sah die Städte vieler Menschen und lernte ihre Gesinnung kennen“

 

Einer der einleitenden Hexameter aus Homers Odyssee

 

 

Alexej Nikolajewitsch war erst dreizehn Jahre alt, als er ermordet wurde. Der letzte Zarewitsch von Russlands Romanow-Dynastie war das jüngste Kind und der einzige Sohn von Zar Nikolaus II. und Zarin Alexandra Fjodorowna. Während das russische Reich unaufhaltsam dem Abgrund entgegentrieb, versuchte das Königspaar, den Schein eines bürgerlichen Familienidylls aufrechtzuerhalten und darzustellen. Der hübsche, stolze und verwöhnte Alexej litt darunter, dass ihm die Teilnahme an körperlichen Aktivitäten mit anderen Jungen untersagt war. Schon das geringste Trauma konnte aufgrund seiner Krankheit unerträgliche Gelenkschmerzen oder Schwellungen hervorrufen. Viele zweifelten daher daran, dass er jemals das Erwachsenenalter erreichen würde.

 

Da trat der Bauernmönch Rasputin auf den Plan, dem Alexejs Eltern ihre gesamte Hoffnung auf Heilung anvertrauten. Besonders Alexandra verfiel seinem Einfluss derart, dass ihre Abhängigkeit von ihm zu einer Staatsaffäre wurde. Schließlich schloss sich eine Gruppe von Adligen zu einer Verschwörung zusammen, um Rasputin zu töten. Sie setzten dabei zuerst Gift und dann Schusswaffen ein, bevor sie es schließlich schafften, seinen leblosen Körper in die eisige Newa zu werfen. Während der Februarrevolution 1917 wurde die kaiserliche Familie inhaftiert. Am 17. Juli des darauffolgenden Jahres ermordete die Geheimpolizei auf Befehl der bolschewistischen Führung alle verbliebenen Romanows im Keller des ihnen zugewiesenen Hauses in Jekaterinburg.

 

 

Abbildung I.1. Zarenfamilie Romanow, 1913

 

Einleitung

 

Letztes Jahr habe ich mein erstes Buch veröffentlicht – über Geschichte, die es nie gegeben hat, oder zumindest nicht so, wie sie üblicherweise erzählt wird: Magnolia in Zürich - Eine ungewöhnliche Reise durch unsere Geschichte. Wie zu erwarten war, fand das Buch beim breiten Publikum nicht viel Resonanz, wenngleich einige Geschichtsinteressierte es zu schätzen wussten. Eine Literaturagentin beschrieb es sogar als „wunderbar spielerisch und gelehrt“.

 

Doch das Buch hatte einen unerwarteten Nebeneffekt – welchen sie gerade jetzt vor sich sehen. Eines Tages erhielt ich zu Hause in São Paulo ein mysteriöses Paket, geliefert von einem Motoboy, einem jener zahllosen jungen Männer, die sich täglich todesmutig durch das Chaos des Verkehrs kämpfen, um Sendungen auszuliefern. In dem Paket befanden sich vier Bücher: zwei mit gebundenen, maschinengeschriebenen Seiten, zwei mit handgeschriebenen Seiten sowie ein USB-Stick, auf dem sich ein weiteres Buch befand – oder besser gesagt, ein Kapitel davon. Auf einem beiliegenden A4-Blatt stand eine kurze Notiz:

 

 

„Lieber Dr. Michael, 

Ich habe Ihr Buch mit seiner, wie ich sagen muss, recht eigenwilligen Interpretation der Geschichte sehr genossen. Es hat mich inspiriert, Ihnen eine weitere Kuriosität anzuvertrauen – etwas, das Sie möglicherweise veröffentlichen möchten, falls es Ihnen lohnenswert erscheint. Ich habe jetzt eine Zukunft vor mir und es fühlt sich richtig an, mich von einem großen Teil meiner Vergangenheit zu trennen. Viel Spaß beim Lesen! 

(gez.) 'Itchele'“

 

Hier ist der Bericht, den ich Zeitblick nenne, größtenteils nach bestem Wissen und Gewissen aus dem Französischen, Spanischen und Portugiesischen übersetzt. Ich habe bewusst darauf verzichtet, Kommentare oder Fußnoten hinzuzufügen. Dennoch habe ich mir erlaubt, einige Illustrationen beizufügen, um die Erzählung noch lebendiger zu gestalten. Möge sie Ihnen ebenso viel Freude und Staunen bereiten, wie sie es bei mir getan hat.

 

 

Abbildung I.2. Seite von Manuskript von 1913

 

Kapitel 1 - Pflastersteine

 

 

Nichts von dem, was ich über die späten neunzehnhundertsechziger Jahre gelernt hatte, hat mich darauf vorbereitet, die physische Realität meiner neuen Pariser Umgebung zu ertragen. Menschen mit grimmigen Gesichtern steigen in ihre knatternden, benzinbetriebenen Autos, die sie selbst steuern. Sekretärinnen hacken Buchstabe für Buchstabe auf Schreibmaschinen ein, als würden sie das Papier gewaltsam bezwingen. In Bars, gefüllt mit Rauch und – zu ihrer Ehrenrettung – überraschend guter Musik, sitzen Gäste mit fettigem Haar und starren vor sich hin. Die öffentlichen Verkehrsmittel klappern träge voran, ohne sich an feste Fahrpläne zu halten, während die Fahrgäste, allesamt Weiße, stumm mitfahren.

 

Männer mittleren Alters und alte Herren tragen Hüte und heben diese, um zu grüßen – ein Anblick, der mich gleichermaßen amüsiert wie befremdet. Die jungen Männer hingegen verzichten darauf, doch sie und die jungen Frauen stellen ihre Genitalien und Hintern in so engen Hosen zur Schau, dass mir schon beim Zusehen unbehaglich wird. Die schmutzigen Bürgersteige sind übersät mit Zigarettenkippen, Hundekot, aber hin und wieder geschmückt mit Telefonkabinen, die wie zufällige Relikte einer noch älteren Zeit wirken. An den Ampeln soll der Autoverkehr geregelt werden, doch die Fußgänger sprinten über die Zebrastreifen, als ginge es um ihr Leben. Und inmitten all dessen steht auf einer Kreuzung ein Polizist und fuchtelt wild mit den Armen, als würde er versuchen, die Stadt mit bloßen Händen zu bändigen. Reiner Wahnsinn.

 

Doch etwas liegt in der Luft, und ich weiß, was es ist: die Infragestellung von Autorität und gesellschaftlichen Normen, offen zur Schau gestelltes sexuelles Verlangen und eine Wahrnehmung der inneren wie äußeren Welt, die durch bewusstseinsverändernde Substanzen transformiert wird. Ich kann die plötzliche Konvergenz dieser verschiedenen Begierden riechen, hören, sehen, schmecken und spüren. Alles scheint begierig darauf, aus den starren Formen von mehr als zwei Jahrzehnten harter Arbeit und den erstickenden Konventionen der Nachkriegszeit auszubrechen – es ist eine aufregende, fast elektrisierende Atmosphäre! Entschlossen trete ich diese erste Etappe meiner Reise mit einem offenen Geist und all dem Mut an, den ich aufbringen kann, unterstützt von meinem Verstand, der, wie ich erleichtert feststelle, treu an meiner Seite ist. Auch mein Schatten ist mir geblieben – einige hatten daran gezweifelt.

 

Warum Paris, und warum jetzt? Es gab keine richtige oder falsche Wahl, also entschied ich mich für eine runde Zahl: einhundert Jahre zurück, direkt in die Vorgeschichte. Ich übertreibe – sagen wir, zurück in die analoge Ära, die ihren eigenen, nicht zu unterschätzenden Charme hat, wie ich nicht anders kann, als zu bemerken. Ich dachte, es wäre eine interessante Zeit, um gerade hier zu landen, auch wegen der noch überschaubaren Genealogie. Und hier bin ich nun. Ich nenne mich Orlando – ein Insider-Witz, den nur ich verstehe, obwohl ich keineswegs vorhabe, mich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen. Und sollte ich jemals einen Hund haben, was ich stark bezweifle, würde ich ihn Hippogriff nennen.

 

Ich schäme mich, zuzugeben – selbst mir gegenüber –, wie ich es in den ersten Wochen geschafft habe, finanziell zu überleben. Doch mein Gewissen ist rein: Ich habe das Geld heimlich zurückgezahlt. Bald darauf begann ich, als freiberuflicher Journalist für zweitklassige Zeitungen zu arbeiten. Dokumente wurden nicht verlangt; die Bezahlung erfolgt in bar. Mein französischer Akzent läßt hin und wieder skeptische Blicke aufkommen, und den wenigen, die nachfragen, erzählte ich, dass ich als Sohn eines Diplomaten in verschiedenen Ländern aufgewachsen sei und dort die écoles françaises besucht hätte. Meine ersten Honorare investierte ich in gefälschte Ausweispapiere – ein überraschend einfacher Vorgang in einer Zeit, in der Chips noch keine Rolle spielen.

 

Ich lebe in einem billigen Hotel in chinesischem Besitz in der Rue Monge, am unteren Ende der Rue Mouffetard. Da der Winter naht, habe ich mich in einem Secondhand-Laden mit warmer Kleidung eingedeckt. Die Gemeinschaftsdusche am Ende des Hotelflurs ist mir zu schmutzig, also wasche ich mich mit einem Waschlappen am Waschbecken in meinem Zimmer. Doch ich habe vor, bald die soziale Leiter zu erklimmen – nicht aus Eitelkeit, sondern als Mittel zum Zweck. Dank gründlicher Recherche vor meiner Abreise weiß ich, welche Aktien kurz vor einem Anstieg stehen, und ich plane, mindestens zweimal pro Woche die Paris Bourse zu besuchen. Der Palais Brongniart mit seiner imposanten korinthischen Kolonnade aus der napoleonischen Ära hat im Inneren eine lebendige Atmosphäre, die mich fasziniert. Ich vertraue darauf, dass ich die Börse so spielen kann wie meine Geige – oder besser noch, wie eine Orgel. Das Spiel an sich fesselt mich nicht, außer in seiner Funktion: Es dient meinem Überleben und hoffentlich bald einem weniger eingeschränkten Lebensstil, der Reisen einschließt – da bin ich mir sicher.

 

Warum schreibe ich das überhaupt? Notizen an mich selbst. Wenn – oder noch beängstigender: falls – ich es jemals zurückschaffe, könnten sie eine Grundlage für ein Buch bieten. Und wenn nicht, kann jeder potenzielle Leser sie interpretieren, wie er möchte – was kümmert es mich? Als Kind habe ich gelernt, eine Tastatur zu bedienen, ähnlich wie andere mit dem Fechten oder einer anderen alten Sportart beginnen, jedoch, wie immer, ohne das Risiko körperlicher Verletzungen auf mich zu nehmen. Diese unbeabsichtigte Vorbereitung erweist sich nun als nützlich, da mir das Tippen auf einer Schreibmaschine erstaunlich leichtfällt und überraschenderweise sogar Freude bereitet: die Anstrengung der Finger, das rhythmische Klicken und Klackern jedes Buchstabens, der sein Ziel erreicht, der Satzzeichen und sogar des Leerzeichens. Meine Finger zu verschmieren jedes Mal, wenn ich das Farbband wechsle...

 

Meine Mutter bekam mich, ihr einziges Kind, als sie dreißig war. Das galt als früh, denn Frauen wurden meist erst mit fast vierzig zum ersten – und meist einzigen – Mal Mutter. Sie verließ meinen Vater, als ich noch zu jung war, um mich an ihn zu erinnern. Später lernte ich ihn bei einem jährlichen gemeinsamen Urlaub kennen, zusammen mit seinen wechselnden Ehefrauen oder Freundinnen. Einige von ihnen mochte ich, andere waren mir zu oberflächlich oder zu besitzergreifend gegenüber ihm. Meine Beziehung zu ihm – ich nenne ihn nicht einmal ‘Papa’ – gleicht der zu einem entfernten Onkel, was für mich vollkommen in Ordnung ist.

 

Als Ausgleich für die Abwesenheit meines Vaters standen meine Mutter und ich uns sehr nahe, was wahrscheinlich auch dadurch begünstigt wurde, dass ich schwul bin. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich war kein Weichei. Zwar vermisste ich den mir verbotenen Mannschaftssport der nicht, aber ich liebte es, auf Bäume zu klettern, zu wandern, zu schwimmen und später Tennis zu spielen – Aktivitäten, bei denen ich Körperkontakt mit anderen vermeiden und das Verletzungsrisiko minimieren konnte. Meine wahren Leidenschaften, die meine Mutter teilte oder mir vielleicht vermittelte, waren Lesen, Geige spielen und Reisen – sowohl im echten Leben als auch durch Bücher und visuelle Medien. Zum Glück hatte Mutter ihr eigenes Leben (sie arbeitet als Umweltingenieurin), und als ich bereit war, meine Flügel auszubreiten, ließ sie mich ziehen und ermutigte mich sogar, dorthin zu gehen, wo ich jetzt bin – was ich später noch erklären muss.

 

Meine Großeltern mütterlicherseits – die väterliche Ahnenreihe ist für diese Geschichte kaum von Bedeutung – waren noch berufstätig, als ich ein Kind war. Opa Simon, ursprünglich aus Paris, war vermutlich einer der letzten Geologen, die weltweit nach Erdöl und Erdgas in der Tiefe suchten. Ich liebte es, seinen Geschichten zu lauschen und mit ihm über Karten zu brüten. Manche munkelten, dass seine zahlreichen Reisen ein zweites oder vielleicht sogar primäres Ziel hatten, das mit dem Quai d’Orsay in Verbindung stand, aber er starb, bevor ich alt genug war, ihn danach zu fragen.

 

Großmutter Emilie, die aus dem deutschen Rheinland stammte, spielte Geige und komponierte ein wenig im neoromantischen Stil. Ihre Werke wurden nie einem breiten Publikum zugänglich gemacht, aber wenn ihr Orchester eines ihrer Stücke als Zugabe spielte, schien sie innerlich zu leuchten – eine Art Aura umgab sie dann, wie ein zarter Lichtschein. Ich hätte nie gedacht, dass Genealogie so komplex ist, wie sie sich jetzt für mich darstellt. Zum Beispiel konnte ich aus dem Gedächtnis nur die Namen der Hälfte meiner Urgroßeltern abrufen. Zum Glück muss ich mir nur die mütterliche Linie merken.

 

Jenseits genetischer Mutmaßungen habe ich den Beweis, nach dem ich suche, bereits während meiner vorbereitenden Recherchen gefunden. Beim Studium von Biografien entdeckte ich, dass meine Urgroßmutter – die kleine Lily, die ich hoffentlich bald im Jardin du Luxembourg spielen sehen werde, bevor der Winter solche Ausflüge erschwert – nach meiner Großmutter Emilie noch ein weiteres Kind bekam: einen Sohn. Dieser unglückliche Junge starb in relativ jungen Jahren, hinterließ jedoch zwei Töchter, meine Cousinen, die ich nie kennengelernt habe, da sie in Südafrika leben. Ich habe erwogen, sie im Vorfeld zu kontaktieren, mich aber letztlich dagegen entschieden. Die vorhandenen Beweise reichen aus, ohne dass ich wissen muss, ob sie Trägerinnen sind. Falls nicht, würde das weder etwas beweisen noch widerlegen. Da sie um den Zustand ihres Großvaters wissen, gehe ich davon aus, dass sie die notwendigen Vorkehrungen getroffen haben.

 

Nun verbringe ich oft Zeit in der Nähe des Hauses der Meyers in der Rue de l’Abbé de l’Epée, nicht weit vom Jardin du Luxembourg entfernt. Dort sitze ich mit einer Zeitung – Le Monde ist meine bevorzugte Lektüre – oder einem Buch auf einer Bank in einem der charmanten kleinen Parks, die Haussmann einst in einige Straßenkreuzungen integriert hat. Ich weiß, dass mein Ururgroßvater Raymond am Quai d’Orsay arbeitet, und es wäre ein Leichtes gewesen, sein Büro zu finden und ihm nach Hause zu folgen. Doch das ist gar nicht nötig: Die annuaires – dicke Verzeichnisse mit den Telefonnummern und Adressen aller Bürger – erweisen sich als äußerst nützlich, um Wohnorte ausfindig zu machen. An manchen Nachmittagen folge ich nun der kleinen Lily und ihrem Kindermädchen, wenn sie im Jardin spielen. Dabei halte ich mich diskret im Hintergrund, um nicht als Stalker oder Schlimmeres verdächtigt zu werden.

 

Sie ist ein lebhaftes, blondes Mädchen, fast vier Jahre alt, soweit ich weiß. Sie wird ein Einzelkind bleiben, was für diese Babyboom-Ära eher ungewöhnlich ist. Ihr Kindermädchen ist ein hübsches Ding vom Land, wie dies zumindest ihre Kleidung vermuten läßt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es ihr an Aufmerksamkeit mangelt. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass sie mich als potenziellen Verehrer betrachtet – ein Missverständnis, das ich möglichst bald ausräumen muss. Oder sollte ich das Spiel mitspielen, um näher an Raymond heranzukommen? Die Idee hat ihren Reiz und wirkt wie eine elegante Taktik, könnte jedoch später unnötige Komplikationen mit sich bringen. Also besser nicht. Marguerite habe ich bisher nur gelegentlich gesehen. Da sie keinen festen Zeitplan wie ihr Mann hat, sind unsere Begegnungen eher zufällig. Sie trägt sich mit viel Haltung und bewegt sich mit einer entschlossenen, fast unnahbaren Ausstrahlung durch die Straßen.

 

Von meinem bescheidenen Hotel bis zur schicken Wohnung der Meyers sind es nur etwa fünfzehn Minuten zu Fuß. Wie bei allen meinen Spaziergängen in Paris genieße ich jeden Schritt und lasse die Sehenswürdigkeiten und das Verhalten der Menschen auf mich wirken. Besonders die Pariser Art, ein Auto aus einer engen Parklücke zu befreien, fasziniert mich immer wieder: Man stößt gegen das vordere Auto, schubst es ein Stück nach vorne, dann gegen das hintere, mit demselben Effekt, bis schließlich genügend Raum zum Ausparken geschaffen ist. Niemand scheint sich daran zu stören – ein eindrückliches Schauspiel alltäglicher Pariser Gelassenheit.

 

Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt, und da Weihnachten und Neujahr vor der Tür stehen, habe ich beschlossen, für mindestens zwei Wochen aufs Land zu fahren. Aber wohin zu Beginn des Winters? Da Wintersport für mich nicht infrage kommt, ließ ich mich von der Literatur inspirieren: Gargilesse sollte es sein – ein malerisches Dorf im Loiretal, in dem, und das ist entscheidend, George Sand einst lebte. Meine Faszination für sie kann ich nicht ganz erklären. Es liegt nicht primär an ihren Schriften; obwohl sie zu ihrer Zeit eine sehr beliebte Autorin war, wirkt ihr Werk sogar heute schon leicht veraltet. Vielleicht ist es ihre Rolle als Feministin, ihr androgynes Aussehen und ihre unkonventionelle Kleidung oder ihre aktive Teilnahme an der provisorischen Regierung nach der Revolution von 1848, die mich anzieht. Wahrscheinlich eine Mischung aus all dem. Doch wenn ich ehrlich bin, ist es vor allem ihre langjährige Beziehung zu Frédéric Chopin – dem Lieblingskomponisten meiner Großmutter Emilie –, die mich tief beeindruckt. Alles in allem eine außergewöhnliche Frau.

 

Der nächstgelegene Bahnhof zu Gargilesse ist Châteauroux, eine etwa zweistündige Zugfahrt vom Gare d’Austerlitz entfernt. Früh am Morgen nahm ich den Zug und machte mich auf den Weg. Vor mir lag eine Tageswanderung, da es keine Busverbindung zu meinem Zielort gab. Die einzige Alternative wäre ein Taxi gewesen, aber ich entschied mich, der Versuchung zu widerstehen. Die Bäume in den Wäldern, durch die ich nur mit meinem Rucksack beladen wanderte, waren bereits kahl, aber der Tag war mild und sonnig. Nach dem Trubel in Paris empfand ich diese Ruhe als überaus wohltuend. Zweimal legte ich Zwischenstopps in kleinen Dörfern ein – einmal in Velles und einmal in Mosnay –, um eine herzhafte, aber preiswerte Mahlzeit zu genießen. Ebenso oft lehnte ich freundlich Mitfahrgelegenheiten ab, die mir Einheimische aus reiner Herzlichkeit anboten, ohne dass ich danach gefragt hätte. Es war ein Tag voller einfacher Freuden, wie geschaffen, um die Gedanken schweifen zu lassen.

 

Ohne den Charme des Dorfes im nächtlichen Dunkel wirklich erfassen zu können, checkte ich in meine Pension ein und genoss ein köstliches Abendessen, begleitet von lokalem Rotwein, der à discrétion ausgeschenkt wurde. Selten habe ich so tief und friedlich geschlafen. Das Vergnügen, in diesem Dorf zu verweilen, ist so groß, dass ich meinen Aufenthalt so weit wie möglich verlängere. Die kulinarischen Freuden in meiner Pension tragen weiterhin zu meinem Wohlbefinden bei. Die Vorspeisen sind oft hausgemachte Pasteten aus Hase, Ente oder Wild – nicht nur eine Scheibe, sondern gleich der ganze Laib wird mir großzügig serviert. Diese herzliche Großzügigkeit auf dem Land steht im starken Kontrast zu Pariser Restaurants. Hier scheint die Fülle selbstverständlich zu sein – und ich genieße jede Mahlzeit in vollen Zügen. Bei gutem Wetter unternehme ich ausgedehnte Spaziergänge, und an Regentagen lese ich am knisternden Kaminfeuer. Zum Glück hatte ich vorsorglich einen Vorrat an Büchern per Post vorausgeschickt. Vor dem ehemaligen Haus von George Sand verliere ich mich oft in Träumereien.

 

 

Abbildung 1.1. Haus von Alexandre Manceau und George Sand in Gargilesse

 

Besonders beeindruckt mich, dass sie auf dem Höhepunkt ihres Schaffens die meistgelesene Schriftstellerin Europas war. Ihre Bücher wurden in England häufiger gelesen als die von Victor Hugo oder Honoré de Balzac. Doch George Sands anhaltender Ruhm basiert nicht auf ihren literarischen Werken – die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind –, sondern auf dem faszinierenden Gewebe ihres Lebens: ein mutiges Dasein, erfüllt von Leidenschaft, Engagement für soziale Belange und Hingabe an die Sache. Ihre Biografie gleicht einem Gesamtkunstwerk.

 

Nach meiner Rückkehr nach Paris beschloss ich, die kommenden Monate bestmöglich zu nutzen, ohne größere Verpflichtungen außer meinen Besuchen an der Pariser Börse – die sich bereits als profitabel erweisen – und dem gelegentlichen Verfassen von Artikeln für eine Zeitung, die ich als Kunden gewinnen wollte. Freizeit sinnvoll zu gestalten, ist keine leichte Aufgabe, aber ich ging sie an wie Herkules seine Arbeiten: mit Entschlossenheit und Disziplin. Mein eher konservativer Geschmack führt mich in Kunstmuseen und zu Konzerten klassischer Musik. Die Bibliothèque nationale in der Rue de Richelieu, deren beeindruckende Architektur aus dem 18. Jahrhundert mir jedes Mal aufs Neue den Atem raubt, entpuppt sich als wahre Schatzkammer, insbesondere die Kartensammlung. Apropos Karten: Ich liebe es, wie die Leute hier Landkarten benutzen – und wissen, wie man sie liest! Es macht so viel mehr Spaß, selbst die Route im Voraus zu planen, als nur Anweisungen zuzuhören die dem Auto sagen, wo es abbiegen soll.

 

Nebst Kultur wurde Sex meine zweite große Quelle der Freude – ein Bedürfnis, das nach den ersten Wochen voller Aufregung über meine Ankunft und die neue Umgebung wieder in den Vordergrund rückte. Mir fiel auf, dass ich sowohl von einem Ort gekommen als an einem Ort angelangt war – oder besser gesagt, von und in einer Zeit –, wo schwul zu sein gewissermaßen inexistent ist: In meiner Heimat ist es irrelevant und hier ist es verboten. Doch wie immer und überall bedeutet das nicht, dass es uns nicht gibt, auch hier und jetzt. Die Eröffnung der ersten schwulen Diskothek und Sauna in Paris liegt bedauerlicherweise noch ein paar Jahre in der Zukunft. Aber das ist kein Grund zur Resignation, denn es gibt Bars. Die beiden, die ich nach einigen Besuchen anderer Etablissements nun hie und da aufsuche, sind Le Pimm's in der Rue Sainte-Anne und das vor drei Jahren eröffnete Le Fiacre in Saint-Germain-des-Prés.

 

Was anfangs mühsam schien – einen Treffer zu finden, ohne Dutzende oder Hunderte auf einem Bildschirm vorab zu durchforsten – erweist sich, wie viele analoge Aktivitäten, als überraschend angenehm. Die verstohlenen Blicke, aber nicht zu aufdringlich, um auch dem andern die Möglichkeit zu geben, einen Blick auf mich zu werfen. Die Wahl eines Eröffnungssatzes, idealerweise ein spontanes Kompliment oder eine berechtigte Frage ... Meist führt dies zu einem lockeren Gespräch, manchmal sogar zu einem tiefgründigen Austausch oder der Offenbarung völlig neuer Welten – und wenn das Glück es will, endet der Abend im Hotel.

 

Clément, ein Student der Geschichte und Soziologie – wie ich bis vor etwa einem Jahr – hält Nachtwache hinter dem Hoteleingang. Wir wechseln immer ein paar Worte, wenn ich nach Hause komme, und manchmal werden aus diesen kurzen Gesprächen lange Diskussionen, bis der Schlaf einen von uns übermannt – oder beide. Nach Mitternacht schläft er auf einer Pritsche hinter der Rezeption, und ich muss ihn wecken, damit er mir die Tür öffnet. Jedes Mal plagt mich ein schlechtes Gewissen, obwohl er mir versichert, dass es ihm nichts ausmacht. Wenn ich also gelegentlich mit einem Jungen nach Hause komme, gebe ich Clément als Dankeschön einen großzügig bemessenen Franc-Schein.

 

Im wahrsten Sinne des Wortes: je größer der Nennwert, desto größer die Banknote. Die alten 5000-Franc-Scheine, von denen einige noch im Umlauf sind, erreichen beeindruckende Dimensionen. Ich bin immer wieder fasziniert vom Interesse der Menschen an Banknoten und Münzen, aber das ist hier Alltag: sie haben nichts anderes. Zu Beginn eines jeden Monats stehen die Leute vor der Bank Schlange, um ihr Gehalt in bar abzuholen. Auch vor oder nach jedem Grenzübertritt tauschen sie ihre Währung um – ein geradezu absurdes Ritual. Einmal, als ich etwas Geld übrig hatte, beschloss ich, an einer dieser Wechselstuben ein kleines Experiment zu wagen. Ich tauschte meine Francs in eine andere Währung und dann wieder zurück. Und dann erneut in eine andere Währung und zurück, bis ich am Ende mit nichts mehr dastand. Das Beste daran war jedoch der Gesichtsausdruck des Angestellten – oder vielmehr seine Versuche, ein Pokerface zu bewahren. Unbezahlbar.

 

Ich war schon immer eher eine Lerche als eine Eule. Aus Gründen, die ich noch verraten werde – oder auch nicht –, nahm ich kürzlich die erste U-Bahn des Tages. Zu dieser unchristlichen Stunde war sie fast leer, abgesehen von einer Handvoll Arbeiter, die auf dem Weg zu ihrer Frühschicht waren, und jenen, die am Abend zuvor die letzte U-Bahn verpasst hatten – daher der Name „le dernier métro“: die letzte Metro. Die Briten nennen sie den „Drunk Train“, den Suffzug und die Deutschen den „Lumpensammler“. Während ich die Menschen beobachtete, die an jeder Station auf dem Bahnsteig warteten, fiel mir die interessante Mischung der Passagiere auf: nicht nur die erwarteten Betrunkenen, sondern auch Hausfrauen mit prall gefüllten Einkaufstüten, Studenten, die offensichtlich nicht einmal das Geld hatten, um sich zu besaufen, und eine Vielzahl anderer menschlicher Kuriositäten.

 

Doch was sich in dem fast leeren Waggon abspielte, in dem ich saß, war noch sonderbarer. Ein Mann, weder besonders jung noch alt, weder auffällig attraktiv noch hässlich, fläzte schwerfällig auf seinen Sitz und schlief mit offenem Mund. Um ihn herum standen vier junge Männer, die ihre Hosen geöffnet hatten und ungeniert, mit offensichtlichem Eifer, masturbierten. Am auffälligsten war das schelmische Glitzern in ihren Augen und das spürbare Konkurrenzdenken unter ihnen, als ob sie ein heimliches Spiel spielten. Die Spannung im Wagen erreichte ihren Höhepunkt, als einer von ihnen triumphierend ausrief: „C'est moi!“ - ich bin dran! Zur Belustigung der anderen, die keineswegs enttäuscht wirkten, trat er vor und ejakulierte in den Mund und auf das Gesicht des Schlafenden. Als wäre damit ein unsichtbarer Bann gebrochen, stürmten sie dann aus dem Wagen, genau in dem Moment, als sich die Türen öffneten, und rannten lachend über den Bahnsteig, während sie ihre noch halbsteifen Glieder wieder in den Hosen versorgten. Sorgfältig vermeidend, das unglückliche Opfer direkt anzusehen, versteckte ich mich hinter meiner Zeitung, als hätte ich nichts gesehen.

 

Ich habe bereits erwähnt, dass ich hin und wieder einen Jungen mit ins Hotel nahm – nicht, dass das besonders häufig vorkam, aber es half mir, die Enttäuschung über meinen letzten Freund in meinem vorherigen Leben zu überwinden. Vielleicht steckt in dem Rat tatsächlich etwas Wahres, dass man Männer benutzen und nicht behalten sollte. Doch kaum hatte ich mich von der Richtigkeit dieser Erkenntnis überzeugt, brach ich das Prinzip erneut – diesmal mit einem Jungen namens Victor: einem jungen Fabrikarbeiter, den ich nicht in einer Schwulenbar, sondern bei einer der ersten Studentendemonstrationen kennengelernt hatte. Fasziniert von seinem markanten Aussehen und dem Funkeln in seinen Augen schenkte ich ihm ein Lächeln, das er sofort erwiderte. Als die Polizei in voller Stärke auftauchte und die Stimmung gefährlich zu kippen drohte, nahm ich seine Hand und zog ihn mit mir fort. Er ließ es bereitwillig geschehen, und zu meiner Freude bestätigte das meinen Verdacht – oder besser gesagt: meine Hoffnung.

 

Victor war eine harte Nuss, was wahrscheinlich auch ein Grund für meine Faszination war, abgesehen von seiner offensichtlichen Attraktivität und seiner zurückhaltenden, fast schüchternen Art. „Kein Küssen“, sagte er anfangs, während er meine Hand nahm und sie direkt auf seinen Schritt legte. Doch ich brachte ihm Manieren bei – was sich kurzfristig als eine noch bessere Investition erwies als meine Versuche an der Börse. Schwieriger war es, ihm zu zeigen, oder besser gesagt, ihn davon zu überzeugen, dass sein süßes, enges kleines Arschlöchlein genauso ein Sexualorgan ist wie sein Penis – oder vielleicht sogar noch besser. „Ich bin keine Schwuchtel“, sagte er sogar einmal, was mich zum Lachen brachte. Es bedurfte viel Geduld, Überredungskunst und letztlich einer ganzen Flasche Rioja – den Wein, nicht die Flasche –, um ihn dazu zu bringen, sich darauf einzulassen.

 

Unter der Woche sind wir beide sehr beschäftigt, aber am Wochenende verbringen wir die meiste Zeit zusammen. Wenn ich trotzdem samstags oder sonntags einen Auftrag habe, begleitet mich Victor gerne – sei es, um Interviews zu führen oder mir bei Recherchen zu helfen. Er ist stolz darauf, wenn ich ihn als meinen Assistenten vorstelle, und unterdessen ist er ziemlich gut darin, Notizen zu machen. Unsere Kameradschaft hat die relative Einsamkeit durchbrochen, unter der wir beide zuvor gelitten hatten. Sein soziales Netzwerk ist aufgrund seines Jobs noch kleiner als meines – zumindest lerne ich durch meine Interviews und Berichte regelmäßig neue Menschen kennen.

 

Seine Eltern sind italienische Nachkriegsimmigranten aus Umbrien, die sich in Roquebrune-sur-Argens im Süden Frankreichs niedergelassen hatten, wo Victor aufwuchs. Oder besser gesagt, Vittorio, wie ich ihn inzwischen nenne. Da seine Familie nicht die Mittel hatte, ihm das Abitur zu finanzieren, machte er eine Mechanikerlehre und zog schließlich in die Industrievororte von Paris. Trotz gelegentlicher Schuldgefühle – weil ich weiß, dass unsere gemeinsame Zukunft begrenzt ist und ich ihm das nicht sagen kann – genießen wir die Zeit miteinander wirklich. Er ist neugierig auf die Welt, und ich weiß natürlich viel mehr darüber als er. Ich habe es geschafft, seine Neugier auf meine Vergangenheit abzulenken, indem ich vorsichtig auf ein persönliches Trauma anspiele – was nicht ganz unwahr ist.

 

Unser Sexleben ist zwar eher durchschnittlich, aber dennoch sehr erfüllend, da Vittorio für mich eine echte Quelle der Freude ist. Erst nach etwa zwei Wochen gestand er mir, dass ich, abgesehen von ein paar verstohlenen Spielereien unter Jungen während seiner Adoleszenz, sein erster Liebhaber bin. Das schmeichelt mir. Die Last dieser Verantwortung wird jedoch mehr als ausgeglichen durch seinen offensichtlichen Ausdruck von Erleichterung, Freude und Vertrauen, die er mir zeigt.

 

Zum Glück lebt Vittorio zu sehr im Hier und Jetzt, um sich Gedanken über eine gemeinsame Zukunft zu machen – oder schlimmer noch, konkrete Pläne zu schmieden. Das Höchste der diesbezüglichen Gefühle, das er je erwähnt, sind die Sommerferien, und das ist ja verständlich. Ein kleines Detail: Da es kein Gleitgel gibt, verwenden wir Vaseline, und Kondome benutzt auch niemand. Das beunruhigt mich nicht sonderlich – das HIV Virus dürfte es bis jetzt kaum vom Kongo bis nach Haiti geschafft haben. Viel wichtiger ist jedoch, dass Vittorio sich zu einem hervorragenden Begleiter entwickelt hat. Er liebt es sogar, mir beim Geigenspiel zuzuhören - zum Glück hat Monsieur Zhang, der Hotelbesitzer, mir versichert, dass dies tagsüber kein Problem ist.

 

Die Geige … Als Kind war sie oft eine lästige Pflicht für mich, die mich manchmal sogar zum Weinen brachte. Erst gegen Ende meiner Teenagerjahre, als ich zwar kein Virtuose, aber technisch solide geworden war, begann ich, echte Befriedigung und sogar Freude am Spielen zu empfinden. Es war der Stolz, eine Partitur in wohlklingende Melodien zu übersetzen, und das tiefe Vergnügen, meine eigene Musik zu erzeugen, zu fühlen und zu hören. Zudem frischte meine Mutter ihre Klavierkenntnisse auf, und nach einiger Übung schaffte sie es schließlich, mich zu begleiten. Ein altmodischer Zeitvertreib vielleicht, aber er passte perfekt zu uns. Jetzt bin ich zu den vertrauten Ševčík-Übungen zurückgekehrt, die ich als Kind verabscheut hatte, die mir jedoch hier in meinem Hotelzimmer überraschend viel Freude bereiten. Die meisten Kompositionen für Solovioline – etwa die von Fritz Kreisler oder Niccolò Paganini – bleiben für mich zwar weiterhin unerreichbar, aber ich widme mich mit Hingabe den Sätzen Adagio und Presto aus Bachs Sonate Nr. 1 in g-Moll sowie der Gavotte en Rondeau aus Bachs Partita Nr. 3 in E-Dur. Ich vermute, dass ich inzwischen das Niveau von Sherlock Holmes und Albert Einstein erreicht habe, zumindest auf der Geige - in anderen Bereichen könnten meine Fähigkeiten mit ihren niemals konkurrieren.

 

Zweimal hatte ich das Vergnügen, Vittorio zu Konzerten mit einigen der größten Musiker unserer Zeit einzuladen: Arthur Rubinstein in der Salle Pleyel und Yehudi Menuhin im Théâtre des Champs-Élysées – für ihn nur das Beste. Obwohl er sich unter dem bürgerlichen Publikum etwas fehl am Platz fühlte, genoss er beide Aufführungen sehr. Vittorio seinerseits, der sich mit zeitgenössischer Musik besser auskennt als ich, führt mich in die Werke von Serge Gainsbourg und Mikis Theodorakis ein, indem er mich zu ihren Auftritten mitnimmt.

 

 

Wir hatten gehofft, eine Live-Wiederholung der letzten Tournee der Beatles von 1966 erleben zu können, aber dieser Wunsch blieb unerfüllt – ebenso wie unser Vorhaben, die Rolling Stones zu sehen, deren Konzert ich kurz vor meiner Ankunft in Paris verpasst hatte. Immerhin hatte ich es geschafft, Jimi Hendrix' elektrisierende Performance im L’Olympia Theaterim Januar mitzuerleben, allerdings war das noch vor meiner Begegnung mit Vittorio. Die meiste Zeit begnügten wir uns jedoch damit, in meinem Hotelzimmer Schallplatten zu hören. Neben den bereits erwähnten Künstlern spielten wir Alben von Led Zeppelin, The Who, Elvis Presley, Janis Joplin und meiner persönlichen Favoritin, Aretha Franklin. Obwohl ich mit diesen Künstlern bereits vorher vage vertraut war, ist es eine völlig andere und aufregende Erfahrung, ihre Musik im Kontext der Zeit zu hören – und zu spüren, wie stark sie auf die junge Generation wirkt und nachhallt.

 

Leider kann ich Vittorio nicht in seinem Arbeiterwohnheim im Vororten Nanterre besuchen. „Wir würden riskieren, gelyncht zu werden“, sagte er – wahrscheinlich eine Übertreibung, aber ich möchte ihn nicht in eine unangenehme Lage bringen. Außerdem bietet uns das Hotel, dank meinen großzügigen Trinkgeldern zwar kein richtiges Zuhause, aber eine Zuflucht, die wir beide sehr zu schätzen wissen. Vittorio sieht auch gerne Fußballspiele an, aber das eine, das ich mit ihm besucht habe, bot mir nur das flüchtige Vergnügen, die Athletik der Spieler zu bewundern – besonders ihre Oberschenkel – und sonst wenig. Sicherlich nicht genug, um diese Erfahrung wiederholen zu wollen.

 

Andererseits teilen wir beide eine tiefe Liebe zum Kino. Wir werden nicht müde, uns Wiederholungen von Filmklassikern anzusehen, darunter Godards Atemlos, Truffauts Jules et Jim, Hitchcocks Psycho und natürlich West Side Story. Vittorio war besonders beeindruckt von Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum, auch wenn ich ihm nicht erklären wollte, wie weit Kubricks Zukunftsvision von der Realität entfernt war. Zeitgenössische Filme wie Bonnie und Clyde und Ingmar Bergmans Persona begeistern uns beide gleichermaßen. Obwohl Vittorio kaum noch Italienisch spricht, erlaubt ihm sein Verständnis der Sprache, Fellinis La Dolce Vita und Antonionis L’Avventura in vollen Zügen zu genießen.

 

An den nahezu allgegenwärtigen Zigarettenrauch habe ich mich jedoch immer noch nicht gewöhnt. Einmal, in einem kleinen Kellerkino, zündete sich das Publikum bereits während des Abspanns Zigaretten an. Der einzige Ausgang war eine schmale Treppe, und als wir uns durch die sich träge bewegende Menge drängten, begann ich zu hyperventilieren, was meine Panik nur noch verstärkte. Erst als ich mich draußen in der kalten Nachtluft wiederfand, wurde mir klar, was mit mir passierte. Da ich keine Papiertüte zur Hand hatte atmete ich in meinen Wintermantel, um mich zu beruhigen. Vittorio war fast so mitgenommen wie ich, aber es war unglaublich beruhigend zu sehen, wie er mich in diesem Moment unterstützte.

 

Apropos Rauchen: Neulich brachte Vittorio einen Joint mit ins Hotel. Obwohl Marihuana zum Zeitpunkt meiner Adoleszenz größtenteils aus der Mode gekommen war, war es mir nicht fremd. Ich erinnere mich an das unkontrollierbare Lachen mit Freunden, das selbst auf die albernsten Situationen und Gedanken folgte – und natürlich an die obligatorische Plünderung des Kühlschranks nach der Rückkehr nach Hause. Meine Mutter hatte vermutlich eine Ahnung davon, verzichtete aber freundlicherweise auf Kommentare. Jetzt, etwas älter und vielleicht auch ein wenig weiser, beschränken wir uns auf ein paar Züge, gerade genug, um uns in die Musik hineinziehen zu lassen. Wir lassen uns von ihrem Rhythmus und ihren Melodien treiben, schweben beinahe auf ihren Schwingungen dahin.

 

Eines Abends, nachdem ich nur ein paar Züge genommen hatte, um das Filmvergnügen mit Vittorio zu steigern – wir wollten Antonionis Blow-Up ansehen –, erlebte ich einen höchst merkwürdigen Moment: eine außerkörperliche Erfahrung als ich das Treppenhaus meines Hotels hinunterging. Ich sah mich selbst, mit verblichener Lederjacke und allem, vor und unter mir die Treppe hinabsteigen. Als ob das nicht schon seltsam genug wäre, veränderte sich auch meine Wahrnehmung meines eigenen Körpers. In meiner Vorstellung war ich immer noch spätpubertierender Junge mit runden Wangen geblieben, aber jetzt sah ich mich als schlanken jungen Mann mit beinahe hageren Gesichtszügen, einem stoppeligen Kinn und markanten Wangenknochen. Außergewöhnlich.

 

Es bleibt mir kaum Zeit zum Lesen, was ich jedoch nur auf einer theoretischen Ebene vermisse, nicht in meinem Alltag, der einem Wirbelwind von Aktivitäten gleicht – und dennoch überraschend angenehm ist, mehr als ich je erwartet hätte. Trotzdem kaufe ich weiterhin Bücher, nur für den Fall – so wie andere Leute einen Notvorrat an unverderblichen Lebensmitteln im Keller lagern, in Erwartung des Dritten Weltkriegs (welcher übrigens ja nicht so kommen würde, wie alle erwarten). Zu meinen neuesten Errungenschaften zählen Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez, Der Spion, der aus der Kälte kam von John le Carré, Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow, Kaltblütig von Truman Capote und Die Blechtrommel von Günter Grass. Sie warten in einer Beige auf meinem Hoteltisch darauf, in ihrer Originalsprache gelesen zu werden – abgesehen von Bulgakow, natürlich. Ich habe auch ein paar ältere Werke zur Hand genommen, die derzeit eine Renaissance erleben: L'Étranger von Albert Camus, Lolita von Vladimir Nabokov und schließlich Der Steppenwolf von Hermann Hesse. In der Zwischenzeit, abgesehen von der Ausnahme meines Neujahrsurlaubs in Gargilesse, bleibt mir nur die Lektüre der Zeitung in der U-Bahn – was schließlich auch Teil meines Jobs ist.

 

Am 15. März musste ich in der Metro morgens laut auflachen, als ich die Schlagzeile eines Leitartikels von Pierre Viansson-Ponté in Le Monde las: „La France s'ennuie. On ne rencontre plus, dans ce pays, d'idées nouvelles“ – Frankreich langweilt sich. In diesem Land stößt man nicht mehr auf neue Ideen. Er konnte nicht ahnen, wie schnell sich dieses Gefühl ins Gegenteil verkehren würde. Genau eine Woche später kam es an der Universität Paris-Nanterre zu einem Aufstand – nicht im militärischen Sinne, sondern in Form eines Protestes, der in Gewalt eskalierte und darin gipfelte, dass Studenten, die später als 'Bewegung des 22. März’ bekannt wurden, das Verwaltungsgebäude besetzten. Es war der Auftakt zu zwei turbulenten Monaten, die nicht nur Frankreich, sondern einen Großteil der reichen Welt erschüttern sollten.

 

 

Abbildung 1.2. Pariser Studentenproteste, Frühling 1968

 

Bereits im Februar (als ich Vittorio begegnete) waren Zehntausende in Paris und Berlin gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen, unmittelbar nach der Tet-Offensive—obgleich dieser Grund für Proteste in den Vereinigten Staaten eine weit größere Rolle spielte. Dort wurde am 4. April Martin Luther King Jr. in Memphis, Tennessee, ermordet. Zur gleichen Zeit entwickelte sich der ‘Prager Frühling’ zu einem Aufstand gegen die Unterdrückung durch das von der Sowjetunion abhängige Regime in der Tschechoslowakei.

 

Was auch immer der Funke war, der das Feuer entzündete – Paris ist mein Moment. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits solide Verbindungen zu Le Monde und der Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur aufgebaut, beide nach links und auf eine gebildete Leserschaft ausgerichtet. Der Nouvel Obs hat bereits zwei meiner Artikel veröffentlicht: den ersten über die möglichen Folgen der Einführung oraler Verhütungsmittel, die gerade auf den Markt gekommen waren (ausnahmsweise hatte ich einmal meinen Zeitblick walten lassen – auf eine, wie ich finde, relativ harmlose Weise); der zweite behandelte die bidonvilles, die Slums von Nanterre, auf die mich Vittorio aufmerksam gemacht hatte.

 

Der algerische Unabhängigkeitskrieg ist erst fünf Jahre zuvor mit dem Sieg der Separatisten zu Ende gegangen. Zwar haben sich seither die Spannungen in den Slums und die damit verbundenen Ängste der französischen Behörden inzwischen gelegt, doch das vorherrschende Elend ist geblieben. Direkt neben dem neuen Campus der Universität Nanterre gibt es im Wohngebiet der Arbeiter weder fließendes Wasser noch eine funktionierende Kanalisation. Tuberkulose ist weit verbreitet, und Gewalt gehört zum Alltag. Die meisten Algerier dort sind junge, alleinstehende Männer oder solche, die ihre Familien zurückgelassen haben und ihren Verdienst nach Hause schicken. Ich bin beeindruckt von ihrer Anpassungsfähigkeit – oder vielleicht ist es gar keine bewusste Entscheidung, sondern eine Frage des Überlebens. Es gibt weit und breit keine Moschee, so trinken viele von ihnen Alkohol, und nicht wenige essen sogar Schweinefleisch.

 

Meine Dokumentation über die Slums von Nanterre öffnete mir die Tür zum Novel Obs, der auf tiefgehende Hintergrundberichte und Analysen setzt. Mittlerweile hat mich Le Monde, nach meinem aktuellen Bericht über die Besetzung der Universität Nanterre durch Studenten, als regelmäßigen Mitarbeiter aufgenommen – offenbar habe ich ein Talent dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich schätze diese Redakteure, mit denen ich bei den beiden Zeitungen zusammenarbeite - während ich die anderen, bei denen ich ursprünglich angefangen habe, inzwischen fallen lassen konnte. M. Martin vom Nouvel Obs ist klein und rundlich, und die wenigen Haare, die ihm noch seitlich seines kahlen Schädels geblieben sind, scheinen mit den dichten Büscheln aus seinen Ohren zu konkurrieren. Er raucht Zigarren im Dauerbetrieb und ruft fast jedes Mal, nachdem er einen kurzen Blick auf meine getippten Seiten geworfen hat: „Gut, gut, Després, aber kürzen Sie es um die Hälfte!“

 

Després ist der Nachname, den ich mir ausgesucht habe. Wenn ich mich vorstelle, sage ich gern: „Nicht Dupré, sondern Després – im Plural!“ M. Martin ruft dann oft lautstark: „Gilbert, wir brauchen Bilder!“ Die Zusammenarbeit mit Gilbert, dem Fotografen, macht mir Spaß, wann immer ich die Zeit dafür finde, ihn zu begleiten. Er ist respekt- und furchtlos, aber gleichzeitig akribisch, wenn es um die Perfektion seiner Aufnahmen geht. Sobald er seine Arbeit abgeschlossen hat, verziehen wir uns meist in eine Bar, wo er mir Geschichten berichtet von seinen abenteuerlichsten Einsätzen. Welche davon wahr sind und welche erfunden, kann ich nie sagen – aber es sind immer großartige Erzählungen. M. Bernard von Le Monde hinwiederum, ist das komplette Gegenteil von M. Martin: groß, dünn, mit einem wirren grauen Haarschopf und einer starken intellektuellen Ausstrahlung. Auch er hat eine typische Reaktion auf meine Manuskripte: „Der Hintergrund und die Analyse sind in Ordnung, Després, aber sie brauchen Backsteine und Mörtel, damit das ganze Gebäude hält!“

 

Warum diese plötzliche Dringlichkeit der Bewegung? Die Zahl der Universitätsstudenten ist in den letzten Jahren aufgrund des kombinierten Effekts von Wirtschafts- und Babyboom stark angestiegen, was den Bau neuer Einrichtungen wie Nanterre notwendig machte – einer der ersten ‘amerikanischen’ Campusse Frankreichs. Was sich jedoch nicht im gleichen Maße entwickelt hat, ist die starre, autoritäre Top-Down-Struktur dieser Institutionen, was eine Konfrontation geradezu unvermeidlich machte. Amüsanterweise war der Funke, der die Proteste in Nanterre entfachte, die scheinbar banale Frage nach der Trennung von Jungen und Mädchen in den Studentenwohnheimen – ein perfektes Beispiel für die seltsame Mischung der Motivationen hinter der Studentenrevolte: Hedonismus und Individualismus auf der einen Seite, Antiimperialismus und antikapitalistische Ideologie auf der anderen. Schwer zu fassen, aber es funktionierte. Wie Jean-Luc Godard es später formulieren würde: „die Kinder von Mao und Coca-Cola“. Le Monde veröffentlichte auch mein Interview mit Rudi Dutschke, das ich auf Deutsch führte – eine persönliche Leistung, auf die ich besonders stolz bin, dank Oma Emilie. Rudi war aus Berlin nach Nanterre gekommen, und seine charismatische Präsenz beeindruckte mich sofort. Er schien von einem inneren Feuer getrieben, das jederzeit bereit war, in Flammen aufzugehen. In diesem Moment fasste ich den Entschluss, so bald wie möglich nach Berlin zu reisen. Kurz nach meinem Interview schoss ihm ein Rechtsextremist auf dem Kurfürstendamm in West-Berlin in den Kopf.