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Das Bulletin des in London ansässigen Internationalen Genossenschaftsbundes wurde ab 1915 während des ganzen Ersten Weltkrieges monatlich in London auf Englisch herausgegeben, dann über Amsterdam nach Hamburg geschickt, hier auf Deutsch übersetzt, gedruckt und an 1.500 deutschsprachige Abonnenten verschickt. Das Bulletin ist eine erstrangige Quelle für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den kriegführenden Staaten Europas und den mitbetroffenen neutralen Nachbarn, über die Versorgungslage bei Lebensmitteln , über Preissteigerungen und die wirtschaftliche Auslastung der Betriebe, die gesellschaftliche Stellung der Genossenschaften und sogar über die Versorgung des Militärs an der Front.
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Seitenzahl: 526
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Der in London ansässige, 1895 gegründete Internationale Genossenschaftsbund (IGB, englisch: International Co-operative Alliance – ICA) gab ein monatliches Informationsblatt in den damals sogenannten Kongresssprachen Englisch, Französisch und Deutsch heraus. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 wurden die französische und die deutsche Ausgabe eingestellt. Im Frühjahr 1915 nahm der Zentralverband deutscher Konsumvereine (ZdK) in Hamburg mit Hilfe des Genossenschaftsverbandes der neutralen Niederlande Kontakt zur Leitung des IGB und London auf und vereinbarte, die deutsche Ausgabe wieder erscheinen zu lassen. Um die Übersetzungs- und Druckkosten finanzieren zu können, organisierte der ZdK eine Werbekampagne, mit der es ihm gelang, die Abonnentenzahl auf auskömmliche 1.500 zu steigern. Die Redaktion des Blattes lag in den Händen des IGB-Sekretärs Henry J. May. Die englische Ausgabe wurde über Amsterdam nach Hamburg gesandt, hier auf Deutsch übersetzt, gedruckt und an die deutschsprachigen Abonnenten verschickt, Monat für Monat und sogar rückwirkend ab Januar 1915.
Der Jahresband 1917 wird gekennzeichnet durch viele Berichte über die gute Entwicklung der Genossenschaften, trotz der Kriegswirren. Die Unione cooperativa aus Mailand sprach sogar von einer „glänzenden Entwicklung“. Auch aus Russland wurden schnell steigende Genossenschaftszahlen gemeldet.
Die Zusammenarbeit der Behörden mit den Genossenschaften gestaltete sich insgesamt positiv, vor allem in Frankreich und Deutschland, auch wenn aus Deutschland berichtet wurde, dass die Genossenschaften bei der Warenverteilung hintangesetzt würden. Eine Ausnahme bildete Großbritannien, wo sich der Prime Minister weigerte, die Vertreter der Konsumgenossenschaften zu empfangen und die Genossenschaften an den Gremien, die sich mit der Nahrungsmittelbeschaffung und –verteilung beschäftigten, zu beteiligen. In London fand daraufhin eine „Notkonferenz“ mit über 1.000 Delegierten statt und intensiv wurde diskutiert, dass die Genossenschaften sich an den Wahlen beteiligen und Vertreter in das Unterhaus entsenden müssten.
Die französischen Genossenschaften hatten in Paris das Milchgeschäft von der Fa. Maggi übernommen und betätigten sich in der Verteilung der Gefrierfleischimporte. Bei der Hamburger „Produktion“ war durch Heereslieferungen der Umsatz in der Fleischwarenproduktion von II Mio. Mark 1915 auf 26 Mio. Mark 1916 gestiegen. Auch die britischen Genossenschaftsgroßhandlungen meldeten Rekordumsätze.
Zunehmend wurde eine Diskussion über die Folgen des Krieges und die Aufgaben der Nachkriegszeit geführt. Verschiedentlich wurde die Kriegsschuldfrage thematisiert, wodurch Schärfe in die Debatte kam. Aus mehreren Ländern kamen Initiativen zur Organisation einer genossenschaftlichen Friedenskonferenz, die jedoch vom Leitenden Ausschuss in London zurückgewiesen wurden.
Vom Kongress des britischen Genossenschaftsverbandes im Mai 1917 wurde die Einschätzung berichtet: „Nach dem Kriege wird nichts mehr so sein, als es vorher gewesen ist. Wir dürfen uns wohl auf revolutionäre Umwälzungen in Britannien wie in anderen Ländern gefasst machen.“
Die Bände 1915 und 1916 sind bereits erschienen. Der Band 1918 wird in Kürze die Reihe abschließen.
Dr. Burchard BöscheHeinrich-Kaufmann-Stiftung
für das
Internationale Genossenschafts-Bulletin
Zehnter Jahrgang 1917
Nahrungsmittelverteilung in Österreich
Die englische Großeinkaufsgesellschaft
Sparbücher für obligatorische Spareinlagen
Bezirkskonsumvereine in Deutschland
Genossenschaftswesen und Staat. Herrn B. Jaeggis Rücktritt vom Schweizer Bundesrat
Kantinen oder Genossenschaftsgasthäuser
Mrs. Sidney Webb über internationale Handelsbeziehungen unter den Genossenschaften
Gewinnbeteiligungswesen in Großbritannien
Die schottische Großeinkaufsgesellschaft
Die praktische Notwendigkeit
Genossenschaftliche Dachgärten
Die Ausbreitung des Genossenschaftswesens in Schottland
Das Genossenschaftswesen in Antigua
Der Kongreß des holländischen Genossenschaftsverbandes 1917
George Jacob Holyoake
Das Genossenschaftsgeseß in Ontario
Das Kreditgenossenschaftswesen
Der britische Kongreß in Swansea
Die französische Genossenschaftsbewegung und der Krieg
Die neue finnische Regierung
Die Genossenschaftsbewegung und der Krieg. (Eine dänische Betrachlung)
Ein Aufruf an die Genossenschafter
Staatsbürgerliche Erziehung
Die Genossenschaften in Bengal
Die Holyoake-Hundertjahrfeier
Die Entwicklung des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine in den ersten beiden Kriegsjahren
Die Schwierigkeiten in der Beschaffung des Lebensunterhalts
Baugenossenschaften in Dänemark
Genossenschaftswesen – Internationale – Friede
Konzentrationsbestrebungen in der skandinavischen Konsumvereinsbewegung
Die Genossenschaftsbewegung in Spanien
Umsätze der Großeinkaufsgesellschaften im Jahre 1916
Vorschläge zu einem internationalen Genossenschaftskongrefe
Das Genossenschaftswesen Indiens
Zum Tode des Ehrenvorsitzenden des I. G. B., Earl Grey
Diskussion über das internationale Genossenschaftswesen
Eine neue Form des Gewinnbeteiligungswesens
Die Entwicklung der Genossenschaftsbewegung in Finnland in jüngster Zeit
Genossenschaftliche Warenvermittlung an der französischen Front
Die französischen Genossenschafter und die Wirtschaftspolitik nach dem Kriege
Das holländische Genossenschaftswesen während des Krieges
„Gewinne“ und „Rückvergütungen“
Der Sonderkongreß des britischen Verbandes in London
Der allrussische Kongreß der Genossenschaftsverbände
Vierter Nationalkongreß des Verbandes französischer Konsumvereine
Die Genossenschaftsbewegung in Kanada
Ein Angriff auf die Konsumgenossenschaften der Niederlande
„The Russian Cooperator“ („Der russische Genossenschafter“)
Das Grundgesetz des wirtschaftlichen Wiederaufbaues
Arbeiterschaft und Genossenschaftsbanken
Internationaler Genossenschaftsbund
Sitzungen des Leitenden Ausschusses →
Genossenschaftskongresse
Genossenschaftskongresse und Generalversammlungen 1917 →
Genossenschaftliche Mitteilungen
Argentinien.
„El Hogar obrere“ →
Belgien.
„Fédération des Sociétés Coopératives Belges“ in Brüssel →
Dänemark.
Die Umsäke der dänischen Genossenschaften im Jahre 1915 — 16 →
Nahrungsmittelkontrolle und Genossenschaftswesen in Dänemark →
Statistische Angaben über die dänischen Genossenschaften →
Die Warenknappheit in Dänemark →
Die Futtermittelgenossenschaft Jütland →
Deutschland.
Die landwirtschaftlichen Genossenschaften →
Die deutschen Raiffeisenkassen im Jahre 1914 →
Der Reichsverband deutscher Konsumvereine, e.V., Köln-Mülheim →
Der 14. ordentliche Genossenschaftstag des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine →
Der Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“ in Hamburg →
Der Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften im Jahre 1916 →
Statistik des deutschen Genossenschaftswesens für das Jahr 1914 →
Finnland.
Die Umsätze der finnischen Großeinkaufsgesellschaft im Jahre 1916 →
Der finnische Genossenschaftskleinverkauf im Jahre 1916 →
Frankreich.
Versammlung des gemeinsamen Vorstandes des Nationalverbandes der Konsumvereine und der Großeinkaufsgesellschaft →
Der Verband der Konsumgenossenschaften von Paris →
Genossenschaftliche Arbeiterwohnungen in Frankreich →
Griechenland.
Die genossenschaftliche Bewegung in Griechenland →
Großbritannien.
Kürzliche Grundstückserwerbungen der englischen Großeinkaufsgesellschaft →
Umsätze der britischen Großeinkaufsgesellschaft im dritten Vierteljahr 1917 →
Holland.
Die niederländische Großeinkaufsgesellschaft in Rotterdam im Jahre 1916 →
Island.
Genossenschaftswesen in Island →
Italien.
Statistische Angaben über die italienischen Konsumgenossenschaften im Jahre 1914 →
Die Versandabteilung der Unione Cooperativa in Mailand →
Generalversammlung des Consorzio Italiano →
Der Konsumverein Unione Cooperativa in Mailand im Jahre 1916 →
Technische Unterweisung in Italien →
Statistische Angaben über die Konsumvereine im Jahre 1915 →
Kleinasien.
Genossenschaftliches aus Kleinasien →
Norwegen.
Die norwegischen Konsumvereine 1916 →
Ein wichtiger Beschluß der norwegischen Genossenschafter →
Die Konsumgenossenschaft „Christiania“ im Jahre 1916 →
Österreich.
Die dem Allgemeinen Verbande der auf Selbsthilfe beruhenden deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in Österreich angeschlossenen Genossenschaften im Jahre 1914 →
Probleme der Genossenschaftsbewegung in Österreich →
Der 14. Genossenschaftstag des Zentralverbandes österreichischer Konsumvereine →
Ein Konsumverein im engeren Kriegsgebiete →
Der erste Wiener Konsumverein im Jahre 1916 →
Polen.
Die Genossenschaftsbewegung im Königreich Polen →
Der Verband der Konsumvereine in Polen →
Rußland.
Genossenschafter in der Regierung der Ukraine →
Die Moskauer Union der Konsumgenossenschaften →
Genossenschaftssanatorium an der Küste des Schwarzen Meeres →
Der genossenschaftliche Tabakhandel →
Genossenschaftskurse für Kriegsbeschädigte →
Schweden.
Die schwedischen Konsumgenossenschaften im Jahre 1915 →
Die Spareinlagen der schwedischen Genossenschafter im Jahre 1916 →
Genossenschaftliche Unfallversicherung in Schweden →
Aus der schwedischen Konsumvereinsbewegung →
Schweiz.
Die Genossenschaft für schweizerisches Kunsthandwerk →
Die Presse des Schweizer Genossenschaftsverbandes →
25 Jahre genossenschaftliche Tätigkeit in Bern →
Der schweizerische Raiffeisenverband im Jahre 1915/16 →
Erste Konferenz schweizerischer Genossenschafterinnen →
Der Verband Schweizer Konsumvereine im Jahre 1916 →
Die genossenschaftliche Getreidemühle am Genfer See →
Die schweizerische Torfgenossenschaft →
Die Genossenschaft für Wohnungswesen in Basel →
Die Schweizer Konsumgenossenschaft in Genf im Jahre 1916/17 →
Erwerb des Landgutes Roth-Lachen →
Serbien.
Konsumgenossenschaften in Serbien →
Der Stand der Genossenschaftsbewegung in Serbien →
Türkei.
Genossenschaftliches aus der Türkei →
Konsumvereine in der Türkei →
Ungarn.
Das Ergebnis des Geschäftsjahrs 1916 der „Hangya“ Großeinkaufsgesellschaft ungarischer Konsumvereine, Budapest →
Die ungarische Großeinkaufsgesellschaft „Hangya“ in Budapest →
Das Geschäftsjahr 1916 der Konsumgenossenschaft der ungarischen Staatsbahnangestellten →
Sanatorium und Erholungsheim der Genossenschaftsangestellten in Ungarn →
Ein neues genossenschaftlich-kommerzielles Unternehmen →
Vereinigte Staaten von Nordamerika.
Die Siedlung Llano in Kalifornien →
Die Vereinigung der Pfirsichpflanzer in Kalifornien →
Literatur. Bücherschau.
Verzeichnis von Neuerscheinungen →
Genossenschaftspresse.
Die „Emanzipation“ →
Volksjahrbuch →
Konsumgenossenschaft und Presse →
Aus Genossenschaftskreisen.
Besuyen, Karel Paulus William →
Blinoff, A. A →
Briguet, Raoul →
Christensen, M. →
Crahtree, James →
Dahl, H. W →
Dufumier →
Gide, Charles →
Glasse, Peter →
Grey, Der verstorbene Earl →
Janson, J. O. →
Miellet →
Nielsen, M. →
Renner, Dr. Karl →
Rutgers, Dr. Abram →
Schär, Dr. O. →
Schenkel, Konrad →
Würfel, Eduard →
Druck der Verlagsgesellschaft deutscher Konsumvereinemit beschränkter Haftung, Hamburg 5Beim Strohhause 38
X. Jahrgang
Nr. 1
Januar 1917
Zum dritten Male beginnen wir ein neues Jahr im Schatten des größten militärischen Konflikts, der jemals Jammer und Zerstörung über die Menschheit gebracht hat. Dennoch beginnen wir das neue Jahr voller Vertrauen in die Zukunft unserer großen Genossenschaftsbewegung und in der sicheren Hoffnung, daß uns bald die Gelegenheit zurückkehren wird, um den erhabenen Weg fortzusetzen, der zur Erreichung unserer Ideale führt. Alle Künste der Diplomatie und aller staatsmännischer Einfluß vermochten nicht, die Welt vor der gegenwärtigen Katastrophe zu bewahren, aber wir sind unerschütterlich geblieben in unserem Glauben, daß, wenn die Völker nur noch wenige kurze Jahre mehr zum Ausbau ihrer industriellen und wirtschaftlichen Beziehungen gehabt hätten, das gemeinsame Band, das durch unseren Leitspruch „Einer für alle, alle für einen“ gekennzeichnet wird, sich als unzerreißbar erwiesen haben würde. Nach zweieinhalb Kriegsjahren haben wir wenigstens die Genugtuung des Bewußtseins, daß unsere Genossenschaftsorganisationen in allen Ländern der allgemeinen Zerrüttung widerstanden haben. Mehr noch; sie sind sogar von den verschiedenen Staaten als wahre nationale Werte „entdeckt“ worden, die sich dem Dienste der Allgemeinheit widmeten, ohne dabei verdienen zu wollen, sondern in dem Bewußtsein Befriedigung fanden, der Menschheit nützen zu können.
Der Platz, den die Genossenschaftsorganisationen in Zukunft im Staatsleben und in der Verwaltung behaupten werden, ist ihnen gesichert, wir erwarten mit Ungeduld, daß die Stunde des Friedens schlagen möge, die nun nicht mehr fern sein kann, und daß alsdann die zerrissenen Fäden neu geknüpft werden und das große Werk der Wiederherstellung seinen Anfang nehmen kann. Wenn wir auch im Rückblick auf den Zusammenbruch unserer Hoffnungen im Jahre 1914 bedauern müssen, daß unsere verschiedenen Anstrengungen nicht ausreichten, der Flut der Vernichtung zu widerstehen, so dürfen wir jetzt dem Anlaß zu neuem Aufbau in der Gewißheit entgegensehen, daß wir unser Ziel erreichen werden.
Die Ereignisse haben die wohlgegründete Solidarität der Genossenschaftsarbeit erwiesen. Ihr höchstes Streben ist fortan die Herbeiführung weltumfassender Brüderlichkeit und die Sicherung dauernden Friedens. Wir sind davon überzeugt, daß in diesem Vorhaben das Wohl aller Völker der Welt in einer Weise gesichert wird, durch welche Staatskunst und Diplomatie leicht aufzuwiegen sind. Die Zeit für unsere Prinzipien wird gekommen sein, wenn der Krieg der Vergangenheit angehört. Möge die Stunde bald kommen, und mögen wir bereit sein, alles einzusetzen für die höchsten Interessen der Menschheit.
H. J. M.
Obwohl Österreich in weit höherem Maß Agrarland ist als Deutschland, sind die Schwierigkeiten der Lebensmittelversorgung in Österreich weit größer als in Deutschland, wo das einheitliche Wirtschaftsgebiet viele Maßnahmen erleichtert, und die fester gefügte staatliche Organisation, die viel zentralistischer zu arbeiten vermag, manches leisten konnte, was wir noch immer fordern müssen. Vor allem aber haben die meisten deutschen Gemeinden ihre Aufgaben doch in einem weit verständisvolleren Sinn aufgefaßt, als dies vielfach bei uns der Fall gewesen ist.
Österreich ist das Land der kleinen Gemeinden, und die Städte über 50 000 Einwohner sind sehr dünn gesät. Die kleinen, halb dörfischen und halb städtischen Gemeinden sind weder durch die Ausbildung und Schulung ihrer Beamten, noch durch ihre Organisation den neuen Aufgaben gewachsen gewesen. Aber auch die großen Gemeinden, vor allem die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, haben ihre Aufgaben nur zum kleinsten Teil gelöst. Die Gemeindeverwaltungen haben nichts getan, was die Händler hätte schädigen können, und es gibt heute in Osterreich keine einzige Gemeinde, die ein Kundenbuch hat. Eine planmäßige Rationierung wird nun erst, im 28. Monat der Kriegführung, langsam und sehr mangelhaft durchgeführt, und überall versucht man die Konsumvereine planmäßig auszuschalten. Eine Gemeinde, die Gemeinde Aussig, hat den privaten Handel und den Konsumverein vollständig ausgeschaltet und verkauft alle Waren in eigenen Verkaufsstellen, einige andere Bezirke haben gemeinsam mit den Konsumvereinen dort, wo wir große Bezirkskonsumvereine haben, die Warenversorgung des Bezirks organisiert; dort ist auch eine gleichmäßige und gerechte Verteilung zwischen Konsumvereinen und Gemeinden und zwischen allen Einwohnern des Bezirks durchgeführt. Aber die anderen Gemeinden, bis auf Triest, wo der Konsumverein gemeinsam mit der Statthalterei die Lebensmittelversorgung durchführt, benützen ihre wirtschaftliche Macht, die die Warenverteilung ihnen gibt, um die Händler auf Kosten der Konsumvereine zu bevorzugen. Die Händler wieder geben der guten und kaufkräftigen Kundschaft das Mehl und andere Waren oft zu höheren Preisen ohne Marken und in größeren Mengen ab und führen eine Protektionswirtschaft ein, die einfach unerhört ist. Dadurch wird der minderbemittelten Bevölkerung die Möglichkeit genommen, sich auch nur jene Mengen zu verschaffen, die die Karten ihnen zubilligen.
Die Arbeiter in der Kriegsindustrie, deren Betriebe ja unter dem Kriegsdienstleistungsgesetz stehen, das wir in Österreich schon im Frieden bekommen haben, konnten infolge dieser Zustände nicht mehr leistungsfähig erhalten werden; sie haben an ihre Unternehmer die Forderung gerichtet, daß ihre Versorgung in anderer Weise durchgeführt werden muß, oder sie müßten ihre Arbeitsleistungen verringern. Ein Hindenburgbrief in anderer Form. Das Kriegsministerium hat die Gewerkschaftsorganisationen zu einer Konferenz eingeladen und erklärt, es sei bereit, die Versorgung der Arbeiter aller kriegsdienstleistenden Betriebe in den Versorgungsverband der Armee aufzunehmen, wenn die Organisation der Arbeiter die Sache praktisch durchführe.
Die Gewerkschaftsorganisationen, die ebensowenig einen Verteilungsapparat haben wie das Kriegsministerium, haben wiederum das Einverständnis mit den Konsumvereinen gesucht, und es wurde nach langen Verhandlungen eine neue genossenschaftliche Organisation geschaffen, die als Lebensmittelverband der Kriegsdienstleister zu arbeiten begonnen hat. Der Organisation gehören die Unternehmer, die Gewerkschaften und die Großeinkaufsgesellschaft der österreichischen Konsumvereine an, und auch der Verwaltungsausschuß besteht aus Vertretern aller drei Organisationen. Die praktische Durchführung wird von allen gemeinsam geleistet, wenn auch die Großeinkaufsgesellschaft den Löwenanteil zu leisten hat.
Es war eine Bedingung, die wir gestellt haben, daß unsere Konsumvereinsmitglieder, die ja zum größten Teil Kriegsdienstleister sind, ebenso versorgt werden müssen wie die Kriegsdienstleister, denn eine verschiedene Behandlung der Mitgliedschaften wäre nicht durchzuführen gewesen. Bis jetzt gehören dem Lebensmittelverbande 400 Betriebe mit mehr als 200 000 Arbeitern an. Es kommen nun auch die Wiener Tabakfabriken, die kaiserliche Münze und die Arbeiter der Tabakregie hinzu. Die Konsumvereine und der Lebensmittelverband versorgen in Wien nun 575 000 Menschen, ein Viertel der Wiener Bevölkerung; wenn man die eingerückten Soldaten abrechnet, gewiß ein Drittel. Die Arbeiter des Arsenals sind sofort den Konsumvereinen als Mitglieder beigetreten, und die Geschäftsanteile werden ihnen von der Militärverwaltung nach und nach abgefordert.
Praktisch wird die Sache so geregelt, daß der Erste Niederösterreichische Arbeiterkonsumverein, der die größten Eigenbetriebe innerhalb der Wiener Vereine besitzt, die Verteilung und Versorgung — Zufuhren usw. — für die Konsumvereine übernommen hat, während die Großeinkaufsgesellschaft die 400 Betriebe direkt beteilt. Die Spesen werden von dem Lebensmittelverbande getragen, so daß die Großeinkaufsgesellschaft, die im Anfang den Verband mit einer Million Kronen kreditiert hat, jetzt, wo der Verband auch gesetzlich konstituiert ist, nur die Leitung beizustellen hat. Die großen Betriebe haben mit Hilfe der gewerkschaftlichen Organisationen eigene Abgabestellen errichtet, die kleineren mit weniger als 100 Arbeitern haben ihre Arbeiter den Konsumvereinsfilialen zugewiesen. Es wird nun eine genaue Kartothek errichtet, die über alle Mitglieder und deren Familienangehörigen eine genaue Aufstellung enthalten wird, damit jede Doppelbeteilung ausgeschlossen ist.
Der Verband, das heißt die Großeinkaufsgesellschaft als Zentrale, erhält die Waren, die wir in Österreich auf Karten und nach staatlichen Portionen zugewiesen erhalten, direkt von den Reichszentralen — Kriegsgetreideverkehrsanstalt, Zucker-, Fett- und Kaffeezentrale — übermittelt. Auch das Brot wird in den Hammerbrotwerken und in der Bäckerei des Ersten Niederösterreichischen Konsumvereins für die 575 000 Menschen hergestellt. Außerdem mußten noch 16 private Bäckereien gemietet werden, weil die Aufgabe sonst nicht zu bewältigen gewesen wäre.
Jeder praktisch arbeitende Genossenschafter wird sich vorstellen können, welche Unsumme von Arbeit geleistet werden mußte, um diesen ungeheuren Apparat zu schaffen, und niemand hätte wohl unseren Vereinen zugemutet, eine solche Arbeit im Frieden und in 14 Tagen zu leisten. Allerdings gehört auch der unbesiegbare Optimismus, der freudige, begeisterte und begeisternde Arbeitseifer unseres Verbandsobmanns Dr. Renner dazu, um alle Zweifel zu besiegen und alle Widerstände zu brechen, von welcher Seite immer sie entgegengestellt werden mögen. Heute sehen wir alle, daß das große Werk zeigt, daß unsere Genossenschaftsbewegung im Kriege nichts eingebüßt, sondern weit mehr an innerer Kraft gewonnen hat und leistungsfähiger geworden ist.
Bewunderungswürdig ist die Arbeit, die von allen Funktionären geleistet wurde. Sie war natürlich ohne Mißstimmungen unter den Mitgliedern, die den Wert der neuen Sache nicht sofort begreifen wollten, und ohne sehr große innere Schwierigkeiten — man denke, daß manche Filiale ihren Mitgliederstand über Nacht verdoppelt hat — nicht durchzuführen. Heute aber beginnt man einzusehen, daß der Lebensmittelverband jedem den bescheidenen Spaßen in der Hand sichert, und das wird immer mehr als das Wertvolle anerkannt werden müssen. Solange etwas zum Verteilen da sein wird, werden unsere Mitglieder und die Kriegsdienstleister das bekommen, was ihnen die Karten zubilligen, die auch bei uns immer zahlreicher werden müssen. Schon tauchen die Kartoffel- und die Seifenkarte auf, und die Fleischkarte wird folgen. Diese Mengen werden dann durch die neue Organisation gleichmäßig an die Mitglieder verteilt werden, und jeder wird seinen Teil bekommen. Diese praktische Erziehung zur Gerechtigkeit ist auch innerhalb unserer Mitgliedschaften nicht leicht, denn heute, wo alle vorgeschriebenen Mengen zu klein werden, möchte natürlich jeder noch etwas mehr haben als die anderen, mehr, als ihm bei gerechter Verteilung gebührt.
Die neue Organisation beginnt sich so zu bewähren, daß man schon darangeht, sie auf Niederösterreich und wohl auch auf Böhmen auszudehnen. In Niederösterreich ist man bereits bei der praktischen Ausführung angelangt. Es sollen unter denselben Bedingungen 1 000 079 Kriegsdienstleister den Konsumvereinen zugewiesen werden. Das wird zur Gründung einer Reihe von Bezirksorganisationen führen, die natürlich wieder die Bezirkskonsumvereine für den Frieden vorbereiten werden. Diese Aufgabe ist noch schwieriger und mit noch größeren Widerständen behaftet, denn die Entfernungen sind sehr groß, und die Bahnverhältnisse werden die Durchführung wesentlich beeinflussen. Aber wir werden innerhalb der Kriegswirtschaft eine große Organisation erhalten, die auf das glücklichste den staatlichen Zwang mit der Selbsthilfe der Organisationen vermählt. Was in vielen Ländern noch ein schweres geistiges Problem ist, konnten wir in Österreich schnell und glücklich lösen.
Die neue Organisation zeigt aber auch, wie außerordentlich wertvoll die Organisation der Selbsthilfe für die Ernährung des Volkes und für die Volkswirtschaft im allgemeinen ist. Ohne Konsumentenorganisationen hätte man die Arbeiter der Kriegsindustrie einfach kasernieren müssen, um sie ernähren zu können. Die Organisation der Selbsthilfe hat aber den Arbeitern die Freiheit der privaten Wirtschaftsführung gerettet, den Gewerkschaften soweit als möglich den Einfluß auf die Gestaltung der Dinge gewahrt und paart den notwendigen staatlichen Einfluß mit der persönlichen Freiheit, soweit es im Krieg überhaupt möglich ist. Daß wir das erreichen konnten, danken wir der großen Konsumentenorganisation, die wir haben, und all den Tausenden Männern und Frauen, die sie in selbstlosester Opferbereitschaft geschaffen haben. Vieles, was die Not geboren, wird im Frieden bestehen können. Tausende Menschen werden den Wert der Organisation erkennen lernen und als freiwillige Streiter fortsetzen, was sie unter staatlichem Zwang begonnen haben.
Emmy Freundlich (Wien).
Das Hauptereignis in der letzten Vierteljahrsversammlung der Großeinkaufsgesellschaft im Monat Dezember war die von den Direktoren gegebene Darlegung ihrer Pläne zur Erlangung der Kontrolle über die Rohstoffe. Sehr bezeichnend und von unendlicher Wichtigkeit war ihre Erklärung, zu der Hoffnung berechtigt zu sein, daß die Differenzen der Bewegung mit den Kohlenbergwerksbesitzern in kurzer Zeit beendigt sein dürften.
Die großen Landankäufe, die hier und anderswo kürzlich stattfanden, führen uns einen Schritt näher zur Kontrolle der Lebensmittelerzeugung und bedeuten auch einen wertvollen Beitrag zur Lösung der Bodenfrage in Großbritannien. Schwieriger ist die Frage des Eigenbetriebs in der Schiffahrt, die in unseren Augen tatsächlich nur gelöst werden kann durch Schaffung internationaler Handelsbeziehungen zwischen den Genossenschaftsorganisationen aller Länder der Alliance sowohl als auch solcher Länder, die wir in naher Zukunft mit uns vereint zu sehen hoffen.
Die vor kurzem nach Kanada und den Vereinigten Staaten entsandte gemeinsame Abordnung der beiden britischen Großeinkaufsgesellschaften ist ein Ereignis, das für die künftige Entwicklung des Genossenschaftswesens nicht ohne Bedeutung sein wird, ganz abgesehen von seinem bedeutenden Einfluß auf die Frage, wie den Genossenschaftern die Kontrolle über die Lebensmittelversorgung zu sichern sei.
Die Konsumvereinsbewegung in Kanada kämpft schwer, um sich nach den im Mutterlande gültigen Genossenschaftsgrundsätzen zu organisieren und zu behaupten. Die Eröffnung und Erweiterung von Handelsbeziehungen zwischen der Großeinkaufsgesellschaft und Kanada werden unseren jenseitigen Nachkommen anschauliche Lektionen sein, wie sie die Unternehmungen der schottischen Großeinkaufsgesellschaft heute schon bedeuten.
Die Übernahme der Afrikanischen Ölmühle in Liverpool wie die Erweiterungen in Sierra Leone und West-Nigeria waren alles Schritte in der gegebenen Richtung. Vielleicht handelt es sich nur um kleine Anfänge, die aber unter den richtigen Voraussetzungen begonnen wurden; die Geschichte unserer Bewegung beweist ja, wie schnell die Weiterentwicklung um sich greift, wenn die Genossenschafter erst einmal den richtigen Weg gefunden haben und ihre ganze Energie an die neue Aufgabe setzen.
Die Frage des Handinhandgehens der Konsumvereinsbewegung mit den landwirtschaftlichen- Genossenschaften bleibt immer schwierig. Die Hindernisse verdoppeln sich noch, wenn die letzteren außer der Erzeugung von Marktware und der Versorgung mit Landwirtschaftsbedarf sich noch mil Konsumhandel befassen.
Konsumgenossenschafter haben eine instinktive Abneigung gegen regierungsseitige Überwachung und Geldbeihilfen. Sie befürworten eine Bewegung, die auf Grund gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamer Beisteurung der Arbeiter an Kapital wie an Arbeit aus sich selbst heraus zum größten Handels- und Industrieunternehmen der Welt geworden ist. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften sind nicht ganz ohne Spur von staatlicher Einmischung und einer gewissen Dosis philanthropischen Ammentums, das den Nachfolgern der Rochdaler Pioniere niemals zusagen wird. Überdies macht sich bei unseren landwirtschaftlichen Genossen ein Mangel an Gegenseitigkeit bemerkbar, der das Zusammengehen beider Glieder der Bewegung nicht eben fördert.
Solche Probleme des Ineinandergreifens ergeben sich, wenn die landwirtschaftlichen Genossenschaften Konsumvereinstätigkeit ausüben. Wir bringen dem Vorschlage der „Radstock-Genossenschaft“, daß eine Umfrage über die ganze Angelegenheit veranstaltet werden soll, recht viel Wohlwollen entgegen. Man soll es durchaus nicht bei der Versicherung seitens der Direktoren bewenden lassen, daß die benachbarten Vereine befragt worden seien, ob sie gegen die Aufnahme dieser Genossenschaften in die Vereinigung irgendwelche Einwände zu erheben haben.
In gewissem Maße mag das gut sein; aber die eigentliche Grundfrage bleibt dabei unberührt. Es ist nun an der Zeit zu einem ernstlichen Befassen mit der Sache und zur Entscheidung für eine Handlungsweise, die von der ganzen Bewegung gebilligt wird. Es wurde ein Vorschlag eingebracht, die Stimmenanzahl, die einer Genossenschaft bei den Versammlungen der Großeinkaufsgesellschaft zukommt, auf Grund der Höhe des Umsatzes anstatt des Kapitals neu zu regeln. Der Vorschlag wird bei der nächsten Versammlung weiter erörtert werden.
Werfen wir nun noch einen Blick auf die Umsatzzahlen der Großeinkaufsgesellschaft und auf den Vierteljahrsbericht des Vorstandes, so ersehen wir eine bemerkenswerte Zunahme der Umsatz- wie der Warenwerte.
Der Gesamtumsatz des Vierteljahrs betrug 11 815 155 Pfund Sterling, das ist gegenüber dem Jahre 1915 eine Steigerung von nahezu anderthalb Millionen Pfund Sterling. Die Zunahme in der Produktion war noch größer; der Gesamtwert belief sich hier auf 3 899 258 Pfund Sterling, was einer Steigerung gegen das Jahr 1915 von 25 v. H. entspricht.
In den acht Mühlen der Großeinkaufsgesellschaft wurden während des Sommers 150 000 Sack Korn und Weizen mehr gemahlen als im Vorjahre. Die genauen Zahlen für die entsprechenden Vierteljahre sind: Juni bis September 1915 654 857 Sack im Werte von 1 722 348 Pfund Sterling, Juni bis September 1916 805 223 Sack im Werte von 2 212 181 Pfund Sterling.
Die Zahlen für die drei Schuhfabriken gestalten sich zusammen folgendermaßen: Juni bis September 1915 670 122 Paar im Werte von 207 075 Pfund Sterling, Juni bis September 1916 613 395 Paar im Werte von 223 646 Pfund Sterling.
Diese Zahlen zeigen in Verbindung mit anderen in dem Bericht aufgeführten, daß für die Beurteilung der Kriegswirkung auf Verbrauch und Erzeugung folgende Schlüsse maßgebend sein werden. Die Mehrheit des Volkes steigerte ihren Brotbedarf, wozu die Großeinkaufsgesellschaft das Mehl mit dem geringstmöglichen Preisaufschlage liefert; viele aber kaufen (bei erhöhten Preisen) weniger Bekleidungsgegenstände, Schuhzeug und Bedarfsartikel. Die gesteigerten Kriegseinnahmen vermögen mit den allgemein höheren Preisen nicht Schritt zu halten, während schon vor drei Monaten in jenen Gewerben, die viel Bedarf an gelernten Arbeitern haben, der Arbeitermangel zu höheren Herstellungskosten bei verminderter Warenerzeugung führte.
Die „Coopératives Réunies“ in Chaux-de-Fonds haben in der „Coopération“ einen Entwurf zu einem neuen Sparsystem für Genossenschafter veröffentlicht.
Vor einigen Jahren forderte eine große Anzahl Genossenschafter die Einführung dieser Form des Sparsystems. Jetzt hat der Vorstand ihrem Wunsch entsprochen, und das neue System gelangt seit dem 1. Januar 1917 zur Anwendung.
Das System ist folgendes: Der Sparer verpflichtet sich, bis Sonnabend 8 Uhr abends den Betrag von 1, 2 oder 3 Frank einzuzahlen. Diese Einzahlungen müssen regelmäßig stattfinden, andernfalls wird eine kleine Geldstrafe verhängt, die den Sparer veranlassen soll, selbst in schwierigen Zeiten zu versuchen, seinen wöchentlichen Betrag zu hinterlegen. Diese wöchentlichen Zahlungen sind drei Jahre hindurch zu leisten, um nach Ablauf dieser Zeit als Kapital einschließlich der Kapitalzinsen zurückerstattet zu werden. Ein Sparer, der jede Woche 1 Frank hinterlegt, hat in drei Jahren 156 Frank gespart, bekommt aber einschließlich der Zinsen 166,50 Frank. Wer wöchentlich 2 Frank einzahlt, wird 312 Frank angesammelt haben und so an Kapital und Zinsen auf 333 Mark kommen.
Der Zinsfuß beträgt 4½ v. H.
Die von anderen Instituten verhängten Geldbußen für Nichteinzahlung betragen 10 v. H. für jede Woche; die „Coopératives Réunies“ wollen jedoch den Strafsaß herabsetzen und für jede rückständige wöchentliche Einzahlung 5 v. H. berechnen.
Es sind drei Buchserien vorgesehen: Serie A im Januar 1917, Serie B im Dezember 1917, Serie C im Dezember 1918.
Auf diese Art kann jeder sparsame Genossenschafter jedes Jahr seinen Namen in ein Sparbuch eintragen lassen und sich für jeden Neujahrstag eine Summe sicherstellen.
Das Wachstum der „Coopératives Réunies“, die Einrichtung ihrer Genossenschaftsdruckerei, die kürzlich umfangreiche Lieferungen erzielte, die Verschmelzung mit der Konsumgenossenschaft zu Locle, die über einen Warenvorrat im Werte von 200 000 Frank verfügte, die durch die Eröffnung des Verkaufs von Früchten und Grünwaren veranlaßten Ausgaben, der Kauf des Landguts in Saignelégier (ein sehr erfolgreiches Unternehmen), der Umbau des Lagerhauses Rue de la Serre 43 und des Hauptbureaus und schließlich die infolge der schwierigen Zeitverhältnisse enormen Warenkäufe — all dieses erfordert sehr viel Kapital. Dabei haben die Genossenschafter ihre Ersparnisse vielfach in Privatbanken angelegt. Wir wenden uns an ihre Vernunft mit dem Hinweise, daß es ihre Pflicht ist, ihre Ersparnisse den eigenen Genossenschaftsverbänden anzuvertrauen. Die ihnen gewährten Zinsen werden mindestens die gleiche Höhe haben wie bei den Privatbanken. Wenn unsere Organisation, die „Coopératives Réunies“, von den gleichen Banken, bei denen ihre Mitglieder ihren Verdienst sparen, Gelder aufnehmen müßte, so wären dafür 6½ bis 7 v. H. Zinsen zu bezahlen, also 50 v. H. mehr als die 4½ v. H., die den Genossenschaftern direkt zukämen.
Darum ist es ein großer Fehler der Genossenschafter, wenn sie derartig handeln.
Von Ferdinand Vieth (Hamburg).
Die Form der konsumgenossenschaftlichen Organisation hat in Deutschland im letzten Jahrzehnt eine große Wandlung erfahren. Während früher jeder Ort, jede große Stadt in verschiedenen Stadtteilen und Vororten einen selbständigen Konsumverein besaßen, gilt diese Form der Organisation als überwunden, und an Stelle der vielen kleinen Vereine sind Bezirkskonsumvereine getreten, die sich nicht nur über die ganze Stadt, sondern über einen ganzen Bezirk, manchmal in einer Ausdehnung von 50 und mehr Kilometern erstrecken.
Der erste Bezirkskonsumverein in Deutschland ist der Konsumverein für Bremerhaven, der heute den Namen Konsum- und Sparverein „Unterweser“ führt. Der Verein wurde im Jahre 1902 mit kaum 200 Mitgliedern in Bremerhaven gegründet. Seine Entwicklung war eine sehr schnelle, so daß er schon im dritten vollen Geschäftsjahr 1 Million Mark Umsatz erreichte.
An der Unterweser hatte sich eine Reihe kleiner Industrieorte gebildet, in denen das Interesse der Arbeiterschaft für die Konsumvereinsbewegung ebenfalls rege wurde. Der Konsumverein Bremerhaven stand nun vor der Frage, entweder in all diesen Orten kleine, selbständige, aber wenig leistungsfähige Konsumvereine erstehen zu lassen oder Zweigstellen des eigenen Vereins nach dort zu legen. Der Verein entschied sich für das letztere. So entstanden in 19 Orten an der Unterweser und an der Nordsee Verkaufsstellen des Konsumvereins für Bremerhaven. Die geschäftliche Zentrale des Vereins blieb in Bremerhaven. Von der Zentrale bis zur äußersten Verkaufsstelle weseraufwärts beträgt die Entfernung 51 km, entgegengesetzt 43 km. Die Strecke zwischen den beiden äußerst gelegenen Verkaufsstellen mißt also fast 100 km.
Durch diese Ausdehnung des Vereins mußte auch seine Verfassung eine Änderung erfahren. Die in den Außenorten wohnenden Mitglieder konnten nicht an der Generalversammlung teilnehmen und hatten infolgedessen keinen Einfluß auf den Verein. Um nun die Rechte der Mitglieder gleichmäßig zu verteilen, wurde ein neues Organ, der Genossenschaftsrat geschaffen. In den Genossenschaftsrat wählt jeder Ort für Je eine Verkaufsstelle drei Mitglieder. Der Genossenschaftsrat bildet also ein Genossenschaftsparlament und übt in der Hauptsache die Funktionen der Generalversammlung aus. Um aber auch die Einzelmitglieder am Veieinsleben zu beteiligen, finden in jedem Ort in bestimmten Zwischenräumen Mitgliederversammlungen statt.
Die schnelle Ausdehnung gestattete dem Verein sehr bald den Übergang zur Eigenproduktion. Schon im fünften Geschäftsjahr konnte der Verein eine große, eigene Betriebszentrale errichten. Im sechsten Geschäftsjahr erzielte der Verein schon einen Umsatz von fast 3 Millionen Mark, und seine Mitgliederzahl betrug 10 300. Die Geschäftsanteile der Mitglieder betrugen 155 000 Mark und die freiwilligen Einlagen der Mitglieder 325 000 Mark. Heute existiert der Verein 14 Jahre, und da sind seine Bilanzzahlen schon entsprechend größer.
Der Erfolg dieses ersten Bezirkskonsumvereins brachte die Frage in Deutschland, ob Orts- oder Bezirkskonsumverein, zur allgemeinen Diskussion, und meistens wurde zugunsten des Bezirkskonsumvereins entschieden. Heute zählen wir in Deutschland eine große Anzahl Bezirkskonsumvereine. Die größten davon sind: der Konsum-, Bau- und Spar-verein „Produktion“ in Hamburg mit 90 000 Mitgliedern und 40 Millionen Mark Umsatz, die Berliner Konsumgenossenschaft mit 100 000 Mitgliedern und 24 Millionen Mark Umsatz, der Essener Verein mit 71 000 Mitgliedern und 20 Millionen Mark Umsatz. Ferner zählen zu den großen Bezirkskonsumvereinen die Vereine in Dresden, Dortmund, Köln, Elberfeld, Barmen, Bielefeld, Kiel, Lübeck, Sagan, Gottesberg. Fast alle in den letzten 15 Jahren in Deutschland gegründeten Konsumvereine haben den Charakter des Bezirkskonsumvereins angenommen.
Welches sind nun die Vorteile des Bezirkskonsumvereins? Der Bezirkskonsumverein bringt für einen großen Bezirk eine einheitliche genossenschaftliche Organisation, an Stelle vieler kleiner, wenig leistungsfähiger, sich häufig gegenseitig Konkurrenz machender Vereine. Der große Bezirkskonsumverein kann durch seinen großen Umsatz vorteilhafter einkaufen und durch ladungsweisen Bezug viele Frachiausgaben ersparen. Besonders aber kann der Bezirkskonsumverein Eigenproduktion betreiben, die für kleine Vereine unmöglich ist. Zehntausend Mitglieder in einer Organisation zusammengefaßt bilden eine andere wirtschaftliche Macht, als wenn diese zehntausend Mitglieder sich auf zehn oder zwanzig kleine Vereine verteilen. Das ist die Ursache des großen Erfolgs der Bezirkskonsumvereine.
Als ein Nachteil hat sich allerdings das Prinzip gezeigt, in allen Orten, die dem Bezirkskonsumverein angeschlossen sind, ohne Rücksicht auf Größe und Entfernung derselben, die gleichen Preise und gleichen Lohnbedingungen einzuhalten. Diese Frage wird heute noch diskutiert, sonst aber hat das Urteil der deutschen Genossenschafter zugunsten der Bezirkskonsumvereine entschieden.
Herrn B. Jaeggis Rücktritt vom Schweizer Bundesrat.
Den Zeitungen des Schweizer Genossenschaftsverbandes entnehmen wir die Nachricht, daß unser Freund Herr B. Jaeggi seine Entlassung aus dem Amt als Mitglied des Schweizer Bundesrats eingereicht hat, um sich ausschließlich den Interessen der Arbeiter im allgemeinen und besonders denen der Genossenschaftsbewegung zu widmen.
Wie unseren Lesern bekannt sein dürfte, ist Herr Jaeggi der Vorsitzende im Verwaltungsausschuß des Verbandes schweizerischer Konsumvereine und einer seiner Vertreter im Zentralvorstand des Internationalen Genossenschaftsbundes. Wir sind nicht in der Lage, sein Verhalten irgendwie zu beurteilen, aber die unabhängige, aufrechte Art, in der er sein Amt aufgibt, wird ihm das anerkennende Interesse der Genossenschafter eintragen, und allen, die unsere Ideale hochhalten, wird es Befriedigung gewähren, wie er die Interessen des Genossenschaftswesens und die der Arbeiter im allgemeinen allen anderen voranstellt.
In einem Brief an die Bundesbehörden, in dem er seinen Verzicht mitteilt, versichert Herr Jaeggi die Regierung seiner treuen Mitarbeit an der Lebensmittelversorgung der Schweiz, soweit er vermöchte. Er gibt auch zu verstehen, daß er künftig alles tun wird, was in seiner Macht steht, um die Konsumvereine ohne Ansehen ihrer politischen Richtung zur weiteren tätigen Beihilfe bei der Lösung der Schweizer Wirtschaftsschwierigkeiten anzuspornen. Dem Schreiben war die Abschrift eines an die Schweizer sozialdemokratische Partei gerichteten Briefes beigefügt, in dem er ausführt:
„Seit Kriegsausbruch sah ich mich wiederholt zu der Erklärung veranlaßt, daß mein Standpunkt zu verschiedenen wichtigen Fragen, besonders im Hinblick unserer Stellungnahme zu der aufgezwungenen Wirtschaftspolitik, nicht immer mit dem übereinstimmt, den verschiedene Organe unserer Partei vertreten. Der Krieg hat einen neuen und besonderen Zustand der Dinge gezeitigt. Die Preise für Nahrungsmittel und sonstigen Bedarf sind sehr beträchtlich gestiegen und werden noch weiter steigen, ohne daß Löhne und Gehälter eine irgendwie entsprechende Zunahme erfahren. Die ärmeren Klassen der Bevölkerung befinden sich in großer Notlage und leiden vielerlei Mangel. Die bedeutendste Aufgabe in dieser Lage ist es, Mittel und Wege zu finden und anzuwenden, um die Lage der Arbeiter doch wenigstens in einem gewissen Maße zu verbessern. Zur Erreichung dieses Zieles ist es meiner Meinung nach notwendig, mehr positive Arbeit dafür zu leisten, anstatt kleinliche Kritik und Opposition in den Vordergrund zu stellen. Wenn die gesamte sozialdemokratische Partei in dieser Sache sich mehr genossenschaftlich betätigen würde, könnte sie, zum größeren Vorteil der Minderbemittelten bei den Beratungen für den Staatshaushalt viel größeren Einfluß geltend machen.
Als Vorsitzender des Verwaltungsvorstandes der Schweizer Konsumvereine habe ich eine verantwortungsreiche Stellung und bin mir der Pflicht bewußt, zur Förderung des Genossenschaftswesens alles zu tun was in meiner Macht steht. Ich würde die Erfüllung meiner Pflicht vernachlässigen, wollte ich politische Erwägungen höher stellen als das Gedeihen und die Entwicklung unserer genossenschaftlichen Gründungen. Meine Beteiligung an der Geschäftsführung und der Fortentwicklung der Genossenschaftsunternehmen bringt mir viel persönliche Befriedigung. Es sind noch viel neue und große Aufgaben zu bewältigen, und ich will gern meinen Teil zu ihrer Lösung beitragen. Um das zu können, brauche ich aber mehr Zeit, als mir jetzt zur Verfügung steht.
Vor einiger Zeit machte sich in der Partei eine Tendenz bemerkbar, den Mitgliedern, die zur Bekleidung von Ämtern in der Regierung gewählt worden waren, selbst in taktischen Angelegenheiten den von ihnen einzuhaltenden Weg vorzuschreiben, ohne immer die Ansichten und Überzeugungen ihrer Vertreter zu respektieren. Natürlich sehe ich ein, daß jede Partei in ihren Grundprinzipien übereinstimmen muß; in den vielen Jahren meiner politischen Laufbahn habe ich diesen Grundsatz stets befolgt. Der Sozialismus entwickelt sich auf solider Grundlage, und ich bin überzeugt, daß er den Privatkapitalismus überholen wird. Ich würde gegen mein Gewissen handeln, wenn ich Parteiresolutionen aufrechterhalten und verfechten würde, die oft nichts mit den sozialistischen Grundsätzen gemein haben und die nicht selten ohne sorgfältige Prüfung angenommen werden. Ich schätze meine politischen Mandate nicht so hoch ein. Ich kann, muß und will keine Parteiresolution aufrechterhalten, die ohne gründliche Begutachtung durchging.
Im allgemeinen habe ich die Für und Wider des politischen und parlamentarischen Lebens kennengelernt und bin zu dem Schlusse gekommen, daß ich viel mehr nützen kann, indem ich meine Tätigkeit der Genossenschaftsbewegung widme, als wenn ich einen großen Teil meiner Zeit über der Ausübung eines politischen Mandats verliere.
Dies sind die Gründe, die mich bewogen haben, auf mein Mandat als Mitglied des Nationalrats und des Bundesrats zu verzichten.“
Von A. Daudé-Bancel.
Gegenwärtig ist in ganz Frankreich eine Bewegung zugunsten der Einrichtung von Genossenschaftsgasthäusern im Gange. Die Bewegung auf diesem Gebiete ist hauptsächlich dem erfolgreichen Vorgehen von Herrn Albert Thomas zu danken. Eine große Anzahl von Städten hat sich der Bewegung bereits angeschlossen, während andere dazu im Begriff sind.
Im Ministerium für Munition ist zum Zweck der Unterstützung dieser Wirtschaften ein Fonds gebildet worden. Dieser verleiht zusammen mit dem Umstande, daß die Angehörigen des Ministeriums Anhänger der Genossenschafisidee sind, sichere Gewähr für den Erfolg der neuen Unternehmungen.
Es liegt in der Absicht derjenigen, die die Idee ins Leben riefen, daß die Mehrzahl dieser Gasthäuser nach dem Kriege fortbestehen solle. Sie sind in der Tat ein Kriegserzeugnis, und wenn die Betriebe, aus denen die Kunden kamen, ihre Tätigkeit noch nach der Einstellung der Feindseligkeiten fortsetzen, so ist kein Grund zu ersehen, warum die Gasthäuser es nicht ebenso halten sollten. Selbst wenn eine gewisse Anzahl dann schließen würde, so wäre ihre Einrichtung doch nicht umsonst gewesen; denn sie hätten in der Zeit ihres Bestehens doch die Aufmerksamkeit vieler auf das Genossenschaftswesen gelenkt, die bis dahin noch nichts davon wußten oder die Bewegung falsch beurteilten und feindselig betrachteten.
Die Errichtung dieser Gasthäuser wird vielen Angestellten beweisen, daß ein großes kapitalistisches Unternehmen leichter einzuführen ist als ein bescheidenes Arbeitergasthaus. Gleichzeitig werden die Arbeiter lernen, daß Pläne zu verwirklichen nicht so leicht ist, als es den Anschein hat, daß es aber immerhin durch guten Willen, methodisches Vorgehen, persönliche Opfer und Disziplin ermöglicht wird, beträchtliche Vorteile zu verschaffen.
Wenn unsere Genossen, sei es auch nur in geringem Maße, sich an einem Genossenschaftsgasthause mitbeteiligten, werden sie nützliche praktische Erfahrungen gesammelt haben und imstande sein, wichtigere Unternehmen zu leiten, wie es nach dem Kriege die wirtschaftliche Lage von der Allgemeinheit vielfach erfordern wird. Sie werden ferner die Gewöhnung an gegenseitige Verantwortlichkeit erlangt haben, die sie auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereiten wird.
Dem überzeugten und eingeweihten Genossenschafter ist es offensichtlich, daß ein Genossenschaftsgasthaus einer Angestelltenkantine unendlich weit überlegen ist.
Bei meinen Besuchen, die ich als Delegierter des Ministeriums für Munition zu dem Zwecke machte, die Einführung von genossenschaftlichen Gasthäusern zu erleichtern, beobachtete ich die verdienstvolle Tätigkeit die Zivil- und Militärverwaltungen bei ihren Kriegsleistungen zeigten.
In vielen Ortschaften sind Fabriken entstanden, bei denen es erforderlich war, Werkstätten, Speiseräume, Küchenanlagen und selbst Schlafgelegenheit für die Arbeiter, deren es oft bis zu 30 000 waren, zu errichten.
Die Häupter der französischen industriellen Unternehmen haben sich im allgemeinen als bemerkenswerte Führer der Industrie erwiesen; einige ihrer Kantinen, wie zum Beispiel in Camargue, waren wirklich zu bewundern. Unglücklicherweise fehlt aber in zu vielen Fällen die Sympathie zwischen den Urhebern dieser interessanten, rein philanthropischen Einrichtungen und den Arbeitern. Die Arbeiter benützen die Kantinen nur, um sich Nahrung zuzuführen, aber ohne die Gelegenheit zu brüderlichem Verkehr mit den Arbeitsgenossen zu benützen.
Die teuren Kantinen der Unternehmer, die, was die Beguemlichkeiten anbelangt, fast an Luxus grenzen, üben auf die Arbeiter, in deren Interesse sie entstanden sind, nur wenig Anziehungskraft aus. Man vergleiche sie zum Beispiel mit dem kleinen Genossenschaftsgasthaus in Nantes, wo alle unsere Genossen vom Geiste der Zusammenarbeit beseelt sind, wo sie, nachdem sie ihre Mahlzeit eingenommen haben, den Wirtschaftsleitern bei den Vorbereitungen zum Frühstück für den nächsten Tag helfen. Sie interessieren sich an der Bewirtschaftung und gewinnen neue Stammkunden mit einem Eifer, wie er dem Eigner eines gewöhnlichen Gasthauses nie vorkommen dürfte. Wenn man sich all dies vor Augen hält, so kann man die Wunder vorhersehen, die das Genossenschaftswesen noch fertigbringen kann.
Auf Ersuchen unserer Freunde von der Konsumgenossenschaft „Prolétarienne“, Montagne, nahm ich auch mit den Fabrikanten des Bezirks Fühlung und stellte ihnen anheim, im Interesse ihrer Angestellten die gleichen Maßnahmen zu ergreifen, die Mr. Albert Thomas für die Munitionsarbeiter in Anwendung brachte. Die mir bereitete Aufnahme war immer überaus förmlich und höflich; so oft ich aber das Genossenschaftswesen erwähnte, begegnete mir die Erwiderung der „väterlichen Fürsorge für die Arbeiter“.
. Die Kantinen, die die Arbeiter nun einmal nicht mögen, sei es berechtigter- oder unberechtigterweise, sind das Ergebnis eben dieser kalten, förmlichen Väterlichkeit. Daß sie in den Augen der Arbeiter keine Gnade finden, beweist der Umstand, daß bei einer dieser, mir als vorbildlich gerühmten Einrichtungen die „Großmut der Verwaltung“ durch Errichtung eines eigenen Genossenschaftsspeisehauses beantwortet wurde, zu dem die Arbeiter die bescheidenen, ihnen zur Verfügung stehenden Gelder verwendeten.
Wenn darum die wohltätigen Fabrikbesitzer ihren Leuten die Summe — oder auch eine geringere — zur Verfügung gestellt hätten, die sie so als eigenen Verlust verausgabten, so wären sie selbst besser daran gewesen und hätten gleichzeitig die Wünsche ihrer Angestellten erfüllt. Es gilt auch hier der Ausspruch von Lafontaine: „Die Art des Gebens ist wertvoller als die Gabe.“ Überhaupt ist das Genossenschaftswesen der kalten, unpersönlichen Philanthropie überlegen.
Aus „L’Action Coopérative“.
Die genossenschaftliche Bewegung in Griechenland. In Heft 4/5, III. Jahrgang der „Balkan-Revue“ veröffentlicht Herr Dr. jur. Demetrius E. Kalitsunakis einen interessanten Artikel über die Genossenschaftsbewegung Griechenlands, der auch als Sonderdruck (Balkan-Verlag, G. m. b. H., Berlin W 30) erschienen ist. Der Verfasser behandelt nach einer kurzen Charakteristik des neueren Genossenschaftswesens das griechische Genossenschaftsgesetz vom 31. Dezember 1914, das sich dem deutschen Genossenschaftsgesetz anschließt, aber manche Selbständigkeit, so in der Haftpflicht, im Stimmrecht, in der Vertretung der Genossen usw., aufweist und schildert dann die Entwicklung der einzelnen Genossenschaftsarten, unter denen die Kreditgenossenschaften in erster Reihe stehen, während Konsumvereine noch nicht errichtet sind. Der Verfasser meint, das könne man angesichts der vorzüglichen Erfahrungen, die man in anderen Ländern mit den Konsumvereinen als Preisregulatoren machte, kaum als erfreuliches Zeichen betrachten. Der Stand der griechischen Genossenschaften ist folgender:
Unter den landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften befinden sich 11 Korinthengenossenschaften, 1 Baumölgenossenschaft, 4 Winzervereine und 2 Genossenschaften für den Bau und Vertrieb von Feld- und Gartenfrüchten. Der Geschäftsanteil beträgt bei 57 Genossenschaften 10 bis 50 Drachmen1, bei 24: 51 bis 100 Drachmen, bei 6: 101 bis 500 Drachmen; die Haftsumme schwankt zwischen dem 1- bis 20fachen des Anteils. Die meisten Genossenschaften, 38, weist der Peloponnes auf, 20 entfallen auf Nordgriechenland, 8 auf die Ionischen Inseln, je 5 auf Thessalien, Mazedonien und die Kykladen, 4 auf Kreta und 2 auf die Kleinasiatischen Inseln; nur Epirus besitzt noch keine Genossenschaft.
Statistische Angaben über die italienischen Konsumgenossenschaften im Jahre 1914. Zum zweiten Male hat sich die Nationalliga der Konsumgenossenschaften der Aufgabe unterzogen, Berichte einzusammeln, aus denen die Lage der Genossenschaftsbewegung in Italien, insonderheit solchverer Genossenschaftsgründungen, deren Mitglieder den ärmsten Bevölkerungsklassen angehören, ersichtlich wird. Das Ergebnis der Umfragen wird demnächst in dem „Annuario Statistico delle Cooperazione Italiana“ (Statistisches Jahrbuch für das italienische Genossenschaftswesen) veröffentlicht werden. Die Nachforschungen der Liga erstrecken sich auf folgende Genossenschaftsformen: Konsumvereine, Produktiv- und Arbeitsgenossenschaften2, Genossenschaften für den Kleinwohnungsbau, Landwirtschaftsgenossenschaften und Versicherungsgenossenschaften.
Von den ersten vier Arten (die Versicherungsgenossenschaften wurden hier wegen der abweichenden Arbeitsweise nicht einbegriffen) wurden Angaben über folgende Punkte eingefordert: a) Zeit der Gründung, b) Mitgliederanzahl, c) eingezahltes Kapital, d) Gesamtsumme der Reserven und anderer Fonds, e) Höhe des Umsatzes, f) erzielter Überschuß, g) Höhe der Verluste.
Nach den im Jahrbuche veröffentlichten Angaben bestanden im Jahre 1914 in Italien 7429 Genossenschaften, gegen 5064 im Jahre 1910, dem Zeitpunkte der letzten offiziellen statistischen Aufnahmen. Von den 7429 Genossenschaften waren 2408 Konsumgenossenschaften (1910: 1756), 3022 Produktiv- und Arbeitsgenossenschaften (1879), 752 Baugenossenschaften (379), 1142 Landwirtschaftsgenossenschaften (925) und 105 Ver-sicherungsgenossenschaften (125).
Mit Ausnahme der Versicherungsgenossenschaften, die um 20 zurückgingen, sind alle sonstigen Arten, vor allem die Baugenossenschaften, in der Anzahl beträchtlich gestiegen.
Die größte Anzahl Konsumgenossenschaften befindet sich in Norditalien. Die Lombardei nimmt den ersten Platz in dieser Hinsicht ein diese Provinz weist 704 Konsumgenossenschaften auf. Toskana und Emilien zählen 358 bzw. 338, Piemont 227, Venedig 191, die Campagna 14/, die Marken 111 und Ligurien 105, während es in jeder der übrigen Provinzen weniger als 100 Konsumgenossenschaften gibt.
In den Bezirken mit gut entwickelter Industrie und Landwirtschaft, wo die Arbeiterschaft wohlorganisiert ist, entfalten sich die Konsumgenossenschaften rasch, wohingegen sie in jenen Landesteilen, in denen die Auswanderung als beste Lösung der Arbeiterfrage gilt, nur einen mäßigen Aufstieg zu verzeichnen haben. Interessant ist die Entwicklung der Bewegung, insbesondere die der landwirtschaftlichen Genossenschaften, auf der Insel Sizilien. Die Arbeiter, die sich nach und nach von ihrer Abhängigkeit von den Grundbesitzern befreien, haben im Genossenschaftswesen ein Mittel gefunden, ihre Lohnansprüche zu verbessern. Diese aussichtsreiche Entwicklung des Genossenschaftswesens in Sizilien ist zum großen Teil auf die dort geübte energische Propaganda zurückzuführen.
Von 7317 Genossenschaften der oben angeführten Arten haben nur 5036 oder nahezu 70 v. H. der Aufforderung entsprochen und Berichte eingesandt. Von diesen waren viele leider unvollständig, indem hier die Angabe der Mitgliederzahl, dort die des Umsatzes usw. fehlte. Die Gesamtmitgliederzahl der 5036 berichtenden Vereine beträgt 956 085, während sie im Jahre 1910 für 4122 Genossensdiaften 769 442 ausmachte, so daß eine Zunahme von 186 643 Mitgliedern zu verzeichnen ist. Zieht man in Betracht, daß 2281 Genossenschaften nicht berichteten (gegen 818 im Jahre 1910), und nimmt man einen Mitgliederbestandsdurchschnitt von 190 an, so darf man ohne Übertreibung die Gesamtzahl der Genossenschafter auf 1 300 000 schätzen; das wäre im Vergleich zu 1910 eine Zunahme von über 400 000. Dabei hat man noch zu beachten, daß die Zunahme an Mitgliedern nur im Verhältnis zu der Zunahme an Genossenschaften gedacht ist. Betrachtet man jede Art der Genossenschaft für sich, so geht daraus hervor, daß der Durchschnitt des Mitgliederbestandes bei den Konsumgenossenschaften von 213 im Jahre 1910 auf 208 im Jahre 1914, bei den Produktiv- und Arbeitsgenossenschaften von 156 auf 136 zurückgegangen ist, andererseits bei den Baugenossenschaften von 157 auf 195 und bei den Landwirtschaftsgenossenschaften von 195 auf 275 stieg.
Was nun die finanzielle Lage der Genossenschaften anbelangt, so ergaben Anteilkapital, Reserven und andere Fonds zusammen die Summe von 118 817 841,90 Lire, gegen 114 146 149 Lire im Jahre 1910. Troß dieser Zunahme des Totalkapitals um 4 Millionen Lire ist es zutreffend, was auf dem kürzlich abgehaltenen Genossenschaftskongreß mit Recht betont wurde, daß nämlich das italienische Genossenschaftswesen in Europa an Betriebskapital am ärmsten ist. Der Durchschnitt für Anteilkapital, Reserven usw. beläuft sich für die einzelne Genossenschaft auf 23 593,69 Lire und für das einzelne Mitglied auf 124,28 Lire.
Wir haben vorhin gesehen, daß die Genossenschaftsarmee die stattliche Zahl von 1 ½ Millionen aufweist. Unter Zugrundelegung des englischen und französischen Systems, das die Familie eines Genossenschafters zu fünf Personen annimmt, können wir zu den Kräften der vordersten Linien noch eine starke Reserve von 6½ Millionen hinzurechnen. Demnach würden die um das Genossenschaftsbanner sich scharenden Genossenschafter die Gesamtzahl von 8 Millionen erreichen, ausschließlich der Mitglieder der Kreditgenossenschaften, da diese im Jahrbuche nicht mit berücksichtigt sind. Außerdem hatten wir gefunden, daß das Betriebskapital der 5036 Berichtsgenossenschaften insgesamt etwa 120 Millionen Lire betrug; diese Summe läßt sich schätzungsweise auf 150 Millionen Lire erhöhen, wenn man die über 2200 Genossenschaften mit einbezieht, von denen keine Angaben vorliegen.
Der von den 5036 Genossenschaften erzielte Umsatz beläuft sich auf 648 248 972,82 Lire; davon entfallen auf die Konsumgenossenschaften 156 841 214,87 Lire, die Produktiv- und Arbeitsgenossenschaften 163 732 001,14 Lire, die Baugenossenschaften 116 160 973,99 Lire und die landwirtschaftlichen Genossenschaften 211 514 782,82 Lire. Der Bruttogewinn betrug insgesamt 11 236 722,18 Lire, die Verluste 1 237 985,38 Lire, so daß sich der verbleibende Reingewinn auf 9 998 736,80 Lire beläuft; er verteilt sich folgendermaßen: Konsumgenossenschaften 3 103 102,21 Lire, Produktiv- und Arbeitsgenossenschaften 4 141 132,41 Lire, Baugenossenschaften 1 073 964,10 Lire und landwirtschaftliche Genossenschaften 1 680 538,08 Lire.
Obige Zahlen sind der beste Beweis für die finanzielle Stärke der Bewegung. Die Verluste sind unbedeutend, wenn man den Geschäftsumfang der Genossenschaften berücksichtigt; sie würden noch geringer sein, wenn der Nationalliga die nötigen Mittel zur Verfügung ständen, um die Propaganda, die in unserem Programm einen wichtigen Platz einnimmt, entsprechend zu organisieren.
Das von der Liga herausgegebene Jahrbuch enthält alle nötigen Einzelheiten zur rechten Beurteilung der Lage des Genossenschaftswesens in Italien bis zu dem Zeitpunkte, da der Kriegssturm das im Frieden vollbrachte Werk heimsuchte.
Es ist noch unentschieden, ob die Liga die periodische Herausgabe des Jahrbuchs fortsetzen wird, obwohl sie für unerläßlich angesehen werden muß, wenn die Einflüsse des Krieges auf die Genossenschaftsbewegung gewissenhaft gebucht werden sollen.
Die dem Allgemeinen Verband der auf Selbsthilfe beruhenden deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in Österreich angeschlossenen Genossenschaften im Jahre 1914.
Die schon seit einigen Jahren andauernde Verlangsamung in der Zunahme der Genossenschaften Österreichs hat sich, eine Folge des Krieges, im Jahre 1914 noch bedeutend verschärft. Insgesamt wurden im Verlaufe des Jahres 568 Genossenschaften eingetragen, dagegen 359 gestrichen. Die reine Vermehrung beträgt somit nur 209. Von den 19 296 am Schlusse des Jahres bestehenden Genossenschaften waren 12 380, d. h. über drei Fünftel der Gesamtzahl, Vorschußvereine, weitere 1433 Konsumvereine, 3548 landwirtschaftliche Genossenschaften, 1286 gewerbliche Genossenschaften, 592 Baugenossenschaften und 57 sonstige Genossenschaften. Besonders auffallend ist die große Zahl der Baugenossenschaften. Das Bedürfnis nach solchen Genossenschaften scheint in Österreich groß zu sein. Tatsächlich sind auch die Wohnungsverhältnisse in Österreich nicht besonders günstig. Insbesondere besteht ein großer Mangel an Kleinwohnungen, also gerade den Wohnstätten derjenigen Bevölkerungsschichten, für die die genossenschaftliche Selbsthilfe die einzige Lösung ist. Die unerfreulichen Zustände haben sogar den Gesetzgeber veranlaßt, einzuschreiten. Durch Gesetz vom 22. Dezember 1910 wurde ein besonderer Wohnungsfürsorgefonds geschaffen. Dies Gesetz hat dann begreiflicherweise die Gründung von Baugenossenschaften noch bedeutend gefördert.
Von allen österreichischen Genossenschaften kommen für den Verband nur diejenigen in Betracht, die sich aus Deutsch sprechenden Mitgliedern zusammensetzen, d. h. 6626. Indessen sind ihm auch von diesen nur 737 angeschlossen. Die entsprechenden Zahlen für 1913 und 1914 lauten 760 und 744. Im Verlaufe des Jahres 1915 hat indessen der Bestand an Vereinen wieder zugenommen, so daß auf Ende Oktober der Verband bereits wieder 747 Genossenschaften umfaßte. Von diesen 747 Vereinen waren 422 Vorschußvereine, 175 Konsumvereine, 7 kaufmännische Einkaufsgenossenschaften, 68 Produktivgenossenschaften von Arbeitern und Gewerbetreibenden, 37 Baugenossenschaften, 5 Magazingenossenschaften, 2 Molkereigenossenschaften, 10 Rohstoffgenossenschaften, 7 Werkgenossenschaften und 14 sonstige Genossenschaften.
Von den 737 am Ende des Jahres angeschlossenen Vereinigungen beteiligten sich 664 an der Statistik. Der Grund für die Nichtbeteiligung war in 33 Fällen Einstellung der Tätigkeit infolge des Kriegszustandes (Bukowina), in den übrigen Fällen die Einberufung von Behördemitgliedern oder die Auflösung der Genossenschaften usw. Die 664 berichtenden Genossenschaften zählten 339 845 Mitglieder (341 818 im Vorjahre). Bei den Vorschußvereinen und sonstigen Genossenschaften ging der Mitgliederbestand um 10 742 bzw. 4662 auf 180 294 bzw. 18 144 zurück, dagegen stieg er bei den Konsumvereinen um 10 742 auf 141 407. Die Verminderung der Mitgliederzahl im allgemeinen ist wohl nur eine Folge der Nichtbeteiligung einer größeren Zahl von Genossenschaften.
Die wichtigste Stelle unter den Verbandsgenossenschaften sowohl in bezug auf die Zahl als auf ihre Tätigkeit nehmen die Vorschußvereine ein. Die 379 berichtenden Vereine haben insgesamt Kredite in der Höhe von 563 798 691 K gewährt, gegenüber 591 136 590 K im Jahre 1913 und 623 628 473 K im Jahre 1912. Auf einen Verein entfällt im Durchschnitt ein Kredit von 1 487 595 K. Die Summe der Aktiven stellt sich auf 546 304 648 K. Davon machen die gewährten Kredite zusammen 433 777 054 K aus. Die Barschaft beträgt 5 406 093 K, auf 31 464 301 K belaufen sich die Liegenschaften, Mobilien und sonstigen Aktiven, und 75 657 200 K machen die Wertschriften und Guthaben bei Banken usw. aus. An den Passiven sind die Reserven mit 23 544 114 K, die Anteile der Mitglieder mit 47 755 127 K, insgesamt also das Eigenkapital mit 71 299 241 K beteiligt. Die Spareinlagen erreichen einen Betrag von 379 232 056 K, die übrigen Schulden (Anleihen, Kontokorrente usw.) 77 090 699 K, die weiteren Passiven 14 733 396 K. Schließlich beträgt der Reinüberschuß 3 949 256 K. Unter den weiteren Passiven sind die Pensionsfonds von 54 Vereinen in der Höhe von 2 920 311 K eingestellt. Die Zinssätze waren bei den einzelnen Genossenschaften sehr verschieden. Währenddem zum Beispiel 75 Vereine ihre Spareinlagen nur mit 3½ bis 4 v. H. verzinsten, gewährten 7 Vereine 5 bis 6 v. H. und einer sogar 5 bis 7 v. H. Die gesamten Einnahmen der 379 Genossenschaften betragen 32 278 215 K, die Ausgaben, mit Einschluß der Abschreibungen und Verluste in der Höhe von 3 835 677 K, 27 962 235 K. Der Reinüberschuß beläuft sich also auf 4 315 980 K. Die Rückvergütung schwankt zwischen ½ und 80 (1) v. H. Daß es sich bei Vereinen, die sich der letzten Dividendenhöhe nähern, nicht mehr um wirkliche Genossenschaften handeln kann, braucht wohl nicht besonders betont zu werden.
Die 166 berichtenden Konsumvereine haben einen Umsatz von zusammen 53 882 424 K (52 268 995 K im Vorjahr) erzielt. Von überwiegendem Einfluß auf alle Ergebnisse ist mit seinen Angaben der Erste Wiener Konsumverein, der bei einer Mitgliederzahl von 59 076 einen Umsatz von 24 335 921 K erreichte. Im Durchschnitt entfällt auf ein Mitglied ein Verbrauch von 358,87 K. Die Roheinnahmen stellen sich auf 7 079813 K. Nach Abzug der Betriebskosten und unter Einrechnung des Vortrags vom letzten Jahr in Höhe von 107 848 K verbleibt ein Reinüberschuß im Betrage von 2 808 249 K (3 095 146 K im Vorjahre). Davon wurden 179 827 K den Reserven zugewiesen, 57 033 K als Zins auf die Anteilscheine vergütet, 2 162 688 K den Mitgliedern auf ihre Bezüge rückerstattet, der Rest teilweise vergabt, teilweise an Behörden und Angestellte ausgerichtet, teilweise auf neue Rechnung vorgetragen. Die niedrigste Rückvergütung beträgt 1 v. H., die höchste 10 v. H. Der ganze Liegenschaftenbesitz stellt sich nur auf 4 469 090 K. Die gesamten Vorräte haben einen Wert von 8 083 754 K, die Mobilien stehen mit 1 027 083 K zu Buch. Die Außenstände bei den Mitgliedern betragen 1 321 255 K, die übrigen Aktiven /37 387 K.
Sehr günstig ist das Verhältnis des eigenen zum fremden Betriebskapital, nämlich wie 1 zu 1,6. An Anteilscheinen haben die Mitglieder 2 437 856 K eingezahlt. Die Reserven erreichen eine Höhe von 3 110 949 K. Sie sind gegenüber dem Vorjahr um 164 640 K größer geworden. Die Spareinlagen belaufen sich auf 968 120 K, die Hypotheken auf 1 055 371 K, die übrigen Anleihen auf 1 420 992 K und die Warenschulden auf 1 882 060 K. An sonstigen Passiven verzeichnen die Genossenschaften einen Bestand von 3 160 437 K. Das Verhältnis der Warenschulden zum Warenlagerwerte hat sich infolge der Einführung des Barzahlungsprinzips durch einen Teil der Lieferanten ganz ohne Zutun der Genossenschaften bedeutend gebessert. Es betrug nur 23,3 v. H., gegenüber 31,5 v. H. im Vorjahr — immerhin ist es auch so noch hoch genug.
Von den übrigen Genossenschaften können, obwohl auch einige recht bedeutende Genossenschaften von Gewerbetreibenden und Händlern, die sich darunter befinden, wohl Erwähnung verdienten, nur noch die Baugenossenschaften kurz besprochen werden. Berichtet haben von 37 Genossenschaften nur 23 mit 4092 Mitgliedern. Diese 23 haben eingenommen an Mietzinsen 165 640 K, für Verkauf von Boden 7640 K und aus der Bewirtschaftung des Bodens 1951 K. Die sonstigen Einnahmen stellen sich auf 59 276 K, die gesamten Einnahmen somit auf 234 507 K 17 Vereine haben einen Reinüberschuß von 60 819 K erzielt, 5 einen Verlust von 7578 K, währenddem ein weiterer weder einen Überschuß noch einen Verlust zu verzeichnen hat. Aus dem Überschusse wurden 25 779 K den Reserven zugewiesen, 4131 K zur Verzinsung der Anteile, 30 909 K zur Auszahlung von Dividenden und zum Vortrag auf neue Rechnung verwendet. Der Wert der Liegenschaften stellt sich auf 5 682 176 K. Im allgemeinen betrachtet, haben auch die dem berichterstattenden Verband angeschlossenen Genossenschaften nicht unwesentlich dazu beigetragen, soweit es in ihren Kräften lag, ihren Mitgliedern über die schweren Zeiten des Kriegsausbruchs hinwegzuhelfen. Sie haben sich durchaus auf der Höhe ihrer Aufgabe gezeigt und waren stark genug, den über Nacht an sie unerwartet herantretenden Ansprüchen zu genügen.
Herr A. A. Blinoff †. Mit Bedauern haben wir das Ableben des Vorsitzenden des Vorstandes der Moskauer Narodny-Bank, Herrn Andrey Andreyowitsch Blinoff, anzuzeigen, das in Moskau am 26. November 1916 erfolgte.
Die russische Genossenschaftsbewegung verliert in ihm einen hervorragenden Arbeiter, der freiwillig sein Bestes gab zum Wohle der Menschheit.
Rechtsgelehrter von Beruf, gehörte Herr Blinoff mehrere Jahre der „Russkija Vjedomosti“ an und wurde später in den Zemstvo für den Regierungsbezirk Moskau berufen, wo er lange Zeit als Rechtsbeirat tätig war. Bei den Wahlen zur dritten Duma wurde er für den Regierungsbezirk Voronege als Mitglied gewählt.
In der ersten konstituierenden Versammlung der Moskauer Narodny-Bank im Jahre 1912 wurde Herr Blinoff in den Vorstand gewählt, dessen Vorsitzender er als Nachfolger von Herrn V. A. Perelechine seit dem Jahre 1914 war.
Herr Dufumier † Unsere französischen Freunde zeigen an, daß Herr Dufumier den Tod auf dem Schlachtfelde gefunden hat. Herr Dufumier war Philosophieprofessor und war kürzlich für eine Stellung am Lycée Condercet ausersehen worden. Bei Ausbruch des Krieges ging er als Unterleutnant zur Front.
Dufumier war Leiter des Genossenschaftsspeisehauses für Studenten in Paris. Zur Erlangung der Doktorwürde schrieb er eine bemerkenswerte Arbeit, in der er unter Darlegung der schwierigen Probleme die Beziehungen zwischen Mathematik und Logik aufdeckte.
Sein Tod bedeutet einen Verlust für die Genossenschaftsbewegung in Frankreich.
Herr Miellet. M. Miellet, der Sekretär der Vereinigung der Konsumgenossenschaften in der Franche-Comté und im Bezirk Beifort, der bei dem großen Angriff in der Champagne im September 1915 verwundet worden war, hat wiederum an der Somme eine ernste Verwundung erhalten. Sein linker Arm macht zufriedenstellende Fortschritte, aber das rechte Bein mußte ihm leider amputiert werden. Er befindet sich zurzeit in einem Pariser Hospital, und sein Befinden ist den Verhältnissen entsprechend befriedigend.
2 Unter Arbeitsgenossenschaften sind hier hauptsächlich Vereinigungen von Bauhandwerkern (Maurern, Steinmetzen), Lastträgern, auch Schauerleuten usw., die Kontrakte eingehen, zu verstehen.
X. Jahrgang
Nr. 2
Februar 1917
Der Herausgeber des „Russian Co-operator“ („Der russische Genossenschafter“) hat kürzlich in einer Unterredung Mrs. Webb um ihre Ansicht befragt über die Art, in der die neue Zeitschrift die englischrussischen Handelsbeziehungen zu pflegen sich zur Aufgabe gemacht hat.
Mrs. Webb wußte dabei, wie stets, etwas Scharfsinniges und Interessantes über die genossenschaftliche Entwicklung zu äußern. Stellt doch gerade durch diesen Vorzug und durch die ihr eigene Macht der strengen Analyse ihr Buch „The Co-operative Movement in Great-Britain“ („Die Genossenschaftsbewegung in Großbritannien“) einen so wertvollen Beitrag zur Literatur dieser Bewegung dar; ja es wurde durch diese Eigenschaften ein klassisches Werk des Genossenschaftswesens für ganz Europa. Mr. Maisky erinnert daran, daß es in Rußland weitverbreitet ist und daß darum die Ansichten seiner Verfasserin besonders geschätzt werden würden.
über die Frage internationaler Handelsbeziehungen führte Mrs. Webb folgendes aus:
„Ich schätze die Anbahnung genossenschaftlichen Austausches hoch ein als ein Beispiel, ein gutes Beispiel der praktischen Verwendung kollektivistischer Prinzipien. Es ist ein Versuch, den Außenhandel zu „sozialisieren“. Natürlich wird es nicht dazu kommen, den gesamten Außenhandel oder auch nur seinen größeren Teil zu „erorbern“. Der Hauptbestandteil des Außenhandels wird für lange Zeit in den Händen kapitalistischer Vereinigungen sein und mehr und mehr direkt vom Staat an sich genommen werden. Jedenfalls aber kann die Idee des „sozialistischen Außenhandels“ dadurch zum Ausdruck gebracht werden, daß Export und Import nicht durch kapitalistische Gewinnsucht, sondern durch den wirklichen Bedarf organisierter Gemeinschaften geregelt werden. Ferner glaube ich, daß die Einführung internationalen genossenschaftlichen Handels einigen Einfluß auf die Zollpolitik der betreffenden Staaten erlangen könnte. Ein solcher würde bei uns hier in England nur zugunsten des freien Handels möglich sein. Ich möchte bei dieser Gelegenheit versichern, daß Joseph Chamberlains Steuervorlage in der Zeit von 1903 bis 1906 hauptsächlich durch den politischen Einfluß der britischen Genossenschafter zunichte gemacht wurde. Sie wurden wach, als sich die den Verbrauchern drohende Gefahr verwirklichte, und durch sie wurde die „Zollreform“ zerstört. Diese Tatsache ist beim Volk im allgemeinen und selbst unter den Politikern wenig bekannt, beruht aber nichtsdestoweniger auf Wahrheit. Endlich hoffe ich noch, daß der internationale Genossenschaftshandel im Verein mit der internationalen Gewerkschaftsbewegung und den zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen zur Aufrechterhaltung dauernden Friedens beitragen wird, wie ihn die Menschheit nach dem schrecklichen Erlebnis des gegenwärtigen Krieges so überaus dringend nötig haben wird.“
Was die Ausführbarkeit des Vorhabens anbetrifft, so meint Mrs. Webb dazu:
