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Beschreibung

Ein reibungsloser Ablauf unseres Zusammenlebens erfordert eine Strukturierung von Zeit. Eine solche Ordnung ist der Zeit nicht inhärent, sondern sie muss von einer Gesellschaft geschaffen und festgelegt werden. In diesem Prozess haben Religionen besondere Prägekraft entfaltet. Heft 1/2021 "Zeitstrukturen" befasst sich mit der Frage, wie und mit welchen Zielen Religionsgemeinschaften Zeit ordnen.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

ThPQ 169 (2021), Heft 1

Schwerpunktthema:

Zeitstrukturen

Susanne Gillmayr-Bucher

Liebe Leserin, lieber Leser!

Reinhold Esterbauer

Warum brauchen Menschen strukturierte Zeit?Bemerkungen zu einer leibzeitlichen Anthropologie

1 Chronometrische Zeit und leibliche Eigenzeit

2 Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Zeit

3 Strukturen innerer und äußerer Zeit

4 Strukturen interpersonaler Zeit

Jürgen P. Rinderspacher

Zeiten fallen nicht vom Himmel. Akteure und Modalitäten moderner Zeitstrukturierung im epochalen Wandel

1 Die Macher und die Macht der Zeit

2 Zeitordnungen und Rechtfertigungsordnungen

3 Wer macht die Zeit? Strukturwandel der Zeitstrukturierung

4 Nachmoderne Zeitlichkeit als Zeitwettbewerb

Angelika Berlejung

Wie wird Zeit in den Kulturen des Alten Orients strukturiert?

1 Die Struktur der Zeit in Zyklen

2 Die Strukturierung der Zeit in lineare Sequenzen

3 Qualitative Zeitstrukturen

4 Fazit

Esther Jonas-Märtin

Über Paläste in der Zeit – oder wie Zeit heilig wird

1 Woher kommt die Zeit?

2 Die Mizwot

3 Kewa versus Kawanah

4 Fazit

Stephan Wahle

Freiraum Fest. Chancen und Notwendigkeiten der Unterbrechung von Zeit

1 Kursorische Beobachtungen zur Fastenzeit in der Corona-Krise

2 Zwischenschritt: Konzepte der Muße

3 Der Sonntag als Tag zur Verräumlichung der Zeit

4 Fazit

Clemens Leonhard

Ostern und Weihnachten: Erzählte Entstehung christlicher Zeitstrukturen

1 Allgemeine Beobachtungen

2 Weihnachten

3 Ostern

4 Konkurrenz

5 Umfüllen von Festkalendern

Abhandlungen

Kurt Kardinal Koch

Wie steht es um die christliche Zukunft Europas?Reflexionen zu Europas geistiger Identität

1 Befindet sich Europa heute noch auf seiner Höhe?

2 Die christlichen Werte in der Identität Europas

3 Wert oder Würde: die moderne Gretchenfrage

4 Neuzeitliche Säkularisierung und ökumenische Verantwortung in Europa

5 Positive Laizität gegen säkularistischen Laizismus

Christian Spieß

Liebe und Brüderlichkeit statt Menschenrechte und Gerechtigkeit?Papst Franziskus legt mit Fratelli tutti eine neue Sozialenzyklika vor

1 Unklare theologisch-ethische Systematik

2 Prophetische Sozialkritik: Migration

3 Kleinkarierte Wirtschaftstheorien

4 Kein gerechter Krieg mehr

5 Inklusion und Dialog

6 Die Kirche als Gegenstand der Sozialethik?

Albert Biesinger

Das aktuelle theologische Buch

Besprechungen

Eingesandte Schriften

Aus dem Inhalt des nächsten Heftes

Redaktion

Kontakt

Anschriften der Mitarbeiter

Impressum

Liebe Leserin, lieber Leser!

Versuche, mithilfe von Zeitvorstellungen gesellschaftlichen Erfahrungen eine Ordnung zu geben, finden sich zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Da sich die Zeit von Menschen nicht sinnlich erfassen lässt, orientiert sich das Reden von der Zeit an Veränderungen, wie beispielsweise dem rhythmischen Wechsel von Tag und Nacht, den Mondphasen oder den Jahreszeiten einerseits und der als linear fortschreitend erfahrenen Lebenszeit andererseits. Damit ist jeder Versuch, Zeit zu strukturieren, vor die Aufgabe gestellt, beide Systeme, das zyklische und das lineare, miteinander zu verbinden.

In unserer modernen Welt ist vor allem die lineare und exakt messbare Dimension von Zeit von großer Bedeutung, ermöglicht sie doch die Koordination des komplexen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenlebens. „Zeitmanagement“ ist für uns alle eine wichtige Aufgabe, gleichgültig, ob im Familienkreis oder in einer großen Institution. Parallel dazu ist unsere Zeit von einem regelmäßig wiederkehrenden Wechsel von Arbeits- und Freizeit, Alltags- und Festzeiten geprägt, dessen allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz zwar immer wieder in Zweifel gezogen wird, der aber für bestimmte, vor allem auch religiöse Gemeinschaften nach wie vor eine große Bedeutung hat. Zeit wird in diesen Rhythmen nicht nur als eine begrenzt verfügbare Ressource verstanden, sondern als Möglichkeitsraum der Entfaltung menschlichen Lebens.

Rose Ausländer thematisiert das in ihrem Gedicht „Sich ausleben“. Sie dreht dabei jedoch die uns vertraute Redeweise von der Nutzung der Zeit um. Vielmehr lässt sie die Zeit als Akteurin auftreten, die über das angesprochene Du verfügt. Damit tritt nicht nur ihre Bedeutung, sondern – wenngleich implizit – die Aufforderung umso deutlicher hervor, die verfügbare Zeit bewusst zu leben.

Sich ausleben

Die Tage / zählen dich / zu ihren Bewohnern

Sie räumen dir / Stunden ein

In ihnen / lebt deine Zeit / sich aus

In vorliegendem Heft wollen wir der Frage nachgehen, auf welche Art und Weise und mit welchen Zielen Gesellschaften und religiöse Gemeinschaften von der Antike bis in die Gegenwart Zeit ordnen, strukturieren und als sinnstiftend bestimmen.

Der erste Beitrag von Reinhold Esterbauer geht ganz allgemein der Frage nach, warum Menschen eine strukturierte Zeit brauchen. In vier Schritten, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Zeit und ihrer Erfahrung beleuchten, wird diese Frage beantwortet. Dabei werden die Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Konventionen und individueller Lebenszeit, objektiver Festlegung der Zeit und subjektivem Erleben ebenso besprochen wie Herausforderung, die jedem Menschen gestellt ist, das eigene Leben und damit die je eigene Zeit zu gestalten.

Jürgen P. Rinderspacher beschäftigt sich im Anschluss daran mit gesellschaftlichen Konstruktionen von Zeit, sowohl den religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Institutionen, die diese festlegen, als auch deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und die einzelnen Menschen. Der Beitrag stellt drei Modelle und ihre jeweiligen Begründungs- und Rechtfertigungsstrategien vor – beginnend beim autoritären Strukturierungsmodus, der lange Zeit die soziale und kulturelle Entwicklung bestimmte, über den marktlich-technologisch-administrativen bis hin zum nachmodern-subjektbezogenen Modus.

Einen großen Schritt zurück in die Vergangenheit führt uns der Beitrag von Angelika Berlejung. Sie zeigt am Beispiel verschiedener Kulturen des Alten Orients, welche Funktionen zyklische, lineare und qualitative Zeitstrukturen für diese Gesellschaften hatten und welche Bedeutung ihnen zugesprochen wurde. Eine besondere Rolle kommt religiösen Symbolsystemen zu, in denen Zeitstrukturen gründen und innerhalb derer sie theologisch begründet und gedeutet werden.

Der folgende Beitrag von Esther Jonas-Märtin bietet einen Einblick in jüdische Zeitvorstellungen und blickt dabei sowohl auf Definitionen von Zeit als auch auf Inhalte, die dem Judentum wichtig sind. Die Betrachtungen beginnen beim Schöpfungsbericht und der darin bereits grundgelegten Unterscheidung zwischen profanem Alltag und heiliger Zeit im Sabbat, die anschließend auch bei den Überlegungen zum Kalender wichtig ist. Mit Blick auf inhaltliche Aspekte geht der Beitrag ausführlich auf die Funktion der Mizwot (Gebote) für die bewusste Gestaltung der Zeit ein. Ebenso bespricht sie die Grundhaltungen von Kewa (Routine) und Kawanah (Achtsamkeit), welche der strukturierten Zeit eine sinnstiftende Dimension verleihen.

Die in den ersten Beiträgen bereits wiederholt angesprochene Bedeutung und Rolle der Feste steht im Mittelpunkt der zwei nächsten Beiträge. Stephan Wahle nähert sich dem Thema Fest in vier Schritten. Ausgehend von aktuellen Beobachtungen zur Fastenzeit unter den Bedingungen der Pandemie wendet sich der Beitrag der Muße als einer Zeitform zu, über die jemand ohne zeitliche Zwänge selbstbestimmt verfügen und die zu einem sinnerfüllten Erfahrungsraum werden kann. Konkretisiert werden diese Überlegungen am Beispiel des Sonntags und seiner Bedeutung für heute.

Am Beispiel der beiden Feste Weihnachten und Ostern reflektiert Clemens Leonhard die Tragweite der Festlegung von Daten für Feste. Der Beitrag zeigt zum einen, welche Rolle die Erzählungen von der Geschichte der Feste spielen, zum anderen beleuchtet er die Argumente jener gesellschaftlichen Gruppen, die einen Festtermin bestimmen und sich unter Umständen gegen die Interessen anderen Gruppen durchsetzen können.

Das vorliegende Heft wird durch zwei weitere Beiträge abgerundet. Kurt Kardinal Koch wendet sich der Frage zu, wie es um die christliche Zukunft Europas bestellt ist. Fußend auf einem Zitat Franz Kardinal Königs, in dem die Wichtigkeit der geistigen Fundamente Europas hervorgehoben wird, begibt sich dieser Beitrag auf die Suche nach der „Seele Europas“. Er schließt mit einem Plädoyer dafür, dass Religion weiterhin ein öffentliches Thema in Europa bleibt, das nicht ganz ins Private abgedrängt werden darf.

Christian Spieß beschäftigt sich eingehend mit „Fratelli tutti“, der neuesten Sozialenzyklika von Papst Franziskus und nimmt diese kritisch in den Blick. Das Dokument, das die geschwisterliche Liebe und soziale Freundschaft als theologisch-ethisches Motiv in den Mittelpunkt stellt, erweckt insgesamt eher den Eindruck einer prophetischen Sozialkritik als einer systematischen, theologisch-ethischen Auseinandersetzung. Am Beispiel der Themen: Migration, Wirtschaftstheorien, Krieg und Inklusion erläutert der Beitrag die Stärken und Schwächen dieser Enzyklika.

Geschätzte Leserinnen und Leser!

Die unterschiedlichen Einblicke in Zeitstrukturen, ihre Bestimmung und Bedeutung zeigen, wie wichtig dieses Thema für das Zusammenleben in einer Gesellschaft ist. Umgekehrt erlaubt dieser Blick auf die Zeit auch einen Einblick in das Selbstverständnis einer Gesellschaft, einer Religionsgemeinschaft und ihrer komplexen Orientierungssysteme.

Ihre

Susanne Gillmayr-Bucher

(für die Redaktion)

Reinhold Esterbauer

Warum brauchen Menschen strukturierte Zeit?

Bemerkungen zu einer leibzeitlichen Anthropologie

♦ Um zu einem adäquaten Verständnis von Zeit zu gelangen, wollen auch die Wechselseitigkeit von chronometrischer Zeit und leiblicher Eigenzeit sowie interpersonale Zeit reflektiert werden. In dieser Reflexion nimmt die Bedeutung der Zeitekstasen von Vergangenheit und Zukunft durch den eigenen Leib zu. Dabei wird eine auch anthropologisch bedeutsame Diskrepanz zwischen einer objektiven Seite und einer subjektiven Seite der Zeit sichtbar. Diese Wechselseitigkeit macht eine Vorstellungsumkehr der Zeit als eines objektiven Gegenübers hin zu einem personalen Zugang als eigener Zeit wichtig und notwendig. Trotz methodischer Umkehr bleiben aber praktische Herausforderungen dieser Wechselwirkung von objektiver und subjektiver Zeit im Leben des Einzelnen präsent, die nicht nur gestaltet werden können, sondern die auch gestaltet werden müssen. (Redaktion)

In seinem Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ erzählt Christoph Ransmayr vom Londoner Uhrmacher Alister Cox, der an den Hof des chinesischen Kaisers Qiánlóng eingeladen wird, um dort mit seinen britischen Gehilfen außergewöhnliche Zeitmesser zu konstruieren. Er steht schließlich nicht nur vor der schier unlösbaren Aufgabe, eine Uhr zu bauen, welche die Ewigkeit messen soll, sondern befindet sich auch vor dem zentralen Problem, vergehende Zeit in den Griff zu bekommen. Cox soll qualitativ gänzlich unterschiedliche Zeiten messbar machen – etwa die Zeit des Glücks, die Zeit der Liebe oder jene des Todes, wiewohl deren personale Dimensionen sich gerade nicht messen lassen. Anfänglich meint er noch, dass er nur die Geschwindigkeit des Vergehens von Zeit zu verändern brauche, um die Uhren auf qualitativ unterschiedliche Lebensphasen einzustellen, er merkt aber bald, dass es damit nicht getan ist.1 Cox steht nämlich vor dem Rätsel, ob Zeitqualität überhaupt messbar ist, noch dazu, da sie für jeden Menschen etwas anderes bedeutet.

Wenn man darüber nachdenkt, warum Menschen eine strukturierte Zeit brauchen, steht man vor einem ähnlichen Problem wie Alister Cox. Denn einesteils wird Zeit meist mit der Hilfe von Uhren strukturiert, andernteils aber scheint sich das Ordnen von Zeit nicht darin zu erschöpfen.

Die folgenden Überlegungen möchten dieser Diskrepanz nachgehen und sowohl anthropologisch als auch ontologisch differente Zeitebenen aufspüren. Die zugrundeliegende These wird sein, dass es für ein adäquates Verständnis von Zeit nicht genügt, sich chronometrisch auf sie zu beziehen, sondern dass auch leibliche Eigenzeit und interpersonale Zeit für ihre Strukturierung maßgeblich sind.

1 Chronometrische Zeit und leibliche Eigenzeit

In sehr vielen Bereichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen bleibt Zeit un­thematisch. Was man gewöhnlich als selbstverständlich erachtet, wird nur selten zum Thema und gibt Anlass, darüber nachzudenken – z. B. wenn es um Arbeits- und Urlaubszeiten, Jubiläen oder Zeitmessung im Sport geht. Am augenfälligsten scheint Zeit zunächst an Dingen in Erscheinung zu treten, die es erlauben, sie zu messen. Uhren und Chronometer zeigen die Zeit an und machen sie besonders spürbar, wenn man beispielsweise entweder in Bedrängnis gerät, weil eine Frist viel zu früh verstreicht, oder man im Gegenteil Langeweile empfindet, wenn Zeit nicht vergehen will.

Die Zeit, die Uhren anzeigen, gilt als objektiv, weil man sie messen und verallgemeinern kann. Wenn man Fahrpläne erstellt, damit alle wissen, wann ein Zug abfährt oder ankommen soll, oder Termine vereinbart, damit man nicht lange warten muss, bis eine Verhandlung oder ein Gespräch beginnen kann, verwendet man Zeit gewöhnlich chronometrisch. Charakteristisch für solche Zeit ist zweierlei: Damit das Zusammenleben funktionieren kann, braucht es zum einen Regelungen dafür, welche Einheit zur Zeitmessung verwendet werden soll und welchem Zeitsystem man sich unterwerfen will. Dies führt etwa die aktuelle Debatte über die Verwendung von mitteleuropäischer Zeit oder mitteleuropäischer Sommerzeit2 deutlich vor Augen. Gelingt keine Einigung, verschiebt sich Zeit nicht nur beim Überschreiten von Zeitzonen, sondern bereits, wenn man innerhalb derselben Zeitzone eine Staatsgrenze passiert. Chronometrische Zeit verlangt in jedem Fall Konventionen und Übereinkünfte, damit sie ihren Zweck erfüllen kann.

Zum anderen geht es um technische Präzision. Besitzen Uhren nämlich keine Ganggenauigkeit, zeigen sie im Vergleich unterschiedliche Zeiten an und erlauben die Synchronisierung von Tätigkeiten oder Treffen nicht mehr oder nur mehr ungenau. Daher ging es in der Entwicklung von Uhren auch darum, die Hemmungen zu verbessern und die Uhren dadurch genauer werden zu lassen, dass man die Frequenz der Bewegungen, von denen Zeit abgenommen wurde, erhöhte – vom Pendel über die Unruhe und die Stimmgabel bis zu Quarz- und Atomschwingungen.

Mit der Hilfe von Chronometern und der ihnen zugrundeliegenden objektiven Zeit gelingt es, Geschwindigkeiten zu messen, Abläufe zu strukturieren, Vorgänge zu normieren und menschliches Zusammenleben zu organisieren. Solch objektiver, äußerer Zeit steht allerdings eine andere Form von Zeit gegenüber, nämlich subjektive Zeit. Es handelt sich dabei um die Eigenzeit einer menschlichen Person. Lebensgeschwindigkeiten, einzelnes Zeitempfinden oder körperliche Rhythmen sind unterschiedlich und entsprechen nicht einer universalen Norm, die für alle gelten würde. Darüber hinaus weist subjektive Zeit jeweils unterschiedliche Dauer und Qualität auf. Empfinden die einen eine bestimmte Zeit als langweilig oder leer, kann dieselbe Zeit für andere erfüllt oder aufregend sein. So ist es möglich, dass die scheinbar qualitätslose Zeit, wie sie von Uhren gemessen wird, unterschiedliche Güte aufweist, wenn etwa ein bestimmter Zeitpunkt für den einen ein Moment des Glücks gewesen ist, während er für die andere großes Leid gebracht hat. Da zwar Quantitäten, aber nicht Qualitäten mit der Hilfe von Uhren gemessen werden können, liegt die Behauptung nahe, zu quantifizierbarer, chronometrischer Zeit erst dadurch zu gelangen, dass man von deren Qualität abstrahiert, beziehungsweise eine allgemeine und einheitliche Zeit nur erhält, wenn man individuelle Unterschiede qualitativen Zeiterlebens ausblendet.

Differenzen in der Zeitauffassung zeigen sich allerdings nicht nur, wenn man sein Interesse auf Zeitquantitäten und -qualitäten lenkt, sondern auch, wenn man untersucht, wo Zeit ihren Ursprung hat. Edmund Husserl versuchte in seinen „Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins“ zu zeigen, dass eine zeitliche Ordnung dadurch entsteht, dass äußere Sinneseindrücke das Bewusstsein zunächst unmittelbar affizieren, dann aber im Bewusstsein allmählich absinken und schließlich in Vergessenheit geraten. Allerdings ist es dem Bewusstsein möglich, ehemalige und später verblasste „Urimpressionen“ in die Gegenwart zurückzuholen, indem es sich intentional auf sie bezieht und sie in Erinnerung ruft. Die in solcher „Retention“ wieder aufgenommenen Eindrücke sind nicht mehr so lebhaft wie Urimpressionen, können aber als erinnerte neuerlich gegenwärtig oder in Präsenz gehalten werden.3 Wäre dies nicht möglich, könnte man etwa ein Musikstück nicht als zusammengehörig erleben, da sonst verklungene Töne mit unmittelbar erklingenden in keinem Zusammenhang mehr stünden.4 Auf ähnliche Art und Weise kann das Bewusstsein nach Husserl durch „Protentionen“ Zukünftiges als Erwartung in die Gegenwart holen und ihm dadurch Bedeutung verleihen.5 Wie man sieht, gelingt es dem Bewusstsein auf diese Weise, Eindrücke nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ordnen und ihnen eine zeitliche Struktur zu geben.

Zu fragen bleibt allerdings, ob zeitliche Ordnung einzig und allein über das Bewusstsein hergestellt wird. Dieses ist nicht zeittranszendent, sondern agiert selbst in der Zeit. Denn ein Bewusstsein ist immer dasjenige eines konkreten Menschen, der sich in einer bestimmten Phase seiner Biografie befindet und immer ein bestimmtes Alter aufweist, über das zu verfügen ihm nicht gelingt. Das eigene Altern ist nämlich offenbar nicht das Ergebnis aktiver Bewusstseinssynthesen, sondern unterliegt in erster Linie „passiver Synthesis“6, kann also weder bewusst gesteuert noch ausgesetzt oder rückgängig gemacht werden. Vielmehr ist es – wenn auch nicht in chronometrischer Genauigkeit – am Leib der jeweiligen Person ablesbar. Der Leib repräsentiert die Zeit, die jemand durchlebt hat und deren Spuren er trägt, von den Narben über die Falten und Furchen bis hin zu Veränderungen in der Haltung, der Abnahme von Kraft oder zu physiologischen Differenzen im Vergleich zu früher. Der eigene Leib ruft die eigene Geschichte nicht ins Bewusstsein, sondern repräsentiert insofern die eigene Vergangenheit, als er Erlebtes und Durchlittenes physisch sichtbar macht. Die persönliche Geschichte hat sich in ihm sedimentiert, sodass er die eigene Vergangenheit gleichsam selbst ist.

Darüber hinaus bringt der Leib analog zu Retentionen des Bewusstseins Vergangenes in die Gegenwart, allerdings nicht so, dass es ins Bewusstsein geholt würde, sondern z. B. eingeübte Abläufe oder Routinen vorbewusst vollzogen werden. Nachdem sie erlernt worden sind, können diese ohne Nachdenken durchgeführt werden bzw. laufen wie von selbst ab, etwa wenn man das Tippen auf einer Tastatur beherrscht, sich im Tanzen der Musik überlassen kann oder nicht mehr überlegen muss, wie man ein Auto lenkt.7 Aber auch leibliche Protentionen werden ständig vorbewusst vollzogen, sofern etwa wie von selbst vorweggenommen wird, wie man seinen Gang auszutarieren und fortzusetzen hat, wenn der Weg plötzlich abfällt oder ansteigt. Dass dabei auch Fehler unterlaufen können, wird sichtbar, wenn man stolpert oder kurz aus dem Gleichgewicht gerät.8

Die erwähnten Beispiele zeigen, dass Zeit nicht nur mit Hilfe des Bewusstseins strukturiert wird, sondern dass sich die Zeitekstasen von Vergangenheit und Zukunft auch durch den eigenen Leib entfalten. Leibgedächtnis9 und leibliche Antizipationen spannen einen Zeithorizont auf, der logisch vor der Konstitutionsleistung des Bewusstseins angesiedelt ist und unabhängig von diesem Bestand hat. Im Unterschied zu objektiver Zeit, die von außen an einen herangetragen wird und gemessen werden kann, ist die Zeit, die der eigene Leib aufspannt, eine Form subjektiver und innerer Eigenzeit. Dazu gehören auch körperliche Rhythmen wie jener des Herzens oder zirkadiane Rhythmen wie etwa die Abfolge von Wachen und Schlafen.

2 Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Zeit

Wenn das Sprichwort Recht behält, wonach Zeit Geld ist, wird Geschwindigkeit zu einem wichtigen ökonomischen Faktor. Mit dem Anstieg der Übertragungsgeschwindigkeit von Information oder des Tempos für die Herstellung eines Produktes kann die Zeit, die man für solche Vorgänge braucht, verkürzt werden. Soll die gleiche Menge eines Gutes hergestellt werden und wird die Geschwindigkeit dabei beispielsweise verdoppelt, so könnte die Hälfte der Zeit, die früher dafür notwendig war, freigespielt werden und stünde für andere Tätigkeiten oder für Erholung zur Verfügung. Wird die Geschwindigkeit der Datenübertragung gesteigert und werden Produktionswege verkürzt, wie Jean Baudrillard gezeigt hat, wird Zeit nach der Logik der Gewinnmaximierung genutzt, die einen die frei gewordene Zeit dafür zu verwenden zwingt, noch mehr Information zu verarbeiten bzw. noch mehr Produkte herzustellen. Beschleunigung trägt nicht dazu bei, Zeit für sich zu gewinnen, sondern „frisst“ Zeit, ist also „chronophag“10, und zwingt einen, in der ursprünglich zur Verfügung stehenden Spanne nun das Doppelte zu leisten. Die Dimensionen werden immer mehr verkürzt und drohen, in der Gegenwart aufzugehen.11 In jedem Fall wird Zeit gleichsam immer „weniger“, und der eigene noch freie Zeithorizont läuft Gefahr, sich zu erschöpfen.

Das Phänomen, dass unter den Bedingungen wirtschaftlichen Wachstums Zeit immer knapper wird, führt unweigerlich zur „Erfahrung von Zeitnot und Stress und dem Gefühl, keine Zeit zu ,haben‘ “ sowie zu dem Eindruck, dass „[f]ür die eigentlich wertvollen Tätigkeiten […] keine Zeit“12 bleibe. So führt berufliche Mehrbelastung unweigerlich zu Freizeitstress, weil man versucht, in der arbeitsfreien Zeit immer mehr von dem unterzubringen, was man für wertvoll hält. Da die Ansprüche, die an den Menschen herangetragen werden, ständig steigen, um Fortschritt zu garantieren, fordert Beschleunigung der äußeren Zeitabläufe viele immer mehr heraus und lässt Fragen nach ihren Grenzen laut werden.

Dieser soziologische Befund macht auf eine auch anthropologisch bedeutsame Diskrepanz zwischen zwei den Menschen bestimmenden Zeiten aufmerksam. Während die Rhythmen und Abläufe, die der inneren Zeit folgen, in ihrem Tempo kaum gesteigert werden können, erhöhen sich die zeitlichen Anforderungen von außen. So treten die innere und die äußere Zeit immer weiter auseinander. Nicht mehr die jeweilige Eigenzeit gibt das Maß für Produktionszeit, Freizeit oder andere soziale Abläufe vor. Vielmehr dreht sich das Bestimmungsverhältnis um. Äußere Zeit wird zum Maß für die innere, ohne dass diese aus Gründen leiblicher Verfasstheit mit den äußeren Vorgaben mithalten könnte.

Ein solches Missverhältnis unterliegt psychischen und physischen Grenzen und kann, wenn die Spannung zu groß wird, zu Pathologien führen. So fußt etwa das Burnout-Syndrom13 auf Störungen, die darin gründen, dass die Differenz zwischen innerer und äußerer Zeit zu groß geworden ist.14 Wenn soziale und leibliche Zeit zu weit auseinandertreten, kann es schließlich nicht nur zu psychischen Problemen kommen, sondern auch zu leiblichen, die sich etwa in gehemmten Bewegungsabläufen äußern.

3 Strukturen innerer und äußerer Zeit

Verdeutlicht man sich, dass Eigenzeit bzw. innere und soziale bzw. äußere Zeit meist nicht oder nur in seltenen Fällen völlig miteinander identisch sind, sondern mehr oder weniger auseinanderdriften, was bis zu pathologischen Konsequenzen führen kann, erscheint die Frage, die der Titel dieses Beitrags stellt, in einem anderen Licht. Denn es wird sichtbar, dass Zeit nicht nur eine objektive Seite, sondern auch eine subjektive aufweist. Um letzterer ansichtig zu werden, bedarf es allerdings einer methodischen Umkehrung: weg von der Vorstellung von Zeit als einem objektiven Gegenüber und hin zur personalen Einstellung, die einen Zugang zu Zeit als der eigenen Zeit eröffnet.15 Denn der allgemeine Blick auf Zeit, in dem diese qualitätslos zu sein scheint, aber gemessen werden kann, fördert deren Implikationen, die sie für eine bestimmte Person aufweist, nicht zutage. Es besteht beispielsweise ein wesentlicher Unterschied zwischen der Errechnung durchschnittlicher Lebenserwartung einer Generation und der Betroffenheit durch den eigenen Tod nach einer bestimmten Anzahl individueller Lebensjahre. Das Ende der eigenen Existenz hat eine andere Valenz für einen selbst als die abstrakte Wahrscheinlichkeit für das Lebensende im allgemeinen Durchschnitt.

Folgt man der Perspektive, die einen selbst involviert sein lässt, erkennt man, dass sowohl das eigene Bewusstsein als auch der eigene Leib ihre persönliche Zeitstruktur aufweisen. Mein Leibgedächtnis und meine subjektiven Rhythmen zeigen bestimmte und unverwechselbare Qualitäten auf, die anderen Menschen nicht eignen. Die eigene Vergangenheit und die eigene Zukunft sind also nicht allgemeiner, sondern individueller Natur, mehr noch: Sie machen mit aus, wer ich selbst bin. Im Laufe meines Lebens entfalte ich mich, indem ich mich leiblich zeitige, älter werde und in meiner Biografie allmählich zu mir selbst komme, also mich zu dem oder der entwickle, der oder die zu werden mir offensteht. Personale Zeit gibt es zunächst nur im Plural, sie ist individuell differenziert und strukturiert.

Fragt man also, warum Menschen eine strukturierte Zeit brauchen, so ist zu antworten: weil sie selbst zeitlich strukturiert sind. Menschen können gar nicht anders, als sich zu zeitigen und zeitlich zu leben. Das gilt einerseits in einem generellen Sinn, selbst dann, wenn man Zeit nicht schon als messbare vor Augen hat. Denn menschliches Dasein kann sich nur zeitlich vollziehen, erstreckt sich also in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sodass Menschen auf die drei Zeitdimensionen ausgelegt sind und den Horizont ihrer Existenz in der Zeit finden.16 In diesem Sinn charakterisiert Zeit das menschliche Dasein im Allgemeinen und von vornherein. Andererseits ist in personaler Sicht aber auch erkennbar, dass neben dieser allgemeinen temporalen Bestimmung auch daran festzuhalten ist, dass Zeit eine individuelle Dimension aufweist. Diese schlägt sich darin nieder, dass Menschen unterschiedliche Lebensgeschwindigkeiten haben – nicht nur nach dem jeweiligen Lebensalter abgestuft –, ihre Leibesrhythmen differieren, das jeweilige Leibgedächtnis unterschiedlich ausgeprägt ist und sie unterschiedlich altern. Daraus folgt, dass die angesprochene Notwendigkeit, Zeit zu strukturieren, für die einzelne Person und deren Zeitstruktur unumgänglich ist bzw. dass äußere Zeit von jedem und jeder anders strukturiert werden muss, will man sich nicht die eigenen Lebensmöglichkeiten verbauen. Soll es nicht zu Verwerfungen oder gar zeitlichen Pathologien kommen, kann man nicht umhin, darauf zu achten, dass wichtige Zeitstrukturen für einen selbst adäquat sind.

4 Strukturen interpersonaler Zeit

Leibzeit gibt Strukturen vor, die man nicht ungestraft zu stark verändert, indem man sich z. B. über längere Perioden Schlaf entzieht und dadurch den eigenen zirkadianen Rhythmus stört oder indem man seine eigenen zeitlichen Grenzen durch fortwährende Beschleunigung der Arbeitsabläufe oder durch zu hohe Lebensgeschwindigkeit missachtet. Über seine innere leiblich festgelegte Zeit kann man nicht grenzenlos verfügen, denn niemand hat sie sich selbst gegeben, vielmehr wird sie einem gewährt. Selbst wenn jemand Suizid verübt, tut er dies in der Zeit, die er sich, wenn er seinem Leben ein Ende gesetzt hat, nicht wieder zurückgeben kann. Die Eigenzeit, die jemandem gegeben ist, ist zugleich jene Zeit, die ihn er selbst sein lässt. Denn ohne sie könnte niemand weder sich noch sein Leben vollziehen, weil dieses keinen Entfaltungshorizont vorfände. Das bedeutet, dass individuelle Zeit je eigenes und unverwechselbares Dasein erst ermöglicht.17 Die eigene Zeit bleibt also nicht bloß in ihrer leiblichen Struktur unverfügbar, sondern auch in dem Sinn, dass sie sich als jene Zeit, die einem zu leben erlaubt, dem Zugriff auf sie und der Verfügungsmacht über sie entzieht. Zugleich und nicht in Widerspruch dazu ist sie einem aber auch aufgegeben, was bedeutet, dass jeder Mensch sein Leben und seine Zeit zu gestalten hat, die ihm für dieses sein Leben zur Verfügung steht. Wenn zu leben heißt, sich zu zeitigen – sowohl im passiven Sinn des Älterwerdens als auch im aktiven Sinn der Lebensführung –, dann ist nicht nur das eigene Leben zu gestalten, sondern auch die eigene Zeit zu strukturieren.

Bei den Entscheidungen darüber, wie man die eigene Biografie formen möchte, ist man zwar selbst in gewissem Sinn sein eigenes Gegenüber, weil man über sich und das Kommende reflektiert und urteilt. Aber es ist nicht zu übersehen, dass man dabei nicht so zu sich in Distanz steht, wie wenn man die Zeit eines oder einer anderen gestaltete. Vielmehr ist jede Person so sehr an den eigenen Leib als das Ausdrucksmedium ihrer selbst gebunden, dass sie dann, wenn sie ihre Lebenszeit gestaltet, auch sich selbst formt. Die Zeit, die einem zu strukturieren vorgegeben ist, ist also jene Zeit, in der man sein Leben und in der Folge sich selbst gestaltet. In der Strukturierung von Zeit geht es offenkundig nicht bloß um die Ordnung externer Lebensbereiche, sondern auch um die Formung von einem selbst. Mir ist gegeben, daran mitzubestimmen, wer ich einmal sein werde und zugleich gewesen sein werde. Meiner Zeit Struktur zu geben bedeutet also, mir selbst Struktur zu geben.

In der Zeit zu leben meint in zwischenmenschlichen Belangen nicht nur – wie anfangs beschrieben –, quantifizierbare Zeit so in Dienst zu nehmen, dass man mit der Hilfe von Uhren das Zusammenleben funktional gestalten kann. Zusammenleben heißt dann, wenn man die jeweilige Eigenzeit ernst nimmt, auch, diese zu teilen. Hat jemand für einen anderen Menschen Zeit, ist er für diesen da und stellt sich ihm zur Verfügung. Jemandem Zeit zu schenken bedeutet also, sich selbst zu schenken. Sofern diese Zeit zwar meine ist, ich sie aber teile, gebe ich anderen an meinem Leben Anteil und lasse sie über mich selbst verfügen. Insofern ich mich in der Zeit, die ich zur Verfügung stelle, selbst zeitige bzw. zugleich von anderen gezeitigt werde, verschränken sich personale Zeiten. Ich nehme auch an der Zeit des oder der anderen Anteil. Umgekehrt gewährt er oder sie mir nicht nur gemeinsame Zeit, sondern lässt mich auch an seinem oder ihrem Leben teilnehmen. Im Unterschied zur Verallgemeinerung von Zeit durch Metrisierung und Normierung steht in der Begegnung folglich personale Zeit im Mittelpunkt. Es sind Menschen namentlich involviert, die dadurch, dass sie Zeit gemeinsam verbringen, diese in ihrer personalen, individuellen und Qualitäten einschließenden Form in Anspruch nehmen und dadurch ihrer Lebenszeit sowie ihren Biografien Gestalt und Struktur geben.

Alister Cox sieht sich am Ende von Ransmayrs Roman durch den chinesischen Kaiser gezwungen, eine Uhr für die Ewigkeit zu bauen. Er gerät mit diesem Auftrag aber in eine Aporie: Der Kaiser hat ihm zwar diesen Auftrag erteilt, würde es aber nicht tolerieren können, wenn das geforderte perpetuum mobile die Zeit über seinen eigenen Tod hinaus messen könnte, weil er sich selbst nicht nur als Herrscher über Himmel und Erde versteht, sondern auch über die Zeit regieren möchte. Es treffen chronometrische und personale Zeit aufeinander. Uhrzeit erweist sich zwar als scheinbar grenzenlos, des Menschen Zeit erschöpft sich aber nicht in der bloßen Dauer. Es scheint so, als sei Cox genötigt, Ewigkeit zu strukturieren. Doch wie soll dieses Unterfangen gelingen?

Der Autor:Reinhold Esterbauer, geb. 1963, Dr. phil., Dr. theol., Prof. für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz. Publikationen zum Thema: Reinhold Esterbauer / Andrea Paletta / Philipp Schmidt / David Duncan (Hg.), Bodytime. Leib und Zeit bei Burnout und in anderen Grenzerfahrungen, Freiburg i. Br. 2016; Reinhold Esterbauer / Andrea Paletta / Julia Meer (Hg.), Der Leib und seine Zeit. Temporale Prozesse des Körpers und deren Dysregulationen im Burnout und bei anderen Leiberfahrungen, Freiburg i. Br. 2019. GDN: 1065525885; ORCID: https://orcid.org/0000-0003-2743-3626.

Weiterführende Literatur:

– Walther Ch. Zimmerli / Mike Sandbothe (Hg.), Klassiker der modernen Zeitphilosophie (WBG-Bibliothek), Darmstadt 2016. Der Band enthält philosophische Beiträge zur Philosophie der Zeit, vornehmlich aus dem 20. Jahrhundert. Er gewährt einen guten ersten Überblick über unterschiedliche, zum Teil kontroversielle Ansätze.

– Edmund Husserl, Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins. Mit den Texten aus der Erstausgabe und dem Nachlaß. Mit einer Einleitung hg. von Rudolf Bernet (Philosophische Bibliothek 649), Hamburg 2013. Der Basistext aus dem Jahr 1928 ist ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der phänomenologischen Auseinandersetzung mit dem Problem der Zeit. In dieser Ausgabe findet man darüber hinaus Ergänzungen, Beilagen und weitere Überlegungen von Husserl über die Zeit.

– Hermann Schmitz, Phänomenologie der Zeit, Freiburg i. Br. 2014. Schmitz, der als Begründer der „Neuen Phänomenologie“ gilt, stellt in diesem Buch seinen eigenen Ansatz vor, kommt aber auch auf Aporien der Zeitphilosophie zu sprechen und interpretiert einige klassische Ansätze.

1 Vgl. Christoph Ransmayr, Cox oder Der Lauf der Zeit. Roman (Fischer TB 19663), Frankfurt a. M. 2016, 83 f.

2Europäische Kommission, Lage der Union 2018: Fragen und Antworten zum Vorschlag der Kommission, die jahreszeitlich bedingten Zeitumstellungen abzuschaffen (12.09.2018), online: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/MEMO_18_5641 [Abruf: 01.09.2020].

3Edmund Husserl, Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins (1893–1917) (Husserliana X), Den Haag 1966, 29–31.

4 Vgl. ebd., 29: „Der Ton setzt ein, und stetig setzt ,er‘ sich fort. Das Ton-Jetzt wandelt sich in Ton-Gewesen, das impressionale Bewußtsein geht ständig fließend über in immer neues retentionales Bewußtsein. Dem Fluß entlang oder mit ihm gehend, haben wir eine stetige zum Einsatzpunkt gehörige Reihe von Retentionen. Überdies jedoch schattet sich jeder frühere Punkt dieser Reihe als ein Jetzt wiederum ab im Sinne der Retention.“ (Hervorh. im Orig.)

5 Vgl. ebd., 35: „Jeweils ist immer ein Ton (bzw. eine Tonphase) im Jetztpunkt. Die vorangegangenen sind aber nicht aus dem Bewußtsein ausgelöscht. Mit der Auffassung des jetzt erscheinenden, gleichsam jetzt gehörten Tones verschmilzt die primäre Erinnerung an die soeben gleichsam gehörten Töne und die Erwartung (Protention) der ausstehenden.“

6 Z. B. Edmund Husserl, Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge. Hg. u. eingel. v. Stephan Strasser (Husserliana I), Den Haag 21963, 112. Der Leib ist deshalb nach Husserl „in grundwesentlich anderer Weise nach gegenständlichem Sinn charakterisiert und phänomenologisch konstituiert, [sic] wie andere Dinge“. (Edmund Husserl, Analysen zur passiven Synthesis. Aus Vorlesungs- und Forschungsmanuskripten 1918–1926. Hg. v. Margot Fleischer [Husserliana XI], Den Haag 1966, 299).

7 Vgl. Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung. Aus d. Franz. übers. u. eingeführt durch eine Vorrede v. Rudolf Boehm (Phänomenologisch-psychologische Forschungen 7), Berlin 1966, 172–177.

8 Vgl. Bernhard Waldenfels, Erfahrung, die zur Sprache drängt. Studien zur Psychoanalyse und Psychotherapie aus phänomenologischer Sicht, Berlin 2019, 307: „[Es] sind schon Freudsche Fehlleistungen wie Stolpern, Stottern und Sichversprechen leibkörperliche Prozesse, in denen Rede und Bewegung der eigenen Verfügung entgleiten.“

9 Über das „explizite“ Gedächtnis des Bewusstseins hinaus weist das „implizite“ Gedächtnis des Leibes vielfältige Formen auf. Vgl. Julia Meer, Die Erinnerung des Leibes. Zur Relevanz und Funktion von Leibzeit bei Alzheimer-Demenz, in: Zeitschrift für Praktische Philosophie 5 (2018), 207–230. Siehe auch: Thomas Fuchs, Verkörpertes Wissen – verkörpertes Gedächtnis, in: Gregor Etzelmüller / Thomas Fuchs / Christian Tewes (Hg.), Verkörperung – Eine neue interdisziplinäre Anthropologie, Berlin 2017, 57–78, bes. 66 f.

10Jean Baudrillard, Die Abschreckung der Zeit, in: Tumult 9 (1987), 109–118, 112.

11 Vgl. den provokativen Buchtitel von Baudrillard: „Das Jahr 2000 findet nicht statt“ (Jean Baudrillard, Das Jahr 2000 findet nicht statt [Merve 156], Berlin 1990). Damit wollte er schon 1990 darauf aufmerksam machen, dass bei übersteigerter Beschleunigung, durch die gleichsam alle Information in der Gegenwart kulminiere, Zukunft in der Gegenwart bereits großteils vorweggenommen und deshalb nicht mehr ausständig sei.

12Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1760), Frankfurt a. M. 2005, 214 und 221. (Hervorh. im Orig.)

13 Laut ICD-10-GM in der Version von 2021 (Vorabfassung) ist Burnout – wie schon in der Version von 2017 – nicht als Krankheit zu führen. Daher ist es in Kapitel XXI, also bei den „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen“, gelistet, nämlich unter Z 73. (Deutsches Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, ICD-10-GM Vorabfassung 2021, online: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2021/block-z70-z76.htm [Abruf: 26.08.2020])

14Manuela Pfeffer / Andrea Paletta / Gerald Suchar, Die Zeitdynamik bei Burnout-Patientinnen und -Patienten. Ergebnisse einer Bewegungsanalyse nach Laban, in: Reinhold Esterbauer / Andrea Paletta / Julia Meer (Hg.), Der Leib und seine Zeit. Temporale Prozesse des Körpers und deren Dysregulationen im Burnout und bei anderen Leiberfahrungen, Freiburg i. Br. 2019, 337–360, bes. 338 und 353–355.

15Günther Pöltner, Die zeitliche Struktur der Leiblichkeit, in: Reinhold Esterbauer / Andrea Paletta / Philipp Schmidt / David Duncan