Zenissimos Jagd - Sabine Ibing - E-Book

Zenissimos Jagd E-Book

Sabine Ibing

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Beschreibung

Jeremias will Carina vergessen, die Frau die ihn enttäuscht hat. Ausgerechnet auf Teneriffa, mitten in seinem Urlaub, entdeckt er sie in einer Gruppe Touristen und die Wunden brechen wieder auf. Jeremias freundet sich unerkannt mit ihrer Schwägerin Laura an, und horcht diese aus, während sie gemeinsam die Insel erkunden. Allmählich entwickelt er einen perfiden Plan und die Jagd auf Carina beginnt ... Er dringt immer tiefer in Carinas Leben ein, besessen davon, sich an ihr zu rächen. Dank allerlei technischer Hilfsmittel gelingt es ihm dabei, falsche Fährten zu legen und selbst unerkannt zu bleiben. Sein Opfer wähnt sich von einer Person bedroht, die sie nicht zu kennen glaubt, was die Ermittlungen erschwert, denn gegen wen sollte die Polizei vorgehen und wegen was? Carina ist psychisch immer mehr isoliert, sie kann sich nicht gegen Ihren Peiniger wehren ... Ein spannender, vielschichtiger Roman.

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Seitenzahl: 538

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sabine Ibing
Zenissimos Jagd
Sabine Ibing
Zenissimos Jagd
Roman
Copyright © 2014 by Sabine Ibing
Alle Rechte, auch die der Übersetzung, vorbehalten. Ohne ausdrückliche, schriftliche Genehmigung der Autorin dürfen weder das Buch noch Teile daraus in irgendeiner Form kopiert, vervielfältigt oder auf elektronische Speicher übertragen werden. Zitatauszüge sind nur mit vollständiger Quellenangabe erlaubt.
Lektorat: Martina Gyger, Meilen Umschlagbild: © Gina Sanders - Fotolia Herstellung und Verlag: C. F. Portmann, Erlenbach www.cfportmann.ch
E-Book: mbassador GmbH E-Book ISBN: 978-3-90601-428-9
A mi familia, por el amor sin condiciones, por las palabras a tiempo. A mis amigos por su cariño y el apoyo que siempre necesito. Tiene mi Santacrucera de nieve y rosas la cara la nieve se la dio el Teide y las rosas, la Orotava. (tradicional)
Aber wahrhaftig, ihr habt zu viel Kanariensekt getrunken, und das ist ein verzweifelt durchschlagender Wein, der würzt euch das Blut, ehe man eine Hand umdreht. (Wirtin in Shakespeares King Henry IV)
Inhaltsverzeichnis
Zurück in der Welt
Urlaub
Eine Störung der Sphäre
Die Vorbereitung
Die Überwachung
Die Aussprache
Carinas Wohnung
Das Spiel beginnt
Das Spiel geht weiter
Der Angriff
Der Eindringling
Der Hack
Karibische Träume
Der Schock
Die Handschellen klicken
Am Rande des Wahnsinns
Die Nadel im Heuhaufen
Die Zeit bleibt stehen
Ein Häuschen mit Garten
Qué será
Ein lohnendes Geschäft
Rückschläge
Arroganz macht blind
Der Prozess
Adiòs amigos
Der Deal
Der Abflug
Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt
Danksagung
Die Autorin

Zurück in der Welt

Jeremias beendete das Telefongespräch mit der Austaste. Es war einer dieser Tage, an dem er sich fragte, ob es irgendjemanden auf dieser Welt gab, der sich darum scherte, wie miserabel es ihm ging. Sein Verleger hatte ihn für Mittwoch bestellt, um die fertigen Fotos der Marketingabteilung vorzulegen. Die letzten drei Wochen hatte er hart an ihnen gearbeitet: Schatten geschwächt, Lichtakzente gesetzt, Eyecatcher nachträglich ausgearbeitet, geschnitten, bis eine exzellente Auswahl für das neue Kochbuch zusammengestellt war. Der Termin drängte, aber als Perfektionist war er immer noch nicht mit der Zusammenstellung zufrieden. Ihn faszinierte es, die unglaubliche Schönheit von Essen und Trinken zu entdecken, zu beleuchten, den perfekten Augenblick festzuhalten, bevor der unaufhaltsame Verfall sich einleitete. Den Moment der Feinheit zu erfassen beflügelte ihn, spürbar auf dem Foto herauszukitzeln, lebendig den Duft einzufangen. Es bedurfte Instinkt und guter Ausleuchtung. Jeremias verzichtete auf Lacke, Farben, Haarspray, jegliche Hilfsmittel, derer sich viele seiner Kollegen bedienten. Ihn reizte, die Natürlichkeit und Einzigartigkeit der Lebensmittel darzustellen. Bei seinen Fotos sollte den Betrachtern nicht nur das Wasser im Mund zusammenlaufen, alle Sinne sollten sich entfalten, der Geruch wahrnehmbar sein. Die Gewürze sollten die Zunge erotisieren. Mit der Zeit lag er hart am Limit, was nicht sein Stil war. Schuld war Carina. Sie, die sein Leben veränderte. Liebe hatte sie ihm geschworen, nur um ihn später eiskalt abzuservieren, vor die Tür zu setzen, einfach so. Jeremias mochte nicht an Carina denken, der er vertraut hatte, die ihn so gemein betrogen, ihn belogen hatte von Anfang an, sie, die es nie ehrlich meinte. Es galten nur ihre Bedingungen, sie wollte ihm nicht vertrauen. Die Wut erfasste erneut seine Gedanken. Dieses gefühlskalte Biest hatte seinen Glauben an Liebe zerstört. Für ihn verbanden sich diese Fotos mit Carina, an sämtlichen Einstellungen klebte schmierig ihr Betrug. Sie hatte ihm hierbei assistiert, wenn sie freihatte.

Er nahm sich vor, mit Beendigung dieses Auftrags nicht mehr an sie zu denken, aber solange er an diesem Projekt arbeitete, wurde er täglich erinnert, wie sehr diese Frau ihn verletzt hatte. Jeder Cut schnitt sich in sein Fleisch, wie ein scharfes Messer.

Zwei Tage blieben Jeremias Zeit. Er wohnte in der Anliegerwohnung im Haus seines Vaters. Neben einem Wohnund Arbeitszimmer gab es ein Bad, eine Küche, ein Schlafzimmer und ein Fotostudio im Keller des Vaters. Im Bad befand sich ein kleines Labor, was er kaum nutzte, denn er bevorzugte digitale Aufnahmen.

Jeremias schaute verloren in sein Spiegelbild. »Du siehst aus wie ein Zirbengeist! So, wie du zurzeit wirkst, kannst du dich beim besten Willen nicht im Verlag blicken lassen«, murmelte er, kratzte sich am Bart, der ungepflegt abstand. Jeremias nahm eine Schere und stutzte das Gestrüpp. Ein Vollbart wäre einmal etwas anderes, Carina mochte keine Bärte. Den Schnauzer ließ er lang stehen, zwirbelte ihn mit Haarwachs zur Seite. Die buschigen Augenbrauen hatte er sich früher radikal beschnitten, in der letzten Zeit hatte er kein einziges Haar an seinem Körper gekürzt. Sein Gesicht grinste ihm wild aus dem Spiegel entgegen. Die struppige Mähne gefiel ihm nicht.

Seit November hatte Jeremias das Haus nicht mehr verlassen, seit jenem unglückseligen Tag, an dem er zurück zu seinem Vater in seine alte Wohnung gezogen war. Tagelang lag er im Bett, dachte an Carina. Die Dunkelheit umfing ihn, sogar am Tag. Kein Gefühl drang in seine Seele, weder Licht noch Wärme. Das Leben schien eine Halluzination zu sein. Der Vater ließ ihn in Ruhe, er kannte ihn, wusste, mit Worten war er unerreichbar. Jeremias fühlte sich monatelang wie ein Gefangener seiner selbst, nicht in der Lage aufzustehen. Er musste seine Fotos bearbeiten, aber er war unfähig seine Beine in Gang zu bringen, seine Arme streikten, er wollte seinen Frieden, unwissend und blind. Er gierte nach Schlaf, der ihn zu meiden versuchte. Er suchte ruhelos nach Entspannung, die ihn nie erfüllte. Friedlos lag er in einer Art wachem Koma, außerstande zu denken, sich aufzuraffen. Die Qual, nicht völlig in die Traumwelt fallen zu können, marterte ihn unendlich. Die Leere im Kopf, der Körper, der sich weigerte sich zu bewegen, ihm war alles egal. Er sehnte sich nach Einklang, Seelenruhe. Wer schläft, denkt nicht, vergisst, quält seine Innenwelt nicht. Der heilende Prozess des Erholens fand keinen Weg zu ihm, selbst wenn er eine Tablette schluckte. Erst das dritte Dragee führte ihn ins Zauberland. Traumlose Phasen, die er sich bei der Pharmaindustrie erkaufte, bohrten in seinem Gehirn genauso wie die ausgeschlafenen Momente. Er schlief tief, trotzdem oberflächlich. Er wachte auf, fühlte sich zerschlagen. Er wünschte sich ein behäbiges Hineingleiten in den Tag. Aber sobald er erwachte, spürte er ein hohles Gefühl, die Lider brannten, der Schädel brummte, ein schwarzes Loch klaffte in seinem Kopf. Und sofort, ohne Vorahnung erschien Carina erneut, folterte seine Gedanken, forderte jede Aufmerksamkeit. Die Augen stachen in den Höhlen wie Dornen, weiter und immer weiter. Gesichter plagten ihn, Mal für Mal Carina. Sie tanzten vor ihm, warme Blicke, die sich langsam in Fratzen umwandelten, stürzten auf ihn ein, um ihn auszusaugen, alle Emotion aus ihm herauszureißen, Frauen, die er liebte, die er hasste, Menschen, die ihn betrogen, mit seinen Gefühlen spielten, ihn allein ließen.

Jeremias dachte nach. Carina, wie sah sie aus? Er erinnerte sich nicht mehr genau. Dunkelblonde Wellen, lang und rötlich schimmernd im abendlichen Sonnenlicht. Er konnte ihr Antlitz nicht rekonstruieren. Zwischen den Haaren lag eine helle Fläche. Ein Areal, Grinsen, keine Augen, ohne Nase, mit einem Engelsmund.

Wer kam ihm in den Sinn? Frau Thomas, seine Grundschullehrerin. Graue Locken, kein Miene. Frau Thomas, die er mochte. Plötzlich war sie verschwunden, man hatte ihn auf eine andere Schule geschickt und er fühlte sich einsam.

Jeremias rief sich seine Mutter ins Bewusstsein. Eine schwarze lange Mähne hüllte ihn ein. Eine kalte Kugel, kein Lächeln. Nicht einmal an ihr Kinn erinnerte er sich, nicht an die Farbe ihrer Iris. Verena, die neue Mutter, kaum älter als er selbst. Tief dunkle Haarpracht, voluminös. Ein Lachen, ein trauriges Gesicht ohne Kontur.

Das Bild verflog, Angelika tauchte auf. Hellbraune Haare, lang. Jeremias vertiefte sich in die Fratze, aber so sehr er sich anstrengte, sie blieb leer.

Langsam konzentrierte er sich auf seine Einschulung. Er zählte die Klassenkameraden, es fielen ihm alle ein. Jeder erschien einzeln in seinem Gedächtnis, sogar die Kleidung konnte er zuordnen. Er sah den Glanz in den Augen der Kinder, Paul mit den grauen Glubschern und Sommersprossen, das gewinnende Grinsen von Volker und seine wasserblauen Augen. Seine schmalen Lippen öffneten sich vor Jeremias. Tina trug hohe Zöpfe, ein rosa Kleid, sie machte einen Knicks vor der Lehrerin, lächelte Jeremias dabei verschmitzt an, rote Wangen, Segelohren. Er erinnerte sich an jeden.

Schulwechsel. Namen umschwirrten ihn, manche Gesichter lösten sich auf. Das Internat kreuzte seine Gedanken: Jens, sein Zimmergenosse, und all die anderen. Die Personen waren komplett, besaßen lebende Mienen. Nur nicht Angelika.

Wieder konzentrierte sich Jeremias auf Carina. Er schaute in ein inhaltsloses Antlitz. Er sah ihre Haare, ihr grünes Kleid, betrachtete sie wie die Pappteile einer Anziehpuppe, bei der man zwar weiß, wie die Kleidung aussehen soll, sich aber noch nicht für ein Gesicht entschieden hat.

Carina, Angelika, Verena, Mama, Max, ein A hing im Raum, leere, konturlose Visagen. Warum war er nicht in der Lage in ihre Züge zu blicken? Jeremias hielt seinen Kopf mit beiden Händen, presste die Finger fest an die Schläfen. Wieso? Wozu? Jeremias atmete rascher. Du kannst ihre Gesichtszüge sehen, doch du willst es nicht, hämmerte es in ihm. Mutters Ausdruck kam langsam in seinen Gedanken hoch, verzog sich zu einer Fratze. Mehr Erinnerung war sie nicht wert. Sie hatte ihn verlassen, als er sie brauchte. Aus purer Eigensucht, für ihre Pferde, für diesen Mann. Sie ging fort, ohne Jeremias, allerdings nicht ohne die Gäule. Sie zog zu diesem Rennfahrer, der sich kurz danach zu Tode fuhr. Genau das hatte Jeremias sich gewünscht! Doch Mutter blieb verloren, nicht weit entfernt, trotzdem unerreichbar für ihn, sie kam nicht zurück, auch holte sie ihn nicht zu sich. Verena verließ ihn, als er sie begehrte. Als sie sich verliebte, in den Sohn ihres Mannes.

Dann kam Angelika. Doch sie zog aus, um allein zu sein, Max nahm sie mit. Jeremias sei ihr unerträglich geworden, so sagte sie. Hatte sie je gefragt, ob er sie aushalten könne? Was bezeichnete man als Erträglichkeit? Das Akzeptieren des anderen, ohne Wenn und Aber. Weil man ihn liebte.

Als Mama fortging, schwor er sich, niemals zu lieben. Doch sie saugten ihn aus, zogen ihn in ihren Bann, bis er die Kontrolle über sich selbst nicht mehr besaß und fiel. Und am Ende brachen sie mit ihm. Alle Weiber waren Nutten, die es von vornherein darauf abgesehen hatten, ihn zu verletzen, ihn unbeherrscht zu sehen, um ihn letztendlich fortzustoßen und sich an seinem Leid zu weiden. Er rutschte den Brunnen hinunter, verlor den Verstand. Unten wartete nicht Frau Holle, er stürzte in die Finsternis, immer tiefer, ein Fall ohne Aufprall.

Carina wollte ihn. Carina sagte, sie liebte ihn, und mit Carina kam auch sein kleiner Max zurück. Jeremias glaubte ihr. Doch sie betete schon einen anderen an. Sie log ihn an. Sie hatte ihn nur mit leeren Worten geliebt, nicht mit dem Herzen, eiskalt, nur aus Berechnung. Nicht eine Sekunde hatte sie ihm wirklich ihre Seele geschenkt. Max liebte ihn, gleichwohl Angelika und Carina hatten ihn verdorben, sie hatten ihm Max weggenommen.

Frauen konnten nicht lieben, sie waren oberflächlich und gefühlskalt. Weiber amüsierten sich gern. Wenn es sie langweilte, gingen sie. Jeremias fühlte sich wie ein Idiot. Viel zu lange hatte er gebraucht, um zu verstehen, Evastochtern durfte man nicht trauen. Wie oft war er auf sie hereingefallen. Jetzt war Schluss! Mit Frauen hatte man Spaß, aber niemals Freude!

Nach Monaten war er endlich in der Lage, das schwarze Loch zu überwinden, zum Teil jedenfalls. Im neuen Jahr erlangte er langsam die Kontrolle über sein Leben zurück. Von nun an lebte Jeremias nur noch für seine Fotos. Stunden um Stunden saß er vor dem Rechner, jeden Tag. Das lenkte ihn ab. Die innere Bedrohung verkleinerte sich. Er konnte dem Alltag nicht davonlaufen, er musste sich stellen, so schwer es auch fiel. Trotzdem war er nicht fähig ein Buch zu lesen, sich auf einfachste Dinge einzulassen. Filme liefen an ihm vorbei, als hätte er sie nie gesehen. Die einzige Kraft, die ihm blieb, fokussierte er auf seine Arbeit. Freizeit betrachtete er aktuell als Langeweile. Musik, Theater, Bücher ödeten ihn an. In Phasen, in denen er sein Gehirn der Welt öffnete, nagte das schwarze Loch in ihm, vergrößerte sich, machte Zerstreuung eintönig, die Gruft in seinem Kopf vergrößerte sich. Erinnerungen schleppten sich mit den Tönen, lethargisch kamen die Monster zurück mit den Klängen, die mit ihnen verbunden waren, mit Erlebnissen, mit Räumen, mit Landstrichen. Sie sangen ein Lied in einer scheußlichen Melodie mit schrillen Nuancen. Nie ließen sie ihn zufrieden. Wenn er anfing, etwas zu genießen, schwebte eine Visage ein, ein Lächeln, das ihm das Gefühl in der Magengrube verpasste, kotzen zu müssen. Das Lächeln mutierte zum Grinsen, zur Fratze und die Grube öffnete sich, sog ihn auf. Schritt für Schritt verfiel er in seine Lethargie. Das durfte nicht sein. Er klammerte sich an die Beschäftigung, sie hielt Jeremias aufrecht, zwang ihn zur Konzentration, sich von den Depressionen zu lösen. Eine anstrengende Arbeitsphase verschaffte ihm Schlaf. Echten Schlaf, tief, ohne Tabletten, sicherte ihm die Ruhe, nach der er sich sehnte.

Jeremias ließ sich eiskaltes Wasser über die Hände laufen, benetzte sein Gesicht. Er blickte in den Spiegel, atmete tief durch, latschte den Flur entlang und zog sich umständlich seinen Trenchcoat an. »Papa!«, rief er ins Nebenzimmer, »ich gehe zum Friseur!«

Ungläubig stand der Vater auf, schlurfte in den Hausflur, starrte um die Ecke. »Ist gut, Jeremias, falls ...«, der Vater brach ab. Falls was, dachte er. Es fragte sowieso niemand nach Jeremias, aber immerhin, er verließ das Haus, ein guter Anfang. Kopfschüttelnd ging er wieder zurück zu seiner Zeitung. »Werde einer schlau aus dem Jungen!«, redete er mit sich selbst.

»Und ich soll wirklich die ganze Mähne stutzen?« Dem Friseur flackerten die Augen. »Was halten Sie davon, unten kurz, das Deckhaar lang, mit ein paar leichten Strähnchen über den Seiten?« Entzückt zogen seine zarten Finger das Haar auseinander. Er zupfte es hoch, ließ es fallen, spannte die Strähnen, zog sie locker nach hinten.

»Ein paar orange Tigerstreifen in der Mitte bitte!«, witzelte Jeremias. »Wie glauben Sie, sehe ich aus? Wie ein Freak?

»Nein, aber ein bisschen Chic kann nicht schaden, es muss ja nicht völlig abgefahren sein!«, näselte der Friseur beleidigt. »Wenigstens eine Wet-Frisur, einen Schwung, den knete ich mit Haarwachs ein, es sieht aus wie gekämmt, fällt immer natürlich!«

»Oh Mann, bin ich beim Damenfriseur?«, zischte Jeremias genervt. »Einfach ledernackenkurz, ohne Haarspray und Minipli!«

»Bitte, wie Sie wollen!« Der Friseur verdrehte seine Augen, zog die Mundwinkel nach unten. »Ich bin einer der besten Haardesigner von ganz München. Wenn Sie nur einen Cutter brauchen, hätten sie es billiger haben können!« Er schnippte mit den Fingern und rief den Auszubildenden herbei.

»Da kannst du nichts verschnippeln: waschen, kämmen, Zopf am Oberkopf abschneiden und nahkampfmäßig kurz, wie ein US-Marine!« Der Friseur schlenderte betont lässig, mit schwingenden Hüften davon.

Innerhalb von Minuten fiel die lange Mähne. Neben Jeremias lag ein Zopf auf der Ablage. Mit dem Rasierer verschwand der Rest seiner Haarpracht.

Jeremias betrachtete sich im Spiegel, während der Azubi den Föhn holte.

»Ist schon gut!« Jeremias strich sich mit der Hand über den Kopf. »Bereits trocken!«

Er schaute sich unentwegt an. Besonders hübsch sah er nicht aus, jedoch völlig verändert, wie eine andere Person, und das tat gut. Würde sein Vater ihn auf fünf Meter Entfernung erkennen? Das Gesicht, das ihm entgegenblickte, schien ihm unbekannt. Ein merkwürdig leichtes Gefühl umgab seinen Kopf. Er schüttelt seine Haare, die nicht mehr existierten. Alles war divergent. Das war nicht Jeremias, aber der Typ gegenüber wirkte sympathisch. Ein harter Kerl, ein wenig urwüchsig mit dem vollen Bart und den buschigen Augenbrauen. Keine Spur blieb von dem feinen Jeremias übrig, den er kannte, dem schöngeistigen Menschen, der die Zierlichkeit liebte. Er war nicht mehr der Alte, zu viel war zerstört, doch er würde jetzt wieder leben können. Zu lange hatte er sich verkrochen. Jeremias atmete tief ein. Die Zeit davor war Geschichte, die Zukunft begann in diesem Augenblick. Er besaß erneut seine gewohnte Kraft. Wenn die Fotos abgegeben waren, würde er seine letzten Gedanken an Carina auslöschen und zu einem normalen Leben zurückfinden können.

»Sieht echt klasse aus! Ehrlich, sollten Sie eine Freundin haben, rufen Sie lieber zur Warnung vorher an!«, grinste der Auszubildende. »Es hat etwas von einer Jailhouse-Frisur. Garantiert läusefrei!«

Grimmig schob ihn Jeremias zur Seite, schritt energisch zur Kasse.

Vom Friseur aus ging Jeremias zu einem Optiker. Er suchte sich eine Sonnenbrille aus. Das Pilotengestell mit den dunklen Gläsern in Tropfenform gefiel ihm. Neben dem Optiker befand sich ein Reisebüro. Er blieb abrupt stehen. In die Ferne, warum nicht?, dachte Jeremias. Er betrat den Laden, fragte nach Orten zum Sonnen und Baden im Meer. Asien war ihm zu weit und Reis zuwider. Die Dame im Reisebüro überlegte nicht lange: Karibik, Nordafrika oder Kanaren, wo sollte es sonst Anfang April warm sein? Sie kramte nach Angeboten. Am Nebentisch hörte Jeremias, wie eine Frau auf blaues Meer bestand. Dieses Jahr wolle sie auf jeden Fall in blauem Wasser baden, nichts anderes, wehe, wenn ihr Reiseziel kein blaues Meer vorweisen könne, drohte sie laut. Die Frau, um die fünfzig, besaß eine ausladende Hüfte, ihre weiße Polyesterbluse schaute auf der einen Seite aus dem beigefarbenen Faltenrock heraus. In den Händen hielt sie eine braune Kunstledertasche fest an den Bauch gedrückt. Ihr dunkelblauer Mantel hing über den Stuhl, der Kragen wirkte abgetragen. Auf dem Kopf trug die Frau einen karierten Hut. Ihr wurden die Kanaren empfohlen. Sie entgegnete, der Atlantik sei nicht blau, das müsse man doch wissen, der Atlantik sei grün und grün wolle sie nicht!

Die zwei Angestellten in dem Reisebüro blickten sich ermüdet an. Jeremias rückte den Stoß Prospekte vor sich gerade, bedacht, gleichen Abstand von Stapel zu Stapel zu halten. Dann wischte er mit einem Taschentusch über das Glas eines Tischständers. Er besaß nicht die Geduld zu warten, bis er an der Reihe war, verließ mit ein paar Katalogen im Arm schnell das Geschäft.

Am Mittwochmorgen traf sich Jeremias mit Herrn Töter in seinem Verlagsbüro. Er führte Jeremias in einen Besprechungsraum, andere Mitarbeiter trudelten schwatzend ein. Die tiefen, klaren Farben und die Natürlichkeit der Nahrungsmittel auf den Fotos überraschten. Alle waren begeistert von der Luzidität seiner Bilder, von dem besonderen Empfinden, das sie vermittelten. Herr Töter brachte es auf den Punkt, er spürte Lust, in die Abbildungen hineinzubeißen. Dieses Gefühl herüberzutransportieren sei Jeremias gelungen. Die Farben und die Frische suggerierten den Duft, der die Nase kribbeln ließ, den Speichelfluss anzuregen. Das gelinge nicht jedem Lebensmittelfotografen, das sei die Kunst. Man besprach ein paar Details, die Jeremias in den nächsten Tagen nachliefern solle. Herr Töter meinte, es liege im Interesse der Industrie, dass Verbraucher noch gut essbare Lebensmittel wegwürfen und neue kauften, statt die älteren zu essen. Und genau deshalb benötige er ein Idealbild von Aufnahmen, um vollendete Naturalien darzustellen. Es sei ihm bedeutend, Lifestyle zu zeigen, die Ideale der Konsumenten zu berücksichtigen. Manche Menschen seien heute so verrückt, einen ganzen Salat zu entsorgen, anstatt die bräunlichen Blätter zu entfernen, andere ekelten sich vor vollständigen Fischen. Jeremias habe es bei den Schuppentieren exzellent gelöst, indem der die Augen mit Kräutern abdeckte. Essenziell, entgegnete Jeremias, sei die Zusammenarbeit mit den Köchen, denen müsse man zuerst erklären, worum es gehe. Das Timing sei wichtig. Das Anrichten sollte absolut schnell und sauber vonstattengehen. Fingerabdrücke verdürben alles, ebenso eine nicht mehr fließende Soße, die in Sekunden auf dem Teller eine Haut bilde. Er verpflichtete das Team, fix zu kooperieren. Jeremias benutze vornehmlich Kaltlampen, erklärte er, sonst welke und zerschmelze das Gericht, nur bei Fleisch nehme er vorzugsweise Spots. Mit guten Studiolampen vermeide er Bewegungsunschärfe, außerdem erreiche er bei großen Blenden kurze Verschlusszeiten, was im Prinzip einen Kabelauslöser entbehrlich mache. Jeremias verwendete in der Regel seine M8 und arbeitete mit verschiedenen regelbaren Blitzen, Lichtschirmen, Durchlichtschirmen sowie Softboxen. Herr Töter war erstaunt, mit wie viel technischem Aufwand Jeremias operierte. Die Technik sei nur ein Hilfsmittel, veranschaulichte Jeremias. Die Liebe zum Kochen und Genießen sei das andere, der Instinkt, den richtigen Moment des Fotos zu erahnen, das sei die Kunst. Er produziere meist allein. Da sein Bauchgefühl das Wichtigste sei, seien die Köche sein Team. Die angeblich kreativen Typen aus der Szene seien für ihn nur Spinner, die nervig herumsprängen mit Kaffeetassen in der Hand und im Grunde alles ruinierten. Ein Foto benötige schon mal fünf oder acht Stunden Vorbereitungszeit. Herr Töter war sichtlich beeindruckt.

Am Freitag fuhr Jeremias in die Stadt, zunächst ins Verlagshaus, danach weiter zum Reisebüro. Den ganzen Abend hatte er bei einer Flasche Rioja die Prospekte durchgeschaut. Karibik kam für ihn nicht in Frage, Nordafrika langweilte ihn. Lange überlegte er, welche kanarische Insel er besuchen sollte. Gran Canaria schied sofort aus, da könnte er gleich zum Ballermann nach Arenal auf Mallorca fahren. Einsamkeit hatte er die letzten Monate mehr als genug genossen, ein wenig Trubel durfte es schon sein, aber Ruhe suchte er auch. Teneriffa bot sich an. Jeremias entschied sich für drei Hotels in Puerto de la Cruz, das eine hatte besonders gute Bewertungen im Internet erhalten.

Jeremias betrat das Reisebüro und fragte den Angestellten, der ihn bediente, ob er mit den Hotels vertraut sei.

»Ich habe vor einem Jahr eine Reise für einen Veranstalter nach Teneriffa mitgemacht. Man lernt die Hotels nicht richtig gut kennen. In zwei Tagen wird man durch alle Anlagen geführt, kann nur einen groben Eindruck gewinnen.«

»Hoffentlich ist das Tigaiga etwas für mich! Das habe ich mir herausgesucht, was meinen Sie?« Jeremias war gespannt.

»Hübscher Garten, angenehme Küche, Wanderschule im Haus, kleines Hotel, persönlich. Abseits auf einem Hügel am alten Kasino, Blick auf das gesamte Orotavatal, recht ruhig, abseits vom Zentrum, keine Strandnähe. Sämtliche Hotels in Puerto besitzen Pendelbusse zur Stadtmitte, dort liegen Strand und Schwimmbad. Ich würde eher ein anderes bevorzugen.«

Jeremias war begeistert. »Genau, was ich suche! Schon entschieden. Buchen Sie mir bitte ein Einzelzimmer mit Frühstück, so schnell wie möglich.«

»Wenn es ganz zügig sein soll, von München geht am Sonntag ein Flug oder der nächste am Mittwoch.«

»Gleich Sonntag!« Jeremias strahlte: »Wer hätte das gedacht?« Er zückte seine Visa Card und steckte das Ticket und die Voucher ein.

Am Sonntagnachmittag landete Jeremias auf Teneriffa. Der Flughafen zeigte sich als klein und übersichtlich. Sofort fand er das Schild seiner Reiseorganisation. Er schloss sich der Gruppe an, stieg in den Bus. Rundliche Berge, deren Form an Frauenbrüste erinnerten, schimmerten in sanftem Rot in harmonischem Kontrast zum Himmel. Weiße Flecken im Vorgebirge deuteten die Ortschaften an. Das Panorama war gewaltig. Eine angenehme Ruhe durchdrang Jeremias.

Zunächst ging es die Südautobahn entlang. Jeremias überlegte, ob er das richtige Reiseziel gewählt hatte. Viele karge Felsen mit abgestorbenen Pflanzen säumten den Weg zum Meer. Und es strahlte im tiefsten Blau. Blau. Er musste in sich hineinlachen, als er an die Frau im Reisebüro dachte. Die Dörfer an der Seite sahen allerdings nicht sehr einladend aus. Rechts und links thronten Kalkstein, Sandstein, völlig ausgewaschen von der Sonne. Mittendrin stand verdorrtes Gestrüpp. Als einziges Grün strebten einige Wolfsmilchgewächse hervor. Wüste, Felsbrocken, Geröll, dazwischen die Autopista. Hier und da ragten irrational Windräder in die Natur. Der Staub stand in der Luft.

Jeremias las in seinem Reiseführer, als der Bus abbog. Nun ging es quer durch ein Industriegebiet an Hütten vorbei, die an eine Armensiedlung in Afrika erinnerten. Jeremias stöhnte. Wo war er nur gelandet! Die ersten Straßenschilder wiesen auf Puerto de la Cruz, sie landeten abermals auf einer Autobahn. Hier zeigte die Landschaft ein völlig verändertes Gesicht, Jeremias staunte. Plötzlich tat sich Grün auf, Pinien und Palmen säumten den Weg, hübsche Häuser flankierten die Straße. Bis zum Meer hinunter zogen sich Siedlungen, weiße Gebäude, rote Dächer. Jeremias fiel ein Stein vom Herzen, nun schienen die Aufnahmen im Guide doch von dieser Insel zu sein, er hatte es langsam bezweifelt.

Das Hotel, die persönliche Begrüßung und sein Zimmer sagten ihm zu. Er verfrachtete seine Kleidung im Schrank, duschte, zog sich um und machte einen Spaziergang durch den Garten. Der Blick in das weite Orotavatal begeisterte ihn. Passatwolken schlossen das Tal ein. Sie hingen bedrohlich tief, es wirkte, als müsse jeden Augenblick ein Gewitter ausbrechen. Aber das kannte er aus ähnlichen Gegenden. Die Wolken drückten schwer in die Tiefe, hielten lediglich die Sonne davon ab, herunterzubrennen. In der Mitte der Insel ragte mächtig der Teide hervor, der höchste Berg Spaniens. Seine Spitze verschwand in den Dunstschichten. Jeremias erkundete die Umgebung. Das Haus sollte am Taoropark liegen, ein hübscher Park in der Nähe des Kasinos laut Reiseführer. Er durchschritt amüsiert die Anlage. Vertrocknetes Gestrüpp und verdurstete Pflanzen blickten ihn an, Unkraut schien die vorherrschende Gattung der Grünanlage zu sein. Er kam zum alten Kasino, ein prunkvolles Bauwerk am Hang. Am Eingang empfing ihn ein Garten, von Enten und Pfauen bewohnt. Unterhalb des Gebäudes befand sich ein Aussichtspunkt, von dem aus die ganze Stadt zu überblicken war. Von Wasserspielen flankiert stieg er die Treppen hinunter in den Ort. Mit Blick von oben erhielt Jeremias die Vorstellung, dass er nur geradeaus gehen müsse, um bis in die Altstadt zum Hafen zu gelangen. Er schlenderte durch die kleinen Gassen, meist Fußgängerzonen, und landete am San Telmo, dem Altstadtkern am Meer.

Jeremias setzte sich auf die Naturmauer und betrachtete das Treiben. Die Wogen klatschten in einem regelmäßigen Zyklus gegen die Felswand. Wenn man das Spiel eine Weile beobachtete, sah man, wie zirka alle zehn Minuten zwei riesige Wellenreihen einbrachen. Danach bewegte sich das Wasser wieder sanfter, ein Schauspiel sondergleichen. Gerade hatten sich ein paar Touristen weit zum Meer hin gewagt, um ein Foto zu schießen. Jeremias’ Empfinden nach war es Zeit für die zwei hohen Wellentürme. Und richtig! Kolossale Brecher ergossen sich ausladend über das Felsgestein. Die Touristen flohen klatschnass und erschrocken, hielten sich mit Mühe auf den Beinen. Jeremias lachte. Man sollte nie die Kraft des Meeres unterschätzen!

Nach einem Moment spazierte er Richtung Hafen durch die enge Altstadt. Er kam an einer Bodega vorbei. Unvermittelt verspürte er Hunger. Er durchforschte die Karte und entschied sich für Tapas, bestellte sich Tintenfischsalat, Boquerones, Oliven, eine kleine Platte mit Seranoschinken und Ziegenkäse. Jeremias entspannte sich. Endlich konnte er abschalten, das Gefühl von Urlaub genießen. Gierig naschte er von den Köstlichkeiten und war im Einklang mit sich selbst. Langsam schien die Entspannung seinen ganzen Körper zu erfassen. Genüsslich atmete er den fischigen Meeresgeruch ein, der vom Wasser herüberwehte. Schinken und Würste hingen von der Decke, auf dem Tresen standen dicke, bauchige Gläser, gefüllt mit eingelegten Oliven. Jeremias schloss die Augen, bis er plötzlich von einem grässlichen Geräusch erschreckte. Drei Männer positionierten sich im Raum, stimmten ihre Instrumente. Zu den schwarzen Hosen, die bis zum Knie reichten, an deren Ende weiße, geklöppelte Spitze hervorlugte, trugen sie weiße Hemden mit weiten Ärmeln und schwarze Westen mit roter und gelber Stickerei, rote Schärpen um die Bäuche und schwarze Bauernhüte. Die kanarische Tracht ließ ahnen, welche Art von Klängen folgen würde. Jeremias sah sich die Musiker genau an. Der eine schielte abscheulich, dem zweiten fehlten fast alle Zähne und der dritte Musikant humpelte. Fröhlich stimmten sie ein Lied an. Jeremias verabscheute Folklore nicht, allerdings mochte er keine schiefen Töne. Der Timplespieler fiedelte derart falsch, dass es sogar einem unmusikalischen Menschen auffiel, und der schräge Gesang lag stets ein paar Töne neben der Melodie. Es war nicht zu ertragen. Jeremias verließ die Bodega und gönnte sich ein Guinness in der englischen Fregatte.

Urlaub

Kann mir jemand die Salatschüssel herüberreichen?«, fragte Carina.

»Bist du immer noch nicht satt?«, neckte Julian seine Schwester. »Du wirst bald rund und fett werden, wenn du so weiterfrisst!«

»Julian, bitte!« Laura schaute ihn scharf mahnend an, krallte die Finger in die Serviette.

Carina stieß Moritz unter dem Tisch ans Bein und schmiss Julian eine Gurkenscheibe zu. Sie traf ihn an der Wange. Für einen Moment blieb das Gemüsestück hängen, rutschte langsam die Haut herunter und platschte auf den Tisch. Julian fischte einen abgekauten Olivenkern von seinem Teller, platzierte ihn auf seinem Handrücken, benutzte Daumen und Hand als Kimme und Korn und schnippte ihn mit dem Zeigefinger in Richtung Carinas Kopf. Sie drehte sich rechtzeitig zur Seite, der Kern knallte an die Mauer, prallte ab und landete an Lauras Schulter. Sie stand wortlos auf und marschierte ins Haus.

»Hat Familie Herbst es wieder einmal geschafft?«, fragte Moritz mürrisch.

»Wir sitzen hier auf einer sonnigen Terrasse, mitten in einem riesigen Garten, niemand sieht uns, dies ist doch kein Sternelokal! Ich kann nichts dazu, dass Laura sämtlicher Humor fehlt!«, entgegnete Carina schnippisch und sprang empört auf.

»Nun, so humorlos ist sie gar nicht, aber in dieser Hinsicht ist mit ihr nicht zu spaßen!« Julian schritt schnell über die Veranda. »Ich gehe hinein und beruhige sie!«

»Gut, ihr räumt ab.« Moritz zog Carina mit sich. »Wir fahren zum Trebol und besorgen Käse und Wein. Brauchen wir noch etwas dringend?«

»Zahnpasta und Toilettenpapier!«, meinte Julian.

»O.k., bis gleich!« Carina suchte in ihrer Hosentasche nach dem Autoschlüssel.

Sie schloss den Mietwagen auf. »Weißt du, ich lerne Laura erst kennen. Ich habe sie vor unserem Urlaub nur einmal kurz gesehen.« Carinas Blick schien nachdenklich. »Wieso hat Julian diese Frau geheiratet und dazu so plötzlich? Sie passt nicht zu ihm!«

Moritz lächelte: »Habe ich mich auch gefragt, besonders, nachdem ich sie kennenlernte. Vor drei Monaten, wir waren bei ihr zum Essen eingeladen, komische Situation.«

»Das hast du mir nie erzählt!« Carina schob irritiert die Haare hinter die Ohren.

»Da wusste ich nicht, dass Julian sie heiraten will! Es war in der Woche, als du zu deiner Freundin Ulla nach Bremen gefahren bist.«

»Erzähl!«

»Nun, die Einrichtung ihres Domizils war gewöhnungsbedürftig: weiße Schleiflackmöbel, mit Messing, dieser avantgardistisch Stil, flache Schränke, Vitrinen, Regale. Dazu ein hellgraues Parkett, ein weißes Ledersofa, teure Porzellanfiguren, wertvolle Drucke an der Wand, handsignierte, eher moderne Kunst, Miró und so. Alles war so furchtbar stilvoll, mit Niveau, jedoch ohne Persönlichkeit, eher ungemütlich. Du weißt, ich hasse diese Art-Wohnungen, Julian eigentlich auch. Es herrschte eine eiskalte Atmosphäre, nur für Allergiker zu empfehlen, völlig staubfreie Zone!«, griente Moritz.

»Wir waren zum Abendessen bei ihr eingeladen. Ich dachte so an Spaghetti oder eine Kleinigkeit. Auf dem Tisch lagen schon eine gestärkte Damastdecke, edles Geschirr und Besteck, Tischdekoration, Blumenbukett, gestärkte Servietten in silbernen Serviettenringen. Es war sehr komisch, wie ich mit Lederjacke und Jeans dort stand!«

Carina kicherte. »Und Julian, hatte er einen Smoking an?«

»Er kam von der Arbeit, im Jackett, ganz locker.«

»Es gab ein Sieben-Gänge-Menü, vorzüglich, aber wohl fühlte ich mich nicht. Eine Speisenfolge mit drei Soßen am Fleisch, angeordnet in Streifen, Forellenmousse an Meerrettichsahneschaum und frisiertem Rucola und so. Eis gab es zum Nachtisch, selbstgemachtes, ein Mohnsorbet an frischen Früchten und Kiwimousse mit Erdbeerstreifchen.« Sie parkten vor dem Supermarkt, die beiden stiegen aus.

»Hört sich doch toll an!«, Carina hakte sich ein.

»Es war fantastisch! Jedoch gab es keinen Anlass für den Aufwand, einfach so, weil sie gerne das Essen zubereitet! Du weißt, sie kocht immer so abgehoben!«

»Das stimmt, hier hat sie den erbosten Bocuse gespielt, dem das Küchenequipment fehlt! Die Tomatensuppe gestern dauerte sechs Stunden, war lecker, aber ich bin vorher fast verhungert! In zehn Minuten haben wir das Zeug hinuntergeschlungen.«

»Sie hat sich zehn Mal entschuldigt, da ihr das Menü ohne Geräte nicht so richtig gelungen sei. Ob Laura einen bescheidenen Eintopf kochen könnte oder Bratkartoffeln mit Spiegelei?«

»Klar«, grinste Carina, »mit hausgemachter Edelsülze, Gürkchenstreifen, selbstgemachter Remoulade an Salatblattvariationen!«

»Zumindest bestand Julian darauf, die gemeinsame Wohnung neu einzurichten, sie hat sich gefügt!«

»Eben, das passt doch nicht die Bohne zusammen!«, zischte Carina. »Mein Bruder spinnt!«

Moritz nahm Carina in den Arm. »Es ist sein Leben! – Gedanken habe ich mir selbstverständlich auch gemacht. Julian erzählte mir, er habe sich lange mit einem Headhunter unterhalten. Er verstand nicht, warum immer die anderen die guten Jobs bekommen, obwohl er die besseren Qualifikationen besitzt!«

»Ja und?«, fragte Carina. Sie schlenderten durch die Gänge im Supermarkt und arbeiteten systematisch den Einkaufszettel ab.

»Er bewarb sich für Arbeitsstellen in USA, für erstklassige Projekte in den Scheichstaaten, überall beste Bezahlung, aber nirgends haben sie ihn genommen. Der Typ meinte, ein Mann über dreißig, unverheiratet, das kommt nicht an. In den USA, dem Spießerland, glauben sie, du bist noch nicht reif genug, unzuverlässig beziehungsweise nicht verantwortungsbewusst oder schwul. In den Scheichstaaten gibt es Verträge für fünf bis sechs Jahre, bloß die Möglichkeit mit Frauen in Kontakt zu kommen ist gleich null. Sie bieten Familien tolle Häuser in Siedlungen für Ausländer an. Die Firma zahlt eine qualifizierte Privatschule für die Kinder, die Ehepartnerinnen pflegen ausgezeichnete Verbindungen untereinander, somit ebenso die Männer, der Kreis schließt sich. Ein Junggeselle ist fast isoliert, hält das nicht aus, kündigt frühzeitig oder säuft, das wollen sie vermeiden.«

»Du meinst, mein Bruder glaubte, heiraten zu müssen, um einen erstklassigen Job zu bekommen?«, fragte Carina ungläubig. »Warum ausgerechnet Laura?«

»Den Verdacht werde ich nicht los!« Moritz lehnte sich nachdenklich auf den Einkaufswagen und starrte auf die Thunfischdosen.

»Warum sie? Tja? Eine Karrierefrau will selbst vorwärts, die lässt sich nicht mitschleifen, in eine Enklave von Hausfrauen stecken! Er war letztes Jahr sehr verliebt, Daniela, sie ist in die USA gegangen, medizinische Forschung, das war ihr wichtiger als Julian, hat ihn schwer getroffen!«

»Laura ist eine hübsche Frau mit den allerbesten Umgangsformen, nur unvorteilhaft gekleidet, kocht exzellent, spielt Cello und ist nicht dumm. Braves Mädel, man kann sie trotzdem als Karrierefrau vorzeigen, sie schreibt Kinderbücher! Optimal für Julian, du hast recht, aber wo bleibt die Liebe?«, Carina schüttelte den Kopf.

»Sympathisch findet Julian sie bestimmt, vielleicht auch mehr, wer weiß?«, griente Moritz. »Sie wird sicher den Mund halten, wenn er weiterhin sein Leben lebt, ohne sie mitzunehmen, in seine Männerwelt.« Moritz lachte laut. »Er geht einen saufen, sie ins Kammerkonzert, nur, er kommt erst zum Frühstück nach Hause.«

»Er fährt das Wochenende zum Surfen und Tauchen, während sie Marmelade entwickelt?«

Carina kicherte, »ähm, einweckt, wollte ich sagen.«

»Entwickelt ist gut definiert. Todsicher bekommst du bei ihr die beste Konfitüre deines Lebens. Damit könnte sie garantiert ein Geschäft im Internet eröffnen.«, Moritz gickerte.

»Genug gelästert! Julian ist dein Bruder und mein Freund! Wir fallen hier schon unangenehm auf!« Moritz stellte sich am Käsestand an.

»Sag mal, was meinst du als Journalist zu ihren Büchern, ich habe eins gelesen, fand es furchtbar!« Carinas Gesichtszüge nahmen ihre ernste Seite an, sie legte die Stirn in Falten.

»Me pone doscientos gramos de queso blanco y doscientos gramos de Manchego, per favore«, stotterte Moritz, an die Verkäuferin gewandt.

»Das heißt por favor, per favore ist italienisch. Du sagst auch immer il conto, anstatt la cuenta, wenn du die Rechnung haben willst!«, zischte Carina.

»Ist doch egal, die verstehen mich.« Moritz stöhnte. Und die Bücher, ehrlich? Kaufhausliteratur verkauft sich gut!« Moritz schaute Carina an. »Ein einfacher Text, der bei einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gut ankommt. Heile, heile Gänschen!«

»Ich habe Hasenkind gelesen, vom Häschen, das sich verläuft, von der Sonne getröstet wird, vom grimmigen Mond, der es anschnauzt, vom garstigen Donner, der es erschreckt, vom bösen Fuchs, der es einsperrt, um es zu essen, vom schlauen Mäuschen, das den bösen Fuchs zum Vegetarier bekehrt, und alle essen glücklich Salat. Zum Schluss begleitet der Fuchs das Häschen nach Hause. – Das würde ich meinem Kind nicht vorlesen!«

»Wir werden die Bücher vor unseren Kids verstecken, ihnen Grimms Märchen und Wilhelm Busch geben! So ist das Leben!« Moritz lachte. »Richtig, es ist stilistisch und inhaltlich arg schwach, jedoch in Kaufhäusern auf der Bestsellerliste. Lauras Onkel ist Lektor in einem Verlag, der nur solche Schmöker produziert! Die entwickeln sogar eine Hörbuchreihe zu ihren Hasengeschichten.«

»Ich frage mich, wie ich den Urlaub überstehen soll, das ist doch unsere Hochzeitsreise!«, meinte Carina.

Moritz schob den Wagen Richtung Kasse. »Ich finde sie ganz sympathisch! Wie hat es übrigens deine Familie aufgenommen? Sind sie sehr sauer wegen uns?«

»Meine Eltern waren ein bisschen grimmig, haben sich aber wieder beruhigt, der Rest der Familie interessiert mich nicht!«, beteuerte Carina schnippisch.

»War schon unanständig von uns. Wir haben ohne Zirkusveranstaltung, Trauzeugen und ohne Ringe geheiratet, sind mit den Eltern essen gegangen, haben mit den besten Freunden eine kleine nette Party veranstaltet und ...«

Carina fiel ihm ins Wort, »anstatt eine Doppelhochzeit zu feiern, sind wir drei Tage vor Julians Hochzeit schnell nach Teneriffa geflogen, um nicht an dem Ringelpiez teilnehmen zu müssen. Zweihundert Personen, Kirche, weißes Kleid, Einmannunterhalter, lange Reden, sogenannte Hochzeitsspäße, Polonaise - all das unerträgliche spießige Zeugs. In diesem Fall hat Julian seiner Frau nachgegeben! Er wäre gern mit uns mitgekommen.«

»Er sagt, er hat sich früh einen angesoffen, damit er von dem ganzen Zirkus nichts mitbekommt. Ich hätte das nicht einmal blau ertragen. Ich bin zu alt, um mir höflicherweise so eine Veranstaltung anzutun, das würde mein Leben um ein Jahr verkürzen!« Moritz griff nach der Käsetüte und schob den Einkaufswagen weiter.

»Julian erzählte mir, sie hätten sich alle sehr zurückgehalten. Nur Onkel Otto hielt eine ewig lange Ansprache, Marie- Louise, Lauras Schwester, hat eine langweilige Hochzeitszeitung produziert und vorgelesen. Allerdings bekam Julian das nicht mehr mit, da die Damen aus dem Institut rundum emanzipatorisch den Bräutigam entführten. Darauf fing der Alleinunterhalter an, ein Lied von einer Banane zu singen. Die Gäste sollten den Refrain mitschmettern!« Carina grinste und sang leise: »Mit der Banane.« Sie gab Moritz einen Kuss.

»Glücklicherweise stellte Laura ihn ab, da sie meinte, er wäre nicht als Entertainer engagiert, sondern zum Spielen!«

Die beiden umarmten sich und feixten sich an.

»Das ist uns erspart geblieben! Die nächsten zwei Wochen sind wir halt zu viert. So fürchterlich ist Laura wahrhaftig nicht, wir werden sie ertragen. Julian wird dafür sorgen, dass wir uns verstehen. Er hat die Eigenart etwas aus ihr herauszukitzeln, sie zu entblößen!« Abrupt stoppte Moritz, sein schelmisches Grinsen ging in Ernst über und eine Frau fuhr ihm mit dem Einkaufswagen in die Hacken. »Ich finde, sie ist nicht so, wie sie zunächst ankommt. Hinter einer Mauer steht eine ganz andere Laura, eine unkomplizierte, glaub mir.«

Carina antwortete nicht, blieb nachdenklich in sich gekehrt. Moritz bezahlte an der Kasse und Carina packte energisch die Tragetasche ein, blinzelte keck zu Moritz hoch.

»Wenn die Steuer nicht wäre und all der gesetzliche Vorteil des Erbens, ich denke, ich hätte dich sowieso nicht geheiratet!«

»Freches Biest! Ich dachte, du hast mich geehelicht, weil ich so unwiderstehlich bin!« Moritz kniff Carina in den Po.

»Na ja, es ist nicht auszuschließen, ein bisschen.« Carina lachte kokett zurück.

»Wie meistens sind wir uns einig, das reicht doch, oder?« Moritz nahm Carina in den Arm und küsste sie.

»Aber Laura ist so emanzipiert, ihren Namen zu behalten!« Carina schmiegte sich an Moritz.

»Sie ist ein Star! Laura-Anastasia, wie klänge da Herbst!«, flötete Moritz. »Ich war der Meinung, dein Bruder würde nie den Namen einer Frau annehmen, laute er auch noch so reizvoll!«

»Sie hätte ihren als Künstlername belassen können!«, feixte Carina. »Julian Ritter zu Bernwarth, das klingt wie eine Bilderbuchfigur!«

»Vielleicht macht sie das aus ihm!«

Eine Störung der Sphäre

Jeremias saß mit ausgestreckten Beinen auf der Plaza del Charco und genoss ein Weizenbier. Seine Gedanken kreisten um den Tag. Er mietete sich ein Auto und fuhr in die Cañadas. Tagsüber wanderte er im Naturpark umher, ein Landstrich, der ihn völlig in den Bann zog. Lavasteine in den verschiedensten Schattierungen von Schwarz, Dunkelbraun bis Hellbeige, Gelb, grünliche, bläuliche und rötliche Steinformationen beherrschten den Boden. Ein Terrain wie auf dem Mond, der schönste Background für jeden Sciencefictionfilm. In dieser Landschaft kam man sich wie auf einem fernen Stern. Darin in voller Blüte der Teideginster, weiß und gelb, einzeln stehend oder in Feldern. Er fotografierte auf den Knien und von oben auf einer Anhöhe. Die Tajinaste, eine Pflanze, die nur einmal in ihrem Leben blüht und hiernach stirbt, nahm er von allen Seiten auf, wechselte die Objektive. Ein wunderschöner Endemit, der nur auf den Kanaren vorkommt. In dieser Höhe fühlte man die Lautlosigkeit, wollte eins mit ihr werden. Weder drangen die Geräusche des Alltags zum Gipfel herauf, noch gab es einen Vogel, der zwitscherte, eine Grille, die zirpte. Es gab nichts, was die Geräuschlosigkeit zerstörte. Wenn Zeit blieb, würde er den Berggipfel des Teide besteigen. Einzig der Mensch konnte diese Ruhe zertrampeln. Am Hang, nahe der Spitze, befand sich eine Hütte. An diesem Punkt wollte er übernachten, um die Stille des Berges zu genießen, als auch die Sterne, die dort zum Greifen nah waren.

Die späten Sonnenstrahlen wärmten Jeremias` Körper. Er verspürte leichten Hunger. Gregorio, der lustige Barmixer aus dem Hotel, der tagsüber als Wanderführer sein Geld verdiente, empfahl ihm das Regulo. Am Donnerstag würde er mit ihm eine Tour nach Masca unternehmen, in ein altes Piratennest, das erst vor ein paar Jahren durch eine asphaltierte Straße mit der Außenwelt verbunden war. Nach einem schwierigen Abstieg sollte es per Boot zu Gregorio nach Hause gehen, wo die Wandergruppe im Garten eine Parilla, ein kleines Grillfest im Grünen, erwartete.

Ganz am Rand der offenen Bar träumte Jeremias von Masca und beobachtete die Afrikaner, wie sie ihre ethnischen Figuren im Arm hielten und sogenannte Eurouhren zum Schleuderpreis anboten. Woran erkennt man Touristen?, überlegte er. Am ziellosen Schlendern, am suchenden Blick, der zeigte, dass sie keine Ortskenntnis besaßen? Weil ihre Hellhäutigkeit auffiel oder sie ein Sonnenbrand zierte? Man identifizierte sie sofort aus den Augenwinkeln! Zumindest die Nordeuropäer und Russen stachen hervor. Warum waren die cabezas quadradas, Quadratköpfe, wie man sie hier nannte, anders? Jeremias schaute sie sich genau an. Fürs Erste fiel der Gang auf, ebenso die Kleidung. Der Deutsche und der Engländer gingen mit langen, latschigen Schritten, ohne die Eleganz eines Spaniers, insgesamt fehlte die Ästhetik. Die Russen lärmten dazu auffällig. Jeremias teilte die Touristen in drei Kategorien. Zunächst patschte der Schlampi durch die Gassen, ihn trieb nie Eile. Er schien ein gemütlicher Typ Mensch zu sein, trug Schlappen, Söckchen, weite Bermudas oder Shorts, das T-Shirt in die Hose gestopft, den Bauch schwabbelnd über dem Gürtel. Die weibliche Fassung kleidete sich eher offenherzig mit T-Shirt oder stand auf weite Flattergewänder. Am witzigsten erschienen Jeremias die Partnerlook-Schlampies. Den männlichen Teil schmückten in der Regel eine Handgelenktasche oder ein Bauchgurttäschchen und ein kleines Baumwollhütchen mit seitlichem Reißverschluss.

Der sportliche Tourist, die zweite Kategorie, war meist schlank, ging grundsätzlich in Turnschuhen und Sportsocken. Er steckte in Radlerhosen und engem T-Shirt, auf dem Kopf prangte vornehmlich eine Baseballkappe, der Rucksack durfte nicht fehlen. Ganze Familien im Einheitslook hasteten an Jeremias vorbei. Sie wirkten so, als seien sie geradewegs auf dem Weg ins Fitnesscenter.

Die dritte, elegante Variante der Urlauber trug helle Hosen, vorwiegend jeansähnlich, die Herren Mokassins oder geflochtene Lederschuhe, die Damen teure Sandalen. Der Oberkörper prahlte mit Designer-T-Shirts. Bei der Frau schlackerte eine aparte Handtasche über der Schulter, den Mann kniff das Portemonnaie in der Hosentasche. Gemütlich schlendernd blieben sie vor sämtlichen Schaufenstern stehen, wurden von jedem Ticketero angesprochen.

Das Sahnehäubchen gab Madame overdressed aus der letzten Gruppe, die meist allein verreiste. Hatte sie den Mann dabei, war es der Dandy-Typ mit grauen Haaren, ein wenig zu lang geraten, bisweilen mit Lagerfeldschwänzchen, weißen Mokassins und Rolex-Uhr, ganz in Schwarz oder Weiß gekleidet. Sie trug ein pompöses Kleidchen, als sei sie unterwegs zur Mitternachtsparty, oder zwängte sich in enge Designerhosen mit Edel-T-Shirt. Darüber wurde eine auffällige Weste in Szene gesetzt. Den Kopf zierte ein augenfälliges Hütchen, oft mit Seidenschal, aber wer setzte sich hier schon Hüte auf, außer er ging zum Strand? Die Sonnenbrille durfte nicht fehlen, auch nicht nach 22 Uhr. Mächtige Ohrringe, luxuriöse Ringe und Ketten wie Hundehalsbänder dekorierten sie wie einen Tannenbaum. Selbst wenn sie meterweit entfernt saß, nahm Jeremias das penetrante Parfüm wahr, welches diese Art Frauen umgab. Nachts, in einer Bar verschwand zu guter Letzt die Sonnenbrille in der Handtasche, endlich konnte man die Augen der Dame sehen. Die schwarzgebrannte Haut lag ledrig, faltig auf den Knochen, das Gesicht wirkte zehn Jahre älter. Zwischen dick bemalten Lidern, aufgebauschten Wimpern schauten traurige schwarz getuschte Augen hervor. Ein dunkler eintätowierter Lippenrand ließ das Antlitz zur Fratze erstarren, den Lippenstift erahnend, der lange verschwunden war. Der letzte Whiskey half, den dickbäuchigen Mann gegenüber reizvoller erscheinen zu lassen. Vielleicht besaß er ein bisschen Liebe für sie, denn nur danach suchte sie, nach nichts anderem.

Jeremias erwachte aus seinen Gedanken, öffnete die Augen. Er blätterte durch seine Zeitung und stieß auf eine Karikatur über Touristen. Die Wirklichkeit selbst bediente aber ein größeres Klischee, bizarrer als Zeichner und Satiriker je darzustellen vermochten. Er überlegte, eine Reihe Fotos über absurde Touristen anzulegen. Ein breites Grinsen überzog sein Gesicht bei diesem Einfall.

Langsam drehte er seinen Kopf hinüber zu einem Café. Er streckte sich aus, schaute nach oben, in das Blätterdach der gewaltigen Ficusbäume, und genoss die Wärme mit geschlossenen Augen. Hin und wieder krächzte ein Papagei, das Gemurmel der Masse machte ihn schläfrig.

***

Die kleine Gruppe verbrachte den Vormittag am Strand, die Männer probierten sich im Wellenreiten. Obwohl sie gute Windsurfer waren, fielen sie ständig ins Wasser. Carina und Laura amüsierten sich. Windsurfen und Wellenreiten schienen doch weit voneinander entfernt. Wie stümperhaft sahen ihre Kerle gegen die Jugendlichen aus, die sich mit Eleganz von den Wellen zum Ufer tragen ließen. Sie standen wie junge Götter auf den Brettern. Als die Sonne intensiv ihre Mittagshitze ausstrahlte, fuhren sie nach Hause und legten sich im Schatten an ihren Pool. Am frühen Abend brachen sie von ihrem Chalet in der Siedlung Las Quevas in Orotava nach Puerto de la Cruz auf. Das Domizil gehörte Freunden von Carinas Eltern, die es ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Sie wollten auf der Plaza del Charco ein Eis genießen und gemütlich essen gehen. Die vier setzten sich in ein Café mit Blick zur Plaza an einen der Straßentische, der gerade frei wurde.

»Es war lustig heute Vormittag!«, meinte Julian, »Wellenreiten ist scharf, aber nichts für mich. Windsurfen können wir an diesen Stränden nicht, die Brandung ist zu groß! Dazu müssten wir in den Süden abrauschen. Was haltet ihr davon, wenn ich mit Moritz drei Tage nach Los Cristianos fahre, ihr könnt vor Ort die Museen abgrasen?« In dem Satz verbarg sich weniger eine Frage, vielmehr stand die Entscheidung fest, unmerklich.

»Da musst du allein aufbrechen, Julian!« Moritz schaute Carina an. »Wie wäre es, wir gehen zusammen ein bisschen tauchen? Ich habe zwei Tauchschulen hier gesehen!«

»Wie auch immer, alles ohne mich«, Laura lachte, »mich bekommt ihr nur zum Schwimmen ins Wasser! Ich kann derweil ein wenig Tennis spielen, einen Schläger habe ich dabei. Wie ich bemerkte, gibt es einen Tennisclub in der Nähe, die vermitteln sogar Tennispartner.«

»Na prima, sportliche Betätigung ist geklärt!« Carina war froh, sie brauchte nicht bei Laura zu bleiben. Unter dem Tisch strich sie mit ihrem nackten Fuß über Moritz` Beine.

»Das Eis hat mich hungrig gemacht, wir sollten demnächst ein Restaurant aufsuchen!«

»Ich lasse mich führen, ihr kennt euch schon aus!«, Julian gähnte.

»In Puerto waren wir noch nicht, wir sind nach Orotava hineingefahren. Mir scheint es hier genügend Wirtshäuser zu geben!« Moritz` Blick schweifte in die Runde.

Jeremias träumte vor sich hin. Plötzlich glaubte er, in dem vielfältigen Stimmengewirr Carina zu hören. Er richtete sich auf. Ließ ihn Carina auch auf dieser Insel nicht zufrieden? Immer wieder kehrten seine Gedanken zu ihr.

»Verpiss dich!«, zischte Jeremias. Erneut meinte er ihre Stimme vernommen zu haben, nicht im Bewusstsein, sondern völlig real. Möglicherweise hatte eine Frau die identische Art zu sprechen wie Carina, dazu mit gleicher Stimmlage. Er schaute sich um. Gegenüber im Café saßen jetzt vier jüngere Leute, die er Minuten vorher nicht bemerkt hatte.

Carina! Er fühlte sich so, als wenn sich der Boden unter ihm öffnete und er in seinen bodenlosen Traum hineinfiel. Jeremias erkannte sie sofort. Ihre langen blonden Haare, die Stupsnase, die Art, wie sie die Beine übereinanderschlug, unverkennbar! Seine Sinne drehten sich, er holte tief Luft. Sie war noch hübscher geworden, dachte Jeremias. Wer mochten die anderen sein? Angestrengt versuchte er, ein paar Wortfetzen zu erhaschen. Der Name Julian fiel. Der Typ mit den hellbraunen Wellen könnte es sein. Das war Carinas Bruder, die Gesichtszüge ähnelten sich, das kantige Kinn, die übereinstimmenden Augen. Der schwarzhaarige Mann mit der gebogenen französischen Nase und einem recht ausdrucksvollen Gesicht daneben könnte Moritz sein, ihr alter Freund, zu dem Carina zurückgekehrt war.

Carinas Bruder, mit dem sie laufend telefonierte, hatte er persönlich nie kennen gelernt. Ihr Bruder sagte, sie solle Jeremias vor die Tür setzen, er sei gewalttätig und zerstörend, er hatte sogar bei der Polizei angerufen. So ein Schwachsinn! Carina erzählte Märchen und zog eine gigantische Show ab, machte aus Mäusen Elefanten und Dinosaurier. Bloß weil er hin und wieder laut seine Meinung zum Ausdruck brachte, wurde er als aggressiv beschimpft, das war doch nicht verboten. Carina schrie auch unüberhörbar herum, wenn ihr der Kragen platzte. Der große Bruder meinte die kleine Schwester beschützen zu müssen. Dabei kannte er Jeremias gar nicht!

Beim Fußball war man emotional. Na und? Deswegen war man nicht gleich ein Hool! Moritz, dem Ex, hatte er einmal Prügel angedroht, da Carina ständig mit ihm handyphonierte. So hatte er es in der Wut formuliert, ihm gedroht, ihm jedoch kein Haar gekrümmt! Was war das für eine Art, immer mit dem Ex zu säuseln? Irgendwann hatte er Carina mal eine kaum spürbare Ohrfeige gegeben, passiert. Deshalb war man kein Gewalttäter. Und sie? Sie provozierte ihn, sie reizte ihn fortwährend und zurückgeschlagen hatte sie auch, sie hatte ihm öfter eine gelangt, einfach so. Papa wusste das.

Seine Hand krampfte sich zusammen, drückte den Fuß des Weinglases, bis sich der angeschlagene Rand in seinen kleinen Finger bohrte. Jeremias spürte den Schmerz in der Hand wie eine Verletzung von innen, überall in seinem Körper, an jeder Stelle. Es schien, als öffne sich eine alte Wunde, ein eiterndes Geschwür, das abgeheilt sein sollte.

Die zweite Frau, wer mochte sie sein? Julians Freundin? Ein bisschen tollpatschig wirkte sie, ihre Kleidung teuer, dennoch unpassend zu ihrer Figur, gleichermaßen in Farbe und Muster. Große schrille Karos, eine viel zu enge Hose bei ihren drallen Oberschenkeln. Dazu ein Oberteil, farblich abgestimmt, indessen zu schulterbetont. Man sah die Speckröllchen, oben massig, unten schmal. Ebenso stieß ihre grelle Schminke ab. Da passte zwar alles zusammen, dagegen nichts zu ihr. Sie erschien wie ein Zylinder, den man in den Boden gerammt hatte, ein Mäuschen, das etwas darstellen wollte. Hässlich wäre das falsche Wort, sie war total verkehrt angezogen. Und diese toupierten Haare, völlig out.

Jeremias ärgerte sich, nicht in die Karibik gefahren zu sein, zumindest widerte es ihn an, zu dieser Zeit auf diesem Platz zu sitzen. Wut kochte in ihm. Warum hockte er genau hier und nicht in einem Lokal außerhalb? Weshalb musste er sich gerade heute Abend an diesem Ort aufhalten, um diese Gruppe von verhassten Menschen anzutreffen? Oder sollte es eine Fügung sein, sich abermals über den Weg zu laufen, um die Geschichte zu beenden? Nur Carina wusste, wie er aussah, allerdings würde sie ihn schwerlich gleich wiedererkennen, er hatte sich äußerlich zu sehr verändert. Seine Stimme würde ihn mit Bestimmtheit verraten. Moritz und Carina küssten sich zärtlich. Jeremias konnte nicht mehr länger hinschauen, zu tief schnitt die Begegnung in sein Herz. Er schaute in die Zeitung, versuchte zu lesen. Die Buchstaben verschwammen vor den Augen, ein Abgrund tat sich in seinem Kopf auf, ein Sog wollte ihn in ein schwarzes Loch hineinziehen.

Julian zahlte die Eisbecher und die Gruppe schlenderte über den Platz auf die gegenüberliegende Seite. Ein hübsches Lokal in einem Innenhof gefiel Carina. Mitten im Restaurant, wuchs eine Palme.

»Moment!«, sagte Moritz bestimmt, als er die Karte las, die am Eingang angebracht war: »Wiener Schnitzel, Heringstopf Hausfrauenart, Rind à la Stroganoff, Camembert mit Preiselbeeren«, er holte Luft.

»Es reicht«, unterbrach Julian, »vorwärts!«

»Pizza Mario«, las Carina, »nicht im Spanienurlaub!«

»Chinesisch sicher auch nicht!«, lachte Laura. Sie bogen in eine Gasse.

Zwei aufdringliche Restaurantwerber versuchten, sie in gegenüberliegende Fischrestaurants zu locken.

»Die verweigern wir aus Trotz wegen der penetranten Kerle!«, dirigierte Moritz lachend die Gruppe um die nächste Ecke, da sie weiter vorn in der Fußgängerzone erneut Ticketeros erblickten. Sie schlenderten hintereinander den schmalen Bürgersteig entlang.

»Hier scheint nichts mehr zu kommen!«, meinte Julian.

»Doch, drüben, auf der anderen Straßenseite!«, sagte Laura. Sie blieb stehen. »Carmencita, niedlicher Name, sieht nett aus, aber eine sehr spärliche Speisekarte, wir sollten es uns merken und noch weiterschauen!«

Sie ging über die Querstraße und schaute neugierig ins benachbarte Restaurant hinein, kam heraus, winkte aufgeregt ihren Begleitern zu. »Das ist es! Annehmbare Karte und ein paradiesisches Ambiente!«

Das von außen trist wirkende Haus entpuppte sich als antikes kanarisches Anwesen. Im Eingang befanden sich Aquarien mit Fischen und Schalentieren. Den Patio, den Innenhof, schmückte ein zierlicher Springbrunnen. Alle Plätze waren besetzt. Der Kellner führte sie die Holztreppe hinauf nach oben. Überall standen dort Tische, hübsch dekoriert, mit Damast gedeckt, die Wände zierten alte Ölbilder in prunkvollen Rahmen. Die vielen kleinen Räume rundherum vermittelten den Eindruck, als sei man zu Besuch bei seiner Großmutter. Sie folgten dem Ober über die knarrenden Dielen in ein Zimmer. Laura klatsche entzückt in die Hände. Auch den anderen gefiel ihre Wahl.

»Wenn es so schmeckt, wie man sich fühlt, hast du den Volltreffer gelandet!« Julian, leicht aufgekratzt, nahm Laura in den Arm und drückte ihr einen lauten Kuss auf die Wange.

»Julian!«, zischte sie.

»O.k., heute keine Olivenkerne, ich verspreche es!«, grinste er sie an.

***

Jeremias sah von seiner Zeitung auf. Womit befasste sich dieser Artikel? Nicht einmal an die Überschrift erinnerte er sich. Sein Herz raste, sein Atem ging stoßweise. »Mist! Sie sind weg!«

Wer weiß, wozu es gut ist? Er hing seinen Gedanken nach und bezahlte. Hungrig zog er den Zettel mit der Wegbeschreibung heraus und orientierte sich. Rechts neben dem Platz, dort, wo der Taxistand ist, die Straße entlang, so hatte er die Erklärung von Gregorio in Erinnerung. Nach 15 Metern sollte man an eine kleine Kreuzung kommen. An den Ecken befanden sich zwei Restaurants, rechts das Regulo, links das Carmencita. Die Beschreibung stimmte. Nach drei Minuten fand Jeremias die Gaststätte. Er betrat einen Patio mit Springbrunnen. Hübsch, dachte er. Der Kellner brachte ihn die Treppe hinauf an einen winzigen Tisch im offenen Flur. Hier konnte er das gesamte Lokal übersehen, nur der Blick in die vielen anliegenden Zimmer blieb ihm verborgen. Jeremias bestellte sich einen Martini.

Vor dem Essen wollte er sich die Hände waschen und suchte nach der Toilette. Gedankenversunken wäre er fast mit Moritz zusammengestoßen. Jeremias erschrak, ihm fiel aber ein, dass Moritz ihn nur vom Telefon kannte, nicht wusste, wie er aussah. Er hörte noch, wie Julian sagte: »Bin ich froh, dass Laura in diesen Tennisclub nach Los Realejos fährt, während wir drei tauchen! Hoffentlich findet sie einen Tennispartner, dann ist sie beschäftigt und langweilt sich nicht!«

»Schlechtes Gewissen, die Ehefrau alleine hocken zu lassen? «, stichelte Moritz.

Jeremias wusch sich die Hände und lächelte vor sich hin. Dabei kam ihm eine Idee. »Einen Tennispartner, den kann ich ihr bieten. So ganz einsam, die bemitleidenswerte Frau? Los Realejos, ich frage heute Abend Gregorio, wo das liegt und wo es dort einen Tennisclub gibt!«, brummelte Jeremias vor sich hin. Was er damit bezwecken wollte, wusste er noch nicht. Es würde sich etwas ergeben. Auf dem Gang bemerkte er in seinem Rücken die Tür der Damentoilette aufgehen und Carinas Stimme stach ihm wie ein Messer ins Herz. Sie schien dicht hinter ihm herzugehen. Er meinte, ihren Atem in seinem Nacken zu spüren. Seine Haare auf den Armen stellten sich auf. Er machte einen kleinen Umweg zu seinem Platz und sah sie mit Laura in einen Raum verschwinden.

Carina plumpste nachdenklich auf ihren Stuhl.

»Was hast du?«, flüsterte Moritz ihr zu.

»Du wirst es nicht glauben, ich hatte soeben den Eindruck, Jeremias gehe vor mir! Die Figur, die Bewegungen, allerdings trug der Typ eine Glatze, aber ich bin mir absolut sicher!« Carina wirkte völlig durcheinander.

»Verfolgungswahn? Das im Urlaub?«, lachte Moritz.

»Sagtest du nicht, auf seine tolle lange Mähne sei er so stolz, habe sie jeden Morgen eine halbe Stunde gestylt? Vergiss den Typen endlich, der ist nicht einen Gedanken wert!»

»Lach nur, so eine frappierende Ähnlichkeit! Ich glaubte, ich spinne, hatte das Gefühl, mein Herz setzt aus. Innerhalb von Millisekunden waren alle Register gezogen, die ich zum Schutz ziehen könnte.« Sie hatte die Hände vor dem Gesicht gefaltet, biss auf dem Daumennagel herum. »Ich wartete, bis der Kerl um die Ecke bog, dann konnte ich ihn von vorn sehen, das beruhigte mich!«

»Er sah aus wie ich!«, witzelt Moritz hölzern.

»Bloß nicht! Er trug einen fürchterlichen Vollbart mit Zwirbelschnauzer und eine riesige Sonnenbrille, über der buschige Augenbrauen wucherten. Ich dachte bei dem Typ eher an Rübezahl! Ich dachte in dem Augenblick, mir bleibt die Luft weg, ich müsse heulen. Eine Panikattacke oder so was, keine Ahnung.« Carina stockte, griff nach Moritz’ Arm, sie krallte sich fest. »Ich nahm an, die Angst sei vorüber. Jetzt weiß ich, es wird nie vorbei sein.«

***

Am nächsten Morgen rief Jeremias um acht im Tennisclub an, um sich nach einem Tennispartner zu erkundigen. Das würde gut passen, erfuhr er, da um zehn Uhr eine Deutsche komme, die auch einen Partner suche, ebenso eine Freizeitspielerin, keine Leistungssportlerin.

Im Badezimmer packte Jeremias seine Effektlinsen aus. Die blauen Kontaktlinsen hatte er sich einmal als Gag zugelegt und noch immer lagen sie in ihrem Behälter in seiner Tasche. Er fischte die weichen Linsen heraus, legt sie auf die Iris, schloss und öffnete ein paarmal die Lider. Er betrachtete sich fasziniert. Seine Augen strahlten ihn in einem warmen, auffälligen Preußischblau an. »Kennen wir uns?«, fragte Jeremias sein Spiegelbild. Die Farbe wirkte ungewöhnlich, äußerst attraktiv, sein Äußeres schien durch ein kleines, unscheinbares Stück Kunststoff verändert.

Viertel vor zehn traf Jeremias im Tennisclub ein. Er stellte sich an die Bar. Der Raum blieb menschenleer. Jeremias rief ein forsches Hallo, es antwortete niemand. Die Tür des Ladens stand offen. Eine Frau bespannte Tennisschläger.

»Hi! Ich suche eine Dame namens Gabriela!«

»Hallo, guten Tag, das bin ich!« Sie reichte ihm die Hand mit kräftigem Händedruck. »Sie sind Herr Reimar, Stefan, wenn ich darf, auf Teneriffa nennt man sich beim Vornamen.«

»Natürlich, warum nicht, ist meine Partnerin da?«

»Nein, ich denke, sie wird jeden Augenblick eintreffen!« Gabriela lächelte freundlich. »Die Dame heißt Laura, ich kenne sie noch nicht.«

»Ich würde gern einen Kaffee trinken, ist die Bar nicht besetzt?«, fragte Jeremias.

»Eigentlich schon, aber es gibt immer etwas anderes zu tun, Moment!« Die beiden verließen den Laden.

Laura kam die Treppe vom Parkplatz herunter.

»Guten Morgen!«, strahlte sie, »ich bin hier verabredet zu einem Blind Date!«

Jeremias ging auf sie zu. »Dann bin ich der Herr, den Sie suchen! Kommen Sie hierher!« Er winkte ihr. »Stefan ist mein Name, du musst Laura sein. Wir stärken uns erst mal mit einem Kaffee, der Sport kann noch zehn Minuten warten!«

»Laura!« Sie reichte Jeremias charmant die Hand. »Ich freue mich, dich kennenzulernen, ich trinke lieber einen Tee. Ich mag den Kaffee auf der Insel nicht sonderlich!«

»Kein Problem!« Jeremias wollte etwas sagen, aber Gabriela kam herein.

»Einen Café solo, einen Tee, schwarz, mit Zitrone oder Milch? Deutschen Kaffee kochen wir ebenfalls!«

»Bitte mit Milch, Darjeeling, wenn Sie haben! Danke, deutschen Kaffee mag ich auch nicht, ich mag nur italienischen.« Laura wandte sich an Jeremias. »Spielst du schon lange Tennis?«

»Soweit man das spielen nennen kann, was ich betreibe, seit meinem neunten Lebensjahr. Ich bin nie weit gekommen, dazu mangelt es mir an Ausdauer! Hin und wieder spiele ich aus Langeweile, Gelegenheit oder weil ich meine, zu dick zu werden!«, lachte Jeremias.

»Mir fehlt schlicht das Talent, ich hätte gern mehr gemacht. Mit zwölf hat man mir bereits gesagt, Sport sei nicht meine Sache, um eine Laufbahn aufzubauen.«

»Du lässt dich wohl schnell von sogenannten Fachleuten in die Gleise schieben?«, fragte Jeremias.

Laura schaute an sich herunter. »Was hätte ich machen sollen, einen auf Eisprinzessin?«

»Na, vielleicht Judo, Mannschaftssport!«, meinte Jeremias.

Das Gespräch wurde durch Gabriela unterbrochen, die Tee und Kaffee brachte.

»Eventuell versteifte ich mich damals zu sehr auf Mädchensport: rhythmische Gymnastik, Ballett, Turnen, Tennis.«

»Womit hast du stattdessen Karriere gemacht, Laura?«

»Was heißt Karriere, ich verdiene mein Geld damit.« Jeremias nippte am heißen Kaffee. »Ich will nicht aufdringlich wirken, was bist du von Beruf?«

»Ich schreibe Kinderbücher, in keinerlei Hinsicht karriereheiß.« Verstohlen blickte sie immer wieder in Jeremias’ Gesicht. Das Blau seiner Augen schien außerplanetarisch. Noch nie hatte sie bei einem Menschen solch ein blumenhaftes Blau wahrgenommen.

»Das ist doch ansehnlich! Ich bin unkreativ, ein simpler Datenkaufmann, Angestellter in einer größeren Firma. Jeden Tag dasselbe, Zahlen eintippen, mehr nicht! Buchhaltung, Statistik, das Übliche.«

»Aufregend klingt das wahrhaftig nicht«, lachte Laura, »aber irgendetwas brauchen wir, um zu überleben!»

Die beiden gingen hinaus zu den Umkleiden.