Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle - Sabine Ibing - E-Book

Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle E-Book

Sabine Ibing

0,0

Beschreibung

Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle ein humorvoller Roman 296 Seiten in der Druckversion Die schöne Sophie, der alle Männer zu Füßen liegen, entpuppt sich als Narzisstin. Nichts ist gut genug für sie, kein Mann gut genug. Wo sie auftaucht, hinterlässt sie Scherben. Sie bekommt was sie will, indem sie schnurrt wie eine Katze, faucht wie ein Tiger, heult. Kaum ein Mann kann ihr widerstehen. Sophie selbst hat eine eigene Sicht der Welt: Sie ist die Königin! Bis … Die Geschichte beginnt in Frankfurt, mit Karl … Sophie sagt über sich: "Ich gehöre zu niemandem und keiner zu mir. Das ist mein Schicksal, der Fluch, immer ausgenutzt zu werden, mit meinem Licht der Königin, anderen den Tag zu erhellen." Meine Testleser waren begeistert, was mich sehr gefreut hat. Hier einige Meinungen dazu: "Ich habe Tränen gelacht!" "Sophie ist nicht unsympathisch. – Man hasst sie!" "Das Buch hat Suchtgefahr." "Klasse Geschichte , die ich so in dem Stil auch noch nicht kannte und die sich von manch gewohntem Schema abhebt." "Die Charaktere sind authentisch und es regt an einigen Stellen zum Nachdenken an." "Das Buch ist vorbei. ¬- Will weiterlesen. - Soll ich jetzt weinen oder lieber wie Sophie aufstampfen?"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sabine Ibing

Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle

ein humorvoller Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Anfang

FRANKFURT

BERLIN

BAD HOMBURG

FRANKFURT

SYLT

FRANKFURT – ZEHN MONATE SPÄTER

BERLIN

BAD HOMBURG

HAMBURG

FRANKFURT

ST. MORITZ - ZERMATT

FRANKFURT

BADEN BADEN

MALLORCA

BADEN BADEN

OH DU SCHÖNE WEIHNACHTSZEIT.

BADEN-BADEN

MALLORCA

BADEN-BADEN

DEUTSCHLANDREISE

MALLORCA

BADEN-BADEN

WEILHEIM

BADEN-BADEN

WEILHEIM

FRANKFURT

BADEN-BADEN

STARNBERGER SEE

WACKERWINKEL

WEILHEIM

FRANKFURT

ZERMATT

BADEN-BADEN

WEILHEIM

MALLORCA

WEILHEIM

NARZISSMUS – WAS IST DAS?

EIN ABSCHLIEßENDES WORT

Impressum neobooks

Impressum

Figuren und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2014 Sabine Ibing, Matthofstr. 71, CH - 8355 Aadorf

Alle Rechte, auch die der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche, schriftliche Genehmigung der Autorin dürfen weder das Buch noch Teile daraus in irgendeiner Form kopiert, vervielfältigt oder auf elektronische Speicher übertragen werden. Zitatauszüge sind nur mit vollständiger Quellenangabe erlaubt. Der Titel ist urheberrechtlich geschützt (Markengesetz, §15.02)

Lektorat: Dr. Sandra Matteotti

Umschlaggestaltung: Tom Jay

Coverfotos: Frau: © oxilixo - Fotolia.com / Hintergrund: © pathdoc - Fotolia.com

Herstellung und Verlag: Sabine Ibing

www.sabine-ibing.ch

Anfang

Oscar Wilde: Der Mensch ist vielerlei, aber

vernünftig ist er nicht.

Die Relativitätstheorie nach Sophie Barradon: Die Länge einer Minute ist abhängig davon, auf welcher Seite der Klotür du stehst!

FRANKFURT

(Sophie Barradon zitiert frei nach Coco Chanel: Ein Mädchen sollte zwei Dinge drauf haben: elegant und märchenhaft zu wirken. )

Whatsapp von Sophie an Karl: »Jede Nachricht von dir lässt mein Herz schneller schlagen.«

Antwort von Karl: »Mit dir zu telefonieren ist noch viel heißer. Ich wünsche dir eine gute Fahrt; rufe dich mal unterwegs an.«

Antwort von Sophie: »Das Größte wird sein, endlich in deinen Armen zu liegen und dich zu küssen.«

Es war ein Freitag. Die Aufregung überzog Sophies Arme mit einer Gänsehaut, als sie aus ihrem Auto stieg. Sie schaute auf ihr Handy, eine Nachricht von Karl war eingegangen. Er fragte, wo sie sich befand. »In der Tiefgarage«, tippte sie.

Sie stand mutterseelenallein im Treppenhaus und dachte an die letzten Jahre zurück. Auf ihre Familie konnte sie nicht zurückgreifen. Niemand von denen würde sie je verstehen. Die Ehe mit Hugo hatte sich zum Desaster entwickelt. Sogenannte Freunde entpuppten sich letztendlich immer wieder als Menschen, die nur in guten Zeiten etwas von einem wissen wollten. Es gab nur noch sie. Alle anderen hatten sie im Stich gelassen. Sophie war 49 Jahre alt, lebte von ihrem Mann in Trennung und wollte hier in Frankfurt neu beginnen. Einöde überzog ihren Alltag, von Anfang an. Sie hasste ihr Leben, so wie es sich bisher gestaltet hatte. Und dann war sie Karl begegnet! Einmal im Leben hat jeder Glück, so ihre Devise. Und jetzt war sie dran.

Ihr Blick fiel auf die Uhr: Vierzehn Uhr, heute war der Dreizehnte. Sophies Herz klopfte und sie ging im Kopf nochmals durch, wie sie Karl begrüßen wollte. Sie zögerte, auf die Türklingel zu drücken. Die lange Autofahrt war anstrengend gewesen, sie schwitzte. In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, Karl rief laut: »Herzlich willkommen!«

Er drückte sie heftig an sich. Der Rosenstrauß, den er hielt, wurde zwischen ihren Körpern zerquetscht. Er zog sie in das Appartement hinein und schloss die Tür. Mit der rechten Hand fuhr er durch ihr Haar, zog sie sanft heran, grub sein Gesicht in ihre Locken und sog den Duft ein.

»Karl, der Umzugswagen ...« Er schnitt ihre Worte mit einem kräftigen Kuss ab. Sophie entwand sich seiner Umarmung.

»Der Umzugswagen muss gleich da sein.« Sie hauchte ihm einen zarten Kuss auf die Wange.

»Was interessieren mich deine paar Möbel, ich bin froh, dass du endlich hier bist!« entgegnete Karl und umschloss sie erneut fest.

Sie trat einen Schritt zurück, lächelte ihn an und sagte mit leiser aber bestimmter Stimme: »Später mein Herz, wir können die Jungs nicht warten lassen.« Mit diesen Worten verschwand Sophie im Treppenhaus. Karl blickte ihr nach. Die großen Locken ihrer fuchsroten Haare wippten auf ihrem Rücken. Das enge Minikleid umschmeichelte ihren Leib. Ihre Körperhaltung und ihre grazilen, fließenden Bewegungen erinnerten an eine Ballerina. Sie schien fast über dem Boden zu schweben. Sie wirkte auf ihn wie ein scheues Rehkitz so allein vor dem Fahrstuhl. Er sog ihren Geruch von schwerem Parfum ein, folgte ihr, ergriff ihre Taille, zog Sophie an sich und sagte: »Dann wollen wir mal!«

Als die beiden aus dem Haus traten, suchte im selben Augenblick der Lkw des Umzugsunternehmens nach einem Parkplatz. Karl hielt den Truck an und dirigierte ihn in die Tiefgarage. Die Männer sprangen heraus und öffneten die hintere Tür.

»Sag mal Sophie«, Karl blickte überrascht auf den großen Wagen, »was hast du alles mitgebracht?«

»Nur das, was wir noch brauchen. Ich kann doch nicht meine schönen Möbel zurücklassen!« Hilfe suchend schaute sie Karl an. »Das sieht nur nach viel aus, weil es gut verpackt ist.«

»Also«, fragte einer der Umzugsleute, »wohin mit dem ganzen Zeug?«

»In die vierte Etage«, wandte sich Karl an den Mann. »Dort drüben ist der Fahrstuhl, ich habe einen Schlüssel, damit sie ihn blockieren können.«

Beschwingt stieg Sophie mit Karl in den Lift, während er kopfschüttelnd auf den Lkw blickte. Oben angekommen rollten die Burschen Filzfolien auf dem Parkett aus. Karl und Sophie hatten ein neues Schlafzimmer gekauft – bezahlt von ihm, ausgesucht von ihr. Den Rest der Einrichtung wollte Sophie mitbringen, das war die Absprache. Die Einbaumöbel von Küche und Bad gehörten zum Appartement. Bis auf den Schlafraum standen die anderen Zimmer noch leer. Sophie besaß in allen Dingen einen erlesenen Geschmack, zweifellos wären ihre Einrichtungsgegenstände akzeptabel, ging es Karl durch den Kopf. Er wusste nicht, worauf er sich eingelassen hatte. Aber das war egal, Hauptsache, Sophie zog bei ihm ein. Möbel waren Möbel.

»Bitte, Karl, geh aus dem Weg. Wie wäre es, wenn du dich auf die Terrasse begibst, einen Stuhl bekommst du gleich«, dirigierte Sophie.

Die beiden Tischler stellten zwei Fiberglasplatten auf flache Sockel, befestigten die Rückwände daran und setzten sie L-förmig zusammen. Schon wurden die dunkelgrauen Sitzmatten aus weicher Kunstfaser und Rückenstützen aufgelegt. Einer der Männer prüfte die Beleuchtung der Sitzmöbel, die sich am Fußbereich im Sockel befand. Sophie brachte die hellen Kissen nach draußen. Während die Burschen den Tisch montierten, kam Sophie mit Champagner aus der Küche.

»Ein bisschen japanisch angehaucht, nicht wahr? Ich liebe diese Sitzecke!« sagte Sophie, als sie sich aufs Sofa plumpsen ließ.

Karl setzte sich neben sie. »Nicht schlecht, die Couch. Der Tisch erinnert eher an einen Springbrunnen. Das war bestimmt sündhaft teuer.«

»Habt ihr Kerle immer nur Geld im Kopf? Genieß es!« Sophie verdrehte die Augen.

»Das ist ganz schön tief. Bekommt man hier keine Rückenschmerzen? Und wie isst man, ohne sich zu bekleckern?«, grinste Karl, der sich zum Tisch beugte und die terrassenförmigen Platten betrachtete.

»Schatz, das ist eine Sitzecke! Nahrung und Zaster, typisch Mann, nur das im Hirn.« Sophie zog einen Schmollmund. »Ich gehe wieder rein, irgendwer muss denen ja erklären, wohin die Möbel gestellt werden sollen!«

Karl lehnte sich auf das Geländer der Terrasse und blickte über den Westhafen. Die kleinen Boote schaukelten bei leichter Brise an der Anlegestelle. Er hatte Sophie vor vier Monaten auf Mallorca kennengelernt und sich auf der Stelle in die zierliche Rothaarige verliebt. Eines Tages stand sie wie aus dem Nichts in seinem Büro und fragte nach Appartements. Er fühlte sich sofort angezogen von ihrer fröhlich-naiven Art und ihrer femininen Ausstrahlung: erotisch, ein wenig lasziv, gleichzeitig unnahbar. Sie besaß die Aura einer Grand Dame, ihr Duft betörte ihn, hinterließ einen Rausch des Verlangens.

Während der Besichtigungen erzählte sie ihm, dass sie getrennt von ihrem Mann lebe. Sie wohnten zwar zusammen im gemeinsamen Haus in Berlin, aber der Gatte, der unter der Woche als Unternehmer unterwegs war, kam nur noch selten heim. Sie sagte, er sei meist bei seiner Freundin, man habe sich im Guten geeinigt. Auch Karl war seine Ehe mit Alexandra unerträglich geworden – wobei: Unerträglich war falsch. Sie verstanden sich gut. Nichts mehr zu sagen, das käme dem Zustand näher. Man lebte zusammen in einem Haushalt, weil es immer so war. Zwei parallele Leben, die sich hin und wieder zu gesellschaftlichen Anlässen kreuzten. Schon lange sehnte er sich danach, aus dem versnobten Bad Homburg nach Frankfurt zu ziehen. Von Sophie wusste er wenig, sie gab nicht viel von sich preis. Sie war selbstbewusst und dabei bescheiden, zuverlässig, ehrlich, höflich und sie schien kompromissbereit und selbstverantwortlich. Eins war ihm jedoch augenblicklich klar gewesen: Sie war die Frau, die er begehrte, mit der er glücklich werden konnte. Er hatte das Appartement am Westhafen günstig erworben und Alex klargelegt, er würde nach Frankfurt gehen. Sie war geringfügig erstaunt über seinen Entschluss und erklärte sich einverstanden. Er hatte ein bisschen mehr Widerstand erwartet, mehr Emotionen. Sie machte keine Anstalten, ihn zu halten. Genau das war es, das ihn an Alex störte. Diese Vernunft, diese emotionale Überlegenheit, immer rational zu entscheiden. In der Firma änderte sich kaum etwas, denn geschäftlich respektierten sie sich und legten weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis an den Tag. Erst in den letzten Tagen hatte er angedeutet, sich neu verliebt zu haben. Alex hatte gelächelt und gemeint, das sei schon länger klar. Das war alles, was ihr dazu einfiel. Er hatte Sophie überredet, zu ihm zu ziehen. Na ja, eher war es so, dass sie ihm die Worte in den Mund gelegt hatte. Es sind die Veränderungen, die ein Leben bereichern und es manchmal sogar verwandeln; so ähnlich drückte sie sich aus. Auf Mallorca hatte er ihr ein paar Appartements gezeigt, sie interessierte sich für eine Lage mit Meerblick. Als Immobilienmakler besaßen er und Alex eine Dependance in Palma und eine in Marbella. Karl ließ es sich nicht nehmen, im Sommer zwei bis drei Monate vor Ort zu wirken. Ihn beschlich in der letzten Zeit das Gefühl, sein Erdenleben ändern zu müssen. Er suchte nach Liebe und Geborgenheit. Sein Dasein war ihm langweilig geworden. Es fehlte der Pepp, er brauchte mehr Abwechslung, es trieb ihn in die Welt hinaus. Alex saß gern zu Hause, ging nur ungern nach der Arbeit aus. Am Wochenende putzten sie, kauften ein und Alex setzte sich mit einem Haufen Papieren an den Schreibtisch oder las ein Buch, mochte dabei nicht gestört werden. Das war nicht seine Welt. Er wollte die Welt erobern, nicht mittendrin sitzen und alles an sich vorbeiziehen lassen. Das Leben hatte so viel zu bieten, man musste nur zugreifen!

»Karl, kannst du mal schauen?«, fragte Sophie mit diesem hilflosen Gesichtsausdruck, den er so liebte.

»Was ist denn, mein Engel?«, fragte er, als er das Wohnzimmer betrat.

»Sollen wir die Kommode lieber hier hinstellen oder dort drüben?«

»Was ist das für ein Monstrum?«, Karl schaute irritiert ins Wohnzimmer.

»Das ist eine Empirekommode, schön nicht?«, strahlte sie.

Mit gemischten Gefühlen bestaunte er einen etwa ein Meter breiten und zwei Meter hohen Biedermeier Aufsetzschrank mit Tatzenfüßen. Sein Blick glitt zu einem anderen Koloss. Auf der gegenüberliegenden Seite stand eine barocke Aufsatzkommode in Nussbaum mit fein ausgearbeiteten Kugelklauenfüßen.

»Interessant! Hoffentlich läuft sie nicht weg«, murmelte Karl und zeigte auf die Tatzenfüße.

Die Möbelträger entpackten einen Tisch aus Messing und Glas, der sorgsam in Luftpolster und Decken verpackt gewesen war. Er bestand aus einem achteckigen Grundelement und acht kleinen Beistelltischen. Auf dem Boden schillerte ein persischer Seidenteppich.

»Das ist ein Gabriella Crespi Tisch, handsigniert«, erklärte Sophie stolz.

»Aha. Crespi. Muss man die kennen?«

»Na, die italienische Designerin! Sie entwarf Mobiliar und Einrichtungsgegenstände für den Schah von Persien, Gunther Sachs und viele mehr. Die Teilelemente nehme ich als Sideboard, stelle welche neben das Sofa. Bei Bedarf kann man daraus Stück für Stück einen großen Tisch zusammenbauen.« Freudig präsentierte Sophie Karl die Einzelteile.

»Hast du ihn dir entwerfen lassen? Echt witzig, das mit den Beistelltischen«, staunte Karl.

»Crespi ist lange tot. Mein Schwiegervater hat den Tisch auf einer Auktion erworben und ihn mir vererbt, weil ich das Möbelstück liebte.« Sophie entpackte einen Panther aus versilberter Bronze auf ebonisiertem Sockel. »Art déco um 1920, hübsch, nicht.«

Karl schaute die Skulptur genau an. »In der Tat, eine schöne Figur. Weder kitschig noch protzig.« Er schritt hinüber zu der englischen Standuhr. »Was bedeutet die Signatur hier?«, fragte er, während er versuchte, die Buchstaben zu entziffern.

»1830, Wood Stansford steht dort.«

Um das weiße Ziffernblatt herum verlief eine feine Landschaftsmalerei, eine Hafenszenerie vor Bergkulisse. In den Zwickeln waren Gebäude mit Figurenstaffage zu sehen. »Die gefällt mir!«, meinte Karl nach ausgehender Betrachtung.

»Vielleicht nicht mehr, wenn sie die volle Stunde schlägt.« Sophie kicherte leise.

In der Zwischenzeit waren die sechs weiß bezogenen Mahagonisessel ausgepackt.

Sophie drapierte rechts und links der Uhr zwei andere weiße Polstersessel. Karl begutachtete sie interessiert und fragte: »So was habe ich noch nie gesehen, die sind edel und gleichzeitig witzig. Eine Tulpenform war mir bisher unbekannt. Wo sind die Sessel her?«

»Art déco. Das hat mein Schwiegervater geliebt, die hat er sich nach Originalvorlagen nachbauen lassen.«

»Der Mann hatte Geschmack. Die gefallen mir besser, als die Sitzmöbel am Tisch.«

»Das sind Louis-Philippe-Sessel«, meinte Sophie spitz.

»Besitzt du nur so altes Zeug?«

»Was heißt alt? Das sind Wertanlagen, antike Möbel.«

»Aktien kann man einfacher verstauen«, gab Karl zurück.

»Ach? Und du sagst immer, Immobilien sind eine Wertanlage. Wie lassen sich die denn aufbewahren?« Sie strich mit ihrer Hand über seine Wange und er umarmte sie zart. Seine große Gestalt schmolz zu einem wächsernen Zwerg zusammen.

Als das Sofa hereingetragen wurde, erwartete Karl eine Biedermeier-Kombination. Doch dieses moderne weiße Ledersofa überraschte ihn, es charakterisierte eine zeitlose Eleganz. Kostbare Chromeinlagen unter den Armlehnen verliehen ihm eine zeitgemäße Ausstrahlung.

In einer verdeckten Ecke gegenüber der offenen Küche erregte ein Barschrank im Art-déco-Stil sein Aufsehen. Der konische Korpus mit aufwendigen Intarsien zog seinen Blick magisch an. Das aufklappbare, verspiegelte Barfach machte den Schrank zu einem Schmuckstück. »Hier kann ich also meine Vitamine verstauen. Hübsch«, grinste Karl.

Er setzte sich nach draußen in die wärmende Nachmittagssonne. Sein Appartement verwandelte sich vor seinen Augen in ein Museum. Daran musste er sich wohl gewöhnen. Aus Möbeln hatte er sich bisher nie viel gemacht. Hauptsache, sie strahlten Behaglichkeit aus. Einen gewissen Charme strahlte das Wohnzimmer nun aus. Ob er sich darin wohlfühlen würde, war ihm noch nicht ganz klar.

Indes koordinierte Sophie das Einräumen des Arbeitszimmers und ließ eine massive Garderobe aus nussbaumfarbener Eiche über Eck an der Wand im Flur befestigen. Das lockerte den Raum auf.

Die Möbelträger trugen Kleiderschrankkisten und Bilder herein. Die restlichen Kartons wurden in Wohnzimmer und Flur gestapelt.

»Karl, ich habe die Kleiderkisten ausgeräumt, den Inhalt auf das Bett geschmissen, die Kleider auf den Bügeln in den Schrank gehängt, damit die Männer die Kisten wieder mitnehmen können. Nun brauche ich nach all dem Stress eine Dusche.«

»Zieh dir was Hübsches an, wir gehen Essen. Den Rest kannst du morgen ausräumen«, rief er über den Flur.

Kaum dass Karl die Dusche rauschen hörte, stand einer der Möbelpacker neben ihm, knetete seine Hände: »Ehm, ich müsste mal kassieren.«

»Senden Sie Frau Barradon eine Rechnung«, murmelte Karl, der in seiner Zeitung blätterte.

»Das geht nicht.« Der Mann zupfte an seinen Hemdsärmeln. »Wir rechnen immer sofort ab. Was es genau kostet, wissen wir ja erst, wenn wir fertig sind.« Hinter seinem Rücken trugen die Burschen weitere verpackte Bilder herein.

»So viel Bares habe ich nicht im Haus!«, maulte Karl.

»Visa Card reicht mir und eine Unterschrift bitte. Wir haben ein Kartenlesegerät unten. Ich schicke jemanden runter.« Der Kerl hielt Karl das Dokument hin.

»5500 Euro, eine Stange Geld!«, meinte Karl, während er die Rechnung studierte.

»Wir mussten bereits gestern in Berlin anfangen, um alles einzupacken, die empfindlichen Möbel einzuwickeln, das Geschirr und die Bekleidung zu verstauen. Wir haben seit Donnerstagmorgen gearbeitet und müssen auch noch zurückfahren!«

»Schon in Ordnung. War eine saubere Arbeit.« Karl fummelte sein Portemonnaie aus der Hosentasche, fischte die Kreditkarte heraus, zeichnete die Rechnung ab und erhielt den Durchschlag. Er gab den Leuten einen Hunderter in bar. »Für euch, ihr ward gut.«

Kaum waren die Männer mit Packmaterial und den Rollkisten verschwunden, kam Sophie aus dem Schlafzimmer. Sie strahlte und drehte sich kokett auf dem Parkett. »Nun bin ich bei dir angekommen.« Sie trug ein Etuikleid von Versace in Smaragdgrün, auf dem ihre langen roten Haare effektvoll zur Geltung kamen. Im gleichen Grün schimmerten ihre Augen. Das Kleid war grenzwertig kurz gehalten, aber Sophie konnte es mit ihrer zarten Figur bei ihren ein Meter zweiundsechzig Größe und trotz ihres Alters tragen. Sie schmiegte sich an Karl. »Ich möchte ein wenig an die frische Luft. Was hältst du von einem Ausflug in die Innenstadt?«

»Gute Idee.«

Zu Fuß schlenderten sie bis zum Römer am Main entlang. Karl führte sie zu einem Bistro mit Außensitzplätzen. Sie gönnten sich ein Glas Rotwein.

Er musste Sophie unbedingt die Kleinmarkthalle zeigen, in der die Marktstände allerlei exotische Dinge bereithielten. »Dort findest du wirklich alles. Was du hier nicht bekommst, gibt es nicht. Bei Wurst, Käse und feinem Geflügel hast du die beste Auswahl!«, erklärte er schwärmerisch.

Sofort erstand Sophie frische Wachteln, erlesenen Käse, Schinken und Pasteten sowie ein wenig Salat.

»Der Kühlschrank ist leer, es ist Wochenende«, beantwortete sie Karls tadelnden Blick. Sie wollte zum Fischstand hinübergehen, aber er meinte, morgen sei auch noch ein Tag. Weiter ging es in Richtung Goethestraße. Sophie blieb vor dem Schaufenster von Jil Sander stehen und schaute auf ein Kleid mit tiefem V-Ausschnitt, Bustier und langen Schlitzen auf beiden Seiten.

»Sieh dir das graue Kleid an! Ist es nicht wunderschön?« Sophie blickte sehnsüchtig in die Auslage.

»Gehen wir hinein und du probierst es an!« Karl öffnete die Ladentür.

»Nein, nein, nein, ich brauche kein Kleid.« Sophie drehte sich weg.

»Lass mir den Spaß, das sieht gewiss fantastisch an dir aus.«

Mit gequältem Gesicht betrat Sophie den Laden und verließ ihn kurz darauf mit dem Fummel, passenden Pumps, Parfum und einem Seidenschal. Karl schluckte, als er vernahm, dass die achthundertneunzig Euro für die Schuhe nichts gegen die dreitausendfünfhundert für das Kleid waren.

Sophie zog den Stoff ein Stück aus der Tüte und strich ihn über ihre Wange. »Diese Mischung aus Kaschmir und Seide ist vollkommen!« Sie gab Karl einen Kuss.

»Übrigens, morgen Abend sind wir auf dem Immobilienball, hatte ich das erwähnt?«, äußerte Karl beiläufig.

»Du sagtest etwas davon, aber nicht, wann er stattfindet. Ein Ball sagst du? Ich besitze keine Abendgarderobe. Hugo ist nie mit mir auf einem Ball gegangen.« Mit einem gemischten Ausdruck von Entsetzen und Hilflosigkeit blieb sie abrupt stehen und blickte Karl ins Gesicht.

In diesem Moment standen sie vor dem Versace - Laden. »Komm, wir finden hier ein Kleid«, meinte Karl, während er Sophie in das Geschäft zog. Sie sollte aussehen wie eine Prinzessin. Alle sollten sehen, was er noch an Land ziehen konnte. Sophie war ein Bild von einer Frau. Er war stolz auf seine Eroberung. Diese Dame liebte es, auszugehen. Sie war die perfekte Frau an seiner Seite.

Sophie probierte eine Reihe von Roben an. Die Wahl fiel auf einen Traum in Silberweiß. Die linke, silberfarbene Hälfte war sehr kurz geschnitten, die andere, weiße Seite bodenlang. Beide Stoffteile wurden in der Mitte vorn und hinten von einer Art Schal überdeckt, der aus weißem Chiffon, mit breiten Silberbändern durchzogen und an die weiße Hälfte angenäht war, doch so locker, dass er an den Füßen bei jedem Schritt flatterte. Ein schmaler, silberner Gürtel umfasste die Taille. Sophies porzellanartiger Teint strahlte. Karl vergaß, den Mund zu schließen.

»Das ist es!«, lächelte Sophie sanft, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte.

»Haben Sie passende silberne Schühchen dazu?«, fragte Karl belustigt. Die Verkäuferin baute bereits mehrere Paar vor ihnen auf.

Als die beiden Richtung Hauptwache schlenderten, meinte Sophie: »Kann man zu dem Kleid Goldschmuck tragen?«

Karl blieb stehen. »Nicht wirklich - glaube ich zumindest.«

»In Gold besitze ich wunderschönen Schmuck. Perlen gingen auch oder?«

»Perlen? Viel zu brav für das Outfit! Mir fällt da was ein: Da vorne ist ein Juwelier, der hochwertige Glitzerteile hat, Strass oder wie das moderne Zeug heißt.«

Sie liefen zurück in die Goethestraße, bogen in die Schillerstraße ab. Sophie gefielen die Glitzerteile nicht, die ihr der Verkäufer offerierte. »Das ist alles Kitsch für Kinder. Haben Sie etwas Schlichtes, in Grün vielleicht?« Sie verdrehte die Augen, als sie sah, welche Ketten der Herr nun anschleppte.

»Wir hätten eine Kette aus Swarovskikristallen im Jugendstil«, setzte der Mann an. Eine Kollegin schob ihn sanft beiseite.

»Ich übernehme das.« Freundlich lächelte sie die beiden an. »Zu was für einem Outfit suchen Sie eine Kette?«

Sophie holte das Kleid heraus. Die Verkäuferin verschwand nach hinten, kam mit ein paar Schachteln zurück. »Bitte: in Grün, eine venezianische Kette mit Strass, Smaragdimitationen, vierreihige Krappfassung. Sie ist sehr festlich.«

Karl gefiel das Collier sofort, Sophie war zufrieden. Die Verkäuferin griff nach einer anderen Schachtel. »Was halten Sie davon? Weiß und Silber, matte Kristalle, mit kleinen Mallorcaperlen, zwei Ketten gedreht, dadurch wirkt es modern, nicht bieder.«

»Haben Sie zu dem Grünen passend Armband und Ohrringe?«, fragte Karl. Die Verkäuferin legte sie ihm vor. Sophie knuffte ihn in den Arm, als ihr zu der hellen Kette Armband und Ohrringe gezeigt wurden, und sagte: »Die smaragdene Kombination ist schön, diese passt jedoch besser zum Kleid, sie hat recht.«

»Dann nehmen wir beide Kollektionen, ich bin heute in Spendierlaune, ist ja nur Modetinnef«, entgegnete Karl und ging mit federnden Schritten auf die Verkäuferin zu. »Packen Sie alles ein.«

Die Dame klebte die Aufkleber auf einen Bon. Karl lief zur Kasse. Sophie zwinkerte der Frau zu, während er dem Mann an der Kasse den Bon und seine EC-Karte reichte. Der Kassierer scannte die Klebeetiketten ein und Karl schluckte, als er den Endpreis sah.

Die Verkäuferin hatte das Tablett mit den Schmuckstücken und den Schachteln herübergebracht. Vorsichtig deponierte der Herr die Prachtstücke in die Boxen und ließ sie dabei durch die Hände gleiten »Schöne Arbeit. Ihre Frau hat Geschmack!«

Am Abend probierte Sophie das Kleid an, zog die Schuhe an. Karl legte ihr die Kette um den Hals und begutachtete sie, indem er zwei Schritte zurücktrat. Er war überwältigt.

»Darauf eine Flasche Champagner zum Abendkrimi!«

»Ich würde lieber den Liebesfilm sehen«, kam es zaghaft von Sophie. »Ich werde wohl gar nicht gefragt?«

»Dann Liebesfilm!«, gab Karl fröhlich zurück.

Sophie wurde jäh von einer schrillen Sirene geweckt. Verschlafen rieb sie sich die Augen und orientierte sich im Raum. Langsam wurde ihr bewusst, wo sie sich befand. Woher rührte dieser markerschütternde Ton? Karl sprang hektisch aus dem Bett und raste Richtung Wohnzimmer. Sophie schoss auf, griff nach ihrer Handtasche und dem Handy, rannte hinterher. In ihrem Kopf hämmerte es, sie fühlte Panik aufsteigen, glaubte, die Wohnung stand in Flammen. Beklemmung schnürte ihr den Hals zu, sie meinte, nicht mehr atmen zu können. Halb gelähmt sah sie, wie Karl, nur bekleidet mit Boxershorts, die Tür zur Terrasse aufriss, bis zum anderen Ende der Terrasse hastete und eine Kübelpflanze fotografierte. Der fiese Ton brach ruckartig ab. Er schien aus seinem Smartphone gekommen zu sein.

»Karl! Spinnst du? Was war das für ein Geheul? Und was machst du da am Blumenpott?«

Grinsend schlenderte er zur Küchenzeile und hantierte an der Kaffeemaschine. »Entschuldigung. Ich hätte dich vorwarnen müssen. Das war Alarmy!«

»Das war was?«, kreischte Sophie.

»Mein Wecker. Früher hat mich Alex geweckt. Weil ich so fest schlafe. Na ja, ich stelle immer den Wecker aus, denke, nur eine Minute noch, und schon habe ich verpennt.« Karls Tonfall war entschuldigend.

»Bei dem Gejaule wachen Tote auf! Das ist grauenhaft. Aber wieso rennst du nach draußen?« Sophie schaute ihn unverwandt angewidert an, runzelte die Stirn.

Karl tippte auf seinem Smartphone herum und zeigte Sophie eine Fotoserie: Der Blumenkübel, die elektrische Zahnbürste, die Toilette, die Kaffeemaschine, die Saftpresse, ein Teil von seinem Hometrainer. Verständnislos blickte sie ihn an. »Ja und?«

»Die Dinge habe ich fotografiert«, Karl freute sich wie ein kleines Kind, über das ganze Gesicht lachend. »Mit dem Weckton präsentiert mir das Telefon jeden Morgen eins dieser Fotos. Erst wenn ich es abgelichtet habe, hört es auf zu piepsen. Besonders gemein ist der Hometrainer. Ich muss zunächst auf das Fahrrad steigen, um die Ansicht fotografieren zu können. Dann bin ich völlig wach! Genial nicht!«

Genervt verdrehte Sophie die Augen. »Männer!«

Karl schaute während des Frühstücks in die Zeitung. Sophie stand auf, beugte sich über den Tisch und guckte ihn über den Papierrand an, zupfte daran. »Hallo, ich bin auch noch da!«

Er legte das Tageblatt weg, strich ihr über die rosige Wange. »Entschuldigung, eine Angewohnheit.« Nachdem er sich Quark auf sein Brot geschmiert hatte, leckte er genüsslich das Messer ab.

»Karl!«, Sophie empörte sich und sah ihn mit verschränkten Armen an. »Ich denke, als Erstes bringe ich dir Benehmen bei!«

Gleich in der Früh hatte Karl einen Kundentermin. Er holte Sophie danach ab und sie schlenderten zur Kleinmarkthalle. Schon seit dem Morgen freute er sich auf Sushi, doch Sophie zog ihn an einen anderen Stand: Austern mit Champagner.

»Ich mag keine Austern«, sagte er leise.

»Sei kein Spielverderber! Wann hast du das letzte Mal welche gegessen?«, Sophies Stimme hatte einen gebieterischen Ton angenommen.

»Das ist 20 Jahre her. Ich mag sie nicht!«, entgegnete Karl patzig. Sein Ekel drückte sich durch eine Stirnfalte aus.

Sophie hatte bereits zwei Portionen bestellt. Der Kellner stellte einen Teller auf ihren Stehtisch, die Muscheln lagen auf Crasheis, umgeben von Zitronenstückchen. Dazu gab es einen Brotkorb mit Baguettescheiben und eine Schüssel mit warmem Zitronenwasser, um die Finger zu waschen, und natürlich Champagner. Geschickt fischte Sophie eine der geöffneten Austern, spritzte etwas Zitronensaft darüber, löste mit einer kleinen Gabel das Fleisch vom Austernpunkt, hob sie an ihren Mund, schlürfte den Inhalt heraus und kaute genüsslich auf der Muschel. Dann drückte sie Karl die Nächste in die Hand.

Widerwillig tropfte er Zitronensaft darauf, hob die Auster an, sog das Fleisch in den Mund und schluckte alles in einem Zug herunter. »Boah«, schüttelte er sich, »das ist, wie einem toten Mann die Nase auszulutschen!« Er langte nach dem Weißbrot und steckte es in den Mund, griff eine weitere Scheibe, beträufelte sie mit Olivenöl, das auf dem Tisch stand, und stopfte auch diese gierig zwischen die Zähne.

»Karl! Du bist eklig! Den Appetit verdirbst du mir trotzdem nicht!«, meinte Sophie schnippisch und schnappte sich die nächste Auster.

Im Grunde genommen trafen Austern nicht Sophies Geschmack, doch es waren Austern und dazu gab es Champagner. Sie wusste auch nicht, warum manche Leute Kaviar so sehr liebten. Es war ein komisches Gefühl, wenn man auf diese gummiartigen Fischeier biss, bis sie endlich platzten, die letztendlich nur salzig schmeckten. Aber es war nun mal Kaviar und dazu gab es Champagner. Trüffel hingegen mochte sie wirklich gern. Am liebsten den weißen Alba-Trüffel, dessen Aroma auf der Zunge zerging!

BERLIN

(Hugo Barradon: Es heißt jetzt nicht mehr Dieb, sondern Fachkraft für spontane Eigentumsübertragung.)

»Nun beruhigen Sie sich doch, Herr Barradon! Wenn ich Sie recht verstanden habe, hat Ihre Frau Ihr Haus verkauft und ist mit dem Familienschmuck und den Antiquitäten auf und davon?«

»Ja, eh, meen Haus, ihr Haus, dit is verzwickt. Is meen Haus. Ja. Aber irjendwie is dat uffen Papier ihr Haus, verstehen Se dat nich?«

»Erklären Sie mir das noch einmal der Reihe nach.« Der Anwalt verlangte über die Gegensprechanlage zwei Tassen Kaffee.

Hugo Barradon holte tief Luft. »Ick hab Sophie vor zwölf Jahren jeheiratet. Sie war als Touristin in Berlin, hab se am Wannsee kennenjelernt. Sie kommt aus eenem Dorf bei Burgdorf, hatte nüscht als ihre Kleider am Leib. Sie war so bezaubernd, wissen se, wie eene Fee. Nur Flüjel hatte se keene.« Hugos Stimme hatte einen warmen Ton angenommen, seine Augen schauten entrückt an die Decke. »Damals hab ick meenen Elektrikerbetrieb jerade auf Solardächer umjestellt. Vor sieben Jahren sind meene Eltern jestorben. Na erst der Papa, Herzinfarkt, eenfach tot. Dann die Mama, Krebs. Dit war vor fünf Jahren. Zu der Zeit wollt ick noch mal richtich investieren, den Betrieb verjrößern. Ick hat nen Haus jeerbt. Wir sind eene alte Hujenottenfamilie1 aus Frankreich, alteinjesessene Joldschmiede. Darum heßen ja och alle Männer bei uns Hugo, zumindest die Erstjeborenen. Ick betreibe och Ahnenforschung, kann die Familie bis 1421 in Burgund zurückverfoljen.«

Sebastian Rother trommelte mit den Fingern auf dem Schreibtisch. Seine Sekretärin servierte den Kaffee. »Sie sind kein Goldschmied, machen wir bei Ihnen weiter, nicht bei den Ahnen. Was genau hat ihre Frau angestellt?« Der Anwalt schaute nervös auf die Uhr.

»Ja natürlich«, Hugo strich sich über seinen lichten Haarkranz oberhalb der Ohren und erzählte weiter: »Meene Eltern hatten een Haus, wat wir verkoften. Ick wollt ja nich, aber Sophie war der Jarten zu jroß, sie und Jartenarbeit, na ja. Da jab et noch schöne Joldschmiedearbeiten im Erbe, eene Familiensammlung. Ick sollte dit Handwerk übernehmen. Die Fummelei war aber nüscht für mich und kunstbejabt bin ick och nich. Komme eher nach den Jänsebeinen, Jänsebein, so hieß meene Mutter.« Der Anwalt trommelte wieder, kaute auf seinem Brillenbügel.

Hugo nippte an der Tasse. »Wir hatten och Antiquitäten jeerbt, Familienstücke, wa, meen Vater liebte Art déco. War nüscht im Krieg kaputtjegangen, allet ausjelagert auf dem Hof vom Cousin, weit ab vom Schuss. Ick hatte dit Jeld vom Erbe und vom verkoften Haus in Tierjarten. Dann bauten wir een Haus in Jrunewald, musste ja Jrunewald sein, Sophie bestand druff. Ick erweiterte dat Jeschäft und jründete eene GmbH. Solardächer kamen damals auf, keener wusste, ob man da Jeld machen kann. Unser Steuerberater jab zu bedenken, en Handwerk könne pleite jehen, wir sollten uns absichern. Seine Idee war, dit Haus uf meene Frau überschreiben zu lassen, ebenso den Familjenschmuck, Auto, Antiquitäten und dit Jeld. Sie hat der Firma Jeld jeliehen, damit ick erweitern konnte. Dit kann man so absetzen. Verstehen Se, sie hat mir sozusajen meen eijent Jeld jeliehen. Et jibt da einen Ratenvertrach. Würde die Firma pleite jehen, jeht keiner nich an mein Privatvermöjen. - Jott, war dit dämlich! Die Olle is mit allem auf und davon! Da brat‘ mir doch eener nen Storch, aber de Beene recht knusprich bitte!« Hugo zog eine säuerliche Mine.

»Ist das notariell erfasst?«, wollte Rother wissen.

»Jawoll, mit Brief und Siejel, allet amtlich. Sojar der Besitz von Schmuck und Antiquitäten, allet einzeln uffjeführt.«

»Wie ging das mit dem Verkauf des Hauses vonstatten?«, fragte Rother.

»Freitachabend komm ick nach Hause, da liegt da ein Brief inne Küche«, berichtete Hugo und reichte Rother das Papier.

Der las laut vor: »Lieber Hugo, ich habe das Haus zum ersten November verkauft. Die Küche und die Badeinrichtung inklusive. Die restlichen Möbel im Haus belasse ich bei dir in guten Händen. Du hast noch genügend Zeit, dir eine neue Bleibe zu suchen. Wir beide sind uns fremd geworden, das weißt du genauso wie ich. Ich werde die Scheidung einreichen, mein Anwalt wird dich kontaktieren. Sei gegrüßt, Sophie«. Der Anwalt machte eine Pause, bevor er fortfuhr: »Herr Barradon, haben Sie schon ein Schreiben von dem Anwalt erhalten?«

»Ne. - Ick wees nich mal, wo se is!« Wütend haute Hugo mit der Faust auf den Tisch. Die Tasse klirrte auf dem Unterteller. Er rieb sich den Handballen. »Wissen Se, was se mir jelassen hat? Ne zehn Jahre alte Waschmaschine, een Ikea-Schlafzimmer, och 10 Jahre alt. Meenen ollen Schreibtisch mit Rejal für die Firma, was ick so zu Hause rumliejen habe. Von ihren Klamotten hat se nur das Beste einjesteckt, der Rest hängt im Schrank. Nen Wintermantel hab ick ihr letztes Jahr jekoft, hat tausend Euro jekostet. Hat se nich mitjenommen. Seit meene Eltern tot sind, isse völlich abjedreht, hat nur so teuret Zeug jekoft. Die soll ja nich bei Klamottenaujust shoppen oder bei KIK. Aber Peek & Cloppenburch und die kleenen Boutiquen bei uns waren ihr nich mehr fein jenuch. Markenware is nich gleich Markenware hat se jesacht. Uffn Kuhdamm isse, koofte Unter den Lindenund in der Französischen Straße, hat nur noble Klamotten mitjebracht. Wo will die dit anziehen? Meene Freunde haben schon über Barby, wie sie se nannten, jelästert. Sie hatte keene Freunde, fand alle Leute doof und blöd. Da haben wir jestritten, klar. Und im Frühjahr hat se neue Terrassenmöbel jekoft, ohne Absprache, hat meene Hollywoodschaukel und den Strandkorb wegjeschmissen. Zehntausendzweihundert Euro haben die neuen Sachen jekostet.« flötete er. »Sofa mit Beleuchtung unterm Arsch, wo jibbet denn sowat für die Terrasse? Broch keen Mensch. Sitzen kann man da nich, nur liejen. Und wenn du dir ne Wurscht grillst, weste nich mehr, wo du se essen sollst! Is wie bei de Japanern, allet uffn Boden. Kriegste Rückenschmerzen. Klar hab ick jemeckert. Da muss och noch ne Essecke her für den Jarten, weil ick jenörgelt hab.«

Roter schmunzelte, wie sich Barradon in Rage redete und fragte: »Hat sie mal eine mögliche Scheidung erwähnt? Haben Sie Kinder?«

»Nee, nie. Ick bin ja von Montag bis Freitag unterwegs, manchmal schon Sonntachnachmittach weg. Sex jibt es seit Jahren nich mehr, bewahre. Sie muss Laune haben, die verbreite ick nich, ditte sacht se. Und darum musst ick im Büro auf der Chaiselongue schlafen, ick stör se, wenn ick bis nachts Fernsehn kike. Wat soll ick denn sonst machen? Wenn ick versuch mit ihr zu reden, jibt et nur Krach. Wo sollen da Kinder herkommen?« Den Mund von Hugo umspielte ein weicher Zug, seine Stimme wurde von Wort zu Wort sanfter. »Es jibt sone und solche, und dann jibt es noch janz andere, dit sind die Schlimmsten.«

»Warum haben Sie sich nicht getrennt, das sind doch unhaltbare Zustände!«, wollte der Anwalt wissen und strich über sein Kinn.

Hugos Gesicht nahm einen verschämten, leicht einfältigen Ausdruck an. Leise sagte er: »Jeliebt hab ick se und wie. Wie se damals vor mir stand, so zart und zerbrechlich. Sie konnte janz lieb sein, früher jedenfalls.«

Hugo war in Gedanken versunken und schwieg lange. Plötzlich hob er den Kopf. »Jrößenwahnsinnig isse jeworden, abjehoben! Im Sommer war sie uf Mallorca, allein, ick musste arbeten. Da war se öfter in nem Club, wo Boris Becker und Dieter Bohlen verkehren sollen. Een Typ hat se mit rinnjenommen, da war se stolz wie Lumpi, wa. Uf eenmal wollte se een Appartement auf Malle haben, ne Finca, wenn et jeet! Janz vornehm, wa. Im Winter wollt se nach St. Moritz zum Schieloofen! Icke uff Schier, ha! Bei den Fatzken. Nach Tirol fahren, hab ick jesacht, fünf Sterne soll se haben, ooch nen Schiekurs. Aber dit war ihr zu popelisch, nur St. Moritz oder Davos. Hab jemeint se spinnt. Als se dann nicht aufhörte dit Jeld rauszuschleudern, hab ick Sophie anjedroht, ihr die Kreditkarte wechzunehmen. Denn Madam hat uff mein Konto eenjekoft, nich von ihrem Sparkonto! Ick hab ihr klar jemacht, dat dit so nich jet. Man kann nich allet rauspulvern. Hab jesacht, popel nich so ville, lass noch wat drin für morjen.«

Rother saß zurückgelehnt in seinem Stuhl, die Arme über der Brust verschränkt. »Hat Ihre Frau gearbeitet?«

»Inne Firma mit funfzich Prozent Teilzeit, uffem Papier. Jemacht hat se nich ville. Montags meene Spesen verrechnet für die letzte Woche und Briefe - die Kostenvoranschläje und Rechnungen, die ick am Wochenende jeschrieben hab - zur Post jebracht. Dann hat se allet sortiert und abjeheftet fürn Steuerberater. Dit war een halber Tach.« Er suchte in seiner Tasche. »Hier, die Kündigung hat sie mir och hinjelegt, zum Quartalsende. Se nimmt Urlaub, den se in den letzten drei Jahren nich hatte. Ick lach mir kaputt. Die Olle hatte doch nur Urlaub!«

»Führen Sie Urlaubsscheine in Ihrer Firma?«, fragte Rother.

»Natürlich, nur nich für meene Frau!«, gab Hugo kleinlaut zur Antwort.

»Zahlen Sie ihr bitte bis Quartalsende. Sonst machen Sie eine Bauchlandung vorm Arbeitsgericht. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen, vielleicht will sie Unterhalt erstreiten. Sie könnte vom Zugewinn der Firma etwas haben wollen, wie sieht es damit aus?«

»Verdammt jut, leider«, meinte Hugo leise.

Rother kritzelte Dreicke und Quadrate auf seinen Notizzettel. Er schaute auf und schaute Hugo mitfühlend an: »Ihr Steuerberater hat Sie falsch beraten. Mein Tipp: Suchen Sie sich einen Neuen. Das Haus gehört ihr, wie es scheint, der Rest auch; da kann ich wohl nichts machen. Ich schaue mir das noch genau an. Wir können höchstens versuchen, über den Zugewinn etwas herauszuschlagen. Sie besitzt ja Vermögen und müsste Ihnen darum Zugewinn auszahlen.«

»Wissen se, da is noch wat.« Hugo wurde beim Reden immer kleiner auf seinem Sessel. »Es jibt nen Vertrach ja, nen Ehevertrach. Hat der Steuerberater empfohlen, wejen dem Finanzamt und der Bank, wenn ick pleite jehe. Dit is ihrs und ick komm da nich ran, Jütertrennung hest dit, glob ick. Dit mene Frau nich ran muss, sollte die Firma den Bach runterjehen.«

»Verstehe ich Sie richtig? Sie haben die Gütertrennung folgendermaßen formuliert: Ihrer Frau gehört Haus und Kapital und Ihnen die Firma.« Der Anwalt sog geräuschvoll Luft ein.

Hugo spielte nervös mit den Händen. »Na eben nich. Sie hat Haus und Jeld und wegen der Firma hamma nüscht vereinbart.«

Rother rutschte in seinem Stuhl tiefer und knallte die flache Hand vor die Stirn. »Mann! Wer hat Ihnen so einem Blödsinn geraten?«

»An Pleite hab ick ja jedacht, dit kann passieren. Aber an Scheidung denkt man doch nich, oder? Dann broch man ja erst jarnisch heiraten.« Hugo war sehr kleinlaut geworden.

»Die menschliche Fähigkeit, zu glauben, was man lieber nur träumen oder wünschen sollte, ist weitverbreitet, Herr Barradon.«

BAD HOMBURG

(Sophie Barradon: Es ist ein Irrtum, anzunehmen, Frauen machen sich schön, um die Männer zu erfreuen. In Wahrheit tun sie es bloß, um andere Frauen zu ärgern.)

»Mama, kannst du mir erklären, was hier los ist? Dein Mann dackelt auf dem Immobilienball hinter so einer Diva her, dass es fast peinlich ist. Hast du gesehen, wie sich die Leute lustig gemacht haben?« Amelie schien sichtlich wütend.

»Amelie, ich habe dir erklärt, dass Karl und ich uns getrennt haben. Aber wir werden uns nicht scheiden lassen. Er soll leben, wie er möchte. Ich hatte nicht den Eindruck, dass seine Begleitung blamabel war. Die Kerle haben sich den Hals ausgerenkt! Und das passte manchen Damen nicht. So ist es nun mal«, antwortete ihre Mutter durch das Telefon.

»Was will Karl mit so einer?«, fragte Amelie schrill.

Hollywood lässt grüßen!«

»Mach bitte keinen Aufstand! Karl hat mir alles erzählt: Er hat eine Frau kennengelernt, sich verliebt. Auch sie lebt in Trennung von ihrem Mann, einem Großunternehmer aus der Solarbranche.« Eine Pause entstand. »Na ja, einen Tag vorher hat er gebeichtet. Falte sie nicht gleich zusammen, bloß weil sie ganz ansehnlich ist. Immerhin ist sie in seinem Alter. Stell dir vor, er wäre mit einem Ding in deinem Jahrgang aufgetaucht. Da wäre er nicht der Erste.«

»Wie kannst du so cool damit umgehen. Dein Mann läuft mit einem Flittchen rum und du findest das legitim! Das ist doch erniedrigend! Besitzt du überhaupt keinen Stolz!« Die Enttäuschung war Amelie anzuhören.

»Würde es etwas ändern, wenn sie eine hässliche Tonne wäre?«

»Aber klar Mama. Das wäre dann, das wäre ...«, Amelie stockte, »na, eben nicht so erniedrigend!«

»Schon Friedrich Nietzsche sagte, die Menschen drängen nicht zum Licht, um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen. Es ist sein Leben, basta. Ich habe dir nicht reingeredet, als du mit diesem Affen zusammen warst. Wie hieß er noch gleich?«, fragte Alexandra schnippisch.

»Björn.«

»Genau. Björn. Ich hatte damals gehofft, dass dein Gehirn sich einschaltet, wenn der Hormonschub sich setzt.«

»Björn ist kalter Kaffee und kein Thema mehr, darüber will ich nicht mehr reden!«, platzte Amelie in die Worte ihrer Mutter.

»Dann sprechen wir jetzt auch nicht über Karl!« Alexandra vernahm den heftigen Atem auf der anderen Seite des Telefons. Sie konnte sich vorstellen, wie Amelie damit kämpfte, den Mund zu halten, und sah ihre Gesichtszüge vor sich.

»Mama, wir sehen uns heute Abend beim Essen zu Hause.«

»In Ordnung, aber das Thema wird nicht erneut aufgetischt!«

Amelie stöhnte: »Versprochen.«

Natürlich hatte der Auftritt von Sophie beim Immobilienball Alex einen Stich ins Herz versetzt. Aufgeblasen stolzierte die Lady durch die Gegend wie die Königin der Nacht. Den Kerlen waren fast die Augen herausgequollen, sie standen sabbernd um die Frau herum. Das ärgerte Alex. Und wie sie ihre roten Haare ständig mit der flachen Hand über die Schultern streifte, begleitet von diesem Sexihexiblick, mit dem sie allen Männern tief in die Pupillen blickte. Dazu dieses Kleid! Auf der einen Seite so hoch geschlitzt, dass man bald fast den Slip sehen konnte, ein teures Designerkleid.

Sie selbst musste bei der Anprobe neuerdings darauf achten, dass Stoffe ihren Bauchrollen schmeichelten und die Hüften umspielten. Sie mochte gar nicht daran denken. In den meisten Kleidern wirkte sie wie eine Boje aus dem Main. Darum hatte sie sich für dieses Schwarze entschieden, es machte schlank. Und die blöde Anne Gagg hatte nichts Besseres zu tun, als nachzufragen, ob sie jetzt Trauer trage wegen Karl. Die alte Schnepfe! Karl hatte recht: Jeder lebte sein Leben. Ihre Kommunikation war schon lange in die Eiszeit übergegangen, trotzdem gab es ihr einen Stich ins Herz, als er mit seinen Koffern das Haus verließ. Er war ein charmanter, gut aussehender Mann, hochgewachsen, ein Meter vierundneunzig groß und schlank. Eine Freundin meinte einmal, er erinnere sie an Harrison Ford. Oberflächlich stimmte dieser Vergleich, jedoch sah Karl besser aus. Ihr Karli, der Kavalier, jederzeit großzügig, ein Mensch, der überall beliebt war, einer mit dem man nicht streiten konnte. Mit seiner sprühenden Laune und seiner Höflichkeit machte er jeden Ärger zunichte. Nie gab es ein lautes Wort von ihm. Sie liebte ihn noch immer. Auf der anderen Seite war die Liebe verblüht. Wieso war zwischen ihnen nicht mehr genug Gefühl vorhanden? Darüber hatte sie nie nachgedacht. Im Laufe der Jahre war ihre Liebe abhandengekommen, hatte sich aufgelöst in Respekt und Freundschaft. Die Flamme war erloschen. Sie wünschte ihm alles Gute. Was war passiert? Seine jugendliche Beschwingtheit, seine Unruhe, sie waren ihm geblieben. Er konnte nicht zu Hause sitzen. Stets war er auf dem Sprung, als würde er irgendetwas verpassen im Leben. In jungen Jahren hatte genau das sie gereizt. Heute ging es ihr auf die Nerven.

Kaum hatte er die Fünfzig überschritten, kam ein neuer Spleen dazu, er musste sich etwas beweisen: Er sei kein alter Sack, von ihm sollten sich die Jünglinge eine Scheibe abschneiden, meinte er. Mit Laufen hatte es begonnen und es endete im Marathontraining. Karl war nicht allein. Einige Freunde im gleichen Alter hatten sich zusammengetan, man wollte an Marathonläufen teilnehmen: New York, Berlin, Boston. Später waren sie auf Triathlon umgeschwenkt und hatten für den Iron Man in Frankfurt trainiert. Mit dem Triathlon kam das Fahrrad ins Spiel. Ein Mountainbike von Karl stand im Büro auf Mallorca, in ihrer Garage parkte eine Galerie von Zweirädern. Diese Herrenriege rannte, schwamm und trat die Pedale. Mallorca, Österreich, Schweiz, sogar den Teide auf Teneriffa hatten sie erradelt. Schaut her, was ich noch alles kann, das war die Devise. Getarnt als Spaß, vorgeschoben die Gesundheit, so hechteten sie unsinnigen Zielen nach. Sicher kam demnächst die Himalaya-Besteigung dazu. Alex würde das nicht wundern. Sie fragte sich, was diese Männer sich beweisen mussten. War das die sogenannte Midlife-Crisis? War es genetisch bedingt? Fehlte ihnen das sich Messen und Krieg spielen? Zwei aus der Truppe waren ausgestiegen: Einer starb an einem Herzinfarkt, den Zweiten konnte man noch reanimieren. Einer der Herren hatte sich von seiner Frau getrennt und spazierte nun mit einem Mädel am Arm herum, jünger als die eigene Tochter. Männer zu verstehen gelang ihr in der Regel nicht.

Aber diese Sophie war der Hammer, klein zierlich, hübsch, sie löste Beschützerinstinkte in jedem Mann aus. Dazu ein Porzellangesicht und ein Kleid wie eine Schneekönigin. Sie war eindeutig die Attraktion des Abends gewesen.

Und sie war eine Zicke! Als Carsten eine Runde Margaritas ausgab, schlenderte das Luder auf ihn zu, prostete elegant in die Luft und fragte ihn, nach wem oder was der Drink benannt sei. Natürlich konnte sie selbst mal wieder den Mund nicht halten und platzte sofort heraus: Nach der Frau des Erfinders selbstverständlich. Grinsend wie ein Schimpanse belehrte die Rothaarige: selbstredend nach der Ex-Freundin. Später erkundigte sich die Giftnudel, Sophie, oder wie sie hieß, kennerisch beim Ober nach der Rebsorte des Weins, die dieser als Bourgogne bezeichnete. Und nochmals konnte sie ihre Zunge nicht zügeln, hielt ihr Glas hin mit der Bemerkung, ein Pinot sei ein feiner Tropfen. Chardonnay, entgegnete Sophie mit einem kühlen Blick, der sie von oben bis unten maß. Und dann setzte sie noch einen drauf, der alle Leute um sie herum in ihr Glas hüsteln lies: Sie fragte, ob es richtig sei, dass Alex von einem bekannten Weingut stamme.

Alexandra hatte sich vorgenommen, nicht missgünstig zu sein, falls Karl irgendwann mit einer Anderen auftauchte. Mit diesem Tempo hatte sie allerdings nicht gerechnet. Einem gewissen Eifersuchtsgefühl konnte sie sich nicht entwinden. Eifersucht stand für Neid, das war ihre Überzeugung.

Sie hatte vor einem Jahr fünfzehn Kilo abgenommen und war nun glücklich mit einem Gewicht, das in ihrer Jugend einem Albtraum entsprochen hätte. Warum zog sich ihr Magen zusammen und Hitzegefühle schossen in ihrem Kopf auf? Neidete sie Karl, dass er so schnell sein neues Glück gefunden hatte? Oder störte sie die Erscheinung von Sophie?

Besaß Sophie etwas, was sie selbst gern gehabt hätte? Sophie strahlte eine zarte Aura aus, eine naive Verletzlichkeit. Man traute ihr nicht zu, einen Trecker zu fahren, eine Kiste zu schleppen und auch nicht, sich durchzusetzen, eigenständig irgendetwas zu schaffen. War sie jetzt völlig töricht, sich solchen Vorurteilen hinzugeben? Sophie war der Typ Frau, dem man die Tür aufhielt, die Einkaufstasche trug, den Weg freimachte, damit sie nicht in der Menge zerdrückt wurde. Sophie, das klang wie ein Lied. Alexandra, ein kräftiger Name, ein großes Mädchen, eine starke Frau, eine die alles allein durchstehen konnte, die im Geschäftsleben ihren Mann stand. Nie hatte ihr jemand die Tür geöffnet, die Tasche getragen. Und gestern hatten sich sämtliche Männer darum gerissen, Sophie das Portal aufzuhalten, ihr in den Mantel zu helfen. Karl schleppte ihr das kleine Päckchen mit dem Wecker hinterher, den sie bei der Tombola gewonnen hatte. War es das, was er gesucht hatte? Seine Urinstinkte auszuleben, ein Weibchen zu beschützen? Als Kämpfer Siege zu erringen, beim Laufen und Radeln. Alex erschrak über ihre Gedanken. Sie musste gerecht bleiben und sich nicht von ihren Gefühlen treiben lassen.

Mit einer gewissen Wehmut dachte sie an Karl und seine komischen Eigenheiten. Nach dem Sport steckte er immer die Nase in seine Sportschuhe und sie hatte den Eindruck, als würde er seinen Käsefuß genießen. Hatte er gute Laune, machte er auf großen Bodenplatten gern den Schach-Pferdesprung. Das sah zwar ein wenig albern aus, aber sie fand es lustig, besonders, sobald sich alle Leute umdrehten. Setzte ihn eine attraktive Frau beim Geschäftstermin unter Druck, wurde er nervös. Sie erkannte es daran, dass er sich an der Nase rieb. Sie nannte das sein Wicky-Syndrom.

Das Kapitel war abgeschlossen. Auch sie wollte nicht mehr zurück. Entschlossen knallte sie die Akte mit dem Exposé vor sich zu und legte sie in das Ablagekörbchen.

FRANKFURT

(Sophie Barradon: Montag ist gar nicht so schlimm, wenn man ein Paar neue Schuhe kauft!)

Sechs Mal hatte Sophie bereits bei Karl angerufen, der sich immer noch in einer Sitzung befand. Jeden Tag verlangte sie mehrmals nach Liebesbeweisen, ganz gleich, ob er sich in Kundengespräch befand oder mit dem Auto unterwegs war.

In der Mittagspause lud er die BroApp herunter. Er tippte die Telefonnummer von Sophie ein, ihren Namen und wählte fünfzig verschiedene Nachrichten aus, die er mit einem Haken versah. Damit hatte die Software verstanden, wie seine SMS aussehen sollten. Er stellte ein: Senden Montag bis Freitag, alle zwei Stunden bis achtzehn Uhr. Und schon ging die erste Message hinaus: »Schatz! Ich mache gerade Pause und muss so sehr an dich denken! Ich wünsche dir einen tollen Tag!« Er grinste. Die folgende SMS würde lauten: «Wo bist du bloß? Küsschen, Küsschen, Küsschen ...« Die BroApp würde registrieren, sobald er mit Sophie telefonierte oder selbst eine SMS geschrieben hatte. In diesem Fall wartete der Bro etwas ab, bis eine »Ich vermisse dich!« - SMS wieder Sinn ergab. Außerdem erkannte die Software, wenn sein Mobil und das von Sophie sich im gleichen Netzwerk befanden. In dieser Zeit stoppte sie ihren Dienst. Es gab tolle Erfindungen für Männer.

Sophie kam von ihrem ausgiebigen Einkaufsbummel zurück. Der Winter würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Sie packte ihre Tüten aus. Fünf Kaschmirpullover, drei Kaschmirjacken, Seidenunterwäsche, Designer-Jeans, passende Weste. Die Cordröhre von Citizens of Humanity zog sie sofort an. Oder sollte sie lieber Leggins tragen? Sie wühlte in der Joop-Tüte: das blaue Etuikleid, die zwei Halstücher. Richtig, sie hatte in dem Laden zwei Taschen erhalten. In der anderen waren der Nadelstreifenblaser und die Bluse und auch die graue Lammfellweste, glockig geschnitten, mit gekämmtem Langhaar. Einen Mantel hatte sie noch nicht gefunden, alles nur Tand in einer Qualität, die nicht ihre war. Sie räumte die Sachen in den Schrank, ebenso die neuen Schuhe und die Handtasche.

Gelangweilt griff Sophie zum Telefon, verabredete Friseurbesuche - jeden Dienstag und Freitag. Darauf folgten Kosmetikstudio, Nagelstudio, Fußpflege und Massage. Vor der Eingangstür hörte sie Stimmen. Karl kam mit Amelie herein, sie hatten Kuchen mitgebracht.

»Ihr beide kennt euch bereits. Ich dachte, wir könnten ein bisschen klönen, damit ihr miteinander warm werdet.« Karl verschwand hinter der Küchenzeile und hantierte an der Kaffeemaschine, während Amelie das Papier des Kuchenpakets abstreifte. Sie stellte den Kuchen auf den Esstisch.

»Kind, mach doch bitte die Pappe ab, das sieht ja scheußlich aus!«, sagte Sophie mit kritischem Blick auf den Kuchen.

»Findest du? Das Papier hat sogar Spitze dran«, gab Amelie mürrisch zurück und bugsierte die Tortenstücke mürrisch auf einen Kuchenteller, wobei eines umfiel.

»Das nehme ich«, rief Karl. »Meine Schwiegermutter ist schon tot.« Niemand lachte. »Wir haben Sahnejoghurt mit Erdbeere, Nusstorte und Schwarzwälder Kirsch. Was möchtest du Sophie?«

»Karl, wärest du so lieb, Champagner zu öffnen?«, bat Sophie. Zu Amelie gewandt, mit einem scharfen Blick auf ihre Hüften, meinte sie: »Ich esse niemals Kuchen. Schau mich an! Das würde ich dir auch empfehlen.«

Im Inneren von Amelie brodelte es, sie wollte eine freche Antwort geben, riss sich aber zusammen. Zumindest für dreißig Sekunden. Dann schaute sie ostentativ an Sophie herunter. »Ich weiß, genau wie Schneewittchen, kein Arsch und kein Tittchen.«

Karl hielt die Luft an, atmete tief durch und entkorkte die Flasche. »So meine Damen, ein Prickelchen am Nachmittag.«

Amelie wollte sich auf einen der Sessel setzen, doch Sophie sprang auf und rief: »Moment, erst ein Handtuch. Du ruinierst mir mit der Jeans den weißen Seidenbezug!«

Amelie sah Karl Hilfe suchend an, der zuckte mit gesenktem Kopf die Schultern. Nachdem die Torte verspeist war, meinte Karl, man könne sich bequemerweise auf dem Sofa niederlassen. Sophie war entsetzt und wies auf die Terrasse. Jeans würden den Rohseidenbezug nicht nur beschmutzen, sondern auch abreiben. Draußen war es ungemütlich, der Wind pfiff vom Hafen her.

»Du solltest wirklich mehr auf deine Figur achten!«, tadelte Sophie Amelie mit einem Blick auf deren Unterleib.

»Echte Männer lieben Kurven, nur Hunde mögen Knochen!«, antwortete Amelie spitz. Sie verabschiedete sich schnell, da sie noch lernen müsse, drückte Karl, gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Danke für die tolle Winterjacke!«

Karl begleitete Amelie zur Tür und Sophie folgte ihm mit einem gewissen Abstand. Nachdem die Wohnungstür geschlossen war, drehte er sich um und blickte in ein zorniges Gesicht. »Diesem frechen Luder hast du eine Jacke gekauft?«

»Sophie«, flehte Karl, »für Sie ist es schwer, die Trennung nimmt sie mit.«

»Sie ist erwachsen und sie ist nicht deine Tochter«, gab sie beleidigt als Antwort.

»Ist sie doch. Alex war damals im sechsten Monat, als ihr Mann bei einem Autounfall starb. Trotz Kind hat sie die Firma weitergeführt und dem Vater auf dem Weingut geholfen, ihr Bruder war zu dieser Zeit sechzehn. Ich habe Alex kennengelernt, als Amelie zwei Monate alt war. Und damit ist sie meine Tochter«, Karls Tonfall war ärgerlich geworden, er rieb sich an der Nase.

»Sie ist nicht von deinem Blut, du hast ihr gegenüber keine Verpflichtung. Und sie war sehr ausfallend!«

Traurig blickend nahm Karl Sophie in den Arm, hob ihr Kinn zu sich hoch. Seine Stimme wirkte müde. »Es wird schon werden, lass ihr Zeit.«