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Ein Roman über die große Liebe, über den Verlust, wenn der Partner sich plötzlich und unerwartet abwendet und die daraus resultierenden Selbstzweifel und die Einsamkeit. Nicht mehr vertrauen können ist eines der größten Probleme, die ein Mensch erfahren kann, es muss nicht immer durch körperliche Gewalt passieren, auch psychische und emotionale Gewalt hat eine zerstörerische Kraft. -Ein Lebensroman-
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Nicole Le
Zerpflücktes Herz - Ein Lebensroman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1:
Kapitel 2:
Kapitel 3:
Kapitel 4:
Kapitel 5:
Kapitel 6:
Kapitel 7:
Kapitel 8:
Kapitel 9:
Kapitel 10:
Kapitel 11:
Kapitel 12
Kapitel 13:
Kapitel 14:
Kapitel 15:
Kapitel 16:
Kapitel 17:
Kapitel 18:
Impressum neobooks
Fabiana war eine 31-jährige, schlanke Frau mit braunen, gelockten langen Haaren. Sie befand sich im ersten Stock ihres Einfamilienhauses und bemalte mit ihrem 3-jährigen Sohn die Fenster im Kinderzimmer, als sie sah, wie ein Mann in weißer Hose versuchte, einen entlaufenen Hasen auf dem Nachbargrundstück wieder einzufangen. Es schien ihn nicht weiter zu interessieren, dass er die Hose mit seinen waghalsigen Sprüngen über den Rasen ruinierte. Er warf sich in den Dreck, schlitterte über die Wiese, so dass die Hose voller Matsch- und Grasflecken war. Sie musste lachen und fand seine Art sich zu bewegen, vermischt mit dem starken Willen, den Hasen unbedingt fangen zu wollen faszinierend. Sie bemerkte dabei nicht einmal, dass ihr Sohn in der Zwischenzeit das Hochbett mit Fingerfarbe beschmierte, im Gegenteil, sie registrierte eher überrascht, dass dieser fremde Mann, sie körperlich anzog.
Ab diesem Tag stand sie öfters am Spätnachmittag am Fenster und beobachtete, wie er emsig und mit einem Bauhelm auf dem Kopf an dem Haus werkelte. Eine andere Nachbarin hatte ihr erzählt, dass er der Besitzer des Neubaus sei, ein Japaner und das er mit seiner Frau zwei kleine Kinder hätte. Sie fragte sich, was er wohl beruflich machte, wahrscheinlich war er Architekt. Er schien das Haus fast ganz alleine zu bauen und er machte einen sehr kreativen Eindruck dabei. Die zwei Kinder waren auch fast ständig bei ihm, seine Frau hingegen, sah man fast nie. Mit unendlicher Geduld stapelte er mit seinen Jungs Kaminholz auf, wobei der eine Junge die dünneren Hölzer lieber als Schwert benutzte und oft die mühsam aufeinander gelegten Scheite aus Versehen wieder umwarf.
Wochen später lernte Fabiana eines Tages durch Zufall die Frau des Nachbarn kennen, eine hübsche, dunkelhaarige Frau, die nach einer stundenweisen Betreuung für ihren jüngsten Sohn suchte. Da Fabianas Kinder im gleichen Alter waren, machte sie den Vorschlag, die Jungs gegenseitig zu betreuen. Fabiana ging halbtags arbeiten, es würde daher eine enorme Erleichterung darstellen. Sie musste ihren kleinen Sohn nicht immer mit ins Büro nehmen, wo er sich stundenlang langweilte, oder sie sich den Finger nach einem Babysitter wundwählen. Es schien perfekt, die Kinder verstanden sich auf Anhieb.
Doch die gegenseitige Betreuung der Kinder wurde rasch sehr einseitig, zu Lasten von Fabiana. Jutta litt an manischen Depressionen. Sie war ständig in Behandlung und stand unter Tabletteneinfluss. Sie war einfach nicht in der Lage, sich um ihre Kinder so zu kümmern, wie sie es wahrscheinlich gerne getan hätte.
Fabiana hingegen saß in einem goldenen Käfig. Sie hatten ein wunderschönes Haus, zwei gesunde und hübsche Söhne, aber nichts für die Seele oder ihren Geist. Sie hatte ihre Jugendliebe geheiratet, was sich schnell als Fehler herausstellte. Sie waren schon als Teenager zusammen gewesen, hatten sich dann aber nach dem Tod seines Vaters getrennt. Nach zwei Jahren Getrenntsein, hatte Fabiana einen Job in Süditalien ergattert. Der Umzug dorthin stand kurz bevor, als er ihr einen wunderschönen Liebesbrief schrieb. Ihre Familie stand sowieso Kopf wegen dem bevorstehenden Umzug, so ließ sie sich umstimmen und heiratete stattdessen ihre Jugendliebe.
Carsten war ein einfacher Mann, der sein Geld von den Großeltern und Eltern geerbt hatte. Dass im Liebesbrief versprochene wirkliche Interesse an ihrer Person, war gelogen. Der Brief stammte gar nicht von ihm selbst, sondern eine Freundin hatte den Brief für ihn verfasst. Warum sie ihn geheiratet hatte, wusste sie bereits nach kurzer Zeit nicht mehr. Sie hatten sich nichts zu sagen, nichts zu teilen, außer dem Bett. Er begehrte sie, nahm sie wie ein Stück Fleisch, roh und nicht besonders feinfühlig jede Nacht, nachdem er sich Pornos im Internet angesehen hatte. Sie ließ es über sich ergehen und weinte sich in den Schlaf. Sie fühlte sich so einsam, elend und vom wahren Leben abgeschnitten. Und sie sehnte sich nach einem Menschen, dem sie wirklich nah sein konnte, der sie liebte, der zärtlich mit ihr umging und sie respektierte. Sie wünschte sich, dass Carsten an ihrer Meinung gelegen war und dass er sich für ihre Gedanken interessierte.
Die negativen Gefühle und die innere Abwehr gegen ihren Mann, lösten die Endometriose wieder aus, welche sie gleich nach der Hochzeit bekommen hatte. Ihre beiden Kinder waren Wunschkinder und sie hatten lange vergeblich versucht, dass sie schwanger wurde. Nur nach einer Hormonbehandlung und unzähligen Aufenthalten im Krankenhaus, wurde sie schwanger. Doch die Endometriose war auch durch die Schwangerschaften nicht ausgeheilt, wie die Ärzte versprochen hatten. Sie blutete seit der Geburt ihres jüngsten Sohnes jeden Tag, hatte Unterleibs-und Rückenschmerzen und fast jeden Tag mit migräneartigen Kopfschmerzen zu tun. Es bildeten sich immer wieder Zysten, die sie manchmal vor Schmerzen weinen ließen. Sie war am Ende ihrer Kraft und diese untergründige Traurigkeit zehrte sie aus.
Als sie Jutta das nächste Mal sah, erzählte sie ihr davon und diese machte den Vorschlag, dass ihr Mann sie mit Akupunktur behandeln könne. So erfuhr sie, dass er gar kein Architekt, sondern Arzt war und es erklärte auch, warum er ständig weiße Hosen trug. Sie hatte noch nie Akkupunktur bekommen, aber bereits einen Haufen Geld bei Heilpraktikern und Quacksalbern gelassen. Sie war gespannt, ob es helfen würde.
Sie verabredeten einen Termin und einen Freundschaftspreis.
An ihrem Akupunkturtermin sah sie den Mann in weißen Hosen zum ersten Mal aus der Nähe und es war ein komisches Gefühl, mit ihm alleine in einem Raum zu sein. Er stellte sich als Saburo vor. Er war Japaner, kleiner als sie und er erklärte die Bedeutung seines Namens mit ‚dritter Sohn‘, was bedeutete, dass er noch ältere Brüder hatte.
Sie war nicht darauf gefasst, dass er ihr eine Stunde lang sehr private Fragen zu allem Möglichen stellen würde. Sehr ernsthaft schrieb er alles auf, dabei saß er auf einem sehr eindrucksvollen Holzstuhl, die Beine übereinandergeschlagen. Was ihr auffiel waren seine dunklen fast buschigen Augenbrauen, die so gar nicht zu den schmalen Augen eines Asiaten passten und die unglaublich kräftigen Hände. Auch sein Deutsch war akzentfrei und er drückte sich sehr gewählt aus. Er stach als erstes die Punkte gegen die Kopfschmerzen, sie wurde fast ohnmächtig. Es wurde ihr schwarz vor Augen und sie war kurz davor vom Stuhl zu kippen, als er schnell die Nadeln wieder herauszog. Er meinte, sie wäre sehr empfänglich für diese Behandlungsmethode und der Körper würde unmittelbar darauf reagieren. Er riet ihr mindestens zwei Mal wöchentlich zur Behandlung zu kommen, damit die Energie wieder richtig zirkulieren könne und die Stagnation im Körper aufgehoben würde. Außerdem wollte er ihr ein paar japanische Atemübungen zeigen, damit sie gelassener wurde und verschrieb ihr einen Kräutertee.
Sie war einverstanden und fühlte sich nach der Behandlung müde und Bett reif.
Ihrem Mann erzählte sie nicht viel davon, er würde es sowieso nicht verstehen. Carsten hielt nichts von alternativer Medizin und für ihn war das alles nur für Hokuspokus. Er war nur bereit Geld dafür locker zu machen, weil der werte Herr Nachbar auch eine schulmedizinische Ausbildung hatte und Chirurg im örtlichen Krankenhaus war.
Jutta erzählte Fabiana immer öfter von ihrer unglücklichen Ehe. Dass sie Saburo nicht lieben würde, obwohl sie zwei gemeinsame Kinder hätten, sie erzählte von außerehelichen Beziehungen und dass sie sich irgendwie arrangiert hätten. Fabiana fing auch irgendwann an sich zu öffnen und erzählte von ihrer Einsamkeit und dem rohen Ehemann, den sie immer weniger ertragen konnte. Das sie sich bereits räumlich getrennt hätten und sie im Keller schlafen würde.
Kurz darauf planten die beiden Frauen einen einwöchigen gemeinsamen Familienurlaub im Taunus.
Das Haus lag abgeschieden an einem Hang, umgeben von Wald und Feldern. Jutta war zufrieden, wenn sie einfach auf der Decke im Garten liegen konnte. Fabiana hingegen war auf Bewegung aus. Fußballspielen mit den Kindern, Feuer machen im Garten, Fangen und Verstecken spielen, morgens joggen, noch bevor alle anderen wach waren…. Sie genoss die neue Umgebung, den Input mit anderen Menschen.
Während eines Fußballspiels faulte sie den älteren Sohn von Saburo und Jutta einmal, so dass er hinfiel. Doch Fabiana war so in Fahrt, dass sie weiterspielte und ein Tor schoss, vorbei an Saburo, der als Torhüter in den Dreck fiel. Er lachte und sah ihr das erste Mal tief in die Augen. Da sah sie es, das Erstaunen und Erkennen und ein Kribbeln erfasste ihren ganzen Körper, als sie merkte, wie seine Augen langsam ernster und fast tiefschwarz wurden und er sie einen Augenblick zu lange damit festhielt. Das Spiel wurde danach abgebrochen und alle gingen ins Haus.
Als sie aus der Dusche kam, stand er plötzlich vor ihr. Er wollte in die Küche, denn er war dort mit der Vorbereitung für das Abendessen beschäftigt. Sie hatte nur ein Handtuch umgewickelt, die nassen Haare tropften auf ihre Schulter. Wieder wurden seine Augen ernst und tiefschwarz, sein Blick schien sie verbrennen zu wollen. Sie flüchtete aus der Situation und rannte schnell und frierend ins eigene Zimmer, obwohl sie innerlich lichterloh brannte. Diese Gefühle waren ihr fremd und machten sie ganz durcheinander. Am nächsten Morgen war die Heimreise geplant. Sie fuhren hinter dem Wagen von Saburo und Jutta her und manchmal, an einer Ampel, sah sie seinen Blick im Rückspiegel, er fixierte sie. Sie wurde unruhig und zittrig.
Die folgenden Akupunktursitzungen waren Begegnungen von sehr intensiver Art. Die Blicke zunächst interessiert, doch bald schon liebevoll. Ein sanftes Kennenlernen, bei welchem sie schnell aufhörten, sich zu verstecken, zu verstellen, eine Maske zu tragen. Seine anfängliche Wortkargheit wich einem angeregten Gespräch.
Sie tauschten Gedanken und Gefühle aus und fühlten sich miteinander so wohl und innig, dass die kurzen Treffen während der Behandlung zu wenig wurden. Die Gedanken waren sowieso jeweils beim Anderen und sie suchten Beide nach Möglichkeiten und Gelegenheiten, sich außer der Reihe zu treffen. Diese Treffen waren immer wunderschön und schürten der Sehnsucht mit ungewollter Kraft ein, doch sie schliefen nicht miteinander. Zu zart war das Band zwischen ihnen.
Der Sommer stand in seiner farbenfrohen Blüte. Fabiana hatte bereits vor einem Jahr eine Reise mit ihrer Freundin Marie und ihren Kindern in die Toskana geplant. Der Abstand zu Allem kam ihr wie gerufen. Sie war durcheinander und konnte die Nähe ihres Mannes Carsten nicht mehr ertragen. Die Nähe zu Saburo auch nicht. Sie wollte ihn, sie begehrte ihn, doch es war nicht richtig und sie wehrte sich dagegen. Sie waren beide verheiratet, sie hatten die Verantwortung für insgesamt vier Kinder. Fabiana musste erst ihr eigenes Leben sortieren und herausfinden, was ihr fehlte und was sie wollte.
Die Reise in die Toskana war eine Reise in ihr eigenes ICH. In die Tiefen der eigenen Bedürfnisse, der eigenen Vorstellung vom Leben. Sie hatten viel Spaß. Abends, wenn die Kinder schliefen, tranken sie Rotwein und Grappa auf der Terrasse. Es kamen viele Gedanken, die einfach ungefiltert ausgesprochen wurden, es wurde viel gelacht, gelästert, was auch nicht recht ist, aber es befreite ungemein. Fabiana fühlte, wie sie stärker und unabhängiger wurde. Sie wollte nicht mehr zurück in das Leben, das sie führte. Sie musste leben, wirklich leben. Sie musste sich selber fühlen. Wenn sie morgens los joggte, bevor die Anderen wach wurden, da fühlte sie sich lebendig, wenn das Blut in den Ohren rauschte, der Puls schnell ging. Sie roch den Rosmarin, sah die gelben Sonnenblumenfelder und wollte nie wieder etwas anders sehen und fühlen. Sie wollte mit ihren Kindern ein fröhliches, lebendiges und aufregendes Leben führen. Zum Abschluss machte sie noch Chi Gong. Die „acht Brokatübungen“ hatte Saburo ihr gezeigt, damit ihr Atem und damit ihre Energie besser fließen konnten. Die Blutungen hatten schlagartig nach einer Woche aufgehört. Sie fühlte sich energiegeladen, wie noch nie zuvor.
Am Strand baute sie Sandburgen mit den Kindern, hüpfte mit ihnen durch die Wellen und verbrachte den Rest des Tages damit ihnen Schwimmen im Pool beizubringen. Sie wurde nicht müde, die vier Kinder durch das Wasser zu tragen und mit ihnen zu toben.
Ihre Freundin Marie las ein Buch nach dem anderen und räkelte sich den ganzen Tag auf der Liege. Allerdings kochte sie gerne, was Fabiana sehr genoss, da sie selber nicht so gerne kochte. Eines Abends sagte Marie: „Du bist die Wichsvorlage für alle Männer am Pool, die glotzen Dich den ganzen Tag sabbernd an. Du hast so eine intensive Ausstrahlung im Moment. Du scheinst zu glühen.“
Ihr war das gar nicht aufgefallen. Am nächsten Tag beschlossen sie wieder ans Meer zu fahren. Dort kam auf einmal ein sonnengebräunter Kerl mit einer unglaublich männlichen Ausstrahlung und legte sich nur wenige Meter neben sie. Dass die Kinder laut schnatterten und spielten, schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Er zog sich aus und zwar ganz. Die Kinder verzogen sich an ein Wasserloch in Sichtnähe. Marie und Fabiana riskierten mehrere Blicke in Richtung des nackten Adonis und kicherten albern, wie junge Mädchen. Er cremte sich ein, ihnen stockte der Atem, was für ein anbetungswürdiger Körper. Bevor ihnen der Speichel aus dem Mund ran, wie sonst den Männern am Pool, fingen sie an lauthals zu lachen. Und dann überlegten sie wie Teenager, was sie als nächstes anstellen sollen. Als Retourkutsche für seine Vorstellung cremten sie sich gegenseitig ein, sehr langsam, sehr genüsslich. Das hatte anscheinend Wirkung, denn der Adonis drehte sich auf den Bauch, doch er guckte ganz ungeniert, was sie so trieben.
Das war erregend für alle. Marie war immer schon alleinerziehend gewesen und nun überlegte sie, wie sie den Kerl ansprechen könnte, damit man mehr über ihn herausfand. Doch er stand plötzlich auf und marschierte mit seiner gewaltigen Männlichkeit an ihnen vorbei, und stürzte sich mit kräftigen Butterfly Armschlägen ins türkisfarbene Meer. Nachdem er sich genügend abgekühlt hatte, kam er mit geschmeidigen Bewegungen aus dem Wasser, sein Körper glänzte und er sah himmlisch lecker aus. Sie lachten wieder albern und Marie meinte, sie würden ihn mit nach Hause nehmen und ihn sich dann teilen. Er sah kräftig aus, so als ob er es die ganze Nacht mit zwei Frauen aufnehmen konnte.
Plötzliches Geschrei und Geheule vom Wasserloch ließen sie aufschrecken. Sie mussten nachsehen, was geschehen war. Als sie zurückkamen, bemerkten sie, dass der Adonis sich gerade anzog. Er lächelte in ihre Richtung und verschwand dann unglaublich sexy aussehend zwischen den Dünen.
An diesem Abend tranken sie besonders viel Grappa und Fabiana beschloss sich von ihrem Mann zu trennen, sobald sie zurück in Deutschland waren. Ausschlaggebend war nicht der Typ in den Dünen, oder Saburo, sondern das Gefühl der Lebendigkeit. Sie wollte nicht unbedingt einen Mann an ihrer Seite oder es wild treiben, sie wollte frei sein. Nicht mehr dieses langweilige, abgestumpfte Leben führen, in welchem sie sich so gefangen und tot fühlte. Sie verlängerten ihren Urlaub um weitere zwei Wochen und ihr Entschluss festigte sich.
Sie schlief ja schon länger im Keller. Einem dunklen Raum mit kleinem Lichtschacht, in welchem ein paar Fitnessgeräte und ihr altes Bett standen. Angrenzend gab es eine Sauna und ein kleines Bad. Es war nicht besonders gemütlich, doch es gab ihr Schutz und sie fühlte sich dort wohler als auf dem Sofa im Wohnzimmer. Hier konnte sie die Tür verschließen. Ihr nun fast vierjähriger Sohn war verstört darüber, er wollte nicht das seine Mama im Keller schlief. Traurig kam er zu ihr und bot ihr sein eigenes Bett zum Schlafen an.
Doch sie blieb dabei, auch wenn im Keller der Handyempfang sehr eingeschränkt war. Nur an einer Stelle in dem Raum hatte sie Empfang. Als ihr Handy anfing regelmäßig abends zu vibrieren, da begann sie es zu genießen, mit Saburo die halbe Nacht SMS zu schreiben. Sie redeten über alles Mögliche. Und sie hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, dass ihr ein Mensch so nahe war, dass sie nichts verbergen konnte oder musste. Sie war einfach sie selbst und sie genoss diesen Zustand sehr.
Sie besprach die Trennung mit ihrem Mann, der konnte und wollte ihre Entscheidung nicht akzeptieren. Wie denn auch, er hatte sie noch nie verstanden. Sie waren einfach zu verschieden. Er hatte sie nie wahrgenommen, er dachte wohl, wenn er ihr ein schönes Haus baute, würde sie immer bei ihm bleiben. Doch das ging nicht mehr. Sie wollte alleine sein, auch, wenn sie in Saburo einen Seelenverwandten gefunden hatte. Jemand, der sie auch ohne viel Worte verstand. Ein Mann, der einfach nur ihre Hand halten konnte und das war alles für sie. Nur diese kleine Geste, bedeutete die Welt für sie, das Tor zu einer blumenreichen, farbenfrohen und aufregenden Welt. Ihre Gespräche waren sehr spirituell, sie sprachen über Zen-Buddhismus, über das Leiden, über das Anhaften an Dinge, Menschen, Begebenheiten, ein Leben nach dem Tod, sie sprachen über ihre Seelenverletzungen. Über Wünsche, Visionen, Zukunft.
Ein Jahr später zog sie aus dem mit Carsten gebauten Haus aus und fühlte sich lebendiger denn je. Ob sie jemals ein Leben mit Saburo führen würde wusste sie nicht, aber die Blutungen, die sofort nach ihrer Rückkehr aus Italien wiedereingesetzt hatten und sie ermüdeten, hörten schlagartig nach ihrem Auszug wieder auf. Sie traf sich mit Freunden, sie kochten gemeinsam, tranken billigen Rotwein und die Lebensfreude und ein unglaublicher Lebenswille kamen zurück. Sie arbeitete zwar noch weiterhin bei ihrem Mann im Laden, aber irgendwann würde sie auch hier den Absprung noch schaffen. Ihre Kinder hatten die Trennung gut überwunden. Es kam mehr Ruhe und Ausgeglichenheit in ihr Leben. Während sie früher immer leise sein mussten, weil ihr Vater ständig telefonierte, auch während dem Essen, fanden jetzt ausgelassene Gespräche bei Tisch statt.
Als sie eines Abends mit Freunden am Tisch saß, klingelte es an der Tür. Ein ziemlich aufgelöster Saburo stand vor ihrer Tür. Er war eifersüchtig, er wollte nicht, dass sie sich mit anderen, zum Teil auch männlichen Freunden traf. Er machte sich Gedanken und wollte sie für sich gewinnen. Sie war etwas verkrampft, weil sie ja gerade erst aus dem goldenen Käfig entflohen war und sie wollte sicher nicht in den nächsten gesperrt werden. Doch das eifersüchtige Werben Saburos berührte sie im Innern und sie begannen sich häufiger zu treffen.
Irgendwann konnten sie das Verlangen nicht mehr aushalten, die Körper schrien nach Vereinigung. Ihre Haut brannte vor Sehnsucht, seine Hände und seine Nacktheit auf sich zu spüren. Sie trafen sich immer häufiger und suchten nach Möglichkeiten, diese unbändige Lust zu stillen. So beschloss sie, ihn auf der Arbeit zu besuchen. In den langen Nachtschichten, die er nun zu gerne übernahm, wenn Fabianas Kinder bei Carsten waren.
Sie fuhr mit klopfendem Herzen durch die Nacht. Das Schneetreiben im Licht der Scheinwerfer machte die Straße zu einer grenzenlosen weißen Welt. Dann war sie endlich da. Glücklich, aufgeregt und zugleich unsicher. Jetzt fühlte sie den Abgrund fast körperlich, auf den sie wie in Trance zusteuerte. Ein Weg durch Welten, hinüber zu einem neuen Kontinent, welchen sie empfand, als sei sie zu Hause angekommen.
Der Pförtner lächelte ihr freundlich zu, während sie möglichst unauffällig, die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, an ihm vorüber ging.
Hoffentlich ist die Eingangshalle leer, kein bekanntes Gesicht. Warum braucht der Aufzug nur so lange?
Ihr Herz raste.
Oben angekommen lag der Flur in hellem Neonlicht, menschenleer.
Sie steuerte schnell auf die Tür zu. Die Tür mit dem Heftpflaster als Erkennungszeichen. Niemand hatte sie bemerkt. Schnell schloss sie die Tür hinter sich. Sie fröstelte und kam langsam zur Ruhe in dem kalten, sterilen und so ungemütlichen Zimmer, welches später für so viele Male zu ihrem Liebesnest werden sollte. Ein Ort, an dem sie sich entdeckten, eine völlig neue Welt, von der sie bisher nur eine sehnsüchtige Ahnung hatten.
Sie hörte Schritte und Stimmen auf dem Flur, aber er war es nicht, noch nicht.
Sie hatte eine Welt verlassen, die eng, gleichförmig, zum Teil gewalttätig war und viele Bereiche in ihrer Seele nicht berührt hatte. So langweilig und unspektakulär, dass ihr Herz aufgehört hatte zu lächeln und ihre Seele jahrelang nicht weinen konnte. Der Rahmen, in welchem sie bisher lebte war ein Käfig, sie konnte ihre Flügel nicht aufspannen und durch die Lüfte fliegen. Doch der Geist war ruhelos, wild, ungebändigt und frei. Er ging auf Reisen, fühlte die Weite des Universums, die Einsamkeit. Und diese Welt hatte sie nun verlassen, sich mutig auf den Weg gemacht.
Der Weg ist steinig und kostet viel Kraft. Dinge tauchen plötzlich auf, Menschen, Emotionen, die sie nicht beeinflussen konnte. Das Boot war schwer zu steuern, wenn es so stürmte. Sie hat sich klein und unbedeutend gefühlt. Sich nach der Höhle gesehnt, in der es so warm und sicher ist. Jetzt kann sie wieder weinen und ihre Tränen schmecken unendlich salzig nach all den Jahren. Allein schon der Anblick eines Schmetterlings auf einer Blume lässt ihr Herz vor Freude hüpfen. Die Farbenpracht blendet und verwirrt sie zunächst. Ihr wird die Vielfalt und der ganze Reichtum des Lebens bewusst. Sie lebt und kann es fühlen.
Da hört sie seine Schritte auf dem Flur. Dann, als er endlich vor ihr steht, mit glücklichen, glühenden schwarzen Augen, ihre Hände in seine nimmt, da ist sie bereit ihm zu folgen, wohin sie der Weg auch immer führen wird.
Es gibt es doch, das unbeschreibliche Gefühl von Glück, Nähe, völliger Hingabe und Liebe. Ja, sie folgt ihm. Ist bereit einen Weg einzuschlagen, der sie hinführt zu dem Kontinent, der Liebe, Vertrauen und innere Freiheit bedeutet.
Er ist hartnäckig. Hält sie fest mit seinem schwarzen Blick. Seine Hände auf ihr, heilen Wunden in ihrer Seele. Ihr Körper erzittert, drängt sich an ihn, in erwartungsvoller Erregung. Seine Küsse schmecken süß. Sie ist süchtig. Dann verlässt sie ihre irdische Form, gibt sich hin mit jeder Faser. Ihr Herz, ihre Seele, ihr Geist weit offen für diese Erfahrung. Seine Hände auf ihrer Haut. Nie mehr möchte sie etwas Anderes. Sein Blick dringt tief in sie ein, sieht ihr Innerstes nackt und ungeschützt. Sie kann ihn auch sehen. Überrascht, überwältigt und genauso hingebungsvoll wie sie. Sie schenken sich selbst gegenseitig. Ihre Körper, der Geist, und ihre Seelen verschmelzen und sie verschmelzen in der Zeitlosigkeit. Seine Tränen der Rührung fallen auf ihr Gesicht, ihre Brust. Sie brennen sich in ihr Herz, wo er von nun an einen unantastbaren Raum besitzt.
Sein Piepser schrillt durch die Nacht und holt sie von dem Kontinent zurück, dessen Klima sie sanft umhüllt, wie eine Seifenblase. Er muss weg, zurück ins Neonlicht, während sie zurückbleibt und versucht die Wärme zu halten, bis er wiederkommt. Schläfrig döst sie lächelnd vor sich hin, sperrt die kalte Welt um sich aus. Lebt im hier und jetzt, genießt den Augenblick. Dann hört sie erneut seine hastenden Schritte auf dem Flur. Sie sieht ihm zu, wie er sich auszieht und seine Bewegungen gefallen ihr. Er küsst sie zwischendurch immer wieder und schmeckt verheißungsvoll nach mehr. Sein nackter Körper drängt sich fröstelnd an sie. Sie ertastet ihn, jeder Muskel erhöht ihr Verlangen. Ihr größter Wunsch ist, dass dieser Moment niemals aufhört. Sie weiß, er ist unvergesslich in ihre Seele gebrannt. Noch nie hat sie sich so verloren, noch nie so vertrauensvoll hingegeben. Auch das ist eine Grenzerfahrung. Die eigene Angst zu überwinden und die Weite des Universums zuzulassen und zu genießen. Wieder berühren sich ihre Seelen. Eng umschlungen, mit der Angst der Gewissheit, den Anderen wieder loslassen zu müssen, schlafen sie ein. Doch die Zeit ist knapp, der Morgen graut bereits. Verschlafen, frierend und mit zerzausten Haaren begleitet er sie zum Hintereingang. Sie wartet kurz, bis er den Pförtner ablenkt und sie, unbemerkt bis auf die Videokamera ihre Höhle verlässt, um durch das Schneetreiben, durch die grenzenlose Weite, weiter auf dem steinigen Weg ihres Lebens zu fahren. Immer noch nah am Abgrund.
Zwei Monate später stand sie dann dort. Sie blickte hinein in dieses große schwarze Loch. Es öffnete sein riesiges Maul und wollte sie verschlingen. Sie konnte es nicht fassen. Warum passierte ausgerechnet ihr das? Das war doch eigentlich unmöglich. Solche Dinge passieren Anderen, aber doch nicht ihr. Sie war schwanger!
Sie hatte die eigene Angst überwunden, hatte alles zugelassen. Ihre Seelen hatten sich berührt und sie hatten ihr Verlangen gestillt, wieder und wieder. Alles in ihr schrie nach ihm, alles sagte "ja" zu ihm. Sie war so glücklich und fühlte sich leicht und wohlig neben ihm.
Und dann das!
Das war doch unmöglich. Sie konnte keine Kinder auf dem natürlichen Weg bekommen. Ihre zwei Kinder waren nur durch eine Hormonbehandlung und unter Torturen zur Welt gekommen. Und selbst das grenzte an ein Wunder.
Dieses Kind aber, entstand auf wundersame Weise ganz natürlich. Gezeugt in einer anderen Welt. Sie waren eins, tauchten völlig in den Anderen ein. Sorgen, Ängste, Gedanken blieben draußen, sie waren wie Kinder. Es zählten nur noch sie zwei und die Gefühle, die sie übermannten und in jeden Winkel ihrer Seele krochen. Es war ein Kind der Liebe!
Ihr war schlecht. Den ganzen Tag war ihr schlecht und es fiel ihr schwer, den Zustand vor ihren Kindern und der restlichen Welt verborgen zu halten. Ein weiteres Kind hatte in ihrem Leben keinen Platz. Sie hatte sich gerade auf den Weg gemacht, wie sollte sie da noch ein weiteres Kind durchfüttern? Auch er hattest bereits Kinder mit einer anderen Frau. Das Leben dieses einen, gemeinsamen Kindes, hätte die Lebensumstände unabsehbar für alle erschwert.
Sie entschieden sich für eine Abtreibung. Trotzdem liebte sie dieses ungeborene Kind in sich. Warum hatte es nur ausgerechnet sie als Eltern ausgewählt? Es gab ein starkes Band zu dem entstehenden Leben in ihrem Bauch. Sie war sich sicher, dass es ein Mädchen war. Sie hatte sich immer so sehr ein Mädchen gewünscht.
Ihre beiden anderen Schwangerschaften zuvor waren schwierig und sie musste sich schonen und die ganze Zeit liegen. Die Ärzte wandten alles Mögliche an, um die zwei Ungeborenen nicht zu verlieren.
Bei diesem Kind hier war alles anders. Sie schonte sich nicht, im Gegenteil, sie versuchten das Kind mit Kräutern, Tees und Akupunktur abzutreiben, es sollte wieder gehen. Doch es blieb. Es blieb bis zu dem Tag, als es ihr gewaltsam aus dem Leib gesaugt wurde und sie nur noch die blutigen Fetzen seiner Existenz durch den Schlauch in einen Glasbehälter tropfen sah. Sie hat es getötet, in Stücke reißen lassen, obwohl es sie gewählt hatte, als seine Eltern. Eigentlich hätten sie es liebevoll hüten und beschützen müssen. Sie weinte bitterlich.
An dem Tag, an dem sie zur Mörderin wurde, war er nicht da.
Sie wollten das gemeinsam durchstehen, doch er kam nicht. Er konnte sie nicht halten, war verzweifelt über sich, sie, die Situation. Fabiana war einsam, verletzt und so traurig. Sie wollte ihn nie wiedersehen. Sie hat sich gefühlt wie ihr Kind in dem Glas. In Stücke gerissen, verlassen, ausgeliefert, ungeliebt und tot.
Es hat so wehgetan, doch Fabiana konnte auch Saburos Verzweiflung und Unzulänglichkeit spüren und nachdem sich ihre Enttäuschung und das Gefühl der Betäubung etwas gelegt hatte, konnte sie ihn auch wieder in ihrer Nähe ertragen. Irgendwie hat die Liebe gesiegt und auch diese Prüfung überlebt.
Er mietete sich eine kleine Wohnung in der Nähe des Kindergartens seines jüngsten Sohnes. Sie besuchte ihn nur zwei Mal dort. Meistens kam er zu ihr.
