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Im Jahr 1903 feiert Familie Benz Richtfest. Ein stattliches Haus am Inselweg. Woher kam das Geld dazu? Geerbt, heißt es offiziell. Aber so reiche Verwandte gibt es nicht. Haben ihre beiden unehelichen Kinder etwas damit zu tun? In diesem Roman mischen sich Geschichte und Geschichten, Wahres und Erfundenes. Er zeichnet das Bild einer mutigen Frau aus armen Verhältnissen, die mit Beharrlichkeit an ihren Träumen festhält.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2015
Wer nicht mehr träumt,
Helga Harter
Zu arm zum Träumen?
Roman
Wie eine tapfere Frau Erträumtes
© 2015 Helga Harter
Umschlag, Illustration Helga Harter
Lektorat, Korrektorat: Frank Dobutowitsch
Umschlagfoto: Gerbergasse 1910 Foto Bessler
mit freundlicher Genehmigung
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-2544-3
Hardcover
978-3-7323-2545-0
e-Book
978-3-7323-2546-7
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Kapitel 1
Sag mal, was gibt das hier?“ Christine fuhr herum. Das Ei rutschte ihr aus der Hand und landete mit einem „platsch“ auf dem Küchenboden. „Solltest du nicht die Wäsche aufhängen? Gleich müssen die Kartoffeln auf den Herd und du belegst die ganze Küche.“ Die Mutter schnaufte aufgebracht. „Entschuldige Mutter.“ Christine bückte sich rasch, um das Ei mit einem Lappen aufzuwischen. Sie fühlte sich wie ein Schulkind, das etwas ausgefressen hatte. Dabei war sie einundzwanzig! „Was machst du hier?“ fragte die Mutter wieder. „Ich wollte,… ich meine… Ach Mutter, ich wollte das Rezept ausprobieren: Züricher Hippen. Für Sonntag.“ Maria Frick entdeckte die Zeitschrift auf dem Küchentisch. „Seit wann liest du? Und woher kommt dieses Schundblatt?“ Sie nahm die Zeitung mit spitzen Fingern und verzog den Mund, als stünde etwas Unanständiges darin. „Gartenlaube, März 1884“ las sie. „Woher hast du sowas?“ „Mutter,“ Christine stemmte trotzig die Arme in die Hüfte, „Das ist kein Schund. Das ist eine moderne Frauenzeitschrift. Martha vom Ochsen hat sie mir geliehen. Ich wollte das Rezept. Mal was ausprobieren, was wir nicht kennen!“ „Christine, ich möchte nicht, dass du unseren wenigen Zucker und die Eier für dieses moderne Zeug verbrauchst.“ „Bitte, Mutter!“ „Nicht in meiner Küche, Kind.“ Maria Frick nahm energisch ihren abgestellten Eimer wieder auf und stieg die Kellertreppe hinab. Seufzend räumte Christine Zucker, Mehl und Butter an den Platz. „Hier werde ich ewig die kleine Christine bleiben.“ ‚dachte sie bitter. „Wenn ich verheiratet wäre, dann hätte ich meine eigene Küche.“ Sie ballte die Fäuste in der Schürzentasche. „Männer haben es da viel leichter. Einer ledigen Frau bleibt nichts anderes übrig, als zu Hause mit ihrer Mutter klarzukommen. Was für ein Glück, dass ich die Anstellung beim Kaufmann Würth bekommen habe. Dann kann ich wenigstens Geld verdienen. Und wenn dann der Richtige kommt, bin ich hier weg.“ Lauter als nötig schlug sie die Schranktüre zu.
„Komm, setz dich zu mir, Christine. Lass uns noch ein bisschen reden. Morgen gehst du nach Loßburg und dann haben wir dazu keine Zeit mehr.“ Der Vater legte den Hammer weg, als seine jüngste Tochter aus der Haustür trat. „Gleich, Vater, zuerst will ich noch die Wäsche aufhängen. Vielleicht wird sie bis abends trocken, dann kann ich sie heute noch bügeln.“ Friedrich Frick holte den Tabaksbeutel vom Fensterbrett. Während er den Tabak feststopfte, beobachtete er seine Tochter. Sie stellte den schweren Korb unter die Wäscheleine und mühte sich mit den Bettlaken ab. Der Vater schmunzelte. „Das Leben ist hart für kleine Leute. Du musst ja auf Zehenspitzen stehen, um an die Leine zu kommen!“ „Lach nicht, Vater,“ rief sie über die Schultern. „Es ärgert mich, dass ich so klein bin. Und mit einundzwanzig wächst man auch nicht mehr!“ „Nimm ’s leicht, mein Schatz. Das ist nicht zu ändern.“ Friedrich lehnte sich auf der Bank zurück und sog genüsslich an seiner Pfeife. Er liebte dieses Tal. Hier war er geboren und aufgewachsen. Hinter dem Hof und der kleinen Wiese mit der Wäscheleine floss kaum hörbar der Fischbach. Im Ufergebüsch quakten am Abend die Frösche. Jetzt lag nur das Summen der Insekten in der Luft. Dumpf klang das gleichmäßige Stampfen der „Steinmühle“ herüber. Dieses Geräusch gehörte für Friedrich zum Leben. Ebenso wie das Blöken seiner Schafe, die weiter oben am Hang grasten. Auch der herbe Stallduft und der Geruch von fettiger Schafwolle war für ihn Heimat.
Das letzte Laken hing auf der Leine. Nur noch ein paar Unterhemden waren übrig. „Du musst es nicht verschämt umdrehen, Christine, ich habe wohl gesehen, dass es geflickt werden muss.“ brummte der Vater und grinste. Christine wurde rot. „Ich weiß, Vater.“ Sie stellte den Korb an die Hauswand und setzte sich auf die Bank. „Ich hasse es, dass wir immer so altes Zeug anhaben müssen. Ständig bin ich am Löcher stopfen.“ „Hör auf zu jammern. Wir sind halt arme Leute. Aber zum Essen ist genug da und ein Dach über dem Kopf haben wir auch. Du musst nicht undankbar sein.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte. „Ich träume davon, ein eigenes Haus zu haben und eine angesehene Hausfrau zu sein.“ Ihr Blick ging hinauf über die Wiesen zum Horizont. „Ich kann es richtig vor mir sehen, wie ich die Stufen zur Haustür fege, Salat pflanze und nach der Arbeit auf der Bank vor dem Haus ausruhe.“ Sie schloss die Augen. „Ich möchte ein gemütliches Zuhause einrichten, Kinder haben wie Orgelpfeifen, meinen Mann verwöhnen. An Weihnachten will ich Plätzchen und Hutzelbrot backen. Oh, ich kann den Duft fast riechen. Entschuldige, manchmal träume ich halt.“ Sie drehte sich zu ihrem Vater und murmelte: „Und meine Kinder sollen einmal ein Handwerk lernen können. Ich will nicht, dass sie Taglöhner sein müssen wie wir.“ Der Vater schwieg einen Augenblick. Ja, reich waren sie nicht. Christines Bruder August würde das Haus und die Schafe erben. Die Großen waren versorgt. Aber für die beiden jüngsten Töchter hatte Friedrich keine Mitgift zu bieten. Christine würde also irgendeinen Mann heiraten, der selbst nicht viel hatte. Und als Tagelöhnerin würde sie mitverdienen müssen. Sie könnte ledig im Haus ihres Bruders bleiben oder sich als Dienstmädchen verdingen. Keine schönen Aussichten, das musste er zugeben. Aber jetzt hatte sie ja zum Glück diese Anstellung bei Kaufmann Würth bekommen. Immerhin. „Das sind Träume, Christine. Arme Leute träumen nicht. Das ist unser Los. Halte den Kopf hoch und lächle. Lächle. Denk nicht weiter darüber nach.“ Er legte seine Pfeife weg und nahm die Arbeit wieder auf. Dazu setzte er sich an den Dengelstein, legte die Sense über den Metallbolzen und hämmerte mit gleichmäßigen Schlägen auf die Sensenschneide. „Verstehst du, Vater, ich will jemand sein. Ich will mich nicht herumschicken lassen und für andere arbeiten.“ „Meine Christine hat Träume. So lieb’ ich dich. So warst du schon immer. Meistens hast du sogar erreicht, was du wolltest.“ Er legte den Hammer zur Seite und prüfte die Schneide. Dann klopfte er weiter. „Behalte deine Träume im Herzen. Aber stell dich darauf ein, dass es möglicherweise immer Träume bleiben.“
Christine holte einen großen Korb mit Wollflocken aus der Küche und stellte ihn neben sich. Mit zwei Holzbrettern, die dicht mit winzigen Nägeln besetzt waren, kämmte sie die Wolle zu feinen Büscheln, um sie später zu verspinnen. Eine Weile arbeiteten beide schweigend nebeneinander. „Darum freue ich mich auf meine neue Stelle beim Kaufmann Würth in Loßburg. Da verdiene ich doppelt so viel wie im Hirschen. Jede Goldmark werde ich sparen.“ Sie nickte energisch. „Du wirst es sehen, Vater. Wenn dann der Richtige kommt, hab ich so viel zusammen, dass es für die Aussteuer reicht, Bettzeug, Geschirr und alles das.“ „Das mit dem Richtigen ist das nächst Problem,“ murmelte der Vater undeutlich. „Den Nikolaus Schaller nehm ich jedenfalls nicht, falls du das meinst. Das ist ein Ekelpaket und stinkt nach Schnaps.“ Christine hätte fast den Korb umgestoßen vor lauter Eifer. Allein der Gedanke machte ihr Angst. „Ich träume von einem großen, kräftigen Mann, der feste arbeiten kann.“ „Meine Christine und ihre Träume.“ Der Vater nahm die Sense hoch und prüfte seine Arbeit. Dann tauchte er den Wetzstein in einen schmalen Wassertopf und fuhr damit in raschen Bewegungen rechts und links der Schneidefläche entlang. „Lass nur deine Mutter nichts von deinen Träumen hören. Die nennt das nämlich nicht Träume, sondern Flausen.“ Die beiden lachten. „Und sie wird schleunigst eine Arbeit finden, um dich in die Wirklichkeit zurückzuholen!“ Christine seufzte.
„Christine?“ Ihre Schwester lehnte sich aus dem Dachbodenfenster. „Ich komm schnell runter. Muss dir was zeigen.“ Friederike! Ihre Lieblingsschwester. Sie wohnte mit in der Dachkammer und war mit ihren dreiundzwanzig Jahren auch noch nicht verheiratet. Nur schien es ihr gar nichts auszumachen, hier daheim das Mädchen für alles zu sein. Sie war der Sonnenschein der Familie und ihr Geplapper füllte das Haus. Schon seit Christine denken konnte. „Schau mal, Tine.“ Jetzt stand sie neben ihr und strahlte. „Ich hab dir was gestickt. Heimlich.“ Sie schob den Korb zur Seite und setzte sich neben Christine. Umständlich packte sie einen weißen Stoff aus altem Packpapier. „Oh, wie hübsch!“ Christine entfaltete das Geschenk. „Eine Tischdecke!“ Was für eine Herrlichkeit! Eine Decke, etwas größer als ein Kopfkissen, über und über mit Margeriten, Kornblumen und Mohnblumen bestickt. Christine hielt die Hand vor den Mund vor lauter Entzücken. Dann umarmte sie ihre Schwester stürmisch. „Als Andenken an mich, weil du doch jetzt fort musst. Oh Tine, meine Kleine, du wirst mir fehlen!“ Christine lehnte sich zurück. „Du glaubst nicht, wie ich mich auf die Stelle beim Kaufmann Würth freue! Endlich verdiene ich mein Geld selbst. Jede Goldmark werde ich sparen. Und wenn dann der Richtige kommt…“
Kapitel 2
Das war sie nun, die neue Stelle. Christine wischte den Tisch ab, legte die feine Tischdecke mit dem Bortenrand auf und schob die Stühle an den Tisch. Wie sie hier alles bewunderte: die Lehnen der schweren Stühle waren kunstvoll ausgesägt und geschnitzt, der Sitz mit schwerem Brokat bezogen. Die Würths waren keine armen Leute. Sie holte den Stubenbesen und kehrte die Krümel vom Frühstück zusammen. Besonders unter dem Kinderstuhl der kleinen Margarete sah es unordentlich aus. Aber wenn man mit zwei Jahren schon selbst essen will, ist das eben so. Christine schmunzelte. Frau Würth lies die Kleine gewähren. Die Entfaltung ihrer Kinder war ihr wichtiger als ein sauberer Fußboden. Und wozu hatten sie ein Dienstmädchen? „Christine,“ rief Frau Würth vom Flur her. Sie trug die kleine Emilie auf dem Arm. „Christine würden sie bitte alle Wäsche einsammeln und in die Waschküche bringen? Morgen früh um sieben kommt die Wäscherin. Und kümmern sie sich bitte um die Katze. Sie hat noch kein Futter bekommen.“ „Natürlich, Frau Würth.“ Christine liebte es, hier zu arbeiten. Sie wurde gut behandelt. Und die Bezahlung war besser, als im Hirschen, ihrer früheren Arbeitsstelle. Sie beeilte sich mit der Wäsche, denn sie musste gleich noch den Mittagstisch decken und um elf wurde sie in der Küche erwartet, wo sie der Köchin zur Hand gehen sollte. Sie musste erst mal einen ordentlichen Berg Kartoffeln schälen. Dazu zog sie die graue Schürze über die schöne Dienstmädchentracht, krempelte die Ärmel hoch und wusch sie die Hände. Dann setzte sie sich auf die Holzbank und schälte und schälte. Darin hatte sie Übung und so konnte sie sich dabei umsehen. Die Köchin hieß Erna. Sie war eine große Frau mit dünnem grauem Haar. Wie alt mochte sie sein? Vielleicht wie ihre Mutter? Es war ziemlich heiß in der Küche. Auf dem Herd brodelten Linsen und Suppe. Die Arbeit ging Christine leicht von der Hand. Das war sie gewohnt. Erna schaute herüber und nickte, viel reden war nicht ihre Art. Aber ihre kleinen dunklen Augen blitzten fröhlich. Sie schob einen Korb Äpfel über den Tisch. „Frau Würth hat Teekränzchen heute Nachmittag. Deshalb muss der Apfelkuchen schleunigst in den Ofen.“ Sie schlug vier Eier in eine große Schüssel, holte Milch, Mehl und Zucker und bereitete den Teig. Christine schaute so gebannt zu, dass sie ihre Äpfel fast vergaß. Die Köchin benutzte keinen Schneebesen, wie ihre Mutter zuhause. Hier hatte man einen mechanischen Quirl. Erna stellte das Gerät in den Teig und drehte die Kurbel. Die beiden Räder wirbelten den Teig durcheinander, dass es eine Freude war. Und ohne Anstrengung. Sie lachte über Christines kindliches Staunen. „Willst du auch mal drehen?“ fragte sie lachend. Natürlich wollte Christine!.
„Gleich Zwölf.“ Die Köchin wies Christine an, die Suppe zu servieren. „Vergiss nicht, die graue Schürze abzunehmen! Herr Würth legt viel Wert auf das gute Aussehen seines Personals.“ Christine zog das Spitzenhäubchen zurecht und legte die Arbeitsschürze ab. Mit der großen Suppenschüssel verließ sie die Küche. Korrekt und aufrecht saß der Hausherr am Kopfende des Tisches. Sein Jackett hing an der Stuhllehne. Er trug eine schwarze Weste über dem weißen Hemd. Frau Würth setzte Margarete gerade in den Hochstuhl, band ihr das Lätzchen um und lächelte Christine freundlich zu. Frieda und Martha zappelten auf ihren Stühlen herum und schnupperten, als Christine die Suppe abstellte. „Ich wette, Nudelsuppe.“ flüsterte Martha. Frieda grinste Christine erwartungsvoll an. Sie war stolz auf ihre erste Zahnlücke. Keiner sprach ein Wort, als Christine die Suppenteller füllte und vorsichtig auf den Tisch balancierte. Irgendwie peinlich. Frieda kicherte wieder, was ihr einen strengen Blick des Vaters einbrachte. Christine knickste etwas unsicher, wünschte „guten Appetit, die Herrschaften“ und verließ das Esszimmer. Sie floh fast in die Küche zurück. Diese feine Umgebung, dieses Korrekte war ihr fremd. Aufgesetzt und anstrengend kam es ihr vor. „Du wirst dich daran gewöhnen,“ sagte die Köchin. Sie war schon zehn Jahre im Haushalt. Genau genommen, seit der alte Würth gestorben war und Johannes und Ruth Würth das Haus und den Laden übernommen hatten.
Pünktlich nach zehn Minuten lud Christine Linsen, Kartoffeln und Spiegeleier auf ein Tablett. Dazu eine Schüssel Salat. Sie trat ins Esszimmer. Die Suppe war bereits gegessen. Anscheinend hatte es geschmeckt.„Danke, Christine. Stellen sie die Schüsseln auf den Tisch,“ sprach Frau Würth Christine an. „Sie können wieder in die Küche gehen.“ Christine wurde rot. „Ach übrigens, heute kommen meine Freundinnen zu Besuch. „Könne sie bitte gegen halb vier einen Tee servieren?“ Christine knickste. „Vielen Dank, ich hoffe, es gefällt ihnen bei uns.“ „Ja sehr.“ Christine wurde noch röter im Gesicht, knickste wieder und verließ schleunigst das Esszimmer. Bevor sie die Tür schloss, hörte sie, wie Herr Würth brummte: „Ruth, das ist ein Dienstmädchen. Gewöhn dir ab, sie so höflich zu behandeln.“ Frau Würth widersprach ihm, aber das hörte Christine nicht mehr. Als sie der Köchin davon erzählte, lacht die nur. „Du hättest den alten Würth erleben sollen. Der war noch viel schlimmer. Seine Devise war: das Personal gehört zum Inventar. Er behauptete sogar einmal, ein Schrank sei einfacher wieder loszuwerden, als eine Köchin.“ „Wenn ich so was höre, krieg ich eine Wut. Wir sind doch auch Menschen, oder?“ „Wut hilft nichts, Christine. Das änderst du nicht. Sei froh, dass wir hier so gut verdienen und ordentlich behandelt werden.“ „Ich glaub, das haben wir Frau Würth zu verdanken.“ „Ja, ganz sicher. Sie hat ein gutes Herz. Und ihrem Frauenverein. Den wirst du noch kennen lernen. Jeden Donnerstagabend von acht bis zehn treffen sich die Damen im Café Armbruster.“ „Frau Würth geht abends weg? Meine Mutter nannte Frauen, die abends ohne männliche Begleitung das Haus verlassen, Flittchen.“ „Frau Würth sagt, Frauen haben auch Rechte. Und dazu gehört, dass sie sich versammeln dürfen.“ Sie spülte die Töpfe und Pfannen ab, Christine nahm ein Geschirrtuch. „Verheiratete Frauen haben Rechte, meint sie wohl. Ledige Frauen haben immer jemanden, der über sie bestimmt.“ Christine seufzte. „Wenn ich nur schon einen Mann hätte.“
Sie sollte die braunen Halbschuhe von Herrn Würth zum Schuhmacher tragen. „Sie stehen neben der Schlafzimmertür,“ sagte Frau Würth. „Und vergessen sie nicht zu fragen, wann sie fertig sind.“ Christine zog ihre Stickjacke über, steckte die Schuhe in eine alte Papiertüte und zog die Haustür hinter sich zu. In der Hauptstraße ging eigentlich immer ein kühler Wind. Selbst mitten im Sommer und an einem warmen Tag wie diesem. Sie fröstelte. Die Schusterwerkstatt lag am Ortsrand. Die Frau des Schusters fragte, wie alt sie sei. Und ob die Würths kein größeres Dienstmädchen gefunden hätten, sie sehe ja aus wie sechzehn. Christine gab die Schuhe ab, fragte, wann sie fertig wären und verließ schleunigst die Schusterwerkstatt. Unverschämtes Weib, dachte sie. Muss ich mir das wirklich gefallen lassen?
Bis sie das Abendessen vorbereiten musste, blieb noch eine Stunde. Am Rathaus warf sie einen Blick in den Schaukasten. Wer heiratete in nächster Zeit? Vielleicht kannte sie ja jemanden? Sie las die Todesanzeigen, überflog die Gemeinderatsbeschlüsse, die Zählung der Zuchtbullen und das Wasserrecht der Bach-Mühle. Nichts wirklich Interessantes. Sie wechselte die Straßenseite, um noch einen Blick in den Schaukasten des Schwarzwälder Boten zu werfen. Auch dort überflog sie die Überschriften: Benz stellt Zweirad vor….Rätselhafter Tod von Prinz Ludwig dem Zweiten am Starnberger See… Bismark schließt Bund mit Samoa…Schließlich tanzten die Buchstaben vor ihren Augen. Sie las selten und es strengte sie an. Es war wenig los im Ort. Eine Horde Jungs rannte zum Bolzplatz; zwei Frauen trugen einen schweren Korb über die Straße; eine Kutsche ratterte vorbei, ein Einspänner mit offener Ladepritsche. Sie erreichte wieder Würths Haus. Über der Ladentür hing ein breites Holzbrett. „Kolonial- und Gemischtwaren Theodor Würth. Gegründet 1842“ Gerade öffnete sich die Ladentür. Herr Würth hielt die Tür auf und verbeugte sich mit einem charmanten Lächeln: „Danke für ihren Einkauf, werte Frau Bürgermeister. Bitte beehren sie mich bald wieder. Auf Wiedersehen.“ „Danke, lieber Herr Würth, wünsche einen angenehmen Abend.“ „Und grüßen sie bitte ihren Herrn Gemahl von mir recht herzlich.“ setzte er überhöflich hinzu und schloss die Tür von innen, Christine beachtete er gar nicht. Er kann also auch lächeln, wenn er will, dachte sie und grinste.
Als das Geschirr vom Abendessen abgetragen und gespült war, setzte sich Christine an den Küchentisch und aß. Sie hatte einen riesigen Hunger. Es war noch ein Rest Grießsuppe da. Frau Würth wollte jeden Abend eine Suppe für die Kinder haben. Sie behauptete, dass sie dann besser schlafen würden. Die Köchin kam nur am Vormittag und so war diese Suppe Christines Aufgabe. Kochen hatte sie von der Mutter gelernt. Und das nicht schlecht.
Es war schon fast acht Uhr und Christine hatte schwere Beine. Der Tag war lang und anstrengend gewesen. Aber sie war noch nicht fertig. Seufzend nahm sie den großen Holzkorb vom Brett und ging in den Schuppen, um Holz zu holen. Vier Körbe voll trug sie herein und stapelte sie in die Niesche neben dem Holzherd. Endlich war sie fertig. Sie hob den Glasdeckel der Gaslampe und drehte den Hahn zu. Im Halbdunkel tappte sie zur Tür und die Treppe hinauf. Zum Glück war es draußen noch ziemlich hell. So fiel etwas Licht durch das einzige Dachfenster. Es gab keine Lampe hier oben auf dem Speicher und Christine musste den Gang entlang bis hinten zu ihrer Dachkammer im Dunkeln gehen. Als sie die Tür ihrer kleinen Kammer schloss, hatte sie das Gefühl schon viel länger hier zu sein, als nur einen Tag. So viel Neues war auf sie eingestürmt. Es war stickig. Sie öffnete das winzige Fenster, denn hier unter dem Dach staute sich die ganze Wärme des Tages. Müde ließ sie sich aufs Bett fallen. Das letzte Licht fiel auf den Flickenteppich vor dem Bett. Ein wackeliger Tisch, ein Stuhl, ein schmales Holzregal und eine Truhe. Darauf hatte sie heute früh in aller Eile ihre schwarze Ledertasche abgestellt. Die Tasche enthielt alles, was sie hatte. Schlagartig überfiel sie ein schreckliches Heimweh. Friederike! Sie hätte ihr so viel zu erzählen und ihr befreiendes Lachen täte jetzt gut. Nun war sie allein. Christine gab sich einen Ruck, öffnete ihre Tasche und suchte die Tischdecke heraus. Die würde sie immer an ihre Schwester erinnern. Liebevoll strich sie über das Stickgarn, fühlte die Blumen und schloss die Augen. Das hier ist jetzt mein Zuhause, dachte sie. Ich will es mir gemütlich machen. Also räumte sie den riesigen Wecker, Waschschüssel und Wasserkanne zur Seite, stellte das Wasserglas weg. Liebevoll breitete sie die Tischdecke über den Tisch. Sie reichte gerade. Christine überlegte einen Moment, dann drehte sie die Decke über Eck, so dass die Zipfel herunter hingen. Sah besser aus. Sie stellte Schüssel, Kanne, Glas und Wecker wieder darauf und begutachtete ihr Werk. Nein, für die Waschschüssel musste sie einen anderen Platz finden. Sie verdeckte die schönen gestickten Blumen. Also aufs Regal damit. Dafür hatte sie jetzt Platz für den Bilderrahmen mit dem Hochzeitsbild ihrer Eltern und den kleinen Spiegel zum Aufstellen. Wie schön, dachte sie. Ein Stück daheim. Wenn ich Zeit habe, pflücke ich einen Blumenstrauß. Sie holte ihr langes, weißes Nachtkleid aus der Tasche und begann sich auszuziehen. Vorsichtig hängte sie das schwarze Kleid über die Stuhllehne und breitete die weiße Spitzenschürze und das Häubchen darüber. Sie war so stolz, in Stellung beim Kaufmann Würth zu sein. Hundert Mark im Monat. Das war doch was. Doppelt so viel wie im „Hirschen“. „Das spare ich eisern. Und dann geh ich einkaufen: Geschirr, Bettwäsche, Handtücher. Ein Mann wird sich schon finden.“ Sie grinste.
Da fiel ihr die Keksdose ein. Mutter hatte ihr zum Abschied eine Blechdose mit Keksen geschenkt, gekaufte Kekse sogar. Sowas gab es sonst nie. Eine hübsche dunkelblaue Dose mit einem lustigen Bäcker darauf, der „Bahlsen Cakes“ backt. Sie würde die Kekse einteilen, sie waren etwas Besonderes und wenn die Dose leer wäre, würde sie darin ihr Geld aufbewahren. Jetzt war es fast völlig dunkel in der Kammer. Unten hatten sie Gaslampen, elektrisches Licht gab es noch nicht. Wenn sie wenigstens eine Kerze hätte. Sie legte ihr langes Unterhemd ab. Das Loch, das ihr Vater gestern auf der Wäscheleine entdeckt hatte, war immer noch nicht geflickt. Morgen Abend, gähnte sie, morgen Abend flicke ich es. Sie schlüpfte aus der knielangen, weiten Leinenunterhose, streifte das Nachthemd über und schlief schon beinahe, ehe sie die Decke über sich gezogen hatte.
Kapitel 3
Der Wecker klingelte um halb sechs. Verschlafen setzte sich Christine im Bett auf. Sie brauchte einen Moment, bis sie wusste, wo sie war. Brrr. Jetzt war es kalt im Zimmer. Sie goss Wasser aus der Kanne in die Schüssel und tauchte ihren Waschlappen hinein. Brr, auch kalt! Aber es tat gut und weckte die Sinne. Stolz zog sie das schwarze Kleid über den Kopf, band die Schürze um und strich sie glatt. So feine Rüschen! Ein heller Morgen. Heute ist Waschtag, fiel ihr ein. Schnell an die Arbeit. Die Wäscherin kam um sieben. Ab in die Küche, Feuer machen, Wasser aufsetzen, Kaffee kochen für Herrn Würth, Feuer machen in der Waschküche im Keller. Den großen Waschkessel mit Wasser füllen, Frühstückstisch decken, Zeitung hereinholen, dem Hausherren das Frühstück servieren. Der Laden öffnete um acht und Herr Würth legt Wert auf ein ausgiebiges Frühstück. Da saß er allein an dem großen Tisch, bereits in die Zeitung vertieft, als Christine das Tablett abstellte und Milch, Brot, Butter und Marmelade auf dem Tisch verteilte.“Bitte sehr, ihr weichgekochtes Ei, Herr Würth. Ich hoffe, es ist recht. Kaffee?“ Er schaute auf. „So, gut geschlafen?“ fragte er leutselig. „Hübsch siehst du aus, mein Täubchen.“ Hatte er mein Täubchen gesagt? Christine glaubte nicht recht gehört zu haben. Sein Blick sagte unverhohlen, dass er es so meinte. Rasch stellte sie Salzstreuer und Zucker neben seine Tasse, packte das Tablett und rannte fast aus dem Zimmer. Ihr Herz pochte. Sie hasste das. Im Hirschen, da hatte sie es jeden Tag erlebt. Aber hier hatte sie nun wirklich nicht damit gerechnet. Nicht bei diesem hochangesehenen Herrn, Kaufmann Würth. Stets korrekt, gesittet, moralisch einwandfrei. Kirchengemeinderat, liebevoller Familienvater. Konnte er „mein Täubchen“ gesagt haben?
