Hausierer-Sophie - Helga Harter - E-Book

Hausierer-Sophie E-Book

Helga Harter

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Beschreibung

Lehengericht im Schwarzwald 1924 Sophies Mann, Mathias Bossert, ist Hausierer und dazu kein Einheimischer. So hat es die Familie schwer im Dorf. Da wird Sophies sechzehnjährige Tochter Anna schwanger, sie wurde vergewaltigt. Entsetzt muss Sophie feststellen, dass man ihrem Mann die Sache in die Schuhe schieben will.

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Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Liebe istmanchmaleine Entscheidung

Fürmeine Eltern

Helga Harter

Hausierer-Sophie

Roman

Nach einer wahren Geschichte aus dem Schwarzwald

tredition

© 2017 Helga Harter

Umschlag, Illustration: Sara Harter

Lektorat, Korrektorat: Lydia Harter

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7439-3851-9

Hardcover

978-3-7439-3852-6

e-Book

978-3-7439-3853-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

– eins –

Sophie schob die Gardine am Stubenfenster etwas zur Seite. Da kam Mathias den Berg herauf. Aha, dachte sie, der Rucksack hängt ziemlich schlapp, also hat er gut verkauft. Sie lächelte in sich hinein. Sehr gut. Andererseits, dachte sie, andererseits haben die meisten Leute sowieso kein Geld. Wenn der Rucksack flach hängt, könnte es auch sein, dass er schlecht getauscht hat. Nein, nicht Mathias, der ist der geborene Händler. Oder vielleicht haben sie ihm kleine Sachen gegeben: Speck oder Wurst statt Kartoffeln und Brot. Auch recht, Speck hatten wir lange keinen. Sie liebte den Augenblick, wenn er heim kam. Deshalb richtete sie sich immer eine Arbeit, bei der sie in der Stube sitzen konnte. Gierig saugte sie jedes Wort auf, das er sagte. Er erzählte während er seine Suppe löffelte, er erzählte von Leuten, die er getroffen hatte, von Geburten und Todesfällen, das Neueste aus der Politik, von Firmen und Erfindungen, von Menschen und Schicksalen. Was er alles erfuhr! Sophie spürte die weite Welt in ihrer engen Stube und hatte Teil daran. Die Zeit war kostbar. War der Most ausgetrunken und die Suppe leer gegessen, verzog er sich aufs Sofa und schlief augenblicklich ein. Danach war er wieder wortkarg und brummig und reagierte gereizt, wenn sie ihn bat, ihr dieses oder jenes noch genauer zu berichten.

Die Haustür knarrte. Sophie wirbelte herum und lief durch den dunklen Flur. Er liebte es, an der Tür empfangen zu werden und erwartete, dass Sophie ihm die Pantoffeln brachte. Nach einem eher flüchtigen Kuss, ließ er sich schwer atmend auf der Bodentreppe nieder und begann umständlich seine Stiefel auszuziehen. Er löste die langen Schnürsenkel, hielt ihr den rechten Fuß hin und deutete mit dem Kinn, sie solle am Stiefel ziehen. „Und?“ Sie war so ungeduldig. „Wie waren die Geschäfte?“ „Mmm, so lala.“ „Sag schon, hast du was verdient?“ „Der Armbruster wollte die Säge doch nicht. Hab sie auf dem Sulgen losgekriegt. Bis da hoch musste ich das Ding schleppen. Beim Haldenhof hab ich die Futterschneide repariert. Das hat ein bisschen Wurst gegeben. Naja und da und dort hab ich Kleinigkeiten verkaufen können: Nähfaden, Schuhcreme, Seil, das Übliche.“ Die Stiefel haben eine dicke Matschschicht, dachte sie, während er redete und redete, die werde ich putzen und neu einfetten müssen. Egal, Hauptsache, er bringt was heim. „Die Frau Bahnhofsvorsteherin hat mir ihr Schmuckkästchen mitgegeben. Das Scharnier ist gebrochen. Muss mal sehen, wie ich das wieder ganz kriege. Nächste Woche soll ich es vorbei bringen.“ Weil er nicht recht rausrückte, bohrte sie weiter: „Die Säge war ein gutes Geschäft, oder?“ Sie musste herausfinden, wie viel Geld er verdient hatte. Sie brauchte es so dringend. Das Brot reichte kaum noch zwei Tage und beim Bäcker bekam sie nichts mehr, ehe sie ihre Schulden bezahlt hatte. Es war schon mindestens das dritte Mal, dass sie ihn angebettelt hatte, ihr noch mal ein Brot auf Pump zu geben. „Es ist ein mühsames Geschäft. Die Schwarzwaldbauern sind schwer knauserig.“ „Mathias, wie viel Geld hast du mitgebracht?“ In ihrer Stimme schwang jetzt leichter Ärger. „Lass mich in Ruhe. Du mit deinem ewigen Geheule nach Geld. Kann ich was dafür, dass die Geschäfte so schlecht laufen? Heutzutage versucht jeder, sein Geld zusammen zu halten.“ Das Feuer brennt wieder nicht, dachte Sophie und schnupperte. Dabei sollte die Suppe längst warm sein. Sie riss die Küchentür auf. Dichter Qualm schlug ihr entgegen. Der Ofen zog nicht, weil der Ostwind den Rauch rückwärts drückte. Sie fand kaum den Weg zum Herd. Hilflos kauerte sie vor dem Ofentürchen und stocherte im Feuer, legte ein paar Späne darauf und versuchte es wieder in Gang zu bringen. Das war eine richtige Kunst bei dem scheußlichen alten Herd. Die Tränen liefen ihr über die Backen, weil der Rauch biss und vor Verzweiflung. Sie mischten sich mit dem Ruß, Sophies Gesicht sah schlimm aus. Sie hustete. Wenn das Feuer erst mal richtig brannte, zog der Rauch gut ab, aber heute wollte es einfach nicht angehen. Der Küche machte der Qualm nichts aus. Hier war ohnehin alles dunkel: der niedrige, primitive Holzherd, die Holzkiste, ein alter Tisch mit Schemel, ein Schüttstein aus grauem Granit auf dem ein Eimer mit frischem Wasser vom Brunnen stand. Der Rauch vom Herd zog durch ein kurzes Ofenrohr, das unter dem Kamin endete, durch den man den Himmel sehen konnte, normalerweise. Heute sah man gar nichts, nur Rauch. Mathias riss die Küchentür auf. Undeutlich konnte sie seine Umrisse sehen. „Was machst du, Sophie? Setzt du die Bude in Brand?“ „Es brennt gar nicht, das ist ja das Problem! “, rief Sophie verzweifelt. „Der Sturm drückt den Rauch ins Zimmer.“ „Du bist zu gar nichts fähig, Frau!“, schimpfte er. „Lass mich mal!“ Er griff hinter den Ofen und öffnete die Klappe am Ofenrohr. Dann zündete er ein Papier an, steckte es in den Ofen und siehe da, die Flammen züngelten hoch und die Holzspäne knackten. „Dumme Kuh“, murmelte er und verließ die Küche. „Die Klappe hatte ich vergessen. Entschuldige.“ Endlich schlug die Flamme hoch und erfasste das Holz und je wärmer das Feuer wurde, umso besser zog der Rauch ab. Die Sicht wurde schnell wieder klar, weil in der Küche immer ein ungemütlicher Zug herrschte. Die Fenster waren nicht dicht und der Schornstein bestand einfach aus einer Öffnung im Dach. Sie wusch sich das Gesicht und folgte ihm in die Stube.

Er schlüpfte aus der Jacke und reichte sie ihr. O weh, dachte sie, jetzt ist auch der Kragen durch. Zum Glück sieht man das hinten nicht. Vielleicht kann ich es mit ein paar Stichen zusammenziehen? Die rechte Jackentasche fühlte sich dick und schwer an. „Was ist da noch drin?“, fragte sie neugierig und fasste im selben Moment schon in die Tasche. Einen Augenblick meinte sie, ihr Herz müsste stillstehen. Was ihre Hände erfühlten, war eindeutig. „Eine Taschenuhr?“ Die Jacke glitt zu Boden. Sophie hielt fassungslos die Uhr in der Hand und starrte sie an. „Woher hast du sie?“ „Getauscht.“ „Du tauscht eine Taschenuhr?“ Sophie schüttelte wieder und wieder den Kopf. „Der Rötenberger hat sie mir gestern Abend im Rössle angeboten. War wirklich günstig.“ Jetzt erwachte Sophie aus ihrer Starre. „Du hast eine Taschenuhr gekauft? Spinnst du? Ich weiß hier nicht, wo ich das Essen für die nächsten Tage her kriege und wie wir an Kleider und Schuhe kommen. Und der feine Herr kauft sich eine Taschenuhr!“ „Na und?“ Mathias erhob sich schwerfällig, schob sie zur Seite und setzte sich an den Tisch. Ohne ihre Aufregung zu beachten, trank er das Wasser, das sie ihm hingestellt hatte. „Mathias!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Warum hast du die Uhr gekauft?“ Statt einer Antwort schob er seinen Geldsack über den Tisch. Eilig zog Sophie einen Stuhl heran und schüttete die Münzen aus. Eugens Stiefel kann ich vergessen, dachte sie mutlos. Muss der arme Junge weiter mit den engen Halbschuhen in die Schule laufen. Das Petroleum auch. Für den Bäcker wird es gerade reichen. Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch und verbarg den Kopf in den Händen. „Du bist eine blöde Gans!“ Schimpfte er. „Heulst wegen jedem Dreck! Ich kann es nicht mehr hören.“ Wütend schob er den Stuhl zurück. „Immer jammerst du wegen dem Geld!“ Er setzte sich an den Kachelofen, streifte die Socken ab und wärmte seine Füße. „Hast du den Hühnerstall repariert?“ „Ich kann das nicht, Mathias. Ich bin so ungeschickt mit dem Hammer. Du musst es machen.“ „Nichts kannst du. Zwei linke Hände. Und unsereiner rackert sich ab, läuft sich die Füße wund und ärgert sich mit den Kunden. Und wenn man heim kommt, wird man angegrunzt und mit Vorwürfen überschüttet. Nicht mal eine Uhr kann man kaufen von dem sauer verdienten Geld.“ Sophie kramte ein Taschentuch aus der Schürze und schnäuzte sich. Aber die Tränen ließen sich nicht aufhalten. „Hast du denn wenigstens meine alten Stiefel zum Schuhmacher gebracht? In diesen krummen Halbschuhen hole ich mir nur Blasen.“ Er rieb seine Zehen. „Nein, Mathias. Es war so furchtbares Wetter und du weißt doch, dass ich mich bei Gewitter nicht durch den Wald traue. Ich hab solche Angst, dass es einschlägt.“ „Du bist vielleicht ein Angsthase! Das bisschen Wetterleuchten nennst du Gewitter? Du hast doch nur eine Ausrede gesucht. Faul bist du, das ist alles!“ Sie wagte nicht, aufzuschauen. Still ließ sie seinen Wortschwall über sich ergehen. „Gleich morgen gehe ich nach Aichhalden“, beteuerte sie. „Aber sag dem Schuster, er soll sich beeilen. Nicht wie das letzte Mal.“ Der Schuster macht nichts auf Pump, dachte sie bitter. Aber seine Schuhe sind ja wichtig. Schließlich geht er damit von Hof zu Hof und versucht sein Zeug loszuwerden oder etwas zu reparieren. Sie seufzte. „Was ist?“, fuhr er auf. „Du hast ja wohl nichts zu jammern. Sitzt hier in der warmen Stube und lässt es dir gut gehen, während ich für das Geld sorge. So gut will ich es auch mal haben.“ Er hat keine Ahnung, dachte sie böse, jeden Tag was zu essen auf den Tisch bringen für drei Leute… Und Eugen isst mächtig. So ein junger Kerl braucht das. Kochen mit fast gar nichts. Der Garten gibt nicht genug her, das Geld ist knapp. Er versteht nichts davon. Es interessiert ihn auch nicht. Er ist einfach nur am Schimpfen, immer gleich schlecht gelaunt und laut. Und so gemein. Jetzt kamen wieder die Tränen. Er schüttelte den Kopf. „Nicht auszuhalten mit dir, Heulsuse. Nichts darf man sagen!“ Sophie wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Tränen aus dem Augenwinkel. Sie räumte die eingetauschten Lebensmittel in die Speisekammer: fünf Zwiebeln, ein Stück Speck, einen Beutel Mehl und einen Schmalztopf. „Die Breitreuterin will den Topf zurück, wenn er leer ist.“, brummte Mathias. „Ist denn die Suppe endlich fertig? Ich komme um vor Hunger“, schimpfte er. Sophie ging in die Küche und holte die Nudelsuppe. „Gut, dass du da bist. Der Sturm wird immer schlimmer und ich fürchte mich. Überall klappert es und heult. Und wenn ein Funke aufs Strohdach fliegt, dann brennt das Haus ab.“ Er schüttelte den Kopf. „Alter Hasenfuß. Was du dir immer zusammendenkst!“ Er aß schweigend. Heute wartete Sophie vergeblich auf Neuigkeiten. Ohne ein Wort legte er sich aufs Sofa, zog die Wolldecke hoch, stopfte sich das Kissen unter den Kopf und schlief augenblicklich ein.

Sophie trug Teller und Besteck in die Küche, goss Wasser aus dem Teekessel vom Herd in eine kleine Zinkwanne und begann das Geschirr zu spülen. Im Topf war ein Rest Suppe, den stellte sie für Eugen zur Seite, der in einer Stunde von der Schule kam. Sie trug den Rucksack in die Speisekammer, wo er auf einem Stuhl in der Ecke seinen Platz hatte. „Was hat er da noch im Rucksack?“, murmelte sie. „Der ist doch noch nicht leer.“ Sie hatte gedacht, er würde schlafen, aber er rief durch die offene Stubentür: „Lass die Finger von meinem Zeug!“ Sophie zuckte zusammen. „Den Katalog habe ich dem Halter in Dornhan abgeschwätzt. Ist zwar vom letzten Jahr, aber das macht nichts. Da kann ich per Postkarte bestellen, die liefern an jeden Bahnhof. Jetzt kann ich wirklich alle Wünsche meiner Kunden erfüllen.“ Grunzend zog er die Wolldecke bis ans Kinn und drehte sich auf die andere Seite. Er hat gesagt, ich soll die Finger weglassen. Trotzdem… Die Neugier siegte. Sophie fing an, in dem dicken Katalog zu blättern. Mathias bewegte sich nicht. Schlief er? Sophie blätterte leise. Was für eine Welt tat sich da auf! Jede Seite von oben bis unten voll mit kleinen Strichzeichnungen mit allem, was es zu kaufen gab. Sophie kam aus dem Staunen nicht heraus. Sie wurde richtig aufgeregt: Da, mein Fahrrad, das ich in Lahr hatte, es hat die Nummer 26. Ja, es ist wirklich genau das… Ach, was war das für eine herrliche Zeit, als ich mit meinen Freundinnen am Sonntag zum Picknick gefahren bin. Damals konnte ich mir sogar ein Fahrrad leisten von dem Geld, das ich auf der Obstplantage verdient habe. Das war vor dem Krieg. Und dann all die netten jungen Männer. Mathias war der Schwarm aller Mädchen gewesen, der beliebteste aller Packer vom Roth-Händle. Sophie blätterte weiter. Nähmaschinen. 114 Mark für eine „Deutschland Langschiff“, wer hat denn so viel Geld? Eine Zentralspulenmaschine kostet 167 Mark, die kann sogar rückwärts nähen. Mathias schnarchte. Spielzeug! Sophie blätterte weiter. So ein Flohspiel hatten wir zu Hause und genau so ein Mensch ärgere dich nicht. Meine Schwester Rosina hatte immer alle gnadenlos rausgeworfen und Christina ist oft heulend zur Mutter gelaufen, weil sie verloren hat. Sophie dachte gerne an ihre Kindheit auf dem kleinen Gütli mit ihren sechs Schwestern und den beiden großen Brüdern. Sie schlug die nächste Seite auf. Oh, diese hübschen Puppen! Kuchenformen, Küchenwaagen, Taschen. Sophie war in einer anderen Welt. Was es alles gab. Da drehte sich Mathias um. Wütend setzte er sich auf und schnaubte: „Hatte ich nicht gesagt, du sollst die Finger weglassen? Kümmere dich lieber um deinen Haushalt. Überall liegen Staubflocken. Meine Socken haben Löcher und den Hühnerstall muss man putzen. Faul bist du! Stattdessen hockst du hier und liest.“ Sophie erschrak furchtbar, sie hatte ihn komplett vergessen. Er sprang auf und riss ihr den Katalog aus der Hand. „ Scher dich an deine Arbeit, du neugieriges Ding!“, rief er erbost. „Und hör auf, von Sachen zu träumen, die wir uns niemals leisten können.“ Sophie schossen die Tränen in die Augen. „Träumen ist nicht verboten,“ sagte sie leise. „Du hast ein feines Leben, während ich mich mit den sturen Schwarzwaldbauern herumärgern muss. Geizig sind sie und eigensinnig. Du bist schuld, du wolltest unbedingt von Lahr weg und wieder nach Lehengericht.“ Mathias gestikulierte wild mit den Armen. „Moment.“ Sie steckte den Katalog wieder in den Rucksack. „Hast du vergessen, dass wir in Lahr fast verhungert wären? Damals, als plötzlich alle auf der Straße standen? Als keiner mehr Arbeit gefunden hat, damals 1911? Von was hätten wir leben sollen? Von den paar Pfennigen, die ich in der Zwetschgenplantage verdient habe? Und das mit drei kleinen Kindern! Es war die Not. Hier haben wir wenigstens noch einen Garten und ein paar Hühner und die Familie, die aushilft, wenn‘s gar nicht mehr geht.“ Sie ging in die Küche. Er kam ihr nach. „Aber hier, in diesem gottverlassenen Nest, bin ich auf die Gunst der Bauern angewiesen, dass sie bitte was kaufen und ob sie vielleicht etwas zum reparieren haben. Ach...“ Er holte sein Schulheft, zählte das Kleingeld und trug seine Einnahmen in die Liste ein. „ Wenn es nach mir gegangen wäre, säßen wir jetzt sowieso in Amerika auf einer feinen Farm. Damals, als der Georg mir seine Fahrkarte gezeigt hat 1912, da wäre ich hier verschwunden. Aber du, du hast gleich angefangen zu heulen, wie ich mir das vorstelle mit drei Kindern... Nach Amerika. Das wäre es gewesen.“ Mathias redete sich in Wut. „Mit dir kann man gar nichts anfangen. Keinerlei Mum in den Knochen. Du bist ein Angsthase. Wär ich so ängstlich wie du, würde ich keinen Pfennig verdienen. Kein Mensch kauft einem was ab, wenn man nicht forsch auftritt.“ „ Ich will gar nicht verkaufen gehen. Hab genug von der Bettelei während dem Krieg. Wenn die Hunde so kläffen und an mir hochspringen, da sterbe ich fast. Und dann das Gesindel, das sich herumtreibt…“ „Nicht mal zur Genossenschaft kann man dich schicken. Du lässt dich so leicht über den Tisch ziehen, bringt das Falsche und vergisst die Hälfte. Du bist zu nichts zu gebrauchen!“ Sophie schniefte leise. So redet er immer, dachte sie. Ich bin ihm weniger wert als ein Stück Dreck. Vielleicht hat er ja recht. Ich gebe mir solche Mühe, alles zu tun, dass er nichts zu meckern hat, aber nie ist es genug. Er ging ins Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Sophie begann seine Stiefel zu putzen. Sie ahnte, was gleichkommen würde. „Sophie! Komm!“, rief er kurz darauf aus dem Schlafzimmer. Selbst nach dem größten Streit wartete er im Bett auf sie. „Lieber ein dürres Weib, bei dem überall die Knochen raus stehen, als gar keines. Komm, ein bisschen Vergnügen braucht der Mensch!“ Unsere Ehe ist auf dem Tiefpunkt, dachte Sophie bekümmert. Seit der Krieg vorbei ist, sind wir uns fremd. Und das, obwohl Mathias schon fast sechs Jahre wieder da ist. Aber wo soll ich hin, ich bin 45. Und was will eine Frau allein?

– zwei –

Sophie!“ Gerade kam sie mit dem leeren Blechnapf vom Hühnerfüttern zurück. „Hast du meinen Hammer weggenommen?“ „Nein!“ „Ich hatte ihn auf dem Nachttisch liegen. Los, hilf mir suchen. Ich muss der Bahnhofsvorsteherin ihr Schmuckkästchen reparieren.“ Sophie ärgerte sich. Immer sollte sie seine Sachen benutzt haben. Nur weil er so unordentlich war und sie verlegte. Sie seufzte. War er zu Hause, rief er ständig nach ihr, so, als hätte sie nichts zu arbeiten. „Da liegt er doch, schau halt richtig!“, fauchte sie wütend. Sie zog ihre Schuhe an und sagte: „Ich muss heute noch ins Städtle. Beim Haller gibt´s Zucker und ich habe einen Bezugsschein für drei Pfund.“ „Kaum ist das Geld da, trägst du‘s schon wieder fort. Wozu brauchst du jetzt Zucker? So eine Verschwendung. Du hast doch genug Zucker im Tonkrug in der Speisekammer. Ich hab‘s genau gesehen. Du hortest ihn, das ist ja verrückt!“ Sie sah ihn hart an: „Mein lieber Mathias, wenn ich den Zucker heute nicht hole, kann ich keine Marmelade kochen, wenn die Beeren reif sind. Dann kann ich sie gerade fortschmeißen. Ich mach das nicht zum Spaß.“ Sie holte ihr Kopftuch aus dem Schrank, da fiel ihr ein kleiner Zettel in die Hand. Bezugsschein für Kerzen, das war letzte Woche. Vielleicht konnte sie noch eine bekommen. Wenn sie schon für die Lampe kein Petroleum hatte. Mathias sah es nicht gern, wenn sie Kerzen anzündete. Aber sie wollte wenigstens welche im Haus haben, wenn sie nachts mal zum Klohäuschen musste. Donnerstag gab es Salz auf Schein. Da musste sie wieder los. Sophie zog die Strickjacke über und verließ das Haus. Es war kühl, zu kühl für Anfang Juni. Aber wenn sie stramm marschierte, spürte sie die Kälte nicht. Bis Schiltach war es eine Stunde Fußweg. Aber wenn es heute Zucker gab, musste sie ins Städtle. Mathias hat wirklich keine Ahnung, wie mühsam es ist, nur das Nötigste zum Essen zusammen zu kriegen, seufzte Sophie. Schimpfen und Meckern ist einfach. Sie schritt rasch aus. Zum Glück war es im Juni lange hell, denn in der Dunkelheit fürchtete sie sich. Je weiter sie vom Haus weg ging, umso fröhlicher wurde ihr ums Herz. Sie begann ihre Umgebung wahrzunehmen. Herrlich, dieser Ausblick auf die dunkelgrünen Schwarzwaldberge mit den tiefen Tälern. Es duftete nach frisch gemähtem Gras, am Waldrand, wo die Sonne hin schien, leuchteten die ersten Walderdbeeren. Eine Schar Spatzen flog schwatzend und zeternd auf. Sophie atmete tief ein. Das Leben war doch schön, zumindest hier in der hellen Sonne. Oh, Margeriten, ich liebe Margeriten. Sie blieb stehen und freute sich an dem Meer von weißgelben Blüten, zwischen denen feine rote Sauerampfer aufragten. Ich könnte einen Strauß pflücken, fiel ihr ein, vielleicht gibt mir die Metzgerin Armbruster dafür ein kleines Stück Fleischwurst. Dann hätte ich morgen ein leckeres Mittagessen. Ja, man muss heutzutage schauen, wie man zu was kommt, grinste sie in sich hinein. Mathias würde staunen. Nicht nur er brachte Geld und Essen nach Hause!

Als sie sich der Metzgerei näherte, wurden ihre Schritte langsamer. Margeriten gegen Fleischwurst, war das nicht ein bisschen wie Betteln? Was wird die Metzgerin sagen? Sophie schämte sich. Vor ein paar Jahren nach dem Krieg, da hatte keiner was, jeder musste sehen, wo er etwas zu essen her bekam. Aber jetzt, jetzt haben die Leute wieder Geld. Nur ich nicht, nur ich muss noch betteln, dachte Sophie bitter. Wie peinlich. Sie wollte vor der Treppe warten, bis der Laden leer war. „Ja grüß Gott!“, rief es plötzlich fröhlich neben ihr. „Du bist doch die Sophie aus dem vorderen Erdlinsbach, stimmt‘s? Hab´ dich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen!“ Sophie trat einen Schritt zurück und musterte ihr Gegenüber. Fürstenberger Tracht? Wen kannte sie in Fürstenberger Tracht? „Ich bin die Creszenz vom Sulzbächle. Bin jetzt in Schapbach verheiratet, komm selten ins Städtle. Und du? Wie geht es dir?“ Sophie dämmerte es, die Creszenz, übereifrig und redselig war sie schon in der Schule gewesen. Es musste ihr gut gehen, denn Rock und Bluse saßen rund und drall. Ihre Hände verrieten zwar, dass sie fest zupacken musste, doch der Korb über ihrem Arm zeigte auch, dass sie Geld hatte, um ordentlich einzukaufen. „Dein Mann arbeitet bei Junghans, stimmt‘s? Und ihr wohnt im Herrenweg. Soweit kann ich mich erinnern.“ Sophie schüttelte den Kopf. „Schon lange nicht mehr. Das war vor dem Krieg. Als Mathias von der Front kam, haben sie ihn nicht mehr genommen.“ „Aber jetzt hat er sicher Arbeit, oder? Ist er beim Grohe?“ „Er verkauft… und repariert.“ Sophie wusste nicht, wie sie es erklären sollte. „Haushaltswaren und Nähmaschinenzubehör. Er ist sehr geschickt im Reparieren.“ „Wie? An den Haustüren? Er ist Hausierer?“ Creszenz riss die Augen auf. „Wirklich? Ist dabei was verdient?“ Sophie zuckte die Achseln und nestelte verlegen an ihrer Jacke. „Und du? Gehst du wenigstens in die Fabrik? Sonst reicht euch doch das Geld vorne und hinten nicht.“ Creszenzia redete laut und Sophie fürchtete, die Leute müssten gleich stehen bleiben und die Hälse recken. „Nein, Mathias findet, eine Frau gehört an den Herd. Außerdem ist Eugen noch zu Hause und vom Rohrbach aus ist es zu weit zum Grohe.“ Die Frau schüttelte den Kopf. „Was für ein armseliges Leben. Hausierer. Ich finde, du hättest etwas Besseres verdient, wirklich. Und deine Kinder? Wo sind die?“ Sophie hatte keine Lust auf dieses Verhör. Sie sah sich Hilfe suchend um, aber ihr wollte nichts einfallen, wie sie ihrer Schulkameradin entkommen könnte. „Elsa ist in Stellung hier in Schiltach bei Frau Beeh.“ Creszenz nickte anerkennend. Frau Beeh war stadtbekannt. Eine gute Frau mit hervorragendem Ruf. Jeder kannte ihre Mittelschule für Mädchen und die dazugehörige Pension für auswärtige Schülerinnen in der Schramberger Straße. „Anna arbeitet als Jungmagd auf einem Hof in der Nachbarschaft und Walter ist auf der Säge von meinem Vetter, dem Bühler in Lehengericht. Eugen kann im Sommer auch dort anfangen, wenn er mit der Schule fertig ist. Und du, hast du Kinder?“ Verzweifelt versuchte Sophie, das Gespräch von sich weg zu lenken. Doch Creszenz bekam geschickt den Bogen auf Sophie zurück. „Gehst du auch zum Metzger? Heute ist Suppenfleisch im Angebot.“ Sie zeigte auf den großen Aufsteller am Fuß der Treppe. „Mein Friedrich liebt Nudelsuppe mit viel Fleisch.“ Sophie war die Situation unendlich peinlich. Sie hatte kein Geld, um Suppenfleisch zu kaufen, nur Margeriten zum Tauschen. Und sie hatte warten wollen, bis keine Kunden mehr im Laden waren. Creszenzia verstand ihr Zögern als ein Ja und schob Sophie die Treppe hinauf. Mit einer Handbewegung ließ sie ihr den Vortritt. Mit hochrotem Kopf stand Sophie vor der Ladentheke. Sie musste nichts sagen, die Metzgerin wusste Bescheid. „Sie bringen mir Blumen, Frau Bossert?“ Nachdenklich kratzte sie sich am Hinterkopf. „Naja, ist ein hübscher Strauß. Geben sie her.“ Sie stellte die Blumen in ein Weckglas, langte ihr großes Messer und schnitt ein Viertel Fleischwurst ab. „Diesmal noch, Frau Bossert, aber die Tauscherei sollte bitte keine Gewohnheit werden.“ Sie wickelte die Wurst in ein Papier und reichte sie Sophie über den Ladentisch. Als Sophie die Wurst in die Tasche steckte, spürte sie Crescenzias belustigten Blick. Am liebsten wäre sie im Boden versunken. War das bisschen Wurst diese Demütigung wert? Mit einem gemurmelten Gruß verließ sie den Laden, die Augen voller Tränen.

Mindestens einmal die Woche musste Sophie nach Schiltach. Seit dem Krieg gab es viele Dinge auf Bezugsschein. Aber immerhin, es gab sie. Donnerstag musste sie schon wieder gehen. Sie hatte die leere Milchkanne mit und zehn Eier. Auf dem Rückweg würde sie versuchen, sie bei Grünbergers gegen zwei Liter Milch einzutauschen. Der Weg machte ihr nichts aus, im Gegenteil, so hatte sie Zeit zum Nachdenken und konnte ihre Gedanken wandern lassen. Seit der Begegnung mit Creszenzia versuchte sie, möglichst wenige Leuten zu treffen. Sie wollte nicht ausgefragt werden, hatte Angst, dass man über sie redete. Dabei war sie stolz auf ihre Familie, hatte sie nicht wunderbare Töchter und starke Söhne? Ach, fiel ihr gerade ein, am Sonntag wird Elsa nach Hause auf den Rohrbach kommen. Sie ist bestimmt schon drei Sonntage nicht da gewesen, weil sie nicht frei bekam. Ich bin so stolz auf sie, erst letzten Sonntag nach der Kirche hat Frau Beeh sie gelobt. Sie sei so zuverlässig und könnte kräftig zupacken. Wie gut, dass Anna auch eine Stelle im Haushalt hat und bei Frau Grünberger viel lernt. Das ist zwar keine so vornehme Pension und ein angesehenes Haus wie Elsas Stelle, aber dafür ein großer Bauernhof mit einem riesigen Bauerngarten. Eugen, der ist noch in der Schule, aber er wird im Sommer auf der Bühlersäge anfangen und so tüchtig arbeiten wie Walter. Doch, ich bin stolz auf meine vier Kinder. Wenn die Mädchen jetzt nur noch einen rechten Mann bekommen. Sophie lächelte. Hoffentlich hat das noch ein bisschen Zeit, schließlich ist Anna erst sechzehn und Elsa fünfzehn. Zwei hübsche Mädels. Sind sie nicht erst in die Schule gekommen? Wo ist nur die Zeit geblieben?

Auf dem Rückweg schaute sie bei Grünbergers vorbei, wegen der Milch. Vielleicht konnte sie ein paar Worte mit Anna wechseln. Wenn sie nicht wieder auf dem hinteren Acker war zum Kartoffeln hacken, wie beim letzten Mal. Sophie war stolz auf ihre Tochter, denn sie konnte trotz ihrer zarten Statur ordentlich arbeiten. Bei Frau Grünberg würde sie eine Menge lernen, Haushalt, Garten, Kindererziehung, Kochen. Klara Grünberger schöpfte ihr zwei Liter Milch in die Kanne. Ihre Hühner legten gerade schlecht, sie könne die Eier gut gebrauchen, sagte sie. Die Bäuerin schickte Bertha, um Anna zu holen. „Frau Bossert, es ist gut, dass sie kommen. Anna macht mir Sorgen. Sie sieht gar nicht gut aus, seit Tagen.“ Sophie erschrak. Ihr fröhliches, aufgewecktes Mädchen wirkte blass und unsicher, erschöpft. Sophie legte die Arme um sie. „Was ist mit dir, Kind?“ Irgendetwas machte sie sehr besorgt. So war Anna sonst nie. „Du zitterst ja.“ Anna sagte kein Wort, aber in ihren Augen schimmerten Tränen. „Ich weiß nicht, was sie hat.“ Frau Grünberger schloss die Stalltür. „Sie ist schon die ganze Woche so seltsam. Aber anscheinend weiß sie selbst nicht, was ihr fehlt.“ Sophie setzte sich mit Anna auf die Bank auf der Veranda. „Tut dir was weh, Anna?“ Wortloses Kopfschütteln. Früher hat sie geredet wie ein Wasserfall, dachte Sophie bestürzt und jetzt muss man ihr jedes Wort aus der Nase ziehen. „Ich glaube, sie wird krank.“, vermutete Frau Grünberg. „Vielleicht nehmen Sie sie einfach mit nach Hause und stecken sie ins Bett. Dann ist sie am Montag wieder munter.“ Sie verschwand im Vorratsraum. „Hier“ , sagte sie, als sie wieder auftauchte. „Nehmen Sie noch zwei Pfund Mehl mit und ein Stück Butter. Dann können Sie ihr Pfannkuchen backen, das liebt sie doch so. Und nun seht zu, dass ihr nach Hause kommt. Gleich ist es Nacht.“ Sophie erschrak. Sie hasste es, bei Nacht durch das Wäldchen zu gehen. Vor lauter Sorge um Anna hatte sie gar nicht auf die Zeit geachtet. Unterwegs versuchte sie herauszufinden, wo eigentlich das Problem lag. „Hast du Halsschmerzen? Kopfweh? Fieber?“ Anna schüttelte nur stumm den Kopf. „Vielleicht bekommst du deine Tage. Da geht´s mir auch oft nicht gut.“ Anna schwieg. Den ganzen Weg hatte Sophie Angst, sie würde ihr umfallen. Was hatte das Mädchen nur? „Hast du irgendeinen Kummer, Anna?“ Versuchte sie es wieder. Da brach Anna in Tränen aus. Sophie nahm sie liebevoll in den Arm. Anna schluchzte.

Den Pfannkuchen rührte Anna nicht an. Zum Glück hatte Sophie nur ein halbes Rezept gemacht und so blieb noch Mehl für Spätzle. Zusammen mit einem Blumenkohl aus dem Garten und dem kleinen Stück Fleischwurst, das sie gestern gegen die Margeriten eingetauscht hatte, gab das eine schöne Mahlzeit. Mathias schmatzte zufrieden. Nach dem Essen wollte er wieder los. „Heute Nacht komme ich nicht nach Hause. Ich muss nach Oberndorf zum Franz Schaffler und Ersatzteile holen. Sonst krieg ich die Nähmaschine von der Hauser nicht flott. Die hat eine alte Adler, mindestens 30 Jahre alt. Soll doch eine neue kaufen, Geld ist doch da. Aber sie lässt sich nichts sagen.“ Während er sprach, packte er seinen Rucksack: drei Rollen Bindfaden, zwei Kännchen Nähmaschinenöl, Schuhbändel, Melkfett, Messer. Er räumte das ganze Regal im Abstellraum aus bis die Schnalle am Rucksack spannte. „Auf dem Rückweg schau ich bei meinem Vater rein. Muss mich mal wieder sehen lassen, sonst denken die Leute, ich kümmere mich nicht. Was natürlich stimmt.“ Er lachte rau. Umständlich ließ er sich auf die Bodenstiege nieder, um seine Stiefel zu schnüren. „Ich gehe da nicht gern hin. Der alte Kauz ist zu peinlich.“ „Mathias! Red nicht so. Er ist schließlich dein Vater. Bestell ihm schöne Grüße von mir. Und warte…“ Mit einem großen Glas Erdbeermarmelade kam sie wieder aus der Küche. „… Das nimmst du ihm mit.“ Er brummte was von… „Bis Wälde schleppen,“ aber dann stopfte er sie in die Jackentasche. „Wenn der Joschi nur nicht wieder mit der alten Geschichte anfängt. Jedes Mal, wenn ich in Horb oder Oberndorf auftauche, kommt einer damit an. Ob mein alter Vater noch lebe. Seine Prophezeiung sei immer noch nicht eingetreten. Die Juden von Rexingen hätten sie nicht vergessen.“ „Was Vater Jakob von dem großen Krieg gesagt hat?“ „Ja, ja, das war anno fünfzehn. Mitten im Krieg. Da hat er in Rexingen die Juden an gepredigt. Nein, angebettelt hat er sie. Sie sollten nach Palästina, nur dort wären sie sicher. Es kämen noch ein schlimmerer Krieg und eine schreckliche Judenverfolgung. Nix ist gekommen, gar nix. Und ich hab den Spott. Ich sag ja, peinlich dieser Vater.“ „Ich wäre nicht so respektlos, Mathias. Wenn es stimmt, dass Gott ihn zu den Juden geschickt hat, muss man es ernst nehmen.“ „Gott!“, Mathias sprang erregt auf. „Alles ausgedachte Geschichten. Kein Grund, sich so zu blamieren und mich dazu. Er kann glauben, was er will. Aber er soll es gefälligst für sich behalten.“ „Hat er nicht auch seinen Nachbarn vorausgesagt, wem sein Sohn lebend aus dem Krieg wiederkommt und es ist eingetreten? Vielleicht ist doch was dran?“ „Dummes Zeug. Alles dummes Zeug!“, schimpfte er. „Wo wirst du schlafen?“ Sophie wechselte das Thema, wie oft hatte sie diese Geschichte schon gehört. „Mal sehen, vielleicht beim Franz in Dornhan. Oder irgendwo in der Scheune. Werd was finden.“ Wieder eine Nacht alleine. Wieder eine Nacht in Angst. Sie mochte nicht daran denken. Ein paar Schritte folgte sie ihm und schaute ihm nach, wie er den Berg hinaufstieg Richtung Aichhalden. Irgendwie bin ich zwei Frauen, dachte sie im Hineingehen. Wenn er da ist, dreht sich alles um ihn. Ich stehe immer unter Anspannung, was er wieder zum Schimpfen hat, wann sein nächster Wutausbruch kommt. Alles versuche ich ihm recht zu machen, damit er nur ja nicht rumschreit. Aber ist er zur Tür hinaus, bin ich eine andere Frau: ohne Mut und Kraft, ängstlich und ach… überfordert mit allem.

Leise öffnete sie die Tür zu Annas Kämmerchen. Anna lag im Halbdunkeln. Hier war es immer halb dunkel, weil das Dach so tief herabgezogen, kaum Licht herein ließ. Anna lag mit Kleidern auf dem Bett. Sie hatte nur einen Pfannkuchen gegessen und dabei hatte Sophie versucht, alles nett anzurichten. Ihr eigenes Stück Wurst hatte sie Anna dazu gelegt. „Iss doch, Kind.“ Sagte sie kopfschüttelnd und setzte sich auf die Bettkante. „Du verhungerst mir noch.“ Anna schüttelte stumm den Kopf und drehte das Gesicht zur Wand. Meine Anna, dachte Sophie verzweifelt. Was ist mit ihr? Ich glaube, wir müssen den Arzt holen. „Komm doch ein bisschen zu mir in die Stube. Du kannst mir helfen, Erbsen auspellen.“ Kopfschütteln. Was soll ich nur tun? Das ist nicht unsere Anna. Mathias kümmert es scheinbar gar nicht. Sie streichelte Annas Hand, die ganz kalt war. Annas eigenartige Starre macht mir Angst, so war sie nie. Ja, sie war immer eher ruhig und zurückhaltend. Aber ihre Augen hatten lebhaft geblitzt und verschmitzte Falten um die Nase waren ihr Markenzeichen. Aber jetzt sind ihre Augen leer, matt, dunkel. Es kommt mir vor, als sei Anna etwas Schreckliches zugestoßen. Aber was sollte passieren, hier oben auf einem einsamen Bauernhof? Die Zeit, wo heimkehrende Kriegsgefangene die Gegend unsicher machen und Kinder ängstigen, ist doch Gott sei Dank vorbei. Meine Anna! Wenn sie nun stirbt?

Eugen saß am Küchentisch und machte Hausaufgaben. Sophie setzte sich zu ihm. „Wenn du hier fertig bist, musst du runter gehen in den Rohrbachgrund. Die alte Lina hat wieder mal Bronchitis. Sag ihnen, wenn Doktor Wöhrle nächstes Mal kommt, soll er bitte hochkommen und nach Anna sehen. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen.“ Eugen sah die Mutter groß an. „Ist es so schlimm? Oh Mutter! Meine liebe Anna. Ich hab Angst um sie. Hoffentlich wird sie bald gesund.“ Er ließ seine Sachen ausgebreitet liegen und lief augenblicklich los.

– drei –

Als sie am Donnerstag mit dem Salz aus dem Städtle wiederkam, war sie durchgeschwitzt und müde. Sie wusch sich am Brunnen und zog das andere Kleid an. Überrascht blieb sie an der Stubentür stehen. Johann war gekommen und saß mit Mathias am Tisch, einen Krug Most vor sich. „Da kommst du ja endlich! Dein Bruder ist schon eine ganze Stunde da“, rief Mathias. Er schien gut gelaunt zu sein. Sophie holte Brot und Sauermilch aus der Vorratskammer und stellte drei Teller auf den Tisch. „Vater hat mich geschickt“, begann Johann, als Sophie sich setzte. Gut sieht er aus, mein großer Bruder, dachte sie. Artig gekämmter Seitenscheitel, Oberlippenbärtchen. Sie hatte ihn schon immer angehimmelt. Johann legte ein braunes Päckchen auf den Tisch. „Sie haben Mutters Schränke ausgeräumt. Das hier hatte einen Zettel dran: Für meine geliebte Sophie.“ Sophie wurde es warm ums Herz. Mutter! Im Februar war sie gestorben, nachdem sie schon ein halbes Jahr krank gewesen war. Sophie begann die Schnur zu lösen. Nein, dachte sie, ich fang doch wieder an zu heulen, ich mach es später auf, wenn ich alleine bin. Sie legte das Päckchen auf den Schrank und setzte sich zu den Männern. „Wie läuft das Geschäft?“, fragte Johann gerade. „Ich bin ganz zufrieden. Habe inzwischen einen großen Kundenkreis.“ Stolz sprach aus Mathias Augen. „Die Leute warten schon auf mich. Vor allem, wenn irgendwo was kaputt gegangen ist. Ich krieg fast alles wieder hin: Nähmaschinen, Fahrräder, Futterschneiden, Dreschmaschinen. Sogar das Grammophon von der Frau Apotheker habe ich wieder zum Laufen gekriegt. Johann nickte anerkennend. „Seit die Reichsmark da ist, können die Leute wenigstens wieder zahlen. Die Papiermark war ja am Ende gar nichts mehr wert!“ „Ja, meine Frau hat die Scheine mit der Einkaufstasche zum Laden getragen. Die ist immer gleich losgelaufen und hat eingekauft, bevor der Wert schon wieder gefallen war.“ „Das waren keine Zustände mehr. Der Doktor hat schon gar kein Geld mehr genommen, der wollte Brot und Wurst und Eier.“ Mathias goss sich Most nach. „Jetzt kann ich wieder ordentlich arbeiten. Ersatzteile und Schrauben kann man nicht mit Eiern bezahlen.“ „Ich bin froh, dass wir jetzt wieder rechtes Geld haben“, seufzte Johann. „Und ich erst. Bei der irren Inflation musste ich innerhalb von Stunden weiterverkaufen, sonst hab ich kaum den Einkaufspreis gekriegt. Und am Schluss haben sie uns nicht mal mehr das letzte Papiergeld eingetauscht. Verrückte Zeit!“ Sophie goss sich Wasser ein. So viel Most am hellen Nachmittag tat ihr nicht gut. Mathias war froh, dass sich jemand für sein Geschäft interessierte. „Man nennt mich Hausierer. Das klingt schlechter als es ist. Inzwischen habe ich einen Wander- Gewerbeschein, verkaufe eine Menge Sachen, die jeder brauchen kann. Ich bin sehr geschickt im Reparieren. Ich krieg ich alles wieder hin, was so kaputt geht. Das macht mir so schnell keiner nach. Doch, das Geschäft läuft gut. Hat auch lange genug gedauert.“ Sophie tunkte das Brot in die Sauermilch und ließ es sich schmecken, auch die beiden Männer griffen zu. „Hausierer sind beliebte Leute. Vor allem die Frauen freuen sich über den neuesten Tratsch. Und da kann ich immer etwas mitbringen.“ Er lachte heiser. „Bei Frauen bist du sowieso beliebt!“ Johann grinste. Sophie schaute ihn irritiert an. Was meinte er damit? Mathias hatte von der Anspielung nichts gemerkt. Er redete gern über sein Geschäft, seine Augen glänzten und der Schnurrbart tanzte auf und ab. „Es ist halt immer wichtig, dass die Kunden zufrieden sind. Ein guter Ruf ist alles. Wenn sie dir nicht mehr trauen, lassen sie dich nicht mehr über die Schwelle.“ Johann nickte zustimmend. „Ich wollte nicht mehr in die Fabrik.“ Mathias redete und redete. „Auch wenn ich das alles aus Not angefangen hab, damals, als ich bei Junghans entlassen wurde.“ „Viele wurden damals entlassen. Zum Glück bin ich beim Grohe. Da geht‘s grad aufwärts“, sagte Johann. „Ach, mir ist es recht so.“ Mathias schenkte sich noch einmal Most ein. „Ich komm weit rum, kenne eine Menge Leute und kriege neue Entwicklungen mit. Mir passt das.“ Sophie überlegte, was ihre Mutter da eingepackt haben mochte. Zärtlich dachte sie an zu Hause. Die Mutter fehlte ihr. Ich hätte sie öfters besuchen sollen, als sie krank war, dachte sie traurig. Aber es sind immerhin fast zwei Stunden Fußmarsch in den unteren Erdlinsbach. Ich hatte ein gutes Zuhause, dachte Sophie und schaute ihren Lieblingsbruder an. Dort hat niemand herumgeschrien und andere herunter gemacht, keiner hat abfällig geredet und Bosheiten verteilt. Und niemand hat gesagt: „Du taugst nichts, das kannst du nicht, du hast zwei linke Hände.“ Nun war Vater allein. Nein, nicht allein, ihre jüngste Schwester Magdalena wohnte im Haus und würde gut für ihn sorgen. Johann erhob sich. „Vielen Dank für das Essen. Lasst euch wieder mal bei uns sehen!“

Sophie trug die Teller in die Küche, damit Mathias sein Werkzeug auf dem Stubentisch ausbreiten konnte. Er begann das Schmuckkästchen zu reparieren. Sophie holte das Päckchen vom Schrank und verzog sich ins Schlafzimmer. Sie wollte allein sein. Sie löste den Bindfaden und faltete das Packpapier auf. Mutters Gesangbuch! Liebevoll strich Sophie über den schwarzen, abgegriffenen Einband mit der Goldprägung. „Bleibe fromm und halt dich recht“, stand darauf. Sophie blätterte es auf. Auf der ersten Seite prangte der Spruch: „Rufe mich an in der Not!“ Ein Foto fiel heraus: das Familienbild. Da stehen sie alle, dachte sie. Meine sechs Schwestern und die beiden Jungs. Mein Vater, ein korrekter Beamter, ein Mensch mit gutem Herzen, streng und liebenswert zugleich. Und im Mittelpunkt des Bildes und der Familie: Mutter. Sie lächelt, stolz auf ihre Familie. Sophie seufzte. O Mutter, so vieles habe ich von dir gelernt. Die Sache mit dem Strickzeug fiel ihr ein. Das fange ich nicht an, hatte sie gesagt, als Mutter mit den Stricknadeln ankam. Ich hab zwei linke Hände, ich kann das nicht. Da war ihre Mutter unerbittlich gewesen: Natürlich wirst du Stricken lernen, keine Widerrede, das kann man brauchen. Zum Glück hat sie nicht locker gelassen. Jetzt kann ich stricken und verstehe selbst nicht mehr, warum ich es nicht lernen wollte. Das Gesangbuch roch nach Kirche und nach Mutters Parfüm, dass sie nur sonntags trug. Sophie hielt die Blätter ganz nah an die Nase und sog den Duft ein. Wenn Sie die Augen schloss, sah sie das lächelnde Gesicht ihrer Mutter. Das lila Bändchen lag bei dem Lied: „Ein feste Burg ist unser Gott…“ Das hatte ihre Mutter sehr geliebt. Sie war eine treue Kirchgängerin gewesen, eine fromme Frau. Trotzdem stand sie mit beiden Beinen im Leben. Das musste sie auch, bei so einem großen Haushalt. Manchmal hat sie gesungen. Sie kannte viele Kirchenlieder auswendig. Eine Seite fiel von selber auf, als Sophie weiterblätterte: „Geh aus mein Herz und suche Freud an dieser lieben Sommerszeit.“ Und jetzt ist Mutter nicht mehr da, dachte sie traurig. Sie steckte das Gesangbuch zwischen ihre Wäsche. Es war ihr Schatz. Mathias sollte ihn nicht finden und sich darüber lustig machen. Er hielt nichts von Glauben und Kirche. Er wolle niemals so ein frommer Spinner werden, wie sein Vater, sagte er immer. Sie würde heimlich im Gesangbuch lesen. Es würde ihr gut tun.