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Alpirsbach im Schwarzwald. Eine gewöhnliche deutsche Familie kämpft im Jahr 1946 mit den Auswirkungen des zweiten Weltkriegs. Es gibt keine Wohnung für die Familie mit sieben Kindern. Elsa und Andres beschließen, ein Haus zu bauen. Das scheint schier unmöglich mit ihren geringen Mitteln und den schlechten äußeren Bedingungen. Dazu kommt Elsas täglicher Kampf mit dem Hunger. Sie arbeiten hart, ihre Tatkraft ist bewundernswert.
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2024
Für meine Eltern
Christl und
Rudi Benz
Helga Harter
Steinbruch
Villa
Historischer Roman nach einer wahren Geschichte
Tredition
© 2024 Helga Harter
Website: www.helgaharter.de
Coverdesign: Sara HarterDruck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5,
22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Inhalt
Kein Ausweg
Beinahe ein Wiedersehen
Wieder Ärger
Mut
Zukunft
Zweifel
Schweiß
Hindernisse
Neue Schwierigkeiten
Reichsmark
Langer Atem
Feiern
Verzögerung
Noch eine verrückte Idee
Steinbruchvilla
Personen, die im Buch vorkommen
Elsa stellte den Wäschekorb im Treppenhaus ab und rieb sich den Rücken. Sie strich ihre Hände an der feuchten Schürze ab, sie brannten rot vom Schrubben auf dem Waschbrett und vom Auswinden der Kleidungsstücke. Mit Schwung öffnete sie das Fenster und band die Schürze mit den Wäscheklammern um. Rudis Hose kam auf die Leine, die unter dem Fensterbrett über eine Rolle lief. Erwins Hemd und Kurts Lätzchen klammerte sie fest. Quietschend lief das Seil über die Rolle und die Wäsche wanderte über den Garten zu dem Pfosten an der Sandsteinmauer. Die Kinzig rauschte. Elsa beugte sich nach vorne und sah dem schäumenden Wasser nach, bis es hinten beim Hettich zwischen den alten Häusern von Alpirsbach verschwand. Es hatte viel geregnet. Die Spatzen lärmten im Haselstrauch und Elsa hielt einen Moment inne, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Plötzlich schepperte es unten auf der Treppe ohrenbetäubend. Erschrocken ließ Elsa Margrets Kleid fallen und eilte die Treppe hinab. Unten erhob sich ihr Schwager Ernst gerade vom Steinboden, um ihn herum kullerten Kartoffeln. Den Blecheimer hielt er noch in der Hand. Ernst schien unverletzt. Elsa biss sich auf die Lippen, um nicht laut los zu lachen. Da stand ihr Schwager im Schlafanzug, unrasiert, seine schwarzen Haare in alle Richtungen. Es sah zu komisch aus. Doch das Lachen verging ihr schnell. „Was hat der Schulranzen hier im Flur verloren?“, brüllte er. „Überall lassen deine Bälger ihre Sachen liegen, da muss man ja drüber fallen.“ Elsa erkannte Erwins Schulranzen, der bei dem Unfall aufgesprungen war. Hoffentlich ist die Schiefertafel noch heil, dachte sie. Der Junge hat wieder keine Zeit gehabt, seinen Ranzen nach oben in die Wohnung zu bringen. Sicher hockt er unten am Bach. „Überall fällt man über euer Zeug!“ Ernst drohte mit der Faust und lief rot an bis unter die Haarspitzen. Wenn er wütend ist, dachte Elsa, sieht sein Muttermal im Gesicht noch grässlicher aus. „Du musst die Rotznasen besser erziehen!“ Oben quietschte die Wohnungstür und Frida steckte den Kopf heraus. „Jaja, wieder mal deine Bagasch!“ Sie kam herab, machte aber keine Anstalten, Ernst zu helfen, so dass Elsa sich bückte und anfing die Kartoffeln einzusammeln. Sie bemerkte Fridas abfälliges Gesicht wohl. „Das Fahrrad stand schon wieder draußen.“ Elsa seufzte innerlich. Warum muss sie sich immer einmischen? „Irgendwann nehmen es die Franzosen mit. Hab es in den Schuppen gestellt.“ Ernsts Frau grinste hochmütig. „Du hast deine Kinder nicht im Griff, sind halt einfach zu viele.“ Elsa bekam heiße Ohren. Ich bemühe mich ja, dachte sie müde. Es ist wirklich kaum zu schaffen, vier Kinder und der Vater in Gefangenschaft. Sieben wären es sogar, hätte ich alle daheim. Das ist schwer genug, ich bräuchte Fridas dummes Geschwätz nicht. Wenn nur Andres da wäre, der würde Frida die Meinung sagen. Ein dicker Kloß schnürte ihr die Kehle zu. Ernst schob sich an den beiden Frauen vorbei und trug den Blecheimer mit den Kartoffeln nach oben. „Erwin hat im Garten an den Zaun gepinkelt. Ich habe es genau gesehen“, meckerte Frida weiter, stellte sich vor Elsa auf und stützte die Hände in die Hüften. „Eklig sowas.“ Erschöpft ließ Elsa die Schultern hängen und stieg langsam die Stufen zu ihrer Wohnung im ersten Stock hinauf. Die Tür zu Linas Kammer sprang auf. Die hat mir jetzt noch gefehlt, dachte Elsa und sah die jüngste Schwester ihres Mannes resigniert an. Die mischt sich immer ein, wenn es um meine Kinder geht und spart nicht mit Ratschlägen, obwohl sie selber keine Kinder hat. „Was haben sie wieder angestellt, deine Lausebengels?“, fragte sie neugierig. Elsa gab keine Antwort. „Ach Elsa, bevor ich es vergesse…“, Lina setzte eine wichtige Miene auf. „Der Rudi hat einen Stapel Bretter im Garten liegen. Sag ihm, er darf da keine Hütte bauen. Die ist mir im Weg.“ Ach ja, dachte Elsa und atmete schwer. Alles verbieten, das kann sie. Nein, Kinder sind Kinder. Sie ließ Lina einfach stehen und ging hinauf, um endlich ihre Wäsche aufzuhängen.
Oben beugte sich Margret über das Treppengeländer und rief: „Mutter, wo bleibst du? Der Kurt hat die Äpfel vom Tisch gezogen. Ich glaube, er hat Hunger. Die Schüssel ist kaputt. O Mutter, alles ist voller Scherben.“ Elsa eilte die Treppe hinauf. „Und sag deiner Meute, sie sollen nicht so rumspringen da oben, bei uns wackelt jeden Abend die Lampe“, rief Frida von unten. Am liebsten hätte Elsa die Ohren zu gehalten. „Wenn das so weitergeht, werfen wir euch raus!“ Elsa seufzte tief und schloss das Fenster im Flur. Die Wäsche musste warten, jetzt waren die Scherben dran. Und Kurts Hunger, was nicht so einfach zu lösen war, denn die Vorratskammer war leer. Sie kann uns nicht rauswerfen, dachte Elsa trotzig, als sie das Fenster schloss und den Wäschekorb in die Ecke schob. Die Großmutter hat uns erlaubt, hier zu wohnen, so lange wir wollen. Ernst kann uns nicht kündigen, aber so kann es auch nicht weitergehen.
Die Frauen plauderten fröhlich, hängten die Schürzen an den Haken und wuschen die Hände: Feierabend bei der Firma Sauter-Kytta. Elsa warf den Mantel über und winkte den anderen. Gut, dass sie die paar Stunden am Tag hier arbeiten konnte. Sie brauchte das Geld. Ein feiner Lavendelduft lag in der Luft, heute mischte sich Zitronenmelisse dazwischen. Den ganzen Vormittag hatte sie Blätter von Stängeln gestreift und Kräuter sortiert.
Jetzt eilte sie dem Marktplatz zu. Bis sie Kurt im Kindergarten abholen musste, blieben ihr noch ein paar Minuten. Die würde sie nutzen, um auf dem Rathaus nach einer neuen Mietswohnung zu fragen. Wir müssen raus da am Inselweg, dachte Elsa. Mit der Enge in der Wohnung kommen wir im Moment einigermaßen zurecht: drei Kinder habe ich auswärts untergebracht. Trotzdem tut mir das Herz dabei weh. Im Mai 1945 musste sie Andi und Willi in Lehengericht auf einem Bauernhof unterbringen, Rudi in Breitenwies beim Schilling und Gertrud in Dietersweiler. Sie hatte sich nicht mehr anders zu helfen gewusst, es gab einfach zu wenig zu Essen. Willi war erst acht. Der erste Bauer, bei dem sie fragte, schickte ihn wieder weg und sagte: „Der ist noch zu klein um einen Schubkarren zu halten.“ Der Degger hat ihn schließlich genommen. Gertrud war damals schon zehn und seither ist sie in Dietersweiler im Haushalt. Elsa seufzte. So gern hätte ich meine Kinder bei mir, aber dort haben sie wenigstens genug zu essen. Und ich krieg die anderen vier leichter satt. Zum Glück ist Rudi seit Ende des Jahres wieder Zuhause, er musste in die achte Klasse. Jetzt wo er eine Lehre beim Schreiner Bukenberger angefangen hat, verdient er ein paar Mark und vielleicht kann ich die Kinder bald zurückholen. Ach, wenn doch mein Mann da wäre, ich schaffe das Leben kaum ohne ihn. Wie es Andres wohl geht in der Gefangenschaft? Es wäre wunderbar, wenn er irgendwann einfach vor der Haustür stehen würde. Aber man weiß ja, dass die Franzosen so schnell keinen laufen lassen. Das deutsche Volk soll büßen, sagen sie, nach allem was wir Ihnen im Krieg angetan haben.
Nun stand sie am Marktplatz und starrte zum Rathaus hinüber. Sie konnte kein Französisch. Wie sollte sie sich mit den Beamten unterhalten, die die französischen Besatzer ins Rathaus gesetzt hatten? Unter den Arkaden patrouillierte ein Soldat in blauer Uniform. Elsas Herz klopfte bis zum Hals, doch sie gab sich einen Ruck und überquerte die Straße. „Bonjour, Madame. Qu`es-que vous voulez?“ Da hab ich‘s, dachte Elsa. Ich versteh kein Wort. Und jetzt? „Ich brauche eine neue Wohnung, Monsieur“, versuchte sie es auf Deutsch. Das verstand er und winkte ihr, ihm zu folgen. Die breiten, ausgetretenen Granitstufen waren noch immer dieselben, auch wenn sie den Krieg verloren hatten und jetzt französische Wortfetzen durch die Flure schwirrten. Sie war schon ewig nicht mehr hier gewesen. Als der Soldat vor ihr eine Tür im ersten Stock öffnete und sie mit einer Handbewegung einlud, einzutreten, atmete sie erleichtert auf. Den Theodor Armbruster kannte sie von früher. „Guten Morgen Frau Benz, was kann ich für Sie tun?“ Er erhob sich und ehe sie ihr Anliegen vorbringen konnte, fragte er: „Haben Sie Nachricht von ihrem Gatten? Lebt er?“ Elsa spürte seinen warmen Blick. Echte Besorgnis lag darin. Stimmt, Armbruster ist der Ehrenkommandant der Feuerwehr, dachte Elsa. Daher kennt er Andres. „Ende März hat er aus Straßburg geschrieben. Er sei dort in einem Gefangenenlager direkt am Rhein, er könne die Heimat jeden Tag sehen. Seitdem kam kein Brief mehr.“ „Drei Monate ist das her.“ Er senkte die Stimme. „Ich frage mich, wann sie unsere Männer endlich gehen lassen. Wir bräuchten sie hier dringend. Immerhin ist der Krieg schon über ein Jahr vorbei und wir müssen an Wiederaufbau denken.“ Elsa nickte und schluckte schwer. Dabei fiel ihr ein, warum sie hier stand. „Wir brauchen eine andere Wohnung, Herr Armbruster. Es geht einfach nicht mehr. Die Wohnung am Inselweg ist zu klein für uns. Wenn ich Willi, Andi und Gertrud wieder zu uns hole, haben wir nicht genug Platz am Tisch und für einen Größeren ist das Zimmer zu klein. Von den Schlafzimmern gar nicht zu reden. „Das Haus gehört ihrem Schwager Ernst Benz, stimmt‘s?“ Elsa ärgerte sich, dass sie rot wurde. Er kannte die Geschichte also. Es gibt keinen Grund sich zu schämen, dachte sie trotzig. Ich kann nichts dafür. Sie nickte. „Mmmh.“ Er zog eine Kladde vom Stapel auf dem Schreibtisch, streifte den Gummi ab und schlug sie auf. Drei oder vier Papierstücke lagen darin. „Tut mir leid“, murmelte er, „das Angebot ist sehr dünn.“ Er befeuchtete den Finger und hob das erste Papier hoch. „Ehlenbogen, Hanseleshof, drei Zimmer unbeheizt und ohne Bademöglichkeit.“ Er schüttelte den Kopf, nahm den nächsten Zettel. „Schreinerei Dannecker, Aischbachstraße, erster Stock zwei Zimmer mit Kochgelegenheit.“ Jetzt schüttelte Elsa energisch den Kopf: diese Bruchbude kannte sie. Auf keinen Fall! „Unsere Situation ist sehr prekär“, sagte er und schaute Elsa an. „Wir mussten seit Jahresbeginn 257 Ostflüchtlinge aufnehmen. Glauben Sie mir, wir haben alle Wohnungsmöglichkeiten inspiziert, die es nur gab. Alles wurde belegt. Dagegen wohnen sie königlich im Inselweg.“ Er lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander. Plötzlich beugte er sich vor und flüsterte: „Und jetzt kriegen wir eine Gruppe Franzosen. Nächste Woche ziehen fünf Offiziere mit ihren Familien hier ein, natürlich nur in vornehmsten Wohnlagen. Dazu fünfzig Holzhauer, die den Wald abholzen sollen. Fünfzig, Frau Benz, mir steht das Wasser hier.“ Er machte eine Handbewegung in Höhe seines Halses. „Aber wir dürfen ja nicht mucken. Wir haben den Krieg verloren.“ Elsa wagte kaum zu atmen. Da lagen noch zwei Zettel in seiner Kladde. Sollte es wirklich keine Wohnung geben für sie und ihre Kinder? Armbruster war bemüht, aber ohnmächtig. Langsam nahm er das nächste Papier. „Rötenbach, Hauptstraße, bei Knaus. Das können Sie vergessen, Frau Benz, da kommen Sie vom Regen in die Traufe.“ Elsa nickte langsam, der Kraus war nicht recht im Kopf. Wer wollte mit dem unter einem Dach wohnen? Hoffnungsvoll heftete Elsa ihren Blick auf den letzten Zettel. Doch Armbruster schüttelte bereits den Kopf. „Daisenbauer, Hauptstraße, zwei Kammern über der Scheune. Das ist ein Loch, Frau Benz, im Sommer glühend heiß, im Winter unerträglich kalt.“ Dann war die Kladde leer. Elsa atmete schwer und starrte aus dem Fenster. Alle Hoffnungen dahin. Sie hatte es sich einfacher vorgestellt. „Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, Frau Benz: bleiben sie wo sie sind. Das ist das Klügste, was sie momentan tun können.“ Elsa knetete die Unterlippe und musterte ihre Hände, Armbruster sollte die Tränen nicht sehen. Da kam er um den Schreibtisch und legte ihr väterlich die Hand auf die Schulter: „Halten Sie durch, Frau Benz. Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, die Hoffnung ist das Kapital, das uns geblieben ist. Das können die Franzosen nicht mitnehmen wie alles andere. Hoffnung ist die Kraft, aus der eine hellere Zukunft wächst. Sie schaffen das, Frau Benz.“ Er ging wieder auf seinen Platz zurück, ein bisschen verlegen wegen der Rede, die er soeben gehalten hatte. Jetzt lächelte Elsa. Sie straffte den Rücken und nahm ihre Handtasche vom Stuhl. „Jedenfalls danke für Ihre Mühe, Herr Armbruster.“ Leise fügte sie hinzu: „und für die guten Worte.“ Er verbeugte sich leicht und Elsa verließ das Büro.
Auf der Straße kamen ihr trotzdem die Tränen. Sie nahm den Weg durch den Kurgarten, damit niemand sie ansprechen sollte. Die Stadtverwaltung hatte im Krieg die ganzen Rasenflächen in kleine Gartenparzellen aufgeteilt, damit die Fläche für Gemüseanbau nutzbar wurde. Im letzten Garten vor der Bahnlinie hakte Johanna ihre Karotten. „Elsa, du weinst ja.“ Sie eilte aus dem Gartentor und zog Elsa auf eine Bank. Nun rannen die Tränen erst recht und Elsa lehnte dankbar an die Schulter ihrer Freundin. „Gestern gab es wieder so eine hässliche Auseinandersetzung. Frida und Ernst wollen uns nicht, wir sind Ihnen lästig, das hörst du aus jedem Satz.“ Elsa schniefte und Johanna zog ein frisch gebügeltes Stofftaschentuch aus der Schürze. „Sie sind grässlich! Und immer gibt Lina ihren Senf dazu.“ Elsa schnäuzte heftig. „Lina ist deine Schwägerin, stimmsts?“ Elsa nickte. „Die Schwester von Ernst und von meinem Andres. Sie ist ledig und hat lebenslanges Wohnrecht im Haus. Die drei machen mir das Leben schwer. Ich hab gedacht, wir ziehen da aus. Aber der Armbruster auf dem Rathaus…“ Elsa rang nach Luft. „Bleiben Sie wo sie sind, hat er gesagt. Es gibt nichts, Johanna. Keine freien Wohnungen, keine.“ Johanna legte den Arm um ihre Freundin. „Wir müssen da bleiben. Kurt und Erwin streiten dauernd, Kurt geht den Großen an die Schulsachen und wenn er mittags schlafen soll, müssen die anderen in der Küche leise sein. Wenn Gertrud frei hat und zu Hause ist, muss sie das Zimmer mit dem großen Bruder teilen und ich sehe wohl, dass ihr das peinlich ist. Und dabei tut es mir so leid, dass ich Andi und Willi nicht bei mir haben kann, aber mit ihnen wäre alles noch enger. Was soll ich machen? Wenn doch Andres da wäre.“ Es sprudelte nur so aus Elsa heraus. „Und Lina… Die steht immer am Fenster und beobachtet die Kinder auf Schritt und Tritt. Dauernd meckert sie an ihnen herum. Und dann macht sie mich fertig, ich würde die Kinder nicht ordentlich erziehen. Johanna! Und den halben Tag arbeiten muss ich auch. Ich bin froh, dass die Kytta mich genommen hat. Das Geld reicht ja so kaum. Was versteht Lina davon?“
Johanna sagte nichts. Sie streichelte Elsas Hand und hörte zu. „Wir müssen da weg, Johanna. Es geht nicht mehr.“ Müde schwieg sie. „Und das, wo das Haus eigentlich euch versprochen war.“ „Lass das alte Thema, Johanna!“, fuhr Elsa auf. „Ich will darüber nicht nachdenken. Es ist nicht mehr zu ändern.“ „Das hat Frida geschickt gemacht.“ Johanna sprach trotzdem weiter. „Ich behaupte, sie hat Ernst nur wegen dem Haus geheiratet.“ Elsa schüttelte den Kopf. „Das darfst du nicht sagen, Johanna.“ „ Sie hat gesagt, sie heiratet Ernst nur, wenn sie das Haus kriegen.“ Johanna ließ nicht locker. „Und deine Schwiegermutter hat eingewilligt. So hat sie ihr Sorgenkind mit dem großen Muttermal im Gesicht doch noch unter die Haube gekriegt. Das kann ich verstehen.“ „Ich weiß nicht…“ „Anders kann ich mir das nicht erklären“, sagte Johanna nachdenklich. „Das Haus war euch versprochen.“ Elsa nickte. „Ich hab Andres auch selten so sauer gesehen wie damals. Wir hätten die zusätzlichen Zimmer dringend nötig gehabt. Kurt war damals ein halbes Jahr alt, sieben Kinder in drei Zimmern. Lass gut sein, Johanna. Ich will die Sache vergessen. Und das geht am schnellsten, wenn wir dort ausziehen.“ Elsa sah ihre Freundin an. „Ich glaube, deswegen ärgere ich mich so, dass es keine Wohnungen gibt: zu gern hätte ich Andres in einer größeren Wohnung begrüßt. Das wird jetzt nichts. Wir werden wohl oder übel weiterkämpfen.“ „Das schaffst du, Elsa.“ Johanna stand auf und nahm ihre Hacke wieder in die Hand. „Jaja. Die Hoffnung ist unser Kapital, sagt Armbruster. Große Worte.“ Elsa seufzte. „Dann gehe ich jetzt Kurt abholen und versuche zu hoffen.“ An der Gartentür drehte sie sich noch einmal um. „Ehrlich, Johanna. Am liebsten hätte ich so ein Haus wie Andres´ Brüder Hans und Karl.“ Johanna lachte laut. „Du Träumerin, das wird nie was, Elsa. Jeden Tag was auf den Teller, das ist das Wichtigste.“ Elsa winkte ihr zu und ging nachdenklich davon. So ein eigenes Haus, das wäre wirklich ihr allergrößter Traum.
Als Elsa in den Inselweg einbog, angelte Margret eben ihren Ball aus dem Gemüsegarten. Und natürlich wackelte im ersten Stock die Gardine – Lina schaute zu. Elsa kam es vor, als hätte sie nichts anderes zu tun, als hinter ihnen her zu schnüffeln. „Hast du schon Hasengras gesammelt?“, fragte Elsa streng, während Margret aus der Gartentür schlüpfte. „Hab ich“, sagte die knapp und zeigte auf die vier Käfige an der Hauswand. „Schon gefüttert.“ Aufgeregt drängte sie Elsa: „Du musst schnell rauf gehen. Ein Brief ist gekommen. Rudi hat uns verboten, ihn aufzumachen, ehe du da bist. Sieht aus, als wäre er vom Vater.“ Wie elektrisiert stürmte Elsa die Treppe hinauf. Ein Brief von Andres!
Ihre Hände zitterten, als sie das Kuvert aufschlitzte. Ein Brief aus dem Gefängnis. Sie drehte den Umschlag: Wolfach, der Brief kam aus Wolfach! War das möglich? Andres war keine dreißig Kilometer weg! Ein unansehnlicher Zettel kam zum Vorschein, ordentliches Papier gab es selten. „Bin jetzt nach Wolfach gebracht worden. Brückenbau. So nah bei dir! Komm mich besuchen! Ich liebe dich, dein Andres. Grüß die Kinder von mir.“ Elsa ließ den Brief sinken, ihr Herz pochte in der Schläfe. Andres so nah! Unfassbar. Am liebsten wäre sie sofort losgelaufen, in vier Stunden könnte sie dort sein. Andres! Sie packte Kurt und tanzte mit ihm durchs Zimmer, dass Erwin erstaunt zur Tür hereinschaute. Andres in Wolfach, nicht mehr in Straßburg! Wurde er nun bald entlassen? Sie stellte den Kleinen auf den Boden und sank atemlos auf den Küchenstuhl. Wenn Andres aus der Gefangenschaft kam, würde der Rest des Jahres 1946 anders werden! Wie herrlich!
In der Küche schepperte ein Kochtopfdeckel zu Boden. Elsa warf die Wäsche aufs Bett, die sie eben einräumte und lief in die Küche. Da balancierte Erwin auf einem Stuhl am Küchenschrank und versuchte, an die Linsensuppe zu kommen, die Elsa für heute vorgekocht hatte. Schuldbewusst senkte er den Blick und versteckte den Löffel hinter dem Rücken. „Hunger, Mutter, hab solchen Hunger.“ „Finger weg“, schimpfte Elsa fast hysterisch vor Schreck. Wenn er den Topf runterwirft, ist unser Mittagessen futsch und was anderes hab ich nicht, dachte sie und holte den Jungen vom Stuhl. „Hab noch ein bisschen Geduld, Erwin. Ich muss erst Feuer machen im Herd.“ Ihre Stimme klang schon versöhnlicher. Sie konnte den Sechsjährigen gut verstehen, ihr selbst knurrte ebenfalls der Magen. Außer einer schmalen Brotkante hatte sie heute noch nichts gegessen. „Da liegt noch eine gekochte Kartoffel von gestern“, raunte sie Erwin zu. „Du kannst sie schälen und ganz alleine essen.“ Nein, konnte er nicht, Kurt hatte die letzten Worte gehört und wollte die Hälfte haben. Elsa seufzte. Die Kartoffeln vom letzten Jahr waren fast aufgebraucht und dieser Sommer war so heiß und trocken, dass sie nicht auf eine reiche Kartoffelernte hoffen konnten. Dabei waren Kartoffeln ihr wichtigstes Lebensmittel! Nun, wenigstens für Ihren Garten gab es genug Wasser, schließlich wohnten sie zwischen Kanal und Kinzig.
Elsa zog das Ofentürchen auf, schichtete Tannenzapfen, Holzspäne und kleine Äste hinein und zündete ein Streichholz an. Knochentrockene Tannenzapfen waren wichtig, denn sie fand oft kein Stück Papier zum Anfeuern. Ich bring das Feuer auch ohne Papier an, dachte sie stolz. Das ist einfach Übungssache. Sie wuchtete den Topf mit den Linsen auf den Herd. Ein großer Topf Suppe, genug für alle. Einmal am Tag musste man schließlich satt werden. Dazu für jeden eine Scheibe Brot. Margret schickte sie in den Garten, einen Kopfsalat zu holen. Davon stand unten noch eine ganze Reihe und musste weg, ehe er anfing zu schießen bei der Hitze. Elsa summte vor sich hin, während sie den Tisch deckte. Andres in Wolfach! Am Sonntag würde sie ihn besuchen, nur noch zwei Tage. Ich werde Rudi mitnehmen, dachte sie, der hat am Sonntag frei. Allein trau ich mich nicht ins Badische, wer weiß, was passiert, wenn ich französischen Soldaten begegne. Man hört da so allerhand. Einen Apfelkuchen werde ich backen, sie rieb sich die Hände. Den liebt er so. Drei Äpfel habe ich noch, Mehl ist auch da, vielleicht legen die Hühner morgen noch zwei Eier, dann reicht es.
Erwin stürmte zur Tür herein. Elsa bemerkte es augenblicklich: seine Stiefel verloren Dreckklumpen. „Halt!“ rief sie energisch. „Schuhe aus!“ Der Junge sah an sich hinunter und zog das Genick ein, als erwarte er eine Ohrfeige. „Nimm den Besen und mach das Treppenhaus sauber, ehe Frida wieder tobt!“ Erwin beeilte sich, wegen Frida oder wegen dem strengen Blick der Mutter, vielleicht auch, weil es vom Herd her verführerisch duftete. Als hätte er es gerochen, stand nun auch Rudi in der Tür. „Wir waren früher fertig auf der Baustelle, da hat der Meister uns Lehrbuben heimgeschickt. Wie ich sehe, komme ich gerade recht zum Abendessen.“ Elsa wollte eben das Tischgebet sprechen, als ihr Blick auf Erwins Hände fiel. Stumm schickte sie ihn an den Spültisch. „Und nimm die Wurzelbürste für die Fingernägel. Was hast du bloß wieder gewerkelt?“ „Wir haben den Graben tiefer gemacht für unsere Fischfalle. Jetzt müssten endlich Forellen reingehen und nicht nur Frösche.“ „Zeigst du mir das nachher?“ fragte Rudi interessiert. Die Kinzig war ihr Spielplatz und zurzeit absolut ungefährlich bei dem Niedrigwasser. Eine Forelle wäre nicht schlecht, dachte Elsa, eine schöne Abwechslung auf den Speiseplan. Sagen durfte sie das nicht, es war nicht erlaubt, in der Kinzig Forellen zu fangen. Doch wenn die Kinder eine nach Hause brachten, warum sollte sie die nicht braten? „Iiii! Eine Schnecke!“ rief Rudi plötzlich und augenblicklich ließ Margret die Gabel fallen. „Eine Schnecke im Salat!“ sagte er noch einmal und klang sehr entsetzt. Margret verzog das Gesicht und sagte: „Ich mag keinen Salat mehr.“ Auch Erwin schob den Teller von sich. Hab ich die übersehen beim Salat putzen? Kann passieren, überlegte Elsa. Gerade wollte sie sagen: werf sie aus dem Fenster in den Kanal, als sie Rudis Gesicht sah. Er grinste spitzbübisch und aß seelenruhig seinen Salat weiter. Aha, dachte Elsa, ein Trick. Was für ein Ganove. „Wenn du deinen Salat nicht mehr willst, kann ich ihn essen“, bot er großzügig an und schaufelte Margrets Salat auf seinen Teller. „Meinen kannst du auch haben“, sagte Erwin angewidert. Die Jüngeren merkten nicht, dass sie gelinkt worden waren. Rudi strahlte. Er machte sich über den Teller voller „Schneckensalat“ her und verspeiste ihn genüsslich.
Die ersten Sonnenstrahlen streiften die Baumwipfel, als Elsa und Rudi sich auf den Weg nach Wolfach machten. Sonntagmorgen um sechs begegnete ihnen kein Mensch auf der Landstraße. Beide trugen einen Rucksack. Auf dem Rückweg wollte Elsa Hamstern gehen. Fünf Flaschen Alpirsbacher Klosterbräu lagen in ein Tuch gewickelt tief unten in ihrem Rucksack. Sie hoffte, dafür Essen eintauschen zu können, allerdings nur, wenn sie das Bier an den französischen Soldaten vorbei brachte. Sie wollte diesen Rucksack im Wald verstecken, solange sie Andres besuchten. Im anderen hatte sie für ihren Mann eine Wolldecke und seine Strickjacke eingepackt. Und natürlich lag oben auf der Apfelkuchen. Die Kinder hatten auf alte Kalenderblätter Bilder für den Vater gemalt. Darüber würde er sich besonders freuen.
Rudi erzählte auf dem Weg von den schönen Türen, die sie am Tag vorher beim Steuerer eingebaut hatten. „Rüster furniert“, schwärmte er, „sieht sauber aus. Richtig vornehm. Der Bukenberger der kann was, da lerne ich viel.“ Elsa schmunzelte über seine Begeisterung. Wie gut, dass ich mich um die Lehrstelle als Schreiner bemüht habe. Andres wird sich freuen, schließlich ist er selbst Bau- und Möbelschreiner. Elsa hatte den Lehrvertrag im Rucksack. Der Bukenberger hatte darauf bestanden, dass der Vater ihn unterschreibt, jetzt wo das endlich möglich war. Was gilt die Unterschrift einer Frau? dachte Elsa bitter.
Kurz vor zehn erreichten sie Wolfach. Die Kirchenglocken dröhnten über ihnen, Kirchgänger strömten von allen Seiten herbei. Elsa suchte in der Menge nach dem Gesicht ihrer Schwester Anna, die in Wolfach wohnte, aber es waren zu viele Leute. Sie würde heute Nachmittag kurz bei ihr einkehren. Die Franzosen hatten ihre Gefangenen im Aten Schloss einquartiert. Gleich sind wir da, dachte Elsa. Ihr wurde schwindlig, so aufgeregt war sie. Fast zwei Jahre hatten sie sich nicht gesehen, zwei einsame Jahre. Doch je näher sie dem Tor kamen, umso langsamer ging sie. Krieg und Gefangenschaft müssen ihn verändert haben. Vielleicht sind wir uns ganz fremd? Und überhaupt, darf man ihn besuchen? Und war es gut, den Jungen mit zu nehmen? Wird er mit dem Elend umgehen können, das er sehen wird? Schließlich siegte ihre Vorfreude über das unsichere Gefühl. Gleich würde sie Andres treffen! Wieder seine Hände auf ihrem Rücken spüren und sich an seine Brust drücken, seine weiche Stimme hören und in die liebevollen Augen schauen. Die Sehnsucht schmerzte in der Brust, so sehr vermisste sie ihn.
Am Eingang zum Schlosshof stritten die beiden Wachsoldaten lautstark mit dem Fahrer eines Armeelasters, dessen Motor lief und die Tür offen stand. Elsa und Rudi kamen deshalb unbehelligt in den Schlosshof. Es wimmelte von französischen Soldaten. An der Pforte zum Schloss nahm eine Gruppe Gefangener mit Schaufeln und Hacken Aufstellung. Ein Offizier in Arbeitsuniform brüllte französische Befehle und der Trupp setzte sich in Bewegung Richtung Tor. Lassen die Franzosen die Deutschen auch am Sonntag schuften? Ist Andres womöglich schon bei der Arbeit? durchfuhr es Elsa. Sie musterte die Männer, nein, Andres war nicht dabei. Hoffentlich fand sie ihn in seiner Zelle.
„Eine deutsche Frau“, flüsterte es plötzlich dicht hinter ihr. „Und was für eine Hübsche!“ Sie fuhr herum. Ehe Elsa sich versah, wurde sie gepackt und geküsst. Der Mann roch scheußlich nach Tabak, er drückte sie an sich, dass ihr die Luft wegblieb. Elsa schoss das Blut in den Kopf. Mit aller Kraft drückte sie ihn weg und wich zurück. Alles war so schnell gegangen. Ein französischer Soldat sprang heran, drehte dem Mann den Arm herum und brüllte in sein Ohr: „Qu`es-ce tu fait avec cette femme, merde? Vas y à la travaille!“ Elsa bekam weiche Knie, ihr Blick streifte Rudis entsetztes Gesicht. Der Franzose ließ den Mann nicht los, sondern schrie etwas in sein Ohr, was der widerwillig übersetzte: „Was Sie hier tun, fragt er.“ Offensichtlich war der Angreifer so etwas wie ein Dolmetscher. Er trug eine umgefärbte deutsche Armeeuniform. Elsa zog den Brief von Andres aus der Tasche. Der Mann überflog die Zeilen und berichtete dem Franzosen. Er druckste herum, als wollte er die Antwort nicht übersetzen, doch der Franzose wiederholte seine Worte mit Nachdruck, bis der Dolmetscher hervorstieß: „Da drin gibt es hunderte Männer. Seit Jahren keine Frau mehr, ausgehungerte Wölfe. Wie ich. Zu gefährlich.“ Verlegen strich er über seinen glattrasierten Kopf. Elsa starrte ihn verwirrt an, was sollte das heißen? Sie atmete tief durch. „Du darfst nicht rein, Frau“, wiederholte er. „Zu gefährlich.“ Er sah sie nicht an. „Wir sind vier Stunden gelaufen und jetzt werde ich nicht reingelassen?“ Tränen schossen ihr in die Augen. Erst dieser schreckliche Kuss und jetzt das! Überfordert sank Elsa auf ein Mäuerchen. Sie rang nach Luft. Nein, das durfte nicht wahr sein. Andres saß hier irgendwo in der Zelle, nur ein paar Schritte trennten sie und nun sollte sie nicht zu ihm dürfen? Immer wieder schüttelte Elsa fassungslos den Kopf. „Schick ihn rein.“ Der Kahlrasierte zeigte auf Rudi. „Einem Kind tun sie nichts.“ Elsa schloss die Augen. Die Enttäuschung drückte sie fast zu Boden, sie hatte sich so sehr auf Andres gefreut. Der Dolmetscher steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte davon. Elsa atmete schwer. Mit einem Ruck stand sie auf und zog den Rucksack vom Rücken. Ihr war nicht wohl. Der Vierzehnjährige allein da drin? Doch Rudi sah sie sorglos an, der Junge schien kein bisschen ängstlich und plötzlich war Elsa stolz auf ihn. Sie lächelte sogar. Rudi schaffte das. „Sag dem Vater liebe Grüße. Ich hätte ihn so gern gesehen. Und… Pass auf dich auf.“ „Du auch“, sagte er mit einem Seitenblick auf den Kahlköpfigen, der jetzt unter der Linde eine Zigarette anzündete. Elsa beschloss, ihn im Auge zu behalten, doch hier wimmelte es von Franzosen und offenbar ging von ihnen keine Gefahr aus. Trotzdem blieb sie unbehaglich auf der Kante der Steinmauer sitzen und rührte sich nicht, als Rudi in der großen Tür verschwand. Gleich sieht er seinen Vater, dachte sie. Ich bin krank vor Sehnsucht. Andres sehen, mit ihm reden, seine Hand fassen. Und nun lassen Sie mich nicht hinein. Sie verbarg das Gesicht in den Händen. Auf einmal spürte sie wieder diesen schleimigen Kuss auf den Lippen und den ungepflegten Bart an der Wange. Dieser widerliche Kerl! Wie eklig. Ihr grauste bei dem Gedanken, was ganz sicher passiert wäre, hätte sie ihn irgendwo draußen getroffen. Was Tausenden von Frauen passiert war im letzten Jahr. Hier waren die Franzosen die Täter. Elsa dachte an Emma, die nun ein kleines Mädchen mit dunkler Haut hatte. Auch die deutschen Soldaten hatten Frauen und Mädchen in Angst und Schrecken versetzt. Was für ein Irrsinn! Dabei will doch jeder nur Frieden und genug zu essen! Elsa war schlecht. Und ich will meinen Andres zurück, lange genug habe ich ohne ihn geackert. Aufgewühlt verbarg sie den Kopf in den Händen und atmete tief.
