Zu jung fürs Thema Sterben?! -  - E-Book

Zu jung fürs Thema Sterben?! E-Book

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Beschreibung

Warum gibt es so wenige junge Menschen, die in der ehrenamtlichen Hospiz- und Trauerbegleitung tätig sind? Im Rahmen des Projektes "Junge Menschen in der Sterbe- und Trauerbegleitung" entstand ein deutschlandweiter Experimentierraum mit zwölf Projektstandorten, um junge Menschen für Hospizarbeit zu interessieren und sie daran zu beteiligen. Die Ergebnisse - versammelt in diesem - inspirieren! Das Buch versammelt Beiträge zu konkreten Erfahrungen von jungen Menschen in Begleitung und zu den vielfältigen Aktivitäten mit jungen Menschen, Hospizarbeit in den lokalen Gemeinden und Communities vernetzt zu gestalten. Es regt an, von den Perspektiven, Fragen und Gedanken der jungen Menschen zu lernen, selbstkritisch auf Bestehendes zu schauen und gemeinsam mit jungen Menschen die Hospizkultur weiterzuentwickeln.

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Das Hashtag-Verzeichnis

Eine kleine Leseanleitung

EINSTIMMUNGEN

„Wie haltet Ihr es mit der Sorge?“Carmen Breuckmann-Giertz

Ich hätte nie gedacht, dass ich in so kurzer Zeit über mich hinauswachseAcelya-Leyla Celik

Asche und LaubTeresa Koch

Impressionen einer BegleitungTabea Lamshöft

Momente der NäheTim Elter, Juliana Götze und Anne Wächtershäuser

KAPITEL 1JUNGE MENSCHEN INTERESSIEREN UND STÄRKEN

Sichtbar werden, in Kontakt kommen, Kennenlernen ermöglichen – wie kann dies gelingen?Bernadette Groebe

Hospiz trifft Leben PURJulia Kleinhenz und Heike Heller

Leben und Sterben, Deine Begegnung dazwischenVerena Berg

Schnupperzeit für AuszubildendeSabine Beier

Stimmen – Erlebnisse – Gefühlegesammelt von Sabine Beier

Grundkurs „Trauernde Erwachsene begleiten“ als Zusatzqualifikation im Studiengang Soziale Arbeit – geht das?!Theresa Serr

Krankheit, Sterben und Tod im FamiliensystemAntje Rüger-Hochheim und Sonja Thissen

„Von Anfang an … mit Musik!“Ina Backers

Stimmen – Erlebnisse – Gefühleein Gedicht von Sophie Mahlein

Pizza trifft Hospiz in …Daniel Zimmer, Tabea Lamshöft und Martina Zimmer

Endlich? Endlich! – ein Thema (auch) für junge Menschen in LübeckKatrin Eilts-Köchling

#magmalendlich – die Hospizarbeit von einer anderen SeiteJuana Voigt

Instagram als Teil der ÖffentlichkeitsarbeitTheresa Serr

KAPITEL 2JUNGE MENSCHEN BETEILIGEN

Das Projekt: Junge Menschen interessieren – stärken – beteiligenBernadette Groebe

„Dass ich mit kleinem Aufwand viel bei anderen Menschen bewirken kann“Patrick Schuchter und Klaus Wegleitner

Was geschieht, wenn junge Menschen Verantwortung bekommen?Davina Klevinghaus

Stimmen – Erlebnisse – GefühleLet’s talk about death!

Im Dienst gelandet – junge Ehrenamtliche: eine Selbstverständlichkeit?Diana Schetelig und Theresa Serr

Let’s „POP-UP“ oder: Seid ihr anders? – Manchmal schon!Stephanie Leininger, Barbara Weiland und Julia Weber

Was läuft gut, wo geht mehr? – Ehrenamtliche kommen zu WortAnna Meitzner und Bell Schrader

Stimmen – Erlebnisse – Gefühle

Gestaltung des freiwilligen Engagements junger Erwachsener im FamilienbegleitdienstFarina Friehold

KAPITEL 3JUNGE MENSCHEN IN DER STERBE- UND TRAUERBEGLEITUNG – ALLES EINE FRAGE DER QUALIFIZIERUNG?!

„Hospiz lernen“ – rahmende GedankenDirk Blümke

Niederrhein – Entstehung eines offenen dialogischen KurskonzeptesMartina Zimmer

Stimmen – Erlebnisse – Gefühle

Kompakt und praxisnah – eng begleitet zu Familien mit Abschied nehmenden Kindern – ein Berliner ModellAntje Rüger-Hochheim und Sonja Thissen

Aus dem Hörsaal in die palliative/hospizliche Begleitung – das Bonner ModellSabine Krause, Lukas Radbruch und Anne Wächtershäuser

Stimmen – Erlebnisse – Gefühle

ANREGENDES UND BEWÄHRTES: KLEINER METHODENPOOL

MethodenkofferDaniel Zimmer, Tabea Lamshöft und Martina Zimmer

Rundtuch „Rondo“Daniel Zimmer, Tabea Lamshöft und Martina Zimmer

Storyline-Methode: Die Kraft einer persönlichen GeschichteSonja Thissen und Antje Rüger-Hochheim

Speed-PhiloPatrick Schuchter, Antje Rüger-Hochheim und Sonja Thissen

„Kommunikationstraining mit Schauspielpatient*innen“ als Lernmethode in den Befähigungskursen des Projektes „Junge Menschen in der palliativen und hospizlichen Arbeit“Felix Grützner, Sabine Krause und Anne Wächtershäuser

Stimmen – Erlebnisse – Gefühle

KAPITEL 4GRUNDSATZFRAGEN UND DAS „GRÖSSERE BILD“

Kontextkulturen und gesellschaftspolitische Haltungen mitentwickeln: ein rahmender GedankeKlaus Wegleitner und Patrick Schuchter

Dürfen Projekte scheitern?Davina Klevinghaus

Stimmen – Erlebnisse – GefühleCare und Corona: Voneinander als Gesellschaft lernen Aileen Räder

Nothing about us without us! Nicht über uns ohne uns!Ruth Werthmann

Organisationskulturen entwickeln – unterschiedlich und gemeinsamMarc Möres

Der Wandel ehrenamtlichen und freiwilligen Engagements als Herausforderung für TrägerorganisationenSebastian Braun

Hospizliche BildungCarmen Breuckmann-Giertz

Stimmen – Erlebnisse – Gefühle

Mit und von jungen Menschen für die Zukunft von Hospizkulturen lernenRainer Simader

Die Hospizbewegung – die Notwendigkeit zur Transformation in Führung und OrganisationDirk Blümke und Carmen Breuckmann-Giertz

Hospiz bewegt Communities?Klaus Wegleitner und Patrick Schuchter

Stimmen – Erlebnisse – GefühleStimmen junger Ehrenamtlicher

Weiterführendes

Quellenangaben

Die Autor*innen

DAS HASHTAG-VERZEICHNIS

Diese Hashtags begleiten Sie durch das Buch und markieren die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Buchbeiträge. So können Sie auf einen Blick die für Sie interessanten Themen im Buch verorten. Viel Vergnügen beim Hashtag-Hopping.

#DemokratieförderndesEhrenamtSeiten: 258, 272, 303

#HospizBildungSeiten: 48, 62, 67, 154, 174, 179, 189, 200, 240, 278

#HospizErfahrungSeiten: 16, 20, 26, 29, 118

#HospizForschungSeiten: 12, 118, 154, 164, 272

#HospizInCommunitySeiten: 62, 67, 72, 76, 79, 85, 91, 164, 286, 303

#HospizKennenlernenSeiten: 37, 48, 52, 62, 67, 76, 85, 91, 136, 144, 174, 200

#HospizKreativSeiten: 37, 52, 72, 79, 85, 91, 179, 216, 223, 226, 233, 240

#HospizKulturSeiten: 100, 278, 286, 294, 303

#HospizOnlineSeiten: 67, 91, 200

#HospizPhilosophieSeiten: 12, 233, 251, 278, 294

#HospizQualifizierungSeite 226

#HospizToolSeiten: 216, 223, 226, 233, 240

#JungesEngagementSeiten: 37, 48, 76, 100, 118, 136, 144, 148, 154, 164, 179, 189, 216, 258, 264, 272, 286

#OrganisationImWandelSeiten: 100, 136, 144, 148, 154, 164, 174, 189, 200, 251, 258, 264, 272, 286, 294, 303

#ProjektarbeitSeiten: 100, 148, 251, 258, 264, 286

#ÜbersSterbenRedenSeiten: 37, 52, 62, 67, 72, 76, 79, 136, 164, 216, 223, 233

EINE KLEINE LESEANLEITUNG

Im Jahr 2019 haben sich zwölf Hospizdienste aus ganz Deutschland erfolgreich auf den Weg begeben, mit jungen Menschen in ihrer Region experimentierend über Sterben, Tod und Trauer vielfältig ins Gespräch zu kommen, sie für die Hospizarbeit zu interessieren und für eine aktive Beteiligung zu gewinnen. Initiiert wurde das Projekt „Junge Menschen in der Sterbe- und Trauerbegleitung“ vom Malteser Hilfsdienst e. V., mit dem Ziel, Perspektiven für die Zukunft der Hospizarbeit und deren Rolle in der Gesellschaft weiterzuentwickeln. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) als Fördergeber sieht darin auch einen Experimentier- und Innovationsraum mit jungen Menschen, eine gesellschafts- und demokratiepolitische Lernchance. Der Deutsche Hospiz und PalliativVerband e. V. (DHPV) ist Kooperationspartner und die wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch die Universität Graz sowie dem Verein Sorgenetz aus Wien.

Im Zueinander von Hospizkultur, Ehrenamtlichkeit und dem Engagement junger Menschen, die ihre und unsere Zukunft gestalten möchten, lassen sich Fragen des Lebens und nach hospizlicher Sorgekultur in den Lebens- und Sorgeumgebungen der Menschen exemplarisch diskutieren und mögliche Antworten ableiten. Dabei haben die Hospizdienste im Projekt neue Spuren der Bedeutung von Hospizkultur in der Gesellschaft gelegt …

in der Stärkung einer Kultur des Helfens und Anteilnehmens,

in der öffentlichen Thematisierung von Verlust, Sterben, Tod und Trauer,

in der existentiellen Vertiefung von Lebens- und Sorgefragen,

im Brückenbauen zu Bildungseinrichtungen, Kunst und Kultur,

im Ausprobieren von neuen Lern- und Ausbildungsformaten und

im Kreieren neuer Räume und Rollen des Engagements in Hospizarbeit.

Das vorliegende Buch ist der Versuch, die reichhaltigen und inspirierenden Erfahrungen, die lebendige Grundstimmung und die sozial wärmenden „Zwischenräume und -töne“, aber auch die dahinter- und querliegenden gesellschaftspolitischen Themen collagenartig ineinander wachsen zu lassen. Und zwar so, dass – ganz nach eigenem Zugang – ein buntes Gesamtbild ersichtlich wird, oder auf einen die persönlichen Interessen ansprechenden Bildausschnitt hin gezoomt werden kann.

Die lokalen Projekte wie auch das Gesamtprojekt wurden geprägt von der Unvoreingenommenheit, dem Ideenreichtum und der Offenheit der jungen Menschen sowie der ermöglichenden Leitungspersonen. Innovative und vielfältige Aktivitäten und Aktionen der Hospizdienste, berührende Sorgeerfahrungen, Lebens- und Sinnfragen, die großen politischen Themen im Lokalen, Kleinen, konkretes Tun und Philosophieren und vor allem die geteilte Erfahrung der eigenen Endlichkeit und des wechselseitigen Beistandes in einer gemeinsamen „hospizlichen“ Haltung – all das und noch viel mehr hat den gemeinsamen Weg ausgemacht.

Das Buch beginnt mit „Einstimmungen“, die konkrete Erfahrungen von jungen Menschen in der Hospizarbeit zu Wort kommen lassen.

Kapitel 1 („Junge Menschen interessieren und stärken“) versammelt Beiträge, in denen die Aktionen von Hospizdiensten beschrieben sind, um junge Menschen mit Hospizkultur und Hospizarbeit in Berührung zu bringen.

Kapitel 2 („Junge Menschen beteiligen“) gibt Einblicke in die Projekterfahrungen und den Wandel der Dienste im Umgang mit dem Thema und den neuen Engagierten. Wer sich über das Gesamtprojekt einen Überblick verschaffen will, kann die Lektüre mit dem vorangestellten Beitrag von Bernadette Groebe zu diesem Kapitel beginnen.

Das Kapitel 3 („Junge Menschen in der Sterbe- und Trauerbegleitung – alles eine Frage der Qualifizierung?!“) geht Fragen nach der Lernkultur, den Bildungsformaten und den Qualifizierungswegen nach, die es braucht, um junge Menschen auf Hospizkultur und -praxis neugierig zu machen und ein nachhaltiges Engagement ermöglichen.

Im Kapitel 4 („Grundsatzfragen und das ‚größere Bild‘“) werden Kontext- und Gesellschaftsfragen besprochen, die einerseits hospizliche Praxis beeinflussen, auf die umgekehrt hospizliche Kultur relevante Wirkungen ausüben kann.

Das Buch ist als ein Werkbuch konzipiert: Wählen Sie selbst und lassen Sie sich ansprechen, vom Gesamtbild oder von Ausschnitten, lassen Sie sich berühren, von persönlichen Erfahrungen und der Engagementbereitschaft junger Menschen, lassen Sie sich anregen, von konkreten Initiativen und Qualifizierungsformen und von Reflexionen zu den großen Fragen des Lebens und Sterbens.

Wir freuen uns mit Ihnen gedanklich oder persönlich darüber im zukunftsorientierten Dialog zu sein.

Das Herausgeber*innenteam

Klaus Wegleitner, Patrick Schuchter, Bernadette Groebe und Dirk Blümke

EINSTIMMUNGEN

„WIE HALTET IHR ES MIT DER SORGE?“

EIN BEGLEITENDES WORT FÜR DEN ANFANG

Carmen Breuckmann-Giertz

#HospizPhilosophie

#HospizInCommunity

Spotlight von außen

Angst haben können wir nur vor etwas, was wir nicht zulassen in unserem Leben. Wir sollten viel mehr lernen, das, was anders ist, auszuhalten, zuzulassen, um im Anderssein gemeinsam zu sein und uns nicht zu separieren.

Franziska Knost

Mit diesen Worten endet einer der Podcasts von Franziska Knost. Über sie kann man heute Worte lesen wie diese:

„Sie hatte beschlossen, ihre Krankheit öffentlich zu machen und das auf eine sehr ungewöhnliche Art zu tun. Anstatt Mut-Mach-Mantras oder eine persönliche Bucket-List zu erstellen, entschied sich die Mutter eines 14-jährigen Sohnes für den Weg „let’s do a Fuck-it-List“. Aus der Perspektive einer sterbenskranken Frau hinterfragte sie auf ungeahnt offene und gleichzeitig humorvolle Weise gesellschaftliche Kategorien sowie unsere eigenen Ansprüche an das Leben und forderte uns auf, die persönliche Bucket-Liste radikal zu redigieren – auch ohne Todesdrohung im Nacken.“ 1

Franziska Knost ist vor wenigen Tagen Anfang Februar 2022 im Alter von 41 Jahren verstorben. Bis zum Schluss ist sie mit markanter Stimme und dem Bewusstsein, oft schwach gewesen zu sein, aber sich mindestens so oft mit und trotz Erkrankung seit ihrem 20. Lebensjahr auch ganz lebendig und stark gefühlt zu haben, eingetreten für den Mut zum anderen Ton. Dieser andere Ton klingt wie ein kritischer Spiegel, gerichtet an eine Lebenstendenz des Perfektionsdrangs bei gleichzeitigen Ausflüchten immer dann, wenn das oder der Andere – ob anderer Herkunft oder Meinung, ob erschöpft oder erkrankt oder sterbend – irgendwie nicht zu passen scheint. Eine täglich erfahrbare Ambivalenz von höchster Penetranz. Genau in einer solchen Ambivalenz liege die Keimzelle von Angst, weil vermieden, tabuisiert oder verneint wird, was eigentlich der Kenntnis, der Aufklärung, der Bejahung bedarf. Nicht im Isolieren, sondern im Integrieren liege die Kraft des Lebendigen. Der Tod sei ein solcher Faktor des Anderen. Weil wir ihn nicht sehen wollen, vermeiden wir ihn, als gäbe es ihn nicht. Damit aber erhält er eine Dominanz, die völlig unverhältnismäßig wird, wenn man ernst nimmt, dass Sterbende nicht Tote, sondern Lebende sind bis zum Schluss.

Spotlight nach innen

Mit eben diesem Appell für das Leben angesichts seiner Endlichkeit sind auch die etwa 60 jungen Teilnehmer*innen aus den verschiedenen hospizlichen Diensten und Einrichtungen der Malteser sowie des DHPV zum Bundesprojekt „Junges Ehrenamt Hospiz“2 vor drei Jahren angetreten.

Ihre Ideen dazu: vielfältig und in kurzen klaren Worten auf den Punkt gebracht:„Who cares? – We do!“

Ich „mag. mal. endlich“ etwas Gutes tun, übers Ende sprechen…“

„todesmutig sein“ und eine neue Kommunikation zwischen Jungen und Alten, Gesunden und Erkrankten ermöglichen einfach „DAZWISCHEN“ gehen und für andere da sein – Sorge tragen – etwas Sinnvolles tun und sich mit der Sinngebung des Lebens beschäftigen

Ihre Resonanz: vielfältig verwirrt wie begeistert

Vor Ort in eigenen Gemeinden, Schulen, Universitäten, Städten und Regionen platzierten sie in den letzten drei Jahren zahlreiche Projekte rund um das Thema „Hospiz“ und die Frage, wie sich das Leben angesichts seiner Endlichkeit tatsächlich zeigt, was es bedeuten kann, sich dem Sterben in Begleitungen zu stellen oder was es braucht, um eine Haltung oder Sprache für das zu finden, wenn wir uns mit dem Tod konfrontiert sehen und es heißt, Abschied zu nehmen, zu trauern oder Sterbenden und Trauernden zu begegnen. „Wie haltet ihr es mit der Sorge“ – so ihre Gretchenfrage an die Menschen dieser Zeit.

Wir müssen unser Treffen leider verschieben – es passt gerade nicht in den Plan bei uns.

Tolle Idee, wann können wir euch treffen und euch kennenlernen?

Das Gespräch muss corona-bedingt bis auf Weiteres ganz ausfallen.

Könnt ihr mal sagen, wie ihr auf die Idee kommt, euch mit dem Tod zu beschäftigen? Habt ihr als junge Leute keine anderen Sorgen?

Ihr seid eine echt wichtige Stimme mit diesem Thema – ihr habt meinen Respekt.

Was bleibt: Hospizlich überzeugte Eindeutigkeit:„Wir würden's immer wieder machen!“

Und eine andere Brücke zwischen beiden

Während Franziska Knost kritisch einen Ist-Stand der Gesellschaft dokumentiert und damit aus eigenem Erleben hochaktuell beschreibt, wie immens manifest die Handlungs- und Sprachunfähigkeit im Umgang mit der Endlichkeit, Vulnerabilität und Begrenztheit des menschlichen Lebens ist, wirkt das Auftreten der jungen ehrenamtlichen Hospizler*innen wie eine Stimme, die ein ähnliches Thema auf neuer Zeile singt. Mitten hinein in eine Gesellschaft, die pandemiegeplagt aufschreit, wenn Erkrankte und Sterbende allein gelassen werden und zugleich postuliert, dass es für jeden Menschen unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand jederzeit möglich sein müsse, sich beim Suizid helfen zu lassen, ertönt damit ein Chor mit ganz anderer Lebensmelodie.

Eben diese jungen Menschen haben sich zur ehrenamtlichen Teilnahme an dem dreijährigen Hospizprojekt „Junge Menschen in der Sterbe- und Trauerbegleitung“ bereit erklärt, weil sie diese gesellschaftlichen Ambivalenzen fühlen, selbst kennen und so nicht mehr wollen. Sie kommen aus ganz normalen Alltagssituationen von Schule und Ausbildung. Genau aus diesen Kontexten von Leistung, Erfolg, beruflicher Qualifizierung und einem Überangebot an möglichen Lebensentwürfen kennen sie auch das Gefühl von Grenzerfahrungen, von fehlender Zugehörigkeit, von Orientierungslosigkeit oder gar von Nicht-Ausreichen, Scheitern. Die Gefahr von sozialer Isolation, Ohnmacht, Verstummen und individueller Resignation ist nicht selten die Konsequenz.

Sie haben sich aber bewusst anders entschieden. Zu einer anderen Haltung – zu einer veränderten Lebensoptik, in der jene Fragilität des menschlichen Seins nicht verschwiegen, stigmatisiert oder sanktioniert wird, sondern geachtet, besprochen, betrauert, neu betrachtet werden darf. Indem sie diese andere Sicht auf das Geschehen einnehmen, polarisieren und fokussieren sie: die Zeiten von Sterben und Tod sind zwar anders, aber nicht unbedeutender. Und sie appellieren: Sterbende sind Lebende – bis zum Schluss. Die tiefe Auseinandersetzung mit dem Leben greife zu kurz und die Lebensmelodie bleibe unvollständig, wenn diese Lebenstöne einfach ausgelassen, der Angst überlassen werden.

In bemerkenswerter Weise quer zur Zeit und doch eben dieser voraus steht dieses junge hospizliche Ehrenamt mit seiner Stimme der Widerstandsfähigkeit dafür ein, dass der aktive Umgang mit der Erfahrbarkeit von Endlichkeit und Grenzen das Leben gerade nicht verhindert, sondern die Entfaltung dessen vielmehr ermöglicht.

Wenn ich das Ende mitdenke, gehe ich mit mir und anderen anders um. Dann ist das, was meinen Nächsten anders macht – eine andere Meinung, eine körperliche oder geistige Einschränkung oder eine lebenslimitierende Erkrankung – keine Bedrohung mehr. Es ist Heraus-Ruf und -Forderung, mich ihm zu stellen. Dann können wir wirklich leben,

so einer der Teilnehmer als Begründung für seine Haltung.

Am Ende zählt der Mensch.

1https://www.volksfreund.de/pr/presseportal/trauer-um-franziska-knost_aid-66195545, [210222]

2https://junges-ehrenamt-hospiz.de/

ICH HÄTTE NIE GEDACHT, DASS ICH IN SO KURZER ZEIT ÜBER MICH HINAUSWACHSE …

MEIN EHRENAMT BEIM MALTESER HILFSDIENST E. V.

Acelya-Leyla Celik

#HospizErfahrung

ACELYA-LEYLA CELIK

Als der Vater starb, warf es auch kurz mich aus der Bahn. Und plötzlich musste ich noch schneller lernen „Nein“ zu sagen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich in so kurzer Zeit so sehr über mich hinauswachse...

Mein Name ist Acelya-Leyla und ich bin 27 Jahre jung. Ich studiere Jura mit dem Schwerpunkt Steuer-, Wirtschafts- und Umweltstrafrecht und arbeite nebenbei als Werkstudentin im Personalwesen.

Meine Hobbys sind Tischtennis spielen, Tanzen, Töpfern und natürlich verbringe ich gerne viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freund*innen.

Ich habe eigentlich viel (zu viel) zu tun, dennoch fehlte mir schon länger etwas. Ich konnte es zuerst nicht greifen, nicht benennen, aber ich vermisste etwas in meinem Leben.

Ich bin vor einigen Jahren schon einmal einem Ehrenamt nachgegangen. Ich habe mich als Betreuerin um Kinder in einer Flüchtlingsunterkunft gekümmert und auch beim Deutschunterricht ausgeholfen. Wie es sich vielleicht einige vorstellen können, ist das keine Umgebung, die voller fröhlicher Gesichter ist. Es ist ein Ort vieler traumatisierter Kinder, denen schreckliche Dinge widerfahren sind. Umso schöner ist das Gefühl, wenn man diesen Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann und sie für einen Augenblick einfach nur Kind sein dürfen.

Das vermisste ich in meinem Leben – ein Ehrenamt. Und so begann meine Reise bei den Maltesern.

Nach den ersten Gesprächen und Vorstellungsrunden stand zuerst die Schulung an.

Noch heute kann ich es nicht fassen, wie intensiv und beeindruckend diese Zeit war. Ich habe so vieles lernen und mitnehmen dürfen, was mich mein ganzes Leben lang begleiten und weiterbringen wird. Außerdem sind wundervolle Freundschaften daraus entstanden.

Eine bessere Vorbereitung auf das Ehrenamt hätte es nicht geben können.

Kurz darauf bekam ich auch schon eine Familie zugeteilt und ich durfte sie kennenlernen.

Die Mama Alexandrina, der Papa Ilias und ihr siebenjähriger Sohn Noan. Die Familie wohnt erst seit knapp drei Jahren in Deutschland. Sie haben davor in Polen gelebt.

Der Vater ist schwerkrank und hat Leukämie. Er hatte zu Beginn meiner Begleitung noch „eventuell eine Chance“ zu überleben.

Auf der einen Seite war die Vorfreude bei mir riesig und auf der anderen Seite hatte ich Zweifel: „Was ist, wenn das Kind mich nicht mag?“, „Was ist, wenn ich ihm nicht helfen kann?“ oder „Was ist, wenn ich etwas falsch mache?“.

Aber meine Zweifel blieben unbestätigt. Ich konnte sehr schnell eine starke Bindung zu Noan aufbauen. Er vertraute sich mir an und teilte all seine Gedanken mit mir – sowohl die schönen kindlichen als auch die traurigen. Ich wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Familie.

Das Schicksal seines Vaters war ihm äußerst bewusst. Er wusste, dass Ilias schwerkrank ist und er deshalb nicht viel mit seinen Freunden spielen darf, „um Papa nicht zu gefährden“. Noan war es außerdem wichtig, dass wir uns unterwegs regelmäßig die Hände desinfizieren und Abstand zu fremden Menschen halten, weil „Corona für Papa ganz böse ist“.

Irgendwie beeindruckend, wie weitsichtig und rücksichtsvoll ein Siebenjähriger sein kann. Gleichzeitig hat es mich allerdings zum ersten Mal an meine Grenzen gebracht, nämlich dem richtigen Abgrenzen.

Mir fiel es zu Beginn schwer, das Ehrenamt nicht mit in meinen Alltag zu nehmen.

Denn Noan hat es besonders schwer!

Er lebt in einem für ihn noch fremden Land, kann sich auf Grund von Sprachbarrieren nicht einwandfrei äußern, darf nach der Schule nicht mit seinen Freunden spielen und hat zudem große Angst seinen Vater zu verlieren.

Zum Glück konnte ich in solchen Situationen auf das Erlernte in den Schulungen zurückgreifen und mich so Schritt für Schritt besser davon abgrenzen.

Mit Hilfe ebendieser Methoden konnte ich bei gewissen Fragen von Noan, wie zum Beispiel „Acelya, wird Papa sterben?“, einen kühlen Kopf bewahren und meine Emotionalität kontrollieren, um ihm eine gute Hilfe zu sein.

Jeden Dienstag sind Noan und ich verabredet und verbringen gemeinsam drei Stunden. Er kann mit mir auf dem Spielplatz toben, ins Kino gehen, Burger essen, Minecraft zocken, über alles reden, lachen, aber auch weinen und offen von seinen Ängsten erzählen.

Derweil verschlechterte sich der Zustand von Ilias. Er baute immer mehr ab und obwohl er sich so sehr dagegen wehrte, ließ sich der Krebs nicht mehr aufhalten.

Immer, als unsere Zeit vorbei war, verabschiedete ich mich auch schnell von Ilias. Er hob dabei mit letzter Kraft seinen Kopf, winkte und sagte: „Danke, tschüss“.

Dann war da plötzlich dieses eine Mal, wo er „Danke, tschüss und alles Gute für Dich“ sagte.

Dieser Moment war irgendwie sehr schwer für mich, denn es fühlte sich so an, als würde er sich von mir verabschieden, aber dieses eine Mal für immer – wusste er es da schon?

Wenige Tage danach verstarb Ilias.

Und wieder kam ich an meine emotionalen Grenzen – dem richtigen Abgrenzen.

Zudem sah ich mich mit einer weiteren Grenze von mir konfrontiert, nämlich dem „Neinsagen“.

Denn die Situation war nun eine Andere. Der Vater war verstorben und die Mutter war verständlicherweise mit der Allgemeinsituation überfordert. Sie brauchte nun noch viel mehr ein offenes Ohr, Jemanden zum Reden und Hilfe bei allen bürokratischen Fragen.

Das führte dazu, dass sie viel der für Noan angedachten Zeit in Anspruch nahm und ich (mit viel Überwindung) ihr die Grenzen aufzeigen musste, denn ich bin an erster Stelle für das Kind da.

Mir fiel – und fällt es nach wie vor – nicht leicht, ihr die Grenzen zu setzen und „Nein“ zu sagen. Umso glücklicher bin ich darüber, dies im Rahmen der monatlichen Supervisionen und durch die Gespräche mit meinen Koordinatorinnen offen thematisieren zu können, um auch darin stetig zu wachsen.

Die Vertrautheit unserer Gemeinschaft und das Schicksal der Familie hat mich derart berührt und mich – auf eine nur schwer in Worte zu fassende Weise – mit diesen Menschen verbunden, dass ich für mein Leben dadurch geprägt wurde. Dafür bin ich allen unendlich dankbar!

Ich hätte nie gedacht, dass ich in so kurzer Zeit so sehr über mich hinauswachse.

ASCHE UND LAUB

Teresa Koch

#HospizErfahrung

TERESA KOCH

Zum ersten Mal traf ich Frau Gisela S. an einem Mittwoch. Ich erinnere mich, wie ich bei mächtig gutem Herbstwetter die Straßen der vornehmen Südstadt Bonns hinabschlenderte. Leicht aufgeregt gegenüber dem, was mich gleich erwarten würde, setze ich mich auf ein Mäuerchen vor einem besonders schönen alten Haus. Gestern am Telefon meinte Sabine (Koordinatorin des Ehrenamtes), sie hätte bei der Anfrage dieser Begleitung direkt an mich gedacht. „Ein guter Match“ also. Wie merkwürdig eigentlich, dass es auch in dieser Hinsicht eine Art „Match“-Zueinanderpassen gäbe, schoss mir durch den Kopf. Doch irgendwie sollte sie recht behalten, wie sich im Verlauf hinausstellte. Ich traf Sabine ein paar Minuten später vor einer stattlich hölzernen Tür einer alten Stadtvilla und wir klingelten.

Kurz später sitzen wir drei also am Wohnzimmertisch der eleganten Wohnung, in der Gisela alleine wohnt.

Tatsächlich erkenne ich einige Überschneidungen von Gisela und mir. Gisela ist Schneiderin, die ihr Handwerk nach wie vor ausübt, wie die vielen angekleideten Mannequins und die elegante Nähmaschine auf dem Wohnzimmertisch verraten. Und sie ist leider unheilbar an Brustkrebs erkrankt. Ich schätze sie auf Mitte 50. Unwillkürlich muss ich an meine Großmutter denken, die ebenfalls als Schneiderin tätig war und im selben Alter an Brustkrebs tödlich erkrankte. Ich bemerke die Betroffenheit, die diese Diagnose und das damit verbundene Leid in mir auslösen.

Während dieser ersten Begegnung sehen Gisela und ich uns kaum an und ich verhalte mich sehr still. Ich habe Schwierigkeiten, die Rolle für mich zu definieren, die ich hier einnehmen werde.

Als Medizinstudierende im letzten Semester und als gelernte Rettungsassistentin ist mir der Umgang mit schwer Erkrankten nicht fremd. Allerdings vollzieht sich in diesen Bereichen normalerweise eine klare Rollenzuweisung im Patient*innenkontakt. Diese beginnt bereits mit der Bekleidung, die eine berufliche Distanziertheit schafft, und das Verbergen der persönlichen Anteilnahme vereinfacht. Ohne die Kleidung, Bezeichnung, Besetzung sitze auf einmal ich, Teresa Koch, in Zivil dort am Tisch. Deutlich verspüre ich deshalb ein wenig Verlegenheit und auch Dankbarkeit aufkommen: ich werde in dieses Haus, in dieses Leben, in diese schwierige private Situation miteingelassen, obwohl ich eine Unbekannte bin. Unser Kontakt basiert darauf, dass Gisela sterben wird, und dass ich, wenn sich die Dinge nicht maßgelblich ändern sollten, oder sie es explizit nicht mehr wünschen sollte, so lange hier ein und aus gehe, bis Gisela nicht mehr ist.

Ich spüre, dass dieser Dame mir gegenüber das ebenso bewusst ist, und dass die Entscheidung, mich hier einzulassen, ihr sicher nicht leichtgefallen ist.

Eines der Seminare in der Ausbildung zur palliativen Begleiterin behandelte das Thema Distanz und Nähe. Hier im Wohnzimmer von Gisela wird mir bewusst, dass ich zu einer noch nicht genau definierten Nähe eingeladen bin.

Wie weit möchte diese noch fremde Frau mich an sich heranlassen? Wo braucht sie meine Unterstützung und mein Engagement? Und wo sind auch meine Grenzen?

Im Verlauf des Nachmittags besprechen wir einige Eckdaten, wie etwa Details zur Patient*innenverfügung. Eine beinahe geschäftliche Atmosphäre. Gisela plant und organisiert alle Angelegenheiten akribisch. Im ersten Eindruck erscheint sie willensstark, dominant und sehr liebenswürdig. Ich bin gespannt, sie im Verlauf weiter kennenzulernen.

Zwei Wochen später laufe ich dann wieder durch die Südstadt Bonns, diesmal auf mich alleingestellt. Ein paar Vorüberlegungen habe ich in der Tasche. Achtsam sein, mich nicht aufdrängen, schauen, wo ich benötigt werde. In meiner vorherigen palliativen Begleitung hatte ich vor allem mit den Angehörigen Kontakt, da die betroffene Dame bereits nicht mehr richtig ansprechbar war. Im Gegensatz hierzu ist Gisela geistig voll auf der Höhe.

Wir trinken Kaffee und lernen uns kennen. Ich erfahre von ihrem Leben, von der Tätigkeit als Schneiderin in Düsseldorf. Wie hochnäsig die Kundschaft von der „Kö“ wirklich ist. Wie viel Verantwortung man trägt, wenn man selbstständig einen Laden führt, in dem man tagein und tagaus für alles verantwortlich ist.

Sie habe auch mal in Washington gelebt, sagt sie, wechselt aber rasch wieder das Thema. Als ob der herbe Geschmack von etwas Fauligem, Schwerem kurz hochsteigt und man rasch einen Schluck Wasser trinkt. Oder es sind die vielen Erinnerungen, die beißen, weil sie für immer der Vergangenheit angehören.

Zum Ende des Besuchs betritt ihr Sohn die Wohnung. Er wohnt im selben Haus in einer weiteren Wohnung und kümmert sich als Hauptverantwortlicher um seine Mutter. Zwischen den beiden besteht eine Vertrautheit und Nähe, zugleich weiß sie ihn sehr bestimmt miteinzubinden. Es ist klar, wer hier den Ton angibt.

In den kommenden Wochen stellt sich allmählich eine gewisse Routine in meinen Hausbesuchen ein. Ich komme immer mittwochs, ich werde erwartet, die Tagesaufgaben sind bereits vorgedacht und immer minutiös vorbereitet. Wir gehen spazieren, falls nötig um die Ecke einkaufen, sprechen über Politik und darüber, wie viele selten doofe Menschen es gibt. Ab und zu erfahre ich Fragmente aus ihrem Leben, aber eher nebenbei.

Manchmal bin ich versehentlich ein klein wenig zu voreilig, zu hilfsbereit. Dann wird klar formuliert, was mein Aufgabenbereich ist. Es erscheint zuweilen wie ein Theaterstück, was gespielt wird, in dem die Regieanweisungen keinen Platz für Interpretationen lassen. Die Handlung dreht sich in diesem Fall um den Abschluss der eigenen Existenz, darum, schrittweise das eigene Leben abzubauen, während der Körper sich selbst abbaut.

Das nächste Mal komme ich in Vorbereitung auf die Bestandsauflösung ihrer Schneiderei, die Gisela seit längerem plant. Ziel ist es, möglichst viele ihrer Schnitte und Stoffe loszuwerden. Sie möchte möglichst alles leer bekommen, Preis egal. Hauptsache, sie müsse nichts wegschmeißen. Im Vorhinein braucht sie meine Hilfe.

Während wir wertvolle Kleidungsstücke auf zuvor akribisch geordnete Bügel sortieren, Nadelkissen überall, Scheren in Schubladen räumen, Mannequinarme in den Keller bringen, bin ich sehr sensibilisiert auf das, was sich hier eigentlich gerade vollstreckt. Das ist schon sterben. Es hat schon angefangen.

Der Tod muss sein wie tausende Nadelstiche. Dieser hier zumindest. Sehenden Auges, klaren Verstandes, mit voller Aufmerksamkeit auf jedes Detail werden hier Kapitel und so mancher Vorhang geschlossen, Projekte beendet, Modepuppen abgebaut, der Arbeitsplatz endgereinigt.

Irgendwie macht das was mit mir, ich bekomme Angst und fürchte mich vor meinem eigenen Ende. Die Macht der Gewohnheit bietet doch auch unglaublich viel Schutz. Einfache Handlungsabläufe ist man gewohnt, weil man förmlich in ihnen wohnen kann.

Tausendmal Arbeitsplätze aufbauen. Zehntausendmal Mittagspause. Etliche Kund*innengespräche. Zum Frühjahr reifen die Erdbeeren, im Herbst gibt es dann Birnen. Wer kennt diese Rhythmen nicht, die die Zeit füllen und die Jahre schnell dahingleiten lassen, wie Stoffe unter dem Rattern einer frisch geölten Nähmaschine. Aber irgendwann wird alles ein letztes Mal getan werden, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht. Jeder Mensch stirbt, wir alle – auf eine zuvor von uns unplanbare und ausgesuchte Weise. Bald oder erst in weiter Ferne. Wir wissen es nicht und das ist ja auch gut so. Denn Unwissenheit über das eigene Ende ist ein weiterer Schutz.

Beidem ist diese Dame beraubt, sie muss ungeschützt dem eigenen Schicksal gegenübertreten.

Kurze Zeit, nachdem ich Gisela bei der Bestandsauflösung geholfen habe, fahre ich für ein paar Tage in ein Schweige-Retreat, um zu meditieren. Es ist nicht das erste Mal, dass ich zu einem solchen Vorhaben aufbreche, ich versuche eigentlich einmal im Jahr ein solches Retreat zu besuchen. In diesem Jahr fällt dies nun zufällig in diese besonders intensive Zeit der Begleitung.

Am schönen Laacher See habe ich nun die gute Gelegenheit in mich hineinzuhorchen, was diese Begleitung mit mir macht. In der Stille finde ich eine Formulierung, die mir gegebenenfalls auf meinem weiteren Werdegang im Gesundheitsbereich helfen wird:

„Was braucht es, um Empathie, Mitgefühl und Präsenz einer anderen Person zu schenken, ohne im Anschluss Teile des Leidens mit aus der Begegnung nehmen zu müssen?“

Impulse über die Vergänglichkeit, die ich in der herbstlichen Atmosphäre am Laacher See sammle, habe ich in einigen Gedichten niedergeschrieben und füge hier eines bei. Die Gedichte waren Teil meines Prozesses, die Vergänglichkeit mit der Natur zu verknüpfen, was auf mich eine sehr beruhigende Auswirkung hat:

Wenn Sterben wär, wie ein Blatt, was vom Baum weht

Wenn der Tod käm, wie der Wind, der durch den Baum geht

Wenn tot sein wär, wie

Das Laub, dass den Weg schönt

Der letzte Ritt, der Todeskampf

Wär wie ein Laubblatt, das nur einmal tanzt,

nämlich wenn es, schier unvorhergesehen der lebenspendenden

Verbundenheit entweht nur um dann, in der Klammer eines

Augenblicks klammheimlich, den Quantensprung seiner Existenz

zu vollziehen, damit mein ich:

Es wird aus dem Blatt dann das Laub

Aus dem Körper die Leiche, aus der Kopfhaut der Skalp, aus der

Baumfrucht die Eichel.

Dieser wesentlichen Umlautsänderung kaum glaubbar, kaum

lautbar der Prozess, doch gar nicht unlauter wesentlich lauter

indes die Laute der Trauernden Klagen,

Nur nicht beim Laub, das wird lautlos zusammengetragen.

Ob Laubdienst und Bestattung dieselbe Bezahlung erfahren?

Sterbewunsch

Als ich das nächste Mal bei Gisela klingele, macht mir ihr Sohn die Tür auf. Gisela ist noch dünner geworden. Sichtlich geschwächt delegiert sie Aufgaben an ihren Sohn und mich und erklärt sitzend vom Bett aus, was genau zu tun ist. Während einer größeren Umräumaktion kommt es zu einem ersten längeren Gespräch zwischen ihrem Sohn und mir. Er berichtet von den Problemen, die sich für ihn aktuell ergeben. Vor allem macht ihm zu schaffen, dass sie alles selbst machen und entscheiden will, während es sein Impuls ist, sie zu entlasten und ihr Tätigkeiten abzunehmen.

In den kommenden Wochen wird Gisela immer immobiler und ihr Sohn in ihrer Pflege immer präsenter. Ich komme oft, setze mich ins Wohnzimmer und gebe ihrem Sohn somit für ein bis zwei Stunden die Möglichkeit, spazieren zu gehen oder sich kurz auszuruhen. Für Gisela hat die Zeit des letzten Liegens angefangen. Immer mehr pflegerische Aspekte wie die Mobilisierung auf den Toilettenstuhl oder Dekubituspflege gewinnen an Bedeutung.

Mir fällt es nicht leicht, den wöchentlichen Weg nach Bonn auf mich zu nehmen. Zwischendrin kann ich es kaum ertragen, zu sehen, wie sehr sie abbaut. War sie schon von Anfang an kachektisch, bekommt sie bald ein skeletthaftes Erscheinungsbild. Je kälter es in diesem Winter wird, desto mehr schwindet Gisela. Alle rechnen mit ihrem baldigen Ableben und ich habe mich auch bereits darauf eingestellt. Es vergehen relativ leise Wochen.

Kurz vor Weihnachten besuche ich Gisela noch einmal und treffe sie in wieder aufgeklartem Zustand an. Zwischendrin haben wir ein paar kurze Momente zu zweit und ich erzähle ihr davon, dass ich an Weihnachten ein Outfit tragen werde, zu dem der Armreifen passt, den sie mir einst geschenkt hat. Stumm laufen ihr Tränen über die Wangen. Sie hatte mir damals einen Armreif geschenkt, der austauschbare knopfartige Elemente enthielt. Mit einiger Begeisterung hatten wir gemeinsam aus einer riesigen Kiste von Knöpfen eine Zusammenstellung an Elementen gefunden, die mir „wirklich gut stehen würde“.

Irgendwie weiß ich, dass das jetzt der Moment unseres Abschieds ist.

Als ich kurz vor Silvester erneut zu Giselas Familie komme, ist sie nicht mehr ansprechbar. Ein Sturz habe dazu beigetragen, dass sie fast ausschließlich schläft.

Ich halte Wache, Giselas Sohn geht mit dem Hund Audrey spazieren. Eine Woche später ebenfalls. Und in der nächsten Woche nochmal. Und nochmal.

Und dann verlassen mich eines mittwochs die Kräfte und ich schaffe es plötzlich nicht, wieder in die schöne Bonner Südstadt zu fahren. Ich hatte jeden Dienstag damit gerechnet, die Nachricht zu erhalten, dass ich am Mittwoch nicht mehr kommen muss. Weil Gisela friedlich eingeschlafen ist. Doch das Erwartete tritt und tritt nicht ein. An diesem einen Mittwoch finde ich nicht mehr die Kraft das auszuhalten. Es überkommt mich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht abwenden will. Ich habe an mich selbst den Anspruch, die Scham und die Scheu, die ich bei Gisela wachsen spürte, nicht zu erwidern. Ich will ihr zeigen, dass ich sie nicht abscheulich finde. Selbst wenn sie es nicht mehr mitbekommt, fühlt es sich an, als würde ich sie in ihrem Selbstekel am Ende doch bestätigen, wenn ich mich ihrem Schicksal nicht mehr stellen könnte.

Unter anderem durch die Einsichten aus der Meditationszeit kann ich mich aber schnell fangen.

Eine Woche darauf wache ich schweißgebadet aus dem Nichts auf und weiß, dass Gisela heute sterben wird. Ich spüre das glasklar und ohne Zweifel. So kommt der Anruf am nächsten Tag fast nicht überraschend, in dem mir vom Ableben am Vortag berichtet wird.

Ich halte diese besondere Frau im Andenken, zu der ich irgendwie eine Verbindung aufgebaut und verspürt habe.

IMPRESSIONEN EINER BEGLEITUNG

Tabea Lamshöft

#HospizErfahrung

TABEA LAMSHÖFT

Es ist zwar eine Weile her, dass ich eine Begleitung gemacht habe, allerdings muss ich sagen, dass sie mir absolut im Kopf geblieben ist – durchweg positiv!

Schon bevor Lisas Vater verstorben ist, war ich in der Familie. Bei dieser handelte es sich um ein Ehepaar mit vier Kindern, wobei ich das drittälteste begleiten durfte. Zu Beginn meiner Begleitung war Lisa neun Jahre alt. Zwei ihrer Geschwister sind nur ein wenig älter, das jüngste Kind kam gerade in den Kindergarten. Die drei älteren Kinder wurden von uns begleitet, Lina von Pia und David von Daniel. Jedes der begleiteten Kinder hatte also seinen eigenen jungen Ehrenamtlichen. So viel zur Vorgeschichte…

Beim ersten Besuch war Martina, unsere Koordinatorin und somit Ansprechpartnerin, dabei. Diese war vorab schon in der Familie, um zu schauen, welche Bedarfe diese Familie hat und welche Begleitung zu welchem Kind passen könnte. So verschieden wie die Kinder, sind auch wir jungen Ehrenamtliche.

Die Koordinatorin ist vom Anfang bis zum Ende einer Begleitung eine sehr wichtige Ansprechpartnerin und Vertrauensperson. Wir können mit ihr über berührende, beschäftigende, ungewisse oder sogar beängstigende Situationen sprechen. Dies gilt nicht nur für den Begleitungszeitraum oder für Themen der Begleitung, sondern auch für den Alltag und Probleme, die sich im eigenen Leben abspielen. Dadurch ist für mich zu meinen Koordinatorinnen eine besondere Bindung entstanden. Naja, soweit dann das wichtigste zu den Koordinatorinnen.

Bei meinem ersten Treffen wurde viel geredet. So kamen schnell Wünsche zum Vorschein, was Lisa mit mir erleben möchte, denn durch die Erkrankung ihres Vaters war auch die Mutter ans Haus gebunden. Meine Begleitung war immer sehr gerne an der frischen Luft und so blieb der Wunsch nach Spaziergängen und Fußballspielen nicht aus.

Beim zweiten Mal bin ich allein hingegangen. Den Termin habe ich mit der Mutter besprochen, die uns Ehrenamtliche immer wärmstens empfing. Auch der Vater war froh, dass wir in einer solchen Zeit für seine Kinder da sind und ihnen etwas Zeit für frischen Wind und Ablenkung geben konnten.

Bevor wir spazieren gingen, wollte sie mir das Haus ein wenig zeigen und mir alle vorstellen, besonders den freundlichen Familienhund.

Meistens gingen wir um den nahegelegenen See spazieren. Nicht selten gab es auch ein Eis. Je größer der Radius unserer Erkundungstour wurde, umso größer wurde auch ihr Vertrauen zu mir. Der bevorstehende Tod ihres Vaters war in dieser Zeit nicht das, worüber sie immer reden wollte. Es ging viel um private Sachen, wie Themen rund um Schule oder auch gewisse Streitigkeiten mit Freund*innen und Geschwistern. Manchmal fühlte ich mich wie eine kleine Ratgeberin für sie, wenn es darum ging, Lösungen für solche Fälle zu finden. Es ging nicht darum, ihr etwas vorzusagen, sondern sie selbst zu einer Lösung zu bringen. Es schien sie auch ein wenig zu stärken, um sich auf weitere Problemlösungen vorzubereiten. Und ja, in gewisser Weise ist damit auch der Tod des Vaters gemeint.

Quatschen konnte man nicht nur gut bei einem langen Spaziergang, sondern auch bei anderen Aktionen. Sie wollte einmal an einem anderen Ort spazieren und meinen Hund kennenlernen. Das war eine gelungene Kombination. Bei der langen Gassi-Runde haben wir uns etwas verlaufen, aber zum Glück, dank zuvor geteiltem Standort des Parkplatzes, haben wir zurück zum Auto gefunden. Ein anderes Mal waren wir Tretbootfahren. Dabei konnten wir beide sehr viel lachen. Sie hat die Auszeit genossen, während ich strampeln durfte. Naja, ich war zu diesem Zeitpunkt auch ein deutliches Stück größer als sie. Sie hat also das Steuer übernommen und ich musste Gas geben. Einmal sind wir mit ihrer Schwester und Pia zu einem Spaßbad gefahren, dies war ein ganz besonders schöner und erholsamer Tag für die Geschwister. Immer wieder merkte ich, wie die Ausflüge ihr mehr und mehr Stabilität gaben. Selbst das Steuer in die Hand nehmen, sich einen Ausflug wünschen … das wirkt der Ohnmacht entgegen, die immer im Raum steht, wenn todbringende Krankheiten in ein ganzes Familiensystem den Platz einnehmen.

Auch nach dem Tod des Vaters habe ich das Mädchen begleitet. Wir waren ja schon so vertraut, dass sie gut ihre Gefühle mir gegenüber zeigen konnte. Und so gingen manche Spaziergänge zum Friedhof, immer mit angemalten Grabkerzen oder Steinen, die wir mit Posca–Stiften gut gestalten konnten. Unsere Gespräche vertieften sich, so kamen noch Fragen zum Sterbeprozess auf und Erzählungen über den neuen Alltag.

Mit dem Angebot unsere Kindertrauergruppe zu besuchen, ließ mein Kontakt langsam nach. Hin und wieder höre ich von ihr und ihrer Familie und freue mich, dass alle ihren eigenen guten Weg nun gehen können.

Für mich war das eine einzigartige Erfahrung. Jede Begleitung ist das. Ich würde immer wieder eine Begleitung eines Kindes oder Jugendlichen übernehmen, da ich das Gefühl habe, dass es nicht nur die andere Person, sondern auch mich bereichert.

Es steht für mich fest, dass alle mit einer so simplen Art von Hilfestellung Unglaubliches bewegen können. Man kann einem Menschen helfen, der auf seine Art trauert oder schon bevor es dazu kommt. Für eine solche Hilfe habe ich eine so warme und herzliche Rückmeldung bekommen, die ich nie vergessen werde.

MOMENTE DER NÄHE

Tim Elter, Juliana Götze und Anne Wächtershäuser, junge Ehrenamtler*innen aus Bonn

#HospizErfahrung

TIM ELTER

JULIANA GÖTZE

ANNE WÄCHTERSHÄUSER

Die Tür öffnet sich. Ich betrete einen fremden Raum. Die Umgebung des Altenheims ist anders und die Situation ist ungewohnt. Die Dame, die ich begleite, liegt in ihrem Bett. Weil sie auf ihrer linken Seite gelähmt ist, kann sie ihren Kopf nur minimal zu mir drehen, um mich zu begrüßen. Als ich mich zu ihr setze und anfange mit ihr zu sprechen, bittet sie mich, etwas langsamer zu reden. Es dauert eine Weile, bis sie antwortet. Ich merke, dass ich mich fernab von meinem Alltag, in dem ich eben noch hinter der Bahn hergehastet bin, erstmal darauf einstellen muss, dass hier andere Dinge wichtig sind. Ich muss erst einmal runterfahren und mich auf die Situation einlassen.

Zu Beginn einer hospizlichen Begleitung fühlt man sich oft wie ein Eindringling in die Privatsphäre eines anderen Menschen. Man öffnet die Tür in einen fremden Alltag und erhält die Gelegenheit, in vielfältiger Weise Nähe zu erleben.

Nähe, das kann schon das „reale“ Türöffnen der begleiteten Personen für die Ehrenamtler*innen bedeuten. Wenn man von der*dem Ehepartner*in durch die Wohnung geführt wird, sich ein Glas Wasser nehmen darf und gebeten wird, sich mit auf die Couch zu setzen, dringt man in die privaten Räume, das Zuhause eines fremden Menschen ein. Dabei sind Momente der Skepsis gar nicht so selten:

„Setzen Sie sich auf den Stuhl vorne links. Auf den setze ich immer die Leute, die ich am schnellsten wieder loswerden möchte.“

So wurde ein Ehrenamtler einmal zu Anfang einer Begleitung von einem älteren Herrn begrüßt. Doch im Verlauf einer Begleitung kann sich auch eine Beziehung aufbauen, wodurch das Gefühl des „Eindringling-Seins“ schwächer wird. Ein Vertrauensverhältnis kann sich entwickeln, in dem man die letzte Wegstrecke des Lebens eines oft schwer erkrankten Menschen mit begleiten darf.

Wie so oft im Leben ist dabei Kommunikation der Türöffner. Der Austausch gemeinsamer Interessen, Gespräche über Sport, Politik oder die Lebensgeschichte können Momente der Nähe schaffen.

„Ach wissen Sie, damals beim Karneval war ich Funkenmariechen. Vorne an der Bornheimer Straße haben wir jeden Mittwochnachmittag geprobt. Da habe ich sogar meinen Mann kennengelernt. – Hat der mich immer durch die Luft gewirbelt.“

Neben dem direkten Austausch gibt es Begegnungen, bei denen auch nach dem Versterben der begleiteten Person die Bedeutung und Nähe einer Begleitung spürbar werden:

„Ich unterhielt mich auf der Palliativstation mit einer Dame über das Vogelhäuschen, das vor ihrem Fenster hing und sie erzählte mir von ihrer Liebe zur Natur. Daraufhin malte ich ihr ein Bild mit einem Baum in der freien Natur, Vögeln darin und einem weiten blauen Himmel. Die Dame nahm das Bild mit ins Hospiz, das es nach ihrem Versterben der Palliativstation schenkte. Dort hängt es jetzt im Gemeinschaftsraum. Für mich ist es jetzt auch ein Sinnbild dafür, dass etwas zwischen uns entstanden und noch immer da ist.“

Kommunikation kann auch auf ein gemeinsames Schweigen reduziert sein, in dem man bloß da ist und durch geteilte Präsenz versucht Nähe zu schaffen.

„Bei einer Begleitung baute die Dame immer stärker ab. In den letzten zwei Monaten sprach sie kaum noch, wurde immer zerbrechlicher und schlief viel. Oft saß ich nur an ihrem Bett. Ich habe gehofft, dass meine Anwesenheit ihr zumindest unbewusst das Gefühl von Nähe geben konnte.“

„Ich hatte das Gefühl, dass sie besonders viel Nähe gebraucht hat [eine ältere Dame]. Sie litt unter Visionen, die bei ihr eine enorme Angst auslösten. In solchen Momenten der Angst war ich bei ihr und habe ihre Hand gehalten.“

Das Anvertrauen von Sorgen und Ängsten kann die Ehrenamtler*innen in die Lebenswelt der begleiteten Person eintreten lassen. Als Ehrenamtler*in nimmt man häufig eine exponierte Rolle ein: Man ist einer der Menschen, die der Person nah sein können, und trotzdem entsteht durch das „Von-Außen-Kommen“ eine Distanz. Doch gerade diese Art der Distanz kann auch – was auf den ersten Blick paradox klingen mag – Momente der Nähe eröffnen. Denn manchmal kann es gegenüber den Ehrenamtler*innen leichter als gegenüber der eigenen Familie fallen, Sätze wie die folgenden auszusprechen:

„Es wird nie besser werden.“

„Ob ich meine Enkelin je wieder sehen werde?“

„Ich sterbe doch eh bald, wieso sollte ich überhaupt noch essen?“

Genau wie Schmerzen sind auch diese Aussagen oft schwierig auszuhalten. Sie gehören zu den Momenten, wo es auch schwerfallen kann, die (emotionale) Ruhe zu bewahren. Ein allgemein abtuender Satz wie „Machen Sie sich keine Sorgen“ ist als Reaktion in den seltensten Fällen hilfreich. Einfach zuzuhören und für die Belastung, die die Krankheit mit ihren einhergehenden Schmerzen und dem Trennungsprozess vom Leben darstellt, ein offenes Herz und Ohr zu haben, wird häufig als viel tröstender empfunden.

Im Mit-Aushalten von Ungewissheit, Angst und Schmerzen kann man diesen gemeinsam begegnen und die Person spüren lassen, dass sie in ihren Sorgen nicht alleine ist. Das gilt auch, wenn ein Mensch nicht von seiner Krankheit erzählen möchte.

„Ihr Ehemann wollte mir von der Krankheit seiner Frau berichten. Als er gerade zur Erzählung ansetzte, unterbrach sie ihn und sagte ihm deutlich, er solle es lassen. Sie möchte nicht, dass ich etwas über ihre Krankheit erfahre.“