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Inklusion als Aufgabe des Zusammenlebens und -lernens von Menschen verschiedener Fähigkeiten, Kulturen, Geschlechtern, Religionen u.a. wird häufig aus der Außenperspektive untersucht, d.h. hinsichtlich struktureller Vorgaben, Bedingungen und Zielen. Narration als Schlüssel zur Inklusionsthematik lässt dagegen die beteiligten Personen selbst zu Wort kommen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene entfalten Selbstdarstellungen, die in Auseinandersetzung mit Menschen, Texten, Orten und Metaphern ihre Geschichte erzählen. Durch die Konfrontation der großen Erzählungen, wie denen der Religionen und Kulturen, mit den kleinen Erzählungen des Alltags werden so individuell gestaltete und geprägte Zugehörigkeiten bzw. Ausschlüsse sichtbar. Religionspädagogische, heil- und sonderpädagogische, erziehungs- und kunstwissenschaftliche sowie politikdidaktische Perspektiven fokussieren das zentrale inklusive Bildungsziel, verschiedene Weltsichten und Sprachformen sowie deren Interpretationen unterscheiden und für eigene Worte gebrauchen zu lernen.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Behinderung – Theologie – Kirche
Beiträge zu diakonisch-caritativen Disability Studies
Herausgegeben von
Johannes Eurich
Andreas Lob-Hüdepohl
Band 9
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Bistümer Paderborn und Münster sowie der Gesellschaft der Freunde der Technischen Universität Dortmund e.V.
1. Auflage 2015
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-028909-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-028910-9
epub: ISBN 978-3-17-028911-6
mobi: ISBN 978-3-17-028912-3
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Vorwort
Katharina Kammeyer und Britta Baumert
Inklusion als Narration. Einleitende Gedanken
Theoretische Reflexion von Inklusion als Narration
1. Markus Dederich
Inklusion als Erfahrung und Erzählung.Überlegungen aus heil- und sonderpädagogischer Sicht
2. Bernhard Grümme
Erzählung als Königsweg für eine inklusive Religionspädagogik?Skizzen eines narratologischen Zugangs
3. Britta Baumert
All inclusive?Religionstheologische Impulse für einen reflektierten Umgang mit Inklusion
4. Nushin Hosseini-Eckhardt
Ambivalenz der Perspektiven.Wie Denkfiguren der Komplexität gerecht werden sollen
5. Natascha Bettin
Ein Raum als Text. Der fremde Raum als fremder Text:Übersetzungsversuche durch Sakralraumerkundungen zur Steigerung des Fremdverstehens
Reflektierte Praxis in inklusiven Lern- und Teilhabekontexten
1. Nadja Damm
Deutsche (Einwanderungs-)Geschichte(n).Praxisbericht über eine Schreibwerkstatt mit muslimischen Jugendlichen
2. Mariele Wischer
Heterogenität gendersensibel bei biblischen Erzählungen ins Spiel bringen.Ein Beispiel aus dem Religionsunterricht der Mittelstufe zum Thema David und Goliat
3. Lissy Weidner
„Wut tut gut.“ Bibliodramatisches Arbeiten zur Geschichte der Tempelaustreibung in unterschiedlichen Kontexten
Beobachtungen und Rekonstruktionen von Erzählungen in pädagogischen und jugendlichen Perspektiven
1. Ansgar Schnurr
Erzählen, Basteln, Remixen.Jugendliche Zugehörigkeiten in der Migrationsgesellschaft
2. Janieta Bartz
Hoffnung für die Verzagten.Alltagsexegetische Zugänge von Jugendlichen zu biblischen Texten am Beispiel der Heilsweissagung in Jes 35
Bert Roebben
Ergebnisse und Ausblicke
Autorinnen und Autoren
Erzählungen strukturieren unsere Wahrnehmung und Lebenswirklichkeit. Von ihnen sind wir umgeben, und in sie weben wir uns ein und tragen so selbst zu Texturen und Strukturen bei. Eine große Erzählung, die gesellschaftlich herausfordert, ist die der Inklusion. In ihr geht es um die spannungsvolle Aufgabe, das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von verschiedenen Menschen zu gestalten. Es geht um das Recht von allen Menschen auf Teilhabe an Gemeinschaften, die für alle offen sind. In diesem Buch wird die These vertreten, dass Religion und religiöse Bildung zur positiven Entwicklung von inklusiven Prozessen beitragen können, denn religiöse Bekenntnisse und religiöse Praxis stellen sich in Vielfalt dar und fordern daher zum Dialog auf.
Das Forschungsprojekt Große Erzählungen, kleine Erzählungen. Religiöse Bildung und die Entwicklung personaler und spiritueller Kompetenz von Jugendlichen in einer diversitätssensiblen Schulkultur hat sich mit Erzählungen der am Inklusionsprozess beteiligten Kinder und Jugendlichen befasst. Mit Bezug auf die Dimensionen Vielfalt, Inklusion und Spiritualität wurden in der Zeit von 2010 bis 2013 im Rahmen des Projekts ausgewählte Formen religiöser Bildung in kulturell und religiös pluralen schulischen Kontexten in den Blick genommen.
Der vorliegende Band geht auf die Tagung Es wird erzählt … Zur Gestaltung von Inklusion als Narration vom 06.02. bis 07.02.2014 in Dortmund zurück, die gleichzeitig den Abschluss des Projekts bildete und die Thematik interdisziplinär öffnete. Die Beiträge dieser Tagung sind hierin aufgenommen und durch weitere Perspektiven in zusätzlichen Beiträgen ergänzt worden.
Ein besonderer Dank gilt den Projektmitarbeiterinnen Veronika Burggraf und Kathrin Hanneken, die maßgeblich zum Gelingen der Tagung und somit auch zum Entstehen des vorliegenden Bandes beigetragen haben. Wir danken ebenso den Autorinnen und Autoren für ihre bereichernden Ausführungen, dem Verlag für die Aufnahme in die Reihe und die gute Betreuung sowie Andreas Kohaupt für die sorgfältige Arbeit am Layout.
Des Weiteren möchten wir uns für die großzügigen Spenden der Bistümer Paderborn und Münster sowie der Gesellschaft der Freunde der Technischen Universität Dortmund e.V. bedanken, die durch ihren Druckkostenzuschuss eine Veröffentlichung dieses Bandes ermöglichten.
Die Herausgeberinnen und der Herausgeber
Inklusion begegnet zur Zeit zum Beispiel in den Medien durch den 5-minütigen Film „Das erste Mal“ im Rahmen einer Kampagne der Aktion Mensch. Gezeigt werden die überraschenden, teilweise irritierenden und oft humorvollen Momente erster Begegnungen von zwei unterschiedlichen Menschen in einem Castingprozess vor der Kamera.1 Auch im Jahr 2012 warb Aktion Mensch für Inklusion in Arbeit, Wohnen und Bildung. Damals wurden Plakate und Anzeigen gewählt, die Situationen zwischen Menschen zeigen, die einander bereits vertraut sind.2 Ein Plakat zeigt ein Foto von zwei jungen Männern, die gemeinsam am Küchentisch Karten spielen, während sich im Hintergrund das benutzte Geschirr stapelt. „Inklusion heißt: Gemeinsam nicht abwaschen“ steht darüber. Auf den ersten Blick ist sichtbar, dass einer der beiden Männer in einem Rollstuhl am Tisch sitzt. Bei dem anderen ist die Sitzgelegenheit nicht zu sehen.
Wer das Plakat betrachtet, mag über die Logik schmunzeln, nach der hier das Kartenspielen gegenüber dem Abwaschen gewinnt. Möglicherweise findet man sich auf den zweiten Blick selbst in dieser Alltagssituation wieder. Denkbar ist natürlich auch, dass die Szene für einige Betrachter und Betrachterinnen gerade keinen Alltag darstellt: Die Arbeit wird zu selten für ein Spiel unterbrochen. Im eigenen Freundes- oder Kollegenkreis gibt es keine Person mit einer körperlichen Beeinträchtigung bzw. keine Person ohne solche. Es gibt zwar Situationen von Gemeinschaft, aber oft gilt in unserem Alltag eben nicht, dass „das Wir gewinnt“, wie der Slogan der Aktion Mensch und die damit verbundene Lotterie lautet, sondern das Prinzip „Ich gewinne und andere verlieren“ oder „Ich verliere.“ Bekannt könnte hingegen sein, dass im Alltag, ähnlich wie in der abgebildeten Szene, nicht thematisiert wird, welche sichtbaren bzw. nicht sichtbaren körperlichen, geistigen oder emotionalen Beeinträchtigungen und Begabungen und sonstigen Lebensbedingungen Menschen betreffen. Solange hieraus kein Ausschluss resultiert, kann der Alltag selbst das Thema werden, so transportiert es das Plakat, und gemeinsam kann dieser verbessert werden: „Alle Menschen sollen gleichberechtigt am Leben teilnehmen – mit oder ohne Behinderung. Damit gemeinsames Wohnen selbstverständlich wird.“ Mit diesen Zeilen macht die Aktion Mensch wiederum klar, dass die abgebildete Szene nicht in jedem Fall möglich ist. Ausschluss und Einschluss, Teilhabe und Behinderung sind daher Themen, die weiterhin öffentlich explizit gemacht werden müssen. Das Plakat stellt insofern auch die Frage, was vor dieser Szene geschah, damit sie möglich wurde. Und was passiert, wenn das Spiel beendet ist?
Wenn „Inklusion heißt: Gemeinsam nicht abwaschen“, dann ist damit ein Beispiel dafür gegeben, inwiefern Inklusion als Narration verstanden werden kann: Das Plakat erzählt eine Szene und lässt Raum für das, was zu ihr geführt hat und dafür, wie sie sich fortsetzen lässt. Indem wir so in die Erzählung einstimmen, ordnen wir unsere Überlegungen. Diese können sich dann den Themen Umgang mit Zeit, mit Spiel und Arbeit, mit Verschiedenheit oder auch mit Behinderung widmen. Nach Paul Ricoeur liegt die Leistung von Narrativen in solchen lebensdienlichen Ordnungen: Sie formulieren Ereignisse, indem diese chronologisch aneinandergereiht werden. Erst der kausale Zusammenhang jedoch, nach dem die Ereignisse sinnvoll auseinander hervorgehen, macht aus dieser minimalen Grundstruktur eine Geschichte. Er „bringt aus der schlichten Abfolge der Ereignisse eine zeitliche Ganzheit hervor.“ Verständlich wird diese Form, weil die Leserinnen und Leser die Möglichkeit haben, ihr zu folgen: „Zu erzählen oder einer Geschichte zu folgen bedeutet, das Sukzessive als bedeutungsvolle Ganzheit zu erfassen.“
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