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Ursula Knoll erzählt in ihrem neuen Roman entlang von sechs außergewöhnlichen Frauenleben mitreißend die Geschichte eines polarisierenden Lebensmittels – von der Entdeckung des Zuckers als billige Energie über die Zuckerpanik der Gegenwart bis hin zur Vision einer Zuckerbrennstoffzelle. Die ehemalige Sklavin Mary Prince versucht, sich im frühen 19. Jahrhundert an ein neues, freies Leben in London zu gewöhnen. Dita und ihre Kollegen von der Wiener Kolonialzuckerraffinerie lassen sich 1848 von der Revolutionsstimmung mitreißen und kämpfen für ein besseres Leben. Etwa zur gleichen Zeit setzt die resolute Mathilde für das Familien-Imperium auf die Zuckerrübe und muss dabei nicht nur gegen männliche Widerstände antreten. Mehr als 150 Jahre später arbeitet Paula in einem Start-up an der Entwicklung eines Zuckerladegeräts mit, und auch ihre Tochter Kaja kommt auf den Geschmack des Zuckers …
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ursula Knoll
Roman
für Jona und Lena
Ejos
Überall, jetzt
TEIL 1
Paula
London, 1997
Ejo
London, 1828
Paula
London, 1997
Ejo
London, 1828
Dita
Wien, 1848
Mathilde
Hirm, 1848
Ejo
London, 1829
Dita
Wien, 1848
Mathilde
Hirm, 1848
Paula
London, 1997
Dita
Wien, 1848
Mathilde
Hirm, 1850
Dita
Hirm, 1850
Mathilde
Hirm, 1851
Ejo
Birmingham, 1831
Mathilde
Hirm, 1851
Paula
Wien, 1998
TEIL 2
Paula
Wien, 2005
Mathilde
Siegendorf, 1852
Dita
Hirm, 1852
Ejo
London, 1833
Mathilde
Hirm, 1855
Paula
Wien, 2007
TEIL 3
Kaja
Wien, jetzt
Dita
Wien, 1873
Mathilde
Wien, 1873
Kaja
Wien, jetzt
Ejo
London, jetzt
Dita
Wien, 1873
Mathilde
Wien, 1873
Kaja
Wien, jetzt
Paula
Wien, jetzt
Wäre ich allwissend, wüsste ich: Die Geschichte meiner Schwester begleitet euch. Sie hält euch in unruhigen Nächten wach. Sie schimmert durch eure geschäftigen Tage hindurch. Ihr könnt nicht anders, als euch vor ihr in Acht zu nehmen. An jeder Ecke lauert so eine Schwester. So eine wie meine. Dabei sind meine Schwester und ich auch nur zufällig dorthin gepflanzt worden, wo wir eben das Licht der Welt erblickten.
Eine grausame, eintönige Welt. Zuckerrohrhalme, wohin das Auge reichte. Grün in faden Schattierungen, drei bis sechs Meter hoch, sodass alles zwischen ihnen verschwand: Menschen, Träume, Sehnsüchte.
Aber auch wir konnten nicht anders, als uns zur Süße hingezogen zu fühlen. Schon das Fruchtwasser, in dem wir heranwuchsen, war so süß wie eine mit einem Löffel Zucker versetzte Tasse Tee. Wie alle Neugeborenen waren wir streng, verweigerten, was nicht diesem Geschmack entsprach, und hielten diese Angewohnheit ein Leben lang aufrecht.
Mit Übergewicht, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen mussten wir uns nicht herumschlagen. Dafür waren wir nicht lange genug auf der Welt. Die Schläge, das Bücken, das Schleppen bewahrten uns davor. Entfachte der Zucker Entzündungen auch in unseren Körpern, verwüstete unsere Darmflora, schwächte unser Immunsystem und fütterte unsere Krebszellen, so gaben wir ihm nicht die Zeit, sein Werk zu Ende zu bringen. Es konnte uns herzlich egal sein. Wir mussten uns nicht mit siebzig Bezeichnungen abmühen, die ihn auf Etiketten im Kleingedruckten versteckten, ihm wissenschaftliche oder wohlklingende Namen verpassten.
Wir kauten auf dem Zuckerrohr, bis wir die Süße herausgesogen hatten, und bürsteten unsere Zähne mit den rauen Pflanzenteilen. Hätte meine Schwester jemals gelacht, ihr hättet ihre ausgezeichneten Zähne bewundern können. Sie waren kräftiger als die Zähne der Frauen, die zur gleichen Zeit auf euren Feldern kleine Rübensetzlinge in die Erde steckten, nachdem man entdeckt hatte, dass sich das weiße Gold auch aus der Runkelrübe gewinnen ließ. Damit war sie geboren, die Stammmutter aller Zuckerrüben, die vielleicht auch auf ihre Weise zur Abschaffung der Sklaverei beigetragen hat. So wie das Buch meiner Schwester.
Denn meine Schwester hat sich durch einen Zufall des Schicksals in die große Geschichte eingeschrieben. Sie hat etwas von sich auf dieser Welt hinterlassen, das die Jahrhunderte überdauerte. Das von einer zur nächsten Generation überliefert wurde, über Kontinente hinweg. Das junge Menschen in Schulreferaten präsentierten und andere dazu veranlasste, sich auf lange Recherchereisen zu begeben, um herauszufinden, auf welchen Rücken die ausgezeichneten Preise auf dem Weltmarkt zu erbringen waren. Natürlich wusste meine Schwester nichts von alledem. Lange, bevor andere in ihre Fußstapfen traten oder sich auf die Suche nach ihrer Geschichte begaben, hatte sie sich auf den Weg zu mir gemacht.
Ob meine Schwester jemals glücklich war? Wenn auch nur für einen flüchtigen, rauschhaften Moment? Wäre ich allwissend, wüsste ich: Jeder Zuckerrausch war ein sanfter, elektrisierender Sturm, der plötzlich über ihren Körper und Geist hereinbrach. Die Süße traf ihre Zunge wie eine Umarmung. Sie flutete ihren Mundraum, entfaltete sich in Wellen, ließ jede ihrer Geschmacksknospen jubeln. Wenige Augenblicke später spürte meine Schwester, wie die Energie in ihr aufstieg, ihren ganzen Körper erfasste. Ihr Herz schlug ein wenig schneller, ihre Gedanken rasten. Alles fühlte sich lebendiger, intensiver, ja, fast grenzenlos an. Meine Schwester strahlte.
Aus dem Toaster schießen zwei Scheiben Brot. Meine Gastmutter Elsie greift mit Zeigefinger und Daumen nach einer Scheibe, zuckt zurück, flucht, hält die Finger unter kaltes Wasser. Unwirsch schiebt sie einen Teller näher heran, fischt die beiden Toastscheiben mit einer Gabel heraus und lässt sie auf den Teller plumpsen.
Jeder Morgen hier in London hält Toast bereit. Dazu Bohnen in einer undefinierbaren roten Zuckersoße. Gleich wird Elsie mir den Teller auf den Tisch stellen. Daneben ein Glas Orangensaft. Wie im Englisch-Schulbuch. Nur ohne Speck. Oder Ei. Oder was man sonst so dazu isst. Auch wenn ich schon dreimal angeboten habe, dass ich schließlich fast erwachsen sei und mir mein Frühstück selbst anrichten könne.
Mit Elsie lässt sich nicht gut verhandeln. Vielleicht hat sie mich auch einfach nur nicht verstanden. Mein Englisch ist brüchig, ihre Geduld enden wollend. Die Zuckerfabrik. Die Tochter. Die ewig langen U-Bahnfahrten. Für stammelnde Austauschschülerinnen hat sie nicht genug Zeit.
Still sitze ich am Tisch im Wohnzimmer und beobachte Elsie durch die offene Tür. Ein Zusatzeinkommen, das sich am besten leise verhält.
Vor der Terrassentür Häuser aus braunen Ziegelsteinen, weiß gestrichene Fenster, braune Dachziegel. Dazwischen kleine Gärten, von Zäunen oder Mauern umfasst. Alles nass. In diesem Land scheint es nur zu regnen. Die Dachrinne am Haus gegenüber zieren braune Streifen am oberen Rand, der Schwerkraft nachgebend laufen sie nach unten aus. Plätze, Kirchen, Häuser, Busstationen – alles überzogen mit Patina. Kabel ziehen sich an den Außenfassaden entlang, bündeln sich zu Knoten und Haufen, von denen der Regen tropft. Romantisch, hat Sandra gemeint. Sie ist bei einer Gastfamilie zwei Straßen weiter untergebracht. Modrig, habe ich geantwortet. Das schimmelt dir hier alles unterm Arsch weg.
Wie ich Regen hasse. Und dieses allgegenwärtige Braun. Und Grau. Jede Straße sieht braun oder grau aus. Meine blasslila Converse sind regelmäßig vollgelaufen, die Füße tonnenschwer. Wir gehen kilometerweit. Als wären das Wanderferien, nicht die lang ersehnte Städtereise, die jede siebte Klasse in unserem Gymnasium absolviert – bei guter Führung, versteht sich. Natürlich hätte ich auf meine Mutter hören können: Nimm doch die schwarzen Lederschuhe, die passen zu allem und halten warm und trocken. Als hätte meine Mutter eine Ahnung von Style.
Elsie scheint ein anderer Typ Mutter zu sein. Abwesender. Härter. Während sie den Teller mit den Bohnen und dem Toast vor mich hinstellt, redet sie in lang gedehnten Worten auf mich ein. Sie deutet auf den Schlüssel, auf ihre Armbanduhr. Ich verstehe Fabrik, Nacht, Frances und nicke höflich. Elsie lächelt mir erleichtert zu, murmelt etwas, von dem ich kein einziges Wort deuten kann, zieht sich ihren Mantel über, setzt ihren Hut auf und ist aus dem Wohnzimmer verschwunden. Die Tür fällt ins Schloss wie alles hier, laut und aufdringlich.
Ich stochere in den Bohnen herum. Kalt schmeckt der Toast noch ledriger als zuvor. Fleißig kaue ich. Elsie soll am Abend keine Frühstücksreste im Mistkübel finden. Ohnehin ist alles in dieser Stadt einfach nur teuer. Ich muss mich entscheiden: Zigaretten oder Sandwich. Da esse ich lieber auf Vorrat. Ein paar Schluck Kaffee, dann noch der Abwasch. Frau Wurm meinte, wir sollen uns in das Leben unserer Gastfamilie einfügen. Zwei Wochen können eine lange Zeit sein, wenn man es nicht tut. Vielleicht fällt es Elsie gar nicht auf, dass das Geschirr gemacht ist. Vielleicht denkt sie, Frances hat es erledigt, nachdem sie endlich wieder nach Hause gekommen ist. Macht Frances das Geschirr?
Frances kommt bald, hat Elsie gesagt, nachdem mich der Busfahrer mit meinem Rucksack vor einem der kleinen Backsteinhäuser, die sich einförmig mit ihren sechskantigen Fenstervorsprüngen die Straße entlangziehen, abgesetzt hatte. In ein paar Tagen. Okay. Sie ist bei Werner. Stumm nickte ich. Ihrem Vater, ergänzte Elsie. Ich nickte nochmals höflich. Elsie deutete auf meine Schuhe. Ich streifte sie ab und stellte sie in den engen Gang vor die Holztreppe, die in das obere Stockwerk führt.
»Hello, my name is Paula.«
Elsie lächelte, zum ersten Mal, strich mir kurz über die Schulter.
»Elsie«, antwortete sie, blickte mich an. Müde, dunkle Augen. Dann nahm sie meinen Rucksack und kletterte flink die enge Treppe hoch. Unbeholfen stieg ich ihr nach. Rechts wölbte sich eine Art Geländer aus der weißen Wand, wahrscheinlich war es in Ordnung, sich daran festzuhalten. Bett, Tisch, Schrank, alles für dich, erklärte Elsie und stellte meinen Rucksack in dem kleinen Zimmer im oberen Stockwerk ab. Durch das Fenster konnte man auf die Innenhöfe hinuntersehen. Eine Katze hantelte sich an einem der klapprigen Holzzäune entlang. Du wirst sehen, ihr werdet euch gut verstehen.
Zu Hause hatte ich mir das leichter vorgestellt. In den Büchern war es einfacher gewesen. Selbst auf diesen langweiligen CDs, die Frau Wurm in der Klasse als Hörübungen abspielte, hatte ich zumindest grob die Zusammenhänge verstanden. Mit Elsie: Fetzen. Einzelne Wörter, aus denen ich mir eine Welt zusammenreimen muss.
Ich nickte wieder stumm. Küche, Frühstück, Arbeit, Schlüssel, Frances, Werner. Immerhin.
Aus dem Rucksack kramte ich den Stadtplan, den mir meine Mutter eingepackt hatte, und hielt ihn Elsie hin. Sie lächelte, faltete ihn auf, deutete auf eine Stelle rechts oberhalb der Themse und der Tower Bridge. Bow, sagte sie und machte mit dem Finger einen Kreis, East London. Dann tippte sie auf eine kleine Straße, die als Sackgasse vor einer Autobahn endete. Dahinter eine Zementfabrik. Brache. Weiter rechts zog sich die Stadt noch endlos Richtung Osten. Hier. Wrexham Road. Nummer 58. Sie nahm einen Kugelschreiber, kritzelte einen fetten schwarzen Punkt in den Stadtplan und gab ihn mir zurück. Komm dann frühstücken, sagte sie und ließ mich mit dem Gewirr an Häusern, Parks und Straßen allein.
Ein kleiner Park war hinter Elsies Haus eingezeichnet. Dort irgendwo musste Sandra wohnen. Auf der anderen Seite der großen Ausfallstraße – Bow Road stand da –, die ins Zentrum von London zu führen schien, hatte der Bus Martin und Steffi ausgespuckt, bevor er in die Wrexham Road eingebogen war. Ob Sandra vielleicht in einem der Häuser wohnte, deren Gärten sich unter meinem Fenster aneinanderreihten?
Wieder schleicht eine Katze auf dem Zaun entlang, während ich die Schüssel und den Teller mit Geschirrspülmittel einseife. Es ist nicht die braun getigerte vom ersten Tag. Diese ist grau, kleiner, struppiger. Auch Elsie hat ihr Frühstück nicht aufgegessen, ein Rest Bohnen klebt leicht angetrocknet auf ihrem Teller. Vor dem Fenster brauen sich Wolken zusammen – auch heute also wird das mit den Converse nichts. Der Wasserhahn spritzt mich an, als ich Schüssel und Teller abspüle. Wieso hat das keiner repariert? Der Pullover nass. Die Stimme meiner Mutter: Du holst dir den Tod. Dabei wartet Sandra wohl schon an der Ecke.
Geld, Schlüssel, Zigaretten, Jacke. Schnell habe ich alles beisammen, stürze die steile Stiege hinunter, auf der vorletzten Stufe stolpere ich, ein beherzter Sprung, ich lande auf den Füßen im Flur. Knöchel und Knie heil. Dass die solche Fallen in ihre Häuser einbauen. Haben es die Menschen hier nie eilig?
»Wo ist deine Regenjacke?«, fragt Sandra und deutet auf den wolkenverhangenen Himmel. »Das wird den ganzen Tag so gehen.«
Der Nieselregen klebt an meiner Plastikjacke, meine Haube hält das Wasser bislang ab. »Vergessen«, murmle ich.
»Und ein Schirm?«
»Was ist denn mit dir los?«, frage ich.
»Die warten sicher schon auf uns«, sagt Sandra. Ihr Tonfall ist gereizt.
»Ach was«, wiegle ich ab. »Weißt du noch, gestern? Wegen Thorsten und Stefan sind wir dort mehr als eine Dreiviertelstunde dumm herumgestanden. Also können die heute auch fünf Minuten auf uns warten.«
»Ich bin schon ganz nass.«
»Durch die Regenjacke durch?«
»Nein, die Schuhe.«
Sandra trägt die gleichen Converse wie ich. In Blau.
»Entschuldigung. Musste noch abwaschen«, sage ich.
»Du musst für die arbeiten?«, fragt Sandra ungläubig.
»Nein. Also. Ich dachte nur.«
An der Ecke vorne biegen wir links in die größere Straße ein. Ein roter Doppeldeckerbus rauscht an uns vorbei, spritzt Wasser aus einer Pfütze vor uns auf den Gehsteig. Sandra kann gerade noch zur Seite springen. Ich lache.
»Und, wie ist es bei dir?«
»Okay«, sagt Sandra. »Glaube ich. Ich verstehe kaum etwas. Die zwei kleinen Kinder nerven, aber Gemma und Edward scheinen ganz nett zu sein.«
Auf der Bow Road ziehen sich die Autos zweispurig Richtung Stadtzentrum. Es riecht nach Abgasen. An der Fußgängerampel bleiben wir stehen. Auch Sandra traut sich nicht, wie sonst bei Rot zu gehen. Von welcher Seite kommen die Autos? Wohin schaut man, bevor man auf die Fahrbahn tritt? Der Körper sagt etwas, der Verstand sagt das Gegenteil. Unsicher sehe ich zigmal in jede Richtung, bis die Ampel endlich auf Grün springt. Wir laufen über die Straße, zwischen den Autos durch, die ganz selbstverständlich den Fußgängerübergang ignorieren. Vor der U-Bahnstation steht schon eine kleine Gruppe. Ein fröhliches »Guten Morgen« schallt uns entgegen. Frau Wurm hakt uns auf ihrem Zettel ab.
Was steht heute auf dem Programm?
»Wir fahren zur Themse, oder so«, sagt Max. Überrascht blicke ich hoch. Der redet doch sonst nie.
»Es regnet«, sage ich.
»Na und?« Er zuckt mit den Schultern.
»Und was tun wir dort?«
Max zuckt wieder mit den Schultern und deutet mit dem Kopf in Richtung Frau Wurm.
»Okay«, sage ich.
Vielleicht kann ich mir einen freien Nachmittag herausschlagen. Auch gestern hat mich Frau Wurm ab Mittag gehen lassen. Um fünf Uhr bist du wieder da, Treffpunkt U-Bahnstation Aldgate East, die grüne Linie, District Line, hat sie mir zweimal eingeschärft. Ich habe genickt und mich bedankt. Sie hat gelächelt. Würde sie die anderen auch ziehen lassen, wenn die mutig genug wären, zu fragen? Und was macht sie, wenn ich nicht auftauche? Es gibt nur das Telefon bei Elsie. Wenn sie mich dort nicht erreicht, hat mich die Stadt verschluckt.
Noch bevor Frau Wurm alle Jugendlichen auf ihrer Liste abgehakt hat, beginnt sie, vom Programm zu schwärmen, das uns heute erwartet: das Sperrwerk Thames Barrier. Ein Schiff bringt uns hin. Max verdreht die Augen. Hochwasserschutz, brummt er. Wie geil.
Frau Wurms Stimme rattert weiter. Über dreihundert Menschen sind bei der Flutkatastrophe von 1953 ums Leben gekommen. So etwas sollte nie wieder passieren. Jetzt, vierzig Jahre später, hat man die Lösung in Stahl und Stein in die Themse geklotzt. Zehn schwenkbare Tore regulieren den Wasserstand, bei geöffneten Toren können die Schiffe passieren. Die Gezeiten bleiben davon unberührt. Eine der größten Sturmflutschutzanlagen der Welt. Auch Sandra rollt gelangweilt mit den Augen, während ich beschließe, mich heute nicht davonzustehlen. Boot, Sturmflut, Schutzanlage. Klingt doch super.
Die anderen drängen sich im Inneren des Schiffes, hocken auf den Holzbänken, starren zum Fenster hinaus oder tauschen sich über die Eigenheiten ihrer Gastfamilien aus. Frau Wurm schäkert mit einem der Kellner an der Kaffeebar, die im hinteren Teil des Schiffes eingebaut ist. Unbemerkt schleiche ich mich hinaus an Deck. Der Regen ist stärker geworden, der Fahrtwind treibt mir die Tropfen ins Gesicht. Ich stelle mich neben die Tür unter das kleine Vordach. Verlassene Dockanlagen ziehen sich am Ufer entlang. Alles sieht heruntergekommen aus. Das war früher der Hafen, hat Frau Wurm erklärt. Isle of Dogs, die Hundeinsel, und daneben drei riesige Dockgebiete, in denen die Waren aus den Kolonien umgeschlagen wurden. Noch heute haben sie ihre klingenden, verheißungsvollen Namen: West India und East India Docks. Die Gegend ist dem Verfall überlassen. In der Schifffahrt haben sich die Container durchgesetzt, und die Dockanlagen haben mit dem Wandel nicht Schritt gehalten.
Ich frage mich, ob sich Frau Wurm jeden Morgen all dieses Zeug im Reiseführer anliest und uns dann häppchenweise den Tag über unterbreitet. Oder ob sie einfach für jede Geschichte, die mit dieser Stadt zu tun hat, so empfänglich ist, dass sie all die kleinen Details mühelos erinnert und uns ganz beiläufig damit anfüttert.
Riesige Schwenkkräne erheben sich hinter Blechzäunen, auf die jemand mit weißer Farbe geschrieben hat. Es scheint eine Werbung für ein Reifengeschäft zu sein, das in einer der Brachen dahinter seine Autoreifen lagert, ALL MAKES OF SPARES OPEN SIX DAYS A WEEK. Ein paar streunende Hunde, ein aufgelassenes Pub. Auf der anderen Flussseite spielen unter der Kaimauer einige Kinder auf dem sandigen Ufer, das die Ebbe freigelegt hat. Ein Kind hat seine Schuhe ausgezogen und läuft in den Fluss, das Wasser spritzt ihm bis zu den Knien hoch.
Der Wind ist laut, ich drücke den Kopfhörer fester an meine Ohren. Die Regentropfen fallen im Rhythmus des Beats, ich wippe mit dem Kopf mit. Mein Körper zieht nach. Ich sauge die kalte Luft durch die Nase ein, Fußballen, Ferse, anderer Fuß, mit den Armen ausbalancieren, eine Drehung nach links, eine Drehung zurück, auf dem Ballen, heute geht es leicht. Die Hüfte schwingt wie von selbst im Takt, das Boot schwankt, oder schwanke ich? Die Wolken über mir hüpfen im Beat. Der Fluss, der Himmel, die Stadt, wir sind eins. Madonna setzt gerade zum Refrain an, da stockt das Lied. Vorsichtig öffne ich das Kassettendeck, ziehe die Kassette heraus, das Band ist verheddert. Der Walkman hat die Kassette aufgefressen. Schon zum zweiten Mal diese Woche, dabei ist er doch neu. Je mehr ich versuche, das Band herauszudröseln, desto mehr verhakt es sich. Keine Chance, Madonna zu retten. Wütend ziehe ich an dem Band, es reißt. Ich fitzle den restlichen Magnetstreifen aus dem Walkman. Alle anderen Kassetten liegen im Zimmer in Elsies Haus. Heute kein Tanzen mehr. Ich werfe Madonna in die Themse.
»Ist dir nicht kalt, da draußen?« Sandra kommt aus dem Fahrgasthaus, hängt sich bei mir ein. Ich lege meinen Kopf auf ihre Schulter. »Scheißwalkman«, sage ich. Sie deutet mir, mich umzudrehen. Sieben metallisch glänzende, runde Elemente ragen vor uns auf Betonsockeln aus der Themse. Sie sehen wie silberne Hauben aus, die jemand in den Fluss gesetzt hat. Das Boot drosselt seine Geschwindigkeit, fährt langsam zwischen zwei der Hauben durch.
»Das muss dieses Dings sein, von dem die Wurm erzählt hat«, sagt Sandra.
»Cool«, sage ich.
»Sieht voll abgefahren aus«, sagt Sandra.
»Und das soll die Sturzfluten aus dem Meer abhalten?«, fragt jemand. Auch die anderen sind aus dem Fahrgasthaus gekommen, drängen sich an Deck, hängen halb über der Reling. Irgendwer holt einen Fotoapparat aus dem Rucksack.
»Komm«, sagt Sandra, »wir machen auch ein Foto von uns.« Sie zieht mich an der Hand bis zum Schiffsheck, wir halten uns an der Reling fest. Max macht hinter dem Fotoapparat Grimassen, deutet uns, ein Stück nach links zu gehen. Sandra legt einen Arm um meine Schulter. Jetzt lächle doch schon.
Im Haus brennt Licht. Schon von Weitem sehe ich es. Hat Elsie nicht gesagt, sie hätte Nachtschicht? Hat sie mir nicht einen Schlüssel mitgegeben? Vielleicht läute ich an, bevor ich die Tür aufschließe?
»Hi«, sagt Frances. »Du musst Paula sein?« Sie trägt einen schlabbrigen Wollpullover mit Mickey-Mouse-Aufdruck, zerrissene Jeans und die Hausschuhe ihrer Mutter.
Ich nicke überrascht. »Sandra hat den gleichen Pulli wie du.«
»Wer ist Sandra?«
»Aus meiner Klasse.«
»Okay.«
Was rede ich für Zeug?
»Du sprichst Deutsch?«
»Manchmal. Mit meinem Vater«, antwortet Frances. Sie dreht sich um und geht Richtung Küche. »Hast du Hunger?«
»Toast?«, frage ich.
»Mit Bohnen«, ruft Frances.
Während ich Schuhe und Jacke ausziehe, höre ich Frances in der Küche mit dem Topf klappern. Auf dem Küchentisch stehen zwei Teller. Aus dem Toaster springen zwei Scheiben Toast. Frances greift mit Daumen und Zeigefinger nach einer Scheibe, zuckt zurück, flucht, hält die Finger unter kaltes Wasser.
Im Topf zischt es, ich nehme ihn vom Herd, rühre die Bohnen um.
»Ich glaube, die sind fertig«, sage ich und schaufle sie mit dem Kochlöffel auf die Teller. Frances greift nach dem Geschirrtuch, zupft die Toastscheiben aus dem Toaster und legt sie dazu. Sie holt die Butter aus dem Kühlschrank, nimmt ihren Teller und deutet mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer. »Kommst du?«
Mit einer Hand balanciert Frances Teller und Gabel, mit der anderen Hand drückt sie auf der Fernbedienung herum, während sie sich auf das Sofa fallen lässt. Eine aufgeregte Stimme, eingespielte Lacher. Ich setze mich neben Frances. Auf dem Bildschirm erscheinen ein kleiner Junge und ein haariger Außerirdischer.
»Alf?«, frage ich erstaunt.
»Ja. Magst du was anderes?«, fragt Frances.
»Nein, ist okay«, antworte ich. Als ob ich auf Englisch irgendwas verstehen würde.
Frances starrt auf den Bildschirm, schaufelt die Bohnen in sich hinein, lacht laut auf. Alf redet vor sich hin, seine Stimme klingt auf Englisch ganz anders. Ich zwinge mich, auf den Fernseher zu sehen, während ich aus dem Augenwinkel alles beobachte, was Frances tut. Wie sie die Gabel hält, wie sie vom Toast abbeißt, wie ihre Augen blitzen, wenn sie loslacht, wie sie lässig auf einem Bein sitzt, während das andere am Sofa herunterbaumelt. Das also ist Frances.
»Es ist schwer, einen Wunsch loszulassen«, sagt meine Schwester. Natürlich sagt sie das nicht zu mir. Sie hebt ihren Blick zu dem weißen, nackten Mann empor. Ihre Augen blinzeln.
Seit meine Schwester der Mährischen Kirche beigetreten ist, stimmt etwas nicht mit ihr. Dieses Geschwafel von Jesus. Ein weißer, nackter junger Mann, ein Engel oder Geist, der sie erlösen soll. Sonntags zieht sie ihr schönstes Gewand an. Unter Schmerzen zwängt sie sich in den kegelförmigen Rock, schnürt sich mit dem Mieder die Taille ab und rennt zum Gottesdienst. Singt und tanzt. Dankt ihr das der nackte weiße Mann? Den Aufwand, den sie betreibt? Er ist dünn wie ein Hühnerknochen. Unansehnlich. Dazu dieser Schmerzensblick.
Woran soll meine Schwester auch glauben? Die Voodoo-Schutzgeister haben sie ihr mit der Peitsche ausgetrieben. Und wer sagt dir denn, meint meine Schwester, dass dieser bleiche junge Mann nicht auch ein Loa ist? Ein Geist mit einer Dornenkrone eben. Loas können denen, die sie verehren, fast jeden Wunsch erfüllen. Warum also soll der Wunsch meiner Schwester nicht erfüllt werden?
Was wünscht sich meine Schwester?
Dass nicht alles bleibt, wie es ist.
Der Name meiner Schwester … Sie nennt sich Mary Prince. Mary, wie die Mutter des dürren jungen Loas. Maria, Mutter Gottes. Genauso bleich und schmal wie ihr Sohn. Ein freudloser Abklatsch von Erzulie, unserer Loa, der Schwarzen Madonna, Geist der romantischen Liebe. Erzulie bringt man schwarze Schweine, Kakaocreme und Dolche. Natürlich stellt man sich mit ihr gut. Nicht wegen des Glücks in der Liebe. Nein. Erzulie Dantor beschützt uns. Frauen und Kinder. Frauen und Kinder können gar nicht genug Schutz bekommen.
Der eigentliche Name meiner Schwester – ich sage den eigentlichen Namen meiner Schwester nicht. Sie ärgert sich, wenn ich sie so rufe. Deshalb unterlasse ich das.
Wir haben hier keine schwarzen Schweine, Kakaocreme oder Dolche. Es ist 1828. Im ersten Stock eines Bürgerhauses im East End von London versammeln sich einige Mitglieder der Mährischen Kirche und singen und beten gemeinsam. In Ermangelung dieser Dinge offeriert meine Schwester ihre Inbrunst. Ihre Stimme hebt sich von allen ab. Man sieht sie auch gleich, natürlich sticht sie heraus. Die Schwarze Madonna.
Meine Schwester, der immer gesagt worden ist, ihren Blick zu dem nackten weißen Loa emporzuheben, hebt ihren Blick zu dem nackten weißen Loa empor, gibt sich eine ernsthafte Miene, obwohl ihre blinzelnden Augen sie verraten, und ruft ekstatisch zwischen einigen Hallelujas, Amen und Ave-Marias, die sie zur eigenen Absicherung – Maria, Mutter Gottes schläft nicht – dazwischenwirft: »Es ist schwer, einen Wunsch loszulassen!«
Dann will sie also, dass alles bleibt, wie es ist?
Es wundert mich nicht, dass meine Schwester aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Die Woods haben sie auf die Straße gesetzt. Eine nasse, kalte, kopfsteingepflasterte Straße im Londoner East End. Meine Schwester hat die Wäsche nicht ordentlich gemacht. Wie auch, mit diesen Gichtfingern? Aber von lebenspraktischen Dingen verstehen die Woods nichts. Vielleicht ist meine Schwester erschöpft von der durchwachten Nacht. Vielleicht ist ihre Stimme deshalb heute so engelhaft. Vielleicht ist ihr Wünschen deswegen etwas verbogen.
Was wünscht meine Schwester also gerade? Wäre ich allwissend, wüsste ich: dass die Woods in ihrem herrschaftlichen Haus in ihrer dreckigen Wäsche verrecken. Und sich keine neue Nacht über den Tag senkt. Eine weitere Nacht kann sie das Sonntagsgewand nicht schadlos halten.
Meine Schwester, der immer gesagt worden ist, sich zu bücken und die Wäsche aufzuheben, bückt sich und schnürt ihren Lederstiefel zu.
Dass die Woods meine Schwester des Hauses verwiesen haben, nachdem sie in Aldermanbury bei der Anti-Sklaverei-Gesellschaft von den Misshandlungen der letzten dreizehn Jahre erzählt hatte, ist, so befindet meine Schwester ungeachtet der Probleme, die sich daraus ergeben, ein Glücksfall gewesen. Das Erzählen ging ihr leicht über die Lippen, denn dafür braucht man einen Namen, und sie, Mary Prince, hat einen Namen, noch dazu einen wie Maria Mutter Gottes Erzulie Dantor erdrückend mächtigen Namen, der damit jede einzelne Misshandlung unter den strengen Blick der Zweifaltigkeit Maria Mutter Gottes Erzulie Dantors stellte. Zum ersten Mal im Leben ist meine Schwester frei.
Elsie ist nach Hause gekommen. Die Tür fällt ins Schloss. Stille. Dann hört man, wie sie in die Küche geht und den Kühlschrank öffnet. Tellergeklapper. Topfgeklirr.
Frances achtet nicht darauf. Sie ist in eine Schulaufgabe vertieft, notiert etwas, radiert die Notizen fahrig aus, wischt mit der Außenseite der Hand die Radiergummireste vom Blatt auf den Boden. Kaut auf dem Bleistiftende herum. Trägt etwas anderes ein. Greift zu einem Buch, sucht die richtige Stelle, überfliegt die Seite, klappt das Buch zu und notiert erneut etwas auf ihrem Blatt. Ein stolzes Lächeln auf ihrem Gesicht. »Kommst du voran?«
Ich murmle etwas, das sich wie ein Ja anhört. »Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid.« Frances’ freundlicher Blick.
Sandra würde losprusten, könnte sie mich so sehen. Du setzt dich freiwillig zu diesen stupiden Englischübungen, ohne dass die Wurm uns das aufgezwungen hat? Wieso schaust du nicht fern?
Frau Wurm habe ich gesagt, dass ich Kopfweh hätte, sie hat mich kommentarlos entlassen. Statt mit den anderen durch den Hyde Park zu spazieren, habe ich den Stuhl aus meinem Zimmer geholt, ihn den Gang hinüber zu Frances getragen und ihn links neben ihr an dem kleinen Tisch unter dem Fenster platziert. Ich habe das Englischübungsbuch, das ich wegen der Wortschatzlisten im Anhang eingepackt habe, aus dem Koffer herausgekramt und nach einer freien Seite gesucht. Infinitiv und Gerundium. Was auch immer.
Elsies Stimme schallt durch das Haus, sie ruft zum Abendessen.
»Bist du fertig geworden?«, fragt Frances. Ich nicke. Sie legt den Stift zur Seite, klappt ihr Buch zu.
»Dann lass uns gehen.«
Elsie sieht müde aus. Als Frances in die Küche kommt, gibt sie ihr einen flüchtigen Kuss auf die Haare. Frances setzt sich an den Tisch, bietet mir den Platz neben sich an. Ich gehe zu Elsie, nehme ihr zwei Teller ab und decke den Tisch. Frances springt auf, holt Gläser aus dem Schrank und Besteck aus der Lade. Elsie beobachtet uns amüsiert, während sie mit ihrer sanften Stimme etwas in den Raum wirft. Frances zuckt mit den Schultern, ich sehe sie fragend an.
»Mum findet, du hast einen guten Einfluss auf mich«, erklärt Frances.
Ich sehe unsicher zu Elsie, sie streicht mit ihrer Hand über meine Schulter.
»Weil ich den Tisch decke?«, frage ich.
»Weil ich sonst nie meine Hausübungen mache«, antwortet Frances.
»Okay«, sage ich, um irgendetwas zu sagen. »Ich mache eigentlich auch nie Hausübungen.«
Das ist gelogen. Ein Mindestmaß erledige ich immer, damit sie mich in Ruhe lassen und mir nicht noch mehr unnötige Arbeit aufbrummen. Je eher man diese ungeschriebene Regel des Schülerinnendaseins verstanden hat, desto leichter überlebt man die sinnlosen Jahre, in denen man mit anderen Halbwüchsigen in einem Dreißig-Quadratmeter-Raum eingesperrt ist.
Elsie schiebt Fisolen und ein Stück Fleisch auf meinen Teller, dann reicht sie mir das Körbchen mit dem Toastbrot. Frances stochert in ihrem Essen herum. Elsie gestikuliert mit der Gabel in der Hand, während sie Frances etwas aus der Fabrik erzählt. Ein grober Vorarbeiter, eine kranke Kollegin. Elsie wirkt abgekämpft. Frances hört schweigend zu.
Als Frances mit dem Essen fertig ist, steht sie auf, wäscht ihren Teller ab und geht in Richtung Wohnzimmer.
»Kommst du dann auch?«, fragt sie mich im Vorbeigehen und deutet auf das Sofa.
Elsie erzählt weiter und sieht kaum von ihrem Essen auf. Höflich lächle ich, lege Messer und Gabel auf den Teller, um zu zeigen, dass ich mit dem Essen fertig bin. Elsie nimmt eine neue Scheibe Toast, streicht Butter darauf und fährt mit ihrem Monolog fort. Kann ich so wie Frances einfach aufstehen und Elsie sitzen lassen? Schließlich bin ich nur zu Gast. Elsie nimmt sich eine weitere Scheibe Toast, es wirkt, als würde sie die Fisolen mit dem Messer vierteln, um dann jedes Stück einzeln mit der Gabel aufzuspießen. Ihre Erzählung scheint sie sehr aufzuregen, sie redet sich langsam in Rage. Mitten im Satz sieht sie plötzlich auf und nimmt meine Hand. Es klingt, als fordere sie meine Zustimmung ein. Ich nicke bestimmt. Elsie lässt meine Hand los und sticht mit der Gabel in das letzte Stück Fleisch. Sie wischt sich mit der Serviette den Mund ab und trinkt einen Schluck Bier nach. Zufrieden sieht sie mich an. Erleichtert erhebe ich mich und serviere ihren und meinen Teller ab. Als ich beginne, die Teller abzuwaschen, wimmelt mich Elsie ab. Es ist in Ordnung, geh zu ihr.
Das Wohnzimmer ist dunkel, nur der Fernseher flimmert. Alf redet aufgeregt, der kleine Junge schreit dazwischen. Ich lache laut auf. »Schon wieder?«, frage ich.
»Gleiche Zeit eben«, antwortet Frances, schiebt den großen Polster neben sich auf die Seite und deutet mir, mich neben sie zu setzen. Zu Hause nervt mich Alf, meistens schalte ich lieber auf das Pensionistenprogramm auf FS 2.
»Magst du was anderes sehen?«, fragt Frances.
»Nein, ist okay«, antworte ich und setze mich neben sie auf das Sofa.
»Streck die Füße aus«, sagt Frances, rückt ein wenig zur Seite und deckt mich mit ihrer Decke zu. Meine Zehen berühren ihre Beine. Frances scheint nichts mitzubekommen, sie ist ganz in ihre Serie versunken. Elsie kommt zu uns, setzt sich auf die andere Seite auf das Sofa. Frances rückt ein wenig von ihr ab, näher in meine Richtung, lehnt ihren Kopf an meine Schulter. Elsie lächelt für sich und mummelt sich in eine zweite Decke ein. Hinter Frances’ Atmen plappert Alf, während ich keine Luft bekomme.
»Magst du heute bei mir schlafen?«, fragt Frances. Plötzlich. Aus dem Nichts. Zwischen dem Gedröhne einer Verfolgungsjagd, die sich zwei Autos gerade auf dem Bildschirm liefern. Etwas läuft meinen Rücken entlang, ich nicke stumm. Frances dreht ihren Kopf an meiner Schulter, sieht kurz zu mir hoch. Es ist zu dunkel, um ihren Blick zu lesen. Die Autos rasen durch eine Stadtlandschaft, bis eines der beiden gegen einen Brückenpfeiler fährt, sich überschlägt und auf dem Dach zum Liegen kommt. Frances brummt zufrieden, steht auf, deckt Elsie behutsam mit der Decke zu und schaltet den Fernseher aus.
Frances hält meine Hand. Sie liegt auf der Seite, mir zugewandt, während ich steif wie ein Brett auf dem Rücken liege. Das Zimmer ist dunkel. Von Frances’ Bett kann ich die Baumwipfel sehen. Daneben ein Mondklecks, von Wolken besprenkelt. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Was ich fühlen soll. Oder warum ich hier liege.
»Machst du das mit jeder Austauschschülerin?«, frage ich.
»Was denn?«, fragt Frances zurück.
»In dein Zimmer einladen.«
Frances lacht auf. Mit Marion aus Bordeaux habe sie nicht reden können. Aus München und Bregenz seien irgendwelche verstockten Jungs gekommen, und Birge aus Oslo … Hier bricht sie ab. »Zufrieden?«, fragt sie.
»Zufrieden«, antworte ich bestimmt. Ich weiß nicht, was ich mit meiner Frage anfangen soll. Frances richtet sich auf, küsst mich auf die Wange, flüstert mir »Gute Nacht« ins Ohr und dreht sich auf den Bauch, ohne meine Hand loszulassen. Wie macht sie das? Der Mond zwängt sich hinter den Wolken hervor, das Zimmer wird heller.
Frances’ Gesicht ist entspannt. Die langen Wimpern betonen ihre gleichmäßigen Züge, die kurzen Locken sind ihr in die Stirn gefallen. Ich weiß, was ich denke, was ich fühle und warum ich hier liege. Das war auch mit Martin so in der dritten Klasse. Mit dem anderen Martin in der fünften und mit Sebastian dieses Jahr. Aber mit Frances? Ich rücke ein Stück von ihrem Körper weg, drehe mich zur Wand. Schlafen kann ich heute vergessen.
Wenn das Gebet verklungen ist, wird es langweilig in einem Gebetsraum. Kälte kriecht herein. Die Mitglieder der Mährischen Kirche sind nach Hause gegangen, nur meine Schwester sitzt auf der Bank. Über der fremdartigen, neuen Freiheit, mit der sie noch nichts anzufangen weiß, wird der Tag müde.
Sie steht auf, packt ihre sieben Sachen, die ihr die Woods im Zorn hinterhergeschmissen haben – die Vier Letzten Dinge, das entspricht diesen Ungeheuern in ihrer Bigotterie: Tod, Gericht, Himmel und Hölle, alles natürlich sehr schwer, wie soll meine Schwester das schleppen, und dann noch drei persönliche Gegenstände: eine Haarnadel, eine Zuckerschale und ihren Fetisch (eine kleine, aus Holz geschnitzte Puppe) –, und zieht die Tür hinter sich zu.
Längst ist die Nacht eingefallen. Aber es ist keine Nacht zu sehen. Nur dunkle Straßen, aus denen es stinkt.
Von Vorteil ist, dass meine Schwester nur wenige Straßen kennt. Sie ist ja von den Woods kaum aus dem Haus gelassen worden. Kurzerhand macht sie sich auf den Weg nach Aldermanbury.
Thomas Pringle, der Sekretär der Anti-Sklaverei-Gesellschaft, vor der Mary Prince letzte Woche ihren Bericht abgelegt hat, nimmt sie zuvorkommend auf. Was soll er auch anderes tun. Im Dienstbotenzimmer wird ihr eilig ein Bett gerichtet und eine gute Nacht gewünscht. Erst vor einigen Wochen ist sie mit ihren Herrschaften in Bermuda auf das Schiff nach London gestiegen, in der Hoffnung, ihr Rheuma auskurieren zu können. Die Reise, das ist ihr schnell klargeworden, änderte nichts an den Misshandlungen, denen sie jeden Tag ausgesetzt war. Nun aber hat meine Schwester das Schicksal doch noch auf ihre Seite gezerrt: Da man das arme Ding ja nicht auf die Straße setzen kann, entscheidet man im Hause Pringle, ihr die Stelle der Hausangestellten zu überlassen.
Während meine Schwester die Wäsche wäscht, die Betten macht, die Böden fegt und den Ofen einheizt, setzt Pringle umständlich formulierte Briefe auf, die er an allerlei Herren verschickt. Einige Wochen später ist meine Schwester in Besitz eines Schriftstückes, das ihr versichert, auf dieser verregneten Insel kein Eigentum mehr zu sein. Meine Schwester, der immer gesagt worden ist, zu gehorchen, muss plötzlich etwas anderes für sich finden.
Wie sitzt es sich 1828 frei in einer Londoner Dachkammer? Auf dem Schemel neben dem Bett hart. Im Bett selbst hingegen angenehm weich. Aus dieser Widersprüchlichkeit findet meine Schwester bis zu ihrem Ende nicht mehr heraus. Auf der kleinen Holzkommode stehen die Zuckerschale, die Haarnadel und der Fetisch und blicken sie teilnahmslos an. Bei diesem Problem können sie ihr nicht weiterhelfen. Tagsüber wäscht meine Schwester die Wäsche, macht die Betten, fegt die Böden, heizt den Ofen ein. Nachts ringt sie in ihrer Kammer mit ihren Sehnsüchten und den dunklen Erinnerungen. Mit jedem Tag, mit dem die Gerüche der Woods im Hintergrund der Londoner Stadtlandschaft ausdünnen, vergrößert sich das Loch, das sie hinterlassen haben. Von seinen Rändern her füllt es sich mit den dunklen Bildern ihrer Vergangenheit. Meine Schwester hat in ihrem Leben nie viel an die Vergangenheit gedacht. Sie hat sich im Augenblick genügt. Nun aber stickt sie in den finsteren Nächten in der Dachkammer auf dem Schemel und hört plötzlich Miss Betsys hohes Kinderlachen. Sie fällt in einen traumlosen Schlaf und spürt den groben Griff von Captain Williams Hand. Sie fährt erschrocken hoch und sieht den Hinterkopf der kleinen Rebecca im aufgestapelten Zuckerrohr. – Rebecca? Wie ich das hasse. Ich heiße Ejo. Nicht Rebecca. Rebecca war das Hündchen der Woods.
»Rebecca!«, ruft meine Schwester in die Nacht, wendet ihren Blick vom nackten weißen Loa ab und sucht mich in der Dunkelheit. Da bin ich jetzt gespannt. Es würde mich wundern, wenn der Loa vom Kreuz steigt, meine Schwester zur Beruhigung umarmt und mich wer weiß von woher in die winzige Kammer zerrt. Wissen meine Schwester und der Loa denn nicht, dass die Toten keine Lust haben, wiederzukehren?
Nächtelang schreckt meine Schwester schweißgebadet hoch, schreit nach mir, findet nichts, was ihr Trost spendet, und trollt sich zurück in das Karussell ihrer Gedanken, das eine immer wildere Fahrt aufnimmt. Die Kammer drückt auf ihre Brust, und meine Schwester, die nun nicht mehr jung ist, aber durchaus kräftig und gesund, ringt nach Luft. Ein sirrendes Röcheln, das aus dem Zimmer dringt. Wer soll das hören, da oben, unter dem Dach? Es würde Pringle ja nicht im Traum einfallen, des Nachts die Treppe hochzusteigen.
Die Augenringe meiner Schwester hingegen bemerkt er nach ein paar Wochen des Sorgens. »Miss Strickland wird kommen und sich um Sie kümmern«, sagt er beiläufig eines Morgens beim Frühstück. Auch ihm würde Miss Strickland ab und an ihre Aufmerksamkeit leihen, und jedes Mal fühle er sich nach den Teekränzchen mit dieser ausgesprochen zugewandten Frau ein wenig leichter ums Herz.
Ratlos willigt meine Schwester ein, und so wird Susanna Strickland kurzerhand für den nächsten Nachmittag in den Salon bestellt.
Meine Schwester, die immer angewiesen worden ist, artig zu antworten, antwortet nichts. Sie achtet gar nicht darauf, wie sich Miss Strickland mit dem Taschentuch den Schweiß von den Falten neben den Nasenflügeln tupft.
Tupf tupf.
So alt kann Miss Strickland noch nicht sein. Nicht, dass ich geübt darin wäre, bei diesen Gesichtern irgendwelche Feinheiten festzustellen. Wie Leichen sehen sie aus. Alle. Die Reicheren unter ihnen aufgeschwemmt, die Ärmeren hager. Susanna Strickland ist da ganz vorbildlich. Wenn der weiße, nackte Loa ein Ebenbild seiner Leiche hat erschaffen wollen – und es ist ja der Loa, dem Miss Strickland in allem vertraut –, so hat er sich in diesem Fall ganz besonders ins Zeug gelegt. Als wäre sie einem meiner Fieberträume aus Brackish Pond entsprungen. Jedenfalls ziehen sich zwei Linien tief wie der Marianengraben rechts und links neben Miss Stricklands Nase entlang. In denen rinnt der Schweiß.
Meine Schwester beugt sich zur Zuckerschale und studiert die Zuckersplitter. Dass sie dieses Zeug essen kann. Seelenruhig nimmt sie ein besonders großes Stück heraus, versenkt es in ihrem Tee und beobachtet, wie es sich auflöst. Miss Strickland seufzt hörbar auf. Vielleicht kriegt sie auch einfach keine Luft in ihrem Kleid. Die Taille nicht ausladender als zwei Handbreit. Dass in diesem schmalen Hohlraum alle lebenswichtigen Organe ihren Platz finden? Miss Strickland hört zu, redet, atmet, furzt. Wie vorhin, als sie sich nach ihrer Teetasse gebeugt hat und ihr ein hoher Ton entfahren ist. Allem Anschein nach also verfügt sie über alles, was ein Mensch so benötigt. Dieses Ungeheuer. Wie alle anderen Ungeheuer in dieser Stadt. Man braucht nur einmal durch die Straßen zu laufen. Grauer, trostloser Stein. Sie wissen, wie man alles Lebendige umbringt. Unter den Ballen an Tüll, in die sie sich hüllen. Miss Stricklands Unterarme ragen dünn unter dem überbordenden Tuff der Ballonärmel hervor. Wie viele Pölsterchen und Fischbein-gestelle sie wohl an den Schultern trägt, die die Ärmel in Form halten? Keinen Tag hätte dieses Ungeheuer auf der Plantage überlebt. Die Finger dünn wie Zahnstocher. Das beige Tuch, das sie um den Hals gebunden hat, betont ihre spitze Nase. Auch meine Schwester trägt so einen lächerlichen Rock und ein mintgrünes Tuch um den Hals. Ihre Haare versteckt unter dem breitkrempigen Hut, auf dem eine rosa Masche sitzt. Hübsch zurechtgemacht. Duftend. Auch Mary hechelt nach Luft, während sie den nächsten Zuckersplitter in ihre Teetasse fallen lässt.
Da sitzen wir nun. Meine Schwester, der immer gesagt worden ist, artig zu antworten, antwortet nichts. Sie achtet gar nicht darauf, wie sich Miss Strickland mit dem Taschentuch den Schweiß von den Falten neben den Nasenflügeln tupft.
Tupf tupf.
Ob die geduldige Miss Strickland den Sachverhalt richtig deutet? Sie beugt sich nach vorne, versenkt einen Zuckersplitter in ihrem Tee, führt die Tasse an ihren Mund. Ihre Augen ruhen sanft auf meiner Schwester.
Maria Mutter Gottes Erzulie Dantor ist dem Fiebertraum von Brackish Pond nicht entkommen. Der Sumpf hat sie verschluckt.
Das wird sich wohl noch bis zur Dämmerung ziehen.
Mir jedenfalls ist langweilig.
