Lektionen in Dunkler Materie - Ursula Knoll - E-Book

Lektionen in Dunkler Materie E-Book

Ursula Knoll

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Beschreibung

Wenn Menschen scheinbar aus dem Nichts ausflippen, steckt manchmal ganz schön viel dahinter. Bei Ines Geiger etwa, die aus Frust auf ihren Arbeitsalltag nur noch positive Asylbescheide ausstellt. Bei Heide, die mit ihrem kleinen Sohn den Kindergarten besetzt, weil die Öffnungszeiten für eine Alleinerzieherin ein Witz sind. Oder bei ihrer Exfrau, der Astronautin Katalin, die angesichts einer sturen KI in ihrer winzigen Kabine auf der Raumstation ISS rabiat wird, während die Aktivistin Milka aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelindustrie im Supermarkt mit Tomaten um sich wirft. Sie alle wollen etwas verändern, für sich persönlich oder im Großen. Ihnen allen wurden Steine in den Weg gelegt, die manchmal nur mit Gebrüll aus dem Weg gesprengt werden können. Ursula Knoll zeigt in ihrem Debütroman eindrucksvoll, wie wir mit der Erde, dem ewig ungerechten Geschlechterverhältnis und schließlich mit uns selbst umgehen.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2022

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URSULA KNOLL

LEKTIONEN IN

DUNKLER MATERIE

ROMAN

There is a crack in everythingThat’s how the light gets in

Leonard Cohen

Die glatten Räume des Kapitalismus, an denen seine Bewohnerinnen abrutschen, an denen sie keine Spuren hinterlassen, keine Veränderungen vornehmen können, beginnen, Noppen und Kerben auszubilden, Synapsen und Schaltstellen.

Bini Adamczak, Beziehungsweise Revolution

Inhalt

PROLOG

GEIGERZÄHLER

DER KÄSE

DAS SCHWEIN

DUNKLE MATERIE

POTOMAC

DAS LEINTUCH

DAS GESPENST

DER SCHIMMEL

DIE TOMATEN

DIE UHR DES JÜNGSTEN GERICHTS

DIE KAKTUSFEIGEN

DIE SCHNECKE

DER LIVETICKER

DIE SANDBURG

DER SCHUTZENGEL

PROLOG

DER AGGREGATZUSTAND

Es lässt sich nicht sagen, was genau den Ersatzhandschuh dazu gebracht hatte, sich aus der Kiste zu lösen und von der Ladefläche im Inneren des Gemini-4-Raumschiffes langsam ins All hinauszuschweben. Jedenfalls bemerkte der Astronaut Edward White, ganz in seinen ersten Weltraumspaziergang vertieft, nichts von diesem Ereignis in seinem Rücken. Stoßweise bewegte er sich vorwärts, indem er mit seinem Pressluftgerät Tempo und Flugrichtung zu kontrollieren versuchte. Das nahm seine Konzentration derart in Anspruch, dass er nicht einmal mitbekam, wie sein linker Fuß den Verbindungsschlauch, den er an der Außenwand ausgetauscht hatte, zusammenquetschte. Eigenmächtig drückte der Fuß auf den Schlauch, um der inneren Anspannung des Astronauten ein Ventil zu verschaffen. Der Schlauch behielt eine Delle, die die Wasserzirkulation im Raumschiff später zwar beeinträchtigte, nicht aber unterband.

Dieses Versäumnis konnte Edward White in weiterer Folge nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn wer hätte in dieser Situation den Spürhundinstinkt aufgebracht, auch noch auf einen unbedeutenden Handschuh in der Ersatzteilkiste zu achten? Als Korrektur wurde in den Protokollen der darauffolgenden Missionen die Notiz hinzugefügt, Ersatzgewand niemals ungesichert zu verstauen und auf gar keinen Fall etwas rumschweben zu lassen.

Der Handschuh entfernte sich inzwischen von seinem Zuhause, richtete es sich auf einer der Erdumlaufbahnen gemütlich ein und galt lange Zeit als gefährlichstes Kleidungsstück des Universums. Mit achtundzwanzigtausend Stundenkilometern, der gleichen Geschwindigkeit, mit der die Gemini 4 auf ihrer Umlaufbahn dahinglitt, raste er unkontrolliert durch das Weltall. Hätte er dabei einen anderen Körper getroffen, hätte er sich durch die freigesetzte Energie kurzzeitig wie eine Flüssigkeit verhalten, die diesen anderen Körper schockwellenartig durchrast (bei einem Druck von Millionen Kilogramm pro Quadratzentimeter verflüssigen sich feste Stoffe wie Metall und Plastik und verdampfen wie Quecksilber an der Sonne). Der getroffene Körper wäre zerrissen, der Satellit, die Raumstation oder der Versorgungstransporter zu unkontrollierbar schwebenden Einzelteilchen zersiebt, ein paar Menschenleben ausgelöscht, ein paar weitere beschädigt, GPS-Systeme und Datenübertragung auf der Erde lahmgelegt, Illusionen verletzt, Eitelkeiten vernichtet.

Während der Astronaut White ein paar Jahre später beim unglücklichen Start einer anderen Mission verbrannte, raste der Handschuh einsam ohne weiteren Zwischenfall vor sich hin. Er behielt seinen Aggregatzustand bei, bis er schließlich friedlich in die Erdatmosphäre absank, wo er leise verglühte.

Im Großen und Ganzen hatten die Menschen im Kosmos also noch mal ganz schön Schwein gehabt.

GEIGERZÄHLER

Kevin, Lorin und Mike haben sich über Wien gelegt, Ortwin kündigt sich an. Sie unterscheiden sich kaum in ihrer Penetranz, über Mitteleuropa hat sich ein sommerliches Hochdrucksystem festgesetzt, das die Stadt zum Kochen bringt.

Die ausschließlich männlichen oder weiblichen Namen der Hochs eines Jahres können im Herbst des Vorjahres beantragt werden, die Patenschaften gehen weg wie warme Semmeln. Jeden Tag beantwortet die Mitarbeiterin am Meteorologischen Institut am Carl-Heinrich-Becker-Weg in Berlin freundlich weitere Anfragen mit dem Verweis, sich doch auf die Warteliste für das übernächste Jahr setzen zu lassen. Sie könne sich das große Interesse auch kaum erklären, ein paar der Tiefs hingegen seien noch offen, nach Nadine, Oriana, Pamela und Roswitha zum Beispiel, in diesem Fall natürlich dann weiblich, ob das etwas ausmache? Allerdings baue sich der Temperaturüberschuss nur langsam ab, das Wetter sei mit durchschnittlich 4,8 Grad zu warm, auch hier sei die Warteliste ratsam.

Es fehlt an Niederschlag, die Felder liegen gelblichbraun in der Landschaft, im Radio wird über die Ernteausfälle diskutiert. Ein Jungbauer tippt auf das Display, gleichmäßiger Technobeat ersetzt die aufgeregten Stimmen und lässt die Scheiben leicht vibrieren. Er ist mit seinen Gedanken ganz woanders, im Rückspiegel verschwindet die Ortschaft Gols im aufgewirbelten Staub. Sein vollklimatisierter Traktor schneidet Schneisen in das vertrocknete Maisfeld, ein paar Rehe springen aufgescheucht hoch.

Vor dem Serralves-Museum in Porto steht ein Rettungswagen mit Blaulicht. Zwei Sanitäterinnen laufen mit einer Trage durch die Ausstellungsräume. Eine junge Frau, die die Aufsicht hat, zeigt ihnen den Weg. Man weiß nicht, warum der Mann die Warnschilder nicht ernst genommen hat, sagt sie hastig. So etwas sei noch nicht vorgekommen. Drei Kollegen von der Feuerwehr hätten sich schon in das zwei Meter vierzig tiefe Loch der Installation abgeseilt, es sei also alles zur Bergung bereit. Der Besucher sei anscheinend davon ausgegangen, dass es sich um eine optische Täuschung handle. Er habe sich in die Mitte des Betonkubus stellen wollen und ist dann in das Loch gefallen. Abstieg in den Limbus heißt die Installation. Die Aufseherin lacht. Er ist wirklich reingefallen. Sie entschuldigt sich, sie habe nicht lachen wollen. Aber der Sommerjob sei sonst wirklich so was von öde.

Einige Tage später stürzen Lastwägen, Autos und Menschen mit einem Stück Brücke in Genua in den Abgrund, Verantwortliche der Autobahngesellschaft sind nicht erreichbar.

Es ist Urlaubszeit.

Auf dem Bildschirm blinkt es. Eine neue Nachricht. Ines Geiger sieht auf die Uhr, drei Minuten nach neun, der Arbeitstag hat es heute eilig. Sie öffnet das Programm, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sie sieht auf den Absender. Beginnt Wolfgang so förmlich, kann man davon ausgehen, dass wieder etwas vorgefallen ist. Sie überfliegt den Text, Rückführung nach Kabul ist fett markiert, der darauffolgende Nebensatz ebenso, obwohl es sich bei der betreffenden Person um eine tschetschenische Staatsbürgerin handelt. Es folgt ein längerer Absatz, in denen die Wörter faktentreu und unvoreingenommen hervorgehoben sind. Schreiben Sie die Bescheide ordentlich, kontrollieren Sie die Angaben sorgfältigst, wenn Sie Textbausteine aus vorhandenen Bescheiden kopieren. Ein Rufzeichen. Geiger scrollt zum Ende der E-Mail, das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl ergreift behördeninterne Maßnahmen, dies sei also eine offizielle Erinnerung an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über weitere Maßnahmen werde die Belegschaft zeitgerecht informiert werden, weitere Maßnahmen ist unterstrichen, der Vorgesetzte verbleibe mit lieben Grüßen. Sie schließt das E-Mail und schiebt es in den Ordner Interne Kommunikation.

Ein feindlich blauer Himmel wirft vor dem Fenster eine Handvoll weißer Wolken in Richtung Tangente. Das Thermometer am Fensterrahmen zeigt achtundzwanzig Grad, bis zum Nachmittag wird es sich wieder aufgeheizt haben. Geiger steht auf, geht zum Thermostatregler, der zwischen Regal und Türrahmen befestigt ist, und stellt die Klimaanlage auf die höchste Stufe. Auf der großen Kreuzung flimmert die heiße Luft. Ein Radbote steht verloren auf der dreispurigen Straße, wischt sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. Er starrt auf sein Smartphone, sucht mit dem Blick die Häuserzeilen links und rechts der großen Kreuzung ab. Ein Sattelschlepper nähert sich ihm hupend von hinten, der Radbote schreckt auf, sieht auf die Ampel, tritt in die Pedale, biegt in die große Ausfallstraße nach rechts. Er wird vom hinteren dritten Wiener Gemeindebezirk mit seinen menschenleeren Betonfluchten verschluckt.

Geiger setzt sich hin und öffnet den Posteingang. Eine Reihe von E-Mails poppt auf, gibt ihr den heutigen Tagesrhythmus vor. Sie überfliegt die Betreffzeilen, kann sich nicht entscheiden, mit welcher Nachricht sie beginnen soll. Im Aktenordner neben dem Computer liegt das Protokoll von gestern ausgedruckt. Warum nicht mit dem Ausstellen dieses Bescheides anfangen? Der Fall stellt keine großen Anforderungen, siebzehn Seiten menschliches Elend, zwei Überstunden, die ihr jetzt nachhängen.

Dieses alles durchdringende Parfüm der Antragstellerin im Interviewzimmer. Dass Menschen nicht verstehen, dass die Hitze Gerüche bis zur Unerträglichkeit verstärkt. Ein schwerer, blumiger Geruch, der die Traurigkeit, die diese Frau ausstrahlt, seltsam umspielt.

Persönliche Umstände, Reise nach Österreich, Gründe für die Flucht. Die Dolmetscherin ist routiniert und kennt den Ablauf. Die Antragstellerin redet monoton, ihre Geschichten wirken länger, als die deutsche Wiedergabe vermuten lässt. Die Dolmetscherin hört zu, kritzelt einzelne Wörter auf ihren Block, wiederholt das Geschilderte trocken und kompakt.

Geiger mag diese Frau mit den schmalen Händen und der tiefen Stimme. Von den unzähligen Dolmetscherinnen und Dolmetschern, die sich pünktlich zu den Vernehmungen einfinden, ist diese hier eine der unaufdringlichsten. In den Pausen steht sie mit all den anderen beim Kaffeeautomaten, meist in kleinen Gruppen nach Kontinenten zusammengewürfelt. Ein Sprachengewirr, sie tuscheln, von einer Sprache in die andere rollt die Unterhaltung. Wenn Geiger vorbeigeht, um zum Klo zu gelangen, wird es oft auffällig still. Schließt sie die Klotür hinter sich, schwillt das Gemurmel wieder an. Hoffnungslos verbissen wirken die meisten. Als wäre die Überzeugung, es gäbe etwas zu retten, das, was sie in diesen schäbigen Linoleumgängen aufrecht halten würde. Auch ohne die jeweiligen Sprachen zu verstehen sind ihre Strategien durchsichtig: Auslassungen, Verallgemeinerungen, Übertreibungen. Jedes Detail muss man genau nachfragen, um die Widersprüche herauszuarbeiten und sich nicht in diesen Fallstricken zu verlieren.

Was also genau die Probleme mit der Schwiegermutter wären, insistiert Geiger. Der blumige Geruch drückt auf den Magen.

»In ganz Afghanistan sind Schwiegermütter komisch zu ihren Schwiegertöchtern«, sagt die Dolmetscherin. Die Antragstellerin ergänzt etwas, Vorschriften, Einmischungen, dann schweigen beide.

Geiger steht auf und öffnet das Fenster. Warme, staubige Luft dringt ein, sie schließt es wieder. »Wie man vielleicht aus der eigenen Erfahrung sagen kann, dürfte so ein Verhalten weltweit bei Schwiegermüttern so sein. Das ist noch lange kein Grund, sich in Lebensgefahr zu wähnen«, sagt sie, während sie sich zu den beiden Frauen zurück an den Tisch setzt.

Die Antragstellerin blickt erstaunt auf, die Dolmetscherin atmet hörbar laut durch, ihre Augenbrauen zucken. Also ist sie doch eine von den Verbissenen.

Wie die Gewalt des Ehemanns nun konkret in ihren Alltag und ihre persönliche Sicherheit eingegriffen hätte, fährt Geiger mit der Befragung fort. Man muss die Geschwindigkeit hoch halten.

Die Antragstellerin spricht abgehakt, Weinen unterbricht ihre Schilderungen, ihre Hände zittern. Die Dolmetscherin berührt sie sanft an der Schulter, die Antragstellerin deutet auf Körperstellen, verstummt.

Geiger tippt die Aussagen ins Protokoll, vervollständigt die Satzrümpfe zu einem halbwegs flüssigen Text, liest die Aussagen nochmals durch. »Es ist unglaubwürdig«, sagt sie, »dass Ihr drogensüchtiger Mann es bei Tritten und Schlägen belassen hat, statt, wie zu erwarten, wäre voller Ekstase die Gelegenheit zu nutzen, Sie zu vergewaltigen.«

Die Antragstellerin blickt die Dolmetscherin an, diese schweigt.

Geiger sieht von ihrem Protokoll hoch, fordert die Dolmetscherin auf, die Frage zu übersetzen. Diese schüttelt bestimmt den Kopf, das sei keine Frage. Die Antragstellerin wendet sich an die Dolmetscherin, diese beruhigt sie. Geiger fordert die Dolmetscherin erneut auf, die Frage weiterzugeben. Wieder schüttelt die Frau mit den zarten Händen energisch den Kopf.

»Sie werden verstehen, dass ich einen Vermerk in das Protokoll eintragen muss«, sagt Geiger, während sie weiterschreibt. Die Antragstellerin wetzt unruhig auf ihrem Sessel hin und her, fragt nochmals nach, die Dolmetscherin wiegelt ab, es sei nichts Wichtiges.

Geiger steht auf, geht zum Waschbecken und füllt ihr Glas Wasser auf. Sie blickt auf die Uhr. Das wird sich noch hinziehen.

»Kommen wir zu den weiteren Verwandtschaftsverhältnissen.« Sie drückt auf Enter, blickt die Antragstellerin auffordernd an, bereit für den nächsten Absatz. Namen, Geburtsdaten, ein undurchschaubares Beziehungsgeflecht. Sie muss sich konzentrieren. Formalfehler treten typischerweise an dieser Stelle auf. Sie will keine weiteren Rügen durch ihren Vorgesetzten riskieren.

Die Antragstellerin holt aus, Menschen tauchen aus einer sandigen, bergigen Region auf und verschwinden wieder darin, Orte kommen und gehen, tote Familienmitglieder werden irgendwo begraben und abgebrochene Beziehungen irgendwo anders wiederaufgenommen, heimliche Zuwendungen ausgetauscht und offene Vernachlässigungen hingenommen, Geschäfte gegründet und wieder aufgelassen. Auffällig oft wird die Grenze zu Pakistan passiert. Dort schließlich versanden die Geschichten. Nein, übersetzt die Frau mit der tiefen Stimme, es gäbe für die Antragstellerin kein Zurück.

Währenddessen wird die Zahl der Toten durch die Waldbrände in der griechischen Region Attika offiziell bestätigt.

Ein junger Urlauber stürzt auf Mallorca vom zwölften Stock seines Hotelzimmers in die Tiefe, während sein Freund alles mit dem Smartphone filmt. Es bleibt unklar, warum der junge Mann das Balkonsims losgelassen hat und wer eigentlich die Idee hatte, sich außen am Geländer mit Blick in den Abgrund entlangzuhanteln. Jetzt könne er sich nicht mehr vorstellen, es selbst zu versuchen, auch wenn es wirklich cool ist, sagt der Freund zur Polizistin, die den Fall aufnimmt. »Dann hat die Sache doch etwas Gutes«, antwortet diese und deutet ihrem Kollegen, den jungen Mann ins Hotel zurückzubegleiten.

Eine Pressesprecherin holt ihr Notizbuch hervor. Ihr Blick ist starr auf die Kamera gerichtet. Ihr sonnengebräuntes Gesicht verrät die unzähligen Stunden, die sie an Bord des Seenotrettungsschiffes Aquarius auf dem Mittelmeer verbracht hat, sie geht den Dingen gern auf den Grund. »Es sind fadenscheinige Gründe«, sagt sie, »mit denen man dem Schiff, das in Gibraltar registriert ist, die Flagge entziehen will. Selbst ein Vermessungsschiff«, sie lacht auf, »ist zur Seenotrettung verpflichtet.« Sie blickt auf ihren Block und spult die Zahlen der Geretteten und Ertrunkenen herunter. »Im Moment streifen wir durch die internationalen Gewässer vor Tunesien, während die anderen Schiffe festsitzen. Sehen Sie sich das an.« Sie hält eine Karte ins Bild, auf der kleine blaue Punkte an die Küsten Europas geklebt sind. Sizilien, Barcelona, Valletta. Es ist alles mit Schiffen zugeparkt.

Ein gerichtlich beeideter Sachverständiger nimmt die Fernsteuerung und wechselt den Sender. Diese überreizten Frauen machen die Sache noch komplizierter. Hätte er nicht die letzten Monate diesen ganzen Wirbel wegen des Afghanistangutachtens über sich ergehen lassen müssen, würde er das ja charmant finden. Wer macht sich schon die Mühe, Schiffe auszuschneiden und an Küstenlinien zu kleben? Aber ihm wirft man immer noch vor, er habe die Gütekriterien wissenschaftlichen Arbeitens nicht eingehalten! Als wenn er nicht wüsste, wovon er da spricht. Der südliche Hindukusch fällt steil in die Landschaft Nuristan ab. Der Fahrer des Lada wirkt erschöpft. Der Benzingeruch aus den Kanistern im Kofferraum macht ihm Kopfweh, seit Stunden dämmert er auf der Rückbank vor sich hin. Vor dem Fenster ziehen sich die kahlen, braunen Drachenberge bis zum Horizont, sie legen das Land in Falten. Der Lada quält sich die letzten Höhenmeter auf der Salangpass-Straße hinauf. Immer wieder muss er auf der engen Straße entgegenkommenden Lastwägen Platz machen. Mehr als vertrauen, dass die Bremsen gut eingestellt sind und sich nicht zu sehr erhitzen, lässt sich nicht machen. Damals, als junger Mann, hielt er das noch für abenteuerlich und die Anstrengung dem Erkenntnisgewinn für angemessen. Man lernt mit den Jahren. Wenn man die Geodaten, die Berichte von Menschenrechtsorganisationen, Regierungsstellen und den örtlichen Krankenhäusern, Polizeistationen und Schulen sorgfältig zueinander in Bezug setzt, so erhält man ein deutlicheres Bild, als wenn man sich auf die Aussagen der Menschen vor Ort verlässt. Sollen sie doch jemanden finden, der sich das freiwillig noch einmal antut und dann noch das Glück hat, gesund davonzukommen. Diesen überhitzten Aktivistinnen geben sie Redezeit im Fernsehen, aber ihm wollen sie wegen ein paar verkürzter Schlussfolgerungen kündigen.

Wieder bricht es aus der Antragstellerin heraus, es scheint, als ob sich etwas in ihr Gehör verschaffen müsste, sie nimmt ihre langatmigen Schilderungen erneut auf. Die Dolmetscherin hastet nach. Nochmals versammeln sich Menschen in der bergigen Region, um dann auseinanderzustreben, sie besuchen eine Schule, sie heiraten, bärtige Taliban in Pickups verfolgen sie, die Erzählung wird atemlos.

Geigers Finger huschen über die Tastatur mit. Sie erkennen die Geschichte mühelos, es ist jedes Mal das Gleiche. Drohungen, Prügel, Einschüchterungen, sexuelle Gewalt. Warum erst jetzt?

Immer lauter werdendes Ziepen mischt sich in den monotonen Bericht der Frau, es wandelt sich in ein Würgen, es klingt wie diesen Morgen, als die Katze eine giftgelbe Flüssigkeit auf den Parkettboden erbrochen hat. Ich habe vergessen, die Tierärztin anzurufen! Geiger unterbricht das Tippen, holt ihr Telefon heraus, macht eine Notiz. In der Früh wollte ich sie doch anrufen, hoffentlich ist es in der Mittagspause nicht zu spät. Sonst müsste die Katze noch eine Nacht durchhalten, das arme Tier. Wann soll ich das heute noch erledigen? Ich müsste den Sport verschieben, damit ich die Katze rechtzeitig abholen und in die Ordination tragen kann, der schwere Katzenkorb, bei der Hitze!, und ohne telefonische Voranmeldung ist es nicht einmal gesagt, dass wir dann drankommen. Die Antragstellerin wird unvermittelt still. Geigers Finger tippen fertig. Eine weitere Nacht Würgen hingegen ist dem Tier auch nicht zuzumuten, uns beiden nicht, und was, wenn es tatsächlich ernst ist?

Die Dolmetscherin lehnt sich zurück. Geiger überfliegt die letzte halbe Seite. Schüsse in der Nacht, eine Art Wald oder kleiner Hain in der wüsten Landschaft. »Also ist bei Ihrer Flucht auf Sie geschossen worden?«, fragt sie. »Dort, wo Sie gelaufen sind, ist aber ein Baum gewesen?« Die Antragstellerin nickt zögerlich. Das habe sie doch angegeben, ja, es ist geschossen worden. Dann werde ich heute auf den Sport verzichten müssen. Wieder ein Tag, an dem ich zu nichts komme.

»Finden Sie nicht, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Sie wegen eines Baumes nicht getroffen werden konnten?«

Die Dolmetscherin wirft ihr einen wütenden Blick zu. Die Antragstellerin blickt sie irritiert an. Vielleicht hält die Katze doch noch einen Tag durch. »Ich meine, es ist doch eine sehr karge Gegend«, setzt Geiger nach. Erinnerungen verzerren ja erfahrungsgemäß selbst topografische Gewissheiten. »Da ist es doch unwahrscheinlich, dass sich gerade dort so ein dicker Baumstamm finden lassen soll.«

Die beiden reagieren nicht. Mit logischen Zusammenhängen lässt sich diesen Menschen meistens nicht kommen.

Auf dem Bildschirm blinkt es. Eine neue Nachricht. Wolfgang bittet sie freundlich, einen Teil des Pensums ihrer Kollegin zu übernehmen. Wie sich in den letzten Tagen herausgestellt hat, wird Constanze leider doch länger im Krankenstand bleiben müssen, jetzt ist die Diagnose offiziell. So ein Burnout nimmt einige Wochen, wenn nicht Monate in Anspruch, da müsse man also rollend planen. Bis jetzt habe die Abteilung diesen Ausfall doch auch gut auffangen können.

Geiger steht auf, schiebt das Protokoll zur Seite. Es wäre Constanzes Antragstellerin gewesen. Constanze wäre diese Frau zugeteilt gewesen, wenn sie im Büro erschienen wäre. Aber wie so oft in den letzten Monaten kam ein kurzer Anruf in der Früh, sie könne nicht in die Arbeit kommen, es tue ihr leid. Constanze hätte sich in diesem lähmend blumigen Geruch ihre Freundlichkeit behalten. Das Gespräch hätte sich vielleicht noch mehr in die Länge gezogen. Sie lässt sich ja immer auf alles empathisch ein, ohne die Widersprüche gleich beim Namen zu nennen. Das haben wir jetzt davon, dass sie diese Geschichten mit ins Bett nimmt. Das habe ich jetzt davon.

Kurz nach ihrer Einschulung ist ihr das auch immer wieder passiert. Sie hat es sich abgewöhnt, über die Zeit. Im Grunde ist das Ganze eher so, wie wenn man im Fernsehen eine Dokumentation aufmerksam verfolgt. In der Fülle der erzählten Begebenheiten die wahrscheinlichen von den unwahrscheinlichen zu unterscheiden lernen, darin liegt die ganze Kunst.

Sie steht auf, nimmt ihr Glas und kippt den letzten Schluck Wasser in die Topfpflanze. Mitgenommen sehen die Blätter aus. Der Sommer setzt allen zu. Bis Constanze wiederkommt, ist die Pflanze wahrscheinlich hinüber. Sie wird sich das Arbeitspensum also besser einteilen müssen. Man muss die Geschwindigkeit schrittweise erhöhen, wie alles im Leben eine Frage der Organisation.

Sie kontrolliert die Richtigkeit der Daten, Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Datum der Eheschließung, Datum der Antragstellung, kopiert dann den Protokolltext absatzweise in das freie Feld des Formulars. Dazwischen Auslassungen für die Begründungen des Bescheids. Sie öffnet das Dokument mit den Versatzstücken aus den anderen Bescheiden. Flink ist sie geworden über das Jahr, die Textbausteine sind thematisch nach Land und Abweisungsgrund geordnet. Nur kleine Veränderungen bei der Volksgruppe oder der Anzahl der Verwandten müssen eingearbeitet werden. Für die Geschichte mit Pakistan entscheidet sie sich für einen allgemein gehaltenen Paragrafen, an dem keine Korrekturen notwendig sind.

»Hinsichtlich Ihrer familiären Kontakte in Afghanistan ist anzuführen, dass Sie selbst angeben, über keine familiären Kontakte in Afghanistan zu verfügen. Sie geben an, lediglich zu Ihrer in Pakistan verbliebenen Familie Kontakt zu haben. Die Behörde kann aber familiäre Anknüpfungspunkte in der Heimat nicht ausschließen, speziell im Lichte der für Afghanistan typischen Großfamilien, wo durchschnittlich mit fünf Kindern zu rechnen ist. Das heißt im Umkehrschluss, dass etwa zehn Onkel sowie Tanten väterlicherseits bzw. mütterlicherseits erwartbar sind und diese ebenfalls an die fünf Kinder haben, was rund fünfzig Cousins bzw. Cousinen ergäbe. Dass alle diese Familienangehörigen in Pakistan weilen, wird seitens der Behörde als nicht plausibel angesehen. Die Angabe, dass Ihre Mutter nur zwei Geschwister hätte und Ihr verschollener Vater ein Einzelkind wäre, ist unter Zugrundelegung der durchschnittlichen Geburtenrate ebenso auffallend. Es steht daher die Möglichkeit einer bewusst verzerrten Darstellung der familiären Einbettung zum Zwecke einer Erfolg versprechenden Asylgewährung deutlich im Raum.«

Der Punkt ist also geklärt. Das müsste auch reichen. Ort und Datum der Ausstellung, Signatur. Die Rückkehr nach Afghanistan ist alleinstehenden jungen Männern zumutbar, das geht aus dem Gutachten des gerichtlich beeideten Sachverständigen hervor. Sie ist eine gesunde, junge Frau, da muss man also nicht groß Differenzen einführen. Das Dokument wandert in den Ordner Negativbescheid.

Geiger schiebt die Protokollunterlagen zusammen, sucht in der Lade nach einer Klarsichthülle, legt die Papiere sorgfältig hinein. Auf dem Regal stehen Ordner, nach Herkunftsland und Bearbeitungszeitraum sortiert, teilweise zweireihig aufgestellt. Sie zieht den aktuellen heraus, die beiden Abheftbügel klaffen auseinander. Ein paar der ganz oben abgehefteten Seiten rutschen heraus und fallen auf den Boden. Sie bückt sich, hebt die Blätter auf und fädelt sie wieder ein. Als sie die Bügel schließen will, klemmt die Mechanik, die beiden Bügel rutschen schräg übereinander, das ganze Ding ist verkeilt. Sie reißt die Bügel auseinander und fädelt die Blätter aus, legt alles auf Constanzes Tisch, wirft den kaputten Ordner in den Papierkorb. Soll Constanze sich einen neuen Ordner oder was auch immer besorgen und das ordentlich abheften. Immerhin ist es ihre Antragstellerin. Ich kann mich wirklich nicht um alles kümmern.

Eine Luftbildarchäologin kreist mit ihrer Cessna 182 über einem Rapsfeld. Das Muster sieht vielversprechend aus. Deutlich heben sich helle und dunkle Flächen im Raps ab, unterschiedliche Bodenbeläge einzelner Räume, es könnte ein römischer Gutshof gewesen sein. Sie setzt zu einer Steilkurve an, die linke Tragfläche dreht sich in Richtung Feld. Sie schaltet auf Autopilot und nimmt die Kamera in die Hand. Die anhaltende Dürre verstärkt die Kontraste im Boden, perfekte Bedingungen, es wird ein gutes Bild werden. Die Hitze erleichtert die Arbeit enorm, mehr kann man sich als Freiberuflerin nicht wünschen. Ein ausgesprochen ertragreicher Sommer. Grabhügel aus der älteren Eisenzeit, Straßen, Wälle, Terrassierungen, Gräben, Siedlungen, Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Arsenal an unerzählten Details der Menschheitsgeschichte. Alle hat sie in ihrem Archiv versammelt.

Ein Wecker läutet, reißt die Antragstellerin aus ihrem unruhigen Schlaf. Stimmen dringen aus der Gemeinschaftsküche undeutlich zu ihr. Es dauert ein paar Minuten, bis sie sich orientieren kann. Die Länder verschwimmen, alle scheinen etwas von ihr zu wollen. Immer läuft sie denselben Hohlweg entlang, die Vegetation einmal üppig, einmal karg. Am Wegrand sitzen Fragen, die auf sie lauern. Ungeduldig hat sie auf den Termin ihrer Einvernahme gewartet und dabei nicht mitbedacht, dass auch die alten Gespenster wachgerufen werden.

Die Pressesprecherin mit dem sonnengebräunten Gesicht verliert ihre Geduld. »Was hast du denn geglaubt, das passieren wird?« Der Herbst kündigt sich an, sie ist von Bord gegangen, um ein Studium aufzunehmen. Zwischen den paar hilflosen Beruhigungssätzen, die sie ihrem Bruder zuwirft, scrollt sie durch die Webseiten auf ihrem Smartphone, studiert Anforderungsprofile, Dauer und Curricula unterschiedlicher Masterprogramme, unsicher, ob sich dieser Aufwand jemals ausgezahlen wird. Ihr Bruder sitzt auf einem Sessel, starrt teilnahmslos auf ein Video in seinem Smartphone. Ein Körper fällt in Schleife von einem mallorquinischen Balkon. Schreie. Sein eigenes, hilfloses Gestammel im Hintergrund. Sein Koffer liegt offen im Vorzimmer, der obere Deckel quetscht die Karte mit den blauen Schiffen an der Küstenlinie auf den Boden. Eine Falte trennt nun das westliche vom östlichen Mittelmeer. Wütend schiebt die Pressesprecherin den Koffer zur Seite, glättet die Karte mit der Hand, rollt sie ein. »Kannst du nicht aufpassen?«, herrscht sie ihn an. Der Bruder antwortet nicht, wie eingefroren sitzt er da. Tränen laufen ihm über das Gesicht. Seit Tagen schon spricht er kein Wort. Sie hätte die Karte gleich ordentlich ins Regal legen sollen, statt sie am Vorzimmerboden gegen die Wand zu lehnen, aber ein bisschen aufpassen hätte er trotzdem können.

Die Dolmetscherin steht am Automaten. Jeder dieser Kaffees schmeckt gleich. Sie entscheidet sich für die Taste links unten. Der Becher schiebt sich aus der Öffnung, ein dünner brauner Strahl plätschert auf das Plastik. Zehn Minuten bleiben bis zum nächsten Interview. Der Aufenthaltsraum ist leer, die Stille tut gut. Vielleicht sollte sie sich endlich ein paar Tage Urlaub nehmen und diese Stadt verlassen.

DER KÄSE

»Es tut mir leid«, sagt die Mama und wedelt mit ihrer Bankomatkarte, »das scheint nicht funktioniert zu haben.«

Linus hört auf, mit den Beinen zu zappeln, lässt die kleine Kette am Einkaufswagen los, hält sich am Gitter fest und blickt durch die Stangen hinauf zur Kassiererin. Sie macht ein gelangweiltes Gesicht und drückt auf einen Knopf. Auf Mamas Stirn zieht sich die lange Falte. Oje, das heißt nichts Gutes. Wenn sich die Falte so über die Augenbrauen legt und Mamas Gesicht verfinstert, dann dauert es nicht mehr lange, bis sie zu schimpfen beginnt. Oder zu fluchen. Oder zu schreien.

Seit das Känguru auf der Landstraße spazieren gegangen ist und die Mama es totgefahren hat, schreit sie oft. Eigentlich jeden Tag. Das fällt ihr gar nicht mehr auf. Dass ihre Stimme dann so hoch wird, aus ihrer Mundhöhle rauskriecht und den ganzen Raum überfällt, sodass Linus glaubt, seine Ohren fallen gleich ab, weil sie in seinem Gehörgang herumscheppert und ihre Kommandos durcheinanderbringt, dass an Verstehen gar nicht zu denken ist.

Die Mama drückt auf den Knöpfen auf dem kleinen Kasten herum, zieht die Karte raus, steckt sie wieder rein, flucht leise. Die Kassiererin beginnt, von einem Fuß auf den anderen zu steigen. Sie lehnt sich gegen ihren Hochstuhl. Ein Mann in der Schlange ruft: »Zweite Kassa, bitte!« Seine Stimme klingt bedrohlich. Die Kassiererin drückt auf einen Knopf. Eine sanfte Frauenstimme schallt durch den Supermarkt. Zwei Leute brechen aus der Schlange aus, stürzen zur Kasse daneben. Der Mann rennt sie fast um, reiht sich mürrisch hinter ihnen ein. Hastig legen alle ihre Lebensmittel auf das schwarze Förderband. Zwei Tomaten kullern gegen eine Dose Kokosmilch und bleiben vor dem Käse liegen.

»Zahlungsvorgang verweigert«, sagt die Kassiererin und schaut dabei auf ihren kleinen Bildschirm.

»Noch einmal, bitte«, sagt die Mama.

Die Kassiererin schaut sie an: »Sie haben es schon fünfmal versucht.«

»Noch einmal, bitte!«, zischt die Mama. Linus starrt die Kassiererin an. Irgendetwas stimmt mit der Frau nicht. Sie scheint recht schwer von Begriff zu sein. Vielleicht denkt sie auch an etwas anderes. Jedenfalls sollte sie lieber vorsichtig sein. Wenn die Mama so zischt, ist gar nicht mehr zu spaßen. Da ist es besser, sich etwas anderes zum Spielen zu suchen und nicht weiter auf das zu bestehen, was man gerade wollte.

Die Mama tippt fahrig auf dem Kasten herum. Die Kassiererin starrt auf ihre Hände. Knallrosa Nägel stehen über ihre Finger. Wie der Kapuzenrand der Regenjacke über meiner Stirn, auf dem die Regentropfen abprallen, denkt Linus. Unter den Fingern der Frau bleibt sicher alles trocken. Das ist ein wasserdichtes Dach, von dem die Tropfen weghüpfen oder auf dem sie auseinanderbrechen.

Die Kasse piepst. Mamas Wangen sind rot. »Zahlungsvorgang abgelehnt«, murrt die Kassiererin. Wie kleine Zinnsoldaten marschieren ihre rosa Nägel ungeduldig auf der Hartplastikschale ihrer Kassenbox, geben einen feindlichen Takt vor. Linus schwingt mit dem Fuß mit. Die Gummiferse von seinem Schuh schlägt stumpf gegen die Metallstange des Einkaufswagens.

»Ich zahle bar«, sagt die Mama und kramt in ihrer Geldbörse. »Wie viel macht das?«

»Siebenunddreißig vierzig«, antwortet die Kassiererin gereizt und deutet unwirsch auf den Bildschirm. Gleich werden ihre Zinnsoldatenfinger die Mama anspringen und ihr einen vernichtenden Schlag versetzen.

Die Mama stöhnt auf, lautlos, so, dass nur Linus es hören kann. Sie raschelt mit den Fingern in ihrer Geldbörse, Münzen klimpern, ein Geldschein fällt raus. Die Frau hinter Linus zischt mürrisch »Geh bitte!«. Ein junger Mann dahinter kommt nach vorne gelaufen, bückt sich und hebt der Mama den Geldschein auf. Sein Lächeln bekommt keine Antwort. Schnell macht er ein neutrales Gesicht und stellt sich an seinen Platz zurück.

Hastig nimmt die Mama die Bananen und reicht sie der Kassiererin hin. »Die bitte zurück«, sagt sie. Die Kassiererin rollt mit den Augen und legt die Bananen hinter sich auf ein Pult. Die Mama greift zögernd nach der Dose Bohnen, dann nach der Margarine, der Petersilie, dem Orangensaft. Die Kassiererin nimmt eines nach dem anderen entgegen. Die Mama schaut prüfend auf den Rest der Lebensmittel, die auf dem Blech liegen. Sie greift zum Käse.

»Nein!«, schreit Linus, stellt sich auf die Zehenspitzen und streckt sich hoch. Seine Arme reichen nicht bis zum Förderband. Unter keinen Umständen darf die Mama den Käse zurückgeben. Am Abend gibt es Käsebrot, das ist Gesetz. Was sollen sie denn auf das Brot legen, wenn die Mama den Käse zurückgibt? Die Kassiererin darf auf keinen Fall mit ihren Zinnsoldaten in den Käse hineinstechen, sodass die Plastikhaut aufplatzt und er Kratzer kriegt. Das mag auch die Fatima im Kindergarten nicht, dass die Kinder mit ihren Fingern im Essen der anderen Kinder herumtatschen. Da kriegt sie ganz funkelnde Augen und ihr Zeigefinger zappelt drohend in der Luft. Linus hält sich an Fatimas Gesetz.

Die Frau hinter ihm schaut ihn verwundert an. »Was weint’s denn so, das Kleine?«, fragt sie die Mama gereizt und schaut über Linus hinweg. Die Mama ignoriert die Frau, sieht Linus streng an, ihre Lippen spannen sich zu einem Straußenei. Linus sieht ihr Gaumenzäpfchen wackeln, es bringt sich in Schwung. Jetzt ist es passiert. Na bitte. Jetzt schreit auch die Mama.

Dass er sich wieder hinsetzen soll, dass sie schon etwas Gutes zum Abendessen machen würde, dass er jetzt hier keinen Zirkus veranstalten solle, dass sie das nächste Mal alleine einkaufen ginge, wenn er sich so aufführe, dass jetzt mit den Faxen da Schluss sei, dass er ihr lieber helfen solle, die Lebensmittel dann in das Sackerl einzuschlichten, und dass jetzt überhaupt alles aus sei, hast du verstanden? Basta.

Linus sackt in sich zusammen. Mit der Faust hämmert er auf den Plastikgriff des Einkaufswagens ein. Seine Augen sind heiß und nass. Er schießt Blitze auf die Frau hinter ihm. Die glotzt ihn blöd an. Das ist so gemein.

Die Kassiererin drückt auf ihrer Kasse herum. »Dreiundzwanzig neunundachtzig«, sagt sie. Die Mama atmet erleichtert auf, streckt ihr drei Geldscheine hin. Die Plastikkasse springt auf, die Geldscheine wandern hinein, ein paar Münzen kommen heraus, verschwinden klimpernd in der Geldbörse. Die Mama zieht am Wagen, Linus schiebt von hinten an. Sie rollen an der Kassiererin vorbei, ein Stück weg von der komischen Frau. Die Mama beginnt, die übrigen Lebensmittel in den Wagen zu legen.

Die Kassiererin schreckt hoch. Wie ein Jagdhund muss sie etwas wahrgenommen haben, was ist passiert? Sie knallt den Plastikdeckel ihrer Kasse zu. Der rosa Nagel auf dem Mittelfinger ihrer linken Hand bricht ab, bleibt auf dem Plastik liegen. Linus zuckt zusammen. Die Kassiererin scheint es nicht gespürt zu haben, wieso weint sie denn nicht, hat sie es noch gar nicht gesehen? Geschrei dringt aus dem hinteren Teil des Supermarkts zu ihnen nach vorne, drei kreischende hohe Stimmen, zwei tiefere, polternd. Dosen prallen klirrend an den Metallregalen ab. Kisten fallen dumpf hinunter. Tomaten platzen schmatzend am Fliesenboden auf. Jemand stürzt zu Boden. Zwei Einkaufswagen scheppern metallen gegeneinander. Mineralwasserflaschen kullern zischend über den Boden. Alles kracht und poltert.

Linus klammert sich am Metallgitter des Einkaufswagens fest und duckt sich, ohne zu wissen warum.

Der Securitymann vom Eingang brüllt irgendetwas und rennt wie ein Berserker los.

Die Kassiererin stürzt aus ihrem Kassenverschlag heraus und läuft in den hinteren Teil des Raumes, die beiden Menschenschlangen gaffen ihr nach.

Blitzschnell streckt sich die Mama zum Kassiererinnenpult hinter der Kasse, packt die Bananen, die Margarine, den Orangensaft, die Tomatendose, die Petersilie und den Käse, stopft alles eilig in die Einkaufstasche, ihr Gesicht wie eine Maske, weder freundlich noch traurig, irgendwie so fad wie das Gesicht der Kassiererin. Linus dreht sich um. Keiner der Menschen beachtet die Mama. Alle starren gebannt nach hinten. Die Kassiererin kommt aufgeregt zurück. Sie hat rote Spritzer auf ihrem weißen Hemd. Hinter ihr zerrt der Securitymann eine Frau am Arm, sie ist von oben bis unten rot verschmiert, zieht eine Tomatenspur hinter sich her.

»Warum weint die Frau?«, fragt Linus. Aber die Mama scheint sie gar nicht wahrzunehmen. Seelenruhig schlichtet sie die anderen Sachen aus dem Einkaufswagen in das Sackerl auf die gewonnenen Lebensmittel oben drauf, sie lächelt zufrieden.

Linus’ Angst ist wie weggeblasen. Die Sonne hat sich durch die Wolken gezwängt. Selbst die laute Sirene, die sich dem Supermarkt nähert, lässt ihn nicht zusammenschrecken. Die Mama reicht ihm die Hand und nimmt das Einkaufssackerl. »Komm, mein Schatz«, sagt sie fröhlich, während die Schiebetür aufspringt und eine Polizistin hereinstürmt. Die gellende Sirene läuft mit ihr mit, blaues Licht flackert um sie herum. Draußen redet ein Polizist aufgeregt in sein Funkgerät. Die Mama zwickt Linus in die Hand. Ihre Augen funkeln schelmisch. »Wir machen uns einen richtig schönen Nachmittag, sogar mit Eis!«

DAS SCHWEIN

Die Betriebsküche ist leer. Es ist noch zu früh für die Mittagspause. Ines Geiger hat es sich angewöhnt, vor den anderen zu essen. Die Gespräche langweilen sie. Sie öffnet den Kühlschrank, stellt den Temperaturregler auf die kälteste Stufe, die Sachen werden ja schlecht. Im obersten Fach liegt ihr Frischkäse, dazu ein paar Radieschen. Während sie das Brot aufschneidet, sucht sie die Nummer der Ordination heraus. Am anderen Ende der Leitung spricht nur ein Anrufbeantworter, die Tierärztin scheint auf Urlaub zu sein. Es wird also nichts mit heute Nachmittag. Was mache ich jetzt mit dieser Katze? Sie hält die Radieschen unter den Wasserstrahl, reibt die Erde ab. Jedes Mal begeistert sie diese Farbe. Es ist schon ein Wunder, was es alles gibt auf der Welt. Der weinrote Rand macht das Weiß leuchtend.

Die Tür geht auf. Ihr Kollege geht zum Regal, nimmt sich einen Wasserkrug, kommt auf das Waschbecken zu. Ob sie schon gehört habe? Sie blickt von den Radieschen auf. Gelesen, ja, sagt sie, behördeninterne Maßnahmen, vielleicht klingt sie ein bisschen zu zynisch. Nein, sagt der Kollege, die Nachrichten von heute. Es sei nämlich sein Fall gewesen, und so, das könne man sich ja denken, total verzerrt. Das schaue jetzt wieder so aus. Er stellt den Krug in das Waschbecken und dreht das Wasser auf.

Geiger schneidet die Radieschen in dünne Schreiben, legt sie kreisförmig auf den Teller.

Die Vorgesetzten säßen schon zu einer Besprechung zusammen, eine offizielle Stellungnahme sei angefragt. Aber das eigentliche Problem greife natürlich wieder niemand an.

Sie blickt von den Radieschen auf. Sonst spricht er immer über sein Rennrad, die Serpentinen auf der Sophienalpe oder sonst eine sportliche Belanglosigkeit, es ist die einzige Leidenschaft, die sie teilen.

»Natürlich bleibt das wieder an uns hängen, wie wir ihre Quote von Negativbescheiden zusammenbekommen. Sonst ist es ihnen immer egal, wie wir das schaffen. Aber jetzt regen sich plötzlich alle auf.« Er stellt den vollen Wasserkrug auf die Ablage, sucht im Regal nach einem Glas. »Jetzt heißt es, homophob geht nicht. Aber ehrlich, wie viele von denen tun immer auf schwul, damit sie den Antrag durchkriegen? Da wird man wohl ein bisschen kritisch sein dürfen.« Und soll er sich da jetzt auch noch in das Schwulsein einarbeiten, bei dem Arbeitspensum, das sie alle hier hätten?

Sie streckt sich, sucht das Körbchen, das auf dem Kühlschrank steht, nach Gewürzen durch. Wo ist das Salz hin?

Mein Gott, er habe nur argumentiert, der Antragsteller würde sich nicht schwul kleiden und bewegen, und auf das hin machen jetzt alle so ein Tamtam. Der Afghane habe nämlich angegeben, nichthomosexuelle Jungs geküsst zu haben. »Bitte sei mir nicht böse, hält der uns für blöd? Kein Mann lässt sich von einem anderen Mann küssen, wenn er nicht homosexuell ist«, das sei völlig undenkbar.

Der Salzstreuer ist leer, sie schraubt den Deckel ab, kippt den Behälter über die Radieschen, zwei, drei Salzkörner fallen heraus. Dass sich nie jemand zuständig fühlt, die Dinge wieder aufzufüllen, was ist das für ein Gemeinschaftsgefühl? Noch eine Nacht mit der wimmernden Katze sollte sie sich nicht zumuten, das geht an die Substanz. Sie braucht eine andere Tierarztpraxis in der Nähe.

»Auf meine Nachfrage, ob der weibliche Part beim Sex nicht wehtue, hat er nur ausweichend geantwortet. Das erzählt doch schon alles, findest du nicht?« Er hält den Wasserkrug in der Hand und sieht sie auffordernd an.

Sie schüttelt den Kopf. Nein, das finde sie nicht, antwortet sie. Er wird wütend, setzt zu seiner Verteidigung an. Daraus ließe sich doch schließen, dass der Typ überhaupt keine Erfahrung mit Analverkehr habe, da haben wir doch den Widerspruch, sagt er stolz, das ist doch alles total durchsichtig.

Sie schüttelt wieder den Kopf. »Nein«, sagt sie, »das ist homophob und dämlich.« Sie zeigt auf den Salzstreuer: »Hast du als Letzter das Salz verwendet?«

Fein, sagt er, dann verstehe sie es halt auch nicht. Er dreht sich um. Es helfe aber nichts, sich dauernd aus allem rauszuhalten, er wünsche guten Appetit. Mit dem Satz ist er aus der Küche verschwunden.

Geiger setzt sich hin, öffnet die Frischkäsepackung, nimmt das Messer, sticht in den Frischkäse hinein, zögert. Sie steht auf, hält die Packung ans Fenster, studiert den Inhalt. Im Vergleich zu gestern Mittag fehlt ein riesiges Stück. Sie kann sich genau erinnern, wie viel da noch drin war, das müssen drei Dekagramm sein, wer macht so etwas, was ist mit den Menschen hier los? Nie würde es ihr einfallen, das Essen der Kolleginnen und Kollegen anzurühren. Können sich die nicht um sich selbst sorgen? Aber mit jedem anderen Schwachsinn soll man sich solidarisch erklären.

Schnurgerade zieht sich die Bundesstraße am Stadtrand von Wien zwischen den Feldern entlang. Es ist später Abend, ein Zimmermädchen fährt von der Spätschicht nach Hause. Aus dem hohen Gras neben der Fahrbahn springt etwas vor seine Motorhaube. Der Wagen verkeilt sich in einen Körper, bleibt stehen. Stoßstange und Scheinwerfer sind eingedrückt. Die Frau steigt aus, sie ist unverletzt. Im Kegel der Taschenlampe untersucht sie das Tier auf der Fahrbahn, es reißt sie. Ein langer Schwanz