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In 18 Beiträgen reflektieren die Autorinnen und Autoren über die Wirkung der Migrationsforschung der letzten zwei Jahrzehnte auf die Migrationspolitik Europas und der Schweiz. Selbstkritisch gehen sie der Frage nach, ob das Ziel der Stiftung für Bevölkerung, Migration und Umwelt erreicht wurde: durch Forschung zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion über Migration beizutragen. Angesprochen werden das Phänomen der Flucht in Zeiten von Klimawandel und Katastrophen, aber auch Faktoren wie Religion oder Gender, die grosse Herausforderungen bei der Integration darstellen. Über die Tagespolitik hinaus befasst sich der Essayband unter der thematischen Klammer «Zukunft der Migration» mit möglichen Szenarien und Trends in den kommenden Jahrzehnten und mit dem zukünftigen Verhältnis von Gesellschaft, Migration und internationaler Politik.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2017 NZZ Libro, Neue Zürcher Zeitung AG, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2017 (ISBN 978-3-03810-241-0)
Lektorat: Simon Wernly, Langenthal
Titelgestaltung: TGG Hafen Senn Stieger, St. Gallen
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
ISBN E-Book 978-3-03810-300-4
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung
VorwortWalter J. Weber
EinführungWerner Haug
WISSENSCHAFT UND POLITIK
Geschichtswissenschaft und MigrationGeorg Kreis
Was sagt die Migrationsforschung politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit? Kernbotschaften europäischer ForscherMarek Kupiszewski und Dorota Kupiszewska
Durchzogene Bilanz des WissenstransfersDenise Efionayi-Mäder
Spannungsfelder der Institutionalisierung der Migrationsforschung: AnstossüberlegungenJanine Dahinden
MIGRATIONSPOLITISCHE HERAUSFORDERUNGEN
Der Islam im Zentrum von SpannungenHouria Alami Mchichi
Gender und Migration: neue Formen der SklavereiMalika Benradi
Bedingungen erfolgreicher Integration von Flüchtlingen in DeutschlandFriedrich Heckmann
Fiskalische Folgen der Immigration in der langen FristGeorge Sheldon
Migration und Mobilität – Ausdruck oder Treiber gesellschaftlicher Transformationen?Gianni D’Amato
Migrationspolitische Herausforderungen im Einwanderungsland SchweizSandro Cattacin
Europäisierung nationaler Migrationspolitik – 20 Jahre später am Ende?Verónica Tomei
ZUKUNFT DER MIGRATION
Die ungewisse Zukunft der MigrationJakub Bijak
Die Türkei und die Zukunft der Einwanderung: von Auswanderung zu Einwanderung und wieder zurück zu Auswanderung?Kemal Kirişci
Gegenwart und Zukunft der globalen MigrationsbewegungenJochen Oltmer
Die klimabedingte Migration – eine Bedrohung für Europa?Etienne Piguet
Flucht in Zeiten von Klimawandel und KatastrophenWalter Kälin
Szenarien zur Zukunft der MigrationAndreas Wimmer
ANHANG
Die Stiftung BMU und ihre TätigkeitWalter J. Weber
Autorinnen und Autoren
Während rund 20 Jahren förderte und begleitete die Stiftung für Bevölkerung, Migration und Umwelt (BMU) – die als Förderstiftung von einer ungenannt sein wollenden Person mit finanziellen Mitteln ausgestattet worden war – die nationale und internationale Migrationsforschung mit dem Ziel, das Wissen über die Ursachen und die Wirkungen der weltweiten, grenzüberschreitenden Wanderungen zu erweitern. Mit ihrer Tätigkeit versuchte die BMU, einen Beitrag zu einer Differenzierung und Versachlichung der Diskussion über Migration in Wissenschaft und Öffentlichkeit zu leisten und wissensbasierten politischen Lösungsansätzen den Boden zu bereiten. Dabei konnte sie sich in folgenden Bereichen besonders profilieren:
• Mitgründung und Begleitung von multidisziplinären nationalen Forschungsinstituten im deutschsprachigen Europa, die sich vor allem der Integrationsproblematik widmeten;
• Förderung individueller Forschungsprojekte;
• Forschungsförderung in Entsende- und Durchgangsstaaten an der EU-Grenze, insbesondere in Marokko, Polen und der Türkei;
• Anschubfinanzierung von international vergleichender Forschung zur Frage der Süd-Nord-Wanderung in Zusammenarbeit mit Metropolis International, einem globalen Verbund von universitären und staatlichen Einrichtungen, die sich mit Migrationsfragen beschäftigen;
• Unterstützung praxisorientierter Projekte zum Thema Migration vorwiegend in der Schweiz.
Die Tätigkeit der BMU konzentrierte sich in einer ersten Phase auf den europäischen und insbesondere den deutschsprachigen Raum und auf die Integrationsthematik, die damals noch ein Nischendasein in der Forschungslandschaft fristete. Nach dem im neuen Jahrtausend erfolgten Boom von Forschungsförderung in diesem Bereich konzentrierte sich die BMU auf jene Forschungszweige, die nur schwer zu finanzieren, aber zum Verständnis der Gesamtproblematik zentral sind: Forschungen international vergleichender Natur, welche die einzelstaatliche Engführung der Perspektive überwinden, sowie Forschungen über und aus der Sicht der Herkunfts- und Durchgangsländer, welche die dominante Perspektive der Aufnahmeländer zu komplementieren vermochten. Eine ausführlichere Würdigung der Tätigkeit der BMU und ihrer Stiftungsräte findet sich im Anhang dieser Publikation.1
Der Essayband «Zukunft der Migration – Reflexion über Wissenschaft und Politik» lässt Forscher zu Wort kommen, mit denen die BMU im Rahmen der von ihr geförderten Institutionen oder Forschungsprojekte zusammenarbeiten durfte. Es ist erfreulich, dass so viele Autorinnen und Autoren an dieser Abschlusspublikation der BMU mitgearbeitet haben. Ihnen allen danke ich herzlich für ihre Beiträge, ebenso wie den beiden Herausgebern, den Stiftungsräten Werner Haug und Georg Kreis, sowie dem langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeiter der BMU, Urs Watter, für ihren grossen Einsatz bei der Koordinations- und Redaktionsarbeit.
Januar 2017
Walter J. Weber, Stiftungsratspräsident
Dieses Buch ist sowohl Rückblick wie auch Ausblick. Über mehr als 20 Jahre hinweg hat die Stiftung Bevölkerung, Migration und Umwelt (BMU) die wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit den kulturellen und strukturellen Ursachen, Wirkungen und Bedeutungen der Migration gefördert, in der Absicht, zur Versachlichung und Differenzierung des öffentlichen Diskurses über Migration beizutragen und dabei Positionen aus den Emigrations- wie den Immigrationsgesellschaften einzubeziehen.
Die Autoren der einzelnen Beiträge arbeiten heute an Universitäten oder spezialisierten Instituten der Migrationsforschung, sie sind in der Politikberatung und internationalen Organisationen tätig. Sie haben alle während ihrer Laufbahn in der einen oder anderen Form mit der Stiftung BMU zusammengearbeitet, entweder als Leiter von Institutionen und Programmen, die von der BMU gefördert wurden, als Lehrende, als einzelne Forscher und Forscherinnen oder als Mitglieder des Stiftungsrats.
Einwanderung, Integration und Asyl sind Themen, die in Medien und Öffentlichkeit oft einseitig mit Gefahr und Konflikt assoziiert und zur Mobilisierung von Wählerstimmen politisch ausgeschlachtet werden. Der vorliegende Band ist der Überzeugung verpflichtet, dass gerade die komplexen und rasch veränderlichen Trends der internationalen Migrationen nach regelmässiger Forschung, informierten öffentlichen Debatten und politischen Massnahmen rufen, die sicherstellen, dass die positiven Auswirkungen der Migration die negativen Auswirkungen sowohl in den Herkunfts- wie in den Einwanderungsgesellschaften übertreffen.
Die Herausgeber haben die Autoren eingeladen, kurze, einfach verständliche Essays zu schreiben über das Verhältnis von Migrationsforschung und Politik oder über die Zukunftsaussichten der Migration. Die Beiträge sind aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen abgefasst. Sie illustrieren sowohl die Vielschichtigkeit der Migrationen und der damit verbundenen Herausforderungen wie auch die Vielfalt der Blickwinkel und Standpunkte. Bewusst stehen tagesaktuelle Ereignisse wie die Flüchtlingskrise in Europa oder länderspezifische Analysen nicht im Vordergrund, obwohl einzelne Beiträge durchaus darauf Bezug nehmen. Es geht darum, einen Schritt zurückzumachen und festzuhalten, was wir über Migration wissen, was sich verändert hat und was die Zukunft möglicherweise bringen wird. Verschiedene Beiträge berühren mehrere Themen, dennoch sind sie nach drei Schwerpunkten gruppiert: Wissenschaft und Politik, migrationspolitische Herausforderungen und Zukunft der Migration. Als Einführung in den Band werden die zentralen Thesen der einzelnen Beiträge kurz zusammengefasst, mit dem Fokus auf übergreifende und komplementäre Aussagen und Gesichtspunkte.
Georg Kreis stellt in seinem Beitrag die wissenschaftskritische Frage, was denn Geschichte zum Verständnis von Migration beitragen kann. Geschichte zeigt nicht nur die grossen Kontinuitäten auf, sondern erinnert auch an Diskontinuitäten und Gestaltungsmöglichkeiten. Professionelle Migrationsgeschichte untersucht die vielfältigen Ursachen und Erscheinungsformen der Migration und erlaubt ein auf Verständnis ausgerichtetes Fragen und Antworten. Dies unterscheidet sie grundsätzlich von den Laienexkursen in die Geschichte, die historisch fragwürdige Bilder reaktivieren (neue Völkerwanderung, Unterwanderung des Abendlandes usw.), die dazu dienen, vorgefasste Meinungen und in der Gegenwart aufgebaute Vorurteile zu bestätigen. Allerdings bleibt Kreis skeptisch, ob die Beiträge der Geschichtswissenschaft in der Öffentlichkeit auch wirklich genügend gehört und genutzt werden, und er sieht neben der «Bringschuld» der Wissenschaft auch eine «Holschuld» der Gesellschaft.
Marek Kupiszewski und Dorota Kupiszewska geben einen Überblick zu den Kernbotschaften europäischer Migrationsforscher. Sie konstatieren eine immer stärkere Komplexität und Differenzierung des Phänomens Migration, das zunehmend von den kurzfristigen Wanderungen einer hypermobilen Bevölkerung überlagert wird. Die Migrationsszene hat sich entsprechend verändert in Richtung einer von Globalisierung, wachsender Marktkonkurrenz und der Nachfrage nach günstigen Arbeitskräften getriebenen Migration. Die Zielländer stehen vor der schwierigen Aufgabe, die richtige Balance zu finden zwischen restriktiver und einladender Migrationspolitik, die beide unbeabsichtigte Folgen zeigen können. Wenig beachtet wird der Befund, dass die Legalisierung von Migration die Rückkehr der Migranten in ihre Herkunftsländer begünstigt. Die Forschung belegt auch, dass integrationspolitische Massnahmen mit Vorteilen für alle Beteiligten zur Verringerung sozialer und interethnischer Spannungen beitragen. Kosten und Nutzen der Migration bleiben jedoch ungleich verteilt. Migration nützt eher den wohlhabenderen Staaten und Regionen, zulasten der ärmeren und der lokalen Ebene. Migration hat sehr wohl das Potenzial positiver Wirkung für die Migranten selbst, für die Aufnahmegesellschaften und für die Herkunftsregionen. Damit sich eine solche Win-win-Situation einstellt, muss aber eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein.
Ausgehend von ihren Erfahrungen im schweizerischen Kontext stellen Denise Efionayi-Mäder und Janine Dahinden die Frage, ob sich mehr Forschung und eine stärkere Institutionalisierung in einer besser informierten Öffentlichkeit und Politik niederschlagen. Denise Efionayi-Mäder beschreibt die zunehmende Internationalisierung der Migrations- und Integrationsforschung im Rahmen von EU und OECD. Ihr steht aber eine Renationalisierung der Politik gegenüber. Faktengestützte Orientierungen und Argumente finden zwar in der Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik Gehör, aber sie erreichen immer weniger die Politiker, die unter starkem Handlungsdruck von Medien und Öffentlichkeit stehen und vermehrt vereinfachende und ideologisch geprägte Positionen vertreten. Die Autorin spricht von einer eigentlichen Wissenskluft zwischen Forschung, Öffentlichkeit und Politik, die durch den Wandel der Medienlandschaft und die neuen Kommunikationsformen gefördert wird. Entsprechend plädiert sie für das Suchen nach neuen Formen der Wissensvermittlung und des Dialogs zwischen Forschung und Politik.
Janine Dahinden erinnert daran, dass der Diskurs über Migration immer noch von der Institutionalisierung der modernen Nationalstaaten geprägt ist, die eine natürlich gegebene Unterscheidung zwischen «Eigenen» und «Anderen» nahelegt. Die Migrations- und Integrationsforschung steht in Gefahr, die so geschaffenen Kategorien unreflektiert zu übernehmen, wenn sie den Fokus auf die Differenz von MigrantInnen und NichtmigrantInnen oder von AusländerInnen und Einheimischen legt, statt auf die gesamte Bevölkerung und die Heterogenität auch scheinbar «gleicher» Gruppen. Dahinden tritt für eine kritisch-reflexive und differenzierende Perspektive ein, die Migration einerseits als Teil staatenübergreifender gesellschaftlicher Prozesse versteht und auf der anderen Seite den Nationalstaat an seinem Anspruch misst, für alle Bürger und Bürgerinnen – unabhängig von Herkunft und kultureller Prägung – gleiche Bedingungen der Teilhabe und Entwicklung zu garantieren.
Bekanntlich gibt es für Menschen zwar ein Recht auf Emigration, aber kein Recht auf Immigration. In diesem Paradox liegt das ganze Spannungsfeld der Migrationspolitik begründet. Es gibt Menschen, die ihr Leben riskieren müssen, wenn sie ihr Recht auf Emigration geltend machen wollen. Es gibt Staaten, die die Auswanderung ihrer Bürger fördern, und Menschen, die zur Auswanderung gezwungen werden. Auf der anderen Seite möchten viele Menschen auswandern oder sind ausgewandert, haben aber keine legalen Immigrationschancen. Fast alle Staaten versuchen, Zuwanderung in der einen oder anderen Form zu begrenzen, indem sie Immigration zwar begrüssen, aber nur bestimmte Gruppen zulassen oder Immigration generell stark einschränken. Viele Migrantinnen und Migranten leben daher in einer unsicheren Situation, sie werden diskriminiert, sind abhängig von Vermittlern und undurchsichtigen administrativen Prozessen, oder sie müssen gar befürchten, zurückgeschickt oder deportiert zu werden. Wenn es einen migrationspolitischen Konsens gibt, dann jenen, dass Migrationen wenn möglich nicht ungeordnet verlaufen sollten, sondern in geregelten Bahnen, unter Anerkennung grundlegender Menschenrechte und von einem transparenten «Migrationsmanagement» gesteuert. Aber was heisst das, und wo liegen die heutigen Herausforderungen?
Houria Alami Mchichi zeigt, wie sich im europäischen Kontext das Bild des Migranten gewandelt hat, indem der Begriff des Migranten immer häufiger mit «Muslim» oder gar «Terrorist» assoziiert wird. Damit ist der Migrant als kulturell «Anderer» und als Sicherheitsrisiko abgestempelt. In der Tat hat sich das Gesicht der Migration geändert, und viele Migranten in Europa kommen heute aus mehrheitlich islamisch geprägten Ländern. Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren wurden Arbeitskräfte aus ehemaligen Kolonialgebieten und aus der Türkei rekrutiert. Diese hatten die Absicht, später zurückzukehren, und waren daher eher bereit, Diskriminierung und Marginalisierung zu akzeptieren. Dies änderte sich jedoch, als sich muslimische Migranten einen dauerhaften Platz in den Aufnahmegesellschaften erobern mussten. Das Streben nach Anerkennung und Gleichstellung verband sich mit «identitären» Forderungen, die vor allem auch im religiösen Zusammenhang geäussert wurden. Dies weckte wiederum Zweifel an der Integrationsbereitschaft von Muslimen, die sich immer mehr an der Präsenz und Sichtbarkeit des Islam kristallisierten. Ausgelöst durch die Kriege und Spannungen im Nahen Osten entstanden neue geopolitische Herausforderungen, und die durch Muslime begangenen Attentate gaben einer schleichenden Islamophobie Auftrieb. Dabei zeigt sich die historische Kontinuität der Argumente zur Ablehnung von Migranten in Zeiten von Krisen. Ist die Integration zum Scheitern verurteilt? Houria Alami Mchichi betont, dass sich Integration bei Weitem nicht nur an religiösen Fragen messen lässt. Und sie sieht Chancen darin, dass sich der Islam im säkularen Kontext Europas in seinem Verhältnis zu Demokratie, Menschen- und Frauenrechten modernisiert und weiterentwickelt.
Malika Benradi stellt die Genderperspektive der Migration ins Zentrum. Sie erinnert daran, dass sich die Stellung der Frau in der Migration gewandelt hat: von der «unsichtbaren» Frau, die zu Hause bleibt oder ihrem Ehemann folgt, zur Frau als selbstständiger Akteurin der Migration. Die Forschung zeigt, dass Migration sowohl Raum schaffen kann für eine Stärkung der Stellung der Frau als auch Raum für neue Abhängigkeiten und Verletzbarkeit. In dieser Situation befinden sich insbesondere Migrantinnen aus Entwicklungsländern, die als Hausangestellte oder im Sexgewerbe tätig sind. Beides sind Branchen, die durch die Globalisierung stark gewachsen sind und in denen vor allem Verfügbarkeit und Gehorsam gefragt sind. Oft sind die Frauen papierlos, arbeiten schwarz und werden Opfer von Ausbeutung, Betrug und Gewalt. Insbesondere in asiatischen Ländern hat der Handel mit Frauen vielfältige Formen eines neuen «Sklavenhandels» angenommen. Aber auch in den Golfstaaten sind Migrantinnen Opfer, wobei das System der persönlichen «Bürgschaft» ihnen den staatlichen Schutz entzieht. Der Kampf für die Rechte von Migranten und Migrantinnen und gegen Menschenhandel bleibt daher ein zentrales Anliegen der Migrationspolitik sowohl in den Herkunfts- wie den Aufnahmeländern.
Friedrich Heckmann stellt die Integration der über eine Million Flüchtlinge, die 2015/16 nach Deutschland kamen, ins Zentrum. Dabei geht er von den früheren Erfahrungen bei der Integration von Migranten aus. Diese können als relativ erfolgreich gelten, vor allem seit Deutschland eine offene und realistische Migrations- und Integrationspolitik verfolgt. Für die Integration der Flüchtlinge von 2015/16 sind nach Heckmann massive materielle, soziale und kulturelle Investitionen nötig. Zudem vergrössern sie das Arbeitskräfteangebot gerade im unqualifizierten Bereich, der mit weiter sinkender Nachfrage rechnet. Da die Flüchtlingszuwanderung ungesteuert und massiv erfolgte, könnten Ressourcen- und Kapazitätsengpässe entstanden sein, welche die Integration verzögern oder sogar verhindern. Heckmann erwartet, dass es in der nächsten Zeit zu «Minderheitenbildung» kommt, bevor eine erfolgreiche Integrationsdynamik greifen kann. Auch die gewonnene Offenheit Deutschlands als Einwanderungsland könnte durch die Mobilisierung des latent vorhandenen Rassismus und ethnozentrischer Haltungen gefährdet sein.
Die Frage nach Kosten und Nutzen der Immigration ist ein Dauerbrenner der migrationspolitischen Diskussion. George Sheldon untersucht aufgrund von schweizerischen Daten, welche Steuern und Sozialversicherungsabgaben Zugewanderte bezahlen, und stellt diese den Leistungen und Beiträgen gegenüber, die sie beziehen (sogenannte Fiskalbilanz). Da eine rein statische Sichtweise die längerfristige Auswirkung der aktuellen Zuwanderung nicht richtig abbilden kann, verwendet er ein dynamisches Modell. Die demografische Analyse zeigt, dass Neuzuwanderer deutlich jünger sind als bereits ansässige Migrantinnen und Migranten. Trotzdem altert die Migrationsbevölkerung, und dies kann auch durch die jungen Neuzuwanderer nicht aufgehalten werden. Die Analyse nach Herkunft zeigt ein stark unterschiedliches Bildungsniveau und Rückkehrverhalten der in der Schweiz lebenden Migranten. Sheldons Schlussfolgerung lautet: «Hochqualifizierte kommen und gehen, während Niedrigqualifizierte kommen und bleiben.» Dies spiegelt sich in der Fiskalbilanz: Hochqualifizierte, mobile Migranten aus nördlichen EU/EFTA-Staaten und aus Ländern ausserhalb Europas haben eine eindeutig positive Fiskalbilanz, während länger ansässige Migranten aus dem europäischen Süden und Südwesten mit tieferem Bildungsniveau eine negative Bilanz aufweisen. Sheldon bestätigt für die Schweiz aber auch den Befund ausländischer Studien, dass die fiskalischen Auswirkungen der Immigration insgesamt relativ unbedeutend bleiben.
Gianni D’Amato diagnostiziert für Europa eine Überlagerung mehrerer Krisen, zu denen auch die Krise des europäischen Migrationsregimes gehört. Durch ein duales Migrationsregime entstand der europäische Binnenmarkt, während gleichzeitig die legalen Einwanderungsmöglichkeiten aus Drittstaaten eingeschränkt und an hohe Qualifikationsanforderungen gebunden wurden. De facto hat dies aber zur Zunahme irregulärer Einwanderer und zu wachsendem Druck auf das Asylsystem geführt. Die Kontrolle der Aussengrenzen war ungenügend, und die Binnenmobilität hat die Rolle und Autorität nationaler Staatsorgane relativiert. Gleichzeitig haben die Globalisierung und die raschen und weitreichenden Veränderungen der Arbeitswelt neue Mechanismen des Einschlusses und Ausschlusses geschaffen, während die wohlfahrtsstaatlichen Leistungen reduziert wurden. D’Amato sieht in der Sicherung und Wiederherstellung der sozialen Kohäsion, zu der Gleichbehandlung und Chancengleichheit gehören, die zentrale Herausforderung für die europäischen Gesellschaften. Eine neue soziale Kohäsion sollte entstehen aus einer Bürgergesellschaft, in der Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft und nationalen Zugehörigkeit – Vertrauen schaffen und Solidarität herstellen können.
Welche Balance kann die Schweiz finden zwischen der Einbindung in die europäischen und globalen Migrationssysteme und dem Wunsch nach einer selbstbestimmten Migrationspolitik? Sandro Cattacin identifiziert in seinem Beitrag Ansatzpunkte für einen möglichen migrationspolitischen Paradigmawechsel der Schweiz. Den ersten Ansatzpunkt sieht er im Wechsel von einer Migrations- zu einer Mobilitätsperspektive, welche die räumliche Mobilität als Normalfall und als Voraussetzung und Merkmal innovativer, dynamischer Gesellschaften versteht. Der zweite Ansatzpunkt liegt in der Idee einer differenzierten Staatsbürgerschaft, welche die unterschiedlichen Rechtssituationen mobiler Menschen anerkennt. Einen dritten Ansatzpunkt sieht Cattacin in der Orientierung an Innovation und Urbanität, die sich gegenseitig bedingen. Städte sind die Zentren der Innovation und begründen ihre Identität mit dem Respekt vor Differenz und der Verschiedenheit der Lebensstile. Der vierte Ansatzpunkt liegt in der Betonung der internationalen Zusammenarbeit zulasten rein nationaler Regulierungsversuche. Cattacin konstatiert aber, dass gegensätzliche politische Einflüsse und ambivalente Forderungen, bedingt auch durch die Instrumente der direkten Demokratie, eine längerfristig kohärente Gestaltung der schweizerischen Migrationspolitik erschweren.
Die europäische Migrationspolitik ist nicht erst seit der Flüchtlingskrise permanenter Hinterfragung und Kritik ausgesetzt. Verónica Tomei wirft einen Blick auf ihre Entwicklung seit dem Beginn der 1990er-Jahre. Sie erinnert daran, dass ursprünglich die Europäisierung nationaler Migrationspolitik nur als sogenannter Spill-over-Effekt der integrationspolitischen Leitidee eines Europas der Bürger sowie des Aufbaus des europäischen Binnenmarkts galt. Heute steht die EU-Dimension der Migrationspolitik zuoberst in der medialen und politischen Aufmerksamkeit. In der Flüchtlingskrise kumulierten verschiedene politische Krisen: das Unvermögen der EU, auf den Syrienkrieg einzuwirken, die unkontrollierten Fluchtbewegungen über den Balkan und das Mittelmeer und mangelnde innereuropäische Solidarität. Einige Mitgliedstaaten entzogen den europäischen Handlungsmechanismen gar das Vertrauen. Gemäss Tomei werden die Lösungskapazitäten auf europäischer Ebene jedoch unterschätzt, und eine starke Mehrheit der Mitgliedstaaten setzt weiterhin auf die Nutzung und Erweiterung des ganzen Spektrums der europäischen Instrumente. Die Autorin sieht in der starken Mediatisierung und populistischen Instrumentalisierung des Themas ein Hauptproblem, das pragmatisches und koordiniertes Handeln auf europäischer Ebene erschwert. Zudem erscheine die EU für viele Bürger immer noch als Blackbox, die sich für nationale Politiker geradezu als Sündenbock anbiete.
Aus einer globalen und langfristigen Perspektive verliert die europäische Tagesaktualität viel von ihrer scheinbaren Dramatik. Jakub Bijak weist darauf hin, dass wir keineswegs in Zeiten einer allgemeinen Völkerwanderung leben, obwohl die allgemeine Mobilität zugenommen hat. Die Zahl der Menschen, die dauerhaft ausserhalb ihres Geburtslandes leben, hat sich in den letzten Jahrzehnten nur geringfügig erhöht. Die wichtigsten Ursachen der Migration sind nach wie vor struktureller Natur: Unterschiede in den Einkommen, den Beschäftigungsaussichten, den Lebensperspektiven. Diese Unterschiede werden auch in Zukunft die wichtigsten Auslöser von Migration sein. Daneben sind bewaffnete Konflikte, politische Verfolgung und humanitäre Krisen wichtige Treiber von Migration, die jedoch besonders schwierig vorherzusehen sind. Bijaks zentrale These ist, dass wir aufgrund der Komplexität der Bestimmungsgründe, der Vielfalt der Akteure und Wechselwirkungen ihrer Handlungen nur schwer zuverlässige Aussagen über die zukünftigen Migrationsströme machen können. Er hält daher auch die Idee einer vollständigen Kontrolle der Migration und der Machbarkeit «simpler Lösungen» für illusorisch. Er plädiert für eine differenzierte Politik, die Unsicherheiten anerkennt, Risiken angemessen handhabt und für verschiedene Eventualitäten vorbereitet ist.
Kemal Kirişci illustriert für die Türkei beispielhaft die Komplexität der Migrationen und die Schwierigkeiten ihrer Vorhersage. In Europa hat sich seit den 1960er-Jahren das Bild der Türkei als Auswanderungsland konsolidiert. Zuerst waren es die «Gastarbeiter», die vorerst als temporäre Arbeitskräfte rekrutiert wurden, gefolgt von Asylsuchenden und irregulären Migranten aus der Türkei. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die Türkei Transit- und Immigrationsland vor allem für Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks (z. B. Bulgarien), aber auch aus dem Iran, Irak, Afghanistan und afrikanischen Ländern. Allerdings war die Türkei auch bereits nach der Gründung der Republik zum Immigrationsland für «Menschen türkischer Abstammung und Kultur» geworden, hauptsächlich aus dem Balkan. 1995 trat die Türkei der Zollunion mit der EU bei und wurde EU-Beitrittskandidatin. Durch die starke wirtschaftliche und politische Dynamik wurde das Land definitiv vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland, auch für Migranten aus dem Westen. Der Krieg in Syrien leitete nach 2011 eine Wende ein. Kirişci erwartet, dass die meisten der 3 Millionen Flüchtlinge aus den arabisch-sunnitischen Gebieten Syriens in der Türkei bleiben werden, mit Folgen für Kultur und Politik. Andererseits könnte die Unterhöhlung des säkularen Staates und die Verfolgung und Unterdrückung Andersdenkender zur erneuten Auswanderung in europäische Staaten führen.
Jochen Oltmer fokussiert auf die aktuellen und zukünftigen Migrationsströme aus einer globalen Perspektive. Wie bereits Bijak hält auch er fest, dass in den letzten 50 Jahren weltweit keine erhebliche Veränderung des Umfangs von internationalen Migrationsbewegungen (relativ zur Bevölkerungszahl) festgestellt werden kann. Es zeigt sich auch, dass die umfangreichsten Bewegungen innerhalb der südlichen Weltregionen stattfinden (z. B. zwischen Süd- und Westasien oder den Ländern südlich der Sahara), während Migrationen über die Kontinente hinweg nur relativ wenig ins Gewicht fallen. Dies gilt entsprechend auch für Europa, wo die weitaus meisten Migranten aus anderen europäischen Ländern stammen. Oltmer sieht drei Hauptgründe für die relativ geringe Bedeutung von interkontinentalen Süd-Nord-Wanderungen: Armut, fehlende Netzwerke und restriktive Migrationsregimes. Während vielen Menschen die Ressourcen fehlen, über weite Distanzen zu migrieren, gewinnen Migrationen im Nahbereich und vor allem in die grossen Städte an Bedeutung. Damit einher geht die Entwicklung riesiger «Mega-Regionen», die trotz des Risikos, in übervölkerten Slums zu leben, attraktive Zuwanderungsziele bleiben. Klimawandel und Umweltveränderungen werden das künftige Migrationsgeschehen ebenfalls beeinflussen. Oltmer erwartet aber auch hier, dass die Wanderungen in den ökologisch labilen und exponierten Risikozonen des Südens weitgehend lokal und regional verlaufen werden.
Etienne Piguet untersucht diese Frage näher. Er zeichnet die politische Karriere des Themas «Klimaflüchtlinge» nach, die mehrfach zu alarmierenden Berichten über das Risiko von klimabedingten Migrationen führte. Die nähere Betrachtung der zentralen Klimaereignisse (Wirbelstürme, Dürren, Anstieg des Meeresspiegels) zeigt aber ein sehr viel differenzierteres Bild über die möglichen Auswirkungen auf Migrationen. Bei tropischen Wirbelstürmen handelt es sich letztlich um ein beschränktes Phänomen. Niederschlagsmangel und Dürre führen primär zu Wanderungen auf Kurzdistanzen und sind zum Teil auch umkehrbar. Am bedrohlichsten sind die möglichen Folgen eines Anstiegs des Meeresspiegels, doch lassen sich diese voraussehen und recht genau lokalisieren. Nach Piguet ist zu erwarten, dass Migrationen aus Umweltgründen im Wesentlichen innerhalb der jeweiligen Staatsgebiete verlaufen werden. In manchen Fällen dürfte Migration dabei nicht das Problem, sondern Teil der Lösung sein, wenn für Menschen ausserhalb von Risikozonen neue Lebensgrundlagen geschaffen werden können.
Walter Kälin beschäftigt sich mit der Frage, ob im Völkerrecht ein besonderer Schutzstatus für «Klimaflüchtlinge» zu schaffen sei. Er erachtet dies als nicht gangbaren Weg. Der Grund dafür liegt darin, dass es im Einzelfall kaum gelingen kann, den Nachweis zu führen, dass Klimaerwärmung für Flucht und Migration kausal verantwortlich ist. Migration im Kontext von Klimawandel und Naturgewalten ist in der Regel multikausal, und oft sind es menschliche Faktoren, die Naturereignisse erst zu Katastrophen werden lassen. Kälin spricht daher von «Katastrophenvertriebenen» und nicht von «Klimaflüchtlingen». Damit verschiebt sich der Fokus auf die Reduktion der Vertreibungsrisiken einerseits, die Hilfe für Vertriebene andererseits. Dazu gehört auch der vorübergehende Schutz für Katastrophenvertriebene in anderen Staaten, der weiter verstärkt werden muss. Aus den Ergebnissen der «Nansen Initiative», für die sich Kälin engagiert hat, ist eine Schutzagenda hervorgegangen, die Grundlagen legt für ein differenziertes Verständnis der Klima- und Katastrophenflucht und für die Entwicklung eines künftigen internationalen Regimes zum Schutz von Katastrophenvertriebenen.
Lassen sich die Paradoxien und Probleme der Migration, die auf dem politischen Ordnungsanspruch der Nationalstaaten fussen, überwinden? Andreas Wimmer entwickelt hierzu zwei Szenarien über die mögliche Welt in 200 Jahren. Die erste Vision geht davon aus, dass Hightech es möglich macht, die staatlichen Funktionen zu deterritorialisieren und Staaten verschwinden zu lassen. Sie werden ersetzt durch private Organisationen und globale Vermittlungsdienste. Migration ist in dieser Welt kaum kontrolliert, da es weder Pässe noch Grenzzäune gibt. Es gibt auch kein Gefühl der nationalen Zugehörigkeit und Solidarität mehr. Die Menschen leben in Minigemeinschaften, sind aber sonst per Internet global vernetzt und organisiert. Wimmers zweite Vision erstarkt die Überwachungs- und Leistungskapazität von Staaten, nicht zuletzt durch die neuen technologischen Möglichkeiten. Staaten können dadurch ihre Territorien ausdehnen, grössere Bevölkerungsmassen verwalten und werden zu eigentlichen Superstaaten. Der innere Zusammenhalt wird nicht mehr durch nationale Identität, sondern durch grossräumige zivilisatorische Gemeinsamkeiten hergestellt. Megastaaten können versuchen, sich wirtschaftlich autark zu organisieren und Grenzen gegen ungewollte Migration zu schliessen. Innerhalb der Staaten wären aber kleinräumige Segregation oder auch deterritorialisierte Selbstverwaltung nach ethnischen Prinzipien möglich. Selbstverständlich sind andere Szenarien denkbar, doch für Wimmer ist es wichtig, dass wir uns wenigstens «einen Moment lang frei denken von der Tyrannei der Gegenwart».
Die Beiträge dieses Bandes zeigen, dass im Bereich von Migration und Integration der Bedarf nach zuverlässigem Wissen gross und weiter steigend ist. Zum Teil geht es um elementare Fakten über die Formen, die Zusammensetzung und Richtung von Migrationsströmen, zum Teil um wichtiges Handlungswissen für erfolgreiche Integration zum Beispiel im Bildungs-, Arbeitsmarkt- oder Gesundheitsbereich oder auch um Sicherheitsrisiken der Migration und die Verletzung von Schutzansprüchen und Menschenrechten. Migration betrifft nicht nur die verschiedensten Lebensbereiche, sondern auch die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen, die sich alle gezielt mit den durch Migration und Integration aufgeworfenen Fragen befassen sollten. Dies ist heute sicher wichtiger als die Institutionalisierung und damit auch die Marginalisierung von «Migrationsforschung» in einer Spezialdisziplin.
Auffallend ist jedoch, dass manche Wissenschaftler die fehlende Beachtung von Forschungsergebnissen und Studien durch Öffentlichkeit und Politik beklagen. Dies mag damit zusammenhängen, dass Wissenschaft und Forschung immer stärker ihren eigenen Legitimitätskriterien folgen und die Relevanz und Verständlichkeit von Ergebnissen für eine breitere Öffentlichkeit darunter leiden.
Doch hat sich auch die «Deutungshoheit» über migrationsrelevante Ereignisse verschoben zugunsten der neuen Medien und politischer Gruppen und Parteien, die Vorurteile und Ängste schüren und Migration zur Erreichung anderer Zwecke instrumentalisieren. Gerade so wichtig wie die Fakten der Migration ist, wie darüber gesprochen wird und welche Bilder gebraucht werden. Ein informierter und verantwortungsvoller Umgang mit Fakten, Begriffen und Bildern ist nötig, der Migration weder idealisiert noch verteufelt, sondern Verständnis schafft für Zusammenhänge, Hintergründe und Folgen (Georg Kreis). In diesem Sinne ist die Aufgabe, die sich die Stiftung Bevölkerung, Migration und Umwelt bei ihrer Gründung gestellt hat, aktueller denn je.
Was hat die Geschichtswissenschaft zum Verständnis der Migration bisher beigetragen? Das ist eine Frage, die man sich als Historiker vielleicht besser nicht stellt, weil die Antwort – möglicherweise, ja wahrscheinlich sogar – ernüchternd ausfällt. Es kann auch beruhigen, dass wir es nicht so recht wissen und kaum in Erfahrung bringen können. Denn das hat die Geschichtswissenschaft mit anderen Wissenschaften gemeinsam: Meistens werden ihre Erträge nicht evaluiert; und wenn es doch Evaluationen gäbe, wären diese selbst wieder kritisch zu beurteilen. Zudem stünde man, wenn man sich auf die Wirkungsfrage dennoch einliesse, vor einigen methodologischen Problemen. Verständnis wäre eines, ihm handelnd Rechnung tragen etwas anderes.
Statt diese Frage theoretisch und normativ anzugehen, sei zunächst abgeklärt, was bisher dazu ausgeführt und geleistet wurde. Naheliegend ist dabei vor allem ein Blick in die Schriften von Klaus J. Bade, der bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück gelehrt und 1990 das Osnabrücker Institut für Migrationsforschung gegründet hat. Er kann als der bedeutendste Kopf der historischen und interdisziplinär erweiterten Migrationsforschung Deutschlands bezeichnet werden.1 Aus seinem reichen Œuvre seien hier bloss vier Publikationen berücksichtigt: die kleine Schrift zum Homo migrans (1994),2 der in der Serie «Europa bauen» publizierte Band Europa in Bewegung (2000),3 die von einem Team unter seiner Leitung herausgegebene Enzyklopädie Migration in Europa (2007)4 sowie die Schrift Leviten lesen: Migration und Integration in Deutschland (2007).5
