Zum Teufel mit den Millionen - Kim Schneyder - E-Book

Zum Teufel mit den Millionen E-Book

Kim Schneyder

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Beschreibung

Was hat man, wenn man im Lotto gewinnt, Unternehmerin wird und sich den Traummann angelt? Nur Ärger, muss Molly Becker feststellen! Sie wird von mysteriösen Kundenklagen überhäuft, ihr Erspartes schwindet – und ihr Liebster gleich mit. Was bleibt, sind Mollys Freundinnen Lissy und Tessa, mit denen sie die merkwürdigen Zufälle untersucht und einem hinterhältigen Plan auf die Spur kommt … Die zweite Roman um Molly Becker von Kim Schneyer!

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cover & Impressum

Inhalt

Es liegt am Sex, stimmt’s?

Salsa Horizontale

No Limits

Warum so zaghaft, Molly?

Hat er Ruin gesagt?

Klein? Der ist winzig!

Miller … Müller… Molinero

Molly, die Gütige

Mit der Mafia?

Was ist ein Quickie?

Sherlock

Denkt er, sie wäre heißer als ich?

Caribbean-Megaturbo-5000

Sparen? Wofür denn?

Tarnkappenknaller

Fortuna Español

Ich, Molly Becker, geboren am …

Mortimer

Ein Höschen hat er da garantiert nicht gesehen

Money for nothing

Guter Bulle, böser Bulle

Indiana Jones

Manomaya Kosha

Danksagung

PIPER DIGITAL

die eBook-Labels von Piper

Unsere vier Digitallabels bieten Lesestoff für jede Lesestimmung!

Für Leserinnen und Leser, die wissen, was sie wollen.

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe 1. Auflage 2012

ISBN 978-3-492-98386-0

© 2017 Piper Verlag, München

der Originalausgabe

© Piper Verlag GmbH, München 2012

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: olavs/shutterstock, Rohappy/shutterstock

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Es liegt am Sex, stimmt’s?

Salsa Horizontale

No Limits

Warum so zaghaft, Molly?

Hat er Ruin gesagt?

Klein? Der ist winzig!

Miller … Müller… Molinero

Molly, die Gütige

Mit der Mafia?

Was ist ein Quickie?

Sherlock

Denkt er, sie wäre heißer als ich?

Caribbean-Megaturbo-5000

Sparen? Wofür denn?

Tarnkappenknaller

Fortuna Español

Ich, Molly Becker, geboren am …

Mortimer

Ein Höschen hat er da garantiert nicht gesehen

Money for nothing

Guter Bulle, böser Bulle

Indiana Jones

Manomaya Kosha

Danksagung

Es liegt am Sex, stimmt’s?

»Gut, Frau Becker, wenn ich Sie also richtig verstanden habe, dann liegt der Winners-only-Philosophie die Behauptung zugrunde, dass in jedem von uns ein Gewinner steckt. Habe ich das richtig interpretiert?« Elise Ansbach betrachtet mich mit einer Mischung aus Faszination und professioneller Neugierde.

Ich will gerade einen Schluck von meinem Fruchtcocktail nehmen, aber da ihre Frage kürzer ausgefallen ist als erwartet, setze ich das Glas ein bisschen zu hastig ab und verschütte bei der Gelegenheit ein paar Tropfen über meine fliederfarbene Bluse. Mist. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass es derartigen Stress bedeuten könnte, ein Interview zu geben.

Wobei es natürlich toll ist. Ganz toll sogar. Ich, Molly Becker, Geschäftsführerin von Winners only, einer der innovativsten und modernsten Firmenketten in ganz Deutschland – was sage ich, Europas! –, gebe dem Life&Style-Magazin ein Interview zum Thema »Karrierefrauen – Mit voller Power durch die Machomauer«.

»Ups, das gibt Flecken. Ich hoffe, die Bluse war nicht allzu teuer.« Elise Ansbach zieht besorgt die Stirn in Falten.

»Oh … äh, sie war nicht billig, falls Sie das meinen, aus einer unserer Kollektionen, wissen Sie, mit einem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis, um genau zu sein …«, erwidere ich und stelle mein Glas ab. »… und wie alles bei Winners only von allerbester Qualität, mit dem Vorteil, dass potenzielle Fleckenverursacher wie diese davon abperlen wie Morgentau von einer Lotusblüte«, bringe ich den Satz mit einer entsprechenden Werbeaussage schwungvoll zu Ende.

»Was für ein schöner Vergleich«, nickt Elise Ansbach.

Dann beobachten wir gemeinsam, wie die dunkelroten Tropfen in das Gewebe der verdammten Bluse einsickern und dabei immer größer werden. Okay, wie’s aussieht, muss ich darüber mal ein paar Takte mit Tessa reden. Seit sie unsere Chefeinkäuferin ist, sind unsere Kollektionen zwar schweineteuer geworden, aber der versprochene »Quantensprung in der Qualität« erschließt sich mir im Augenblick nicht.

»Äh … ja«, nehme ich den Faden wieder auf. »Wo waren wir stehen geblieben?«

»Die neue Philosophie von Winners only …«, hilft sie mir weiter.

»Unsere Philosophie, genau«, nicke ich eifrig, um mich schon im nächsten Moment wieder zurückzupfeifen. Immer mit der Ruhe, Molly. Du bist eine Karrierefrau, und Karrierefrauen nicken nicht eifrig. Wenn schon nicken, dann bedächtig. Oder überlegen … oder … vielleicht besser überhaupt nicht nicken.

»Also, im Gegensatz zu früher unter der Leitung meiner ehemaligen Chefin Clarissa Hohenthal …« Ha, den Seitenhieb konnte ich mir nicht verkneifen. »… als es unser oberstes Ziel war, pro Kunde den größtmöglichen Umsatz zu erzielen, egal, wie vorteilhaft die jeweiligen Produkte für ihn waren oder auch nicht, stehen jetzt einzig und allein die Bedürfnisse unserer Kunden im Vordergrund. Wir loten ihre Stärken und Schwächen aus, und sobald wir etwas finden, das sie daran hindern könnte, ein Gewinner zu sein, bessern wir dieses … nennen wir es Manko … umgehend aus. So einfach ist das«, schließe ich mit einer ausladenden Geste, bevor ich mich im Sessel zurücklehne und Elise Ansbach ein offenes Lächeln schenke, wie ich es von Umberto, unserem Kommunikationstrainer, gelernt habe.

Elise Ansbach nickt wieder beeindruckt, dann jedoch runzelt sie kritisch die Stirn. »Das klingt alles wirklich sehr überzeugend, Frau Becker …«

»Nennen Sie mich bitte Molly«, falle ich ihr gönnerhaft ins Wort. »Und ich darf doch Elise sagen, oder? Von Powerfrau zu Powerfrau gewissermaßen?«

»Oh, ja, natürlich, freut mich … Molly«, nickt sie irritiert, bevor sie erneut einen Blick auf ihren Zettel wirft. »Also, dieses neue Konzept klingt in der Tat sehr überzeugend, aber gibt es da nicht ein Problem, was die Rentabilität Ihres Unternehmens betrifft?«

Ich wusste es. Ich wusste es. Diese Frage musste kommen, und obwohl ich es kaum erwarten kann, sie zu beantworten, stelle ich mich ein bisschen doof, um die Wirkung noch zusätzlich zu erhöhen.

»Rentabilität?« Ich lege den Kopf leicht schräg und ziehe eine Augenbraue hoch. »Was genau meinen Sie damit?«

»Na, wenn man bei den Kunden nicht auf die Umsätze abzielt, muss sich das doch negativ auf die Erträge auswirken«, meint sie verwundert.

»Ach, das meinen Sie«, lächle ich überlegen. Dann hole ich Luft und lege los wie ein Wirtschaftsdozent: »Sie haben nicht ganz unrecht, Frau Ansbach, bei oberflächlicher Betrachtung sollte man das meinen, aber in Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt. Die herausragende Fairness und Transparenz unseres Angebots stoßen mittlerweile auf derart gute Resonanz, dass wir innerhalb eines Jahres – seit ich die Leitung von Winners only innehabe, um genau zu sein – unseren Kundenstock mehr als verdoppeln konnten, und selbst wenn wir damit pro Mitglied weniger Umsatz erzielen, ist das Ergebnis unterm Strich immer noch ein deutlicher Zugewinn. Ich habe übrigens auch einen Namen für diese Methode entwickelt: Ich nenne es die ›Minimax-Methode‹«, verkünde ich voller Stolz und möglichst deutlich, damit sie es gleich wörtlich für ihren Artikel übernehmen kann. »Mehr Umsatz erzielen, indem man weniger Umsatz macht. Was auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt, ist in Wirklichkeit eine bahnbrechende Idee, die möglicherweise Einfluss auf die gesamte Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts haben wird.« Ich gerate regelrecht ins Schwärmen bei dem Gedanken, dass ich möglicherweise schon bald in sämtlichen Wirtschaftslehrbüchern als Schöpferin dieser revolutionären Idee genannt werde. Die werden dann doch sicher Fotos von mir brauchen, fällt mir ein. Ich sollte mir dafür eine Brille zulegen. Brillen verleihen einem einen intellektuellen Touch, und erst neulich habe ich eine Kollektion von Gucci gesehen …

»Aber gibt es das nicht bereits?«, unterbricht Elise Ansbach meine wundervollen Phantasien. »Das Minimax-Prinzip lernt man schließlich auf jeder zweiten Schule, und soweit ich mich noch erinnern kann, geht es dabei darum, aus minimalem Aufwand maximalen Nutzen zu ziehen oder so ähnlich.«

Wie bitte, das gibt es schon? Blöde Schulen!

Aber Moment mal, hat sie nicht gerade gesagt …?

»Ich spreche auch nicht vom Minimax-Prinzip …« Ich ringe mir ein gekünsteltes Lachen ab und lasse gleichzeitig meine grauen Zellen rotieren, um schleunigst einen Ausweg aus dieser Sackgasse zu finden.

»Ich sprach von der Minimax-Methode, oder noch genauer von der Molly-Becker-Mini-Maxi-Methode«, fällt mir dann ein. »Ich habe sie vorhin nur ohne meinen Namen genannt, weil ich nicht … ähm … damit angeben wollte, wissen Sie?«

»Tatsächlich?« Elise mustert mich einige Sekunden lang schweigend, und ich bin heilfroh, dass sie keinerlei Anstalten macht, sich etwas von dem Mist, den ich soeben verzapft habe, zu notieren. Schließlich beendet sie die peinliche Pause mit einem Räuspern. »Dann habe ich noch eine ziemlich direkte Frage an Sie, Molly, die schon mehrmals an uns herangetragen wurde, und ich bitte Sie, das nicht als Provokation aufzufassen: War Philip Vandenbergs Entscheidung, Sie mit der Führung von Winners only zu betrauen, eine rein wirtschaftliche, oder stand sie auch in Zusammenhang mit Ihrer Liaison?«

Also doch. Ich hatte bereits befürchtet, dass sie dieses Thema anschneiden würde, und jetzt nützt sie die Überleitung für diese reichlich unangenehme Frage.

»Selbstverständlich fand diese Entscheidung auf rein professioneller Ebene statt«, stelle ich sofort klar. »Nur zur Verdeutlichung, Elise: Philip und ich waren noch gar kein Paar, als ich ihm meine persönlichen Vorstellungen von einer Neuausrichtung des Unternehmens darlegte, und es waren exakt diese Ausführungen, die ihn veranlasst haben, mir diese Aufgabe zu übertragen.« Das stimmt, wenngleich ich die Geschichte ein klein wenig abgeändert habe. In Wirklichkeit habe ich mich damals bei Philip ordentlich über meine fiese Chefin Clarissa beschwert, und irgendwann war ich dann ziemlich betrunken und bin am nächsten Morgen in einem fremden Hotelzimmer aufgewacht … Aber die Einzelheiten tun ja nichts zur Sache, nicht wahr? »Außerdem wusste ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass er Philip Vandenberg ist«, fällt mir ein weiteres Argument ein. »… auch ein klarer Beweis dafür, dass die Ideen, die ich ihm damals präsentierte, meiner ureigenen Überzeugung entsprangen und nicht etwa taktischen Erwägungen, wie ich meinen zukünftigen Boss beeindrucken könnte oder so was in der Art.«

»Interessant, das wusste ich gar nicht.« Elise schaltet mit dem Instinkt einer erfahrenen Reporterin auf einen vertraulichen Tonfall um. »Dann war Ihr erstes Zusammentreffen also eine Art Blind Date?«

»Ja, so könnte man es nennen.« Ich versinke für einen kurzen Moment in der Erinnerung daran, wie Philip als ganz normaler Kunde in mein Büro kam und noch kein Mensch ahnte, dass er in Wirklichkeit der Oberboss von Eragon war. Ich war damals natürlich sofort fasziniert von ihm … also, nach ziemlich kurzer Zeit jedenfalls … auf alle Fälle gleich, nachdem ich ihn näher kennengelernt hatte!

»Möchten Sie uns vielleicht mehr darüber erzählen, Molly?«, fragt Elise sanft.

Es dauert eine Sekunde, bis ihre Worte in meinem Bewusstsein angekommen sind.

Oh, oh. Vorsicht, Molly, die Frau ist ein Profi. Sie will dich doch bloß aushorchen und dir so ganz nebenbei ein paar intime Details aus dem Kreuz leiern, um sie dann am nächsten Tag in den Klatschspalten zu präsentieren.

Aber nicht mit mir.

»Ach, wissen Sie, ich denke, das würde den Rahmen unseres Gespräches sprengen«, antworte ich ausweichend.

Für einen winzigen Augenblick macht sich Enttäuschung auf ihrem Gesicht breit, die sie aber schnell wieder beiseiteschiebt.

»Wie Sie meinen, Molly, ich kann Sie natürlich nicht zwingen«, lenkt sie mit einem schmalen Lächeln ein. »Aber eine winzige Frage zu dem Thema müssen Sie mir doch gestatten: Wie läuft es in Ihrer Beziehung? Gibt es bereits Hochzeitspläne? Ist Nachwuchs für Sie beide ein Thema?«, kommt es plötzlich wie aus einem Maschinengewehr.

Von wegen winzige Frage, die Lady drückt ganz schön auf die Tube. Ich denke sorgfältig über meine Antworten nach, weil Philip und ich vereinbart haben, unser Privatleben von der Öffentlichkeit fernzuhalten.

»Also, ohne zu viel zu verraten, Elise: Es läuft ausgezeichnet zwischen Philip und mir, und ja, er hat mir schon mehrere Heiratsanträge gemacht, und über Nachwuchs haben wir zwar noch nicht dezidiert gesprochen, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass das ein Thema wird, sobald die Zeit reif dafür ist.«

Elise hat ungläubig die Augen aufgerissen, während ich antwortete. »Habe ich richtig gehört? Philip Vandenberg hat Ihnen bereits mehrere Heiratsanträge gemacht?«

»Allerdings«, nicke ich.

»Ja, und?!«, stößt sie hervor.

»Was, und?«

»Wieso sind Sie dann noch nicht verheiratet?«, setzt sie völlig perplex nach.

»Weil ich sie abgelehnt habe, natürlich«, sage ich achselzuckend.

»Das gibt’s doch nicht«, stöhnt sie auf. »Wieso denn abgelehnt? Philip Vandenberg ist einer der begehrtesten Junggesellen Deutschlands, er ist Multimillionär, er ist attraktiv, er ist einfach …« Sie sucht nach dem richtigen Wort. »… ein Traummann!«

Wie bitte? Ein Traummann? Ist er das? Also, es stimmt schon, Philip ist reich, und er sieht ziemlich gut aus, vor allem, seit ich ihn unter meine Fittiche genommen und ihm ein modernes Outfit verpasst habe, vor allem aber ist er eine beeindruckende Persönlichkeit, und er kann auch witzig sein, wenn er will …

Elise hat recht. Philip ist ein Traummann.

Wieso ich ihn dann noch nicht geheiratet habe?

Also, es ist nicht so, dass ich nicht seine Frau werden will, aber das hat sich irgendwie im Laufe der Zeit so … ergeben.

In den ersten Monaten unserer Beziehung hat er mir beinahe täglich einen Antrag gemacht, das gehörte fast schon dazu wie das tägliche Zähneputzen, und ich habe ihn stets vertröstet, weil ich nichts überstürzen wollte, und irgendwann wurden seine Anträge dann seltener, und der letzte ist jetzt überhaupt schon mehrere Monate her …

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Sollte ich mir deswegen etwa Gedanken machen?

Während ich noch darüber grüble, fällt mir auf, dass Elises Blick nach wie vor abwartend an meinen Lippen hängt, und ich bemühe mich schnell wieder um einen unverfänglichen Gesichtsausdruck.

»Sie haben natürlich recht, Elise«, bestätige ich. »Philip ist definitiv ein wunderbarer Mann, aber …«

»Es liegt am Sex, stimmt’s?«, fällt sie mir mit leuchtenden Augen ins Wort. »Für eine emanzipierte Powerfrau wie Sie ist er zu alt, und nach einem harten Arbeitstag wünschen Sie sich einen jungen, starken …«

»Quatsch, Elise, Philip ist überhaupt nicht alt, er ist in Wirklichkeit viel fitter als ich, und was den Sex betrifft …« Das alles ist nur so aus mir herausgesprudelt, und ich kann mich im letzten Moment gerade noch bremsen. Dieses Biest! Beinahe hätte sie mich aus der Reserve gelockt. »… das geht natürlich niemanden etwas an, aber er ist …« Ich zögere. Jetzt heißt es aufpassen. Wie drücke ich das am besten aus, ohne ihr gleich einen reißerischen Aufhänger für die nächste Titelseite zu liefern? »… überaus erfüllend«, würge ich dann reichlich gekünstelt hervor.

»Überaus erfüllend?«, äfft Elise mich sofort auf nervtötende Weise nach. »Das klingt aber nicht gerade berauschend, Molly.«

»Na gut, er ist phantastisch, der Beste, den ich jemals hatte!«, platze ich heraus – um mir im nächsten Moment erschrocken die Hand vor den Mund zu schlagen. »Das schreiben Sie aber nicht in Ihren Artikel!«, rufe ich bestürzt aus. »Philip hasst Indiskretionen, und ich übrigens auch.«

Elise zögert verdächtig lange, bevor sie sagt: »Natürlich nicht, Molly … obwohl Philip bestimmt nichts dagegen hätte. Die meisten Männer würden sich darum prügeln, in aller Öffentlichkeit als guter Liebhaber dazustehen.«

»Philip ist aber nicht wie die meisten«, stelle ich klar. »Und ich weiß, dass er fuchsteufelswild wird, wenn jemand Indiskretionen über ihn verbreitet.«

»Ach, dann ist er also jähzornig? Ist das der Grund, weshalb Sie seine Anträge bisher abgelehnt haben?«, wechselt sie auf einmal die Schiene.

Mann, die hat vielleicht eine schräge Phantasie!

»Aber nein, Philip ist doch nicht jähzornig. Im Gegenteil, er ist der sanfteste und ausgeglichenste Mensch, den ich kenne«, bremse ich sie schnell wieder ein. »Und bevor Sie noch weitere Vermutungen anstellen, Elise: Ich habe Philip bislang nur vertröstet, weil ich vorher meine eigene Karriere weiter vorantreiben möchte. Ich will auf einer Ebene mit ihm stehen, wenn wir heiraten, verstehen Sie?«

»Verstehe. Sie wollen also beweisen, dass es Ihnen nicht bloß um seine Millionen geht«, nickt Elise nachdenklich. »Wie viele hat er denn davon, Millionen, meine ich?«, schiebt sie dann in verdächtig beiläufigem Tonfall nach.

»Um ehrlich zu sein, keine Ahnung«, gestehe ich.

Ihr Blick wird auf einmal lauernd. »Wie bitte? Heißt das, er hält seine Vermögensverhältnisse vor Ihnen geheim?«

»Nein, tut er nicht«, sage ich schnell. »Er würde es mir sicher sagen, wenn ich ihn fragen würde, aber irgendwie … ist Geld eigentlich gar kein Thema zwischen uns, verstehen Sie?«

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie viel Geld Philip hat. Aber es muss viel sein, sehr viel sogar. Immerhin hat er sich letztes Jahr von seinem Megakonzern getrennt, das heißt, er hat sich sicher Unsummen dafür auszahlen lassen, solche Geschichten kennt man ja. Aber ich habe ihn nie nach konkreten Beträgen gefragt, was natürlich auch damit zu tun haben könnte, dass ich nicht will, dass er mich nach meinen Vermögensverhältnissen fragt und ich dann bei der Antwort möglicherweise ein klitzekleines bisschen improvisieren müsste …

»Nein, ehrlich gesagt kann ich das nicht verstehen.« Elise schüttelt ungläubig den Kopf. »Für einen Normalo wie mich ist es unvorstellbar, so viel Geld zu besitzen, dass man gar nicht mehr darüber reden muss. Aber Sie können es mir sagen, Molly. Wie ist das? Es muss traumhaft sein, nicht wahr?« In ihre Augen ist auf einmal ein sehnsüchtiges Leuchten getreten.

»Doch, ja, auf alle Fälle, es ist toll«, bestätige ich, und diesmal muss ich bei der Antwort kein bisschen überlegen.

Ich weiß nämlich nur zu gut, was es bedeutet, kein Geld zu haben. Vor nicht allzu langer Zeit war ich dermaßen blank, dass nicht einmal mehr die Pleitegeier über mir gekreist sind, wohl aus Angst, sie müssten noch etwas dazuzahlen bei näherem Kontakt, und als sich das dann auf einen Schlag ins genaue Gegenteil verkehrt hat, war es für mich wie der Beginn eines völlig neuen Lebens.

»Wobei bei aller Annehmlichkeit Geld nicht alles ist«, füge ich schnell hinzu, damit die Leser keinen falschen Eindruck von mir bekommen. »Mindestens ebenso wichtig sind eine intakte Familie und ein zuverlässiger Freundeskreis, beruflicher Erfolg und Anerkennung, eine erfüllende Beziehung natürlich …« Ich überlege rasch, was noch fehlen könnte in meiner Aufzählung. »… ach ja, und Gesundheit, und nicht zu vergessen soziales Engagement, das ist besonders wichtig. Nichts ist befriedigender als die Gewissheit, bedauernswerten Wesen, die weniger Glück hatten als man selber, zu einer erträglichen Existenz zu verhelfen.« Oh Mann, der Satz ist gut. Den muss ich mir merken, vielleicht können wir den in die nächste Winners-only-Imagekampagne einbauen.

»Sehr schön«, springt auch Elise sofort darauf an. »Dann betätigen Sie und Philip sich also als soziale Wohltäter? Welche Projekte unterstützen Sie denn?«

»Ach, da gibt es so viele«, hole ich aus. »Den WWF, die Kinderkrebshilfe, Nachbar in Not, CARE, die SOS-Kinderdörfer, die Vereinigung barfüßiger Ärzte …«

Elise prustet den Schluck Wasser, den sie gerade nehmen wollte, zurück in ihr Glas und sieht mich verunsichert an. »Sie wollen mich auf den Arm nehmen, oder?«

»Nein, wieso?«, frage ich irritiert zurück.

»Die Vereinigung barfüßiger Ärzte, was soll das denn sein?«

»Keine Ahnung, Ärzte eben, die keine Schuhe haben … wahrscheinlich haben sie so wenig Geld, dass sie sich keine leisten können.« Ich zucke die Achseln. So genau habe ich mich damit auch wieder nicht befasst. »Jedenfalls, ohne mich weiter in Einzelheiten verlieren zu wollen, so kann ich doch behaupten, dass es ohne unsere Unterstützung einiges Elend mehr auf dieser Welt gäbe, und von den Gorillas und Seeelefanten will ich gar nicht erst anfangen.« Bei diesem Thema geht mir immer wieder das Herz auf, es ist ungelogen eine der schönsten Erfahrungen, wenn man sich für andere Individuen engagiert.

Elise Ansbach wirkt jetzt sichtlich überzeugt. Sie macht sich wieder ein paar Notizen, was genau genommen seltsam ist, läuft doch ohnehin die ganze Zeit ihr Aufnahmegerät.

»Okay, das kann ich gut verwenden zum Thema Karrierefrauen, soziales Engagement macht sich immer gut.« Sie zwinkert mir verschwörerisch zu. »Ansonsten sind erfolgreiche Frauen ja immer gleich als shoppingsüchtige Monster verschrien, nicht wahr?«

Ich nicke zustimmend. »Stimmt, das ist ein hartnäckiges Klischee – das auf mich allerdings in keiner Weise zutrifft.«

»Wissen Sie was, Molly, Sie sind wirklich ein glänzendes Vorbild für die Frauenbewegung«, lobt sie mich begeistert. »Vor allem, da Sie Wert darauf legen, finanziell nicht von Ihrem Partner abhängig zu sein.«

»Das trifft es auf den Punkt«, stimme ich ihr zu. Doch dann fällt mir noch etwas Besseres ein: »Ich kann es präziser ausdrücken, wenn Sie möchten, und das können Sie von mir aus wörtlich drucken: Ich würde Philip zum gegebenen Zeitpunkt auch heiraten, wenn er arm wie eine Kirchenmaus wäre. Ich denke, das ist deutlich genug, oder?«

»Allerdings.« Elise nickt äußerst angetan und kritzelt wieder auf ihrem Block herum. »Gut, Molly, ich fasse kurz noch mal Ihren Werdegang zusammen: Sie haben also Ihren Angaben nach aus eigener Kraft den Aufstieg bis an die Spitze eines erfolgreichen Konzerns geschafft, nachdem Sie zuvor verschiedene berufliche Stationen durchlaufen haben, um die nötige Erfahrung dafür zu sammeln …«

Ich nicke souverän. Das klingt doch viel besser als einzugestehen, dass man bis dahin in jedem einzelnen Job kläglich versagt hat, oder?

»… und obwohl Sie zurzeit mit einem der begehrtesten Junggesellen des Landes liiert sind, ist es Ihnen ein besonderes Anliegen, sich selbst ausreichendes Vermögen zu schaffen, um sich im Falle einer Heirat mit Philip Vandenberg nicht den Vorwurf einer Aschenputtelehe gefallen lassen zu müssen«, führt sie weiter aus.

Donnerwetter, das war jetzt aber gekonnt formuliert. Das hätte ich selbst nicht besser hinbekommen.

Ehrlich, ich kann es kaum erwarten, dass dieses Porträt über mich im Life&Style erscheint. Allein, wenn ich mir die dummen Gesichter von meinen ehemaligen Klassenkameraden vorstelle, wenn sie das lesen. Die kleine Molly Becker mit der Riesenzahnspange und der Zukunftsprognose einer legasthenischen Seekuh (mein Sportlehrer in der Siebten hat mich tatsächlich vor versammelter Klasse so genannt, und diese Verräter haben es auch noch furchtbar witzig gefunden) hat es durch harte Arbeit, eiserne Disziplin und nicht zuletzt die nötige Portion Talent und Köpfchen bis ganz nach oben geschafft.

Aus eigener Kraft. Sonst gar nichts.

Wobei, der Lottogewinn von eineinhalb Millionen hat natürlich nicht geschadet, aber den kann ich wohl schlecht zur Sprache bringen, nachdem ich ihn über ein Jahr lang allen verschwiegen habe.

Niemand weiß davon. Nicht meine Familie, nicht meine Freunde, ja, nicht einmal Philip habe ich davon erzählt …

Ein ganzes Jahr.

Hm.

Wie sie wohl reagieren würden, wenn ich jetzt damit herausrücke?

Salsa Horizontale

Ein paar Vorteile bietet so ein Gewinn natürlich schon.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und nur so zum Beispiel fällt mir dazu ganz spontan ein:

Man kann von heute auf morgen sein Kontominus ausgleichen, das einen bis dahin mit der Anhänglichkeit einer Bassett-Labrador-Mischung durchs Leben begleitet hat.Man kann sich ein neues, pinkmetallicfarbenes Mini-Cabrio kaufen, weil das alte Auto (ebenfalls Mini, aber nicht Cabrio, Baujahr nicht mehr eruierbar) zufällig gerade den Geist aufgegeben hat.Und seinen beiden besten Freundinnen ebenfalls (wenn auch nicht ganz freiwillig).Man kann sich so viele neue Klamotten kaufen, wie man will, ohne dabei auf den Preis achten zu müssen.Man kann die Hunderttausend-Euro-Hypothek seiner Eltern tilgen. Man kann das Haus kaufen, aus dem man vorher beinahe hinausgeworfen worden wäre.Man könnte seinen Job hinschmeißen und zu seiner Chefin zum Beispiel sagen: »Clarissa, du kannst mich mal!« (Oder wie auch immer die Chefin heißt.)Man könnte ihn vor aller Welt geheim halten, weil einem der Großgewinnerbetreuer von der Lottogesellschaft dringend dazu geraten hat (und weil man Lissys Onkel Franz als mahnendes Beispiel vor Augen hat).Bei genauer Betrachtung sollte man auf Punkt sieben besser verzichten, will man damit nicht Punkt acht in Gefahr bringen. – Und bei der Ausführung von Punkt eins bis sechs sollte man sich vorsorglich schon mal ein paar verdammt gute Ausreden einfallen lassen!Man kann sich im eigenen Lifestyle-Unternehmen verwöhnen lassen bis zum Abwinken, weil einem die Wahnsinnspreise dann egal sind.Wobei sich das erübrigt, wenn man im Anschluss gleich Chefin desselben wird. Man kann spenden ohne Ende und damit zum Beispiel Hunderten von Flachlandgorillas das Überleben sichern. Man kann seinen Lieben immer wieder kleine Geschenke zukommen lassen und ihnen auch sonst bei Bedarf unter die Arme greifen (unter strikter Beachtung von Punkt neun, Satz zwei, versteht sich).Bei reiflicher Überlegung sollte man bei Punkt vier doch Menge und Preis ein bisschen im Auge behalten, sonst sind gleich mal ein paar Hunderttausend weg.Und man kann den Rest des Geldes so clever anlegen, dass man sich um seine finanzielle Zukunft eigentlich gar keine Sorgen mehr zu machen braucht.

Wie gesagt, so ein Gewinn ist schon etwas Großartiges, aber er hat mein Leben gründlich auf den Kopf gestellt. Von diesem Moment an verlief nämlich alles irgendwie völlig absurd, wie in einem komplett schrägen Film, bei dem man allerdings von vornherein weiß, dass alles frei erfunden ist. Nur dass bei mir alles echt war, und diesen Gewinn geheim zu halten, hat mich einiges an Nerven gekostet. Ganz ehrlich, manchmal frage ich mich heute noch, wie ich aus diesem ganzen Schlamassel überhaupt wieder heil herausgekommen bin.

Aber okay, ich hab’s geschafft. Irgendwie ist es mir gelungen, meiner ganzen Umgebung einen Riesenbären aufzubinden, und da ich jetzt Geschäftsführerin von Winners only und zugleich die Lebensgefährtin des Selfmade-Millionärs Philip Vandenberg bin, macht sich inzwischen niemand mehr Gedanken, wenn ich mir zwischendurch mal den einen oder anderen Luxus gönne.

Und dennoch bleibt es eine Tatsache: Mein Aufstieg bei Winners only hatte gar nichts mit dem Lottogewinn zu tun, und dass Philip und ich ein Paar wurden, natürlich auch nicht. Somit habe ich die beiden Grundpfeiler meines jetzigen Lebens nicht meinem Glück zu verdanken, sondern einzig und allein meinen persönlichen Fähigkeiten – selbst wenn die zur Hälfte darin bestehen, dass Philip, der schließlich jede andere Frau auf diesem Planeten haben könnte, sich ausgerechnet für mich entschieden hat.

Aber wo wir gerade beim Thema sind: Das Interview mit Elise Ansbach fällt mir auf einmal wieder ein und ihre Reaktion auf Philips Heiratsanträge. Es ist wirklich schon ziemlich lange her, dass er mich das letzte Mal gefragt hat.

Woran das wohl liegen mag? Ist er es leid, immer wieder dieselbe hinhaltende Antwort zu bekommen?

Aber natürlich, das ist es. Philip ist kein Freund von leerem Gerede, wozu sollte er also immer wieder dieselbe doofe Frage stellen, zumal er die Antwort ohnehin schon kennt?

Alles klar. Das ist der Grund.

Es sei denn – was aber natürlich höchst unwahrscheinlich ist – er will gar nicht mehr …

Sollte er es sich etwa anders überlegt haben? Will er mich am Ende gar nicht mehr heiraten? Oder schlimmer noch, hegt er vielleicht überhaupt Zweifel an unserer Beziehung?

Der Gedanke erschreckt mich derart, dass ich entsetzt aus meinem Liegestuhl hochfahre.

»Du meine Güte, Molly, was hast du denn?« Lissy reißt erschrocken den Kopf herum, und auch Tessa schiebt verwundert ihre Sonnenbrille hoch.

Wir haben es uns am Pool unseres Hauses (es gehört natürlich nur mir allein, aber offiziell haben wir es gemeinsam von der mysteriösen Geldanlegerin zu einem lächerlich niedrigen Preis gemietet) gemütlich gemacht und betreiben zur Abwechslung mal wieder Brainstorming zu einem neuen Vorschlag unserer Marketingabteilung – was dann meistens so aussieht, dass wir bei leckeren Erdbeer-Daiquiris in der Sonne braten und ohne Eile warten, bis uns irgendwann eine ganz umwerfende Inspiration heimsucht. Übrigens noch so ein Vorteil, wenn man Geschäftsführerin eines Unternehmens ist: Wer will es einem krummnehmen, wenn man mal eben zwei Mitarbeiterinnen zur Erörterung neuer Geschäftsstrategien abkommandiert, und wo ich diese Entscheidungsfindungsseminare – ein Begriff, den ich übrigens höchstpersönlich eingeführt habe – abhalte, bleibt natürlich einzig und allein mir-ist-gleich-der-Chefin überlassen.

»Ach, nichts, es ist nur … Wisst ihr, bei diesem Interview gestern …«, bastle ich an einer Antwort auf Lissys Frage.

»Genau, das war doch für das Life&Style-Magazin! Wann erscheint es denn?« Jetzt wird Tessa neugierig.

»Ich weiß nicht so genau, in der nächsten Ausgabe, glaube ich … Jedenfalls kamen wir da auf Philip zu sprechen, und wieso wir noch nicht verheiratet sind …«

»Was übrigens niemand versteht, Molly, auch Tessa und ich nicht«, fällt Lissy mir ins Wort. »Was um alles in der Welt hindert dich daran, ihn endlich zu heiraten?«

»Aber das habe ich euch doch schon mindestens hundertmal erklärt«, verteidige ich mich leicht gereizt. »Ich will nicht als naives Dummchen dastehen, das einfach nur hochheiratet.«

»Aber das ist doch längst nicht mehr der Fall«, wendet Lissy ein. »Du bekleidest inzwischen eine Führungsposition, womit ja wohl hinreichend bewiesen wäre, dass du auf Philips Geld nicht angewiesen bist, nicht wahr?«

»Das stimmt schon, aber es geht immer noch das Gerücht um, Philip hätte mir diesen Job nur gegeben, weil ich …« Ich räuspere mich verlegen. »Ihr wisst schon … mit ihm schlafe.«

»Na, und wenn schon!«, meint Tessa mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Es kann dir schnuppe sein, was die Leute reden. Die sind doch bloß neidisch, weil du dir Philip geangelt hast. Fakt ist jedenfalls, dass Philip dich heiraten will, und ich an deiner Stelle würde mir mit der Antwort nicht zu lange Zeit lassen. Männer wie Philip sind begehrte Objekte, und wenn du nicht zugreifst, wird es eine andere tun, glaub mir! Übrigens, wo ist Philip zurzeit überhaupt?«, fällt ihr dann ein.

»Er ist auf Geschäftsreise in Paraguay«, erzähle ich.

»Was macht er denn in Paraguay?«, fragt Lissy verwundert. »Ich dachte, er hätte sich aus dem Eragon-Konzern zurückgezogen.«

»Er ist nicht wegen Eragon dort. Er will dort etwas ganz Neues aufziehen.«

»Und wie kommt er dabei ausgerechnet auf Paraguay?«, fragt Tessa mit zusammengezogenen Augenbrauen.

»Das war eigentlich purer Zufall. Nach seinem Abgang von Eragon stellte sich die Frage, wie er sein Geld anlegen soll, und als im Fernsehen eine Dokumentation über Paraguay lief und darüber, wie wenig die Menschen dort verdienen, obwohl das Land eigentlich reich an Bodenschätzen ist, hatte ich die Idee, dass er dort investieren und den Leuten dabei faire Löhne zahlen könnte, und so ganz nebenbei kann er damit auch noch Geld verdienen.«

»Und das hat er dann gemacht, einfach so?« Die beiden sehen mich an, als könnten sie es kaum glauben.

»Stimmt genau«, nicke ich mit einem Anflug von Stolz.

In Wahrheit war es natürlich nicht ganz genau so. Eigentlich hatte ich den Vorschlag nur zum Scherz gemacht, aber anscheinend war die Idee doch irgendwo in Philips Hirn haften geblieben. Jedenfalls hat er gleich am nächsten Tag ein paar Fachleute kontaktiert, und seither steigert er sich immer intensiver in die Sache hinein.

»Und was für ein Unternehmen hat er jetzt dort aufgebaut?«, fragt Tessa.

»Na ja, es ist noch nicht ganz fertig«, bremse ich ein bisschen zurück. »Philip hat ein riesiges Stück Land gekauft, das ist so groß wie halb Bayern, und auf dem soll es gewaltige Titanerzvorkommen geben, die er abbauen lassen und exportieren will.«

»Ah, Titanerz, soso«, meint Lissy.

Wir nicken bedächtig, als hätten wir nur den Funken einer Ahnung, was man damit anstellt.

»Was macht man eigentlich aus Titanerz?«, kommt es prompt von Tessa.

»Was wohl? Titan natürlich«, gebe ich lässig zurück in der Hoffnung, dass sie es dabei bewenden lässt.

Tut sie aber nicht.

»Ja, und weiter?«, hakt sie stattdessen nach. »Was zum Geier macht man mit Titan?«

»Ach, weißt du, eine ganze Menge … also, zum Beispiel …«, hole ich umständlich aus.

»Ich glaube, ich weiß es«, fällt Lissy mir zum Glück ins Wort. »Meine Oma hat vor Kurzem ein künstliches Hüftgelenk bekommen, und das ist auch aus Titan, wenn ich mich nicht irre.«

»Genau, das ist ein gutes Beispiel«, stimme ich ihr erleichtert zu und führe gleich weiter aus: »Titan ist nämlich ein extrem hochfestes … äh … Material, aus dem sich die verschiedensten Erzeugnisse machen lassen, und dementsprechend äußerst wertvoll. Wir könnten damit sogar eine eigene Produktlinie auf den Markt bringen, habe ich mir überlegt, ›Gelenke aus eigenem Anbau‹ oder so ähnlich. Wie findet ihr das?«

»›Aus eigenem Anbau‹? Ich weiß nicht«, schüttelt Tessa kritisch den Kopf. »Wenn schon, dann müsste es schon eher ›Abbau‹ heißen, findest du nicht?«

Stimmt. Andererseits, ›Gelenke aus eigenem Abbau‹ klingt irgendwie nicht besonders peppig …

»Egal, jedenfalls lässt sich damit jede Menge Geld verdienen, und so ganz nebenbei können wir den Eingeborenen dabei ein faires Gehalt zahlen«, erläutere ich begeistert.

Da, schon wieder: Dieses Gefühl, wenn man anderen Gutes tut. Es gibt nichts Besseres, ehrlich!

»Ach, darum«, meint Tessa. »Ich habe mich schon gewundert, wieso du in letzter Zeit so oft hier wohnst. Ich dachte schon, ihr hättet Streit, aber ich wollte nicht nachfragen …«

»Streit, ich und Philip?«, frage ich überrascht. »Wie kommst du denn darauf? Philip und ich verstehen uns prächtig, wir sind noch genauso verliebt wie am ersten Tag.«

»Ach ja, und weshalb ist er dann in letzter Zeit ständig alleine auf Geschäftsreise?«, gießt sie Öl ins Feuer.

»Das ist doch nur vorübergehend«, wiegle ich hastig ab. »Bloß so lange, bis dort alles unter Dach und Fach ist und der Betrieb aufgenommen werden kann.«

»Aber wieso hat er dich nicht mitgenommen nach Paraguay?«, fällt Lissy ein.

»Also, das ist, weil …« Ehrlich gesagt, habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Aber jetzt, da Lissy es erwähnt, wundert es mich eigentlich auch ein bisschen. Philip war sogar schon mehrere Male dort, aber er hat mich noch keinmal ernsthaft gefragt, ob ich mit ihm fliegen will. »… er wollte mich damit nicht belasten, weil es in Paraguay fürchterlich heiß und staubig ist, außerdem gibt es dort alle möglichen gefährlichen Viecher, wisst ihr? Abgesehen davon braucht er mich ja hier zur Führung von Winners only«, fällt mir dann noch ein.

»Ach so.« Lissy nickt zwar, aber sonderlich überzeugt scheint weder sie noch Tessa zu sein. »Aber um zurück zum Thema zu kommen: Wann werdet ihr denn nun heiraten?«

»Ich nehme an, sobald Philip dieses Paraguay-Business ins Laufen gebracht hat und wieder mehr Zeit für unsere Beziehung hat«, erwidere ich zögernd. »Das Problem dabei ist nur …«

»Ja, was denn?«

»Es ist schon eine Weile her, dass er mich danach gefragt hat«, murmle ich.

Lissys und Tessas Köpfe rucken sofort zu mir herum.

»Und wie lange genau?«, will Tessa alarmiert wissen.

»Genau weiß ich es nicht mehr, aber es müssten inzwischen circa drei …«

»… Wochen sein?«, rät sie.

»Nein, Monate«, stelle ich richtig.

»Drei Monate?« Tessa zieht scharf die Luft ein. »Also weißt du, Molly, ich will jetzt weiß Gott nicht den Teufel an die Wand malen, aber drei Monate sind eine verdammt lange Zeit, vor allem, wenn es sich um einen Mann wie Philip handelt und der sich gerade mutterseelenallein im Ausland herumtreibt. Was, wenn ihn eine feurige Chica in deiner Abwesenheit zu einem Salsa horizontale bittet, hast du daran schon gedacht?«

»Tessa, red nicht solchen Unsinn!«, fährt Lissy sie an.

»Was hast du? Ist doch wahr!«, verteidigt Tessa sich schmollend.

Ich fühle, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. »Also, deswegen mache ich mir überhaupt keine Sorgen, weil …« Meine Stimme wird seltsam wackelig. »… Philip tanzt nicht, wisst ihr?«

»Ich meinte das ja nicht wörtlich«, schüttelt Tessa den Kopf.

»Ich weiß, Tessa, ich doch auch nicht. Jedenfalls bin ich mir hundertprozentig sicher, dass ich Philip vertrauen kann. Er liebt mich, und er ist kein Mann für eine schnelle Affäre.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein? Auf der Welt wimmelt es von heiratswilligen Frauen, die für einen Mann wie Philip alles tun würden – und wenn ich sage alles, dann meine ich wirklich alles! – Also sei lieber vorsichtig. Ich an deiner Stelle würde bei nächster Gelegenheit den Sack zumachen, das kann ich dir sagen.«

»Okay, du hast ja recht, aber dazu muss ich wohl erst abwarten, bis er mich das nächste Mal fragt, oder?«, wende ich ein.

»Wozu denn abwarten?« Sie sieht mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. »Wie lange ist sein letzter Antrag her, drei Monate? Na bitte, das passt doch wunderbar! Sobald ihr euch wieder trefft, sagst du zu ihm: Übrigens, deinen Antrag vom letzten Mal, den nehme ich jetzt an! Ist doch ganz einfach.« Sie nickt mir aufmunternd zu.

Ich starre sie fassungslos an.

»Tessa, Molly kann keinen Antrag von vor drei Monaten annehmen«, kommt mir im selben Augenblick Lissy zu Hilfe. »Das würde in meinen Augen ziemlich erbärmlich klingen, fast schon wie … Betteln.«

»Betteln? Unsinn!«, empört sich Tessa. »Philip hat doch ihr den Antrag gemacht, das heißt, er ist der Bittsteller, und wenn Molly ihn jetzt annimmt, dann ist das meiner Meinung nach eher so was wie …« Sie sucht schnell nach dem passenden Wort. »… eine Gnade, ja, genau, so würde ich das nennen.«

»Eine Gnade?«, echoe ich ungläubig.

Lissy und ich starren uns einige Sekunden lang wortlos an, bevor wir gleichzeitig losprusten. Tessas Blick zappt ein paarmal verärgert zwischen uns hin und her, bevor auch sie gluckst und schließlich in unser fröhliches Gelächter mit einstimmt.

Als wir uns wieder beruhigt haben, fülle ich unsere Gläser auf. Wir prosten uns zu und trinken.

»Okay, im Ernst, Molly«, nimmt Tessa dann den Faden wieder auf. »Halte ihn bloß nicht zu lange hin, sonst bist du ihn eines Tages los. Und eines kann ich dir garantieren: So eine Gelegenheit bekommst du nie wieder, Männer wie Philip sind extrem selten. Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche, ich bin schon lange genug auf der Suche.«

»Ich weiß, Tessa, und ich werde es mir für seinen nächsten Antrag merken.« Ich fühle, dass mich ihre Warnungen zunehmend nervös machen, daher wechsle ich lieber das Thema: »So, ihr zwei, wollen wir uns mal ein paar Gedanken über den neuesten Vorschlag aus unserer Marketingabteilung machen?«

»Ach nö, Molly, müssen wir heute wirklich noch schuften?«, beschwert Tessa sich sofort.

Lissy wirft ihr einen strengen Blick zu. »Jetzt hör aber auf, Tessa, es gibt härtere Arbeiten als am Pool zu sitzen und ein Marketingkonzept zu diskutieren. Molly könnte uns genauso gut in der Firma schmoren lassen, schon vergessen?«

Ich schenke ihr einen dankbaren Blick. Lissy ist wirklich eine Perle. Wir haben sie als Assistentin der Rechtsabteilung eingestellt, wobei sie keine festen Arbeitszeiten hat, damit sie nebenbei ihr Jurastudium vorantreiben kann, und sie beweist mir immer wieder ihre Dankbarkeit dafür, indem sie sich mit Feuereifer an ihre Aufgaben macht, ohne auch nur ansatzweise zu murren.

Bei Tessa dagegen liegt die Sache ein wenig anders. Sie wurde als Chefeinkäuferin für Mode engagiert – und auf diesem Gebiet ist sie absolute Spitze. Was allerdings ihren Einsatz und ihre Dankbarkeit angeht, ist sie so ziemlich genau das diametrale Gegenstück zu Lissy. Aber nicht, dass mich das wundern würde.

»Also schön, von mir aus«, meint Tessa mit einem Seufzer, als trüge sie eine tonnenschwere Last auf ihren Schultern. »Nun spuck’s schon aus, welchen Geniestreich haben die Kreativheinis sich diesmal ausgedacht?«

Ich angle nach meiner Aktentasche und ziehe ein paar bunte Papierbögen hervor, dann hole ich zu einer Erläuterung aus: »Wie ihr gleich sehen werdet, geht es bei dem Konzept hauptsächlich darum, unsere Kunden davon zu überzeugen, dass auch sie Gewinner sind …«

»Wenn ich das schon höre: In jedem steckt ein Gewinner!«, stöhnt Tessa demonstrativ auf. »Kennt ihr den Spruch, dass in jedem Dicken auch ein Dünner steckt? Das kommt mir so ähnlich vor.«

»Aber Tessa, es ist doch wirklich so«, sagt Lissy streng. »Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man an sich selbst glaubt, nicht wahr, Molly?«

»Genau«, nicke ich zufrieden. »Und weil du gerade das Thema Schlanksein angesprochen hast, Tessa, das ist sogar ein gutes Beispiel: Seit wir unsere Cafeterias auf ein höherwertiges Speisenangebot umgestellt haben, erzielen unsere Ernährungsberater bei ihren Kunden sensationelle Erfolge in Sachen Gewichtsoptimierung. Wieder ein Beweis dafür, dass man den Menschen oft nur den richtigen Weg weisen muss.«

Es stimmt wirklich. Unsere neue Produktlinie ist ein Renner, weil unsere Kunden jetzt erkannt haben, dass ein frischer Gartensalat mit einer raffinierten Balsamico-Vinaigrette genauso lecker wie ein Tausend-Kalorien-Tiramisu sein kann, und ein kristallklares, tibetanisches Mineralwasser mindestens ebenso belebend wie ein Cappuccino mit all seinen Schadstoffen.

Tessa mustert mich völlig unbeeindruckt. »Ach ja? Und was ziehst du dir immer rein, wenn wir uns in der Cafeteria treffen?«

»Ich?« Was hat das denn mit mir zu tun? Ich fühle, wie meine Wangen ein bisschen heiß werden.

»Das tut jetzt nichts zur Sache, Tessa«, sage ich schroff. »Was ich meinte, ist, dass wir bei Winners only den Menschen zu einem völlig neuen Leben verhelfen können, und zwar mittlerweile in fast allen Bereichen.«

Auch das stimmt. Das Konzept von Winners only ist schlicht der Hammer. Wir zeigen unseren Kunden nicht nur, wie sie mehr aus ihrem Typ machen können, sondern bieten praktischerweise sämtliche Produkte, die sie dazu benötigen, in unseren Filialen an. Dadurch können wir sie direkt und in höchst professioneller Weise ausstatten.

»Wobei die Kleidung definitiv der wichtigste Bereich ist«, übernimmt Tessa das Wort. »Ihr würdet gar nicht glauben, mit was für Klamotten manche Leute herumlaufen. Vorgestern kam eine in unsere Boutique, die hatte ausnahmslos H&M-Ware an, und die Marke ihrer Schuhe kannte ich nicht einmal.« Sie schüttelt fassungslos den Kopf.

»Äh … ja, wirklich? Kaum zu glauben«, sage ich lahm, bevor ich meinen Vortrag weiterführe: »Aber – und da bin ich übrigens einer Meinung mit der Marketingabteilung! – mindestens ebenso wichtig sind körperliches Wohlbefinden, Fitness, kommunikative Fähigkeiten und vor allem das Selbstbewusstsein unserer Kunden …«

»… das ohnehin steigt, sobald jemand Versace oder Armani trägt«, bleibt Tessa stur auf ihrer Linie.

»Das mag ja sein, aber es genügt nicht, die Leute einfach nur chic auszustaffieren, wir müssen in ihnen vielmehr die Überzeugung schaffen, dass sie tatsächlich Gewinner sind.«

»Aber was bleibt dann für Winners only übrig?« Diesmal ist es Lissy, die skeptisch die Augenbrauen hebt. »Wenn unsere Kunden glauben, dass sie ohnehin Gewinner sind – wozu brauchen sie uns noch?«

»Ein guter Einwand, Lissy«, nicke ich, »aber das wurde natürlich schon bedacht. Also der Trick ist folgender: Die Marketingabteilung hat basierend auf den neuesten Erkenntnissen der Marktforschung ein Befragungskonzept ausgearbeitet, das ich euch hiermit präsentieren möchte …« Ich halte das betreffende Blatt hoch, damit sie es sehen können. »Traraa … Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen heute erstmalig und weltexklusiv das Winners L.I.F.E.-Konzept«, rufe ich aus und mache dazu eine Geste wie ein Politiker, der gerade einen neuen Kindergarten einweiht.

»Das was?«, kommt es zögerlich von den beiden zurück.

»Das Winners L.I.F.E.-Konzept«, wiederhole ich betont langsam. »L.I.F.E. steht dabei als Abkürzung für die vier wichtigsten Ziele, die ein Winners-only-Kunde mithilfe unseres umfassenden Angebotes erreichen kann: L steht für Look, und damit ist das gesamte Outfit gemeint, sprich Frisur, Kleidung, Hautpflege, Make-up, Schuhe und so weiter.« Ich lege eine kleine Kunstpause ein, während der ich einen Schluck von meinem Daiquiri nehme. Dann fahre ich fort: »I steht für Interaktion, und gemeint ist damit die Fähigkeit, mit der Umwelt zu kommunizieren, da geht es also um Rhetorik, Mimik, Körpersprache, was wir eben so im Programm haben …«

»Und wieso nennen sie es nicht gleich Kommunikation?«, unterbricht Lissy mich.

»Warum wohl?« Tessa kräuselt abfällig die Lippen. »Weil sie dann aus den Anfangsbuchstaben nicht den Wahnsinnsslogan L.I.F.E. hätten basteln können, darum.«

»Nun, möglicherweise war das einer der Gründe«, räume ich ein. »Aber abgesehen davon deckt der Begriff Interaktion ein wesentlich breiteres Spektrum ab, wie wir finden.« Ich räuspere mich, bevor ich weitermache. »Ja, und F steht für Fitness, eine der ganz großen Stärken von Winners only, wie ihr wisst … So, und jetzt ratet mal, wofür das E steht!« Ich sehe sie erwartungsvoll an.

»Wie wär’s mit ›Erschießt mich‹?« Tessa schlürft betont gelangweilt an ihrem Daiquiri.

»Emotionen!« Lissy gibt sich wenigstens Mühe.

»Knapp daneben, Lissy.« Ich schüttle lächelnd den Kopf. »Also, das E steht für Erfolg, denn darum geht es bei Winners only doch eigentlich, nicht wahr? Zusammenfassend kann man also sagen: Winners only bietet seinen Kunden die Möglichkeit, sich bezüglich ihres Looks, ihrer interaktiven Fähigkeiten und ihrer Fitness auf ein derart hohes Level zu bringen, dass sich der Erfolg ganz automatisch einstellt – womit sie zu Gewinnern werden! Na, wie findet ihr das?« Ich warte gespannt auf ihre Reaktionen.

»Also, ich finde es gut«, kommt es spontan von Lissy. »Einprägsam, griffig, und noch dazu perfekt auf die Angebotspalette von Winners only abgestimmt. Es ist perfekt!«

»Ja, findest du?«, sage ich freudig erregt. Ich bin nämlich derselben Meinung. Mit diesem neuen Slogan werden wir sicher wieder einen gewaltigen Schritt nach vorne machen. »Und du, Tessa, was hältst du davon?«

»Ich? Mal nachdenken …« Tessa fasst sich an den Kopf, als überlegte sie, aber ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass sie sich längst ein Urteil gebildet hat. »Es ist großartig«, sagt sie dann.

»Echt?«, frage ich überrascht. Ehrlich gesagt hätte ich eher erwartet, dass sie wie üblich einen dummen Witz reißt. »Du findest es wirklich gut?«

»Ja, bis auf die unbedeutende Tatsache, dass die Werbefritzen den entscheidenden Punkt übersehen haben«, ergänzt sie auf einmal.

»Den entscheidenden Punkt? Und der wäre?«

»Ich bitte dich, Molly, das ist doch offensichtlich: Sex!«

»Sex?« Lissy und ich sagen es wie aus einem Mund.

»Aber Winners only hat überhaupt nichts mit Sex zu tun«, wende ich ein.

»Ach ja, meinst du? Dann denk doch mal nach, Molly: Erfolgreiche Männer, was haben die, abgesehen von ihren Sportwagen, Villen und Jachten?«

»Ja, also … hübsche Frauen?«, antworte ich nach kurzem Nachdenken.

»Genau«, nickt sie. »Sexy Frauen, um genau zu sein, also geht es ihnen um Sex.«

»Vielleicht brauchen sie die nur zum Angeben«, wirft Lissy ein.

»Und warum ist Viagra dann so ein Renner?«, hält Tessa mit unerbittlicher Logik dagegen.

»Okay, das ist ein Argument«, murmle ich.

»Siehst du?« Tessa nickt bedeutsam. »Und überlegt mal: Wieso ist Prostitution seit Urzeiten ein Riesengeschäft?«, legt sie nach. »Ihr könnt es drehen und wenden, wie ihr wollt, aber meiner Meinung nach läuft es immer wieder aufs selbe hinaus: Männer wollen Sex. Bleibt nur die Frage, wie sie dazu kommen, und bekanntlich sind Macht und Geld noch immer die besten Voraussetzungen dafür.«

Lissy und ich lassen uns ihre Worte ein paar Sekunden lang schweigend durch den Kopf gehen.

»Und die Frauen?«, fällt mir ein. »Fünfundvierzig Prozent unserer Kunden sind Frauen, und für die ist Sex nicht so wichtig.«

Kaum habe ich das ausgesprochen, nimmt Tessa mich ins Visier.

»Ach ja, dann bedeutet dir Sex also nicht viel?«, fragt sie mit schmalen Augen.

Okay, langsam nimmt das Gespräch eine Wendung, die ich so nicht eingeplant hatte.

»Doch, doch, Sex bedeutet mir natürlich viel, sehr viel sogar …«, stelle ich eilig klar. »Ich meinte damit nur, dass es nicht das Wichtigste in einer Beziehung ist …«

»So, findest du?«, meint Tessa wenig überzeugt. »Und, Lissy, wie sieht das bei dir aus?«, lässt sie mich Gott sei Dank vom Haken.

Lissy läuft sofort rot an, und ihr Blick beginnt verdächtig zwischen Tessa und Manfred, dem Nachbarssohn, der gerade auf einem Hometrainer im Garten radelt und zwischendurch fröhlich zu uns herüberwinkt, hin und her zu tanzen, während sie nach einer Antwort sucht. Manfred ist Fitnesstrainer, und seit einem Jahr haben er und Lissy eine nicht ganz offizielle Affäre, bei der es hauptsächlich um … ja genau, darum geht – was ich übrigens immer noch nicht ganz begreife.

»Danke für die Auskunft«, nimmt Tessa ihre Antwort gleich vorweg, während sie Lissys Blick folgt. »Junge, Junge, Manfred sieht heute ganz schön heiß aus in seinen engen Shorts, was meint ihr? Also, da ich ausnahmsweise kein Geheimnis daraus mache, dass Sex mir wichtig ist, halten wir also fest, dass Sex für beide Geschlechter ein zentrales Thema ist, und daher bin ich der Meinung, dass dieser Punkt in eurem Megamarketingkonzept ganz einfach fehlt.« Sie nickt mit gewichtiger Miene, als hätte sie gerade eine bahnbrechende Rede über nukleare Abrüstung oder etwas in der Art gehalten. Dann schiebt sie sich ein paar Erdnüsse in den Mund, spült mit einem Schluck Daiquiri nach und lässt schließlich ihren Kopf träge auf die Liege zurückgleiten.

Ich lasse mir ihre Argumente durch den Kopf gehen. Sie hat natürlich nicht ganz unrecht.

»Okay, Tessa, aber wir können das doch schlecht in unsere Werbeslogans übernehmen«, gebe ich schließlich zu bedenken.

»Natürlich nicht so direkt.« Sie sieht wieder hoch zu mir. »Aber wofür haben wir denn unsere Kreativgenies? Die sollen sich gefälligst was einfallen lassen.«

»Okay, du hast recht. Die Marketingleute sollen das noch einmal überarbeiten, vielleicht können sie das Thema irgendwie unterschwellig einbauen.«

Tessa stößt auf einmal ein albernes Kichern aus.

»Was ist?«, frage ich.

»Du hast gerade unterschwellig gesagt«, grinst sie.

Das Läuten eines Handys unterbricht uns. Es ist meines, das durch den Vibrationsalarm auf dem Tisch zu tanzen beginnt.

Ich nehme es und sehe, dass Fiona dran ist. Fiona ist neuerdings Kundenbetreuerin – das ist der Job, den ich vor meiner Beförderung bei Winners only innehatte – und zugleich meine persönliche Assistentin.

»Hallo, Fiona«, melde ich mich.

»Hi, Molly. Tut mir leid, dass ich stören muss«, beginnt sie.

Und gleich der nächste Vorteil, wenn man der Boss ist: Früher setzte es meistens eine Standpauke von meiner Ex-Grusel-Chefin Clarissa, wenn ich von der Firma angerufen wurde, und jetzt kommt als Auftakt eine freundliche Entschuldigung für die Störung.

»Kein Problem, Fiona«, sage ich. »Wir sind hier gerade bei der Arbeit, ich gehe mit Lissy und Tessa das neue Marketingkonzept durch.«

»Ach so, ich dachte, du hättest schon Feierabend gemacht.« Feierabend? Wie kommt sie denn darauf?

»Also, weshalb ich anrufe … Dr. Lessing hat schon wieder angerufen, er will dringend mit dir reden.«

Dr. Lessing? Ah, ich weiß schon, da geht es sicher um den bevorstehenden Börsengang. Dr. Lessing ist der Chef einer Wirtschaftstreuhandfirma, der Philip seit seiner Übernahme von Winners only sämtliche Finanz- und Steuerangelegenheiten des Unternehmens übertragen hat. Bisher hatte ich mit Dr. Lessing nicht viel zu schaffen, wir haben einfach nur etwaige Veränderungen bekannt gegeben, und unsere Buchhaltung hat die Belege an seine Firma weitergeleitet, aber in letzter Zeit hat er mehrere Male wegen eines persönlichen Treffens angefragt.

»Okay, Fiona, sag ihm, dass ich ihn morgen anrufe, und trag eine entsprechende Notiz in meinen Terminplaner ein«, gebe ich in geschäftsmäßigem Tonfall meine Anweisungen, und gleichzeitig durchläuft meinen Körper ein angenehmes Kribbeln. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich jetzt der Boss bin und Dinge wie »Sag ihm, dass ich ihn morgen anrufe …« zu meiner persönlichen Assistentin sagen kann. »Sonst noch was?«, erkundige ich mich.

»Äh, ja, ein Herr Hofstätter wollte dich erreichen. Er sagt, ihr seid gut bekannt. Ist das wahr?«

Hofstätter? Nanu, das kommt unerwartet.

»Klar, den kenne ich gut«, antworte ich. »Das ist sozusagen mein Lieblingsbanker, und ich bin im Gegenzug so etwas wie seine Lieblingskundin.«

Das war allerdings nicht immer so. Hofstätter ist Filialleiter meiner Hausbank, und es gab da zwischenzeitlich ein paar … wie soll ich sagen … Missverständnisse, bevor sich meine finanzielle Situation von einem Tag auf den anderen grundlegend verändert hat (Okay, ich geb’s zu, der Lottosechser hat mein Leben doch gewaltig verbessert). Eines der Missverständnisse bestand zum Beispiel darin, dass Tessa ihn mit Superkleber an seiner eigenen Hose festgeklebt hat, und ich muss spontan grinsen, als mir die Szene wieder einfällt. Tessa und Lissy haben inzwischen mitbekommen, um wen es sich handelt. Lissy formt mit den Lippen lautlos ›Hofstätter?‹, und ich nicke, während Tessa feixend so tut, als würde sie ihre Hände nicht mehr von den Beinen loskriegen.

»Okay, Fiona, für ihn gilt dasselbe: Sag ihm, dass ich ihn morgen anrufe.«

Wobei ich eigentlich schon neugierig bin, was Hofstätter von mir will. Finanzielle Probleme scheiden diesmal ja wohl aus, also will er mir wahrscheinlich ein neues Anlageprodukt vorschlagen, und ich bin mir nicht ganz sicher, aber irgendwie bin ich den Eindruck nie ganz losgeworden, dass Hofstätter ein bisschen in mich verknallt ist.

»Okay, ich vermerke das für morgen«, bestätigt Fiona. »Und dann gab es noch einen Anruf von einem Ausländer, er scheint Spanier zu sein …«