Zurück zum Leben – mit Corona -  - E-Book

Zurück zum Leben – mit Corona E-Book

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Beschreibung

Pandemien sind nichts Neues. Die medizinische Historien-Literatur ist voll davon. So war die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit. Als sich das SARS-CoV-2-Virus aber ausbreitete, schien die Welt gänzlich unvorbereitet. Deutschland kam glimpflich davon. Aus der Gefahr des zunächst unbekannten Virus ist mittlerweile nurmehr ein Risiko geworden, das neben anderen Risiken steht. Es ist also Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen und aufzuzeigen, wie sich zu einer neuen Normalität zurückfinden ließe. Mit Beiträgen von Michael Hüther, Paul Kirchhof, Armin Laschet, Claudia Nemat, Hendrik Streeck und Christiane Woopen.

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Michael Rutz (Hg.)

Zurück zum Leben – mit Corona

Sechs Kapitel Hoffnung

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2020

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlagkonzeption: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © Sasapin Kanka / shutterstock

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern

ISBN Print: 978-3-451-03314-8

ISBN E-Book: 978-3-451-82259-9

E-Book-PDF: 978-3-451-82232-2

Inhalt

Michael RutzGottvertrauen als Rezept Ein Vorwort

Armin Laschet Mit Tatkraft und Zuversicht Über Regieren in Krisenzeiten

Paul Kirchhof Freiheit und Sicherheit als Balance-Akt Welche Freiheits-Elemente sind unverzichtbar?

Hendrik Streeck Das Leben ermöglichen Pragmatische Lösungen gesucht

Christiane Woopen In Freiheit atmen könnenZur Ethik einer »neuen Normalität«

Michael Hüther Vertrauen trotz Kontrollverlust Zuversicht in die freiheitliche Ordnung

Claudia Nemat Technologie für eine lebenswerte Zukunft Was können wir aus der aktuellen Krise lernen?

Die Autorinnen und Autoren

Michael RutzGottvertrauen als Rezept Ein Vorwort

Im Jahr 2019, also im Jahr vor Ausbruch der Corona-Pandemie, erschien in England ein Buch des kanadischen Psychologieprofessors Steven Taylor. Sein Titel: »The Psychology of Pandemics –Preparing for the Next Global Outbreak of Infectious Disease«, als deutsche Ausgabe: »Die Pandemie als psychologische Herausforderung – Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement.« Es liest sich heute wie ein Drehbuch für das, was wir (fast) hinter uns haben. Denn ausführlich erläutert Taylor die modernen Methoden, mit Pandemien umzugehen. Er untersucht die psychologischen Reaktionen, die sie auslösen: Emotionen, Angst, Verschwörungstheorien. Er analysiert sozialpsychologische Faktoren und gibt klare Anweisungen zur Krisenkommunikation – und auch zur Frage, wie man die Impfbereitschaft steigert.

Hätten alle Corona-Krisenmanager das Buch rechtzeitig gelesen – viel Unsicherheit wäre uns erspart geblieben. Und dennoch: Wir sind noch einmal davongekommen. Ist es nicht faszinierend zu beobachten, zu welcher Durchschlagskraft die internationale Forschung imstande ist, wenn sie gemeinsam agiert? War es nicht beeindruckend, mit welcher Stringenz viele Politiker in Deutschland und anderswo ihre Bürger mit Vorsicht durch die Krise geführt haben und führen, obwohl sie doch selbst über Monate in einem Umfeld unvollkommener Informationen entscheiden mussten? Ja, und es war auch beruhigend, Politiker zu haben, die zwar auch entschiedene Maßnahmen der Vorsicht trafen, zugleich aber die Weitsicht aufwiesen, den schwarzdunklen Wolken an den ökonomischen, den kulturellen oder gesellschaftlichen Horizonten frühzeitig mit geschickten Konzepten entgegenzudenken. Ministerpräsident Armin Laschet legt vom Regieren in schwierigen Zeiten in diesem Buch Zeugnis ab.

Schritt für Schritt normalisiert sich unsere Gesellschaft deshalb wieder. »Zurück zum Leben – mit Corona«, so haben wir die Vortragsreihe der DomGedanken 2020 in Münster (wie seit Jahren generös und gesellschaftsengagiert gefördert von Evonik Industries und wunderbar begleitet von Dompropst Kurt Schulte, Dompfarrer Hans-Bernd Köppen und den Dom-­Musikern Alexander Lauer und Thomas Schmitz) überschrieben und haben sie zu »Abenden der Hoffnung« ausgerufen, mit fünf Rednerinnen und Rednern im ehrwürdigen Dom: Claudia Nemat, Christiane Woopen, Michael Hüther, Armin Laschetund Hendrik Streeck. Zu dieser Hoffnung besteht Anlass, denn jede Pandemie geht wieder vorüber, sie läuft aus, sie findet ihre Gegner in Impfstoffen und Medikamenten, in Herdenimmunität.

Die Opfer freilich, die am Rand der Verwüstungsschneisen liegen, sind Legion: Hunderttausende von Toten, dauerhaft Kranke; aber eben auch und vor allem Millionen von Menschen, die nach den vom Corona-Virus ausgelösten wirtschaftlichen Erschütterungen nun Arbeitsplatz und Einkommen verloren haben, sei es in der Wirtschaft oder in den Einrichtungen unserer Kultur. Ihnen droht sozialer Absturz, der auch die Erfolge bisheriger Vermögenspolitik zu Asche werden lässt. Diesen hohen ökonomischen und sozialen Preis bezahlen wir, weil das Individuum in der modernen Gesellschaft zu solch ungeheurer Bedeutung aufgewachsen ist und seiner Gesundheit alles untergeordnet wird.

Die Krise kannte auch Gewinner: Die Unternehmen der Gesundheitsbranche (nur nicht die entleerten Krankenhäuser) boomen seither ebenso wie alles, was mit Informationstechnologie zu tun hat. Rasch hat sich die Börse erholt, dort werden Hoffnungen gehandelt von denen, die über das notwendige Kapital verfügen. Auch war sie ein Weckruf für die Digitalisierung im Land, die so unverantwortlich lange vernachlässigt worden war. Die Bundesbildungsministerin würde wohl wünschen, ihr wäre seinerzeit der Satz im Halse stecken geblieben, man brauche die Glasfaser doch »nicht an jeder Milchkanne«. Nun wissen wir: Wir brauchen sie überall, auch auf dem flachen Land, damit Kommunikation funktioniert, unternehmensrettendes Homeoffice gelebt und digitaler Unterricht erteilt werden kann. Claudia Nemat beschreibt das in ihrem Beitrag. Genau dort, auf dem Land, steigen jetzt Grundstücks- und Immobilienpreise, war der Lockdown doch im Grünen leichter zu ertragen als in den Etagenwohnungen der Innenstädte.

War er notwendig? Wenn man sieht, wie drastisch etwa in China das Volk eingesperrt, beobachtet und beschränkt wurde, haben wir in Deutschland eine zwar sorgsame, aber eher liberale Linie erlebt. Die Einschränkungen grundgesetzlicher Freiheiten, die unser Lebensmodell konstitutiv ausmachen, müssen uns erhebliche Skrupel bereiten. Begründungspflichtig ist nicht der Bürger für seinen Willen, Freiheiten zu bewahren – sondern der Staat, der sie ihm nehmen will und in einer Pandemie auch muss. Denn es geht – Paul Kirchhof legt das in diesem Buch glänzend dar – um Freiheitsbegrenzungen zugunsten der Freiheit des Nächsten, es geht um die eigentlich normale Rücksichtnahme in einer Gesellschaft, in der man miteinander auskommen muss. Wenn das Ignorieren staatlicher Maßnahmen zum »Akt des Widerstandes« hochstilisiert wird, ist das nicht nur dumm, sondern gefährlich. Wenn staatliche Vorsichtsmaßnahmen zu dem erwünschten Ergebnis niedriger Infektionszahlen führen, erweist das deren Richtigkeit und falsifiziert sie nicht – aber von diesem »Präventionsparadox« wollen viele Demonstranten nichts wissen.

Manche von ihnen versteigen sich in Verschwörungstheorien. Aber: Nein, Frau Merkel will nicht zusammen mit Bill Gates die Weltherrschaft übernehmen; auch handelt es sich nicht um den biologischen Krieg einer zionistischen Terrororganisation gegen ausgesuchte Länder, um davon anschließend an der Börse zu profitieren. Es handelt sich vielmehr um eine vom Tier auf Menschen übergesprungene, sich weltweit rasch verbreitende Viruskrankheit, eine Pandemie eben: nicht die erste – und leider wohl auch nicht die letzte.

Die Mehrheit der Deutschen hat die Corona-Zeit in Solidarität zur Politik durchgestanden. 78 Prozent bewerten die Arbeit der Regierung als »sehr gut«. Das ist ungewöhnlich hoch, und diese Zustimmung zeigen auch die Manager der deutschen Wirtschaft. Alle stufen den Kampf gegen Corona unverändert als dringlich ein. Gefragt, welche politischen Ziele sie für besonders dringlich hielten, antworteten die Bürger noch zu Beginn des Herbstes 2020 in dieser Reihenfolge: Die Ausbreitung des Corona-Virus bekämpfen; für ausreichend Pflegekräfte sorgen. Erst auf den Folgeplätzen landen: Sicherheit, Bekämpfung der Kriminalität; verlässlicher Schulunterricht und Kinderbetreuung; wirtschaftlicher Wiederaufbau.

Nur vergleichsweise geringe 16 Prozent der Menschen machen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz – was vielleicht deshalb nicht verwundern muss, da weit mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten im Land direkt oder indirekt von Staatsmitteln leben – als Rentner oder Pensionisten, als Mitarbeiter im Bildungs- oder Gesundheitswesen oder sonst wo im öffentlichen Dienst. Sie gehen von der Illusion aus, ihr Einkommen sei auch dann sicher, wenn dem Staat die Steuereinnahmen wegbrechen. Zwei Drittel meinen deshalb, man müsse bei den Corona-Lockerungen »möglichst vorsichtig« vorgehen, 59 Prozent wollen »die Reisebeschränkungen aufrechterhalten«, 73 Prozent »an der Maskenpflicht festhalten«.

Alle diese Zahlen stammen aus einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach. Ganz erstaunlich zeigt sich darin, dass zwar 54 Prozent der Gesamtbevölkerung der CDU/CSU »am ehesten zutrauen, Deutschland gut durch schwere Krisen wie die derzeitige Corona-Krise zu führen« – aber nur 9 Prozent der SPD und gar nur 5 Prozent den Grünen, obwohl sich das im Wahlverhalten so nicht widerspiegelt.

»Zurück zum Leben – mit Corona«, das kann funktionieren, wenn alle die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen einhalten. Nun haben wir Hygiene ja gelernt, von Grund auf, jedes Kindergartenkind weiß, wie und wie lange man die Hände wäscht und warum Masken sinnvoll sein können. Es besteht auch aller Anlass, angstfrei zu sein. Ängste, schrieb der Hamburger Psychiater Schulte-Markwort, dürfe man zwar nicht bagatellisieren, man dürfe sie aber »auch nicht zusätzlich bedienen«. Genau das aber haben wir nun lange genug erlebt. Uns wurden Sterblichkeitsquoten vorgerechnet, die die hohen Dunkelziffern nicht berücksichtigten; täglich werden Infektionszahlen gemeldet, ohne sie in Beziehung zu setzen zur Anzahl der Tests, zum Lebensalter der Getesteten oder zur Schwere der Symptome und dem Hospitalisierungsgrad. Hendrik Streeck, einer der besten Virologen Deutschlands, erläutert dieses angstfreie Leben trotz der Existenz des Corona-Virus in diesem Buch. Wer ihm zuhört, der weiß die virologische Gefahr neben alle anderen Gefahren des Lebens einzuordnen, die wir ja auch bisher schon ohne Hysterie in unser Leben eingebunden haben.

Was bleibt? Halten unsere politischen Strukturen, überlebt unser friedenssichernder Multilateralismus? Oder stärkt das Virus, gegen das viele europäische Staaten ihre Grenzschranken niederließen, den Nationalismus, wie der spanische Schriftsteller Javier Cercas das im März 2020 prognostiziert hat, denn »tiefe Krisen erzeugen Angst, und der Nationalismus präsentiert sich als Gegengift, indem er angesichts allgemeiner Unsicherheit den Schutz der durch Blutsbande geeinten Gemeinschaft anbietet«. Auch die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk konstatierte »traurige Wahrheiten: dass im Augenblick der Gefahr das Denken in abschließenden und ausgrenzenden Kategorien zurückkehrt, in den Kategorien von Völkern und Grenzen. In diesem schwierigen Augenblick zeigte sich, wie schwach die Idee einer europäischen Gemeinschaft in der Praxis ist, die EU hat im Grunde kapituliert …«. Oder geschieht das genaue Gegenteil, weil die Menschen nun doch erkannt haben, dass es für das Virus keine Grenzen gibt und die Arznei dagegen nur das Ergebnis weltweiter, gemeinsamer, übernationaler wissenschaftlicher Anstrengungen sein kann?

Und was wird aus unserer menschlichen Hybris? Nicht ohne freudige Anteilnahme notiert Olga Tokarczuk: »Vor unseren Augen verfliegt, verraucht ein Paradigma der Zivilisation, das uns über die letzten 200 Jahre geformt hat, es lautete: ›Wir sind die Herren der Schöpfung, wir können alles, die Welt gehört uns.‹ Jetzt kommen neue Zeiten!« Kommt also ein neues Paradigma? Ändern wir unser Leben? Nehmen wir Positives mit in unsere Zukunft, ein im Geistigen wie im Materiellen besonneneres Leben vielleicht? Christiane Woopen hat sich dazu als Ethikerin kluge Gedanken gemacht, die dieses Buch (freundlich lektoriert von Miriam Eisleb vom Herder-Verlag) bereichern. Sie handeln von einer neuen Beziehung zur Natur, auch von einem reformierten, klugen und nachhaltigen Wirtschaften. Das aber, so fordert es der Ökonom Michael Hütherin seinem Beitrag, müsse in ordnungspolitischer Klarheit geschehen, an der es leider zu oft mangele. Wer gerechte Nachhaltigkeit wolle, müsse die Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft wieder freilegen.

Was nehmen wir noch mit? Die Listen, die die Medien dazu geführt haben in den letzten Monaten, sind lang: Glasfaser überall; Schutzausrüstung für medizinisches Personal; lokale und regionale Produktions- und Handelsstrukturen stärken (wussten Sie, dass nur 38 Prozent unseres Gemüseverbrauchs von deutschen Feldern stammen und nur 13 Prozent des Obstes?); mehr sparen zwecks Vorsorge; in Langfristiges investieren; den Wert des Einfachen entdecken; öfter mal selber kochen; auf Familie besinnen; Entschleunigung genießen; Mitmenschen wahrnehmen; mehr Bewegung, mehr Sport; die wirklich wichtigen Berufe erkennen; ein neuer Generationenvertrag; die Natur wieder schätzen lernen. Suchen Sie sich etwas heraus!

Klaus von Dohnanyi, der große, weise alte Mann einer untergegangenen deutschen großbürgerlichen Sozialdemokratie, hat in einem Zeitungsinterview während der ersten Tage des »Lockdowns« über die Pandemie – eine menschenverursachte Zoonose – nachgedacht. »Von dem Unsinn, dass Gefahren in erster Linie aus Russland oder China drohen, müssen wir uns lösen. Die größte Gefahr sind wir uns offenbar selbst. Nicht die Nato brauchen wir, sondern einen umfassenden Zivil- und Umweltschutz. So umzudenken erfordert politischen Mut und dieser ist die Herausforderung der Stunde.« Und dann fügte er an: »Das Wichtigste ist nun unsere innere Stärke. Wir brauchen Optimismus, früher hätte man gesagt: Gottvertrauen.«

Zwar hat der Bonner Soziologe Rudolf Stichweh diagnostiziert, das »System Religion« sei »der eigentliche Verlierer der Corona-Krise«, denn religiöse Deutungsvarianten des Krisengeschehens seien weder verfügbar noch relevant gewesen, der »Kult der Individualität« sei zu einer »Quasi-Religiosität« aufgewachsen, »gegen die traditionelle, transzendenzorientierte Religiosität schwer zu kämpfen imstande ist.« Tatsächlich waren die Glaubensgemeinschaften lange merkwürdig still, nachdem das Prinzip Gemeinde nicht mehr funktionierte. Den wahrhaft Gläubigen irritiert das zwar, es bringt ihn aber nicht vom Wege ab. Und so bleibt Dohnanyis »Gottvertrauen« ein stabilisierender, schöner Gedanke – aktuell wie seit 2000 Jahren.

Armin Laschet Mit Tatkraft und Zuversicht Über Regieren in Krisenzeiten

Als ich vor vier Jahren schon einmal in diesem Dom sprechen durfte – es ging bei den DomGedanken um das wichtige Thema »Europa« –, war er bis auf den letzten Platz gefüllt, alle saßen dicht an dicht. Heute Abend ist diese Nähe nicht möglich. Unsere Lebensumstände haben sich maßgeblich verändert. Seit einem halben Jahr bestimmen die Corona-Pandemie und ihre Bekämpfung unseren Alltag. Das öffentliche Leben war zwischenzeitlich fast vollständig zum Erliegen gekommen. Auch mein persönlicher Alltag, wie der Alltag von Ihnen allen, wurde von einem Tag auf den anderen umgestürzt. Umso mehr freue ich mich, dass wir unter den strengen Bedingungen, die Corona uns setzt, heute wieder – nach vielen Monaten – in dieser Form zusammenkommen können. Es ist auch für mich eine der ersten größeren öffentlichen Veranstaltungen.

Der Untertitel der diesjährigen DomGedanken lautet: »Fünf Abende der Hoffnung.« Das ist gut gewählt, denn ich wünsche mir, dass der heutige Abend für uns alle ein Abend der Hoffnung und Zuversicht wird. Wer sich in diesem Dom aufhält, der denkt daran, dass dieser 750 Jahre alt ist, er ist ein steinernes Monument von Standhaftigkeit und auch Zeitzeugenschaft. Er hat Friedenszeiten und Kriege erlebt, er war Ort von Freudenfesten und tiefen Hilferufen. Er stand auch schon hier, als die Pandemien des Mittelalters – etwa die Pest – über Europa und die Welt hinwegzogen und Millionen Menschen das Leben kosteten. Und in all diesen Zeiten haben die Münsteraner diesen Ort als einen Ort der Gemeinschaft und des Zusammenhalts erlebt und ihn dazu gemacht.

Selbstbestimmung statt Anordnung

Die letzten Monate haben uns und übrigens auch den Religionen einiges zugemutet. Seit 70 Jahren war es das erste Mal, dass wir in Deutschland die Grundrechte so fundamental einschränken mussten wegen des Gesundheitsschutzes, vor allem die Versammlungsfreiheit – es traf Bars, Kinos, Theater, Schulen, Kirchen. Weil hier aber zugleich das fundamentale Recht auf freie Glaubensausübung tangiert gewesen ist, haben wir für Nordrhein-Westfalen einen anderen Weg gefunden als durch staatliche Vorgaben: Die Religionen, die Kirchen haben selbst entschieden, vorübergehend die Präsenzgottesdienste einzuschränken. Wir als Staat haben das dann als Information entgegengenommen.

Nun wird man sagen: Das kommt ja auf dasselbe hinaus. So ist es aber nicht. Zwischen dem Gefühl, durch staatliche Vorschrift Kirchen, Synagogen und Moscheen zu schließen, und dem Weg kirchlicher Selbstbestimmung und -beschränkung als freiwilligem Verzicht liegen Welten. Es ist den Kirchen wohl auch leichter gefallen durch das Vorbild des Heiligen Vaters. Unvergesslich wird das Bild bleiben, als Papst Franziskus in diesem Jahr auf dem leeren Petersplatz völlig alleine das Osterfest gefeiert hat. Das hat es wahrscheinlich in zweitausend Jahren Kirchengeschichte noch nie gegeben: Selbst in Kriegen hat man sich versammelt. In diesem Jahr war das nicht möglich, das christliche Osterfest als Gemeinschaftserlebnis fiel aus.

Ich bin froh, dass die anderen Religionsgemeinschaften dem gefolgt sind. Die jüdischen Gemeinden, die parallel das Pessach-Fest hatten, verzichteten von sich aus. Auch die muslimischen Gemeinden, die einige Wochen später den Ramadan gefeiert haben, nahmen sich ein Beispiel an dem, was rund um Ostern geschehen ist, und strichen die abendliche Begegnung, das Iftar-Fastenbrechen. Dass die Glaubensgemeinschaften selbst als Akteure gesagt haben: »Wir leisten auch unseren Beitrag zum Schutz des Lebens, wir kommen anders zusammen oder gar nicht«, das war ein wichtiges Signal, für das ich auch im Namen des Landes Dank sagen will.