Zwei Klare auf den Weg - Gregor Kohl - E-Book

Zwei Klare auf den Weg E-Book

Gregor Kohl

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Beschreibung

Als ich fertig war, sammelte ich die Brocken auf meinem Tablett auf, warf sie in den Schlucker und stellte mein Tablett daneben. Ich ging. Ich legte meine Hand verständig auf seine schwarze Bomberjacke. "Ich muss gehen." Er wünschte mir einen schönen Abend. Ich musste mich beeilen, damit ich erst draußen auf meine Schuhe kotzen konnte. Keine gute Werbung für meine Imbisskette....

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Zwei Klare für den Weg

Ich stehe auf. Schalte ab. Dschungelcamp. Schaue ich mir seit 15 Jahren an, oder seit 10? Wie kannst Du Dir das nur anschauen? Vom Menschen lernen, in dieser Sendung ist alles zu finden. Jetzt reden sogar Psychologen darüber. Ja, ich war meiner Zeit voraus. Wollt ihr, nachdem ihr diese Hyänen gesehen habt, nochmal Hungern? Kommt nicht mit Afrika. Lasst Afrika zu Hause. Ich habe eine Patenschaft. Ich kümmere mich. Ich sorge mich. Um andere. Eigentlich um mich selbst. Ja, ja, ich esse die Pizza mit Salami und Schinken. Esse Fleisch, morde das Klima, lasse Rinder für mich schlachten unter menschenunwürdigen Bedingungen für Schlachter und Rind. Für das Schwein, die Ente, die massengehaltene Pute, das Huhn legt für mich ein Ei und Sonntags auch mal zwei. Ich trinke Kaffee, gepresst aus Aluminiumkapseln. Ich bin der Grund für ertrinkende Eisbären, für ertrinkende Bengalen, Senegalesen, Oderansässige. Ich hab sie alle auf dem Gewissen. Das erzählen mir die Rundschau, die Allgemeine, die Bild, der Gong, die Aktuelle, das Goldene Blatt, Prinz Harry, Prinz William, Prinz Charles, die AfD, die Grünen. Alle. Die Chinesen sind daran Schuld. Die sollen wieder Fahrrad fahren und aufhören über unsere Flughäfen zu schlurfen, zu schlürfen, zu schmatzen, zu qualmen. Fliegen mit Airbus, Boing, können nix selbst, kupfern alles ab. Die Türken auch, der Döner ist gar nicht von denen. Rindswurst auch nicht. Kommt vom Gräffölsing. Original. Frankfurter Original, nix Frankfurter Würstchen.

Der Fernseher ist ausgeschaltet, das Sparschwein auf dem Fernseher schaut mich an. Ja, kein Flachbildschirm, Sparschwein und Sandmännchen stehen dort einträchtig auf dem Häkeldeckchen. Der Weihnachtsstern steht dazwischen. Die Pflanze. Gestern hatte ich fernsehfreien Abend. Ich hatte den Stern gegossen, das Wasser lief in die Abluftschlitze. Der Fernseher blieb aus, bis das Wasser getrocknet war. Trocknet Wasser? Der Fernseher wieder trocken war. Dann konnte er wieder angeschaltet werden. Nichts passiert. Ich habe nichts "sinnvolles" aus dem Abend gemacht. Beim Hähnchenpaul habe ich mir ein halbes geholt. Was macht der eigentlich mit dem letzten halben? Oder der Hähnchenmann vom Wagen abends mit den ganzen unverkauften? Ich hatte sie mir immer am Wagen geholt, zweifuffzig das Stück. Das halbe. Irgendwann fragte ich mich, wo der eigentlich hingeht, wenn er mal muss, ich fand keine anständige Antwort, ich konnte es mir denken. Ob er sich dann die Hände waschen würde? Und damit war es aus. Auch die Erdbeerfrau kann ich nicht mehr aufsuchen, neben ihrem Büdchen steht ein Dixie-Clo. Ich weiß also wo sie hin geht, ich weiß auch, was sie dann nicht tut. Erdbeeren, handverlesen. Nichts für mich. Was Hähnchenpaul mit seinen Händen macht, weiß ich nicht. Mir egal. Den kenne ich schon so lange. Nach dem halben ging ich zu Bett, legte mich schlafen. Ich ging schlafen.

Ein wirkliches Pech, denn ich wollte eine Sendung schauen, die ich zwar nicht besonders oft sehe, weil ich meist vergesse, dass sie kommt, ich möchte sie aber sehen, damit ich sie immer wieder schauen kann, und sie also immer eine anständige Quote hat, damit sie nicht abgesetzt wird und ich sie dann immer wieder mal schauen kann. Das ist mir wichtig, ich möchte flexibel bleiben, sein.

Ich lebe alleine. Meistens bin ich alleine, eigentlich bin ich oft sehr einsam. Das gewählte Alleinsein macht mir nichts aus. Doch ich kann mittlerweile nicht mehr unter diesem Alleinsein und meiner Einsamkeit unterscheiden, denn meistens bin ich beides. Oder mir bleibt keine Wahl und bin doch zufrieden mit meinem Alleinsein, doch dann schließt sich die Einsamkeit an und alles wird diffus. In dieser Einsamkeit nützt es nichts, auszugehen. Damit wird es nur schlimmer. Vor ein paar Wochen saß ich beim Hamburgergrill. Ich war einsam, wollte nicht zu Hause sitzen und kam auf diese Idee. Ich saß da bei kalten faden Pommes, der Burger hatte einen altkrustigen Rand, die Cola war mit Chlor aromatisiert. Ich saß da und es setzte sich dieser Einsame zu mir. Er war krank, oder er sprach eine andere Sprache, oder beides. Ich verstand ihn nicht. Er redete und redete, schaute mich durch Brillengläser mit großen Augen an, schaute mit dicken Lippen auf mein Essen, auf den Bauchfüller.

"...damit sie unter ihnen austeilten, und die zwei Fische teilte er unter sie alle. Und sie aßen alle und wurden satt. Und sie sammelten die Brocken auf, zwölf Körbe voll, und von den Fischen. Und die die Brote gegessen hatten, waren fünftausend Mann."

Er redete weiter, ich wurde nicht satt. Als ich fertig war, sammelte ich die Brocken auf meinem Tablett auf, warf sie in den Schlucker und stellte mein Tablet daneben. Ich ging. Ich legte meine Hand verständig auf seine schwarze Bomberjacke. "Ich muss gehen." Er wünschte mir einen schönen Abend. Ich musste mich beeilen, damit ich erst draußen auf meine Schuhe kotzen konnte. Keine gute Werbung für meine Imbisskette. Ich ging nach Hause, jedenfalls in meine Wohnung. Ich wälzte mich in dieser Einsamkeit bis es nicht mehr auszuhalten war. Beten hilft mir dann, bringt mich auf falsche Gedanken. Ich konnte einschlafen. Damit war ich gerettet. Für diesen Tag.

Durch das Dunkel gegangen. Alleine. Von meinen Gedanken befremdet. Schwermut trägt mich, ich möchte nicht mehr zurück kehren. Ich weiß aber jetzt schon, dass genau das passieren wird. Lebt man denn für die anderen! Ja. Denn nur durch die anderen wird das eigene Ich erst wahrnehmbar. Diese Exklusion, die mich erst definiert, die mich den Schritt nach außen tun lässt. Was hindert aber mich? Wie komme ich aus diesem Schlamassel heraus? Ich bin zu feige. Tod wird wohl schmerzhaft sein, sonst würde sich der Körper nicht so dagegen wehren. Das Leben möchte sich durchsetzen. Selbst bei mir. Selbst für mich.

Ich höre Schritte hinter mir. Nicht vor mir. Hörte ich sie vor mir, würde ich den Menschen längst gesehen haben. Hört man Schritte überhaupt vor sich, oder überdecken die Augen den Gehörsinn? Ein Jogger ist hinter mir. Er kommt näher.

Langsam gehe ich weiter. Überlege mir Alternativen, ins Wasser gehen. Nicht wirklich; der vorbeifahrende Zug, geht auch nicht. Vor Jahren fuhr ich mit dem Zug. Wir hielten auf offener Strecke. Es gab einen Selbstmord, an einem anderen Zug, gegenüber. Wir standen eine Stunde. Dann fuhren wir weiter. Männer waren auf der anderen Seite zu sehen, sie räumten auf. Was war das Runde in der Tüte? Ein Fußball sicher nicht. Ob sie in die Tüte oder den Sack noch andere Sachen steckten, konnte ich nicht mehr sehen. Wir fuhren weiter. Gift wäre doch was. Welches? Schneckengift, da kommt man leicht ran. Das wirkt aber nicht. Er wurde gefunden, den Mund verschmiert, die Packung mit den photographierten Kriechtieren daneben. Magen ausgepumpt. Ist jetzt nicht mehr ganz richtig im Kopf. Was noch? Reicht! Die Gedanken reichen nicht, als dass ich eine Idee hätte.

Mein Weg ins Exil endet hier. Ich drehe herum. Gehe nach Hause. Was wohl im Fernsehen kommt?

Fliegen. Die Phantasie lässt dich fliegen. Doch nicht, wenn die Taschen voller Geld sind. Einmal um die ganze Welt. Ich konnte mich durch Welten träumen, konnte mich von tausend Dingen begeistern lassen, mich dafür begeistern. Meine Phantasie ließ mir tausend Wege. Jetzt stecke ich in der Sicherheit meiner aufgeklärten Gedanken. Drehe mich in kleineren Kreisen, kann meine Ideen nicht mehr fliegen lassen, Girokonto, Sicherheiten, Versicherungen stecken in Rock und Mantel, verstopfen die Hosentaschen und stecken in meinen Schuhen. Am Boden bleiben, auf dem Teppich, das Machbare zählt. Das, was messbar, eindeutig, festzuhalten ist. Festgehalten werden will, und nicht anders mehr greifbar als mit gichtiger Hand.

Brausetaler kauften wir als Kinder immer am Bahnhofskiosk. Der Kiosk war immer unfreundlich. Der Mann, der Laden, die Farbe. Alles sagte uns, wir sollten gar nicht erst hin gehen. Man belästigte den Menschen damit, dass man für 30 Pfennige Talerchen kaufte. Ob er sich darüber ärgerte, dass ich mir den Appetit für das Mittagessen verderben würde? Kannte er meine Mutter und verriet er mich bei ihr? Aber er verdiente doch Geld damit. Oder vermasselte ich ihm dasselbe, denn ich störte die ganzen Penner, die um das Büdchen herum standen, in die Hecken pissten und ihren behaarten Arsch uns Grundschülern zeigten. Wir überlegten uns immer, ob wir nicht mit ein paar Haselnussruten vorbei gehen sollten und ein paar Striemen über diese ungewaschenen Typen ziehen. Wir hatten aber zu viel Angst, denn wir mussten jeden Tag dort vorbei, wollten unsere Brausetaler ab und zu haben, besonders wenn wir wussten, dass es zu Hause Gulasch gab, und wir hatten keine Lust vor diesen Kerlen davon zu laufen. Und wo blieb der Respekt vor ihnen? Wie sollten wir ihn haben, wenn alle beim Vornamen genannt wurden? Nicht Herr Müller und Herr Schmidt, sondern Hacki und Günni. Was sollten wir davon denken? Wir waren doch Sparbuch und Samstagsshow gewöhnt, andere Lebenseinstellungen kannten wir nicht. Was, wenn wir sie mal nüchtern treffen würden, oder wir wären alleine und sie würden einen von uns umzingeln? Was, wenn wir ihnen irgendwann zugehört hätten? Was, wenn wir irgendwann neben ihnen stehen sollten? Wir waren vorsichtig.

Heute wäre es gleichgültig, das Büdchen ist nicht mehr da, aber jetzt wird im Warmen im Bahnhofssgeschäft weiter gesoffen. Wo die das Geld her nehmen? Her bekamen? Wir fragten uns das schon damals, heute wollen wir es gar nicht mehr wissen. Wir, das waren Klaus, Peter, ich. Der Bahnhof zieht auch heute noch alle an. Der Bahnhof ist die Drehscheibe meines Lebens. Hier bewegt sich mein Leben. Dunkle Kastanienbäume, Minigolfplatz, Schwimmbad. Alles dort. Durch die verpisste Unterführung nur selten mal gegangen, meistens über die Schienen oder die große Unterführung. Wer wollte schon in diesem vermüllten Untergang irgendwen treffen. Ganz egal wen.

"Wer immer glücklich sein möchte, muss sich oft verändern"

Wir würden unsere Zeit damit verschwenden unglücklich zu sein. Die Muster seien die gleichen. Die Freundschaft hält das trotzdem aus, kontere ich. Sie hält das aus, wie lange noch? Beim stetigen Wiederholen des Wortes, das unser Verhältnis beschreibt, geht immer wieder das „n“ spazieren, geht verloren im Dialog, kommt nicht zurück. Der Schnaps schmeckt damit besser. Der Korn, Zinn 40, der die Kehlen kühlt und in heftiges Brennen wechselt. Das muffige Nuscheln des Nachbarn, Fensterputzer in Pension, den Putzlappen hat er immer dabei. Erklärt uns den Schwung von links nach rechts. Was ein Fenster so ausmacht, welcher Schaum zu nehmen ist. Wir hören nicht mehr zu, hören weg, drehen die Köpfe und töten das Herrengedeck. Gib mir eine Zigarette. Nix Gauloise. Zuviel Baguette und Pyjama und Eifelturm. Reval, hat der Opa geraucht, rauchen auch wir. Ihn hat es schon weiter gebracht, da wird es bei uns auch hilfreich sein. Krümel auf den Lippen, auf den feuchten Lippen bilden die Krümel einen braunen Kreis, sie färben ab, der Tabaksaft ist bitter, leicht süßlich vielleicht. Nachher doch lieber wieder Filter. „Uns küsst sowieso keiner.“ „Keine!“ Gelächter. Gibt es hier noch die Brausetaler wie früher. Mit dem Kioskbesitzer ausgewandert. Jetzt nur noch Stängchen. Geht auch. Dann doch immer die Cola-Stängchen bevorzugt, jetzt die grünen und gelben. Die bitzeln aber gut. Nicht lutschen, zerbeißen. War ein Fehler. Ein Aufstoßen, bringt die letzten zwei Stunden wieder in Erinnerung. Zum Glück keine Bohnen. Ob ich mich übergeben muss, kann ich jetzt noch nicht so genau sagen. Geht schon. Ich muss mal pinkeln. Nee, nicht ins Gebüsch. Ich erklär's dir.

Gibt es hier noch eine Kneipe. Nein, jetzt ist es vorbei. Erstmal. Katja kommt vorbei. Jetzt geht der Charme mit ihm durch. Hey, wie toll, dass ich dich sehe. Ja, Mensch du hast aber abgenommen. Sieht super aus. Was machen deine Kinder usw. Ich kann es nicht mehr hören. Noch etwas Brause, die mich auf andere Gedanken bringt, es bitzelt im Gehirn, jetzt ein Mars damit die Übelkeit einen anderen Ursprung erhält. Klappt gut. Alles wie einen Film vorbei ziehen lassen. Grinsen nicht vergessen, wir sind gut drauf. Endlich, sie geht weiter. Ein guter Einfall, wir wollen sie nicht aufhalten.

"Es herrscht wieder Frieden im Land"

Nazis haben unsere Stadt zum Aufmarsch entdeckt. Wir müssen uns mit dem Austrinken beeilen. Das ist uns noch nie schwer gefallen, doch diese Eile hat eine andere Qualität. Der Faschistenzug mit den Horden würde in zwei Minuten einfahren. Mit unserem Aussehen würden wir nicht als Familienväter durchgehen. Wir wären Penner, sicher dem Volke zu nichts nutze. Wer weiß, wer weiß, was dann kommt. Das Bier lässt sich nicht schlucken. Dann lasst es eben stehen. Kannst du uns das aufheben? Haut jetzt ab. Wir gehen, welchen Weg am besten nehmen? Die Bahnhofstraße rauf ist zu lange, kann man zu lange einsehen. Wir gehen links, eine leichte Biegung die Kastanien entlang, dann die Straße rechts, rechts der Spielplatz, weiter nach oben. Wo wollen die eigentlich ihren Aufmarsch hinlenken? Wir sehen die Kirche, lassen sie links liegen, weiter. Immer nach oben. Wir stehen jetzt vor dem Gedenkstein, der uns daran erinnert, dass hier eine Synagoge stand. Was an dem Tag, als sie dann nicht mehr stand, wohl unsere Großeltern getan haben? Rochen sie nach Rauch, oder stank Angstschweiß? Waren sie dabei, hat einer das Streichholz abgezogen und reingeworfen? Was haben sie miteinander über den Tag geredet? Die Dumpfheit des Alkohols weicht einer anderen. Und jetzt? Es ist nicht so einfach weg zu laufen, wenn man nicht weiß, wohin der Verfolger geht. Wie weit wollen wir eigentlich noch laufen. Wir beschließen, um den Gedenkstein herum zu gehen. Etwas verdeckt steht eine Bank. Wir setzen uns.

Nichts passiert. Die Sonne scheint. Wo kommt die denn her. Wandersleute gehen an uns vorbei. Grüßen, oder auch nicht. Meine adidas-Sportjacke mit den blauen Streifen auf den Ärmeln spannt etwas über dem Bauch. Passt seit fünfundzwanzig Jahren. Jetzt immer noch. Das Etwas, das ich esse, kann ich auch trinken. Die Kurzatmigkeit erinnert mich daran. Wir sitzen und schauen, weit geht der Blick nicht, Häuserwände stehen zwanzig Meter vor uns. Wir verschnaufen. Die Brause gibt langsam Ruhe, der Schnaps verdunstet im Kopf und lässt einen stillen Nebel über uns senken. Noch eine Zigarette, oder zwei. Tabakkrümel wegspucken. Nochmal. Zäh wie diese Zeilen geht die Zeit, die uns an den Füßen klebt, uns nicht schnell genug verstreichen kann. Das Bewusstsein hat uns einen Streich gespielt. Wir suchen in unserem Leben nach einem Sinn, nur weil uns das Leben bewusst ist, ein Vieh lebt mit Fressen und Schlafen. Sucht nichts weiter. Bewusstsein besteht nur aus Grundbedürfnissen. Stirbt. Wir suchen nach Sinn, nach Lust, Laune, Liebe, Freude, Gemeinschaft, Unterhaltung. Wir lesen, schreiben, "teilen uns mit". Und dann löscht doch irgendjemand einfach nur die Lampe. Das Licht ist ausgeblasen. Und noch kurz davor suchen wir nach dem Danach. Weil jeder wichtig ist. Von Gott geliebt wird, sagt man uns.

Nach zwei Stunden, nach Hubschraubern, Gebrüll, Straßenverkehr kehrt völkische Ruhe ein. Wie viel Geld haben wir denn noch? Das genügt für den Schnitzeltag. Hab ich dir schon erzählt wie ich beim Schnitzelwettessen gegen mehr als drei dicke Kerle... und dann gewonnen. Einen Kasten. Jaja, schon gut. Ich kann es nicht mehr hören. Wie oft willst du mir das eigentlich erzählen. Komm, erzähle mir das doch nochmal. Den 9/11. War im September. Aber warum dann die elf hinten? Weil die Amerikaner. Jaja, schon gut. Und die Hochhäuser also? Die wurden gesprengt. Klar. Und wo ist das vierte Flugzeug? Pendelt weiter zwischen Kabul und Jerusalem. Klar, der CIA, Mossad usw. waren daran beteiligt. Sowieso. Früher hatte der Jude die Weltverschwörung geplant und natürlich ist der Mossad der mächtigste Geheimdienst. Ist doch klar. Du hättest mitmarschieren können. Hör auf. Das ist nicht das Selbe. Wie du meinst. Ich hätte jetzt Lust nach Hause zu gehen. Du machst mich wütend mit dem Scheiß. Du hast doch selbst damit angefangen. Schweigen. Schweigen, denn wir lassen uns Zeit. Die Gemüter sind beruhigt, jetzt können wir was essen.

Aquarien im Restaurant. Außer den paar Fischen dort ist hier alles tot. Es riecht nach altem Essen, die Salatbar besteht aus geöffneten Dosen, die in Silberwannen gekippt wurden. Wir setzen uns. Da kommt Elisabeth. Ach nein, das ist jetzt eine andere, jüngere. Was wir wollen. Schnitzel. Die Salatbar ist zur Selbstbedienung, aber zivil nehmen, nicht zu viel. Machen wir. Ganz bestimmt. Die Kordel seines Jackenärmels hängt in den geraspelten Karotten. Ich sage nichts, lasse die Rüben aus und nehme rote Beete. Grünen Salat, Gurkensalat, Bohnen. Dressing drüber. Essigöl. Wo diese Joghurtsoßen nur herkamen? Bestimmt die Italiener meint er. Ich tippe auf Weightwatchers und Dudarfst. Wir bestellen uns Bier. Ein Spruch über Fische und Wassertrinken. Noch so ein Schenkelklopfer, war schon Fastnacht? Kommt erst noch. In welcher Jahreszeit sitzen wir eigentlich? Wir haben Mäntel an, saßen auf der Bank für ein paar Stunden in Trainingsjacke. Die Fastnacht kommt bald. Wir sind bald dort. Der Winter ist doch auch nichts mehr. Die Jahreszeiten sind beliebig. Die Schnitzel kommen. Schön frittiert. Habt ihr da vorher Calamaris drin ausgebacken? Wieso? Nein! Schon gut, kann ich eine Jägersoße dazu bekommen. Kostet extra. Mach ich trotzdem. Heute, am Schnitzeltag bringst du mir doch bitte gleich noch eins. Mit Rahmsoße. Warum jetzt mit Soße? Weil der Fisch so rausschmeckt. Sind doch Schnitzel. Stimmt, für mich auch Soße. Pommes mit viel Salz. Bier aus dem Stiefel. Ein Liter für jeden. Das wird doch warm. Nicht bei uns. Jetzt nur nicht gluckern. Wer gluckert verliert. Der Stiefel muss mit Spitze nach oben gehalten werden. Der Kopf verschwindet fast im Glas. Jetzt langsam kommen lassen, denn am Gelenk wird es jetzt knapp und die Luft möchte in die Stiefelspitze drücken. Dann gluckert es. Wer es da dann durch abruptes Eindringen der Luft zum gluckern bringt, der muss die beiden nächsten zahlen. Passiert uns nie. Wir zahlen immer selbst.

Schnitzel sind aufgegessen, die Biere sind ausgetrunken. Es ist vier oder fünf. Wir setzen uns an den Tresen, bleiben noch eine Stunde oder zwei sitzen. Hier ist rauchen erlaubt. Wir sitzen extra. Weit weg von den alten Muttis im dauergewellten Grau. Wo kommen die jetzt her? Wir sitzen alleine, wenn nichts zu reden ist, geht immer Fußball. Hör auf mit dem, der kann nix. Der ist viel besser. Gegen die haben wir keine Chance. Es wird nochmal eng, wenn wir in den nächsten zwei Spielen aber, wenigstens vier Punkte, dann sind wir erstmal und wenn nicht, dann auch nicht. Neenee, in die zweite Liga geht es nicht. Was, die Tickets sind da billiger? Ist mir egal, ich gehe sowieso nicht hin. Hast du mal gesehen, was die verdienen. Nee, nichts von mir. Aber so was. Warte mal, habt ihr hier noch? Kann man bei euch noch kucken? Wo? Hinten, in der Nebenkneipe. Da gehen wir doch hin. Das schauen wir uns an. Gegen wen? Was, noch zwanzig Minuten. Gut, das reicht. Länger halte ich es nicht aus. Schon gut. Ich rede lieber darüber. Gib mir noch eine Reval. Gut. Gehen wir. Was, mit der Zigarette nicht durch den Raum. Also gut. Rauchen wir hier zu Ende. Geht auch so. Mach doch mal den Radio an. Das Radio. Auch das.

Fertig. Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Wieder nichts. Dieses Mal nicht. Selbstbewusst sind wir. Wir können wieder auf die anderen herab schauen. Klar, geht. Wer braucht dazu einen Kick? Jetzt haben wir den Sozialtourismus. Jetzt wird auf unsere Kosten gereist. Schön mal hierher gefahren und auf unsere Kosten den ganzen Tag gefaulenzt. Den ganzen Tag auf das Geld warten und mit fetter Lederhaut herum gelegen. Was denn? Ward ihr heute Mittag auch bei den anderen dabei? Was das heißen soll? Nix. Neenee, nix CSU. Der wie heißt er noch? Der kann doch reden was er will. Der wird doch sowieso immer. Was sag ich denn. Die Demokratie im Facebook-Taumel? Wer will denn noch Politiker werden? Gescheiterte, oder Karrieristen, die nach ein paar Jahren Politik in die Wirtschaft gehen. Der Koch, oder der Merz, oder der, wie heißt er noch? Alles Juristen. Und weiter? Nichts, sind Juristen. Was meinst du denn damit. Nichts. Warum sagst du es? Nur so, ich musste auf das Schnitzel aufstoßen, und da hab' ich es gesagt.

Wir gehen, die Kneipe, das Restaurant ist nichts für nach sechs. Wir marschieren hoch, ins Café. Noch ein Bier, zwei. Wir kommen rein, es steht schon alles da. Die Bedienung erkennt uns an unseren Stimmen. Bis wir die Treppen oben angekommen sind, steht das Bier schon auf unseren Plätzen. Ich stolpere über meinen Gürtel. Ich habe einen Trenchcoat an, mit Gürtel. Den habe ich im Keller gefunden. War mal teuer. Sieht jetzt ziemlich billig aus. Hatte ich den von Metzen? Teures billig. Ist ihm teuer zu stehen gekommen. Ich stolpere über den Gürtel. Wofür ich den habe. Schmeiß ihn weg. Geht nicht, sieht ohne Scheiße aus. Sieht auch mit so aus. Hör doch auf, mit deinem Wollpulli. Jedes mal, wenn du diesen Überzieher überziehst hängt die Wampe raus. Sieht schlimm aus. Ehrlich? Klar. Warum hast du nie was gesagt? Du hast ja auch nie was über meinen Trenchcoat gesagt.

Hattest du nicht mit dem Rauchen aufgehört? Die Bedienung fragt. Nee, wie kommst du darauf? Du hast doch wochenlang Nicorette gekaut. Hat er nur hier. Sei still; ja, habe ich so probiert. Ehrlich, nur hier? Ja. Sah eklig aus. Du hast immer gekaut wie ein Kamel. Habe ich ihm auch gesagt, dann hat er wieder mit dem Rauchen angefangen.

Hier ist Rauchverbot. Schon gut. Wir gehen auf den Balkon. Langsam werde ich müde. Das Bier fängt an bitter zu schmecken. Ich wechsle auf Jägermeister. Habe ich eigentlich noch genug Geld? Für einen Meister reicht es noch. Es ist sieben. Ich gehe dann nach Hause. Ich auch. Ich bin hundemüde. Ich muss morgen früh raus. Was musst du denn morgen so früh machen? Ich bin nur müde. Das reicht, um heim zu gehen. Was machst du morgen Abend? Ich treffe mich mit einer Freundin. Was ernstes? Nein, aber die ist nett. Die sind bei dir doch immer alle nett. Ja, macht doch nichts; du bist auch nett. Mann! Ich gehe jetzt. Tschüß.

Zu Hause lege ich mich auf's Bett. Warte auf etwas. Nichts. Nichts regt sich. Nichts regt mich auf. Ich stehe auf. Nach dem Schnitzel, jetzt hole mir aus dem Kühlschrank eine Packung Forellenfilet. Preiselbeeren dazu. Die Meerettichsahne ist verdorben. Kein Brot mehr da. Gehe ich nochmal einkaufen? Es ist Samstagabend, das geht noch. Ich packe die Filetstücke in den Kühlschrank zurück. Milch fehlt auch. Nach dem versoffenen Tag bekomme ich Hunger. Habe ich überhaupt etwas gegessen! Den Dönerladen hatten wir übersprungen. Normalerweise ist das immer unser Abschluss. Schnitzel war vorher. Dieses Mal nicht, kein Döner. Doch einkaufen. Supermarkt ist nur fünf Minuten von hier entfernt. Ich gehe hin, eine Tüte habe ich eingesteckt. Mit Hunger einkaufen. Noch nie gut gegangen. Ich habe einen Einkaufskorb unter dem Arm. Aus Plastik. Der Korb füllt sich, mit Brot, Toast, Milch, Joghurt, jetzt wird er schwer, Cornflakes, Kakao, Käse, nochmal Käse. Eier, brauche ich Eier? Also auch Eier. Gut, reicht. Geld zählen. Warum erst jetzt? Ok, einmal Käse zurück. Dann könnte es reichen. An die Kasse gehen und alles im Kopf zusammen zählen. Noch eine Tüte. Eine reicht nicht. Das Geld reicht. Die Kasse addiert alles auf, ich komme über die Runden. Mir bleiben sogar noch drei Euro.