Zwei Menschen - Donald Windham - E-Book

Zwei Menschen E-Book

Donald Windham

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Beschreibung

Das Rom der 50er-Jahre. Begegnungen und Liebe in einer faszinierenden Stadt. Atmosphärisch einnehmend erzählt und ungewöhnlich offen für seine Zeit. Zwei Menschen aus völlig verschiedenen Welten treffen aufeinander: der New Yorker Broker Forrest und der siebzehnjährige Römer Marcello. Während Forrest nach einer Ehekrise einsam und ohne wirkliches Ziel in der Ewigen Stadt herumstreift, hat Marcello ernste Schwierigkeiten mit seinem Vater und steht noch fragend vor seiner Zukunft. Ihr Zusammentreffen führt bei beiden zu unerwarteten Gefühlen. Und am Ende erwachsen daraus überraschend die Antworten, nach denen sie beide gesucht haben.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Donald Windham

ZWEI MENSCHEN

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch

von alexanderkonrad

lilienfeldverlag

Für Fritz und Jeanne Bultman

1.

Gestern waren ein paar Leute von Brücken in den Tiber gesprungen. Forrest sah die Meldung in einer Zeitung, die auf der Terrasse des Pincio lag.

Wie sich herausstellte, wollten sie sich nicht umbringen, sondern Spaß haben. Die Zeitung war einen Monat alt, und in den Tiber zu springen ist eine Art, in Rom Neujahr zu feiern.

Er verließ die Pincio-Terrasse und betrat den Park. Vor ihm waren unter dem Obelisken in der Mitte des Viale dell' Obelisco zwei Jungen in blassblauen Overalls, auf denen der Name einer Werkstatt stand, damit beschäftigt, zwei Mädchen zu ärgern, die die weißen Uniformen eines Friseursalons trugen. Alle vier waren schön, doch waren die Mädchen bei dieser Begegnung im Nachteil, weil sie ihre Rollen mit scheinbarem Missfallen zu spielen hatten, während die Jungen sich lachend – jeder einen Arm um den Nacken des anderen gelegt und sich in der Tasche eines ihrer Overalls bei den Händen haltend – vor, zwischen und hinter die Mädchen warfen. Wie echte Sportler genossen sie das Spiel umso mehr, je größer der Widerstand ihrer Gegner war. Sie änderten immer die Richtung, wenn die Mädchen es taten. Diese sich ständig im Kreis drehende Prozession kam Forrest jedes Mal wieder entgegen, wenn sie sich ein kurzes Stück von ihm entfernt hatte. Dann war es vier Uhr. Die Mädchen marschierten in die eine, die Jungen, die sich immer noch festhielten, wirbelten in die entgegengesetzte Richtung.

Forrest folgte den Mädchen zur Trinità dei Monti. Am oberen Ende der Spanischen Treppe lehnte er sich auf die Balustrade und schaute den Mädchen zu, wie sie hinuntergingen. Es tröstete ihn, die Spanische Treppe zu betrachten. Zuerst waren die Kirche Trinità dei Monti auf dem Gipfel des Hügels hinter ihm und an seinem Fuß die Piazza di Spagna und der niedrige Springbrunnen dagewesen. Dann war der Architekt in diese durcheinandergeratene Landschaft getreten und hatte ihr einen Mittelpunkt gegeben, der so vollkommen war, dass man schwer glauben konnte, dass die umliegenden Bauten nicht um die Treppe herum gewachsen waren. Wie befriedigend das sein musste, dachte Forrest, so gut in seine Situation zu passen, dass die eigene Gegenwart sie hervorgebracht zu haben scheint.

Während er dort lehnte und sich fragte, was er gleich tun würde, erblickte er einen schwarzhaarigen Jungen in einem weißen Regenmantel, der ihm die Stufen hinauf entgegenkam. Er hatte den Jungen schon einmal gesehen, an der gleichen Stelle. Er hatte mit Robert, einem Angestellten einer Fluggesellschaft, in dessen Wohnung er sich aufhielt, an der Balustrade gestanden. Robert war ein alter Freund von Forrests Frau. Forrest hatte ihn bei ihrer Ankunft in Rom kennengelernt, als Robert, der gerade nach Athen versetzt wurde, angeboten hatte, ihnen die Wohnung unterzuvermieten. Sie hatten zugesagt, die Wohnung zu nehmen, und waren eingezogen. Dann war Forrests Frau in die Staaten zurückgekehrt und hatte ihn allein gelassen.

Er erinnerte sich an den schwarzhaarigen Jungen in dem weißen Regenmantel, weil an jenem ersten Tag der Junge plötzlich stirnrunzelnd stehen geblieben war, als er Forrest erblickt hatte. Einen Moment später war er weitergegangen, ins letzte Treppenstück verschwunden und bald darauf am Ende der Balustrade wieder aufgetaucht. Sein verkniffener Gesichtsausdruck war von der Art gewesen, die aus Unsicherheit genauso wie aus schlechter Laune herrühren kann, und in seinem Fall hatte es nach schlechter Laune ausgesehen. Er war langsam vorbeigegangen und dann vor dem Obelisken stehen geblieben, der am oberen Ende der Spanischen Treppe aufragt wie der Obelisk in der Mitte des Pincio. Kurz danach hatte er sich zu Forrest und Robert umgedreht und ihnen einen langen Blick zugeworfen.

»Ist das ein Freund von dir?«, hatte Forrest gefragt.

Und Robert, der einen flüchtigen Blick auf den Jungen geworfen hatte, hatte geantwortet »Nein, ich habe ihn noch nie gesehen.«

Forrest hatte Robert oft mit Jungen an der Treppe sprechen sehen. Er hatte ein oder zwei der Jungen getroffen, als sie die Wohnung verließen. Robert sprach nicht über seine Freundschaften, gab sich aber auch keine Mühe, etwas zu verbergen. Und Forrest war, obwohl ein solches Verhalten von den Leuten, die er in New York kannte, durchaus hingenommen wurde, überrascht, dass es hier mit diesen jungen Römern weder Einschränkungen zu geben schien noch etwas Anrüchiges hatte. Es machte ihn neugierig und beeindruckte ihn, wie angenehm Robert lebte, so als ob die römische Atmosphäre mit ihrer unschuldigen männlichen Geselligkeit diesen Dingen eine selbstverständlichere Note gab. In jedem Fall war Robert eine Verkörperung seines Berufsstandes: ganz gleich mit wem er ins Bett ging, nichts deutete darauf hin, dass er irgendeine dauerhafte Bindung in Rom hatte. Seine direkte Art gab ihm den Anschein, genau das zu meinen, was er sagte, und nicht mehr. Einmal hatte er zu Forrest gesagt, dass diese wechselnden Bekanntschaften für italienische Jungen das Gleiche wären wie Ice Cream Sodas im Drugstore an der Ecke für ihre amerikanischen Altersgenossen. Forrest hielt das für einen extremen Standpunkt, wusste aber nicht, auf welcher Grundlage er hätte widersprechen sollen. Und der Junge in dem weißen Regenmantel war der erste gewesen, über den er sich Robert gegenüber geäußert hatte.

Der Junge schien es eilig gehabt zu haben, als er an jenem ersten Tag herumgelaufen war. Noch als er stehen geblieben war, hatte ihn ein Ausdruck von Geschäftigkeit und Entschlossenheit von den ziellos umherstreifenden Menschen ringsherum unterschieden. Dass er sich nicht bewegt hatte, war ein bewusster Schachzug gewesen, und dieser hatte überhaupt nichts von der anmutigen Haltung gehabt, wie sie unter den jungen Arbeitern und Studenten, die Forrest auf der Treppe gesehen hatte, fast überall zu finden war: scheinbar nur zu ihrer eigenen Zerstreuung dort zu sein, um sich ihre freie Zeit zu vertreiben, unbekümmert darüber, was in deren Verlauf geschehen würde.

»Ich habe selten einen Römer so gucken sehen«, hatte er gesagt.

»Tut ein Römer normalerweise auch nicht«, war Roberts Antwort gewesen. »Wahrscheinlich kommt er aus Florenz.«

Als sie weitergegangen waren, hatte der Junge sie beobachtet. Aber es lag weniger an dem Jungen als an der Unterhaltung, die Forrest mit Robert beim Abendessen geführt hatte, weshalb er sich so gut an diesen Tag erinnerte.

Robert hatte ihn in eine kleine Trattoria auf der Via di Ripetta mitgenommen. Als sie eintraten, kamen sie an einem langen Tisch vorbei, der beladen war mit Artischocken alla Romana, gefüllten Tomaten, Serviertellern voll kleiner Muscheln in ihren Schalen, Spiedini mit Wurst, Leber und Lorbeerblättern und allen möglichen Sorten von gebratenem Fleisch, Geflügel und Wild. Die Trattoria hatte keine Speisekarte. Sobald sie sich gesetzt hatten, rasselte der Kellner eine Liste weiterer Gerichte herunter, die an diesem Tag zu haben waren. Das italienische Ideal, fügte Robert hinzu, war es, sich eine Pasta oder irgendein anderes Gericht auszudenken, das nicht angeboten wurde, und genaue Anweisungen zu geben, wie es zuzubereiten sei.

»Letztes Jahr bin ich mit drei Engländerinnen an Befana hier gewesen«, sagte Robert gegen Ende der Mahlzeit. »Anschließend sind wir zur Piazza Navona gegangen, um uns das Getümmel dort anzusehen. Meine Freundinnen trugen alle die Haare kurz, und die eine hatte einen kleinen Schnurrbart. Die Kinder umkreisten sie ununterbrochen und bettelten um Geschenke. Sie dachten, sie hätten sich als Hexen verkleidet.«

Forrest lachte.

»Sie müssen außer sich gewesen sein.«

»Im Gegenteil. Sie waren entzückt. Sie hatten noch nie so sehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden.«

»Das überrascht mich, so wie du sie beschreibst.«

Robert schob seinen Teller mit Früchten beiseite und warf Forrest einen Blick zu.

»Rom steckt voller Überraschungen.«

»Wie meinst du das?«

»Deine Frau hat dich hier verlassen.«

Verwirrt griff Forrest nach einer Zigarette, bis ihm einfiel, dass er das Rauchen aufgegeben hatte.

»Das hatte etwas mit Rom zu tun, oder nicht?«

»Kann sein. Sie sagte, Rom regt sie auf. Aber das hat sie über die meisten Orte gesagt, an denen wir gewesen sind.«

»Ich hoffe, es hatte nichts mit mir zu tun.«

»Natürlich nicht.«

»Na ja, Ehefrauen haben so eine Art, sich darüber zu ärgern, wenn ihre Männer ihre alten Freunde nicht mögen, und sich dann genauso zu ärgern, wenn doch. Außerdem kann es für ein Paar schwierig sein, sich die Wohnung mit einem Dritten zu teilen, auch wenn es nur für ein paar Tage ist.«

»Sie hat sich gefreut, dich zu sehen. Unsere Probleme haben schon viel früher angefangen.«

»Und die Sache hat sich nicht meinetwegen zugespitzt?«

»Nein.«

»Das freut mich. Vielleicht ist es einfach so, wie ich schon sagte: Rom steckt voller Überraschungen.«

»Hoffentlich. Ich weiß wirklich nicht, was zwischen uns los war. Vielleicht wollte sie nur zurück zu den Kindern. Wie auch immer, ich bin mir sicher, dass alles gut ausgehen wird.«

»Gut. Vielleicht wird Rom dafür sorgen, auf Umwegen – wie es seine Art ist.«

Während des Essens hatte es geregnet. Dann hatte der Regen aufgehört, und Robert schlug vor, zur Piazza Navona zu laufen. Auf dem Weg versuchte Forrest in Gedanken klar zu formulieren, was zwischen ihm und seiner Frau vorgefallen war. Das war schwierig. Seine Erinnerung an ihre Streitereien war wie die Erinnerung an eine Unterhaltung, bei der jemand »Was?« sagt und der andere das Gleiche erwidert. Der Erste erklärt: »Ich habe nichts gesagt, ich habe gefragt, was du gesagt hast.« Der Zweite widerspricht: »Ich habe nichts gesagt.« Und der Erste wieder: »Oh, ich dachte.«

Vom Beginn ihres Urlaubs in Europa an hatten sie gestritten. Zuerst hatte seine Frau es darauf geschoben, dass er krank gewesen war und das Rauchen aufgegeben hatte. Selten stritten sie über Dinge, die einem von ihnen wichtig gewesen wären. Die Unstimmigkeit lag tief, und es waren vorübergehende und unbedeutende Schwierigkeiten, die zum Ausbruch führten. In England, wo sie mehr Bekannte hatten und das Leben vertrauter war, hatte es nur kleine Zwischenfälle gegeben. Sie hatten die Situation ausreichend im Griff, um, wenn etwas schiefging, über ihren Ärger hinwegzukommen oder ihn gegen Dritte zu richten. Allerdings verschlechterte sich ihre Situation, sobald Sprache und Gepflogenheiten ihnen fremd wurden. In Frankreich ließen sie sich leichter vom Verhalten der Taxifahrer und Kellner verwirren. Sie warfen sich gegenseitig vor, bei Schwierigkeiten keine Initiative zu ergreifen, dann wieder überließen sie sich im gleichen Moment das Kommando oder übernahmen es gleichzeitig.

Ihre Taktik, sich zwischen ihn und neue Erfahrungen zu stellen – was zu Hause ganz gut möglich war –, ging in Italien überhaupt nicht auf. Wie nötig sie es hatte, das zu tun, wurde ihm noch einmal durch etwas ins Gedächtnis gerufen, das passiert war, ehe sie die Staaten verlassen hatten. An einem der Tage, an denen sie ihre Sachen packten, war er in einen Drugstore gegangen und hatte Tuben und Flaschen mit allen Drogerieprodukten besorgt, die sie benutzten. Da sie mit dem Schiff fahren und lange unterwegs sein würden, hatte er alles in den größten Ausführungen gekauft. Am nächsten Tag hatte sie das Ganze zurückgebracht und es in kleinere umgetauscht. Dieser Widerstand war völlig sinnlos erschienen, sinnlos auch, darüber zu streiten; und er hatte es auf sich beruhen lassen.

Bis sie in Rom ankamen, war ein Gespräch zwischen ihnen, wenn etwas schiefging, unmöglich geworden. Plötzlich mussten sie den einfachsten Satz wiederholen, die einfachste Geschichte erklären, die einfachste Feststellung genau darlegen. Der eine wusste nicht mehr, wovon der andere sprach, obwohl es dasselbe war, worüber sie noch einen Augenblick vorher gesprochen hatten. Ein Kurzschluss in der Verständigung – und sie konnten nicht länger auf die alltäglichen Erklärungen zurückgreifen, die Leute für gewöhnlich benutzen, die nicht seit acht Jahren zusammengelebt haben. Forrest wünschte, sie hätten sich über Robert gestritten oder über etwas Konkretes. Es wäre auch hilfreich gewesen, wenn sie etwas Abstand voneinander hätten gewinnen können. Aber ohne die Kinder und ohne seine Arbeit waren sie sich zu nah, nicht zu fern. In der Woche, als Robert in Mailand war und sie in die Wohnung zogen, gipfelte jeder Tag in einem Streit. Der Ärger begann, wenn das Tageslicht verblasste. Er entzündete die Holzscheite im Kamin des Wohnzimmers. Sie mixte Drinks. Sie setzten sich in dem Glauben, dass alles gut sein würde und sie einen netten Abend verbringen könnten. Das Missverständnis war so plötzlich da, wie die Luft in Rom von warm zu kalt wechselt, wenn man von der Sonne in den Schatten tritt. Die Unterhaltung brach entzwei. Humor, Freundlichkeit und Anstand schwanden. Seine Frau sagte, dass sie ihm etwas erzählt hatte, das er nicht gehört hatte. Das war möglich. Dann sagte sie, dass er eine Behauptung gemacht hatte, die er nicht gemacht hatte. Das war unmöglich. Bald starrten beide ins Feuer und sagten Dinge, die später bereut werden würden. Und eines Morgens hatte sie verkündet, dass sie nach Hause zurückkehren würde.

Befana, der Abend vor dem Dreikönigstag, an dem italienische Kinder ihre Geschenke bekommen, ist eine Mischung aus Halloween und Weihnachten. Die Piazza Navona war so voll mit Menschen, als hätte es gar nicht geregnet. An den mit Lichterketten versehenen Spielzeugbuden, die um die längliche, stadionförmige Piazza aufgestellt waren, drängten sich die Kunden; die schreienden Torrone-Verkäufer machten ein gutes Geschäft. Der Trubel war ungeheuer.

Forrest und Robert fanden sich bald eng in die sich langsam im Kreis vorwärtsschiebende Menge gequetscht, sodass sie nicht verhindern konnten, dass direkt neben ihren Ohren Trillerpfeifen schrillten. Eine Gruppe von Jungen, die, um zu zeigen, dass sie freundliche Absichten hatten, übertrieben dabei grinsten, schlug ihnen mit Schaumstoffhämmern auf die Köpfe. Forrest, der das gleiche Heimweh empfand wie schon an Weihnachten, bahnte sich einen Weg bis zu einem der Stände und schaute sich die ausliegenden Spielsachen an. Seine beiden kleinen Mädchen machten sich nicht viel aus Puppen, aber sie liebten alles, was mit Tieren zu tun hatte, und hier gab es Katzen, die auf Dreirädern fuhren, Elefanten, die Eisenbahnen lenkten, und Hunde als Barkeeper. Als er zwei Spielzeuge gekauft hatte und sich umdrehte, um nach Robert zu sehen, sah er ihn in der Nähe der Fontana del Moro am Ende der Piazza mit den Jungen mit den Schaumstoffhämmern sprechen.

Als Forrest näher kam, reichten die Jungen gerade Roberts Notizbuch herum und schrieben ihre Namen und Telefonnummern hinein.

»Sie sagen, dass wir sympathische Ausländer sind«, erklärte Robert, »und dass sie unsere Freunde sein wollen.«

Jeder von ihnen stellte sich Forrest vor. Einer machte den Vorschlag, dass sie Forrest und Robert für den Abend begleiten könnten. Robert schlug das Angebot aus.

»Ich hoffe, du wolltest nicht doch etwas mit ihnen unternehmen«, fügte er Forrest gegenüber hinzu, als sie wieder weitergingen.

»Ganz egal.«

»Die jedenfalls«, sagte Robert, während er die Seite aus seinem Notizbuch riss, »gebe ich dir. Ich fahre morgen nach Neapel. Wenn ich zurückkomme, reise ich endgültig ab. Und dir könnte sie noch nützlich werden.«

»Inwiefern?«

»Sie könnten sich als brauchbar erweisen und dich hin und wieder herumführen.« Robert hielt ihm das Stück Papier hin. »Nimm schon.«

»Ich habe beschlossen, Rom auch zu verlassen«, sagte Forrest. »Ich denke nicht, dass ich nach all dem alleine hierbleiben möchte.«

»Bleib wenigstens, bis die Miete für dieses Quartal aufgebraucht ist. Du hast mich bezahlt und ich habe die Vermieterin bezahlt – und von der kriegen wir auf keinen Fall etwas wieder.«

»Kennst du niemanden, dem du die Wohnung gerne geben würdest?«

»Ich kann dich nicht hören«, schrie Robert über das Schmettern einer Tröte hinweg. »Lass uns hier verschwinden und irgendwo ein stilles Plätzchen für einen Kaffee suchen.«

In der engen Straße, die von der Piazza wegführte, zerknüllte Forrest die Notizbuchseite und ließ sie fallen. Er tat es schnell, da wo es dunkel war; als sie um die Ecke bogen, fanden sie allerdings nicht die Bar, die Robert suchte, sondern kamen in eine Gegend, in der der Strom ausgefallen war. Der Eindruck hob sich von dem auf der Piazza Navona wie auch von dem an den meisten Orten, die Forrest in Rom gesehen hatte, vollkommen ab. Seit seiner Ankunft war ihm die Stadt vertraut und unwirklich erschienen. Die wandernden Lunaparks. Die erdfarbenen Gebäude. Die endlosen Staus. Die Geschäftsleute mit ihren galligen Gesichtern. Die Streitereien mit seiner Frau. Ungeachtet der Ruinen und Monumente der Vecchia Roma, vermisste er das Gefühl von Vergangenheit, das er erwartet hatte. Das Vertraute war modern und aufgereizt, und das Ausbleiben von mittelalterlichem Dunkel und Mysterium selbst in den ärmsten Vierteln hatte seinen Eindruck geprägt. Plötzlich und mit einer solchen Intensität, dass sich ihm die Nackenhaare sträubten, befand er sich nun mittendrin. Ein Jahrhundert trennte ihn von den Geschäften und Bussen des Ludovisi-Viertels. Kerzen brannten auf den Tischen im Innern einer kleinen Trattoria. In dem dunklen engen Raum zwischen den hohen Straßenmauern hallten Geräusche mit einer ungewöhnlichen Schärfe wider. Die Stimme eines nicht erkennbaren Jugendlichen in einem Eingang, die »Avanti, vieni qua!« rief, schien von Lippen zu kommen, die beinahe Forrests Ohr berührten. Das Mädchenlachen, das antwortete, war unschuldig und vertraulich. Er und Robert und das Mädchen, sie alle suchten sich ihren Weg durch die Straße. Seit einigen Tagen hatte es einen Streik der Müllmänner gegeben, und der aus den Türen und Fenstern der Häuser geworfene Abfall war nicht eingesammelt worden. Als sie sich dem Campo dei Fiori näherten, schmatzte etwas Weiches und Nasses unter Forrests Schuh. Der Ruf des Jungen wurde im Eingang vor ihnen wiederholt, beantwortet von dem Lachen des Mädchens und von einer schrofferen Stimme von weiter oben. Als er hinaufblickte, sah Forrest eine Leine mit gewaschenen Kleidungsstücken, die sich gegen den Himmel abzeichneten und über denen ein Regenschirm befestigt war, um sie vor dem Regen zu schützen.

Den Morgen nach dem Abend, an dem er den schwarzhaarigen Jungen in dem weißen Regenmantel zum ersten Mal gesehen und Robert zur Piazza Navona begleitet hatte, verbrachte er umgeben von den muffigen Bänden in der Biblioteca Vittorio Emanuele II. Enttäuschenderweise vermittelten die Bücher ihm kein so starkes Gefühl von Vergangenheit, wie er es in der Nacht zuvor empfunden hatte, trotzdem blieb er bis zum Mittag in der Bibliothek. Nach der Abreise seiner Frau und nachdem er hatte feststellen müssen, dass er die meiste Zeit nichts mit sich anzufangen wusste, hatte er beschlossen, einen Teil seiner Tage mit der Suche nach Dokumenten über die letzten Lebensjahre Giordano Brunos auszufüllen, jenes Dominikaners, der im Jahre 1600 auf dem Campo dei Fiori als Ketzer verbrannt worden war und den Forrest zum Thema seiner Doktorarbeit gemacht hatte, als er an der Columbia Geschichte im Hauptfach studiert und noch nicht ans Heiraten und daran, Broker zu werden, gedacht hatte.

Seit seiner Heirat war er es nicht mehr gewohnt, allein zu sein. In New York waren seine Tage so vollgestopft wie die Aktentasche, die er jeden Morgen zur Arbeit trug, und ähnelten sich genauso wie die Anzüge, die er anhatte. Zweimal die Woche spielte er Handball, wenn er aus dem Büro kam; ungefähr genauso oft hatten seine Frau und er Gäste zum Abendessen oder bestellten einen Babysitter und aßen im Haus von Freunden. Aber nie war er mit sich allein und hatte Zeit zur eigenen Verfügung. Als er gerade aus dem Mittleren Westen in New York angekommen war, war ihm das Leben in Manhattan wie eine Party von reichen und interessanten Menschen erschienen, die er nur flüchtig kannte. Er vermisste sein Elternhaus voller Geschwister, und er konnte sich nicht daran gewöhnen, allein in einem Zimmer zu schlafen. Er betrachtete die Stadt mit runden, freundlichen Augen, deren Irisse exakt bis an die Lidränder reichten; aber seine liebenswürdige Art war mit einer Schüchternheit verbunden, die dafür sorgte, dass er nur langsam Freundschaften schloss. Als er sich in seine Frau verliebte, war dieses Problem gelöst. Er verbrachte so viel Zeit wie möglich mit ihr. Ihr großer Freundeskreis – Geschäftsfreunde ihres Vaters, unter denen sie auch ihn kennengelernt hatte, Schauspieler und Schriftsteller – wurde zu seinem. Dann kamen die Kinder.

Die Dürftigkeit der Tage in Rom hatte verglichen mit der Überfülle der Tage in New York eine verwirrende Qualität angenommen, die ihn an das italienische Wort für nichts denken ließ: niente. Das Schleifen der nasalen Silben, von Italienern als Antwort auf beinahe jede Frage vorgebracht, die sie nicht weiter zu diskutieren wünschen, verwandelte nichts in eine Realität, die so ungeheuerlich war wie ein Vierundzwanzigstundentag, der sich ohne Termine, aber auch ohne jede Aussicht, seine Möglichkeiten ausschöpfen zu können, vor ihm erstreckte. Niente war nicht einfach leer, wie es seine Tage gewesen waren, als er monatelang mit Hepatitis krank im Bett gelegen hatte. Und es war nicht einfach schwach, wie er es gewesen war, als er wieder zur Arbeit ging und unter dem Druck einzuknicken begann. Niente war die nicht greifbare Schranke, die ihn jetzt, da er gesund und stark war, wie unter umgekehrten Vorzeichen von der Intimität des römischen Lebens, das er Robert und andere genießen sah, ausschloss, so wie die Einsamkeit ihn in New York ausgeschlossen hatte, bevor er verheiratet war.

Die Biblioteca Vittorio Emanuele II war ein Notbehelf für die Nachforschungen, die er anstellen wollte. Kurz nachdem seine Frau gefahren war, hatte er um eine Erlaubnis gebeten, das Vatikanische Archiv benutzen zu dürfen. Aber wenn er nicht lange in Rom bleiben würde, konnte er nicht damit rechnen, sie noch zu erhalten, bevor er ging. Ebenso gut konnte er sich mit diesen staatlichen Bibliotheken zufriedengeben, die leichter zugänglich waren. Doch er wollte die Anstrengungen, die er bereits unternommen hatte, um eine Erlaubnis zu bekommen, auch nicht umsonst gewesen sein lassen. Am zweiten Abend nach seinem Spaziergang im Dunkeln nahe dem Campo dei Fiori besuchte er eine Freundin in ihrem Haus zum Abendessen, die für ihn ein Treffen mit einem amerikanischen Kardinal arrangiert hatte, der ihm die Empfehlung geben konnte, die er für eine Erlaubnis des Vatikans brauchte.

Das Wetter war nach dem Schauer in der Befananacht in jenen Zustand umgeschlagen, der in Berichten aus Rom als »heiter bis wolkig« bezeichnet wird. Immer wieder zog der Himmel sich schwarz zusammen. Unwetter entluden sich und formten sich stündlich neu. Dazwischen donnerte es. Die Sonne kam am späten Nachmittag durch. Während Forrest sich umzog, gab es einen herrlichen Sonnenuntergang. Der Himmel klarte auf. Der Mond kam zum Vorschein. Dann, gerade als er sich aufmachte, füllte ein Platzregen die Straßen bis an die Knöchel mit Wasser.

Seine Gastgeberin lebte in einer kleinen Straße mit Neubauten in der Nähe des Piazzale delle Medaglie d'Oro. Der Bus, den er genommen hatte, überquerte den Fluss und fuhr eine lange, von Bäumen gesäumte Straße mit einem beleuchteten Brunnen in der Ferne hinauf. Auf der anderen Seite des Brunnens wandte sich die Straße einen Hügel aufwärts in die Dunkelheit, so als führte sie aufs Land hinaus. Dann tauchten neue Wohnhäuser auf.

Forrest hatte bereits am Telefon erklärt, dass seine Frau in die Staaten zurückgekehrt sei, aber er war gezwungen, seine Erklärung zu wiederholen, als er in der Diele seinen Regenmantel auszog. Seine Gastgeberin hörte aufmerksam zu, nahm dann seine Hand, tätschelte sie und führte ihn ins Zimmer, um ihn den anderen Gästen vorzustellen.

Nach dem Abendessen eröffnete ihm der Kardinal, dass, falls man ihm erlauben würde, unveröffentlichte Dokumente zu Giordano Bruno im Archiv einzusehen, was unwahrscheinlich sei, und falls sie noch lesbar wären, was noch unwahrscheinlicher sei, diese in so schlechtem Latein abgefasst sein würden, dass, außer wenn er ein hervorragender Kenner der Tücken mittelalterlichen Lateins wäre, was bei einem nichtkatholischen Laien am allerunwahrscheinlichsten sei, er sie vermutlich ohnehin nicht würde lesen können. Die Reihe von Warnungen des Kardinals wurde heiter vorgebracht, lächelnd, geradezu lachend. Sie endete mit dem Angebot, ihm, wenn er es wünschte, einen begabten und unvoreingenommenen jungen Theologiestudenten zu suchen, der sich hinter der Porta di Sant'Anna auskannte und ihm helfen würde. Dann gab er Forrest die Empfehlung.

Er schickte sie am nächsten Tag ab, zusammen mit einem Brief an seine Frau, in dem er schrieb, dass er daran denke, Rom zu verlassen, und fragte, ob er nach New York zurückkommen solle.

Später kehrte er zu seinen Büchern in die Staatsbibliothek zurück. Sie hielten ihn angenehm in Bewegung. Die Biblioteca Nazionale befindet sich in mehreren Gebäuden über den Teil der Vecchia Roma verstreut, der – voller Devotionaliengeschäfte und Katzen – in der Nähe des Pantheons liegt. Schauern ausweichend ging er von einem zum anderen. Nichts Entscheidendes passierte. Er kam nicht schnell genug voran, um noch irgendetwas zustande bringen zu können, bevor er Rom bald verlassen würde. Ein Buch, nach dem er fragte, konnte bereitstehen, wenn er nach vierundzwanzig Stunden wiederkam. Tat es das nicht, kam er nach achtundvierzig noch einmal. Die Wahrscheinlichkeit, es dann zu bekommen, lag in etwa so hoch wie die, dort anzukommen, wohin er wollte, ehe es regnete: fünfzig zu fünfzig.

An den Abenden warteten in der Wohnung einige unerfreuliche Überraschungen auf ihn. Die erste war ein Antwortbrief seiner Frau. Als sie gegangen war, war er sich sicher gewesen, sie hätte gewollt, dass er sie begleitete. Jetzt schrieb sie, dass sie noch getrennt bleiben sollten. Und sich selbst gestand er ein, dass er Angst hatte, zurückzukehren. Er glaubte nicht, dass, wie er zu Robert gesagt hatte, alles gut werden würde. Er nahm es ihr übel, dass die Streitereien ihm Rom verleidet hatten, und er spürte, dass in der Ehe, wie sie sie gekannt hatten, nichts mehr zu holen war für sie, wenn er zurückkehren würde, ohne etwas geändert zu haben. Doch es verwirrte ihn zu erfahren, dass seine Frau genauso dachte. Statt zu versuchen, ihre Wohnung in New York zurückzubekommen, hatte sie den Leuten, die sie gemietet hatten, gesagt, sie könnten sie für die ursprünglich ausgemachte Zeit von sechs Monaten behalten. Sie würde bei ihren Eltern in Southport wohnen, wo die Kinder schon die ganze Zeit gewesen waren. Danach würden sie besprechen, wie es weitergehen sollte.

In jener Nacht aß er nicht. Die Niedergeschlagenheit kehrte zurück, die er an den Abenden ihrer Streitereien durchlebt hatte, als sie zusammen in Rom gewesen waren. Am Abend vorher hatte er das Abendessen ausgelassen, weil er mit niemandem verabredet gewesen war und keine Lust gehabt hatte, allein zu essen. Als er sich daran erinnerte, ging er mit dem Brief in der Tasche hinaus und lief herum. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen, eines der Restaurants zu betreten, an denen er vorbeikam. Schließlich stieg er die Treppe von der Piazza del Popolo zum Pincio hinauf und ging am Villa-Borghese-Park vorbei zur Via Veneto, wo er am Tresen einer Bar stehend einen Negroni trank. Nach zwei Drinks wusste er, dass er gehen und etwas essen sollte, weil er sonst betrunken werden würde. Aber als er wieder draußen war, war so wenig an Essen zu denken wie vorher.

Ihm fehlte die Wohnung in New York. Sie war ein Wirrwarr aus großen und kleinen Räumen, vielleicht wenig beeindruckend im Vergleich zu der Wohnung, in der er in Rom lebte, aber er hätte sich gewünscht, in dieser Nacht dort schlafen zu können. Seine Frau konnte ihn nicht länger lieben, wenn sie dorthin nicht hatte zurückkehren wollen. All ihre guten Momente knüpften sich an diese Wohnung, und die scheinbar nutzlosen kleinen Zimmer waren zu ihrem Recht gekommen, nachdem die Kinder geboren worden waren. Eins der Zimmer, voll mit Spielzeug, Kleidung und Erinnerungsstücken, hatten sie sogar verschließen können, als sie die Wohnung zur Untermiete vorbereiteten. Und es deprimierte ihn nur noch mehr, sich vorzustellen, dass Fremde auch diesen Raum betreten haben könnten.

Am Morgen trank er Caffè Latte und versuchte seine Frau telefonisch zu erreichen. Die Telefonistin sagte, dass die Verbindung am frühen Abend hergestellt sein würde, ungefähr zu der gleichen Zeit, zu der er am Vortag den Brief erhalten hatte.

Mittags hatte er keinen Hunger und aß nichts, in der Hoffnung, dass Abstinenz seinen Appetit anregen und ihn am Abend hungrig machen würde. Er lief am Fluss entlang, überquerte ihn zunächst über den Ponte Sant'Angelo und dann zurück über den Ponte Garibaldi. Die Vorstellung hineinzuspringen reizte ihn nicht, trotzdem passte das Wasser von den Brücken aus betrachtet zu seiner Stimmung. Er verbrachte dann lange Zeit damit, am oberen Ende der Spanischen Treppe zu stehen und die Regenbecken in den dunklen Schwammlöchern des Travertingesteins zu betrachten. Als er in die Wohnung zurückgekehrt war, sammelte er all die kleinen Teppiche aus den verschiedenen Zimmern zusammen, legte sie unter seine Füße auf den kalten Terrazzoboden im Esszimmer und versuchte, einen Brief zu schreiben, während er auf den Anruf wartete.

In Connecticut war es Mittag. Seine Frau, aufbruchsbereit, um den Tag in New York zu verbringen, sagte, dass es ihr leid täte, dass ihr Brief ihn so getroffen hatte. Trotzdem sei es besser, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Er stimmte ihr zu, aber als er versuchte, ihr zu erklären, dass die ganzen Schwierigkeiten nur ein Missverständnis seien, wollte sie nichts davon wissen.

»Irgendwann ist der Punkt erreicht«, sagte sie, »an dem man nichts mehr hören will.«

»Willst du damit sagen, dass du die Scheidung möchtest?«

»Nein. Es wäre die Lösung für alles, wenn ich die Scheidung wollen würde. Aber das steht jetzt nicht zur Debatte.«

Er fragte, ob er den Kindern Hallo sagen könne. Sie waren mit ihrer Großmutter einkaufen gegangen.

»Ich habe ihnen letzte Woche ein paar Spielsachen geschickt«, fügte er hinzu, »wie die, die wir ihnen zu Weihnachten gekauft haben, nur etwas anders. Ist dein Vater da?«

»Er ist in der Stadt. Hier ist es Mittag, weißt du.«

»Findet er es nicht komisch, dass ich ohne dich hierbleibe?«

»Nein. Ich habe ihm gesagt, dass du dich so besser erholen kannst.«

»Er hat mir nicht mehr geschrieben, seit du zurück bist.«

»Ich werde ihm sagen, dass er schreiben soll. Er sagt, dass er von dir auch nichts mehr gehört hat.«

»Ich wusste nicht, was ich schreiben soll.«

Den Kindern gehe es gut, fügte seine Frau hinzu: Die Ältere hatte einen ihrer Schneidezähne verloren und sah lustig aus; die Jüngere hatte sich so sehr in ein künstliches Haarteil verliebt, dass sie es sogar nachts im Bett trug.

»Geht es dir gut?«, fragte er.

»Ja, es ist alles in Ordnung.«

»Und du bist sicher, dass du nicht willst, dass ich zurückkomme?«

»Ich wüsste nicht, warum.«

»Also gut. Ich weiß noch nicht, was ich mache. Ich schreibe dir. Pass auf dich auf.«

Gerade als sie auflegen wollten, sagte sie noch:

»Pass du auch auf dich auf.«

Die Unterhaltung stürzte ihn in eine Niedergeschlagenheit, die weniger aus Nachdenken, sondern mehr aus einem Durchstreifen von Gedanken, die er schon einmal gedacht hatte, bestand. An Essen war genauso wenig zu denken wie in der vorherigen Nacht. Er empfand nicht das unnatürliche Bedürfnis, sich zu Tode zu hungern, sondern verspürte so wenig den Wunsch zu essen, als wenn er ein Geist oder ein Engel gewesen wäre. Wie eine Boje wurde er von einer Leichtigkeit, einer Art Schwerelosigkeit oben gehalten; Essen wäre wie ein tödliches Gewicht gewesen. Er ging spazieren und versuchte einen Zugang zur Stadt zu bekommen, sagte sich selbst, dass er ohne seine Frau in Rom hatte bleiben wollen. Er sollte es genießen.

Die Nacht war klar und kalt und die Dunkelheit tröstlich. Aber der Wind, der seine Wangen, Stirn und Handgelenke streifte, machte seine Einsamkeit nur größer.

Als Forrest am nächsten Nachmittag den beiden Mädchen durch den Pincio folgte, waren drei Tage vergangen, seit er das letzte Mal gegessen hatte. Oben an der Spanischen Treppe stehend fragte er sich, wie lange er ohne Nahrung aushalten könnte. Er litt nicht an negativen Folgen; nicht einmal sein Magen knurrte. Und zum Essen schien es so wenig Grund für ihn zu geben wie dafür, in Rom zu sein. Er fühlte sich in der Falle. An diesem Morgen war er in den Bibliotheken gewesen, aber er hätte ebenso gut schlafen können. Tatsächlich schien es für ihn genauso sinnvoll zu sein, eine Sache zu tun, wie sie zu lassen. Als er das das letzte Mal erlebt hatte, war dies vielleicht ein guter Zustand gewesen; er war aus Korea zurückgekehrt und hatte, bevor er dann das College abschloss, ein zielloses Jahr im Village verbracht. Aber mit dreiunddreißig sollte ein Leben in geordneten Bahnen verlaufen. Und vor ein paar Monaten hatte es das auch getan.

Er trug ein Kaschmirhemd und ein Shetlandjackett. Die Wärme der Sonne lag ihm so vertraut wie eine Hand auf Kopf und Schultern. Und als er so dastand und den schwarzhaarigen Jungen in dem weißen Regenmantel sah, der zu ihm hinaufkam, sehnte er sich danach, sich selbst zu vergessen und Teil des fröhlichen Treibens um ihn herum zu werden. Die unangenehme Art des Jungen, ihn absichtsvoll zu mustern, war die gleiche wie beim letzten Mal. Wieder hatte er den Gesichtsausdruck eines Menschen, der eine Begegnung beenden möchte. Aber wieder benahm er sich dabei so, als wollte er eine herbeiführen. Als er oben an der Treppe angekommen war, ging er an Forrest vorbei. Der Anblick seines Gesichts wich den gewölbten Linien seines Nackens und der kindlichen Form seines Schädels.

Beim Pincio blieb er an der Balustrade stehen und schaute den Weg hinunter, den er gekommen war. Dann blickte er von der Treppe zu Forrest und wieder zurück. Da war keine Spur von Freundlichkeit in seinem Blick. Es war ein Blick, der eher anklagte als einlud. Etwas darin und auch seine heutige Wiederholung ärgerten Forrest. Er fühlte sich, abgeschnitten von seinem alten Leben und dem Leben in Rom, auch so schon gefangen genug, ohne jedes Mal, wenn er ihm begegnete, von diesem Jungen noch in dieser Weise gemustert werden zu müssen.

Dann ging der Junge, seine Haltung vorsichtig austariert zwischen gleichgültigem Aufbruch und absichtlicher Annäherung, an den Leuten zwischen ihnen vorbei auf Forrest im Sonnenlicht zu. Er hielt den Blick gerade, aber sein Ausdruck wurde nicht weicher oder ließ darauf schließen, dass sich eine Begrüßung dahinter zu formen begann. Und Forrest dachte: Das ist jetzt weit genug gegangen; ich werde dem ein Ende setzen.

Als er sprach, hatte sein »Buon giorno