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Es war eigentlich nur ein Rollerrennen für die Kinder. Aber für Robert war es das Rennen seines Lebens.Hier dufte er schon so viele Erfahrungen sammeln, die er in seinem späteren Leben noch sehr oft gut gebrauchen wird. Die Erzählung beschreibt seinen Kampf als kleiner Mensch,aber dann auch seine Suche nach einem Platz im Leben.Sie erzählt von der schönsten Zeit im Leben, von der Kindheit. Aber auch von den Erlebnissen in einem Land, welches es so heute gar nicht mehr gibt. Sie möge eine Anregung für alle sein, die es so nicht erleben konnten. Aber auch eine Erinnerung an alle, die es inzwischen vergessen haben wie es einmal war. Sie berichtet von Glück und von Trauer, von Verzweiflung und Kampf, von echtem Leben.
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2013
Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt.
Gotthold Ephraim Lessing
Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, bliebt ein Mensch.
Erich Kästner
Berth Mann
Zweieinhalb
Eine deutsch-deutsche Erzählung
Triologie Band 1 Die Rollerfahrt
www.tredition.de
Copyright by Berth Mann Dresden im April 2013
Umschlaggestaltung: Herr Michael Rudolph Leipzig
Lektorat, Korrektorat: Frau Renate Flotow Dresden
Frau Anke Steinbach Dresden
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-3875-0
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Inhaltsverzeichnis:
Kapitel 1 Roberts Roller
Kapitel 2 Das Rennen des Lebens
Kapitel 3 Die Zeit der Madonna
Kapitel 4 Die Eisenstadt
Kapitel 5 Die Rollerfahrt
Ein Rollerrennen, nur eines für die Kinder auf dem Kugelberg. Kein so großes Ereignis, als das es auch nur von den Menschen an anderen Orten wahrgenommen worden wäre. Sicherlich nicht einmal in seiner Geburtsstadt, bei den Schuhmachern und den anderen Einwohnern. Aber für Robert war es sein Rennen, das wichtigste Rennen seines ganzen Lebens. Viele Jahre später wird er erst erfahren, dass diese Stunden in seiner Kinderzeit so wichtig für sein ganzes Leben waren. Er wird erkennen, dass auch ein vermeintlich Schwacher ein Sieger der Herzen werden kann, wenn er sein Ziel richtig findet und mutig dafür kämpft. Er wird in seinem Leben den Erfolg suchen und spät das Glück finden, er wird verlieren und am Ende doch gewinnen. Es wird dann ein Ende und doch auch wieder ein neuer Anfang für ihn sein.
Zweieinhalb ist eine Erzählung die ihnen helfen kann, die wunderschöne Zeit der Kindheit noch einmal zu erleben, die Ihnenen Gelegenheit zum Innehalten, Nachdenken, oder zum Umdenken gibt.
Sie ist aber auch eine Erzählung gegen das Vergessen.
Robert wird in einem Land aufwachsen, was es heute nicht mehr gibt, auch weil es die Menschen so nicht mehr mochten und es die Geschichte dann bald verschluckt hat. Robert suchte sich damals seinen Platz im Leben, um dann später noch vor der Wende doch in eine andere ihm unbekannte Welt zu gehen.
Zweieinhalb ist deshalb auch eine deutsch-deutsche Geschichte von den Wanderungen durch die Zeit vor und nach der Wende und von den Menschen hüben und drüben, von ihren Leben. Sie berichtet von Menschen die in einer Zeit erwachsen wurden, wo noch andere Dinge wichtiger waren, wo von Wohlstand und Reichtum noch keine Rede sein konnte. Sie berichtet vom Leben aus dem verschwundenen Land, so wie die Menschen es dort erlebt haben.
Sie ist also auch Geschenk an all diejenigen, die dies so nicht erleben konnten, an alle die es nicht mehr wissen und eine Hilfe, sich wieder daran zu erinnern.
Mit dieser Erzählung möchte Berth Mann Sie gerne auf eine Zeitreise in die nahe deutsche Geschichte mitnehmen.
Der Autor möchte Sie zurückführen in einen Teil des Lebens, den Sie so oder so ähnlich vielleicht auch erlebt haben.
Mit diesem Buch erscheint der erste Band aus der Triologie:
Zweieinhalb.
In dieser Erzählung widmet sich der Autor der Zeit der beginnenden 60-er Jahre bis hin zum Jahr 1989 im Ostteil Deutschlands. Er berichtet vom Leben und Aufwachsen in einer Welt, die sehr geprägt war von den noch notwendigen Einschränkungen im täglichen Alltag, aber auch von den Sonnentagen, die es überall auf der Welt immer gibt.
Der Autor erzählt im Weiteren von seiner Suche nach dem Platz im Leben, seinen Bemühungen, den Erfolgen, Misserfolgen, von Glück und von ganz schwarzen Tage auf seinem Weg.
Eines Tages wird er aber eine ganz wichtige Entscheidung für sein Leben treffen, er wird dieses Land verlassen wollen. Diese Zeit ist dann eine ganz spannende, und es ist ihm wie vielen anderen nicht leicht gefallen, seinen Wunsch später in die Realität umzusetzen. Auch bei ihm trieb die Stasi ihr gefährliches Spiel, welches damals schon nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.
Dieses Buch möge dabei helfen, dass all die Menschen nicht vergessen werden, die sich mutig für ihr Recht eingesetzt haben, und denen es neben vielen anderen glücklichen Umständen auch zu verdanken ist, das wir heute in Freiheit leben dürfen und dass die Mauer dann im November 1989 endlich gefallen ist.
Berth Mann
Dresden, im April 2013
Robert stand auf der Straße und schaute sich genau die vor ihm liegende Rennstrecke an. Es waren alles Pflastersteine, fest aneinandergefügt und in Reih und Glied eingeschlagen. Sie sahen so einladend aus, weil sie doch so schön ordentlich dalagen. Eine Gefahr konnte Robert nicht erkennen, noch nicht. Es war auch ansonsten ein sehr schöner Tag bisher. Die Sonne stand hell in ihrer vollen Pracht am Himmel, und kein noch so kleines Wölkchen hatte sich herausgewagt. Die Mutter war wie immer früh mit ihm aufgestanden und hatte das Frühstück bereitet. Es gab Bot mit Wurst und auch Marmelade, ganz so wie immer. Auch Milch war noch da. Er hatte sie wie an vielen Tagen von unten aus der Stadt in der Kanne holen dürfen. Das war seine Aufgabe, die Milch beim Milchmann zu holen. Immer zwei Liter und bitte ohne Sahne! Warum eigentlich ohne Sahne, wo sie sich doch sowieso immer wieder als fettige Haut ober drauf setzte?
Die Sahnehaut, die doch so gut schmeckte. Der Milchmann gab ihm die Milch immer in die mitgebrachte Kanne. So eine olle Kanne aus Emaille, die wohl schon immer in der Familie nur zum Milch holen da war. Von der Mutter bekam er das Geld dafür, genau für zwei Liter und immer auch abgezählt. Es war auch nicht nötig, mehr Geld mitzunehmen, denn er sollte ja nur die Milch holen und dann konnte er es ja auch nicht anderweitig ausgeben. Aber das kam für ihn ohnehin gar nicht in Frage, er sollte ja nur die Milch holen. Wenn die Mutter es ihm so aufgetragen hatte, dann war das eben so und nichts weiter. Um in die Stadt und zum Milchmann zu gelangen, musste Robert schon einen weiten Weg gehen. Er musste ganz runter in die große Stadt, denn sie wohnten doch da ganz oben, oben auf dem Kugelberg. Kugelberg, das war ein richtig lustiger Name für die Gegend hier und es war wirklich schön hier oben auf dem Berg, dem Kugelberg. Viele schmucke Einfamilienhäuser gab es, manche auch für die Familien und auch Ämter und Behörden waren dort. Einen Autohandel und einen Friedhof für die Autos gab es dort auch.
Er war genau gegenüber von Roberts Wohnhaus und er konnte so die Autos bald schon nur noch am Geräusch erkennen, musste sie gar nicht erst sehen können. Wenn sie früh losfuhren, oder am Abend spät wieder auf den Hof zurückkehrten, Robert erkannte sie alle. Ob es nun ein altes Auto war, welches sicher schon im letzten Krieg gefahren war, oder eins von den ganz wenigen neuen Modellen: für Robert war das kein Problem. Er erkannte sie alle an ihrem Motorgeräusch. Die Eltern staunten schon darüber, weil er sich nie irrte. Es war immer das richtige Fahrzeug was er dann auf Anfrage benannte und der Vater stimmte ihm immer fröhlich zu, wenn er es einmal überprüfte. Sein Vater Helmut war dabei sehr genau, wie in allen anderen Dingen auch. Bei ihm musste alles seine Richtigkeit und Ordnung haben und er wollte keinen Ärger in allen Angelegenheiten des Lebens. Wenn der Junge einmal ein Mann sein wird, dann solle er es auch so halten wie seine Eltern und dann wird er auch keine Probleme haben. Das wollten sie ihm schon mit auf den Weg geben, ihrem Robert, dem geliebten Sohn. Robert schaute weiter auf die Pflastersteine und konnte immer noch keine Gefahr darin erkennen.
Er, der behütete Junge vom Kugelberg, der jetzt von der Liebe der Eltern beschützt wurde und dem seine eigene kindliche Welt noch erhalten war. Seine Gedanken aber waren jetzt doch ganz weit weg, er dachte an seine Oma Hertha.
Gerne war er immer wieder einmal bei ihr und dem Opa Ernst, dort in der weiten Ferne am Fuße der Berge aus den schwarzen Steinen. Diese Steinberge konnte man schon von Weitem sehen, wenn die Zugfahrt mit den Eltern fast zu Ende ging. Es waren die Halden aus den Resten des Bergbaus, der hier in dieser Gegend schon seit vielen Jahren betrieben wurde. Seit Jahrhunderten wurde hier das Kupfer aus der Erde gewonnen. Schwer war diese Arbeit und mit großer Gefahr verbunden, aber das sollte den Jungen jetzt nicht interessieren. Er freute sich einfach nur auf die lieben Menschen: die Oma, den Opa und auf die vielen Tiere in ihrem Zoogeschäft. Oma und Opa verkauften diese Tiere an die Menschen, die das Licht des Tages doch so wenig sahen wegen ihrer schweren Arbeit im Bergwerk und die gerade deshalb ihre besondere Freude am Gesang der Vögel fanden, oder die gerne den buntschillernden Fischen im Aquarium zusehen mochten. Klein war es schon das Geschäft der Großeltern: aber ein wahrer Ort des Glücks für die Menschen der alten Stadt im Mansfelder Land. Der Laden war aber für alle gut zu finden und befand sich direkt an Markt, mitten im Zentrum der Bergarbeiterstadt. Seit vielen Jahren war er schon dort, immer im Schatten der Stadtkirche gelegen und nahe am Denkmal des großen Reformers. Mit dem rechten Bein voran, so stand er da und sah dem Volk auf dem Markt zu. Prächtig sah er aus, klug und stolz, den Mantel der Geschichte um sich hüllend. Robert dachte gerne an diese schöne Zeit, damals als die Oma die Wanne zum Baden noch selbst richtete. Immer noch kochte sie das Wasser dazu in einem großen Bottich, damit er nicht friere in der Wanne: der Robert, der so geliebte Enkelsohn. Das Ganze war wie eine richtige Zeremonie und das Baden war ein besonderes Geschenk für ihn und er genoss es auch sehr. War doch die Liebe der Großmutter zu spüren, wenn sie vorsichtig mit dem Krug das heiße Wasser nachgoss.
Oder wenn er mitten auf dem Hof baden durfte und wenn die warmen Sonnenstrahlen sich im Tag verfingen, dann kam alles einem großen Zauber gleich und er war jetzt einfach ganz glücklich, der kleine Engel. Seine Oma war wirklich eine gütige Frau, die große Mutter Hertha. Mit ihren warmen Händen gab sie ihm das ganze Glück der Kindheit, den Schutz und ihre ganze Liebe, sowie die Wärme ihres Herzens. Opa Ernst war da nicht mit dabei. Er konnte sich nicht mehr richtig bewegen, weil ihn das Rheuma plagte und seine Knochen schon steif waren. Er hatte in seinem Leben schon viel getan und auch schwer gearbeitet, nun waren seine Knochen steif geworden und dann saß er lieber in seinem Sessel vor dem großen Schreibtisch. Er, der doch sein Leben lang die Hände so fleißig und sorgend für die Familie so oft ins ach so kalte Wasser halten musste, um das zu erhaschen, was seine Fische doch so sehr zum Leben brauchten, Wasserflöhe eben. Damit war es dann aber einst vorbei. Obwohl seine beiden Söhne ihm natürlich oft bei dieser schweren Arbeit halfen, eines Tages konnte er diese Arbeit nun nicht mehr verrichten. Es war zu lange schon zu kalt für seine Hände gewesen, nun waren sie steif vom Rheuma und festgefroren wie im Frost. Seitdem saß er immer da an seinem großen Sessel im Büro und verwaltete von dort aus das Leben und Treiben in seinem kleinen Geschäft. Die Oma hatte von nun an die ganze schwere Last des Haushalts und des Geschäfts zu tragen und die beiden Söhne waren doch auch schon aus dem Haus. Onkel Ernst konnte sicherlich noch ab und zu helfen, aber der Vater war doch so weit weg in der Stadt der Schuhmacher: er konnte es nicht. So saß er also da, der Opa Ernst, vor seinem Schreibtisch aus schwerer Eiche und den vielen Schubladen, wo die Geheimnisse und Genüsse für ihn und manchmal auch für den Enkel versteckt waren. Mit den Talern für den Robert, seinen Zigarren und den vielen unerfüllten Wünschen aus seiner eigenen Lebenszeit war dieser Schreibtisch wie ein Wunderzauber für die beiden.
An manchen guten Tagen war es für das Kind einfach schön, ihn zu fragen nach den Dingen die sich darin versteckten. Was konnte in den vielen Schubfächern denn auch nicht alles enthalten sein...? Es war schon ein großes Geheimnis um alles und der Zauber der Entdeckung lag im Raum. Er wollte es ja nur einmal wissen, was da so alles zum Vorschein kommen könnte und er konnte bald auch so manches Geheimnis lüften, wenn er nur darum bat:
Robert, der so geliebte Junge. Immer bekam er etwas aus dem Zauberreich des Verborgenen geschenkt, immer. Ohne eine kleine Mühe ging es aber auch nie für ihn ab. Einmal durfte er ein Lied vorsingen, ein anderes Mal dem Opa etwas erzählen aus der Welt der Kinder. Robert erzählte ihm von den Schäfen und dem Schäfer, von dem Bahnhofer und von den großen Autos, die doch so laut ihr Brumm, Brumm und Romm, Romm machten, dem Akio singt fein und noch viele kleine Geschichten, die so eben nur ein Kind wiedergeben kann. Dann erst gab er, der liebe Opa. Aber seine Hände hatten schon eine große Mühe, die Schubfächer aus dem alten Schreibtisch zu ziehen und es vergingen so viele erwartungsvolle Minuten, ehe er es geschafft hatte. Doch es war immer auch für ihn so schön, wenn er dem Kind sein Geschenk geben konnte. Manchmal gab es nur Süßigkeiten und manchmal sogar einen richtigen Taler, wie er das Geldstück eben nannte. Einen Taler also, und es war dann doch nur eine Mark, für die er und die Oma doch so schwer gearbeitet hatten. Die Oma gab dem Kind kein Geld, dieses hatte sie nicht so frei zur Verfügung. Da war der Opa davor und der schwere und große Kasten in dem Schreibtisch aus der schweren Eiche. Sie sang ihm dafür lieber die Lieder aus ihrer Kindheit vor, oder erzählte ihm eine schöne Geschichte aus dem Buch der Märchen und Geschichten. Dabei war sie ihm so nahe, wobei das kleine Menschenkind jetzt genau spürte, dass es Liebe und Wärme war, die sie aus ihrem großen Herzen gerne abgab.... die große Mutter Herta, seine Großmutter. Das waren sie, die schönsten Momente des Glücks: inmitten der Tiere und der schönen Tage bei Oma und Opa. Das Kind Robert ahnte noch nicht einmal, wie schnell sie vorbei gehen werden. Nur die schönen Erinnerungen aus dieser Zeit und die lieben Menschen werden bleiben in seinem Leben und für immer in seinen Gedanken, weil es das große Glück seiner eigenen Kindheit war.
Da stand er nun immer noch am Start seines großen Rennens: den Lenker des Rollers fest in der Hand haltend. Dabei war er doch gar nicht so neu und aus Holz war er auch, sein schöner Roller.
Aus hellem Holz war er gebaut und hatte rote Räder. Eines war vorn und zwei waren am hinteren Teil des Rollers angebracht. Am Rahmen befand sich auch noch ein Gummiband. Warum dieses Band nun gerade an seinem Roller angebracht war, das war für Robert schon erst einmal ein Geheimnis. Vielleicht hatte es ein Kind einmal dort angebunden und es waren schöne Erinnerungen in diesem Band? Deshalb ließ er es auch weiterhin an seinem Roller, obwohl er gar nicht so recht wusste, was es zu bedeuten hatte. Oder war da doch ein Geheimnis enthalten, ein Rätsel gar versteckt? Aber er war ja auch so schon sehr stolz auf seinen Roller, denn die Eltern hatten ihn ihm geschenkt. Gespart von dem Wenigen, was sie damals hatten. Es war ja noch eine Zeit, wo es noch nicht so viel gab und der Krieg erst einige Jahre vorbei war und es waren eben noch kein richtig gute Zeit. Seine Eltern waren deshalb mit Recht gehalten, jeden Pfennig gut anzulegen und nicht zu verplempern. Deshalb reichte es für ihn auch nur für einen Holzroller, obwohl die anderen schon einen Roller mit Luftbereifung und einem Metallrahmen besaßen. Aber das war sehr oft bei Robert so, das mit den anderen. Er war froh über seinen Roller und so konnte er doch auch mitmachen bei dem Rollerrennen der Kinder auf dem Kugelberg. Das war doch wichtig und sonst gar nichts. Es gab ja auch keine Vorschriften für die Kinder, aus welchem Material der Roller bestehen musste mit dem sie zum Rennen antraten. Egal, ob es Gummi- oder Ballonluftreifen waren, wichtig war nur, dass alles funktionierte und man eben damit fahren konnte und er flott rollte. Es waren an diesem Tag aber auch wirklich sehr viele Kinder mit Robert gemeinsam am Start des Rennens, welcher genau auf der Höhe des Hauses lag, wo er gemeinsam mit den Eltern wohnte, und alle hatten ihre doch recht unterschiedlichen Roller mitgebracht. In diesem Moment dachte Robert aber wieder einmal gar nicht an sein Rennen. Er dachte jetzt nur an die vielen Autos vom Autofriedhof gegenüber, die er doch alle so genau kannte. Genau neben ihm schienen sie zu rufen: komm, fahr mit uns. Lass die anderen doch mit ihren Rollern... mit uns kannst Du gewinnen. Mit uns wirst DU der Sieger sein! Aber diese Stimmen waren zum Glück für ihn nur ganz leise und so hörte er sie gar nicht richtig. Da hat er schon eine großes Glück gehabt, denn eine faire Sache wäre es ja auch nicht geworden: er mit einem Traumauto bei dem Rollerrennen der Kinder. Zum Vorteil für ihn wäre es aber schon gewesen, denn er konnte doch sogar damit fahren.
Das hatte er oft ausprobiert mit den Autos da auf dem Friedhof. Diese alten Kisten besaßen zwar keine Räder mehr und meist auch gar keinen Motor, aber wozu brauchte er das denn auch? Man musste doch nur: Romm, Romm rufen und die schöne Fantasiefahrt ging schon los. Das viel zu große Lenkrad fest in den kleinen Händen halten und sich immer ganz groß machen, damit er wenigstens etwas durch die Fensterscheibe sehen konnte. Ein oder zwei alte Kissen waren auch immer dort zu finden und wenn Robert die unter den Popo geschoben hatte, konnte er schon fast über die ganze Motorhaube gucken. Der Geruch des alten Leders brachte die Traumfahrt weiter in Gang und die Schalthebel am Lenkrad dann auch noch irgendwie zum tanzen. Warum die dort dran waren, das wusste Robert natürlich gar nicht: aber warum denn auch? Die Fahrt in sein Traumreich ging auch so und ganz einfach los: Romm, Rommromm, Rommmromm. Plötzlich klopfte eine Hand auf seine Schulter und es war dann die Petra, die ihm einen guten Tag sagen wollte. Petra war eine junge Frau und eine Nachbarin aus dem Nebenhaus. Nun wünschte sie ihm erst einmal ganz viel Glück für sein Rennen und wollte ihm auch die Daumen drücken. Das Glück konnte ja nur gut sein für ihn, denn mit seinem alten Holzroller könnte er das bestimmt auch bald ganz gut gebrauchen. So dachte Robert dann im Stillen und er ahnte wohl schon etwas dabei. Die Petra war schon immer gut zu ihm gewesen. Immer wenn er sie auf der Straße traf oder sie im Garten des Nachbarn einmal sah, dann war sie freundlich und schenkte dem kleinen Mann ein Lachen. Sie sah auch sehr schön aus, mit ihrem Pferdeschwanz und ihrem neuen Petticoat. Das war jetzt modern und alle jungen Frauen trugen das damals so. Die vielen Unterröcke waren ganz fest von der Stärke und es waren wohl sogar mehrere Teile übereinander. So richtig war das dem kleinen Robert noch nicht ganz klar, aber er war ja auch kein Mädchen und er besaß doch seinen Holzroller, den Schönen mit dem Gummiband daran. Früher hatte er die Petra auch schon einmal in der Stadt getroffen. Damals war er nicht zum Milch holen dort, sondern einfach nur so, weil doch dort die Musik war. Die Musik von einer Blaskapelle oder von einem Spielmannszug war dort, das hatte Robert auf seinem Kugelberg doch ganz deutlich gehört.
Es klang so schön für ihn und er wollte nun auch gerne mit dabei sein, bei der Musik und den fröhlichen Leuten. Deshalb ist er einfach zu der Musik hingegangen, hinunter in die Stadt, weg von zu Hause und seinen Eltern hatte er damals leider nicht einmal Bescheid gesagt. Es war dann doch wieder ein weiter Weg in die Stadt, den Robert aber ja schon ganz gut vom Milch holen kannte. Viele Stufen musste er hinuntersteigen, dann die letzten Treppen hinab, durch den Park vom Schusterjungen gehen und dann die Musik suchen. Nur konnte er hier gar keine Musikkapelle finden: hier nicht und woanders auch nicht! Eben war doch hier sicher noch die Musik, dachte Robert, er hatte sie doch ganz deutlich gehört! Eben war sie doch sicher noch hier... eben noch!? Oder? Wie aus dem Nichts heraus kam aber erst einmal die Petra damals auf ihn zu und nahm den kleinen Luftikus an die Hand. Sie gingen dann gemeinsam wieder hoch auf den Kugelberg, nach Hause. Der Rock von der Petra schaukelte auch so lustig im Wind und die Welt schien für den kleinen Mann jetzt wieder in Ordnung zu sein. Robert fand sie sowieso sehr nett, denn meistens hatte sie auch immer wieder einmal einen Bonbon oder eine Süßigkeit bei sich, die sie dem Kind dann gerne gab. Nur heute gab es nichts... nur dann zu Hause! Da kam dann das fürchterliche Erwachen für das Kind. Die Eltern waren sehr in Sorge gewesen und hatten ihn schon auf den gesamten Kugelberg gesucht. Von der Musik wussten sie ja nichts und erzählt hatte Robert ihnen ja auch weiter nichts davon...er war einfach losgezogen, der ungezogene Sohn.
Jetzt gab es aber Haue vom Vater, und wie! Auf den Hosenboden und auch noch extra auf den nackigen PO... Aua, aua, aua. Das war aber auch das einzige Mal, das der Vater so etwas machte und verbockt hatte Robert sich das ganze sowieso selbst. Wie konnte er denn auch nur nicht fragen und einfach losziehen, also nein!
Noch war das Rennen der Rollerkinder aber immer noch nicht im Gange und Robert war sowieso mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders. Gerne würde er jetzt viel lieber mit den Kindern aus seinem Haus oder mit den Nachbarskindern spielen, als hier herumzustehen und zu warten.
Im Garten, oder auf dem Haufen von Reisig mit den Blättern von dem alten Baum würde er doch eigentlich jetzt viel lieber sein. Dort war es doch immer so schön. Da könnte er wieder mit den kleinen Spielzeugautos herum fahren, das andere Spielzeug herausholen aus seiner großen Kiste, oder sich verstecken in dem schönen Garten. Die Mutter war da auch immer gleich in der Nähe und wenn es Mittag war, brauchte sie nur vom Balkon zu rufen: Robert, das Essen ist fertig. Komm hoch zum Essen Robert, bitte, bitte komm!
Aber das Spiel war doch immer so schön und die Mutter musste meistens öfter rufen, ehe Robert den Traumzaubergarten verlassen wollte.
Seine ganze kleine Welt hatte hier ihren Platz und so manches Geheimnis wurde dort von den neugierigen Kinderaugen entdeckt, so spannend waren die Dinge. Er wollte oft nicht gleich zurück zur Mutter: erst noch spielen, bitte noch ein wenig spielen, bitte liebe Mutter! An manchen Tagen hatte er besonders viel Glück. Das waren diese schönsten Tage, wo die Nachbarstochter in ihren Garten ging und Robert und andere Kinder auch mitkommen durften. Dieser Garten war noch viel größer, als der von Robert hinter dem Haus. Aber es war ja auch der Garten vom Tierarzt Thathe, ihrem Vater, und der war deshalb sowieso schon einmal größer und ein Badeschlammteich war dort auch. Aber schön war er auch wirklich, sogar sehr schön mit den großen Bäumen und der ganzen blühenden Natur im Frühling und Sommer. In dieser Zeit waren die Kinder immer besonders gerne hier, dann wenn die Sonne ganz hoch am Himmel stand und ihre warmen Strahlen auf die kleinen Kinderkörper trafen und die Kinder baden durften. Wenn man das so nennen will, denn eigentlich war die kleine Wasserfläche eher ein Schlammteich,
als ein größerer See. Weil doch aber die Sonne es oft zu gut meinte an manchen Tagen, war das alles den Kindern ziemlich egal. Das wenige Wasser war ganz warm und es war eine reine Freude für die Kinder, hier zu plantschen und mit dem Wasser herumzuspritzen. Niemand brauchte aufzupassen, das etwas dreckig wurde, denn alle Kinder waren doch sowieso ganz nackig. So wie sie auf die Welt gekommen waren: nackelig, unschuldig und kinderwunderschön.
Bei der dann immer stattfindenden Schlammschlacht batzten die Treffer nur so an die kleinen Kinderkörper und es war so schön warm und glitschig. Es rutschte sich dort auch ganz prima den kleinen Hang hinunter und so war es für die Kleinen immer eine besondere Freude, dann mit dem blanken Popo dort ihre Rutschfahrt zu veranstalten. Hurra, das war Glück: Kinderglück! Im Tierarztgarten konnte man das noch machen: spritzen, plantschen und mit dem Schlamm nach den anderen werfen und es hat gar keinen gestört. Dort war noch ein Ort des Friedens und des Glücks. Warum sollte es auch stören? Es waren doch Kinder und die durften das eben tun in ihre Kinderwelt,
die noch nicht von den Normen der Erwachsenen geprägt war, zum Glück für sie. Sie waren einfach nur frei und glücklich in diesen schönen Tagen der Kindheit und es war bestimmt ihre schönste Zeit in ihrem ganzen Leben, ganz bestimmt. Wenn der alte Tierarzt dann am Abend auch in seinen Garten kam, hatte das Stündlein für die Kinder geschlagen, denn es wurde nach Hause gerufen. Es waren immer sehr schöne Stunden im Tierarztgarten, die aber leider doch viel zu schnell vergingen. Aber in der Kinderwelt liefen die Uhren zum Glück noch anders...langsamer, viel langsamer und dennoch immer noch viel zu schnell.
Zu schnell war es vorbei das kleine Kinderglück, viel zu schnell...!
Seit Robert nun hier am Start stand waren schon einige lange Minuten vergangen. Viele Kinder sind noch dazugekommen und auch die Straße füllte sich langsam mit den Bewohnern vom Kugelberg. Vielleicht waren sogar einige Leute aus der Stadt hier her gekommen, wer weiß es genau? Die Menschen waren heute ganz leicht bekleidet, denn es war Sommer und die Sonne meinte es an diesem Tag ganz besonders gut mit allen. Viele Leute schwitzten schon ganz mächtig und es lag dazu noch ein besonderer Hauch von Abenteurer und Spannung in der warmen Luft. Wie verzaubert waren die Menschen. Gespannt in ihrer Erwartung auf das Rennen und in froher Hoffnung, dass ihr kleiner Liebling doch dann gewinnen möge. Da gab es noch den einen und anderen Tipp von den Eltern und Verwandten: mach es so, oder eben so, damit du der schnellste und der Sieger wirst.
Da wurde fix noch einen Schluck aus der Teekanne oder der Limoflasche genommen und auch so manches Kraftbrot wurde auch noch schnell von einigen Kindern gegessen. Was sollte es denn auch, das war erlaubt und so mit Durst oder einem knurrenden Magen konnte das ja sowieso nicht gutgehen mit dem siegen. So war es also besser für die kleinen Kindersportler, gut so! Die Verantwortlichen waren auch noch sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt. Da gab es noch hier und da etwas zu begutachte, zu verbessern und vor allem war die kindliche Vorfreunde im Zaum zu halten. Was wollten die kleinen Racker dann aber auch alles wissen, so viel. Vor allem war bei ihnen dieses typische kindliche Interesse und ihre Neugier zu spüren. Sie waren so gespannt auf das Kommende. Die kleinen Menschenkinder waren ganz aufgeregt und hibbelig, wie in einem Armeisenhaufen ging es jetzt hier zu. Es war aber eine ganz echte und ehrliche kindliche Vorfreude. So schön, wie sie eben nur in der Kinderwelt sein kann und ist. So ähnlich wie zu Weihnachten, oder eben so, wie es überhaupt nur die Kinder empfinden können in ihrer kleinen Welt aus Fantasie und Träumen. Da wurde geschaut was das Nachbarkind macht... was ging da vor, was ist dort los. Was war das und vor allem: wann ging es nun endlich bald los! So spannend war das Ganze, so spannend, aber immer noch nicht wurde der Start freigegeben, noch lange nicht. Robert schaute sich deswegen nun noch einmal um und wollte nach seiner Mutter sehen. Bei ihrer vielen Arbeit hatte sie sich doch die Zeit genommen und wollte hier sein bei ihrem Jungen, um ihn zu unterstützen. Er wird doch ein gutes Rennen fahren, vielleicht sogar unter den Siegern sein...so dachte es die Mutter Gisela doch ganz bestimmt, ganz bestimmt!
Damit sie hier mit dabei sein konnte, mussten nun ihren anderen Arbeiten eben einmal warten, das geht schon einmal. Für die fleißige Mutter gab es aber auch immer so viel zu tun. Da war das essen zu bereiten, die Wohnung zu putzen, die Wäsche zu waschen und dann war ja da auch noch das Baby, die Anke. Am Anfang hatte Robert die Eltern auch gleich gefragt, ob DIE jetzt für immer hier bleiben und auch mit hier wohnen würde. Hier in seiner Wohnung, wo er doch mit den Eltern lebte und bisher auch ganz gut damit klar gekommen war und wozu brauchten sie jetzt überhaupt noch ein Baby?
Das machte doch sowieso nur Krach und beschäftigte die Mutter den ganzen lieben langen Tag. Da war sie dann nicht nur für den Robert da, denn das Baby hatte immer Hunger und das war wohl wichtiger. Aber das Anke-Baby war ja noch so klein und deshalb verstand Robert später dann auch alles ganz richtig, sie brauchte noch die Liebe und die Hilfe der Mutter. Genau so, wie es einmal bei ihm gewesen war, als auch er ein Baby war und noch ganz klein. Nun war sie also hier und bleib sowieso weiter hier, da gab es nichts daran zu rütteln. Nun gut, dann war es eben so, das dachte Robert dann. Was sollte es denn auch? Ihn konnte das sowieso gar nicht störten, denn er war ja schon ein großer Junge und er hatte doch auch seinen Roller, den Schönen!
Als Robert jetzt wieder nach der Mutter suchte, war sie plötzlich gar nicht mehr da. Er war doch so stolz, dass auch seine Mutter mit ihm bei dem Rennen war, und nun war sie einfach nicht mehr da? Bestimmt war für sie die Arbeit wieder wichtiger, oder das Baby brauchte sie: die Flasche geben oder die Windeln waren zu wechseln, egal. Oder der Vater hatte sie gerufen, denn er war an diesem Tag auch zu Hause. Heute war eigentlich ein Tag ohne Arbeit, aber den gab es ja für den Vater sowieso nie. Er war immer am arbeiten und wenn es auch an einem Feiertag war. So einem Tag wie heute, also an einem Tag ohne Arbeit... aber der fleißige Vater war immer am arbeiten und studieren. Bereits in seiner Kindheit war er mit den Hilfen für das kleine Zoogeschäft schon kräftig ausgelastet gewesen, denn er musste mit seinem Bruder gemeinsam immer die frischen Wasserflöhe holen, dort aus dem Weiher bei der Stadt. Da die Hände seines Vaters es nicht mehr konnten, mussten sie bereitstehen und helfen. Das war doch für die beiden Söhne auch selbstverständlich, obwohl es wirklich eine schwere Arbeit war. Für den Vater Helmut galt es damals also, an jedem zweiten Tag hinaus zu fahren mit seinem alten Rad, um die Wasserflöhe mit dem Käscher aus dem Stadtweiher zu fischen. Aber es ging ja wirklich auch nicht anders, denn die Fische brauchten einfach ihre Nahrung und die Leute in der Bergarbeiterstadt freuten sich ja doch so auf sie und ihre bunten Farben. An manchen Tagen wäre er bestimmt schon lieber mit den anderen Kindern durch die Stadt gezogen, wollte auch herumtollen, sich verstecken, den Regenbogen jagen oder einfach nur den Wolken zusehen, wenn sie sich als Schäfchen am Himmel bildeten. Er wollte bestimmt auch die Farben der Sonne im Tal des Regens suchen und das eigene Glück der Kindheit erleben, aber, es war damals eben eine ganz andere Zeit in der Kinderzeit des Vaters. Deshalb war es zu verstehen, dass er in seinem späteren Leben die Tiere nicht so mochte. Die Tiere konnten zwar nichts dafür, aber sie haben ihm wirklich seine Zeit gestohlen, die schönsten und glücklichsten Tage in seiner Kinderzeit, sein kleines Kinderglück. Auch der Krieg beendete seine Kinderzeit schon vorzeitig. Als er noch ein ganz junger Mann war, musste er gleich schon ein Soldat sein, ein Waffenträger und Krieger. Wie die ganz Großen, die Starken und Helden aus den Zeitungen und Büchern der damaligen Welt. Weggehen von zu Hause musste er bald, in die Ferne und in den Krieg. Weg von den Eltern und dem Bruder Ernst, weg von der friedlichen Welt der Bergarbeiter. Dabei war er doch gerade erst dabei gewesen seine Welt zu entdecken und das Spiel des Lebens. Nun waren der laute Knall der Geschosse, die Granatenexlosionen und der Donner der Kanonen seine Begleiter geworden.... und bald auch die Angst. In seiner Kinderwelt war doch noch alles so still, so friedlich und leise gewesen: damals im zu Hause. Alles war dort ohne Angst, im Frieden und von der Liebe der Eltern beschützt. Nun waren die Eltern aber ganz weit weg und die schönste Zeit der Kindheit ebenfalls. So kam die Angst in sein Herz und bereitete seiner Seele sehr viel Schmerzen.
Diese Angst vor dem Donner und dem Knall, die sich wie ein Tuch aus Blei über ihn legte, ihn fast erwürgte und ohnmächtig machte... diese böse Angst. Die donnernden Kriegsmaschinen haben die jungen Jahre und später noch das ganze Leben des Vaters sehr geprägt. Als er später ein Mann und Vater wurde, dann wollte er es nicht zulassen, dass seine Lieben damit auch nur je konfrontiert wurden. Er wollte es nicht, dass seine Kinder es auch so erleben müssten, das wolle er wirklich gar nicht. Er hatte es ja erleben müssen wie seine Kindheit gestohlen wurde von der schwarzen Nacht, seine schöne Kinderzeit, für immer!
Robert sah jetzt seinen Vater vor sich, ganz genau sah er ihn. Wie er fleißig beim lernen war, am studieren für das Leben. Für ein schönes Leben, ohne das kalte Wasser im Weiherteich und nur mit viel Sonne und Wärme. Für ihn tat er das, für ihn seinen geliebten Sohn. Er wollte es nicht, dass seine Kinder es so erleben sollten, wie er es in seiner Kindheit erleben musste. Sie sollten keine Angst haben vor dem lauten Krach der Kriegsmaschinen und vor der dunklen Nacht.
Das wollte er auf gar keinen Fall zulassen, der gute Vater Helmut. Dafür war er fleißig am arbeiten und lernen, bis in die späten Stunden des Tages. Es war oft schwer für ihn, jeden Tag an den Plänen für das Morgen zu arbeiten, um dann an den Abenden auch noch die dicken Bücher zu wälzen. Für ihn gab es fast gar keine freie Zeit: er lernte weiter und immerzu. Auch wenn die Sonne schon den Tag verlassen hatte, immer weiter lernte er für die Zukunft und für das Glück seiner kleinen Familie. An manchen Tagen, kaum dass der Morgen graute, kam auch öfter ein Auto angefahren, um den Vater abzuholen. Dann musste er an einem fernen Ort arbeiten. Der Vater wurde dort gebraucht, war dort unabkömmlich, und er war meistens mehrere Tage weg vom Zuhause und von der Familie. Oft war das so. Aber es musste wohl so sein, weil es so wichtig war für seinen Beruf und für die Zukunft, auch wenn er bestimmt viel lieber bei den Kindern und seiner Frau zu Hause geblieben wäre. An einigen wenigen Tagen war das sogar manchmal der Fall, der Vater war zu Hause. Dann war er immer so glücklich, denn es waren die Tage, die auch für ihn und die Familie da waren und wo auch Zeit für sie da war. Endlich konnte er einmal mit dem Robert spielen, ihn auf den Arm nehmen oder mit ihm gemeinsam mit der Eisenbahn spielen und zusehen, wie sie ihre Runden drehte. Oder im Winter, wenn sein Bruder Ernst mit seiner Familie manchmal zu Besuch war, dann ging es endlich auch einmal hinaus in den Schnee. Da wurde dann eine Schneeballschlacht geschlagen, wobei der kleine Robert dabei natürlich immer den Kürzeren zog. Das war ja auch ganz klar, denn er war ja noch kein Mann und so groß wie die Erwachsenen. Aber, es war ja auch nur ein Spiel und so sehr der kalte Schnee an den Händen und im Gesicht auch weh tat, so war es doch ein großer Spaß für alle.
Oder, wenn sie mit dem Hörnerschlitten den Berg herab gesaust sind, es war immer ganz viel Freude und ein großes Glück mit dabei. Eine reine, ehrliche Freude war in ihnen zu spüren, wenn sie die weißen Kristalle zu den Schneebällen formten, sich gegenseitig damit bewarfen und selbst wenn der Robert dann auch schon einmal eingeseift wurde, es war doch schön und alle hatten ihren Spaß, auch für den Vater war das schön. Richtig Kind zu sein und herumtollen zu können, wie hat er es sicherlich an vielen Tagen einfach vermisst. Hier hatte er dann wirklich ein großes Glück, weil er so doch wenigstens ein bisschen seine verlorene Kinderzeit für einen ganz kurzen Moment wieder finden konnte. Die Schneeballschlachten erlaubte der Vater auch, denn diese waren ja ohne den Donner und den großen Knall. Diese Spiele waren dann auch für ihn so schön, obwohl es nur ein kurzer Augenblick im Leben war: aber es war Glück! Vaterglück...und das war mehr als verdient für den fleißigen Vater Helmut mit der viel zu kurzen Kindheit.
Eine ganz besonders schöne Zeit für die Familie waren auch immer die Wochen um das Weihnachtsfest herum, die ach so glückliche Zeit für die Kinder und die guten Seelen. An den Tagen mit so wenig Licht, aber um so mehr Helligkeit und Wärme in den Herzen der Menschen, die in den anderen Zeiten des Jahres viel zu oft fast verloren waren. Es war die Zeit mit den Träumen von den Geschenken: von der neuen Eisenbahn, den anderen Spielzeugen, den Kuscheltieren und mit den wohlfeinen Düften aus Mutter Giselas Küche, mit den strahlenden Kinderaugen und dem Funkeln der Kerzen am Baum des Lichts und der Vorfreude auf das Kommende. Wo in dieser Zeit so viel Glück und Wärme in den Menschen war und so viel Schönes für die Kinder. Eine wirklich göttliche Zeit, eine glückliche...wie schön, ach wie schön! Robert saß zu dieser Zeit immer ganz besonders gerne in der Küche, da unter dem Küchentisch auf der Querstange. Dort war er mitten drin und konnte alles beobachten was nun an Wunderdingen in diesem Zimmer geschah, neugierig war er ja schon. Da war er auch sicher, dort unter dem Tisch und das hatte sicher auch nur Vorteile. Robert hatte aber mit Weihnachten inzwischen so seine eigene Erfahrung gemacht, und zwar die mit den Stollen. Die Mutter gab sich immer um die Weihnachtszeit eine ganz besondere Mühe, diese Wochen mit ihrer ganzen Liebe auszufüllen. Da wurde der Kranz mit Kerzen geschmückt und in den Zimmern wurden die besonderen Zeichen der Weihnacht angebracht. Der Weihnachtsbaum wurde dann später vom Vater besorgt und am heiligen Abend geschmückt, das war immer eine ganz besondere Prozedur.
Da durfte ihm keiner helfen und wenn es doch einmal so war, dann ging es auch gleich schief. Einmal dufte Robert den sperrigen Stamm sogar halten, weil der Vater noch da und dort ein Spänchen abhacken wollte. Das Beil traf aber leider nicht nur den Baum, sondern Roberts Finger war auch dazwischen. Das hat vielleicht geblutet und das Geschrei war schon groß...wer war schuld? Der Vater natürlich nicht und Robert war sich auch keiner Schuld bewusst: Männer eben! Die Wunde musste natürlich gleich ärztlich versorgt werden und damit war sein Fingernagel auch nicht mehr zu retten: oh du Fröhliche!
Nun aber wieder zurück zu den Stollen: schon seit Tagen war von der Mutter alles zum Stollen backen vorbereitet worden, so manches eingekauft, damals wo es doch so vieles einfach nur ganz schwer zu beschaffen war. Aber dann war es eines Tages soweit, alles war eingekauft und alles war beisammen für den Teig und die drei Stollen. Der Bäcker in der Stadt gab den Termin zum backen vor und Robert durfte auch mitgehen, zum Stollen-Bäcker. Genau so, als wenn es eben gerade gewesen wäre, so sah er jetzt die schönen Stollen vor sich liegen: die gerollten Teige mit den Rosinen, Mandeln und Sultaninen und mit den Weihnachtsträumen darin. Sie dufteten und rochen so gut, so wie ein Konzert der Sinne, welches es eben nur zur Weihnachtszeit gibt. Es war auch eine wirklich schwere Arbeit, die Stollen erst einmal zu backen und danach mussten sie auch noch durch die halbe Stadt getragen werden, nach Hause und hoch auf dem Kugelberg. Zur Sicherheit stellte die Mutter die Stollen ganz hoch auf den Schrank, denn sie wollte doch nicht, dass etwas passiert damit. Auch sollten sie noch auskühlen, da auf dem Schrank, der doch so unerreichbar schien... so hoch, so hoch. Da lagen sie nun dann da auf dem Schrank, unerreichbar fast... ja fast! Aber der Schrank stand im Schlafzimmer und dort schlief auch der Robert, wenn er dann schlief.
An schlafen war an diesem Tag für ihn aber gar nicht zu denken, rochen die Stollen doch so gut, so sehr nach der Weihnacht und dem Glück. Besonders die Rosinen waren für Robert sehr interessant, wo sie doch der eingefangene Sonnenschein waren und das Geheimnis des Sommers kannten. Er konnte ja dann eigentlich auch gar nicht anders handeln, bei dieser ach so großen Verführung. Er konnte doch nichts dafür, er doch nicht! Wie konnte man denn auch die noch warmen Stollen genau in das Zimmer stellen, wo der Robert schlief... also Mutter, nein! Das konnte nicht gut gehen und ging natürlich auch nicht gut, da wurde aus den Stollen bald ein Käse mit vielen Löchern darin. Am nächsten Morgen gab es dann aber die Bescherung dafür, und was für eine! Die Mutter weinte auch so sehr um ihre schönen Stollen und Robert war wieder einmal der Böse. Aber die Stollen waren ja noch da, nur die Rosinen eben nicht mehr. Na ja, der Robert also wieder einmal... der sonst so liebe Junge.
So etwas ist dann später auch nie wieder passiert. Sicher weil die Mutter daraus gelernt hatte und die Stollen nie wieder in Roberts Zimmer deponierte und damit die Gelegenheit einfach nicht mehr wiederkam. Aber auch deswegen, weil es die schönste Zeit der Kinderweihnacht nur einmal im Leben gibt und sie so schnell vorbei geht, so schnell.
Nun sollte das Rollerrennen aber doch bald beginnen. Die Kinder warteten schon so lange, aber bei den Verantwortlichen tat sich immer noch nichts. Robert sah sich wieder einmal nach seinen Eltern um, aber sie waren nicht da, nur den Herrn Maier konnte er sehen, seinen Hausnachbarn. Den Herrn Meier kannte Robert ganz gut, wohnte er doch mit seiner Frau in einer Nebenwohnung auf der gleichen Etage. Robert war oft bei den Maiers gewesen. Sie hatten keine eigenen Kinder und um so mehr war es ihnen eine Freude, dem Robert beim spielen zuzuschauen oder ihn manchmal in ihre Wohnung einzuladen. Es gab dort vieles, was sie dem Kind zeigen konnten und es gab auch immer Brote, oder oft sogar ein Stück Kuchen zu essen. Der Herr Meier konnte auch sehr spannende Geschichten aus seinem Leben erzählen und er besaß eine Menge Dinge und Sachen, die Robert von seinem Vater bisher noch nicht kannte. Besonders die bunten Briefmarken aus vielen Ländern der Welt waren damals so interessant für den Jungen.
Da gab es welche mit dem Kaiser Wilhelm darauf, dann gab es welche mit einem Führer und auf den neuen war ein Herr Ulbricht oder ein Stalin darauf, alle schön eingereiht nach der Zeit im Album der Briefmarken. Auch gab es viele mit Tieren darauf und besonders schön fand Robert die Marken aus Brasilien mit den bunten Schmetterlingen. Brasilien? Amazonas? Damals waren es für das kleine Menschenkind noch so fremde Welten und erst viel später in seinem Leben wird Robert einmal dort sein können: in Brasilien und am Amazonas, von wo er die bunten Schmetterlinge dann auch selbst mit nach Hause nehmen konnte. Dann wird auch er einmal im Amazonas-Fluss schwimmen können und in die Hütten der Indios im Urwald krabbeln dürfen...aber wirklich erst ganz viel später in seinem Leben. In seiner Kindheit war das ein unvorstellbarer Traum und so bleib er lieber bei dem Herrn Meier und in seiner Welt mit den Briefmarken und den leckeren Broten. Er liebte diese Welt aus den 100000 Fragezeichen und er war wirklich sehr gerne dort, immer wieder einmal. Der Herr Meier zeigte dem Kind auch die Geldscheine aus der Zeit der Inflation. Es waren ganz große Papierscheine mit sehr vielen Zahlen und Nullen darauf:
Einhundert-Billionen-Mark, so stand es für das Kind da so geschrieben und es konnte damit überhaupt noch nichts anfangen, ja nicht einmal die Zahlen lesen. Das war doch für ihn nur ein Papier, schön bunt zwar: aber was konnte man denn sonst noch damit anfangen? Für die Menschen bedeutetet das Geld anscheinend viel mehr und man konnte sich etwas dafür kaufen. Aber für das Kind waren doch die bunten Murmeln jetzt so viel wichtiger, die konnte man wenigstens mit den anderen Kindern tauschen und vielleicht sogar einmal eine große Glasmurmel dafür bekommen, dafür brauchte man doch kein Geld! Warum war es aber für die großen Menschen so wichtig, warum wollten sie so viel wie immer möglich davon besitzen? Warum nur? Für ihn als ein Kind war es doch immer nur Papier, schön bunt zwar, aber ansonsten von keinem so großen Wert. Am besten konnte man daraus die Papierflieger basteln und sie dann durch die Lift sausen lassen, da hatten die Bastler wenigsten eine kleine Freude daran. So war es auch genau richtig: die Tausend-Billionen-Geldscheine-Flieger durch das Zimmer schwirren lassen, so war es schön.
Das war wirklich eine gute Idee von den beiden und so war es ein Glück für sie, die Papiergeldflieger immer wieder einmal zu basteln und dann starten zu lassen. So brachten sie wenigstens Freude und Glück auf die Welt und das ist ja bei den Billionengeldscheinen meistens gar nicht der Fall. Heute würde Robert auch so oft lieber die Geldscheine als Papierfliegern verwenden, denn im vielen Geld steckt wirklich gar kein Glück.
Er bekam es damals geschenkt und konnte begreifen was Billionen-Geld bedeutet: nichts als papierne Träume, nichts weiter. Es ist wirklich nur buntes Papier, welches man am besten zu kleinen Flugzeugen verarbeitet und es in die Luft schickt. Hin zu den Träumen vom großen Glück und der Sonne, den Traumhäusern, Booten und Diamanten. Aber: dort kommt es ja nie an, denn es ist wirklich nur Papier und sonst gar nichts, nichts! Aber auch das ist nur ein Wunsch aus seiner Kinderzeit, den Tagen der Kindheit mit der Traumzeit und den schönen Stunden im Glück. Seine Billionen-Geldscheine von damals sind heute alle nicht mehr da, alle verloren und von der Zeit geschluckt und das ist dann auch wieder einmal ganz gut so.
Immer noch warteten die Kinder nun auf den Beginn des Rennens und auch für Robert wurde die Zeit immer länger. Irgendetwas schien aber immer noch nicht in Ordnung zu sein und die Verantwortlichen konnten sich deswegen nicht entscheiden nun endlich das Rennen freizugeben. Robert wurde langsam etwas traurig, sollte es doch sein Tag sein und sein Rennen und es wollte und wollte nicht anfangen. Aber, alles hat immer auch etwas Gutes und so versank er wieder in seinen Gedanken aus seiner Traumwelt.
Gerne hätte er jetzt auch seine Tante Trude mit hier gehabt. Aber sie war schon zu alt, um den weiten Weg auf dem Kugelberg zu gehen, das konnte sie nicht mehr. Sie wohnte ja auch ganz unten in der Stadt, mitten drin auf der Klosterstraße in einem ganz großen Haus, gleich neben der alten Stadtmauer. Bei ihr war Robert auch immer gerne gewesen. Da waren immer so viele Krüge und Ballons aus Glas mit den Früchten des Jahres darin, die sich dann zu Saft oder Wein verwandelten. Manchmal blubberte es sogar von den Gasen der Verwandlung und Robert war von dem ganzen Prozess schon recht beeindruckt. Das alles waren für ihn so interessante Dinge, denn neugierig war er als Junge dann schon. Was passierte da, und vor allem: warum? Die Tante hat es ihm auch richtig erklärt, aber für den kleinen Mann waren dann da doch besser wieder einige fleißige Zwerge am Werk, die diese Arbeit verrichteten: Kinderfantasie eben. Das Ganze gab den Besuchen immer etwas spannendes und abenteuerliches, so dass Robert jedes mal eine große Freude hatte, wenn er die Tante Trude besuchen durfte. Ihre Zimmer waren wie die aus dem Märchenland, so wie die aus den Büchern mit den Geschichten aus der Vorzeit, so spannend und geheimnisvoll. Manchmal konnte er er auch mit dem Onkel Karten spielen. Mit den ganz alten Karten, die bestimmt schon 100 Jahre alt waren und wo besonders interessante Bilder darauf waren. Soldaten aus der Zeit wo es noch einen König gab waren darauf und so manch recht rätselhaftes Symbol, dessen Bedeutung Robert gar nicht richtig erkennen konnte. Aber ganz so wichtig war das dann ja auch wieder nicht, wollten die beiden Männer doch sowieso nur Mau-Mau spielen und diese Regeln hat Robert dann auch schnell verstanden. Manchmal gewann er sogar ein Spiel und er hat es wirklich nie bemerkt, dass der Onkel ihn einfach mal gewinnen ließ, der gute Mensch. Dann gab es da auch noch ein ganz besonderes Klo, da in dem alten Haus der Tante Trude in der Klosterstraße. Diese Haus war ja auch noch viel älter als die Tante Trude und da gab es eben noch keine Wasserspülung auf dem Klo, das war dort eben noch so. Immer wenn einer mal musste, dann durfte erst einmal aus der Wohnung gehen und die halbe Treffe hinabsteigen, um zu dem Klo zu gelangen. Bei dem kleinen Geschäft war es ja dann auch gar kein Problem, dass klappte ohne Probleme. Aber wenn es mal etwas Großes war, dann machte es eben Plumbs auf dem alten Klo, ach wie lustig. So war das eben bei der Tante Trude und auf dem Plumbsklo. Da die Tante auch schon so alt war, konnte sie inzwischen gar nicht mehr gut gehen. Ihr Rücken war schon ganz krumm von der vielen Arbeit und vom Obst pflücken. Das wollte sie immer noch selbst tun, denn die vielen Krüge und Ballons mussten doch mit den Früchten des Jahres gefüllt werden, wirklich eine schwere Arbeit. Sie würde es heute bestimmt nicht mehr auf den Kugelberg schaffen und sie müsste doch sicher auch auf die Verwandlung aufpassen, damit nichts schief ginge. Aber ihre Kinder, der Udo und die Hannelore, die könnten doch noch kommen? Als Onkel und Tante würden sie ihn doch bestimmt auch unterstützen wollen...na vielleicht kommen sie noch. So dachte Robert und seine Gedanken gingen nun in eine ganz andere Richtung, nämlich nach Nordhausen. Dort wohnten doch auch Verwandte von ihm: die Tante Erika, Onkel Heinz und die Kinder Isolde und Elke. Aber ob sie heute kommen würden? Das war schon recht unwahrscheinlich, denn sie wohnten doch so weit weg, dort am Fuße vom Harzgebirge. Das war nun wirklich ganz weit weg und Robert verstand das dann schon richtig, dass sie heute ganz bestimmt nicht zu seinem Rennen kommen würden.
Aber schade war es schon für ihn, mochte er sie doch auch sehr. Früher war er auch einmal bei ihnen zu Besuch gewesen, damals als das Anke-Baby kommen sollte. Da durfte er für einige Wochen bei ihnen sein, dort in Nordhausen und in der Harmonie.
Das war ein schöner Name für einen hübschen Platz, wo es Spielgeräte und ein Kinderkarussell gab, wo Freude und Glück war, Harmonie eben. Da konnte er spielen und toben, denn solch einen schönen Platz gab es bei ihm zu Hause nicht. Am liebsten wollte er die ganze Zeit dort spielen. Aber das ging natürlich auch nicht, da passte die Tante Erika und der Onkel Heinz schon auf und wenn die Spielzeit vorbei war, dann ist er auch immer brav mit nach Hause gegangen. Auf dem Weg dahin befand sich auch noch ein kleiner Eisladen und immer wenn Robert es sich wünschte, bekam er dann noch eine Kugel Eis zum schleckern geschenkt. So war das doch wirklich schön und ein richtiges kleines Kinderglück! Zu Hause war das Essen dann auch immer schon fertig und die Tante Erika gab es gerne auf die Teller der erwartungsvollen Kinder. Das machte ihr sichtlich eine große Freude und sie konnte das auch wirklich sehr gut, war sie doch von Beruf eine Köchin.
So schmeckte das Essen immer besonders gut und alle hatten ihre Freude daran. Es war für alle ein großes Glück, zusammen zu sein und auch mit den Mädchen gab es für Robert keine Probleme, die waren auch lieb zu ihm. Es waren wirklich so schöne Tage für den Jungen und manchmal schien ihm die Sonne bis in sein kleines Herz hinein, so schön war es dort in Nordhausen und bei den lieben Verwandten. Mit dem Onkel Heinz hatte er dort ganz besonders schöne Stunden und Tage verbracht. Der Onkel Heinz war ein Lehrer und wirklich auch ganz klug und geschickt bei der Bastelarbeit. Er hatte zwar nur noch einen Arm als er aus dem Krieg wieder nach Hause kam, aber er war tapfer und kämpfte sehr für sein Glück, wenn auch nur mit einem Arm. Öfter hat er mit Robert gemeinsam gebastelt und er war dabei wirklich ganz geschickt. Manchmal klemmte er sich das Papier oder die Holzstücke einfach unter seinen Armstumpf und so konnte er mit dem anderen Arm dann richtig gut damit arbeiten. Die beiden haben wirklich viel zusammen gebastelt, die Zwei mit den drei Armen. Viele schöne Dinge sind dabei entstanden.
Manche aus Holz und andere eben aus Papier, so wie es eben sein musste. Sogar ein Drachen war einmal mit dabei, den der feurige Wind dann später in die Lüfte blies...ach wie schön! Auch eine Kamera aus Papier haben sie einmal angefertigt und die war besonders Klasse. Sie machte die schönsten Fotos der Welt und Robert konnte so seine Welt der Kinderfantasie immer wieder erleben. Lange hat sie Robert später noch aufgehoben und immer durfte er so die schönen Tage in der Harmonie wieder erleben, ein schönes Dejavue. Es war wirklich die schönste Zeit im Leben, in der Harmonie der Kindertage, beschützt von der Liebe der Menschen und vom Glück.
Aber auch an die anderen Verwandten dachte Robert jetzt gerade: an die Lieben aus der Stadt der Bergarbeiter. Nur leider konnte er auch den Onkel Ernst, Tante Elfriede und seinen Cousin Rainer nicht unter den Zuschauern erblicken. Wie sollte denn das aber auch wieder gehen, waren doch auch sie so weit weg und der Rainer war doch noch ein Baby, ein ganz Kleiner, ein Gäckerli. Da konnten sie nun auch wirklich nicht hier herkommen und Robert war darüber doch dann schon etwas traurig, mochte er sie doch auch sehr. Bei ihnen zu Hause war er doch auch immer gerne gewesen, da oben in der Siedlung der Bergarbeiter am Krankenhaus.
