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Manchmal versucht das Leben, Spuren zu verwischen und lässt uns durch Nebelwege wandern. Oder versucht uns zu glauben, dass wir nicht viel erlebt hätten. Oder nur Schönes, oder nur Böses. Das Leben hat unrecht, denn unsere Leben sind vielfältig und farbenfroh und setzen sich aus vielen Erlebnissen, kleinen und großen, zusammen. Wenn wir in der Ruhe des späteren Lebensabschnittes angekommen sind und den Erinnerungen Zeit geben, merken wir, dass unsere Zeit auf Erden unglaublich reich an Schönem und Buntem war. Wir spüren wieder den weichen Sand im Bachbett unter den Füßen, hören die Bussarde im Wald und stellen Großvater unterwegs unendlich viele Fragen. Erinnern uns an verträumte Spaziergänge unter frühlingsduftenden Bäumen. Kurz, wir erleben noch einmal.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2026
Impressum
Vorwort
Zweiland Leben
Hermanns Tage in Zürich
Wanderungen
Zürcher Geschichten
Träume und Wahres
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Cover
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2026 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-1289-2
ISBN e-book: 978-3-7116-1290-8
Lektorat: novum Verlag
Umschlagabbildung:Weris7554 | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
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Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.
Erich Kästner
Berndorf 1945: Der kleine Junge stand am Fenster der Wohnung im dritten Stock. Am Haus vorbei und in der Tiefe führte eine Wohnstraße bergauf bis zu einem bewaldeten Hügel. Der Himmel war plötzlich anders geworden. Er schien violett gefärbt und zitterte. Hermann wusste nicht, dass dies die Zeichen eines sich nähernden Fliegerangriffs waren.
Die Mutter nahm ihn an der Hand und zog ihn zur Türe, in den Gang hinaus und hinunter zur Straße. Mit anderen Müttern und Kindern eilten sie die Straße hoch. Oben im Hügel zeigte sich jetzt ein großes Loch wie ein geheimer Eingang, durch den alle hineinrannten. Es war ein geheimer Bunker. Irgendwann nach einer zeitlosen Zeit öffnete sich das Tor und alle strömten in den hellen Tag. Die Straße sah nun ganz anders aus. Vor dem Tor wartete ein hölzerner Bauernwagen mit zwei braunen Pferden. Die Kinder wurden auf den Wagen gehoben, der fuhr los und die Erwachsenen gingen zu Fuß neben dem Wagen. Es wurde wenig gesprochen. Nach einer holprigen Fahrt über Feldwege zwischen Kornfeldern und Wiesen gelangte der Wagen vor ein weißes großes Bauernhaus. Vor der braunen Eingangstüre stand eine große Frau und sagte, da seid ihr ja endlich, der Angriff ist vorbei. Jetzt los in die Küche, es gibt Kirschensuppe.
Einige Wochen später
Der Krieg war im Frühling 1945 endgültig vorbei und in ganz Österreich zogen Leute umher auf der Suche nach Unterkunft und Nahrung. Die Siegermächte teilten nach dem Land auch Wien in vier Sektoren ein: einen amerikanischen, einen französischen, einen britischen und einen russischen. Sie kurvten mit ihren Jeeps durch die ihnen zugeteilten Sektoren der Stadt. Am liebsten sah man die Jeeps der Amerikaner, denn sie verteilten wunderbare Dinge. Kaugummis und Kugelschreiber, das kannte man bisher nicht. Das Herumfahren bezog sich auf die Hauptstraßen und größeren Nebenstraßen, denn viele Gassen waren abgesperrt, zu gefährlich krängten die beschädigten Häuser auf beiden Seiten zur Seite, sodass niemand wusste, wann wieder eine Wand einstürzen würde.
Wien
Berndorf war stark bombardiert worden wegen der diversen Industrien am Rande der Stadt. Die ehemals stolzen Häuser waren schwer beschädigt und die Menschen auf Notunterkünfte angewiesen. Zahlreiche Frauen mit Kindern reisten deshalb auf der Suche nach möglichst unbeschädigten Wohnungen und Essen in die Hauptstadt. Auch die Mutter von Hermann und ihr kleiner Sohn fuhren mit der Bahn nach Wien in der Hoffnung, dort eine Wohnung zu finden. Sie trafen in der Stadt wie abgemacht die Schwester der Mutter mit ihrem Mann und fanden zunächst zusammen Unterschlupf im Dachraum eines wenig zerstörten Mehrfamilienhauses an der Alserstraße. Von dieser zweigte eine Sackgasse ab, an der wenig beschädigte mehrstöckige Mietshäuser standen. Der Dachboden hatte einen groben Holzboden und war groß, das Dach fast dicht. Unter defekte Ziegel stellten sie bei Regen Eimer. Alle schliefen auf alten Matratzen und deckten sich mit alten Wolldecken zu. Zum Glück war Sommer. Tagsüber versuchten die Erwachsenen, Essen aufzutreiben. Das Leben spielte sich hauptsächlich unter dem Dach ab. Vor dem Aufenthalt auf den Straßen wurde immer wieder gewarnt, es hatte noch viele Menschen, die ohne Wohnung waren und Nahrung suchten.
Eine Wohnung
Nach einiger Zeit fand die Mutter von Hermann eine Wohnung mit Küche, einem Holzofen und zwei kleinen Zimmern in einem großen Wohnblock an der Malzgasse, der im Krieg fast keine Treffer abbekommen hatte. Abgesehen von einem kleinen Loch in der Außenmauer eines der Zimmer. Ein dicker Karton verschloss die Öffnung, damit nachts keine Tiere eindringen konnten. Das Gebäude gehörte zu einem Wohnkomplex mit vier Wohnblöcken, die einen Innenhof umfassten, in dem sich wie damals üblich eine Teppichstange befand, an der alle Frauen die Teppiche ausklopften und gehörig klatschten. Zum Hof gelangten die Bewohner durch zwei Eingänge an verschiedenen Gassen. Der Hof war grau und düster, die Sonne schien kaum bis auf den Boden. Es hatte nicht sehr viele Kinder in Hermanns Alter. Zudem schienen alte politische Differenzen immer noch vorhanden zu sein. An der anderen Gasse wohnten sozialistische Familien. Ihre Jungen waren Mitglieder der Roten Falken. Man hatte sie belehrt, dass alle anderen Familien schuld am Krieg seien. Für einen kleinen Jungen aus der Malzgasse war es nicht ratsam, alleine durch diese Gasse zu gehen und schon gar nicht auf der falschen Seite des durchgehenden Hofes hineinzugehen. Manchmal gab es Schläge. Nachts wurden die schweren braunen Holztore an beiden Eingängen zugesperrt.
Aber Ort und Wohnung gefielen Hermann, denn der Augartenpark war nur wenig entfernt und der Donaukanal auch nicht sehr weit. Das versprach viele neue Entdeckungen. Der Augarten blieb für viele Jugendliche jahrelang ein Ort voller Geheimnisse und erfundener Geschichten. Vor den großen üppigen Buschreihen beidseits des Weges wurde immer gewarnt. Sogar Schlangen soll es dort geben, warnten die Erwachsenen. Aber die Bücher von Karl May waren bereits im Umlauf. Und Winnetou und Old Shatterhand hätten doch hinter jedem Gebüsch hervortreten können. Am Ende des langen Hauptweges des Parks, der durch Sträucher und Bäume verlief, stand ein mächtiger Flakturm. Im Krieg waren auf dem Dach Flugabwehrkanonen stationiert, jetzt brüteten dort Falken, wie Hermann feststellte. Am Ende des Parks leuchtete das Palais der Wiener Sängerknaben in kaiserlich gelbem Sandstein. Eine unerreichbare Märchenwelt für die meisten Jungen.
Die Malzgasse durchquerte einen kleinen Platz, an dem sich ein Gasthof und eine Kohlenhandlung befanden. Die Menschen kauften die Kohlen jetzt kiloweise. Im Gasthof konnten sich die Kunden auch mal einen mitgebrachten Krug mit Bier füllen lassen. So kostete das Bier weniger als am Tisch serviert. Der Platz öffnete sich auf zwei Seiten zur Leopoldstraße. Die eine Richtung führte zum Karmelitermarkt mit vielen Ständen, die langsam wieder Gemüse, Geflügel, Fische und etwas Fleisch feilhielten. An der rechten Straßenseite Richtung Marktplatz stand ein großes grünes Polizeigebäude. Auf der anderen Seite verlief die Sperlgasse zur Taborstraße. Am Anfang der Sperlgasse öffnete ein Geschäft, in dem die Leute Kümmelbrot mit Schweineschmalz, Salz und Sauerkraut kaufen konnten und manchmal etwas Schweinefleisch. Aber an der weiteren Sperlgasse lagen immer noch große Schutthaufen von zerstörten Häusern, die von kleinen Gruppen aufgeräumt wurden.
Es waren vor allem Frauen, deren Männer nicht aus dem Krieg zurückgekommen waren. Sie wurden Ziegelfrauen genannt.
Die Schweiz
Aber damals waren nicht nur die Häuser beschädigt, auch die Menschen, vor allem die Kinder. Es hieß, sie seien unterernährt, und sie wurden behördlich befohlen, medizinisch untersucht. Wer Glück hatte, durfte zur Erholung in die Schweiz fahren. Mit Rotkreuzzügen reisten so Hunderte Kinder in die Schweiz zur Erholung.
War ein Transport geplant, herrschte auf dem Wiener Westbahnhof jeweils ein Getümmel von Kindern aller Größen. Einmal gehörte auch Hermann dazu, da war er fast fünf. Die Mütter brachten die Kinder zum Bahnhof, wo sie Leute vom Roten Kreuz übernahmen. Die Kinder redeten nicht viel, die Ungewissheit war zu groß. Die meisten sahen zum ersten Mal einen solchen großen Zug und die schnaubende Dampflok aus der Nähe. Alle trugen Kartontafeln um den Hals mit den nötigen persönlichen Angaben und wurden von Frauen in weißen Kleidern in die Wagen geschoben. Ein letztes Winken aus den Fenstern, dann dampfte der Zug aus dem Bahnhof. Er fuhr stundenlang durch die Nacht und am Morgen in der Dämmerung sahen alle in der Ferne richtige Berge auftauchen. Aus den Fenstern staunten sie grüne Wiesen und farbige Dörfer mit vielen Bäumen an. Je näher sie dem Ziel kamen, desto ruhiger wurde es in den Wagen. Niemand wusste so recht, was sie erwarten würde. Ein klein wenig hatten alle Angst.
Am Ziel Zürich angekommen, führte man die Schar in einen weißgrauen Raum, wo sie sich auf kleine Bänke setzen mussten. Schweizer Paare schritten hin und her und suchten sich nun ein ihnen genehmes Kind aus. Alle die kleinen Herzen klopften und die Kinder bewegten sich nicht. Plötzlich hieß es aufstehen, die Kinder wurden auf die interessierten Paare aufgeteilt. Auch Hermann. Die Frau und ihr Mann führten ihn zu einem grauen Auto. Er fuhr das erste Mal in einem Auto.
In Zürich fuhren sie durch unbeschädigte Straßen mit eindrucksvollen Häusern und vielen Leuten auf den Straßen, außerhalb der Stadt durch Dörfer und vorbei an Wiesen mit Obstbäumen. Das war ein sehr ungewohnter Anblick für Hermann. Nach einiger Zeit erreichten sie ein Dorf mit einem großen Dorfplatz, Brunnen und Brunnenfigur, auf den Seiten des Platzes sah man Geschäfte mit großen Auslagen und Wirtshäuser. Menschen standen auf dem Platz oder liefen vorbei zu den Geschäften.
Das neue Heim
Das Auto hielt vor einem Haus mit zwei Stockwerken und großem Garten, der von einer hohen Mauer eingefasst war. Das Haus lag an einem kleinen Platz mit einem Brunnen. An diesem Platz befanden sich ein Schuhgeschäft und ein Laden mit Lederwaren und eine Spenglerei. Die Straße lief weiter sanft aufwärts zu einem großen Schulhaus.
Beim Haus führten ein paar Tritte von der Straße hinauf zu einem kleinen Podest mit der Eingangstür und in einen Gang. Rechts wies eine hölzerne Treppe in das obere Stockwerk, links stand eine Tür zu einer Wohnung bereits offen. Dahinter Stimmen. In dieser Wohnung warteten an einem langen Tisch Menschen aller Altersgruppen, Frauen, Kinder und Männer, neugierig auf das Kind, welches angekündigt worden war, auf Hermann. Er wurde begutachtet, an den Tisch gesetzt und Essen kam auf den Tisch, Dinge, die er zum Teil nicht kannte. Bei etwas wusste er, das musste Butter sein. Er war auf den Geschmack neugierig. Alle begannen zu essen und überhäuften ihn mit Fragen. Die meisten verstand er nicht. Er war hungrig und ließ es sich schmecken. Vor allem das Butterbrot. Weil er offensichtlich müde war, zeigte man ihm bald einmal ein Bett in einem kleinen Zimmer im oberen Stock. Vor dem Fenster stand eine furchtbar große schwarze Tanne, welche ihm in der Dunkelheit Angst machte. Sie schien sich zu bewegen. In einem Blumentopf auf dem Fensterbrett erschreckte ihn eine unbekannte Pflanze. An dünnen grünen Stängeln zweigten spitze Nadeln auf alle Seiten. Als es dunkel wurde und durchs Fenster ein leichter Luftzug die Stängel bewegte, schien ihm, als würden schwarze Fäden auf ihn zufliegen.
Trotzdem schlief Hermann bald ein. Am Morgen stellte er fest, dass die Familie im oberen Stock wohnt. Es hatte eine Küche, Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein großes Badezimmer. Sein Zimmer lag außerhalb der Wohnung gleich neben der Wohnungstür. So viele Zimmer hatte er noch nie gesehen. In der unteren Wohnung wohnten die Großmutter und eine ledige Tante. Großmutter handelte mit billigem Wein, wie Hermann feststellte. Er durfte später helfen, Flaschen aus Fässern abzufüllen.
Das Leben normalisierte sich, der Bub lernte, die Sprache zu verstehen, das Essen zu mögen, und die Umgebung begann ihm zu gefallen. Es gab im Garten Beerensträucher, Gemüsebeete und Blumen. Auf der anderen Straßenseite führte eine gewaltige Stiege zu einem Friedhof mit vielen Grabsteinen aus Marmor und Granit, es waren eindrucksvolle Familiengräber. Im Mittelpunkt erhob sich eine große Kirche, in der am Sonntag ein Gottesdienst stattfand, der natürlich immer besucht wurde.
Das Haus der Nachbarn war fugendicht angebaut und da gab es auch Kinder in seinem Alter. Über den offenen Estrich konnten sie in beide Häuser gehen und spielen. Im Parterre des Nachbarhauses befand sich ein kleines Lebensmittelgeschäft. Also spielten sie oft Krämerladen, wenn sie nicht im Garten weilten. Bald trat Hermann auch in den Kindergarten ein, der von einer Nonne geführt wurde. Das war etwas Neues. Das Leben normalisierte sich. Er spielte wie die anderen, er sang wie die anderen. Das Leben war gar nicht so schlecht. Es gab immer zu essen.
Heimweh
Aber nach ein paar Monaten hatte Hermann Heimweh nach Wien, wo er ja eigentlich zu Hause war. Ihm fehlten der Augarten und der große Markt mit dem lebhaften Treiben. Und er war neugierig, wie es zu Hause aussehen würde. Ob Mutter eine Arbeit gefunden hätte. Nach einiger Diskussion fand er Verständnis, wurde mit dem Nötigsten ausgerüstet und bekam eine Fahrkarte. Mutter hatte man geschrieben. Er wurde nach Zürich zum Bahnhof gebracht und verabschiedet mit der Bemerkung, er könne jederzeit wiederkommen.
Das freute ihn, aber er wollte an seinem kommenden sechsten Geburtstag in Wien sein. Dann begann nämlich auch die erste Klasse.
Der sechste Geburtstag kam näher und der Beginn der ersten Klasse. Allerdings gab es dann keine Feier, denn genau am Geburtstag erkrankte Hermann an Scharlach und war voll von roten Punkten. Statt in der Schule befand er sich nun im Spital. Zusammen mit etwa dreißig anderen kleinen Jungen wurde er unter Quarantäne gestellt. Bereits nach wenigen Tagen waren aber alle fieberfrei, wieder munter und voller Tatendrang. Man hatte alle auf einer Außenterrasse des Spitals platziert. Wegen der Luft, sagten sie. Die Jungen waren nicht ganz brav, denn eigentlich fühlten sie sich ja nicht krank, und bei einer Kissenschlacht landete ein Kissen durch ein Küchenfenster im großen Suppentopf. Das freute die Leute in der Küche nicht.
Nach sechs Wochen durften alle heim. Zu Hause angekommen, bekam Hermann Bauchweh. Blinddarmreizung. Er erholte sich aber und ein weiterer Spitalaufenthalt wurde ihm erspart.
Die erste Klasse hatte unterdessen bereits begonnen. Hermann wurde bei seinem verspäteten Eintritt entsprechend begutachtet und für reif genug befunden. Die Zeit wurde nun vom Alltag der Schule bestimmt. Alles nahm seinen normalen Lauf. Bis zu jenem Tag im November.
Hermann hatte gerade ein kränkendes Erlebnis hinter sich. Die Klasse musste dem Datum gemäß ein Grab zeichnen, es war der 2. November. Er hatte ein Grab gezeichnet, ein schönes, wie er meinte, mit einem großen grauen Stein und mit einem blumengeschmückten Kranz, der an den Stein gelehnt war. Dafür bekam er vom Lehrer eine Ohrfeige statt eines Lobes, wie erhofft. Der Grund: Der Lehrer hatte an der Tafel ein Grab vorgezeichnet, bei dem ein Kranz auf dem Grab lag und nicht am Stein angelehnt war. Das Aufstellen des Kranzes galt deshalb als Kritik am Vorbild. Für Hermann war das ungerecht und die Ohrfeige tat weh. So begann seine erste Klasse. Nach Schulschluss schlich er den Häusern entlang traurig nach Hause.
Als er nach Hause kam, war die Wohnung offen, aber leer. Mutter war nicht da. Das war seltsam um diese Zeit. Aber er konnte nicht lange nachdenken. Die Tür ging auf und eine Nachbarsfrau vom oberen Stock kam herein. Mutter sei für ein paar Tage im Spital, sagte sie. Warum? Sie kommt bald wieder, bis dann bringe ich dich in ein Heim. So ist es abgemacht. Da wirst du ein Bett haben und genug zu essen. In die Schule musst du in diesen Tagen nicht gehen. Hermann stopfte die nötigsten Sachen, Zahnbürste und so Zeug, was die Erwachsenen als unbedingt nötig glauben, in eine Tasche. Sie nahm ihn an der Hand, wohl damit er nicht wegrennen konnte. Zusammen gingen sie zur Straßenbahn, stiegen ein und nach ein paar Stationen wieder aus. Sie gelangten bald vor ein eisernes Tor, hinter dem sich ein Park und ein großes, etwas graues Gebäude befand. Das Heim.
Im Heim
Eine breite steinerne Treppe endete vor einer hölzernen Tür mit einem Klingelknopf.
Nachdem der Klingelknopf gedrückt war – Hermann durfte dies großzügigerweise tun –, stand eine große Frau in der offenen Tür. In ihren grauen langen Kleidern sah sie alt und riesig aus. Ich nehme ihn, Sie können gehen, sagte sie, packte seine Hand, beugte sich zu ihm herunter und erklärte in bestimmtem Ton: Dir wird es gefallen. Allen gefällt es. Schon nach kurzer Zeit wusste Hermann, dass dies nicht stimmte. Es gefiel sicher keinem hier. Ein paar Jungen, die im Gang standen, hatten keine fröhlichen Gesichter.
Er wurde in ein kleines, aber hohes Zimmer gebracht. Darin stand ein Bett aus Eisen mit Matratze und Decke. Ein kleiner Kasten, für deine Sachen, sagte die Riesin, und ein Stuhl. Durch ein kleines Fenster oben an der Seitenwand zeigte sich ein bisschen Tageslicht. Wenn die Glocke läutet, gibt es im Speisesaal Nachtessen. Pünktlich um sechs! Der Speisesaal ist vorne im Gang. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, aber zu sehen gab es in dieser Kammer sowieso kaum etwas. Er setzte sich aufs Bett und begann jetzt erst zu überdenken, was in den vergangenen drei Stunden geschehen war.
Dann tönte es auf dem Gang, wie wenn auf Metall geschlagen würde. Abendessen. Plötzlich war der Gang voll Knaben unterschiedlichen Alters. Im Saal suchte Hermann einen freien Platz. Neu hier, wurde er gefragt, das galt als Begrüßung. Ein Teller mit blassen, nassen Nudeln gefüllt, auf welchen grässliche schwarze Mohnkörner gestreut waren, lag vor ihm. Da war es klar, morgen würde er dieses Haus verlassen und nie wieder Mohnnudeln essen. Die Nachbarin hatte ihm ein wenig Geld gegeben, falls er etwas bezahlen müsste. Das würde für die Straßenbahn genügen.
Am Morgen, nach dem Frühstück, schlich er sich aus dem Haus. Damit er nicht gleich entdeckt werden könnte, stieg er erst eine Haltestelle entfernt in die Straßenbahn. Den Weg kannte er. Zu Hause angekommen, klopfte er bei der Nachbarin, um den Schlüssel für die Wohnung zu holen. Sie war ein wenig erstaunt und meinte, naja, essen kannst du bei uns. Am andern Tag meldete er sich in der Schule und sagte, er sei nun wieder gesund. Mehr wollte niemand wissen.
Er dachte nun aber immer mehr daran, zu den Großeltern väterlicherseits aufs Land zu fahren. Die hatten ihn schon mehrmals eingeladen, aber er kannte sie eigentlich nicht. Sobald Mutter wieder zu Hause wäre, würde er es ihr sagen, damit sie einen Brief an die Großeltern schriebe. Nach Wochen kam eine Antwort. Es sei gut, er solle kommen. Er wurde in der Schule abgemeldet, das war gar nicht schwierig.
Pottenstein
Er packte seinen kleinen Rucksack aus braunem Stoff und begab sich auf die Reise. Den Westbahnhof kannte er ja bereits. Am Bahnhofschalter gab es ein kleines Problem. Mit seiner Größe reichte er gerade mit der Nase zum Schalterbrett hinauf, deshalb wollte der Beamte nicht glauben, dass er alleine diese rund zweistündige Fahrt unternehmen wollte. Hermann konnte ihn aber überzeugen und erhielt eine Fahrkarte. Und so fuhr er aufs Land, gewissermaßen einem Abenteuer entgegen.
Am Zielbahnhof in Pottenstein erwartete ihn ein fremder Mann mit großem Schnurrbart und goldener Uhrenkette über einer grünen Weste. Er sei sein Großvater, sagte er, und na dann gehen wir nach Hause, Großmutter wartet, und Hermann hatte das Gefühl, er sei ein wenig ein strenger Mann. Sie standen bald vor einem großen Haus mit mehreren Stockwerken. Es schien wie an einen Hügel gelehnt. Auf der einen Seite führte eine Straße wenige Meter vom Haus entfernt auf der Höhe des zweiten Stockes vorbei, auf der anderen Seite war nichts bis zu einem Garten weit unten. Es gab zwei Eingänge, einen oben bei der Straße und einen unten im Garten.
