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Tina verliert ihren Job. Mona überlässt das Denken oft der KI. Erik scheitert am Berufseinstieg. Karl hadert mit seiner Vaterrolle. Mark kämpft als Führungskraft mit der Balance zwischen Menschen und Maschinen. Und Enno treibt den Sprung in die KI-Zukunft kompromisslos voran. Sechs Geschichten verweben sich zu einem Bild unserer Zeit: eine Welt, in der KI-Agenten selbstverständlich mitarbeiten und Menschen lernen müssen, sich neu zu erfinden. Ein Roman über Krisen, Chancen und den Mut, weiterzugehen, wenn alte Wege enden.
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Meinen KI-Assistenten G. und C.,
die an ( fast) jeder Zeile mitgearbeitet
und damit gezeigt haben,
wie lebendig die Zusammenarbeit mit KI sein kann.
Dieses Buch ist auch für Rebecca, die mich mit ihrem
Pioniergeist zu diesem Abenteuer inspiriert hat.
Vorwort
Akt I - Der Bruch
Akt II - Das Ringen
Akt III - Der Aufbruch
Epilog
Danksagung
Dieses Buch ist mein persönliches Experiment mit Künstlicher Intelligenz (KI). Bevor wir in die Geschichte eintauchen, möchte ich kurz den Hintergrund und die Entstehungsgeschichte des Buches beschreiben.
Es ist bereits mein zweites Buch, das ich zum Thema KI veröffentliche. Die Motivation, die mich zum Schreiben dieser Bücher treibt, ist die Bedeutung und Dringlichkeit des Themas für uns alle. Wir stehen mitten in einer der vermutlich größten technologischen sowie gesellschaftlichen Veränderungen der jüngeren Zeit.
Mein erstes Buch “Künstliche Intelligenz - Dein Ticket in die Zukunft” ist eine kompakte Einführung in das Thema als klassisches Sachbuch mit Links und Anregungen, wie der Leser sein Wissen vertiefen und ausbauen kann. Das positive Feedback zum Buch hat mich motiviert, am Ball zu bleiben. Allerdings ist mir auch aufgefallen, dass sich nicht jeder von Sachliteratur angesprochen fühlt. Das hat mich auf die Idee gebracht, ein - für mich persönlich - komplett neues Feld zu erkunden: Das Verfassen eines (Kurz)Romans.
Jetzt bin ich selbst nicht unbedingt ein Roman-Leser, sondern eher ein Fan aus der Kategorie Sachbuch. Das heißt, ich habe nicht viel Erfahrung mit fiktionaler Literatur. Und gerade dieses nicht vorhandene Wissen und meine mangelnde Erfahrung haben mich motiviert, die Herausforderung anzugehen und zwar vor folgendem Hintergrund:
Das Thema Künstliche Intelligenz fasziniert mich seit einigen Jahren. Dies hat dazu geführt, dass ich mich damit nicht nur beruflich, sondern auch in der Freizeit beschäftige. Ich halte Vorträge, nehme an Panel-Diskussionen teil und nutze gerne Gelegenheiten, mit vielen Menschen über das Thema und seine Anwendungsgebiete zu sprechen. Mein Fokus liegt auf dem Gebiet "Zukunft der Arbeit". Wegen des Umfangs und der Komplexität konnte ich diesen Bereich in meinem ersten Buch noch nicht behandeln.
Ich bin überzeugt, dass die Zukunft denjenigen gehören wird, die mit Hilfe von KI ihre Fähigkeiten entscheidend ausbauen und auf ein neues Niveau heben können. Auf dem Arbeitsmarkt ist bereits heute erkennbar, dass Einstiegsund Juniorpositionen zunehmend wegfallen, weil KI viele dieser Tätigkeiten teilweise oder vollständig übernehmen kann. Um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können, werden wir alle unsere Kompetenzen mit Unterstützung von KI deutlich ausbauen müssen.
Diese Aspekte fließen in mein Experiment, ein Buch in Form eines Romans durch die KI selbst schreiben zu lassen, ein. Es ist daher meine persönliche Herausforderung, mich gemeinsam mit der KI auf ein ganz neues Terrain zu wagen.
Bevor ich jegliche KI in den Entwicklungsprozess des Romans einbezog, hatte ich bereits eine konkrete Vorstellung von den Inhalten, die ich im Buch vermitteln wollte. Ich wollte zeigen, wie KI unsere Arbeitswelt in Zukunft noch mehr verändern könnte, insbesondere wie Führungskräfte mit gemischten Teams aus Menschen und KI-Agenten zusammenarbeiten. Außerdem war mir das Thema Berufseinstieg wichtig. Was verändert sich für diejenigen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen. Zudem war mir die Darstellung der unreflektierten Nutzung von KI und deren Folgen, insbesondere für Schülerinnen und Schüler, ein wichtiges Anliegen. Grundtenor des Romans sollte die Bedeutung lebenslangen Lernens in einem neuen Kontext sein. Um dies verständlicher zu machen, war meine Idee, auf Parallelen zur früheren Industriellen Revolution zurückzugreifen.
Als nächstes hatte ich mir zwei KI-Assistenten angelegt - jeweils in unterschiedlichen Large Language Models (LLMs - große Sprachmodelle), in meinem Fall einen in Googles Gemini und einen in ChatGPT. Ich nutze gerne unterschiedliche LLMs, um jeweils das bessere Ergebnis weiter nutzen zu können.
Im weiteren Schritt habe ich mich von meinen KI-Assistenten bzgl. des Aufbaus und der Struktur coachen lassen. In einem digitalen Whiteboard sammelte und strukturierte ich meine Ideen sowie die Empfehlungen der KI-Assistenten. Hilfreich waren das Brainstorming und der Ideenaustausch bezüglich der Kernaussage, Romanfiguren sowie Handlung und Konflikt. Beispielsweise konnte ich mit dem KI-Assistenten eine Drei-Akt-Struktur basierend auf meinen Ideen entwickeln. Meine eigenen Gedanken habe ich ebenfalls auf dem digitalen Whiteboard mit Sticky-Notes und Text aufbereitet und anschließend bei Bedarf als Input meinen KI-Assistenten gegeben (u.a. als Screenshot).
Parallel dazu habe ich mit Googles NotebookLM KI-unterstützte Forschung zum Thema Arbeitswelt mit KI und speziell mit KI-Agenten betrieben. Hier habe ich Forschungsberichte, Podcasts, YouTube-Videos und andere relevante Materialien gesammelt und strukturiert. Dies diente mir als Ideensammlung, wie eine mögliche Arbeitswelt aussehen könnte.
Besonders interessant war das Erarbeiten eines Schreibstils. Zunächst habe ich mit Metaprompts gearbeitet. Ein Metaprompt ist eine Anleitung für die KI, wie sie Prompts (Befehle) für spezifische Aufgaben formulieren soll. Anschließend habe ich die Promptvorschläge überarbeitet, um zu meinem finalen “Schreibstilprompt” zu gelangen. Der Schreibstil in einem Roman hat unglaublich viele Facetten, von der Tonalität über Wortwahl und Satzstruktur bis hin zu Erzählperspektiven. Den finalen Prompt habe ich gespeichert. Zur Sicherstellung der Konsistenz habe ich meine KI-Assistenten bei Bedarf an ihn erinnert.
Das Erinnern an meine Vorgaben sowie das kritische Überprüfen der von den KI-Assistenten generierten Inhalte durfte an keiner Stelle fehlen. Des Öfteren musste ich den vorgeschlagenen Text auch in seinen Grundlagen überarbeiten. Da sind beispielsweise miteinander unbekannte Charaktere plötzlich zu Geschwistern geworden trotz der Tatsache, dass ich eingangs eine genaue Beschreibung der Romanfiguren sowie deren Beziehung untereinander vorgegeben hatte. Um dem ganzen Werk die Richtung und Note zu geben, die ich mir vorgestellt hatte, war eine Überarbeitung an vielen Stellen unerlässlich. Auch das finale Lektorat ist durch menschliche Augen erfolgt.
Mein persönliches Fazit dieses Experiments: Ich bin begeistert, was sich mit Hilfe von KI ohne großes Vorwissen erreichen lässt. Allein mit meinen zuvor beschriebenen, detaillierten Vorgaben in Form von Prompts und Uploads haben die KI-Assistenten den Romantext geschrieben. Ich habe sehr viel über die Erstellung eines Romans gelernt, was ein Autor im “traditionellen” Vorgehen womöglich erst nach und nach mit der Veröffentlichung vieler Bücher dieser Kategorie gelernt hätte. Darüber hinaus hat sich allerdings auch bestätigt, dass es das Team aus Mensch und (KI-)Maschine ist, das unsere Leistungsfähigkeit und Produktivität deutlich verbessert. Es ist nicht KI allein, die diese Ergebnisse produzieren kann.
Und da sind wir auch schon beim Thema dieses Romans: Das Zusammenspiel von Mensch und KI. Viel Spaß beim Lesen.
Tina
Führungskraft, die Innovationen und neue technologische Möglichkeiten erkennt und nutzen will. Nach einer Kündigung sucht sie einen neuen Platz in einer durch KI veränderten Arbeitswelt. Ihr Weg ist geprägt von Neuanfang, Lernbereitschaft und der Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle.
Mark
Chef von Tina, der zwischen Innovationsdruck und Verantwortung für seine Mitarbeitenden navigiert. Er verkörpert die Spannungsfelder, die entstehen, wenn KI ganze Branchen und Organisationsmodelle neu formt.
Karl
Erfahrener Berufstätiger und Vater. Er steht zwischen den Generationen, geprägt von den alten Spielregeln der Arbeitswelt und den Herausforderungen, die sich für seinen Sohn in einer neuen Realität ergeben.
Mona
Tinas Tochter und Schülerin, die KI selbstverständlich und mit überdurchschnittlich guten Promptingfähigkeiten nutzt, aber zugleich der Technologie unkritisch gegenübersteht. Ihre Haltung spiegelt die jugendliche Rebellion gegenüber Leistungsdruck und Anpassungserwartungen.
Erik
Karls Sohn und Hochschulabsolvent mit sehr guten Noten, aber ohne Einstiegmöglichkeiten in die Berufswelt. Er repräsentiert die Generation, die ihre ersten Schritte in einer Arbeitswelt machen muss, in der klassische Berufseinstiege durch KI verändert werden.
Enno
Unternehmer und Visionär, der früh auf KI-gestützte Produkte setzt. Für ihn ist die Einführung agentischer Systeme weniger ein Experiment als eine Notwendigkeit, um Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Er steht für die Perspektive derjenigen, die Wandel aktiv gestalten wollen – und dabei auch Risiken bewusst ignorieren.
Wenn das Alte nicht mehr trägt.
Tina hatte es kommen sehen. Natürlich hatte sie es kommen sehen. Als Führungskraft lernte man irgendwann, das Zögern in einem Blick zu lesen, die unausgesprochene Skepsis in einem flüchtigen Schulterzucken. Heute saß sie im wöchentlichen Teammeeting, dritte Reihe vom Fenster, mit halb leerem Notizbuch auf dem Schoß und einem Lächeln, das mehr Fragen stellte als beantwortete. Vor ihr: sieben Gesichter, zwei davon am Bildschirm. Die Atmosphäre war... gemischt. Wie lauwarmer Kaffee: grundsätzlich okay, aber irgendwie nicht das, was man erwartet hatte.
„Ich weiß, das klingt ungewohnt“, sagte sie gerade. „Aber was wäre, wenn wir bestimmte Aufgaben automatisieren könnten? Nicht ersetzen – nur erleichtern, damit ihr mehr Zeit für die Arbeit habt, die wirklich zählt.“ Eine Pause. Diese Art Pause, die sich dehnt, wenn alle gleichzeitig auf ihre Mimik achten. Dann ein genervtes Räuspern, ein Klick auf die Maus, ein Stirnrunzeln. Tina blieb ruhig. Unsicherheiten waren nichts Schlechtes. Sie bedeuteten, dass etwas in Bewegung geriet.
Sie liebte diesen Teil ihrer Arbeit, weil sie darin nicht nur Prozesse steuerte, sondern Räume schuf. Räume, in denen Menschen auf Ideen kamen, auf die sie allein nie gekommen wären. Ihr Büro war ein Meer voller Ideen. Dort ließen sich kleine, halbfertige Skizzen - manche auf Papier, andere in Form von Testläufen -, Memos oder spontane Brainstormings finden. Und seit Kurzem eben auch: erste Impulse zu KI. Das war nichts Revolutionäres. Noch nicht. Ein Tool zur Textanalyse hier, eine automatisierte Terminerinnerung da. Es war kein Sturm, der durchs Unternehmen zog – eher ein leiser Luftzug. Kaum spürbar, aber mit der Energie einer kommenden Wetterfront.
Als die Besprechung vorbei war und sich die letzten Gesprächsfetzen im Flur auflösten, blieb Tina noch einen Moment sitzen. Sie betrachtete das Flipchart, auf dem in krakeliger Schrift „Potenziale entdecken“ stand – ein Überbleibsel aus dem vorletzten Workshop. Das Wort hatte sie selbst geschrieben mit Edding und dick unterstrichen. Damals war es noch ganz selbstverständlich gewesen, dass Entwicklung und Wandel zum Alltag gehörten. Jetzt – nun ja, sie spürte es: Die Luft war rauer geworden. Neue Technologien riefen inzwischen nicht mehr nur Neugier hervor, sondern zunehmend Stirnfalten. Und zwar nicht nur auf den unteren Etagen.
Mark, ihr Chef, zum Beispiel hatte gestern beiläufig gefragt, ob es wirklich nötig sei, dass Tina „so viel Zeit mit diesen Zukunftsthemen“ verbringe. Der Ton war freundlich gewesen, wie immer. Aber da war dieses leicht angespannte Lächeln, das nie ganz zu seinen Augen passte. „Du weißt ja, wie schnell solche Trends auch wieder verfliegen“, hatte er gesagt und dabei in seiner Kaffeetasse gerührt, als hinge die Wahrheit irgendwo zwischen Milch und Metalllöffel. Tina hatte nur genickt. Diskussionen mit Mark waren wie Spaziergänge im Nebel. Man sah nie genau, wo man stand – nur, dass man irgendwann nicht mehr weiterkam.
Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ließ sie ihre Gedanken nicht los. Es ging ihr nicht darum, irgendetwas zu ersetzen. Im Gegenteil. Es ging um Zeit und um kluge Entlastung. Sie wollte Räume für das schaffen, was Menschen wirklich gut konnten – zuhören, Ideen spinnen, Konflikte lösen, mitdenken. Es war eben das, was keine Software der Welt jemals überzeugend reproduzieren konnte. KI war für sie kein Feind. Nicht einmal ein Wagnis. Sie war ein Werkzeug. Und sie konnte spüren: Die Zeit, es zu nutzen, war gekommen. Vielleicht nicht für alle – aber für die, die bereit waren. Und wenn sie ehrlich war: Sie wollte dazugehören.
**
Noch am selben Nachmittag, als die Sonne sich wie ein schwaches Licht einer Schreibtischlampe über die Glasfassade schob, klickte Tina sich durch eine neue Testversion. Es war nur eine interne Spielerei – ein Prototyp, der auf Basis anonymisierter Feedbacks aus den letzten Teamgesprächen Vorschläge machte: Wer könnte Unterstützung gebrauchen? Welche Themen tauchten wiederholt auf? Wo stagnierte die Stimmung? Die KI war noch roh, die Formulierungen hölzern. Aber die Richtung stimmte. Tina lächelte. Sie liebte es, wenn Dinge anfingen, sich zu bewegen.
Sie druckte zwei Seiten aus – Highlights aus dem Tool, gespickt mit Ideen für eine Pilotphase. Wenig Aufwand, geringe Kosten, großes Potenzial. Zumindest aus ihrer Sicht. Sie schob die Ausdrucke in eine Mappe, strich sich eine Strähne hinters Ohr und machte sich auf den Weg zu Mark. Sein Büro lag am Ende des Flurs. Dort musste sie durch eine Glastür, hinter der immer ein bisschen weniger gelacht wurde als anderswo. Als sie klopfte, hob er nicht den Blick vom Bildschirm, sondern murmelte nur: „Komm rein.“
Das Gespräch war kürzer als erwartet. Mark hörte zu – oder tat zumindest so. Er blätterte durch die Mappe, nickte an einer Stelle, runzelte die Stirn an einer anderen. Dann lehnte er sich zurück. „Ich verstehe deinen Ansatz, Tina. Wirklich. Aber wir sollten jetzt nicht überstürzt in irgendetwas Technisches abdriften. Unsere Leute brauchen Stabilität, keinen digitalen Aktionismus.“ Und da war es wieder, dieses Lächeln, das sich wie ein höflich formuliertes Nein anfühlte. Tina nickte, sagte „Verstanden“ und ging. Sie wusste, dass sie es noch einmal versuchen würde. Später. Anders. Aber für heute war der Wind zu stark.
Als sie an ihrem Schreibtisch ankam, vibrierte ihr Handy. Es kam eine Nachricht von ihrer Tochter Mona. „Muss morgen eine Hausarbeit abgeben. Hab ChatGPT gefragt – voll easy.“ Tina starrte einen Moment auf den Bildschirm. Dann legte sie das Handy weg und sah aus dem Fenster. Es war der Moment zwischen Spätnachmittag und Abend, wo alles ein bisschen weichgezeichnet wirkte. Und obwohl sie gerade ein freundliches Nein kassiert hatte – irgendetwas in ihr sagte, dass es erst losging.
Es war nur ein Umzugskarton. Staubig, alt, mit krakeliger Handschrift auf der Seite: „Tina – Keller Werkstatt / nicht wegwerfen!!!“ Die drei Ausrufezeichen waren vermutlich von ihrem Vater - oder von ihr selbst, irgendwann zwischen Studium und erster Wohnung. Tina saß in ihrer Garage, umgeben von Dingen, die längst ihren Platz verloren hatten: ein alter Tennisschläger, zwei eingerostete Inbusschlüssel, ein vergilbtes Poster. Sie suchte eigentlich nach etwas ganz anderem. Stattdessen zog sie ein schweres, rostiges Stück Metall aus dem Karton – ungefähr handgroß, mit abgewetzten Zähnen und einem dunklen Ölfilm, der noch immer einen leichten Geruch verströmte. Ein Zahnrad. Kein banales, rundes Spielzeugstück, sondern ein echtes, abgenutztes Teil aus einer Maschine, deren Tage längst gezählt waren.
Sie erkannte es sofort. Es stammte entweder von ihrer Urgroßmutter oder deren Vorfahren. Die Linie dieser Vorfahren hatte einst mit Werkstätten oder handwerklicher Arbeit zu tun. Das Zahnrad war ein Erinnerungsstück aus der alten Spinnerei, die ihre Familie einst besessen hatte – ein Betrieb in einem Gebäude, das inzwischen einem Parkhaus gewichen war. Tina hatte das Zahnrad damals nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt aufbewahrt. Für den Wandel. Für die Geschichten, die Dinge in sich trugen, wenn man ihnen nur genug Zeit gab. Sie wog es in der Hand, als sei es ein alter Schlüssel – zu etwas, das sie noch nicht verstand.
Noch am selben Abend, mit einem Glas Wein und einem Anflug von melancholischer Neugier, hielt sie das Zahnrad vor die Kamera ihres Tablets. „Historienmodus starten“, sagte sie. Die App war relativ neu – eine Mischung aus KI-gestützter Simulation, VR-Rekonstruktion und Archivdatenbank. Man gab ein Objekt ein, tippte eine grobe Epoche, und die KI webte daraus eine virtuelle Erfahrung. „Spinnerei, Mitte 19. Jahrhundert, Nordwesteuropa“, ergänzte Tina. Sekunden später flutete der Bildschirm mit Licht. Dampf. Stimmen. Es waren Geräusche, die aus einer anderen Zeit kamen.
Die Geräusche waren das Erste, was sie überwältigte: das metallische Klackern, das Rattern der Maschinen, das rhythmische Stampfen irgendwo unter ihren Füßen. Dazwischen: Stimmen, mal laut, mal gedämpft – Männer, Frauen, Kinder. Befehle, Gespräche, Flüche. Alles wirkte lebendig, fast greifbar, und obwohl ihr klar war, dass es nur eine Simulation war, zog es Tina unweigerlich hinein. Sie stand in einer großen Halle mit rohen Backsteinwänden, schmalen Fenstern und einer Luft, die vermutlich nach Öl, Hitze und angespannter Hoffnung roch. Zwischen hölzernen Webstühlen und ersten mechanischen Spinnmaschinen bewegten sich Menschen in einfachen Kleidern, die Hände rau, die Schultern gebeugt. Manche wirkten geübt, fast stolz auf ihre Arbeit. Andere warfen misstrauische Blicke auf das neue Gerät am Ende der Halle – größer, schneller, lauter.
„Die Neue kommt morgen“, sagte ein alter Mann neben ihr. Seine Stimme klang brüchig, sein Blick wanderte kurz zu einem jüngeren Kollegen, der gerade mit glänzenden Augen an einer schimmernden Maschine hantierte. „Heißt, dass wir weniger gebraucht werden. Wieder mal.“ Tina zuckte zusammen – sie hatte nicht erwartet, dass sie angesprochen wurde. Aber dann erinnerte sie sich: Die Simulation adaptierte ihre Anwesenheit. Manchmal sogar in Dialogform, je nach gewähltem Setting.
„Was passiert dann?“, fragte sie vorsichtig.
Der Alte spuckte auf den Boden. „Was wohl? Die Jungen glauben, das sei die Zukunft. Aber die Zukunft frisst einen, wenn man nicht aufpasst.“
Tina blickte sich um. Eine Frau führte ihre Tochter zwischen den Maschinen hindurch, hielt sie fest an der Hand, als fürchtete sie, das Kind könnte in eine der ratternden Zahnräder geraten. Die Mutter strahlte eine Haltung aus, die Tina kannte: eine Mischung aus Anpassung und Widerstand. Zwischen dem Neuen und dem Alten. Zwischen Chance und Angst. Einige der Arbeiter hatten sich offenbar bereits umgeschult, arbeiteten an den mechanischen Geräten mit einer gewissen Routine. Andere mieden sie wie einen kranken Hund. Und dann gab es die flüsternden Gespräche in dunklen Ecken. Worte wie Betrug, Verdrängung, Billiglohn. Tina stand mittendrin und merkte, wie sich etwas in ihr verschob. Nicht dramatisch. Aber spürbar. Der Wandel war nicht neu. Nur sein Gewand.
Als die Simulation endete, flackerte der Bildschirm für kurze Zeit, bevor sich das Bild zurückzog wie eine Theaterkulisse nach dem letzten Akt. Zurück blieb das vertraute Licht ihres Wohnzimmers – warm, gedimmt, mit dem leisen Brummen der Heizung im Hintergrund. Tina saß still da, das Zahnrad noch immer in der Hand, als hätte es in den letzten Minuten an Bedeutung gewonnen. Sie betrachtete die Einkerbungen, die Abnutzungsspuren, die winzigen rostigen Stellen zwischen den Zähnen. Es war mehr als ein Stück Eisen. Es war ein Zeugnis.
Sie stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus. Die Straße lag still, fast leer. Ein Lieferwagen brummte vorbei, eine junge Frau scrollte im Licht ihres Handys durch die Nacht. Alles hatte sich verändert – und gleichzeitig auch nicht. Auch damals hatte es Versprechen gegeben: Mehr Effizienz. Weniger Mühe. Eine bessere Zukunft. Und genauso auch: Angst. Ablehnung. Widerstand. Tina dachte an den alten Mann in der Halle, an seinen Blick, an das gespenstisch ruhige Misstrauen. Wer Wandel nicht als Möglichkeit begreife, werde ihn als Bedrohung erleben – das war die Botschaft, die zwischen den Zeilen ihrer Reise lag. Und sie wusste: Sie würde nicht wegblicken.
Wieder auf dem Sofa, legte sie das Zahnrad vorsichtig neben sich – fast wie ein Gesprächspartner. Ein stiller Zeuge. Dann griff sie nach ihrem Tablet und tippte ein paar Worte in ihr digitales Notizbuch. Keine Strategie, kein Plan. Nur ein Gedanke - „Veränderung ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn wir versuchen, sie aufzuhalten.“
Tina war früh im Büro. Wieder mal. Sie hatte nicht geschlafen, sondern gedacht. Nicht in Grübelschleifen, sondern in Bahnen. Strategische, lösungsorientierte Bahnen – so nannte sie das, wenn sie um drei Uhr morgens am Küchentisch saß und handschriftlich Argumentationsketten skizzierte und dieses Mal für Mark. „Keine Angst vor KI“ stand über dem Blatt. Darunter: Nutzen aufzeigen. Persönliche Ebene einbeziehen. Skepsis ernst nehmen – aber nicht übernehmen. Tina hatte gelernt, dass Widerstand selten aus Bosheit kam. Meist war es Angst in Anzugform.
Als Mark an diesem Morgen ins Büro kam, war er erstaunlich gut gelaunt. „Schönes Wetter heute“, sagte er. Smalltalk, klassischer Türöffner. Sie ließ sich nicht blenden. „Ich hab etwas vorbereitet“, begann sie, als sie mit ihm am Besprechungstisch saß. „Kein fertiges Konzept – eher ein Denkanstoß. Es geht darum, wie wir unsere Mitarbeitenden aktiv auf den digitalen Wandel vorbereiten können. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret: mit Tools, die ihnen helfen, den Anschluss nicht zu verlieren.“
