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Ariane, das europäische Weltraum-Trägersystem, Maria Sibylla Merian, die berühmte deutsche Naturforscherin des ausgehenden 17. Jahrhunderts und die Geschichte von Papillon, jenem Sträfling aus der Gefangenenkolonie Französisch-Guayana – wer kennt sie nicht? In insgesamt 23 Geschichten, Interviews und Gedichten wird von und über Menschen aus Französisch-Guayana und Suriname erzählt, diesen außergewöhnlichen Ländern Südamerikas. Die Anthologie ergänzt dabei nicht nur die aktuellen Reiseführer des Herausgebers (ohne, dass diese zuvor gelesen worden sein müssten), sondern sie bietet auch einen guten Einblick in die Welt der verschiedenen dort ansässigen Kulturen. Der Bogen reicht von fiktiven Erzählungen aus der Zeit Merians, den Sklavenaufständen, über die Periode der Gefängniskolonie Französisch-Guayana bis heute, zur Unabhängigkeit Surinames und dem europäischen Raumfahrtbahnhof Kourou im französischen Übersee-Departement. Die Geschichten sind teils erfunden, teils autobiographisch; die Interviews mit Kennern der Materie ergänzen den Blick in die ökologische Komplexität Französisch-Guayanas sowie das Leben der dortigen Indianer; die Gedichte und Mythen entführen den Leser schließlich in die uralte indianische Vergangenheit Surinames.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2015
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"The only consistent verity about French Guiana is that every visitor who gets home writes about it."
David Lowenthal
Ein Wort unter Gentleman-Yachtsmen
Teil I
Französisch -Guayana
Die Rettung
Rendezvous mit Urzeitwesen
Zur Lage des Umweltschutzes in Französisch-Guayana
Der Stoff, aus dem die Dschungelträume sind
Begegnungen der besonderen Art
Gold and Diamonds
Madame Leontine
Ein ganz normaler Tag auf dem Postamt
Ariane
Ein Lehrer am Ende der Welt
Zur Situation der „Wayana“
In der Verbannung
Chez Nana – Das Fest der Frauen
Teil II
Suriname
Eine Bürgerkriegsvisite
In memoriam
Tykoren
/ Die Erde
In der Stille des Waldes
Iromboro mero
/ Das Ende
Die Trauer ist vorbei
Epakano Jakonombo
/ Zeit der Auferstehung
Damals da, wir gingen zurück nach Afrika
Winti!
Glossar
Bibliografische Hinweise
Danksagung
Die Autoren
Bücherhinweise und Kontakt
Französisch-Guayana ist kein Ziel für deutsche Segler. - Warum eigentlich?1 Haufenweise segeln Leute in die Karibik oder um die Welt herum. Meist wie schon Kolumbus von den Kanaren aus westwärts.
Barbados ist in zwei bis drei Wochen gut zu erreichen. Allerdings liegt im November und Dezember, zur günstigsten Zeit also, die Passatzone deutlich südlich der Kanaren, sodass der direkte Weg oft länger dauert als ein erheblicher Süd-Schlenker.
Donald M. Street, Jr. (Street´s Transatlantic Crossing Guide), der auf dem Atlantik und in der Karibik so gut wie zuhause ist, empfiehlt daher einen Zwischenstopp auf den Kapverden.
Von da aus ist hinter den atlantischen Wassern der nächste Ankerplatz die brasilianische Insel Fernando de Noronha, etwa 1250 Seemeilen.
Zum Vergleich: Die kürzeste Strecke direkt von den Kanaren bis in die Karibik beträgt 2560 Seemeilen.
So segelte dasselbe Boot, eine 11m-Sloop, 1986 von den Kanaren in die Karibik knapp über drei Wochen mit viel Motorhilfe (und danach um die Welt), und 1990 von den Kapverden bis Fernando in 11 1/2 Tagen ganz ohne Motor.
Das ist der logische Weg, wenn sportlicher Ehrgeiz keine Rolle spielt. Der Gentleman-Yachtsman, der es nicht liebt, gegen den Wind zu boxen und der nach zehn bis zwölf Tagen auf See gerne auch mal an Land Biere, Cola oder Pina Coladas schlürft, kommt auf dieser Route gut zurecht, zumal ab Fernando bis Grenada nur noch einige drei- bis Fünftagetrips liegen.
Touristisch ist die Karibik ein Leckerbissen, zumal für Segler. Was aber zwingt einen, dem in einigen Wochen ein Gänsebraten winkt, in der Zwischenzeit auf Kaviar und Hummer zu verzichten?
Der Gentleman-Yachtsman also kann in Ruhe einen oder zwei Plätze an der westafrikanischen Küste besichtigen, auf den Kapverden die dortige reizende Bevölkerung kennenlernen, auf Fernando eines der letzten Tropenparadiese erleben, er kann mit den Brasilianern Sylvester feiern und dann eben auch in Französisch-Guayana anlegen.
Alles das mit demselben Passat, der auch in der Karibik weht. Raumschots segeln, Strom von achtern, rauschende Fahrt, fliegende Fische und diese twisting dolphins, die vor lauter Lebenslust im Sprung einen doppelten Rittberger absolvieren.
Nun gut, am Wege liegt also Französisch-Guayana.
Einlaufen in Degrad des Cannes ist ohne Problem, dort verkehren regelmäßig die Frachter mit Ladung für den Weltraumhafen in Kourou. Alles tipptopp betonnt und beleuchtet. Hier wird einklariert.
Festmachen dort ist schwierig, und wenn man zu lange getrödelt und die kenternde Tide den Anker rausgedreht hat, dann muss man etwa vier Seemeilen den Urwaldfluss hochblubbern bis zum Ankerplatz Stoupan.2 Wer sich von einer schönen Tropennacht verleiten lässt, läuft Gefahr, auf einen der vielen Felsen im Fluss aufzubraten. Daher lieber bei Tage auf die Betonnung achten!
Da liegt das Schiffchen nun vor Anker, den man ruhig gut vermooren sollte. Und da wird es vermutlich noch in einem Jahr, wenn sich Ihr Landgang etwas ausdehnt, immer noch unbeschädigt und unbestohlen liegen. Die Leute in Stoupan klauen eben auf Schiffen nicht, bisher.
Einiges wird dann aber anders sein: Alles verfault und verschimmelt, auch das ganze Papiergeld. Und das Unterwasserschiff wie neu von der Werft, weil der Fluss reichlich feinen Sand mitführt, der jeden Dreck und Bewuchs abschmirgelt. Drei Wochen Liegezeit dort ersetzen einen teuren Werftaufenthalt.
Die anderen Häfen (Cayenne, Kourou3, St.Laurent) in Französisch-Guayana sind nicht so toll. Schwierige Einfahrten, Probleme mit zu nahem Stadtpublikum. Bleiben wir also bei Stoupan 4 (genauere Beschreibungen der Liegeplätze und Ausflugsmöglichkeiten für Segler in Französisch-Guayana siehe im Reiseführer „Reiseland Französisch-Guayana“ von Bernhard Conrad).
Wie kommt man nun weiter, in die ersehnte Karibik, nachdem auch die Weltraumkonkurrenz mit ihren Sternenschiffen in Kourou besichtigt ist? Wieder einfach und gentlemanlike. Der Passat bläst weiter tüchtig und in drei bis fünf Tagen sitzt man auf Grenada im "Nutmeg", der schönen Cafeteria mit Hafenpanorama und muskatwürzigen Drinks.
Zwischenlandgänge in Suriname, Guyana (je nach politischer Lage), Venezuela oder Trinidad sind möglich. Papillon´s Teufelsinsel (Iles du Salut) liegt ohnehin am Weg.
Fazit: Ein eigenständiges Reiseziel für deutsche Segler (im Gegensatz zu den Franzosen, die hier oftmals Arbeit finden) ist Französisch-Guayana wohl kaum. Auf dem bequemsten und schönsten Weg "to the Americas" aber ist es ein Zwischenstopp, der sich - je nachdem was dort unternommen wird (und das kann eine ganze Menge sein, die Sie so auf den karibischen Inseln nicht wiederholen können!) - durchaus als touristischer Höhepunkt einer Atlantikübersegelung erweisen kann. Wo sonst können Sie mitten im Urwald vor Anker gehen und nachts in der Koje den Brüllaffen lauschen?
1Das Folgende gilt sinngemäß auch für Suriname. Weiteres finden Sie im Kapitel „Eine Bürgerkriegsvisite“ weiter unten. Anm. Bernhard Conrad, 2015
2 Der Ankerplatz von Stoupan wird heute nur noch militärisch genutzt, ein Anlegen von Seglern ist hier – leider – nicht mehr zu empfehlen. Anm. Bernhard Conrad, 2015
3 In Kourou gibt es inzwischen eine kleine Marina, wo üblicherweise Segler anlegen. Anm. Bernhard Conrad, 2015
4 s. Fußnote auf der vorherigen Seite
"Es ist ein gottverlassenes Land.
Das einzige Land auf Erden, in das noch nie ein Mensch zu seinem Vergnügen gekommen ist. "
Blair Niles: "Teufelsinsel", 1928
Als er im Anflug auf Cayenne war, jener noch immer etwas verschlafen wirkenden Metropole Französisch-Guayanas, sah er zuerst nur das endlose Grün des Waldes, durchschnitten von mittelbreiten, braunen Flüssen, in das sich, Parasiten gleich, eine recht kleine Siedlung eingenistet hatte, direkt am Ufer des großen Meeres. Das Flugzeug hatte dieses Nest so schnell überflogen, dass er sich nur noch an die schachbrettartig angeordneten Straßen erinnern konnte. Der viele Verkehr auf diesen Straßen erstaunte ihn allerdings. Schließlich setzte der Jumbo scheinbar direkt im Urwald auf, und als er ausstieg, umklammerte ihn die schwülheiße Luft, dass es ihm den Atem raubte. Sein Hemd war in Sekunden durchnässt. Es nieselte jenes berühmte guayanische Nieseln, welches, so hatte er gehört, manchmal nie enden wollte und die Menschen über Wochen terrorisierte. Er hoffte, dass dies ein Gerücht bliebe. Als er zu Fuß auf die Eingangshalle eines größeren Dorfflughafens zuging, begegnete sein Blick dem Modell einer Ariane-Rakete. Er musste lächeln, denn es erinnerte ihn daran, dass er noch immer in Europa war, wenn auch nicht wirklich. Aber für ihn war es ein Fixpunkt, an dem er sich erst einmal festhalten konnte. Innerhalb von Sekunden hatte sich die Welt für ihn verändert, die Temperaturen, die Geräusche, die Farben und vor allem die Gerüche. Es war eine Orgie für seine Nase, er glaubte sich schon jetzt im Sog der guayanischen Tropenluft zu verlieren. Das ging entschieden zu schnell für ihn! Daher benötigte er dringend diesen Fixpunkt, dieses Modell der Rakete, diese Erinnerung an Zuhause. Dann war er durch die Zollkontrollen durch, betrat eine Wartehalle, aus der man ohne Umschweife direkt ins Freie treten konnte und in der neben den vielen wartenden Menschen lediglich die Unmengen von Autovermietern auffielen.
Als er durch die sich automatisch öffnende Schiebetür getreten war, sah er sofort jenen europäisch gekleideten, untersetzten Indianer, von dem er wusste, dass er ihn abholen würde. Seine Flucht war gut vorbereitet, er würde nur wenig dem Zufall überlassen! Natürlich war er nicht gänzlich unvorbereitet hierher gekommen, hatte für Kontakte gesorgt, und wusste, dass dieser Mann, der eher wie ein Asiat aussah, auf ihn wartete. Sie begrüßten sich, Fremde jetzt und in Zukunft. Dieser Mann war der Häuptling eines kleinen Indianerdorfes der Galibi an der Mündung des Maroni. Häuptling? Er war enttäuscht! Kein Federschmuck, kein Lendenschurz, nichts! Stattdessen ein typischer Europäer, der ihn in perfektem Französisch begrüßte. Sie mussten noch etwas warten, denn noch ein weiterer Europäer würde zu ihnen stoßen. Als er schließlich den Holländer erblickte, wusste er sofort, dass hier ein Survival erprobter Kämpfer vor ihm stand. Die mehr als zweihundert Kilo Gepäck des Holländers und sein Rucksack wurden auf die Pritsche eines heruntergekommenen Toyotas gehievt und schon begann die Fahrt in die Nacht.
Er hatte wenig Zeit, die anderen kennen zu lernen. Die erste Etappe sollte nur bis nach Kourou führen, wo sie die Nacht bei einer indianischen Familie verbringen sollten. Und wieder eine Enttäuschung für ihn, denn anstelle einer Indianerhütte wurden sie in einer kleinen Betonwohnung in einem Betonwohnblock unweit der Fremdenlegion untergebracht. Das marode Europa grüßte seine unehelichen Kinder ... Seine Enttäuschung hätte kaum größer sein können! Wo war bloß das erhoffte Abenteuer, jener Kitzel, der ihm zur Flucht verhelfen sollte?
Sie hatten Hunger und gingen noch mal auf die Straße, hin zu einer kleinen Imbissbude, an der sich junge Kreolen zur lauten Reggaemusik bewegten und ihn schief beäugten. Da half ihm auch nicht die Begleitung der Indianer, oder war die etwa eher hinderlich? Er wusste es nicht so recht, hatte jedoch das ungute Gefühl, nicht sonderlich willkommen zu sein. Und dann waren da noch die Millionen von Moskitos, die ihn zu hassen schienen: Sie fielen über ihn her, blutrünstig und ohne Erbarmen. Er war schließlich froh, als ihn die Betonmauern der kleinen Wohnung umschlossen, gleich einer muffigen Höhle, die trotzdem ein wenig Sicherheit bot. Und schließlich, kurz bevor er erschöpft in einen traumlosen Schlaf fiel, war er seltsam überrascht, als er die gut sortierte Bibliothek des Hausherrn im Bücherregal entdeckte, die mehr Bildung erkennen ließ, als dies bei seinen Eltern je der Fall gewesen war.
Als sie am nächsten Tag nach strapaziöser Fahrt über die damals noch pistenähnliche Route Nationale 1 von Kourou über Saint-Laurent-du-Maroni in dem kleinen Galibidorf Yalimapo ankamen, war es bereits später Nachmittag. Das Rund der offenen Indianercarbets begrüßte ihn ebenso wie die Myriaden von Moskitos, die hier besonders blutgierig zu sein schienen. Unweit des „Zentrums“, welches von einem Kreisverkehr gebildet wurde, befanden sich die alten Gemäuer eines ehemaligen Sträflingslagers, welches nunmehr als Brutstation für Riesenschildkröten diente. Hier würde er die ersten Tage im Lande verbringen.
Er merkte sofort, dass ihn die Regenbogenleute, die den Holländer überschwänglich als hilfreiche Verstärkung begrüßten, nicht mochten – doch sie mussten die Einquartierung hinnehmen, wenn sie weiter im Dorf arbeiten wollten. Sein Glück also, zumindest was die Übernachtung angehen würde. Die Indianer selbst verhielten sich äußerst zurückhaltend, beobachteten ihn, waren jedoch höflich und nicht so abweisend wie die Europäer. Immerhin war er nicht mehr ganz so sehr enttäuscht wie noch am Vorabend, denn zumindest ein Teil des Dorfes schien schon eher von Abenteuer zu berichten.
Der Strand war himmlisch und fast menschenleer, die drei riesigen Palmen am Dorfrand wedelten ihm gute Laune entgegen und die Wogen des Meeres ließen ihn eine Weite verspüren, die er noch nie erlebt hatte. Er hatte die Brutstation schnell wieder verlassen, denn keiner der Europäer schien an ihm Interesse zu haben. So wanderte er jetzt am Ufer entlang, die Ruhe genießend. Nach nicht allzu langer Zeit merkte er, dass ihm eine völlig verlauste Hündin folgte, auf drei Beinen humpelnd und ein Auge eitrig verschmiert. Sie war ein Häuflein Elend, und er verliebte sich augenblicklich in sie. Sie würde ihm die nächsten Tage auf Schritt und Tritt folgen, das spürte er schon jetzt. Doch ihre Tage waren gezählt, auch das konnte er fühlen, denn Krankheit und Verwesung lagen über ihr, wie eine Vorahnung dessen, was noch auf ihn wartete.
Er kehrte um, hin zur Brutstation, wo helle Aufregung in der Luft hing. Im Nachbardorf war eine Riesenschildkröte in ein Fischernetz geraten. Wollte man sie retten, so war Eile geboten. Da einige der Regenbogenleute auf Patrouille waren, wurde schließlich auch er um Mithilfe gebeten, die er willig zu geben bereit war, da er sich dadurch ein besseres Verhältnis zu den anderen erhoffte und gleich in ein Abenteuer gerissen würde, welches ihn in seiner Flucht, dem Vergessen wollen, helfen würde.
Schon wenige Minuten später erreichten der Holländer, eine Französin, der Dorfhäuptling und er den Strand von Awala, einer größeren Siedlung an der Mündung des Mana. Eine starke Strömung riss an dem riesigen Fischernetz der Indianer, die bereits am Strand warteten, in den Händen die Macheten, mit denen sie notfalls der Lederschildkröte die Flossen abhacken würden, damit das Netz nicht zerstört würde. Auf der anderen Seite der einige hundert Meter breiten Flussmündung lag die verlassene Landzunge der Pointe d’Isère, die vom Meer unaufhörlich abgetragen wurde. Es wehte ein heftiger aber warmer Wind. Die Szene wirkte seltsam vertraut auf ihn. Gemeinsam suchten Sie den Fluss ab und entdeckten schließlich für einen kurzen Augenblick den Kopf der Schildkröte. Nach einem kurzen Palaver wurde schließlich eine Piroge bereitgestellt und die Vier paddelten zu jener Stelle, wo sie auf das erneute Auftauchen warten wollten. Für ihn war es das erste Mal, dass er in einer Piroge saß, das erste Mal auf einem Fluss wie diesem und das erste Abenteuer überhaupt. Er dachte nicht daran. Die Unausweichlichkeit des Notwendigen hinderte ihn am Denken. Er war wie eine Marionette, die von äußeren Zwängen bewegt wurde. In der Zwischenzeit hatte sich am Ufer ganz Awala versammelt, man schmunzelte, lachte, zeigte und gab Kommentare unbestimmbaren Wertes.
Schließlich erreichten sie die Stelle, an der die Schildkröte zuletzt aufgetaucht war. Stille. Leichte Paddelstiche stabilisierten die Lage der Piroge. Während der Holländer und der Häuptling die Wasseroberfläche absuchten, versuchten die Französin und er das Boot auf der Stelle zu halten. Die Ruhe zerrte an den Nerven. Jeden Augenblick musste die Lederschildkröte auftauchen. Da! Nur wenige Meter entfernt blähte sich der schwarze, lederartige Panzer aus dem Wasser. Hektik entstand. Sie paddelten zu der Stelle, das Tier war weggetaucht, sie folgten und am Ende einer kurzen Jagd hatten sie den stromlinienförmigen Körper der Aitikanti erreicht. Unmittelbar neben ihm tauchte unvermittelt der mächtige Kopf aus der Strömung auf, und scheinbar Millionen Jahre alte Augen blickten ihn fragend an, während sich ihr urtümlich monströs gezackter Mund mit einem erstickten Rülpser öffnete und sich ihm das Weiß des Mauls auftat. Sie war aufgeregt, ebenso er. Es roch nach Schweiß und sein T-Shirt klebte an ihm. Eine Flosse des Tieres war im Netz verhakt. Wild schlug diese Flosse nun auf das Wasser auf. Die Luth wollte wegtauchen, doch der Holländer hatte sie inzwischen am Panzer gepackt, sodass sich ein unbändiger Kampf entwickelte. Ihm wurde in diesem Augenblick nicht bewusst, dass die kleinwagenschwere Schildkröte mit Leichtigkeit das Boot hätte zum Kentern bringen könne. Doch sie wollte nur Fliehen, in Ruhe gelassen werden. War sie da nicht ebenso gefangen wie er selbst? Doch er hatte keine Zeit für solche Gedanken – die kamen ihm erst später. Doch schließlich trat nach einigen Minuten eine Ruhepause bei ihr ein, worauf hin ihr sofort ein Tau umgelegt wurde, womit man sie an Land ziehen wollte. Nachdem die Aitikanti endlich weggetaucht war, paddelten sie zurück ans Ufer, wo alles akribisch beobachtet wurde. Doch der Versuch, die Lederschildkröte an Land zu ziehen misslang, denn sie war viel zu stark für die Männer und das Auto konnte nicht richtig in Position gebracht werden.
Also, wieder raus. Immer noch dachte er keine Sekunde nach. Er war wie im Rausch, gefangen von einer Rettungsaktion, die ihn eigentlich nichts anging. Zu dritt paddelten sie zu der wild um sich schlagenden Schildkröte. Laut trafen ihre Flossen auf das Wasser. Ein seltsamer Geruch stieg in seine Nase, urweltlich, ja, aus einer anderen Zeit. Diesmal hielt ein Indianer am Strand das Tau, während er versuchte das Netz kurz zuhalten. Die Französin bemühte sich, das Boot zu stabilisieren und der Holländer rackerte sich ab, wenigstens einige Maschen von ihr zu lösen. Doch alles schien vergeblich. Die in Panik um sich schlagende Riesenschildkröte hatte die Piroge bereits bedrohlich mit Wasser gefüllt, ein Kentern schien unausweichlich. Unwillkürlich begann er beruhigende Worte zu sprechen, die für niemanden bestimmt waren und die auch niemand hörte. Inzwischen war der Häuptling zu ihnen geschwommen, hatte sich irgendwie ins Boot gehievt, und vereint gelang es ihnen doch noch irgendwie, sowohl das Tau als auch das Netz zu lösen. Sofort tauchte das Tier weg. Wenige Meter weiter erschien nochmals kurz ihr riesiger Kopf an der Wasseroberfläche, wirkte plötzlich klein und verloren in der Weite des Wassers.
Völlig durchnässt erreichten sie den Strand. Die Indianer verliefen sich. Langsam kam er zur Ruhe, seine Gedanken fanden sich wieder. Er war glücklich. Nicht so sehr, weil er einer Schildkröte das Leben gerettet hatte, auch nicht, weil er jetzt für einige Zeit im Camp der Brutstation nicht mehr ganz so isoliert sein würde, sondern vielmehr, weil er den Wert seiner Nützlichkeit, seiner Mithilfe erkannte, sich nicht mehr sinn verloren in dieser Welt vorkam. Noch lange würde er sich genau jener kalten Cola erinnern, die er wie zur Belohnung genussvoll im Beisein der erzählenden Indianer schlürfte.
Am Abend lag er gedankenverloren in seiner Hängematte und hörte die Berichte des Holländers und der Französin. Schließlich kam einer der Regenbogenleute zu ihm und sagte, er solle doch kommen, einen ´Ti Punch mit ihnen zu trinken. Wenige Stunden später schaukelte er angeheitert in seiner Matte, froh, neue Freunde gefunden zu haben, die er noch vor Stunden nicht gekannt hatte.
"Such Dir ein Menü in einem der besseren Restaurants aus. Die Menükarte liest sich wie die Washingtoner Artenschutzliste."
Kris Wood ✝
29.5.1987, 3.00 morgens:
Es ist dunkel. Um nicht zu sagen: stockdunkel. Außentemperatur: circa. 25 Grad Celsius. Relative Luftfeuchtigkeit: circa 90 %. Moskitos: Viele. Taschenlampe: außer Funktion. Patrouillenbogen: vorhanden. Schuhwerk: Im Dunkeln nicht gefunden. Die Indios gehen schließlich auch barfuß. Sandflöhe? Am besten ignorieren. Sonstige Sicherheitsvorkehrungen? In Hamburg war es noch ganz klar gewesen, dass ich nie ohne Moskitocreme gegen die Malaria losziehen würde, ein Taschenmesser für Notfälle immer aufklappbereit in der Hosentasche, das Handfunkgerät lässig in der Linken, um bei Alarm schnell das Hauptquartier zu verständigen, und dass ich natürlich einen Sticker am Hemd tragen würde, der mich als kompetente Schildkrötenschützerin kenntlich machen würde, woraufhin jeder Eierdieb und Schlächter sofort respektvoll das Weite suchen würde ...
Diese Pläne existierten also in Hamburg. Jetzt befinde ich mich vor Ort und bin im Begriff, meine erste Nachtpatrouille am Strand von Les Hattes im Nordwestzipfel von Französisch-Guayana anzutreten. Vor fünf Minuten hat der soeben diensthabende Patrouillengänger am Fußende meiner Hängematte gezogen. "It's your turn". War nicht so einfach, mich mit den Händen zum Klettverschluss des Moskitonetzes vorzuarbeiten und mich so vorsichtig wie möglich aus meinem ungewohnten schaukelnden Bett herauszumanövrieren, ohne schon wieder ein zischendes "Merde" meines Hängemattennachbarn zu provozieren, den ich schon beim Schlafengehen aus Versehen unsanft angestoßen hatte.
An Schlaf war ohnehin nicht zu denken gewesen. Das Moskitonetz war anscheinend löchrig, und während der ganzen bisherigen Nacht waren die Stechbiester dreist und unnachgiebig um meine Ohren gesummt, nachdem sie sich ausgiebig an meinem frisch importierten Touristenblut gütlich getan hatten. Von der Genickstarre, die sich durch das ungewohnte Liegen in der Hängematte einstellt, einmal abgesehen, war es viel zu warm und stickig unter dem Netz, als dass man sich dem Luxus eines kleinen Schläfchens hätte hingeben können.
Die Sicherheitsvorkehrungen werden kurzerhand über Bord geworfen, und ich tappe also barfuß los. Ich versuche, mich nicht allzu sehr von den schwarzen Schatten irritieren zu lassen, die dicht um meinen Kopf herumschwirren. Es sind nur Fledermäuse. Da - plötzlich ein stechender Schmerz in meinem rechten Fuß! Etwas hat mich gebissen! Meine Pumpe rast, die Gedanken wirbeln wild durcheinander. Wie unvorsichtig, das steht fest. Was mach' ich bloß. Wenn das eine Vogelspinne war, dann gute Nacht ... Ich sehe einen dunklen Schatten davonkrabbeln, hat auch die Größe einer Vogelspinne. Nichts passiert, ich falle auch nicht um. Eigentlich hat mich da etwas nur gezwackt. Jetzt fallen mir plötzlich wieder die Gespensterkrabben ein, die uns am Tage schon aufgefallen waren. Diese stieläugigen vorwitzigen Biester, die in ihren Löchern lauern, um dann blitzartig hervorzustoßen, um den Schildkrötenbabys die Köpfe abzubeißen. Glück gehabt, ein Krabbenbiss kann zwar für eine winzige Schildkröte, nicht aber für einen Menschen gefährlich sein.
Ich zwinge mich, meine Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken: Ich bin für die Zeit von 3.00 - 5.00 Uhr morgens - bei Hochwasser - zur Schildkrötenpatrouille eingeteilt und soll den Strandabschnitt zwischen "Vigie" und "Bois tombé" kontrollieren. Um diese Zeit werden heute Nacht die Lederschildkröten zur Eiablage am Strand erwartet. Meine Aufgabe, und die aller anderen in unserem internationalen Team freiwilliger Helfer, soll es sein, die ankommenden und gehenden Schildkröten zu markieren und zu zählen. Sollten Touristen am Strand sein, die sich falsch oder unvorsichtig verhalten, soll man ein aufklärendes Wörtchen reden. Sollten Wilderer auftauchen (hoffentlich kommen keine) soll man sofort Funkkontakt mit dem Hauptquartier aufnehmen und auf Hilfe warten. Es besteht also überhaupt kein Grund zur Beunruhigung, und so mutig wie möglich taste ich mich weiter in die Dunkelheit hinein. Es scheint kein Mond, die Luft ist schwer von Feuchtigkeit und Wärme. Der Himmel ist eingehüllt in dichte Wolkenmassen, und das Meer liegt schwarz und bleiern vor mir.
Schon hat der Mut mich wieder verlassen. Zweifel kommen auf, und zwar über Sinn und Zweck meines Hierseins. Wäre ich nicht viel besser an einem gepflegten Swimmingpool auf Barbados aufgehoben, mit einem eisgekühlten Drink in der Hand, Zimmer mit air condition, und in gepflegten Restaurants speisend, in netter Plauderei mit den anderen Hotelgästen und der Musik einer Steelband lauschend? In diesem Moment bin ich absolut davon überzeugt.
Wer hat also Schuld daran, dass ich mich stattdessen nachts an einem einsamen unheimlichen Strand herumtreibe? Es sind die Lederschildkröten. Ich hörte von ihnen und war in ihren Bann gezogen. Die Lederschildkröten sind die größten Meeresschildkröten der Welt, eine uralte Spezies, von denen viele alljährlich zur großen Regenzeit an den Strand ihrer Geburt in Französisch-Guayana und Suriname zurückkehren, um dort ihre Eier zu vergraben. Ein geheimer Kompass, eine innere Uhr steuert sie dorthin von überall her auf der Welt. Sie sind ausgesprochene Weltenbummler. Lederschildkröten hat man in allen Ozeanen in der Welt angetroffen. Nach der Eiablagesaison tauchen sie weg und kommen vielleicht drei Jahre später wieder an den Strand zurück. Fragen über Fragen drängten sich mir auf: Wie überhaupt vermag es ein Tier zu wissen, dessen Element das Wasser ist, welches so viel wie ein Kleinbus wiegt und zwei Meter lang ist, dass es seine Bestimmung ist, den Strand seiner Geburt in Südamerika aufzusuchen, sich viele Meter den Strand hochzuquälen, um ein Loch zu graben und hundert Eier dort hineinzulegen? Wie finden sie ihren Strand? Wo sind die Männchen? Wo in der Welt treiben sie sich sonst herum? Wie weit schwimmen sie und wie alt werden sie? Wirklich rätselhaft, diese Riesen.
Über das Leben der Meeresschildkröten ist tatsächlich nur sehr wenig bekannt. Einige aktuelle Veröffentlichungen über Lederschildkröten stammen von dem französischen Meeresbiologen Jacques Fretey, der bereits seit 1977 wissenschaftliche Forschungen vor Ort betreibt. Unter anderem mit seiner Initiative wurde das Schutzprojekt gestartet, in welchem ich nun gelandet bin. Von den Mitarbeitern dieses Projekts drangen alarmierende Nachrichten nach Europa: Der weltweit größte Legestrand der Lederschildkröte würde nunmehr von Plünderern heimgesucht, welche die Eier heimlich bei Nacht ausgraben und für teures Geld an Delikatessenrestaurants verscherbeln, und von Wilderern, welche die weiblichen Tiere während der Eiablage brutal abschlachten und sich Steaks daraus braten. Weiterhin würden sich die armen Tiere in Fischernetzen verfangen und elendig ersticken. Dazu frisst die Erosion den Strand immer weiter auf, und bald würde überhaupt kein Platz mehr für die Eiablage da sein. Der Reisanbau würde ausgeweitet, und Flugzeuge würden Düngemittel über die hinter dem Strand liegenden Reisfelder versprühen und das empfindliche Erbgut in den Eiern schädigen. Zu allem Überfluss würden dann auch noch die Touristen unkontrolliert einfallen, um dem nächtlichen Schauspiel beizuwohnen. Dazu würden sie schon mal zwecks spektakulärer Familienfotos auf die Rückenpanzer eines solch geplagten Urviechs steigen.
Keine Frage, ich war bestürzt über diese Nachrichten. Ich wollte diese bedrohten Urzeitmonster sehen, sie anfassen, mit ihnen sprechen, und natürlich - wie auch immer das aussehen sollte - helfen, sie zu retten. Sicher, was kann eine einzelne Person schon Großartiges ausrichten, aber ich wollte sie lieber lebendig vor mir sehen als in Form von Steaks oder Omelettes in der Pfanne. Also stellte ich mich als freiwillige Helferin für mindestens 4 Wochen vor Ort (Vollpension mit Hängematte in einem Indianerdorf) zur Verfügung, zum Preis von einem Flugticket Paris - Cayenne - Paris.
Gut, Du hast es ja nicht anders gewollt, seufze ich vor mich hin und erinnere mich wieder an meine Patrouillenpflichten. Ein harmloser Krabbenbiss, ein bisschen Dunkelheit, ein paar Fledermäuse, reiß´ dich zusammen. Diese Moskitos sind wahrhaft lästig. Ich komme recht langsam voran, denn bei fast jedem meiner Schritte schlage ich im Takt dazu auf Beine oder Gesicht. Außenstehende könnten meinen, sie hätten es mit einem Büßer zu tun. Selbst im Dunkeln kann ich erkennen, dass schwarze Punkte an den freien Stellen meines Körpers kleben. Wenn ich draufklatsche, bleibt der Punkt dort haften. Morgen werde ich die Blutkrusten abschaben müssen.
Die Luft ist voller Geräusche, die mal an- und mal abschwellen. Es ist mir unmöglich, irgendein Geräusch zu unterscheiden oder zu definieren. Alles scheint mit dem Raunen des Meeres und des Passatwindes vermischt zu sein. Hinter den Gebüschen oberhalb des Strandes vermute ich Zikaden, ab und zu raschelt es auch dort, dann summt wieder der leichte Wind - begleitet vom Summen der Moskitos - in den Ohren und fast ist mir, als wäre ein Stöhnen und Atmen hineingemischt. Der ganze Strand - jetzt bei Flut nur ein schmaler Streifen - ist aufgewühlt und ich stolpere von Sandhügel zu Sandhügel.
